XXVII.
Mehrere Wochen waren seit meiner Ankunft im Turia auf die angenehmste Weise verflossen. Das Gefühl, wieder unter den Meinen, wieder frei zu sein, würde ja das elendeste Gebirgsdörfchen zum lieben Aufenthalte mir gemacht haben; wie hätte ich da nicht überglücklich in dem reizenden Chelva sein sollen, wo eine ausgewählte, wahrhaft gebildete Gesellschaft sich vereinigte, da nicht nur die Familien vieler höheren Officiere und Beamten, sondern auch noch weit mehr aus den nahen, dem Feinde unterworfenen Provinzen vertriebene oder freiwillig ausgewanderte Carlisten dort sich niedergelassen hatten. Dazu kamen die eben so belehrenden wie heiteren Stunden, welche ich in Arévalo’s Gesellschaft, so oft er in Chelva war, zubrachte, die Tertulias in seinem Hause und die Spatzierritte, zu denen er täglich in der Kühle des Nachmittags mich einlud, da er seit dem glücklichen Gefechte von Chulilla durch ganz besonderes Wohlwollen mich ehrte.
So begleitete ich ihn auch zu einer militairischen Promenade mit zwei Bataillonen und zwei Escadronen südlich vom Guadalaviar auf Chiva — unglücklichen Andenkens, da die Expedition des Königs dort von Oráa geschlagen wurde — und dann gen Westen über Buñol nach Castilien, wo wir einen Tag in dem schönen Handelsstädtchen Utiel rasteten, um von da über Tuejar nach Chelva zurückzukehren. Wir hatten nirgends den Feind gesehen, schleppten aber einen nicht unbedeutenden Convoy von Lebensmitteln und vierzehn Maulthierladungen von Tuch und Schuhen mit uns, die, für O’Donnell’s Armee bestimmt, auf der großen Heerstraße von Madrid nach Valencia von uns aufgefangen waren.
Es war natürlich, daß meine durch den Jammer der anderthalbjährigen Gefangenschaft ganz zerrüttete Gesundheit unter dem Zusammenwirken so vieler wohlthätigen Umstände täglich mehr und mehr aufblühte.
Wenige Tage nach unserer Rückkehr, am 24. August, kam Cabrera, von Niemand erwartet, mit einer kleinen Escorte seiner Tortosiner in Chelva an; andere Bataillone von allen Divisionen sollten nebst zahlreicher Cavallerie theils auf dem Marsche nach dem Turia und der Provinz Cuenca begriffen sein, theils schon in den umliegenden Ortschaften sich befinden. Auch Oberst Polo — seit kurzem mit einer Schwester des Grafen von Morella vermählt — welcher mit fünf Bataillonen zu einem neuen Zuge nach Castilien detachirt wurde, während der General den feindlichen Oberfeldherrn mit seiner ganzen Armee bei Tales einige Wochen festhielt, war so eben mit bedeutenden Geldsummen durch la Mancha zurückgekehrt, einige dreißig tausend Schafe den Gebirgen zutreibend, wo sie sofort unter die Bauern vertheilt wurden.
Alle Maßregeln deuteten auf die nahe Ausführung hoher Pläne, und Officiere und Soldaten, wenn auch noch ungewiß, wohin ihr angebeteter Feldherr jetzt sie zu führen beabsichtige, vertrauten jubelnd, daß die nächste Zukunft Großes bringen werde.
Wir sahen, wie Cabrera, da er General Aznar’s Rettung nicht hatte hindern können, zur Deckung der schwachen bei Tales errichteten Werke, eines kleinen Castells und zweier einfach runden Thürme, dem General O’Donnell gegenüber sich aufstellte. Es darf nicht übersehen werden, daß dieser General den größten Theil seiner disponibeln[85] Armee, 17 Bataillone und 11 Escadrone mit 17 Geschützen, dort vereinigt hatte, während er nur kleine Colonnen von zwei oder drei Bataillonen — doch mit zahlreicherer Cavallerie, die in jenem Terrain selten Anwendung fand — in den übrigen Provinzen seines Commandos zur Beobachtung der Carlisten zurückgelassen hatte, deren Hauptmacht er natürlich unter Cabrera’s Befehl sich gegenüber wähnte.
Dieser aber entsendete nach und nach von den 14 Bataillonen und 7 Escadronen, welche er nach Tales führte, die größere Hälfte nach den vom Feinde entblößten Theilen des Kriegsschauplatzes und blieb mit nur 7 Bataillonen und 2 Escadronen in den Schluchten und Abhängen nahe Tales stehen, den Feind durch gewandt berechnete Manövres und Listen glauben machend, daß er fortwährend das ganze Corps vor sich habe, wobei die unbedingte Ergebenheit der Einwohner trefflich ihn unterstützte. Ja selbst von jener unbedeutenden Macht detachirte er noch drei Bataillone und fast die ganze Cavallerie auf längere Zeit, die Communicationen des Feindes mit Castellon de la Plana und Valencia bedrohend.
Durch solche Täuschung irre geleitet, operirte O’Donnell vierzehn Tage lang nur mit äußerster Behutsamkeit und Zeit raubender Vorsicht gegen die kleine Schaar Cabrera’s. Als er aber endlich den Betrug erkannte und die kostbare Zeit, welche er unnütz dort verloren hatte, während die übrigen carlistischen Truppen weithin das christinosche Gebiet beherrschen und ausbeuten durften; da erst griff er in blindem Zorn eben so fehlerhaft, wie er vorher gezaudert, mit allen seinen Truppen in Masse die Stellung der Carlisten an, die er so lange kaum zu betasten wagte, und erkaufte den Besitz eines nutzlosen Thurmes mit dem Blute von Tausenden seiner Krieger.[86]
Schon am 1. August hatte O’Donnell seine Batterien gegen das kleine, nur funfzig Mann fassende Castell und die beiden, noch weit unbedeutenderen Thürme errichtet; da jedoch die Stellung Cabrera’s eine größere Annäherung ohne Kampf nicht zuließ, waren die Batterien so entfernt, daß sie fast gar keinen Schaden thun konnten. Die Carlisten harcelirten fortwährend die feindliche Armee, bald hier, bald dort erscheinend und so ihre Schwäche verbergend. Am 4. August zerstörten sie selbst einen großen Theil der feindlichen Arbeiten, und am 6. jagten sie alle avancirten Posten in gänzlicher Verwirrung auf das Hauptcorps, worauf sie am folgenden Tage den Versuch O’Donnell’s, eines vorwärts neben dem Castell liegenden Felsens sich zu bemächtigen, mit Verlust zurückwiesen. Die Scharmützel dauerten während der nächsten Tage ununterbrochen fort, ohne daß das Feuer der Batterien gegen die Werke oder die furchtsamen Demonstrationen der Armee gegen die Bataillone Cabrera’s entscheidenden Effect gehabt hätten.
Erst am 14. August, da die Feinde durch die Unvorsichtigkeit der Carlisten[87] von deren Schwäche unterrichtet waren, stürmten sie mit Aufbietung aller ihrer Kräfte die nur durch vier Bataillone vertheidigten Stellungen derselben, welche sie auch alsbald nahmen, den linken Flügel nach hartnäckigem Widerstande aus dem Dorfe Suera baja vertreibend, worauf sie es niederbrannten. Sie bemächtigten sich dann der beiden Thürme — ein jeder war durch funfzehn Mann vertheidigt — und verbrannten auch das Dorf Tales, wurden aber bei dem Sturme auf das Castell zurückgeschlagen, weshalb sie nun ihre Batterien nahe demselben aufführten.
Cabrera, der am Morgen in den vordersten Reihen der Tirailleurs mehrere Male nur durch das sehr gebrochene Terrain dem andringenden Feinde entkommen war, stürmte am Nachmittage mit zwei Bataillonen von Tortosa wieder vor, warf die ihm entgegenstehenden Massen über den Haufen und stand während der Nacht einen Flintenschuß weit von der am Morgen verlorenen Stellung. Als er aber am folgenden Tage, durch die detachirten drei Bataillone verstärkt, zu neuem Angriffe eilte, fand er das Castell in der Gewalt des Feindes: die kleine Garnison hatte es auf Befehl des Gouverneurs geräumt. Dieser wurde, da er Ordre erhalten hatte, bis auf den letzten Mann sich zu vertheidigen, nach dem Ausspruche eines Kriegsgerichtes erschossen.
O’Donnell zog sich auf Castellon de la Plana. Sein Heer war selbst in dem errungenen Erfolge außerordentlich entmuthigt und geschwächt, da es bei Tales gegen 4000 Mann eingebüßt hatte, während zugleich von allen andern Punkten des Kriegstheaters die niederschlagendsten Nachrichten einliefen. Die Unterfeldherrn Cabrera’s hatten die Entfernung der feindlichen Armee thätig benutzt, um bis zu den Thoren der großen befestigten Städte vorzudringen und das flache Land sich zu unterwerfen. Teruel, Daroca und Zaragoza waren blokirt, Llagostera, den Ebro passirend, fiel in Hoch-Aragon ein, Arévalo vernichtete die Brigade Ortiz, Polo durchzog und brandschatzte Mancha und die Besatzung von Cañete beherrschte die ganze Provinz Cuenca und drang selbst in Verbindung mit Beteta in das Innere von Guadalajara vor, wo sie am 6. August den berühmten Badeort Sacedon überfiel und mehrere hohe Hofbeamten der Königinn Wittwe nebst einigen Deputirten der Cortes gefangen fortführte.
Von nun an schloß sich O’Donnell in seine festen Plätze ein, ohne weiter den Operationen des carlistischen Feldherrn sich entgegen zu stellen. Er folgte ihm höchstens beobachtend in der Ferne und eilte bei seiner Annäherung unter den Schutz seiner Festungen zurück. Ohne Zweifel trug zu solcher Unthätigkeit die Erschlaffung und gänzliche Muthlosigkeit der christinoschen Truppen viel bei, da sie im Fall eines Zusammentreffens verderblich werden mußten; aber eben so sehr mochten den feindlichen General die Instructionen Espartero’s dazu bewegen, der, des Unterganges der carlistischen Hauptarmee in den Nordprovinzen gewiß, bis dahin Nichts auf das Spiel zu setzen befahl.
Cabrera aber flog mit gewohnter Thätigkeit nach Aragon und führte die schwere Artillerie von Alcalá la Selva über die Heerstraße von Teruel auf Segorve nach el Turia, wo er sie einstweilen in der Bergveste el Collado deponirte. Er vereinigte dort die Divisionen vom Ebro und von Valencia und die Brigade Arnau von der Division von Aragon nebst der kleinen Division Arévalo’s und der Besatzung von Cañete, zusammen 12000 Mann Infanterie und 1300 Pferde in 18 Bataillonen und 13 Escadronen. Llagostera stand mit dem Reste seiner Division in Nieder-Aragon, die vor kurzem gebildeten Bataillone 4. von Tortosa und 7. von Valencia nebst dem Bataillon Sappeurs und kleinen Detachements der andern Corps im Königreiche Valencia, größtentheils als Besatzung der festen Punkte, während zwei Escadrone von Tortosa am untern Ebro streiften und Oberst Bosque mit seinem Frei-Bataillon Schützen von Aragon die Festungen Alcañiz und Caspe blokirte.
Am Tage nach der Ankunft des Generals stellte Brigadier Arévalo mich ihm vor. Mein Vorurtheil gegen Cabrera mochte wohl Grund sein, daß ich in den kühnen Zügen etwas Wildes, Unheimliches zu erkennen glaubte, was mir späterhin nie mehr auffallend war. Übrigens ist das Äußere desselben so oft geschildert worden, daß ich das oft Gesagte nur nochmals wiederholen könnte; doch werde ich nie den Eindruck vergessen, welchen die Augen Cabrera’s auf mich machten, diese dunkel glühenden Augen, die in unaufhörlicher Bewegung feurige Blitze entsenden und, wohin sie sich fixiren, bis auf den tiefsten Grund durchbohrend zu dringen scheinen. — Diejenigen, welche seit einigen Jahren ihn nicht gesehen hatten, fanden ihn unendlich verändert und gealtert, Sorgen und rastloses Mühen hatten ihren Stempel dem jugendlichen Antlitze aufgedrückt.
Ich ward von Cabrera auf nicht sehr schmeichelhafte Art empfangen, wozu mein Äußeres, wie es damals wohl choquiren konnte, die Veranlassung gab. Schon durch meine Statur zog ich stets die Aufmerksamkeit der Spanier auf mich, da sie allgemein kräftig, aber untersetzt gebaut sind. Dazu war ich wahrhaft ausgemergelt durch die Leiden und Entbehrungen der furchtbaren Gefangenschaft in Cadix’ Casematten und die dadurch hervorgerufene Kränklichkeit, während die Gesundheit, welche kaum wiederzukehren begann, die Spuren des Elends in den hohlen Wangen und dem krankhaft bleichen Teint noch nicht zu verwischen vermochte.
Der lange Aufenthalt in jenen halbdunkeln, feuchten Räumen, in denen wir zum Lesen selbst bei Tage des künstlichen Lichtes uns bedienen mußten, hatte meine Augen so geschwächt und empfindlich gemacht, daß noch Monate lang nachher das Strahlen der Mittagssonne, in jenen Landstrichen doppelt blendend, da sie rings von den weißen Häusern oder von grau glänzenden Felswänden zurückgeworfen wird, brennende Schmerzen mir erregte. Ich pflegte deshalb die Augen durch blaue oder grüne Klappenbrillen gegen den widrigen Einfluß zu schützen und beging, wiewohl das Vorurtheil der einfachen Facciosos gegen alles nicht der Natur Angemessene mir wohl bekannt war, die Unvorsichtigteit, bei dem Gange zum General eine blaue Brille aufzubehalten, deshalb nichts Übeles erwartend.
Als Arévalo mit einigen gütigen Worten mich vorstellte, betrachtete mich Cabrera eine Sekunde und fragte dann, die Stirn in Falten gezogen: „Und diese Brille? Ist das Mode in ihrem Lande?“ Auf meine Erwiederung, daß nicht Mode, sondern die Rücksicht auf meine in den Kerkern der Christinos geschwächten Augen sie mich tragen mache, sagte er kurz: „Vorwand, carajo!“ Da konnte ich trotz dem Kopfschütteln Arévalo’s, der neben dem General stehend mir Schweigen zuwinkte, mich nicht enthalten, zu antworten, daß ich nie einen Vorwand gebrauchen würde, der übrigens in einer so ganz gleichgültigen Sache höchst unnütz wäre. „Aber carajo, ich mag keine Brillen, Herr!“ donnerte Cabrera los. — „So ersuche ich Ew. Excellenz um Paß nach Catalonien zu dem Heere des Grafen von España,“ bat ich fest, aber respektvoll.
In dem Augenblicke wandte sich Arévalo an den General und führte ihn an eine Fensterbrüstung, wo er eifrig mit ihm sprach. Bald traten sie wieder hervor und unterhielten sich mit den Officieren und Beamten, welche fortwährend mit Meldungen und Anfragen zu- und abgingen. Als ich endlich nach einer halben Stunde des Wartens mein Gesuch um den Paß wiederholte, erklärte mir Cabrera kurz, daß ich fürs Erste mit ihm kommen würde.
Arévalo, als ich bald mit ihm das Zimmer verließ, machte mir freundlich Vorwürfe über meine Empfindlichkeit und Schroffheit; er fügte hinzu, daß man unter Spaniern nicht jedes Wort so strenge nehmen und am wenigsten höher Stehenden so scharf erwiedern dürfe, wenn man nicht den unangenehmsten Händeln sich aussetzen wolle. „Ein Spanier, der so den Paß gefordert hätte, würde gewiß bei erster Gelegenheit erschossen sein; und Gelegenheit fehlt einem General nie.“
Wiewohl ich weder solche Macht des Generals noch solchen Charakter selbst im Spanier als allgemein anerkennen konnte, fühlte ich doch, daß mein Début mich auf etwas schlüpfrigen Boden stellte, und beschloß demnach, mit doppelter Vorsicht zu verfahren. Den Wunsch Arévalo’s aber, daß ich nicht wieder mit der ominösen Brille erscheinen möge, konnte ich unmöglich erfüllen; ich würde sie gern abgelegt haben, so wie der General mir ihretwegen nicht mehr Kälte zeigte; bis dahin hätte ich dadurch nur erbärmliche Schwäche kund gegeben. — Während der folgenden Tage sah ich Cabrera wiederholt und ward stets mit flüchtigem Blicke und leichtem Neigen des Kopfes freundlich empfangen.
Der General war, so lange er in Chelva weilte, in ununterbrochener Thätigkeit; sein Logis war stets gefüllt und umgeben durch Haufen von Landleuten, welche auf die Kunde seiner Ankunft von allen Seiten herzuströmten, ihre Klagen und Bitten ihm vorzulegen. Da war keine Wache, um die Zudringlichen zurückzuweisen, kein Adjudant oder Kammerdiener, um mit nie erfüllten Versprechungen die Armen abzuspeisen. Cabrera empfing selbst Jedermann, hörte die Beschwerden und half sofort, indem er durch einen Adjudanten die betreffende Ordre niederschreiben, oder, wo Geld helfen konnte, von irgend Jemand aus seiner Umgebung einige Duros oder Gold-Unzen sich geben ließ; denn die eigenen Taschen hatte er gewöhnlich in der ersten halben Stunde geleert.
War er nicht so beschäftigt, so dictirte er im Büreau und sah die Berichte durch, welche stündlich von allen Seiten an ihn einliefen; bald empfing er Confidenten, oft aus den fernsten Theilen der Monarchie, bald hielt er Revue über die Truppen oder inspicirte Magazine und Hospitale, allenthalben bis in die kleinsten Details prüfend und jede Verbesserung selbst anordnend. Vorzüglich oft wurden auch die Kriegscommissaire herbeigerufen, entweder — in Spanien sind sie alle anerkannte Spitzbuben — um furchtbar sie anzudonnern oder gar einen aus ihnen auf der Stelle erschießen zu lassen,[88] wenn durch ihr Verschulden die Bedürfnisse der Truppen unbefriedigt geblieben waren; oder um anzuweisen, auf welche Art sie neue Ressourcen sich öffnen konnten. Hin und wieder rastete der General ein halbes Stündchen in der Mitte seiner Officiere, meistens über die Ereignisse des Tages sich unterhaltend, bis irgend ein neuer Gedanke der Fürsorge für seine Freiwilligen der kurzen Muße ihn entriß.
Am 28. August brachen wir von Chelva auf, wo Arévalo mit seinen Bataillonen zurückblieb. Wir zogen, nur vier Bataillone und einige Escadrone, über Titaguas der Provinz Cuenca zu, wurden aber bald durch Theile der Division vom Ebro und von Aragon verstärkt; wir sollten, so hieß es, nach der Mancha ziehen, wiewohl die eingeschlagene Richtung eher auf die Provinz Guadalajara als das Ziel des Marsches zu deuten schien.
Nachdem wir in einigen unbedeutenden Dörfern geruhet hatten, setzten wir am folgenden Tage den Marsch fort. Da erschien ein Spion, von mehreren Bauern begleitet, und ward angelegentlich vom General examinirt; der Marsch ward beschleunigt, Ordonnanzen entfernten sich in scharfem Trabe rechts und links, und bald erzählten sich die Adjudanten des Generals, daß wir eine feindliche Colonne angreifen würden. Der Spion hatte die Nachricht gebracht, daß fünf Bataillone und drei Escadrone der Division von Cuenca langsam dieser Stadt zuzögen, da sie den Aufenthalt Cabrera’s in el Turia und die Anhäufung von Truppen daselbst erfahren hatten. Wir eilten daher, den Rückzug dorthin ihnen abzuschneiden.
Am Mittage des 30. August vereinigten wir uns mit General Forcadell, der einige Bataillone von seiner Division und vier Escadrone uns zuführte, dann stieß auch Valmaseda mit seinen Reitern und die Escadron von Toledo zu uns. Wir hatten ohne Aufenthalt den ganzen Tag marschirt, als ein neuer Confident erschien, dessen Mittheilung den General, der fast ohne zu sprechen an der Spitze der Divisionen einherritt, lebhaft anregte. Er wandte sich mehrere Male zu uns um mit den Worten: „los tenemos, Señores!“ — wir haben sie! — und Blitze sprühten aus den leuchtenden Augen. Die feindliche Colonne war nach Carboneras, vier Stunden von Cuenca, abmarschirt, um dort zu übernachten und am Morgen Cuenca zu erreichen.
Nachdem am Abend kurze Zeit gerastet war, setzten wir mit jeder Vorsicht wieder den erschöpfenden Marsch fort, dessen Beschwerden die Freiwilligen in der Hoffnung auf baldigen Kampf freudig ertrugen. Über schroffe Gebirge auf fast ungangbaren Pfaden schritten die Bataillone Mann hinter Mann einzeln hin, so daß häufig auf freierem Platze angehalten wurde, um die Queue der langgedehnten Marschcolonne nachkommen zu lassen; die Cavallerie aber schlug andere, weitere Wege ein, den Windungen der Thäler folgend. Kurz vor Tagesanbruch vereinigte sie sich mit der Infanterie; bald ward wieder Halt gemacht. Todtenstille herrschte unter den Truppen; eine dunkele Masse nicht achthundert Schritt vor uns sollte das vom Feinde besetzte Dorf sein, und doch verrieth kein Laut die Gegenwart lebender Wesen in ihm. Da schallte der eintönige Ruf der Schildwachen zu uns herüber — ein Jeder wohl athmete leichter, von schwerer Last die Brust befreit. Wenige Minuten später, als schon der Tag dämmerte, ertönte im Dorfe die Diana, die Feinde zum Morgen-Appell rufend.
Unsere Escadrone trabten rechts und links ab, den Ort zu umstellen, während die Bataillone auf die niedrigen Anhöhen rings sich vertheilten, von denen die leichten Geschütze in dem Augenblicke ihr Feuer eröffneten, in dem die Infanterie zum Sturm gegen die Häuser vordrang, welche, gleichfalls auf einer Höhe liegend und sämmtlich massiv, einer kräftigen Vertheidigung fähig waren.
In Carboneras befanden sich zwei Bataillone von Ecija und ein und ein halbes von dem Linien-Regimente el Rey nebst zwei Escadronen; ein Bataillon des Regimentes Reyna Gobernadora, ein halbes vom Rey und eine Escadron standen in Reilla, eine Stunde weit auf dem Wege nach Cuenca liegend. Gegen diese wandte sich Forcadell mit einem Theile des Corps. Er traf die Feinde auf dem Marsche, da sie, das Feuer hörend, ihren Cameraden zu Hülfe eilten, griff sie an, zersprengte sie gänzlich und machte etwa 500 Gefangene, von denen zwei Compagnien der Reyna Gobernadora niedergemacht wurden, da sie, nachdem sie sich ergeben hatten, wieder zu den Gewehren griffen und von hinten auf die Sieger feuerten.
Forcadell rückte dann zur Beobachtung gegen Cuenca vor, wohin am Abend, keine Gefahr ahnend, der Anführer der Division mit seinem Chef des Generalstabes zu einer Berathung mit dem commandirenden General der Provinz gezogen war, so daß, da der zweite Commandeur in Reilla sich befand, der älteste Oberstlieutenant zu Carboneras commandirte.
Der Angriff unserer Freiwilligen, wie erschöpft sie auch sein mußten, war äußerst brav, aber der Feind, von der ersten Überraschung zurückgekommen, vertheidigte sich mit gleicher Bravour; jedes Haus mußte einzeln genommen werden, in jedem kämpften die Christinos verzweifelt und räumten es gewöhnlich erst, wenn es angezündet über ihnen zusammenzufallen drohte. Die Bataillone, nachdem sie einige Stunden gefochten hatten, wurden durch andere abgelöset, um zu ruhen, worauf sie von neuem ins Feuer gingen, während ihre Cameraden auf einige Zeit zurückgezogen wurden. Das Dorf brannte fortwährend rings umher, dichte Rauchwolken gen Himmel sendend, aus denen das ununterbrochene Knallen der Schüsse, das wilde Geschrei der Fechtenden und das Krachen der einstürzender Mauern schauerlich durch einander tönten. Am Abend hatte die Eroberung der Trümmer von etwa zwanzig Häusern, die zum Theil mit dem Bajonnett genommen und wieder genommen waren, uns schon über 300 Mann gekostet.
Mit immer gleicher Wuth von beiden Seiten tobte der Kampf die Nacht hindurch; doch waren die Christinos während derselben schon bedeutend nach der Mitte des großen Dorfes zusammengedrängt, rings von einem Kreise rauchenden Schuttes und halb eingesunkener Wände umgeben, wodurch das Vordringen unserer Freiwilligen bedeutend erschwert wurde. Auch die noch vertheidigten Häuser brannten langsam weiter, indem die Angreifer bemüht waren, brennbare Stoffe um sie her anzuhäufen. Die Einwohner des Dorfes aber, von denen freilich einige getödet waren, retteten sich meistens zu uns und wurden auf des Generals Befehl sofort in den nächsten Dörfern untergebracht.
Cabrera war wüthend. Er fluchte den Feinden und drohete furchtbare Rache, da sie ganz ohne Hoffnung auf Hülfe nutzloses Blutvergießen veranlaßten,[89] er jammerte über seine armen Burschen, wie sie fortwährend todt oder verwundet aus dem Getümmel zurückgebracht wurden; dabei waren noch immer keine Lebensmittel vorhanden, und die Hitze wurde gegen Mittag furchtbar drückend. Endlich erschien ein großer Convoy, von dem nahen Cañete gesendet, worauf der General sofort den gerade ruhenden Truppen einen Theil der Lebensmittel austheilen ließ und dann, da sie kaum gegessen hatten — an Kochen war natürlich nicht zu denken, — zur Ablösung der kämpfenden Bataillone sie schickte, damit auch diese mit Brod und Wein sich stärkten. Zwei Maulthierladungen von Orangen, welche der Gouverneur von Cañete aus besonderer Aufmerksamkeit dem General bestimmte, befahl er nebst dem exquisiten Weine den Verwundeten zu bringen, für sich und jeden Officier seines Stabes eine Orange zurückhaltend.
So oft ein Haus lebhaften Widerstand leistete, beorderte Cabrera irgend einen Officier aus seiner Umgebung, an die Spitze der Stürmenden sich zu stellen; und wehe! wenn er nicht der Erste der Gefahr sich entgegenwarf. Auch ich ward mehrere Male mit solchen Aufträgen geehrt und führte sie mit Glück aus. Cabrera selbst setzte sich häufig der größten Gefahr aus und ging bis dicht an die noch vom Feinde vertheidigten Gebäude vor. Officiere und Ordonnanzen wurden an seiner Seite verwundet, und ein Capitain von Tortosa, da er vor dasselbe Fenster eines eben eroberten Hauses trat, aus dem der General eine Sekunde vorher den Fortgang des Kampfes beobachtet hatte, ward durch eine Büchsenkugel zu seinen Füßen todt niedergestreckt.
Schon nahete wieder der Abend, und immer noch hatten die Christinos zehn oder zwölf Häuser rings um die Kirche inne, aus denen sie ein lebhaftes Feuer gegen die anstürmenden Truppen unterhielten. Mit mehreren Adjudanten und anderen Officieren stand ich hinter dem General, der bleich mit furchtbar gefalteter Stirn und über einander gekniffenen Lippen den vierten Sturm beobachtete, welchen eine Compagnie von Tortosa auf ein kleines, unscheinbares Haus machte, das, aus der noch vom Feinde besetzten Masse vorspringend und sie flankirend, mit großer Festigkeit behauptet wurde und ganz von Truppen gefüllt schien. Wieder mußten die braven Tortosiner weichen, nachdem die am kühnsten vorwärts Dringenden unter dem mörderischen Feuer gefallen waren.
Einen Augenblick stand der General starr, nur das Gesicht von einer krampfhaften Bewegung durchzuckt; dann wandte er rasch sich um, und das geisterhaft flammende Auge auf die sich zur Seite wendenden Officiere gerichtet, rief er mit Donnerstimme: „Wer wagt es? Niemand, carajo?“ Mit hochklopfendem Herzen flog ich, von einem jungen Cavallerie-Officier begleitet, an die Spitze der Grenadiere, denen Cabrera ermunternd: „Vorwärts noch ein Mal, Burschen, und stecht die Teufel alle nieder!“ zurief.
Mit lautem viva el Rey! viva Cabrera! stürmten wir vorwärts. Nach fünf Minuten langem Ringen im Innern des Hauses hatten die herrlichen Tortosiner es genommen, alle Räume mit Todten und Sterbenden gefüllt; schon feuerten sie aus den Fenstern auf die zunächst liegenden Gebäude.
In dem Augenblicke, da der General in das Haus trat, sah ich, wie einige Freiwillige drei verwundete Christinos, die einzigen überlebenden von den Vertheidigern, aus einem Winkel hervorschleppten; sie durchbohrten kaltblütig den Ersten, einen Officier, und hoben die Bajonnette, um die Andern, welche umsonst Gnade erflehten, zu opfern, als mein Ausruf des Entsetzens: „Halt, Infame, Pardon!“ ihre Wuth hemmte. Da herrschte Cabrera finster mir zu: „ich habe befohlen, kein Pardon, Herr Capitain!“ mit einem Zornesblick vom Kopf zum Fuß mich messend, wie ich nie so drohend ihn gekannt. — Mein Entschluß, Aragon zu verlassen, stand fest, während ich unmuthig nun mit verdoppelter Anstrengung in den Kampf mich stürzte.
Während der folgenden Nacht trieben wir den Feind, dessen Widerstand, wiewohl stets entschieden, doch augenscheinlich mehr und mehr erschlaffte, von einem Hause zum andern nach dem Mittelpunkte zusammen, nicht ohne manchen braven Gefährten einzubüßen. Beim Anbruch des Tages hielt er nur noch die Kirche mit ihrer unmittelbaren Umgebung inne, nach der er seine Pferde, Bagage und viele Verwundete gerettet hatte, und die in der Eile durch Öffnung von Schießscharten zur Vertheidigung eingerichtet war. Obgleich wir die verzweifelte Lage der Christinos kannten, welche, seit vielen Stunden ohne einen Tropfen Wassers, unmöglich lange ausharren konnten, befahl dennoch der General erbittert aufs neue den Sturm, als ein Officier, von einem Trompeter begleitet, sich zeigte und zu capituliren begehrte.
Ein Capitain von Tortosa ging zuerst bis zur Kirchenthür ihm entgegen, wohin ich mit andern Officieren ihm folgte. Als wir den kleinen Platz zwischen den Trümmern der zuletzt genommenen Gebäude und der Kirche überschritten, sahen wir in allen Schießscharten die Mündungen der Gewehre blitzen und dahinter die dunkel geschwärzten Köpfe der feindlichen Soldaten — wohl um zu imponiren; doch wurden sie auf unser Verlangen sofort zurückgezogen.
Die Christinos forderten nach kurzem Gespräche, während dessen einem jüngern Officier, da er seine unzähmbare Gier nach Wasser aussprach, seine Cameraden drohende Blicke der Wuth und Verachtung zuwarfen, daß ihnen freier Abzug nach Cuenca mit Waffen und Gepäck zugestanden werde. Als der General auf die Meldung des Tortosiners dagegen unbedingte Ergebung verlangte, baten die Parlamentaire, selbst zu Cabrera geführt zu werden, was sofort geschah. Sie bestanden nach langem Unterhandeln daraus, daß die Colonne erst nach acht und vierzig Stunden sich ergebe, im Fall kein Entsatz käme, daß ihr aber bis dahin Lebensmittel und vor allem Wasser geliefert werde. Da erklärte der General, die Uhr hervorziehend, daß, wenn in zehn Minuten die Kirche noch besetzt sei, Niemand lebend sie verlassen werde. Vor Ablauf der Frist zogen die Christinos compagnieweise aus der Kirche, von Pulverdampf und Rauch geschwärzt und verzehrt vom glühendsten Durst, so daß viele unter ihnen nicht mehr vermochten, ein Wort zu sprechen.
Über 2100 Mann, unter ihnen 450 Verwundete, streckten die Waffen, so daß wir mit den Gefangenen Forcadell’s deren etwa 2400 zählten; 1620 Mann waren unter den Trümmern des Dorfes und in der Action Forcadell’s umgekommen, während von der ganzen schönen Division nur 800 Mann von Reilla nach Cuenca entflohen waren. Auch fielen 140 Pferde und fast 4000 Gewehre in unsere Hände. Bei dem verzweifelten Widerstande des Feindes mußte natürlich unser Verlust gleichfalls bedeutend sein: mehr als 800 Mann waren außer Gefecht gesetzt.
Cabrera — ich muß es hier wiederholen — während er im Getümmel des Kampfes und vor Allem, wo er seine Freiwilligen um sich her fallen sah, keine Schonung kannte und, von Haß und Rache glühend, den fechtenden Feind bis auf den letzten Mann vernichtete; Cabrera bewährte gegen die Entwaffneten, die Gefangenen stets den Edelsinn und die Großherzigkeit, welche den Grundtypus seines Charakters bilden. Auch bei Carboneras wurden die Gefangenen mit ungewöhnlicher Großmuth behandelt. Sie behielten ihr Gepäck unangerührt, und den Officieren wurden selbst die Pferde für den weiten Marsch bis zum Depot gelassen, während alle ihre Bedürfnisse sogleich mit höchster Sorgfalt befriedigt wurden. Als aber dem General angezeigt ward, daß die Christinos kurz vor der Übergabe die in den Cassen befindlichen bedeutenden Fonds nach Verhältniß ihrer Grade unter sich vertheilt hätten, wobei man ihm bemerklich machte, daß er auf sie als königliche Gelder vollkommenes Recht habe, befahl er: „Nein, laßt es den Armen; sie werden mehr, als wir, es nöthig haben.“ Die unglücklichen Einwohner aber des zerstörten Dorfes sprach er für die Dauer des Krieges von jeder Abgabe und Leistung frei, ließ auf Kosten des Gouvernements die zerstörten Wohnungen ihnen aufrichten und bewilligte ihnen ansehnliche Vorräthe an Korn für den Unterhalt und die Aussaat.
Nach Beendigung des Kampfes bat ich den General von neuem um Paß nach dem Heere von Catalonien, und er gestand ihn ohne Schwierigkeit mir zu. Ich ersetzte die ganz erschöpfte Kraft durch Speise und kurzen, aber erquickenden Schlaf und ritt am Nachmittage auf Cañete zurück, nachdem ich einen letzten Blick auf das unglückliche Dorf geworfen hatte, in dem nur die Kirche mit vier oder fünf Häusern aus dem Trümmerhaufen emporragte. Gräßlich durch das Feuer verstümmelt, lagen Leichen in Entsetzen erregender Zahl unter dem mit Blut getränktem Schutte der zusammengestürzten Gebäude, aus dem noch hie und da dichte Rauchsäulen und zuweilen auflodernde Flammen sich erhoben. Ringsum waren die Bataillone und Escadrone gelagert, von der schweren, sieggekrönten Arbeit ruhend, nachdem sie jubelnd im feurigen Weine, der nach dem Kampfe ausgetheilt wurde, auf das Wohl ihres Königs und des angebeteten Feldherrn getrunken. Schmerzlich bewegt zog ich von dannen; ich beneidete die Braven, welche ich verließ, überzeugt, daß Großes ihrem Muthe vorbehalten sei. Unterweges traf ich viele Officiere und kleine Truppenabtheilungen, die ihnen sich anzuschließen eilten, so wie ein starkes Detachement Sappeurs, welches von Cañete herab zum Heere beordert war.
Nachdem ich wieder einige Tage bei dem wackern Arévalo zugebracht hatte, reisete ich über Vejis, Linares und Mosqueruela langsam nach Morella, von wo aus ich nach Catalonien abzureisen gedachte. Überall zeigten die Gebirge, welche ich zu übersteigen hatte, der wahre, ein mächtiges Hochplateau bildende Knoten der wilden Sierras von Unter-Aragon, jene Schroffheit und Unzugänglichkeit, welche im Königreiche Valencia mich frappirt hatten. Die Thäler aber waren nicht mehr so lieblich und so reich bebaut, wie dort; auch sie trugen das Gepräge der Ungastlichkeit und Rauheit, so wie die Wohnungen sich nicht durch jene Sauberkeit auszeichneten, mit der der Valencianer auch die Hütte anziehend zu machen weiß.
Dagegen ward ich überall wahrhaft herzlich willkommen geheißen und mit tausend Fragen über die Armee und ihre letzten Siege bestürmt, die gewöhnlich mit einem enthusiastischem viva Don Ramon! geschlossen wurden. Diese Bergbewohner hatten in der That seit dem Beginn des Krieges sich stets als echte Carlisten bewährt und standen daher hoch in der Gunst Cabrera’s, dessen sie sehr wohl sich erinnerten, wie er als Abanderado in dem Corps von Carnicer im Studentenrock und ein buntes Tuch turbanartig um den Kopf gewickelt[90] die Sierra’s durchstrich, oft nur durch die Ergebenheit der Landleute von den verfolgenden Streifparthieen der Negros gerettet.
Schon jetzt war in diesen Gebirgen, deren Bewohner, auf den Bau von Roggen und Kartoffeln beschränkt, durch Gewerbthätigkeit das Fehlende sich ersetzen, die Luft rauh und herbe geworden, und wiewohl am Mittage die belebende Wärme der Sonne in sengende Hitze überging, waren doch die Nächte schauerlich frisch, und schneidende Kälte begleitete die Winde von den mit Schnee bedeckten Höhen herab. So näherten wir uns gern den mächtigen Feuern, welche in allen Häusern einladend vom Heerde uns entgegen leuchteten, da hier im Gegensatz zu den nackten Hochrücken von Valencia das Gebirge mit reichen Fichtenwaldungen bedeckt ist.
Gegen das Ende September’s langte ich in Morella an, dessen Castell von seinem Felsblocke herab weit umher über die niederen Berge hin sichtbar war. Ich bewunderte die feste Lage der Stadt, wie sie hoch über die Thäler erhaben um den Fuß des schützenden Felsens malerisch sich gruppirt, und ich bewunderte die Bravour der Christinos, welche trotz so vieler von der Natur ihnen entgegengesetzten Schwierigkeiten bis zum Fuße der Bresche stürmend vordringen konnten. Aber Staunen ergriff mich, als ich den ungeheuren Felskegel vor mir aufgethürmt sah, auf dessen Gipfel das Castell wie durch Zaubermacht hingepflanzt scheint; als ich die senkrechte Wand betrachtete, wo die braven Castilianer furchtlos sie erstiegen! Unmöglich scheint es, daß Menschen solches Unternehmen im Geiste auffaßten, unmöglich, daß Menschen sich fanden, die nicht vor der Ausführung schaudernd zurückbebten. Dort auf dem schmalen, abschüssigen Absatze in furchtbar schwindelnder Höhe faßten die Stürmenden Fuß, dort, über dem Abgrunde schwebend, setzten sie die gebrechlichen Leitern an zur Erklimmung der noch eben so hoch über ihnen senkrecht aufsteigenden Felsenmasse!?
Noch ward ich durch Rücksicht auf einige Officiere, die nach Catalonien mich begleiten wollten, in Morella und dem nahen Orcajo festgehalten, als am 6. October Cabrera dort ankam, finster die Stirn umwölkt, während schwankende Gerüchte verkündeten, daß Espartero mit zahlreichen Heerhaufen in Zaragoza stehe. Nachdem er O’Donnell, der zur Beobachtung von Valencia über Teruel nach Castilien sich richtete, durch gewandte Demonstrationen getäuscht und zurückgedrückt hatte, war der General mit zwölf Bataillonen und neun Escadronen nebst sechs Geschützen über Beteta nach Guadalajara aufgebrochen, wo keine feindliche Colonne mehr existirte, die seinem Vormarsch auf Madrid sich hätte widersetzen können. O’Donnell aber befand sich weit entfernt im Königreiche Valencia, während Forcadell und Arévalo mit neun Bataillonen und vier Escadronen in Cañete und dem Turia zurückgelassen waren, um das feindliche Heer zu beobachten und den Rücken des vordringenden Corps zu sichern.
In stolzer Zuversicht durchzogen die Colonnen das fruchtbare Hügelland Castilien’s; schon jubelten die Freiwilligen, nur noch zwölf Leguas von der Hauptstadt entfernt, des nahen, herrlichen Triumphes gewiß[91] — da ordnete Cabrera den Rückzug an und führte die erstaunten Truppen in Eilmärschen nach Aragon zurück. Er hatte die Nachricht von dem schmählichen Verkaufe von Bergara und dem Übertritt Carls V. nach Frankreich erhalten.
Espartero war in Zaragoza angekommen, um mit O’Donnell vereint die Armee Cabrera’s zu erdrücken, der sich schon durch den Letzteren von dem ganz vertheidigungslosen Hochgebirge abgeschnitten sah, welches die Grundlage und den Kern seiner Macht bildete. Bei seiner Annäherung zog sich jedoch der feindliche Feldherr ehrerbietig in die Festungen zurück, ohne den Rückmarsch zu stören. Cabrera eilte, zum Todeskampfe sich vorzubereiten.
[85] Denn die ganze Stärke der Armee des Centrum mit Garnisonen u. s. w. war etwa 60000 Mann.
[86] O’Donnell wollte überall durch Massen siegen, den kleinen Krieg gar nicht kennend. So erreichte er zwar augenblicklich sein Ziel, aber stets mit so ungeheurem Verluste, daß jeder Vortheil dadurch einer Niederlage gleich wurde.
[87] Die beiderseitigen Vorposten pflegten sich zu unterhalten, oft auch sich zu höhnen und zu schimpfen. Da nun die Carlisten ihre Gegner fortwährend verspotteten, daß sie durch so wenige Bataillone zurückgehalten würden, ward endlich der feindliche Führer durch die immer wiederholten und immer gleichlautenden Nachrichten von seinem Irrthum überzeugt.
[88] Die Truppen waren nie zufriedener, als wenn gegen einen von diesen Blutsaugern, die sie redlich haßten, solche rasche Justiz geübt wurde.
[89] Übrigens ließ er sie gar nicht zur Übergabe auffordern. Auch geschah das sehr selten in Spanien, indem der Bedrängte stets die ersten Schritte thun mußte.
[90] Die Kopfbedeckung der Guerrillas in Aragon und Catalonien bestand ursprünglich in diesem bunten Tuche, bis sie das Barett der Basken adoptirten.
[91] Ich will nicht deshalb behaupten, daß Madrid in jenem Augenblicke den Carlisten in die Hände gefallen wäre. Man darf vielmehr aus vielfachen Äußerungen abnehmen, daß es Cabrera’s Absicht war, Schritt vor Schritt Castilien zu erobern und durch angelegte Festungen — wie Cañete, Beteta — in ihm sich festzusetzen, bis er, wie er selbst sich ausdrückte, eine Kette von Forts errichtet hätte, deren letztes in die Fenster Maria Christina’s hineinschauen und auf immer den Trotz des revolutionairen Pöbels der Hauptstadt brechen sollte. — Aber sehr, sehr nahe war die Zeit des Triumphes, wenn nicht Espartero’s Ankunft die Lage der Dinge so ganz umkehrte.