XXVIII.

Seht Ihr jene Schaaren, die in nicht endendem Zuge die fruchtbaren Gefilde von Nieder-Aragon durchschreiten, stolz die Stirn erhebend, als ob sie so eben ruhmwürdige Thaten vollbracht hätten? Drohend ziehen sie einher in kriegerischer Haltung, hochmüthig prahlen sie mit ihrer Zahl, wie in diesem Kriege die zitternden Bürger sie noch nicht vereinigt sahen. Tausende funkelnder Reiter begleiten die weit ausgedehnten Colonnen der Infanterie, und in ihrem Gefolge schleppen sie die Verderben speienden Maschinen, bestimmt, die hohen Mauern und Wälle niederzuschmettern und Tod und Verwüstung in die Reihen des Feindes, wie in die Wohnungen des friedlichen Bürgers zu tragen.

Ha, wie sie jubeln, die Tausende! Wie sie rüstig daherziehen, als gingen sie, ein lärmendes Freudenfest zu feiern! — Und doch, sind nicht unter ihnen eben die, welche zwei Jahre früher in diesen Feldern zitternd entflohen oder, Gnade erflehend, der kühnen, siegreichen Schaar sich gefangen gaben, die unter ihres Königs Führung von ihrer Bergveste hinabstieg, bis zu den Thoren von Madrid den Schrecken ihres Namens zu tragen? Sind sie nicht dieselben, welche so lange umsonst die braven Basken niederzudrücken suchten, dieselben, deren ruchloses Wuthgeheul so oft verstummte vor dem loyalen Kriegsrufe der gefürchteten Söhne des Gebirges, gegen deren Racheschwerdt sie hinter den Wällen ihrer Festungen schimpflichen Schutz suchten?!

Sie sind es — — aber, wehe! jener begeisternde Schlachtenschrei der Treue erschallt nicht mehr; nicht eilen, wie in jenen glorreichen Tagen, die Krieger Carls V. herbei, den Triumphmarsch des Heeres der Revolution zu hemmen. Unaufgehalten, unangefochten zieht es über die offene Ebene den Gebirgen zu, denen, fern stufenförmig über einander gethürmt, die Vertheidiger Isabella’s so lange nur mit Zagen naheten; und übermüthig verkündet es, daß schon der Krieg, der seit sechs Jahren das schöne Königreich verwüstete, auf immer beendigt sei, daß der kleine Haufen, der noch in jenen Bergen für die Vertheidigung seines rechtmäßigen Königs die Waffen führt, bei ihrem Anblick flehend sich unterwerfen oder sofort unter der Übermacht zermalmt werde.

Die Bataillone, welche bisher diesen Massen entgegenstanden und sie fesselten, existiren nicht mehr. Die Männer, welche, die Waffen in der Hand, ihre Gebirge gegen alle Anstrengungen der mächtigen Usurpatorinn vertheidigten, unterwarfen sich, verkauft von dem General, den sie mit hoffnungsvollem Enthusiasmus an ihrer Spitze sahen, dem verachteten Feinde, oder sie mußten mit dem Herrscher, für den ihr Blut geflossen, im fremden Lande unwillig gewährten Schutz suchen.

Maroto hatte sein Werk vollbracht. Nachdem er die Generale, deren Ergebenheit er fürchtete, meuchlings hingemetzelt, nachdem er den Geist der Truppen durch fortwährendes Weichen ohne Gefecht, durch Aufgeben aller Vortheile und weiter Landstrecken geschwächt und ihre Zuversicht, wie die der Einwohner, untergraben hatte, krönte der treulose Feldherr seine Schande, da er am 29. August 1839 den Kern der ihm anvertrauten Armee dem Feinde in die Hände spielte. Die Umarmung von Bergara, wie Christina’s Liberale den Act der Überlieferung nannten, zeigte den erstaunten Völkern das Schauspiel eines Generals, der, von seinem Könige mit dem höchsten Vertrauen, ja mit fast königlicher Macht geehrt, diese Macht und dieses Vertrauen benutzte, um seinen Herrscher, seinen Wohlthäter den empörten Unterthanen desselben zu verrathen und aus dem angestammten Reiche ihn zu vertreiben.

Es ist nicht zu verwundern, daß Carl V. unfähig, solche Niedrigkeit zu ahnen, bis zum letzten Augenblicke das künstlich um ihn geworfene Gewebe nicht durchschaut, und daß er dann, als zu spät die Wahrheit ihm klar ward, die Besonnenheit verlor und zagend floh, wo entschlossene Maßregeln und Energie die Schandthat zwar nicht mehr verhüten, aber doch ihre Wirkungen schwächen und sie weniger entscheidend machen konnten. Anstatt, da er nicht mehr auf dem bisherigen Kriegstheater sich halten konnte, an der Spitze der ihm gebliebenen, stets entschieden treuen Bataillone zur Vereinigung mit den Armeen sich durchzuschlagen, welche in Catalonien und Aragon für ihn kämpften, ließ der König nach der Gränze von Frankreich sie zusammendrängen und zog sich endlich mit ihnen in dieses Königreich zurück.

Nach so bitterer Täuschung an Allem verzweifelnd bewog ihn sein immer gleich milder und christlicher Charakter, ferneres Blutvergießen zu vermeiden. Ich wiederhole mit tiefem Schmerze: die Eigenschaften Carls V. hätten ihn zum großen, Segen spendenden Monarchen gemacht, wenn ihm gegeben wäre, in ruhigerer Zeit friedlich sein Volk zu regieren. Das Schicksal wies ihm einen Platz an, der eiserne Brust und eisernen Willen erforderte.

Doch betrachten wir näher die Ereignisse, welche die Herrschaft der Carlisten in den baskischen Provinzen vernichteten und ihre Hoffnungen, die so schön erblüheten, auf immer brachen, da durch sie auch die Anstrengungen der Braven unnütz gemacht wurden, die im Osten Spaniens so erfolgreich für die Rechte ihres Königs stritten und zur Vollendung des von den Basken Begonnenen bestimmt schienen. Schwer wird es mir wahrlich, meine Blicke auf jene Zeit des Verbrechens und des Unterganges zu heften und mit Ruhe zu detailliren, wie der erkaufte Feldherr den Verrath vorbereitete und ausführte.

Jeder edel Denkende aber, welcher politischen Meinung er auch sei, mag er nun Carl V. als dem rechtmäßigen Souverain Spaniens oder den Anhängern der Tochter Ferdinand’s, wähnend, daß sie nicht bloß dem Namen nach Liberale seien, Erfolg gewünscht haben; er wird mit Abscheu auf den Mann sehen, den keine Verpflichtung zu binden vermochte, für den Treue und Dankbarkeit und Ehre bedeutungslose Worte waren, da allein niedrigste Selbstsucht ihn beherrschte und seine Handlungsweise bestimmte.


Maroto hatte während des Monates Mai die in der Provinz Santander und auf der Gränze von Vizcaya errichteten Forts dem christinoschen Heere übergeben, dann ohne zu schlagen die westliche Hälfte von Vizcaya geräumt und selbst in der Hauptstadt Orduña[92] den Feind sich festsetzen lassen. So schwächte er den Muth und die Zuversicht des Heeres und vor Allem des Volkes, welches den gehaßten Feind das Land überschwemmen sah, ohne daß die Truppen den geringsten Widerstand entgegengesetzt hätten; mit der Zuversicht aber schwand der frühere Enthusiasmus, wie der Wunsch nach Beendigung des immer drohender sich gestaltenden Krieges und nach Abhülfe der gehäuften Leiden täglich glühender wurde.

Da er diesen ersten Zweck erreicht hatte, glaubte er seine Pläne schon etwas bestimmter hervortreten lassen zu dürfen. Es galt, die Menschen nach und nach an den Gedanken des Beschlossenen zu gewöhnen. Bald sprach man öffentlich in den Provinzen von Unterhandlungen und Transactionen, und die Chefs, welche mit Maroto im Complott waren und denen er hauptsächlich in Vizcaya und Guipuzcoa alle wichtigeren Stellen hatte geben können, thaten, wie Viel sie vermochten, um ihre Untergebenen für diese Gerüchte empfänglich zu stimmen. Doch wie wenig klare Ideen die Masse über das Vorhaben ihrer Chefs sich machte, geht daraus hervor, daß bis zum letzten Augenblicke bald von der Heirath des Prinzen von Asturias mit der Infantinn Isabella, bald von dem Rückzuge des Königs nach Frankreich und dem Anerkennen der Fueros durch die Madrider Regierung gesprochen wurde, während noch öfter behauptet ward, Espartero wolle mit der carlistischen Armee sich vereinigen, um mit ihr gegen Madrid zu ziehen.

Mißtrauen und Unruhe nahmen indessen, da die Armeen bei so prekärer Lage wieder einige Monate ganz unthätig sich betrachteten, natürlich mehr und mehr überhand, und die navarresischen Bataillone, deren erprobte Anführer ja von Maroto hingemordet waren, geriethen in immer größere Gährung gegen diesen General. Am 9. August brach die Unzufriedenheit in offenen Aufstand aus, indem das 5. Bataillon, nahe der Gränze postirt, den Ruf erhob: „Nieder mit Maroto; es lebe Carl V. frei!“ Ihm schlossen sich mehrere andere, endlich fast alle Bataillone von Navarra an.

Jener Augenblick war der entscheidende. Hätte der König, dem gewiß schon von den Unterhandlungen, wenn auch nicht ihrer ganzen Ausdehnung nach, Kunde geworden war, an die Spitze der Navarresen sich stellen, dadurch ihre Erhebung sanctioniren und mit ihnen gegen den treulosen General sich wenden können, so würden die übrigen Truppen in der zu treffenden Wahl zwischen ihrem Herrscher und dem Verräther nicht geschwankt haben. Aber Carl V. war in der That nicht mehr König, nicht mehr frei; wohl hatten die Navarresen richtig seine Lage beurtheilt. Selbst als die Gemäßigten, von denen er umringt war, zu einer Zusammenkunft mit den Häuptern der Aufgestandenen ihn gehen ließen, damit er zur Unterwerfung sie berede, mußte er als Pfand der Rückkehr die Königinn in ihren Händen lassen. Maroto aber stellte, die Fortschritte der Royalisten zu hemmen, sofort die am meisten ihm ergebenen Truppen ihnen entgegen.

So hatte dieser Versuch der treuen Bataillone, die Allmacht des Generales zu brechen und ihren König dem drohenden Geschick zu entreißen, keine andere Folgen, als daß der Verräther sein Werk nun nicht in so großem Maßstabe ausführen konnte, wie er beabsichtigte, ehe die Navarresen seinem Einfluß sich entzogen.

Eben dieser theilweise Aufstand zeigte aber Maroto, daß er nicht länger zögern dürfe; er mußte fürchten, daß auch die Truppen der andern Provinzen, seine Absichten durchschauend und durch das Beispiel ihrer Cameraden aufgeregt, gegen ihn sich erklärten. Am 12. August verließ Espartero mit 20000 Mann und einem starken Artillerie-Train Vitoria und drang alsbald in Vizcaya vorwärts, Maroto wich fortwährend zurück, nur selten in ein Scharmützel sich einlassend. So besetzte Espartero, auf der großen Heerstraße vorgehend, am 22. selbst Durango ohne Kampf. Die Uneinigkeit und Verwirrung im carlistischen Heere stieg auf den höchsten Grad: schon waren Niemandem die Unterhandlungen der beiden Oberfeldherrn verborgen, und englische und französische Agenten eilten fortwährend von dem einen Hauptquartier zum andern. Espartero zog auch in Bergara ein.

Am 25. August hielt der König Revue über die dem Feinde gegenüberstehenden Divisionen, wobei das Bestehen und die Ausdehnung der Verschwörung ganz unzweifelhaft wurde, da mehrere Anführer schon ihrem Herrscher zu trotzen wagten, während dem General die vivas gebracht wurden, welche dem Könige versagt blieben. Nach der Revue wohnte dieser einem Kriegsrathe der vorzüglichsten Generale bei. Da legte Maroto, hart befragt, endlich die Maske ab; er gestand die Übereinkunft mit dem feindlichen Chef und legte die Bedingungen vor, welche ihm bewilligt waren. Die Sitzung wurde stürmisch. Die Verbündeten Maroto’s stimmten für ihn und stellten ferneren Krieg als hoffnungslos dar, die wenigen dem Könige Getreuen erklärten laut jene Unterhandlung für Hochverrath. Gänzlicher Bruch war die Folge.

Noch hätte rasches, energisches Handeln Vieles retten können, da die Armee keinesweges unbedingt den Verräthern gehörte; sie würde gewiß zu ihrer Pflicht zurückgekehrt sein, wenn Maroto und mit ihm die hauptsächlichsten Verschworenen, so wie sie offen ihr Verbrechen anerkannten und ihren König insultirten, augenblicklich ergriffen und vor der Front der Divisionen füsilirt wären. — Aber Carl V., nicht mehr wissend, wem er vertrauen durfte, wen er als Feind und Rebellen betrachten mußte, anstatt kraftvoll aufzutreten, schwang sich auf’s Pferd und schlug, von Wenigen begleitet, den Weg nach Navarra ein, den Truppen ein schmerzliches: „Kinder, wir sind verkauft!“ zurufend.

Maroto dagegen führte das Heer den Positionen des Feindes zu und stellte sich zwei Stunden von ihm entfernt auf, er hatte in den folgenden Tagen mehrere Zusammenkünfte mit Espartero, in denen endlich Alles angeordnet und festgestellt wurde. Am 29. August führte er, begleitet von den Generalen Urbiztondo, Cabañero, Simon de la Torre, Luqui und seinem glänzenden Stabe, zwei und zwanzig Bataillone — die Divisionen von Guipuzcoa und Vizcaya und fünf Bataillone von Castilien — nebst einer Schwadron und einer Batterie nach Bergara, wo das Heer der Christinos, in Schlachtordnung aufgestellt, sie erwartete. Ihm gegenüber rangirte sich das carlistische Corps. Die Castilianer wußten noch nicht den wahren Zweck der Vereinigung, aber die Feinde hatten alle nahen Höhenpunkte besetzt, so daß die Rückkehr schon unmöglich gemacht war.

Die beiden Generale umarmten sich vor der Front der Armeen, worauf Maroto eine Anrede an die Christinos hielt, während Espartero zu den bisherigen Carlisten sprach, die endliche Aussöhnung preisend und die Segnungen des Friedens, der nun das so lange verwüstete Land beglücken werde. Dann wurden die Gewehre zusammengesetzt, die Soldaten, dem Beispiele ihrer Anführer folgend, umarmten sich und begrüßten sich als Brüder, um endlich vermischt die Erfrischungen einzunehmen, welche zur Feier des Tages herbeigeschafft waren. — So hatte Maroto seinen Verrath vollbracht!

Nach dem Vertrage, der für die Provinzen Vizcaya und Guipuzcoa allein abgeschlossen war, da die Truppen der andern Provinzen sich nicht unterworfen hatten, sollten sie die Herrschaft Christina’s anerkennen, wogegen ihre Privilegien aufrecht erhalten würden. Den Officieren der überlieferten Divisionen wurden ihre Grade und Decorationen bestätigt, und die Verwundeten bekamen Pensionen, die Truppen aber sollten die Waffen niederlegen und in die Heimath sich zurückziehen, wenn sie nicht etwa vorzögen, in die christinosche Armee überzutreten. Diejenigen Officiere, welche Spanien verlassen wollten, bekamen viermonatlichen Sold ausgezahlt. Sehr Viele, welche getäuscht oder durch Gewalt nach Bergara hingezogen waren, verlangten sofort den Paß nach Frankreich.

Später sah ich mehrere Officiere und Soldaten der Bataillone von Castilien, die so schmählich in diese Umarmung sich verwickelt sahen und die erste Gelegenheit benutzten, um zu entfliehen und den Heeren von Catalonien und Aragon sich anzuschließen. Die Gefühle der Verkauften wage ich nicht zu schildern. Die Basken freilich, denen ja stets ihre Provinzialrechte Hauptmotiv und Hauptziel des Krieges waren, beruhigten sich bald, da die Bewahrung derselben ihnen zugesichert war, und hingerissen, wie der Soldat so leicht es ist, durch den Einfluß der Chefs, denen zu gehorchen sie so lange gewohnt waren. Aber die Castilianer, sie, die kein eigennütziges Streben, kein individuelles Interesse in die Reihen der Carlisten führte, wahrhafte Royalisten und entschieden für die Sache, deren Vertheidigung sie sich gewidmet hatten — die Castilianer wurden vom wilden Zorn ergriffen, da sie so den Liberalen sich übergeben, selbst zu Verräthern sich gestempelt sahen.

Doch sie wurden strenge bewacht, und während die Basken sofort zu friedlicheren Beschäftigungen entlassen wurden, sandte Espartero diese Getäuschten mit Bedeckung nach Vitoria und von dort in das Innere des Königreichs. Auf dem Marsche wurden Viele erschossen, unter ihnen einige Officiere, da sie auf dem Versuche zur Flucht ergriffen waren; die Übrigen wurden in Depots vertheilt, um erst später entlassen zu werden, ja Manche, die ihren Unwillen laut an den Tag gelegt hatten, ließ das Gouvernement nach den amerikanischen Colonien und den Philippinen einschiffen.

Dennoch gelang es einigen Hunderten der Verkauften, während des Winters durch die Gebirge Castilien’s bis nach Aragon zu dringen, wo sie kräftig mitfochten in dem letzten Todeskampfe gegen die Übermacht der revolutionairen Schaaren.


Espartero besetzte nach dem Vertrage von Bergara den Rest von Vizcaya und das ganze Guipuzcoa, dessen Bewohner mit Erstaunen, aber ohne sich zu bewegen, in ihrer Mitte die Truppen erblickten, welche seit Jahren nicht mehr jene reichen Thäler zu betreten gewagt hatten. Er wandte sich dann rasch nach Navarra, durch energisches Handeln den Schrecken benutzend, den die Überraschung im ersten Augenblick hervorrufen mußte.

Der König stand noch immer an der Spitze von 14000 bis 15000 Mann; alle Bataillone von Navarra und von Alava, das 5. von Castilien und 1. von Cantabrien waren, nebst sieben Escadronen und der ausgewählten königlichen Bedeckung ihrer Pflicht getreu geblieben. Wohl hätte mit solcher Macht Viel ausgerichtet werden können, wenigstens wäre es gewiß leicht gewesen, Catalonien mit ihr zu erreichen: selbst die große Expedition, mit der Carl V. im Jahre 1837 bis an die Thore von Madrid gelangte, war nicht so stark, als sie von den Nordprovinzen auszog.

Und doch, wer möchte dem verrathenen Monarchen vorwerfen, daß er, entmuthigt und niedergebeugt durch das Geschehene, nicht sofort die zu dem kühnen Schritte nöthige Entschlossenheit fand! Auch konnte wohl die bekannte Abneigung der Navarresen, außerhalb ihrer vaterländischen Provinz zu kämpfen,[93] Zweifel erregen; und nach dem geringsten Zaudern war es zu spät, da schon die carlistische Armee ganz umringt und nach Norden hin zusammengedrängt war. Die Stellung von Lecumberry, in Gefahr, umgangen zu werden, da die feindlichen Colonnen zugleich von Guipuzcoa und unter General Rivero aus dem östlichen Navarra vordrangen, wurde verlassen, und die Bataillone, nun unter Eguia’s Commando gestellt, zogen sich in das Bastan-Thal zurück. Espartero, der am 9. September gegen jene Position aufgebrochen war, drang rasch über das Ulzama-Thal nach. Schon entflohen viele Non-Combattanten über die französische Gränze.

Auf dem Fuße von den Massen der Christinos verfolgt, zog sich der König von Elisondo nach Urdax, unmittelbar neben der Gränze; er konnte sich noch nicht entschließen, sein Königreich zu verlassen, um im fremden Lande eine zweideutige Zufluchtsstätte zu suchen. Doch immer näher kam von allen Seiten der Schall des Feuers. Vier starke Divisionen griffen rings die Stellungen der Carlisten an, welche die Pässe des Gebirges zu behaupten suchten; Fuß vor Fuß wichen sie fechtend vor der Übermacht, wobei ein Bataillon umzingelt und fast ganz aufgerieben wurde. Die feindlichen Schaaren standen, die nahen Höhen krönend, im Angesicht der Gränze.

So war am Nachmittage des 14. Septembers fernerer Verzug nicht mehr möglich. Carl V. betrat, ein Flüchtling, das französische Gebiet, nachdem er sechs Jahre lang mit männlicher Standhaftigkeit jeder Strapatze getrotzt und den tausendfach gehäuften Mühen und Sorgen im Kampfe um den Thron seiner Vorfahren heldenmüthig sich unterzogen hatte. 2000 Mann, welche ihm unmittelbar folgten, wurden bis zu dem Augenblicke des Übertrittes von den Kugeln der Christinos decimirt. Den König begleitete seine erhabene Gemahlinn nebst dem Prinzen von Asturias und dem Infanten Don Sebastian. Die Behandlung, welche die französische Regierung dem unglücklichen Fürsten zu Theil werden ließ, ist allgemein bekannt und gewürdigt.

Mehrere Generale und Minister waren dem Könige schon vorangegangen, viele andere folgten sogleich, unter ihnen Graf Casa Eguia, General Sylvestre, Chef des Genie-Corps, der Kriegsminister Montenegro, Don Basilio Garcia, vor kurzem erst nach Spanien zurückgekehrt, Villareal, Gomez, Zariategui, der greise Pfarrer Merino und Andere, die das Exil der Unterwerfung unter das Joch der Usurpation vorzogen. Sofort betraten auch sechs Bataillone von Alava mit einer Escadron, das Bataillon von Cantabrien, einige navarresische Compagnien und die königliche Garde unter den Generalen Elío und Grafen Negri das fremde Gebiet; ihnen folgten in den nächsten Tagen alle Bataillone und Escadrone von Navarra, unfähig sich länger zu halten.

Estella und die übrigen Forts in Navarra ergaben sich bald, und vor dem Ende des Monats war mit der Einnahme des schönen Castells von Guevara in Alava, welches sofort gesprengt wurde, der Krieg in den baskischen Provinzen gänzlich beendigt.

Doch noch hatten die Carlisten einen herben Verlust zu beklagen, einen Verlust, der noch schmerzlicher wurde, weil er zu mancher Mißdeutung Veranlassung gab: der ehrwürdige Moreno, er, der so oft an der Spitze der Armee gekämpft und zu so manchem glorreichen Siege sie geführt hatte, ward von seinen eigenen Soldaten ermordet, da er Spanien zu verlassen im Begriff war. Auch die regelmäßigsten und am höchsten geachteten Heere verloren die frühere Kriegszucht, wenn furchtbares Unglück über sie hereinbrach. So ist es nicht zu bewundern, daß die Navarresen, ehe sie nach Frankreich übergingen, der Straflosigkeit gewiß, zu manchen Ausschweifungen und Verbrechen sich hinreißen ließen; und sie sind ganz besonders in diesem Abschütteln der gewohnten Bande zu entschuldigen, da ja der Umsturz aller ihrer Hoffnungen und der Werke ihrer schweren Blutarbeit durch die eigenen gepriesenen Anführer herbeigeführt war und sie also wohl Grund hatten, mit Mißtrauen gegen ihre Vorgesetzten zu verfahren.

Noch entschlossen, im Vaterlande sich zu vertheidigen, sahen sie in einem Jeden, der nach der Gränze floh, einen Verräther, welcher in der Fremde sich zu sichern suche. Mit andern Unglücklichen fiel der untadelhaft treue General Moreno ein Opfer dieser Wuth; die Navarresen tödteten ihn mit dem Geschrei: „Nieder mit den Verräthern!“

So war der langwierige Kampf der Basken gegen die Macht des liberalisirten Spanien beendet; das kühne Bergvölkchen hatte mit Aufopferung seines Königs sein Hauptziel erreicht, seine Privilegien waren bestätigt, so fern die Versprechungen der Regierung Isabella’s als Bestätigung gelten konnten. Und beurtheilen wir die Basken nicht zu hart! Bedenken wir, wie sie von ihren Chefs hingerissen und geführt wurden, und wie Volk und Soldat ja so oft, anstatt selbst zu urtheilen, durch diejenigen sich leiten lassen, welchen sie gewohnt sind mit Ehrfurcht und Gehorsam zu folgen; bedenken wir auch, daß die Basken wehrlos den Massen der Christinos sich hingegeben sahen, als schon ihre Kraft nach dem langen, blutigen Ringen erschöpft war.

Das Benehmen aber der Alavesen und Navarresen bis zum letzten Augenblicke zeigt wohl hinlänglich, daß das Heer und das Volk, wo es treue Anführer an seiner Spitze sah, bereit war, Alles für seinen Herrscher zu opfern.

Aber Schande, ewige Schande dem Mann, der sich nicht scheute, zum Verrathe die erhabene Stellung und die Macht zu mißbrauchen, welche das unbeschränkte Vertrauen seines Monarchen ihm schenkte; der um des schnöden Goldes willen Gefährten, Vaterland und König verkaufen konnte! Die Rache wird ihn zu ereilen wissen. — Und Schande den Elenden, die wissend und willig zur Ausführung der ehrlosen That ihre Hand liehen!

Die Regierung der unmündigen Isabella würdigte den unschätzbaren Dienst, welchen Maroto ihr geleistet hatte, und sie stand nicht an, öffentlich ihn dafür zu belohnen. Der abtrünnige General ward in den Grafenstand[94] erhoben und zum Präsidenten des höchsten Kriegsrathes ernannt; er prunkte seitdem in Madrid mit den Millionen, die jener Handel ihm eingebracht hatte. Auch seine Helfershelfer, Cabañero, Urbiztondo, la Torre und die Führer der vizcaischen, guipuzcoanischen und castilianischen Truppen, wurden reich abgelohnt.

Espartero aber, da nun seine Gegenwart im Norden Spaniens überflüssig ward, beeilte sich, indem er die Provinzen stark besetzt ließ und zugleich ganz sie entwaffnete, mit 45000 Mann nach Unter-Aragon aufzubrechen; auch detachirte er eine starke Division nach Catalonien zur Hülfe des Baron de Meer, der dort schwer gedrängt wurde. Er hoffte, daß sein gefürchteter Name und der Anblick der Massen, die er heranführte, hinreichen werde, um die kleine Schaar des Grafen von Morella zu eiliger Unterwerfung zu bewegen. Wie hätte er auch ahnen mögen, daß er Männer treffen könne, die seinen so oft erprobten Künsten zu widerstehen wagten; Männer, die mit der Gewißheit des Unterliegens und mit Bestechung und Verrath aus ihrer eigenen Mitte angegriffen, vorzogen, ihrem Könige und ihrer Pflicht treu, bis zum letzten Augenblick ehrenvoll zu kämpfen und mit den Waffen in der Hand zu fallen, als daß sie den lockenden Verheißungen Gehör gegeben hätten, durch die der Siegesherzog seine Siege zu erkaufen suchte!

[92] Orduña ist die einzige ciudad und die alte Hauptstadt der Provinz, wiewohl oft die villa — Stadt zweiter Classe — Bilbao außerhalb Spaniens falsch als solche bezeichnet wird.

[93] Sie trat bei jeder Gelegenheit sehr markirt hervor. So wie der Navarrese Navarra verließ, ward er der schlechteste Soldat, unruhig, zu Aufstand und Unordnungen geneigt und stets unzufrieden, indem sein ewiger Refrain war: „Nach Navarra, nach Navarra!“

[94] Als Graf Casa-Maroto.