XXIX.

Am 13. October verließ ich Morella, um den Marsch nach Catalonien anzutreten, auf dem zwei Officiere mich begleiteten, die, in diesem Fürstenthume geboren, in der Armee desselben ihre Dienste fortzusetzen wünschten. Wiewohl bis dahin nur unbestimmte Nachrichten über die Ereignisse in den baskischen Provinzen mich erreicht hatten, wußte ich doch, daß Espartero mit seinen Divisionen schon in Zaragoza angelangt sei, und daß er öffentlich erklärt hatte, noch vor dem Ende des Jahres die Horden Cabrera’s zu Paaren treiben zu wollen. So, ich leugne es nicht, schmerzte es mich tief, daß ich die Armee des Helden verlassen sollte, für den in der kurzen Zeit, die ich in seiner Nähe mich befand, die höchste Bewunderung sich mir aufgedrängt hatte; ich bereuete fast als zu rasch den Schritt, der nun in so entscheidender Stunde, da Kampf und Gefahr bevorstand, von den bedroheten Kriegsgefährten mich trennte, die ich unter dem Feuer des Feindes achten und lieben gelernt hatte. Wann ist der Soldat mehr in seinem Elemente, als da er gewiß ist, daß bald das blutige Kriegsspiel in seiner wildesten Gestalt sich entfalten wird? Und ich sollte, den Ebro passirend, gerade jetzt so süßer Erwartung entsagen!

Doch ich beruhigte mich mit der Hoffnung, daß ja auch Catalonien’s Heer nicht unthätig bleiben werde, und ich jubelte in dem Gedanken, mit Truppen zu dienen, die, durch Organisation und Kriegszucht die ersten Spanien’s, als regelmäßige Armee und echte Soldaten im europäischen Sinne der Worte bezeichnet werden durften. Noch einen — ich wähnte, den letzten — Scheideblick warf ich auf das mächtige Castell, das trotzig Morella’s Veste überragt; dann zog ich dem Norden zu, so bald wie möglich das Heer des Grafen von España zu erreichen.

So wie wir den schroffen Gebirgsknoten hinter uns ließen, bei dem die Gränzen von Valencia, Aragon und Catalonien sich berühren, nahm das Land einen milden Charakter an, der immer an Lieblichkeit zunahm, je mehr wir zum Ebro hinabstiegen. Die Provinz blieb überall gebirgig, aber die Ketten nahmen an Höhe und Rauhheit ab, befruchtende Bäche, die bald in Flüßchen sich vereinigten, schlängelten sich zwischen ihnen hin, und die Thäler wie die Rücken der Hügel waren mit Olivenbäumen und Reben bedeckt, deren Früchte in lockender Reife prangten. Die reinlichen Dörfer und Landhäuser, welche rings umher freundlich winkten, zeigten an, daß wir stündlich weiter von dem Schmutze Aragon’s uns entfernten; sie waren überall mit reichen Frucht- und Gemüsegärten umgeben, und zahllose Feigenbäume, durch die Felder längs dem Wege zerstreut, boten zum zweiten Male im Jahre ihre nährende Frucht dem Wanderer.

Als wir endlich den das Ebro-Thal begränzenden Höhenzug erstiegen hatten, staunten wir bewundernd bei dem Anblicke der herrlichen Landschaft, die so ruhig und so reich vor uns sich ausbreitete, als hätte ununterbrochener Friede hier wohlthuend gewaltet, ohne je seine Gaben den Bewohnern dieses bevorzugten Landes zu entziehen. Ja, als ich diese liebliche Scene überschaute, in welcher der Ebro, breit und majestätisch, zwischen den Hügeln sanft hinglitt, die im Norden rasch steigend an dunkele Gebirge fern sich anlehnten; als ich die zahllosen Ortschaften im rosigen Scheine der Abendsonne so friedlich mit ihren fruchtbaren Gefilden glänzen sah, wie sie dicht an einander gereihet den Strom umkränzten — da verfluchte ich die Leidenschaften, die, in tausend Formen des Menschen Glück unterwühlend, auch in dieses Paradies die Thränen und das Elend einführten, ihre steten Begleiterinnen. — Die Ufer des Ebro wären wahrlich ein Paradies, wenn der Mensch nicht sie bewohnte.

Am vierten Tage des Marsches erreichten wir Flix, nächst Mora de Ebro der wichtigste Übergangspunkt über den Strom, welchen die carlistische Armee inne hatte, und seit kurzem leicht befestigt, um es gegen einen coup de main, besonders von der nahen Festung Mequinenza, zu sichern. Für die Verbindung mit Catalonien waren jene Punkte natürlich von hoher Wichtigkeit.

Wir waren genöthigt, in Flix zu rasten, da gerade eine feindliche Division in unserer Marschlinie auf Berga, die Hauptstadt des carlistischen Catalonien’s, sich befand und jede Communication interceptirte. Erst am 19. October zeigte der Gouverneur, höchste Vorsicht empfehlend, mir an, daß ich mit einiger Hoffnung auf Erfolg die Reise antreten könne, und da ich den Abmarsch eines Detachements, welches in wenigen Tagen aufbrechen sollte, nicht abwarten mochte, passirte ich mit den beiden Gefährten und meinem Burschen noch an demselben Tage den Fluß.

Als die Fähre langsam die spielenden Wellen durchschnitt, gedachte ich der Zeit, da ich fast zwei Jahre früher den gewaltigen Strom überschritt. Es war in den letzten Tagen des Jahres, und im Dunkel der Winternacht mußten wir in die brausenden Fluthen uns stürzen; denn das Wasser, nicht wie hier sanft und einladend, stürmte mit wildem Toben einher und riß die durch seine grimme Kälte Erstarrten mit sich fort zu schrecklichem Tode. Wie mancher brave Gefährte fand da zu früh sein Grab! — Und ich gedachte der Tage, die seitdem verflossen waren, in denen so Vieles mich traf, Gutes wie Übel; ich durchlebte wieder auf den Flügeln des Gedankens Leiden und Gefecht, das traurige Schmerzenlager nach schwerer Verwundung, die gräßliche, hoffnungs- und thatenlose Gefangenschaft, dann die Befreiung und wieder die Scenen des Kampfes und des Sieges über die Gehaßten. Hatte ich nicht hundertfach Grund, dem ewigen Erhalter innigen Dank zu spenden, da ich jetzt sorglos auf den tanzenden Fluthen mich schaukelte!

Sorglos! — Ha, wie so ganz anders gestalteten sich seit jener Zeit die Verhältnisse und die Hoffnungen der erhabenen Sache, deren Vertheidigung ich mein Schwerdt gewidmet hatte! Damals ja, duldeten wir viel von der Elemente Wuth und den Fatiguen, unvermeidlich in so schwierigem Unternehmen; damals umgaben uns rings Gefahren und Leiden, und Tod drohete in mannichfacher Gestalt. Aber wir litten Alles freudig und mit Enthusiasmus, wir jubelten bei dem Gedanken, den Krieg in das Gebiet der stolzen Feinde zu tragen, und wir vertrauten, daß der Erfolg, so viele Anstrengungen krönend, das ersehnte Glück uns bringen werde, den Monarchen, für dessen Rechte wir fochten und duldeten, siegreich auf seiner Vorfahren Thron zurückzuführen.

Jetzt war keine Hoffnung mehr für uns: das Heer, dem ich früher angehörte, war vernichtet, der König mit seinen Getreuen in fremdes Gebiet gedrängt, ein Gefangener. Die Massen der Feinde, die bisher jenem Heer gegenüberstanden, zogen nun heran, mit vielfacher Übermacht uns zu erdrücken; wir konnten nur noch streben zu unterliegen unserer würdig, zu kämpfen, bis auch die Möglichkeit des Kampfes genommen sei, und dann... Schrecklicher Gedanke: dieser entsetzliche Wechsel ist das Werk des Verrathes!

Aber eben dieser Gedanke, wie peinlich schmerzhaft er war, hatte etwas Erhebendes, Befriedigendes. Unsere Schaaren, aus so schwachem, so verachtetem Kern entsprossen, standen unbesiegt und drohend, die zahllosen Söldlinge der Revolution vermochten Nichts gegen die Kämpen der Loyalität; Bestechung und Verrath allein konnten uns besiegen. Da war es glorreich, besiegt zu sein. — Wie oft drängt sich das Gebet jenes Helden uns auf: „Schütze mich, o Herr, vor meinen Freunden, vor den Feinden werde ich selbst mich schützen!“


Unser Marsch war gefährlich, da wir über dreißig Meilen weit von dem eigentlichen Gebiete der catalonisch-carlistischen Armee entfernt waren, während auf dieser ganzen Strecke nur dann Truppen sich fanden, wenn die Communication zwischen den beiden Heeren sie dort nöthig machte. Der Weg, dem wir zu folgen beschlossen, führte uns fortwährend durch einen wilden Gebirgszug, in dessen schmalen und scharf abgesetzten, aber fruchtbaren Quer-Thälern, welche wir sämmtlich durchkreuzen mußten, unansehnliche Dörfer dicht neben einander lagen. Zur Rechten und zur Linken ließen wir, oft nur eine halbe Stunde entfernt, die Forts liegen, mit denen die Christinos, wie allenthalben, das Terrain besäet hatten, welches sie das ihre nannten;[95] und wiederholt verdankten wir den Warnungen der ganz royalistisch gesinnten Bauern unsere Rettung von den kleinen Streifcorps, die unaufhörlich das Gebirge durchschwärmten, um die Passage zu verhindern.

Es verdient bemerkt zu werden, daß in allen diesen Dörfern zwei Behörden etablirt waren, eine christinosche und eine carlistische, die, wie sie mit der einen Parthei oder mit der andern zu thun hatten, abwechselnd ihre Functionen ausübten. Diese Einrichtung, von den beiderseitigen Anführern stillschweigend anerkannt, hatte für die Truppen sowohl, als für die Einwohner viele Vortheile und Annehmlichkeiten. Doch entstand daraus für einzelne Reisende, wie wir es waren, der gefährliche Umstand, daß die christinoschen Autoritäten sofort den Feinden die Ankunft derselben pflichtgemäß melden mußten, was sie jedoch, gleichfalls Carlisten, gewöhnlich bis nach dem Abmarsche verschoben. Übrigens wurden die Behörden der einen Parthei nie von den Truppen der andern belästigt.[96]

Nach manchen Gefahren und erschöpft durch mehrtägiges Marschiren ohne Rast, da wir selbst in den abgelegensten Orten kaum die zur Zubereitung der einfachen Speise nöthige Zeit bleiben durften, hatte unsere Caravane, aus vier Menschen, eben so vielen Maulthieren und einigen Guiden bestehend, in der Nacht die letzte feindliche Linie überschritten, und am Morgen des dritten Tages leuchtete von einem hohen Felsen die befestigte Hermite von Pinos uns entgegen, die uns als carlistisches Fort bezeichnet war. Bald sahen wir einige Compagnien von der Armee von Catalonien: ich bedauerte nicht länger, ihr angehören zu sollen.

Nachdem wir im ersten Dorfe durch zwölfstündigen Schlaf uns gestärkt hatten, langten wir am 23. October in Casserras an, wo der commandirende General des Fürstenthumes, der gefürchtete Graf von España, an demselben Tage angekommen war.

Catalonien ist eine der größten Provinzen der Monarchie und ohne Zweifel die reichste: ihre Bewohner zeichnen sich eben so sehr durch Thätigkeit und Industrie aus, wie die meisten übrigen Spanier und besonders die Bewohner der wie Catalonien von der Natur begünstigten Theile durch Trägheit und Indolenz. Dabei sind sie wilden, heftigen Charakters, der in den niederen Ständen oft in Grausamkeit und Blutdurst ausartet, stolz, standhaft, ja eigensinnig in den Ideen und auch in den Vorurtheilen. Noch immer hängen sie mit Vorliebe, die in jeder Hütte wie eine alte Sage vom Vater auf die Söhne übertragen wird, an dem Hause Östreich, für das sie einst so hart gekämpft, so schwer gelitten haben; noch immer hoffen sie, wieder den östreichischen Stamm über sich herrschen zu sehen, und jeder Austriaco ist sicher, bis in die fernsten Gebirge hin Wohlwollen und freundlichste Aufnahme zu finden. Der Franzose aber, der verachtete Gavacho, findet nur Haß und nicht selten martervollen Tod.

Das Fürstenthum muß als aus zwei in mancher Hinsicht sehr verschiedenartigen Theilen bestehend angesehen werden. Das Flach- oder Küstenland, ganz hügelig, im Süden dem Ebro entlang und im Osten längs dem Ufer des Meeres sich erstreckend, ist mit zahllosen Städten bedeckt, die durch den Handel zu den reichsten der Halbinsel gemacht sind. Dort blühen Manufakturen und Fabriken, die Wissenschaften sind in hohem Schwunge, und das Land zeichnet sich aus durch das lieblichste Klima, welches alle Arten Südfrüchte in Fülle hervorbringt. Dort auch sind die festen Plätze der Provinz, dort herrschten stets die Statthalter Christina’s, und die Einwohner, wie überall, wo der Handel blühete, wenn nicht vorzugsweise der Herrschaft des Liberalismus geneigt, waren doch gleichgültiger gegen das Streben der royalistischen Parthei. Sie wollten Frieden, unter wem es auch sei.

Wenn man aber in die Gebirge sich vertieft, die von den Pyrenäen wild verschlungen gen Süden sich hinziehen, den größten Theil des Fürstenthumes bedeckend, nehmen alsbald Land und Bewohner einen andern Charakter an. Die Luft wird rauh; anstatt der Weingärten und Olivenhaine bedecken dichte Eichenwaldungen die Bergrücken und umgeben Getreidefelder die zahlreichen Dörfer. Große Städte werden seltener und fallen endlich ganz weg, wogegen kleinere Ortschaften und vor allen die einzelnen Gehöfte zunehmen, welche überall durch die Thäler zerstreut sind. Ackerbau und einige Viehzucht ist dort der einzige Erwerbszweig.

Alle Bauern sind sehr wohlhabend, da in Catalonien, der einzigen Provinz Spanien’s, die Untheilbarkeit der Grundstücke gesetzlich ist. Die jüngeren Söhne werden irgend eine andere Nahrungsquelle suchen — daher wohl der Unternehmungsgeist der Catalonier, der so Viele außer Landes treibt, — wenn sie nicht, wie sehr oft, vorziehen, im Hause des ältesten Bruders, des als Kind schon mit Ehrfurcht behandelten heréu,[97] als Knechte zu bleiben.

Diese Gebirgsbewohner sind natürlich rauh, einfacher, biederer und weniger gebildet als ihre Brüder von der Küste; sie sind sehr religiös, und die Geistlichkeit hat noch vielen Einfluß über sie bewahrt, während sie in den großen Seestädten nur Verachtung und Spott findet. Diese treuherzigen, kräftigen Menschen sind Carlisten mit Leib und Seele. — Allen Cataloniern aber ist ein Charakterzug gemeinschaftlich, der unendlich gegen den starren, stets zum Widerstande geneigten Trotz ihrer Nachbarn, der Aragonesen absticht. Sie treten im ersten Augenblicke sehr fest und entschieden auf, und Wehe dem, der dadurch sich einschüchtern läßt oder nicht gleiche Kraft gegen sie entwickelt. Aber sie schmiegen sich alsbald unter das Joch dessen, der Macht und Willen besitzt, um sie den Ungehorsam schwer büßen zu machen; um sie zu bändigen ist eiserner Wille und rücksichtslose Strenge nöthig, der sie, wie sehr sie auch an ihren Ideen festhalten, doch stets im Äußern weichen.


Sofort nach Ferdinand’s VII. Tode erhoben sich auch in den Hochgebirgen von Catalonien Banden, die sich für Vertheidiger seines rechtmäßigen Nachfolgers ausgaben; unter dem Namen von Carlisten ließen sie Raub und Plünderung ihr Hauptziel sein. Disciplin war ihnen eine ganz unbekannte Sache. Die Soldaten kamen und gingen und thaten, was ihnen beliebte, die Anführer lebten in höchster Uneinigkeit unter einander und strebten vor Allem dahin, ihre Koffer mit Gold zu füllen, den unglücklichen Landmann, der allein die Kosten jenes Krieges zahlte, durch ihr Plünderungs-System zu Grunde richtend.

Daher thaten sie denn auch den Christinos im offenen Kampfe geringen Schaden. Sie durchzogen vielmehr ohne Plan oder Combination die Gebirge, von denen herab sie des Raubes wegen Einfälle in die Ebene machten, wenn gerade keine Truppen dort waren, und sie überfielen höchstens einmal ein feindliches Detachement, dem sie sich zehnfach überlegen wußten, und das dann ohne Erbarmen niedergemacht wurde. Den Einwohnern konnten sie natürlich weder Vertrauen noch andere Furcht einflößen, als die, welche auf ihre Ausschweifungen und Erpressungen sich gründete, so daß die Carlisten Cataloniens damals in jeder Hinsicht den Raubhorden gleich standen, die so entsetzliches Elend über die Bewohner der Mancha brachten.

Umsonst ward General Guergué im Jahre 1835 mit einer starken Division von Navarra ausgeschickt, um die catalonischen Banden um sich zu vereinigen, sie zu organisiren und dadurch wahrhaft der Sache nützlich zu machen, deren Namen sie mißbrauchten. Alle seine Anstrengungen scheiterten an der Unlust derselben, der geringsten Zucht und Ordnung sich zu fügen, worin sie denn von ihren Chefs verstärkt wurden, die häufig offen gegen den General auftraten. So ward Guergué genöthigt, ohne seinen Auftrag vollzogen zu haben, nach den Provinzen zurückzukehren, da die navarresischen Bataillone, ihrer neuen Gefährten bald überdrüssig und an Allem Mangel leidend, einstimmig nach Navarra geführt zu werden forderten.

Dann im Jahre 1836 übertrug Carl V. dem General Maroto das Commando des Fürstenthumes, und Strenge und Festigkeit machten diesen wohl geeignet zu dem schwierigen ihm anvertrauten Werke. Aber er hatte von Anfang an wiederholtes Unglück in den militairischen Operationen, und für einen Feldherrn, der seine Autorität über undisciplinirte Haufen erst befestigen soll, ist eine Niederlage der größte, nie gut zu machende Fehler. Nachdem er umsonst Alles versucht hatte, die Widerstrebenden zu bändigen, mußte auch Maroto weichen und zog sich nach Frankreich zurück. Tristani, Royo, Urbiztondo und Andere, theils durch Mangel an Kraft, theils auch aus bösem Willen, richteten noch weniger aus.

Ich werde nicht die Geschichte jenes Krieges — wenn er solchen Namen verdient — erzählen, der ohne Erfolg von einer wie der andern Seite hingezogen wurde. Geschlagen ward fast nie; die bemerkenswerthesten Thaten bestanden in der Eroberung irgend eines befestigten Punctes durch die carlistischen Horden, meist durch Überraschung, und in der augenblicklichen Wiedernahme desselben, so wie eine Colonne der Christinos gut fand, vor ihm zu erscheinen. — Gehen wir sogleich zu dem Zeitpunct über, in dem jene Horden endlich in ein geregeltes Heer umgeschaffen wurden.


Don Carlos de España gehörte einer alten Familie des südlichen Frankreichs an, von wo er im Anfange der Revolution nach Spanien emigrirte; er trat als Officier in ein Linienregiment ein. Schon damals ward große Heftigkeit und Rücksichtslosigkeit in ihm bemerkbar, die selbst, da er als Adjudant einen Unterofficier im Dienst niederschlug, eine königliche Ordre ihm zuzog, durch die der Gebrauch des Stockes, der in Spanien den Adjudanten unterscheidet, ihm untersagt ward; erst als General ward er von der ferneren Befolgung dieses Befehles entbunden.

In dem Kriege gegen Napoleon commandirte de España ein kleines Corps, mit dem in Estremadura und Alt-Castilien unter Wellington’s Oberbefehl operirend, er wiederholt die Anerkennung dieses Feldherrn verdiente. Er zeichnete sich besonders durch die Strenge seiner Disciplin, so selten in den spanischen Truppen jener Periode, vortheilhaft aus. Unter Ferdinand VII., während dessen Regierung, so wie in seiner ganzen Laufbahn, er sich stets als reiner Royalist zeigte, ward er mit Gunstbezeugungen überhäuft, erhielt das Commando des Infanterie-Corps der Garde und wurde zum Grafen und Grande erster Classe erhoben.

Im Jahre 1827 brach in Catalonien und den angränzenden Provinzen die ultraroyalistische Revolution aus — wenn eine Revolution, deren Zweck ist, dem Könige die Art seiner Regierung vorzuschreiben, royalistisch genannt werden darf! — durch die Ferdinand VII. zur Entlassung seines zu gemäßigten Ministeriums gezwungen werden sollte. Der Aufstand verbreitete sich mit Schrecken erregender Schnelle, und jede Maßregel zeigte sich gleich fruchtlos. Da sandte der König den Grafen de España ab, ihn zu unterdrücken. Dieser beurtheilte richtig den Charakter des Volkes, mit dem er zu thun hatte: er etablirte in allen Städten Kriegsgerichte, harte Strafen wurden über die Theilnehmer, noch härtere über die Begünstiger der Empörung verhängt; zugleich verfolgte er mit unermüdlicher Energie überall ihre Schaaren. — Eine ungeheure Anzahl der Rebellen, man behauptet 30000, wurden hingerichtet, wohl eben so viele deportirt. In wenigen Wochen war die Ruhe ganz hergestellt.

Der Graf blieb dann als commandirender General in Catalonien, bis er im Jahre 1832, da Ferdinand schon unter dem Einflusse Maria Christina’s vegetirte, durch General Llauder abgelöset wurde, worauf er nach Frankreich abreisete. Übrigens war er von unbeugsamen, gebieterischem Character, gewohnt, in seinen Untergebenen nur Maschinen zu sehen, und nicht selten tyrannisch; dabei aber bieder und unerschütterlich gerecht und unpartheiisch gegen Hohe wie gegen Niedere. Die Soldaten hatten nirgend so Viel zu thun und zu leiden, wie unter seinem Commando, und waren dennoch nirgends zufriedener, da seine Strenge mit väterlicher Fürsorge gepaart war; der Officier aber mochte wohl sich vorsehen, denn sein Fehler fand nie Gnade bei dem General.

Zugleich erwarb sich der Graf die Zuneigung derer, die ihm nahe standen, durch Herablassung und Freigebigkeit, und er bezauberte Fremde leicht durch seinen scharfen Verstand und den Geist, der in jedem seiner Worte blitzte, wie durch unübertreffbar feines Benehmen.

Zwei Fehler verdunkelten die hohen Eigenschaften des kräftigen Greises, er gab den augenblicklichen Einfällen seiner Laune zu sehr Spielraum, und er wollte Alles ohne Ausnahme rücksichtslos auf militairisch despotischem Wege ordnen. Sein Despotismus, verbunden mit der durch die Verhältnisse bedingten Härte in der Bestimmung der Strafen, erwarb ihm zahlreiche Feinde, die mit spanischer Rachsucht den günstigen Augenblick erlauerten, in dem sie ihn wehrlos in ihren Händen sehen würden; während die nicht immer seiner Stellung angemessenen Seltsamkeiten, zu denen Caprice ihn verleitete, seinen Gegnern und den Pedanten, deren ja überall so viele sich finden, Veranlassung gab, ihn verrückt zu schelten, und ihnen manche Waffe gegen ihn lieferte.

Diesen Mann stellte Carl V. wiederum an die Spitze des Fürstenthumes, als jeder Versuch, die catalonische Faction zu einem geordneten Ganzen zu machen, gescheitert war; im Juni 1838 passirte er die französische Grenze. Wohl kannten ihn die Catalonier, und Carlisten wie Christinos zitterten, da sie dem gefürchteten Greise das Commando übergeben sahen. Sein Auftreten rechtfertigte sofort die Furcht und die Hoffnungen, welche der bloße Name des Grafen de España erregt hatte. So wie er in Berga anlangte, ließ er über der Stadt einen hohen Galgen errichten und verkündete zugleich, daß ein Jeder, der die geringste Veruntreuung oder Erpressung sich zu Schulden kommen lasse, ohne Gnade aufgeknüpft werde, ob es gleich der erste General sei. Und es blieb nicht bei der Drohung. Officiere und Soldaten, Beamte und Einwohner empfanden bald die unerbittliche Gerechtigkeitsliebe des alten Kriegers; mehrere der bisherigen Chefs wanderten nach Frankreich aus, Böses fürchtend, andere wurden abgesetzt und erhielten ganz unbedeutende, passive Stellen, und das Commando der Truppen wurde Männern anvertraut, die als wahre Royalisten und wahre Militairs sich bewährt hatten, oder die ihre Gesinnungen unter der Maske der Redlichkeit und des Eifers schlau zu verbergen wußten.

Da entwickelte der Graf in der Organisation seiner Truppen eben so viel Kraft wie Talent. In wenigen Monaten waren die nackten Horden, welche raubend und stets fliehend die Pyrenäen durchirrten, in eine Armee verwandelt, organisirt und disciplinirt, wie weder Carlisten noch Christinos seit dem Beginn des Krieges sie besessen hatten.[98] Die Infanterie, aus 21 Bataillonen in vier Divisionen bestehend, war stets vollkommen uniformirt und gewaffnet, und sie erhielt regelmäßig ihren Sold und ihre Rationen; die Officiere mußten abwechselnd die zu dem Zwecke errichtete Akademie besuchen, um zugleich in Theorie und Praxis sich zu vervollkommnen. Die Cavallerie, noch im Werden, da es sehr an Pferden mangelte, zählte drei Escadrone unter versuchten Chefs, die unter Zumalacarregui ihre Schule gemacht hatten.

Die Artillerie und das Geniecorps, so schwer zu bilden, wo auch die einfachsten Elemente für sie fehlten, brachte der General durch Zuziehung von fremden Officieren und durch fortwährende Instruction zu einem Grad der Brauchbarkeit, wie er sonst nach vieljährigen Anstrengungen selten sich findet. Kanonengießereien, Gewehr- und Pulverfabriken wurden angelegt und militairische Schulen für jede Waffengattung etablirt. Ja, es gelang dem erfahrenen Anführer, seinen Truppen mit der bewundernswürdigsten Subordination und Kriegszucht jenes Ehrgefühl und den esprit de corps einzuflößen, die so unendlich den moralischen Werth derselben heben und ihn verbürgen. Die ganze Armee bestand übrigens aus kaum 7000 Mann, da der Graf gleichfalls die Methode adoptirte, seine Bataillone möglichst zu vervielfältigen, um sich dadurch den Schein größerer Stärke zu geben. Die meisten Bataillone waren nicht über 300 Mann stark, manche namentlich nach Gefechten natürlich weit schwächer.

Indem aber der Graf sein Heer bildete, richtete er auch seine Aufmerksamkeit auf die Verwaltung, die von beiden Partheien so ganz vernachlässigt war. Da er höchste Ordnung und Regelmäßigkeit herrschend machte, waren seine Cassen stets gefüllt, und durch kraftvolle Maßregeln, denen der Respekt, welchen die Catalonier von früher her ihm bewahrten, besonderes Gewicht gab, vermochte er auch das Unglaubliche, daß der größte Theil der vom Feinde besetzten festen Punkte ihm regelmäßig die fälligen Abgaben und Contributionen zahlte. Die aber, welche dessen sich weigerten, verloren durch Gewalt den doppelten Werth des Schuldigen. Einem jeden der Districte, Barcelona nicht ausgenommen, setzte er militairische Gouverneurs vor, die, in irgend einem, oft weit entfernten Fort residirend, mit der Erhebung der Abgaben beauftragt waren; sie hatten selten Gelegenheit, über Säumniß der Behörden zu klagen.

Dadurch konnte der Graf der Armee stets ihren Sold auszahlen und alle ihre Bedürfnisse aus den königlichen Magazinen befriedigen, so daß selbst das Brod aus den eigenen Bäckereien geliefert und den Truppen nachgeführt wurde. Er bewirkte dadurch, daß die Lasten, welche der Krieg dem Einwohner, besonders dem Landmanne aufhäufen mußte, gleichmäßig über das ganze Fürstenthum vertheilt wurden, während bis dahin, wie in den andern carlistischen Heeren, die Gegend nicht selten ruinirt wurde, in der eine Colonne eine Zeit lang hausete.

Die Folgen waren eben so schnell, als wohlthätig. Die friedlichen Bauern, welche früher die Horden als Todfeinde gefürchtet hatten, sahen sich plötzlich gegen jede Ausschweifung gesichert, strenge Gerechtigkeit ward ihnen zu Theil, und die erlittene Beleidigung wurde hart bestraft. Sie erkannten, daß die Abgaben, wenn auch schwer, gleichmäßig auf Alle vertheilt waren, und sie gewöhnten sich bald, die Anwesenheit carlistischer Colonnen als eine Wohlthat zu betrachten, da sie ja alle Bedürfnisse baar bezahlten und also erwünschte Gelegenheit zum Absatz der Produkte gaben. Die Einwohner gaben sich daher ganz ihren den Royalisten so günstigen Gesinnungen hin, und was der gute Wille der Einwohner vermag, ist durch hundertfach wiederholte Erfahrungen bewährt.

Auch verkannten die Catalonier nicht, wem sie solches Glück zu danken hatten; — denn als glücklich darf ihr Zustand bezeichnet werden im Vergleich mit dem Elend der früheren Jahre und dem, was die andern Provinzen litten. — Wie oft hörte ich während meines kurzen Aufenthaltes im Fürstenthume den Grafen von España als Retter gesegnet; wie oft wünschten die Bauern ihm Heil und Glück, den Augenblick preisend, in dem er die Zügel der Regierung in die Hand nahm!


Auch schien das Glück dem edlen Greise nicht abhold. Denn wiewohl er nicht durch gewonnene Schlachten seinen Namen verherrlichte, gelang es ihm, selbst gegen den Baron de Meer, der eben so kräftig und gewandt in Barcelona durch Militair-Despotismus herrschte, wie der Graf in Berga, in den Gebirgen Hoch-Cataloniens sich zu souteniren, während er mit der Organisation seiner kleinen Armee beschäftigt war. Und als er dieses vollbracht, breitete er trotz der numerischen Überlegenheit der Feinde, die über 40,000 Mann stark waren, ihre Zersplitterung klug benutzend, mehr und mehr in die Niederungen sich aus und nahm einige feindliche Forts. Täglich wurde sein Übergewicht fühlbarer, seine Herrschaft weiter ausgedehnt.

Er belagerte Ripoll, eine ansehnliche, Gewerbe treibende Stadt in Hoch-Catalonien. Die Besatzung und die Nationalgarde vertheidigten sich mit äußerster Hartnäckigkeit, wie denn die Einwohner der Stadt als exaltirt liberal gesinnt berüchtigt waren. Am 27. Mai 1839 ward der Sturm auf die offene Bresche angeordnet. Die carlistischen Bataillone griffen äußerst brav unter den Augen des Grafen an, der kaltblütig dem heftigsten Feuer ausgesetzt blieb und seine Krieger ermunterte. Dreizehn Mal rückten die Stürmenden unter dem Schall der Janitscharen-Musik gegen die Bresche; dreizehn Mal wiesen die Christinos, gleichfalls durch ihre Musik, wie durch das Angstgeschrei der Weiber und Kinder angefeuert, standhaft den Angriff zurück. Doch der vierzehnte Sturm ward gleich fest unternommen, und die Vertheidiger wichen ermattet von der Bresche, auf der die Mehrzahl gefallen war. Alles, was Waffen trug, wurde von den wüthenden Soldaten niedergemacht; die übrigen Bewohner mußten sogleich die Stadt verlassen, welche niedergebrannt und bis auf den letzten Stein rasirt wurde. Der Verlust der Carlisten war sehr bedeutend; ein Bataillon zählte von seinen acht Capitains sieben außer Gefecht gesetzt.

Der Graf ließ eine Säule errichten mit der Inschrift: aqui fué Ripoll. — Hier stand Ripoll. —

Ein solches Beispiel rächender Strafe verfehlte seine Wirkung nicht. Mehrere Posten der Feinde wurden geräumt oder ergaben sich, und die Carlisten streiften, fast ohne Widerstand zu finden, bis nahe nach Barcelona und südlich in die reichen Gefilde des Ebro, während die Christinos sich darauf beschränkten, mit starken Massen ihre Festungen zu verproviantiren. Zugleich trat ein wichtiger Wechsel in der feindlichen Armee ein, da das Commando derselben an der Stelle des energischen Baron de Meer, der, ganz Militair, von den Anarchisten unendlich gefürchtet ward, dem General Valdés übertragen wurde, demselben, der gegen Zumalacarregui so unglücklich gekämpft hatte.

Valdés erklärte sofort, daß es mit den Mitteln, über die er verfügte, nicht möglich sei, die Fortschritte des Grafen de España zu hemmen, dessen Truppenzahl doch drei bis vier Mal so schwach war, als die mobile Macht der Christinos. Er mußte indessen, um sich zu halten, irgend etwas unternehmen und erklärte endlich nach der Mitte Septembers seine Absicht, Berga, den Hauptsitz der Carlisten, anzugreifen, da er wohl hoffte, daß die Kunde von dem vollbrachten Verrathe Maroto’s und der Beendigung des Krieges in Navarra Entmuthigung oder gar Sympathie für ihn hervorbringen werde. Wahrscheinlich würde es ihm nicht besser ergangen sein, als einst dem General Oráa vor Morella. Aber Valdés begnügte sich, da die anticipirte Muthlosigkeit nicht sichtbar wurde, von einer Höhe herab das einige Stunden entfernte Berga zu betrachten, und kehrte wieder um.

España benutzte dagegen trefflich die Fehler des feindlichen Anführers; er nahm die feste Stadt Moyá und führte die männlichen Bewohner gefangen fort, da die Garnison sie gezwungen hatte, gleichfalls die Waffen zu ergreifen und die beiden Forts zu vertheidigen; ein Theil der Stadt ward bei dem Angriffe eingeäschert. Dann eroberte er das eben so hartnäckig vertheidigte Copons und zog in Castell-Tresols ein, welches ihm die Thore öffnete.

Valdés, an Geld und Hülfsquellen eben so Mangel leidend, wie sie dem Grafen im Überfluß zuflossen, und nur reich an Soldaten, die er nicht zu benutzen verstand, wagte kaum noch, im Felde sich zu zeigen, und erwartete mit Ungeduld die Verstärkungen, welche ihm von Espartero zugesagt waren. Solsona selbst, durch seine Lage wichtig und bedeutende Festung, die de Meer den Carlisten abgenommen hatte, schon lange eng blokirt, war im Begriff, sich zu ergeben, da es ganz an Lebensmitteln fehlte und Valdés nicht zum Entsatz anrückte. Das Fürstenthum war der That nach dem Grafen de España unterworfen und duldete willig eine Herrschaft, die, auf strenge Gerechtigkeit basirt, so sehr die traurige Lage der Einwohner erleichterte; die Christinos geboten nur noch da, wo sie gerade standen, und wagten nur in starken Colonnen das Land zu durchkreuzen, in dem der einzelne Carlist ruhig die Befehle seines Generals ausführen durfte.

[95] In Catalonien besaßen die Christinos nicht weniger als hundert und einige zwanzig feste Punkte. Es ist einleuchtend, wie solche Zersplitterung ihrer Macht die Offensive paralysiren mußte; dagegen hinderten sie auch sehr die Fortschritte der Carlisten.

[96] Diese doppelten Behörden waren erst eingeführt, seit der Graf de España das Commando der Carlisten übernommen hatte. Früher wären sie schwerlich so verschont geblieben.

[97] Früher erwähnte ich, daß die catalonische Sprache, der französischen, italienischen und spanischen gleich verwandt, von den Castilianern nicht verstanden wird. Einzelne gothische Worte und Wendungen finden sich auch in ihr.

[98] Gegen das Ende des Jahres 1839 gestanden selbst die Feinde ein, daß das Heer des Grafen von España nur mit der königlichen Garde Ferdinand’s VII. verglichen werden könne.