XXVI.
Nach langer, leidenvoller Gefangenschaft war ich wieder frei. Bewunderung füllte mich für den jugendlichen Feldherrn, der aus dem Nichts seine zahlreichen Schaaren geschaffen, die wilden Guerrillas in disciplinirte Bataillone umgewandelt und mit seiner Schöpfung die Armeen geschlagen hatte, welche seit sechs Jahren in der Erdrückung der verachteten und immer herrlicher erblühenden Carlisten beschäftigt waren. Nun stand er gefürchtet ihnen gegenüber, den oft Besiegten rasche Vernichtung drohend. Ich glühte von Kampfbegierde und Sehnsucht, unter dem Helden zu streiten, auf den die Blicke aller Loyalen mit der Hoffnung des endlichen Triumphes gerichtet waren, während die Christinos mit Zagen den Tod verkündenden Namen hörten.
Und dennoch, wie ich vorher schon sagte, fühlte ich Grauen, da ich der Thaten jenes Mannes gedachte: sein Bild schwebte vor mir als das des blutdürstigen Ungeheuers, wie er ja immer der Welt dargestellt wurde, der schmählich den Glanz seiner Siege durch Grausamkeit und des Abscheues würdige Schandthaten trübte.
Kaum in San Mateo, einem der lieblichsten Städte unseres Gebietes, angekommen, eilte ich Urlaub zu erbitten, um den General aufsuchen und meinen Wunsch nach sofort thätigem Wirken ihm vorlegen zu können; ich konnte mich unmöglich entschließen, Wochen lang träger, erschlaffender Muße mich hinzugeben, wie sehr auch die Gefährten solches Glückes nach dem langen Dulden sich zu erfreuen schienen. Der Chef des Depots sah mich erstaunt an und — — schlug den erbetenen Urlaub mir rund ab. Er erklärte, daß wir, da der General die ausgewechselten Officiere zur Erholung hieher bestimmt habe, die höchste Undankbarkeit zeigen würden, wenn Jemand von uns, anstatt die gütige Fürsorge anzuerkennen, selbst zu neuer Arbeit sich darböte. Er wenigstens werde sich nie compromittiren, indem er zu solchem Schritte Urlaub gewähre.
Im Innern gegen alle Mönche wüthend, die ihren Rosenkranz mit dem Schwerdte vertauschten, schied ich von dem überängstlichen Mann. Denn Oberst Alcalde, übrigens ein ausgezeichnet braver und kenntnißreicher Mann, der, den Degen in der Faust, vom gemeinen Freiwilligen zum Obersten der Cavallerie sich emporgeschwungen hatte, war bis zu Ferdinands VII. Tode Bruder eines Prediger-Ordens, in dem er durch Wissen und besonders durch seine hohe Beredtsamkeit sich so hervorthat, daß er den rühmenden Beinamen des pico de oro — des Goldschnabels — sich erwarb. Da es uns indessen frei stand, das carlistische Gebiet zu durchstreifen, beschloß ich, einen meiner Cameraden nach Chelva im Turia zu begleiten, um das Land und das Volk, wie unsere Lage und Verhältnisse näher kennen zu lernen.
Unser Weg führte uns durch mehrere der vorzüglichsten Gebirgsketten — Sierras — des nördlichen Valencia. Sie erheben sich im Allgemeinen nicht zu so bedeutender Höhe, wie ich in den baskischen Provinzen, dem Zuge der Pyrenäen angehörend, sie überstiegen hatte; aber dagegen bestehen sie, furchtbar wild und rauh, aus schroffen, über einander gethürmten Felsen, durch und über welche die Pfade hinlaufen, jetzt so steil zur Schlucht sich senkend, daß die Maulthiere sitzend hinuntergleiten, und dann wieder, nicht selten ganz ohne Windung, mit stufenartig ausgetretenen, jedoch unregelmäßigen Absätzen eben so steil die gegenüberliegende Höhe hinaufstrebend. Das Gebirge war fast immer kahl, dadurch von denen Guipuzcoa’s und Vizcaya’s verschieden, welche, überall mit herrlichen Waldungen bedeckt, das Auge durch die mannigfachen Schattirungen des lachenden Grüns erfreuen, während diese nackten, finstern Felsmassen, die kaum spärliches Moos oder einzelne grünbraune Kriechpflanzen ernähren, von der Hand des erstarrenden Todes getroffen scheinen. Da stört der Schritt des Reisenden kein lebendes Wesen auf, und kein Vogel belebt durch muntern Gesang das unheimliche Schweigen der Natur; nur grün glänzende Eidechsen gleiten lautlos durch das Gerölle, und der heisere Schrei des auf den unzugänglichen Felsen horstenden Adlers dringt hoch aus der Luft drohend zum Ohre des Menschen, der mit verdoppelter Hast den lieblicheren Thälern zueilt.
Und dann die Wege![79] Wie ist es möglich, daß ein Mensch ohne Herzklopfen diese — was hier Wege genannt wird — betritt; wie kann er gar, dem allgemeinen Gebrauche gemäß, ruhig auf seinem Maulthiere sitzend über diesen Abgründen auf dem mit losen Steinen besäeten und abschüssigen Pfade hinziehen! Der nicht an solche Art des Reisens Gewöhnte glaubt jeden Augenblick die unvermeidliche Katastrophe da; ein Fehltritt des Thieres muß in die gähnende Tiefe ihn hinabstürzen, jedes unter dem Fuße desselben hinabrollende Steinchen scheint ihn mit sich zum Verderben hinunterreißen zu müssen.
Lange pflegte ich, so oft solch eine halsbrechende Stelle kam, seufzend abzusteigen, den eigenen Füßen mehr trauend als fremden, bis ich endlich, da ich regelmäßig mit Lebensgefahr einige Mal stürzte, während die Reiter sicher und ungefährdet unten anlangten, von dem Thörichten meiner Befürchtungen mich überzeugte. Da vertraute ich denn auch auf den Theilen des Weges, die allenthalben sonst als ganz ungangbar würden betrachtet sein, der Gewandtheit des Maulthieres beim Hinabsteigen mich an. — Das Hinaufklettern bietet im Vergleiche gar keine Gefahr dar. — Aber welche Vorsicht und welche Sicherheit zugleich entwickeln dann die klugen, dort so ganz unentbehrlichen Thiere! Mit den größten Lasten beladen schreiten sie langsam und ruhig über den Schwindel erregenden Abgründen hin; nie schwanken sie, nie gleiten sie aus; ja bei finsterer Nacht thun sie keinen Schritt auf dem gefährlichen Boden, ohne vorher mit dem Fuße das Terrain sorgfältig betastet zu haben.
Auch in den Wegen tritt also die große Verschiedenheit dieser Gebirgsmassen von denen der baskischen Provinzen hervor, wo die Hauptstädte durch die schönsten Chausseen Spaniens und auch die im wildesten Gebirge gelegenen Dörfer durch fahrbare Wege verbunden sind. Denn dort sind allgemein von Ochsen gezogene Karren zum Transporte üblich, während in Valencia jedes Fuhrwerk unbekannt und ganz durch Maulthiere und Esel ersetzt ist.
So wie wir aber von diesen hohen Gebirgszügen in die mannigfach gestalteten Thäler hinabstiegen, entfaltete die reiche Natur des Südens wieder ihre ganze köstliche Pracht und Fülle vor uns. Wiewohl der allgemeine Charakter der Wildheit auch hier häufig hervortritt und oft mitten in den fruchtbaren Auen ein nackter Felsblock schroff sich erhebt, wie durch eine ungeheure Macht von dem Gipfel jener Massen losgerissen und in die Thäler hinabgeschleudert,[80] so war doch der sorgfältig benutzte Boden in scharfem Contraste gegen die ungastliche Kahlheit der Gebirge mit edlen Südfrüchten, Wein und dem trefflichen Weizen bedeckt, den die pyrenäische Halbinsel so reichlich erzeugt; und die starre Rauhheit der höheren Luftschichten ging, wie wir mehr und mehr zu den Ortschaften hinabstiegen, in liebliche Lauigkeit und bald in die reine, trockene Hitze über, welche in diesen Ländern doch gar nichts Drückendes und Entkräftigendes hat, wiewohl sie oft Monate lang durch keinen Regenguß gemildert wird.
Denn alle Städte und Dörfer sind in diese bezaubernden Thäler zusammengedrängt, die, oft zu Stunden weiter Breite ausgedehnt, oft auch schluchtenförmig eingeengt, als wollten die benachbarten, steil abgedachten Felsen zur Vereinigung über sie hinabstürzen, überall das Bild des regsten Lebens darbieten. Einzelne Gehöfte — masadas, masias —, schneeweiß und von Reben umrankt, liegen zerstreut zwischen den zahlreichen Ortschaften umher und lassen dem in das Thal Hinabsteigenden gleich einem jener weiten baskischen Dörfer es erscheinen, in denen jedes Haus, weit vom Nachbar getrennt, von den ihm angehörenden Ländereien umgeben ist. Dort schlängeln auch die Bäche, selten, bis sie die Ebene erreichen, zu größeren Gewässern vereinigt, durch die Gefilde befruchtend sich hin.
Auf den Gebirgen dagegen findet sich fast nie ein größeres Dorf und recht oft auf vier und fünf Stunden Entfernung selbst nicht ein einziges Haus, wohl aber sieht man hie und da einen viereckigen Raum, durch eine aus losen Steinen errichtete Mauer umgränzt, zur Einschließung des Viehes bestimmt, welches, meistens Ziegen und Schafe, als zur glücklichen Friedenszeit noch nicht Freund und Feind es aufgezehrt hatten, in den unwirthbaren Schluchten seine Nahrung suchte, die freilich spärlich genug ausfallen mußte.
Jetzt trafen wir sehr selten eine kleine Heerde von zwanzig bis dreißig Schafen; Cabrera hatte sie, da er aus der Mancha viele Tausende heimbrachte, fürsorglich unter die Landleute zu vertheilen befohlen, wie er denn bei jeder Gelegenheit den Landmann begünstigte, aus der drückenden Lage, in die der Krieg ihn gestürzt hatte, ihn zu heben und gegen die Anmaßungen des Soldaten zu schützen suchte. Vorher besaß die ganze, weite Sierra buchstäblich auch nicht Ein Stück Vieh mehr. Alles war requirirt und großentheils leider vergeudet worden, indem beim Beginn des Aufstandes von einer regelmäßigen Verwaltung und Benutzung der Hülfsquellen natürlich nicht die Rede sein konnte.
Die Bevölkerung dieses ganzen Theiles von Valencia war entschieden carlistisch gesinnt; ich habe stets gefunden, daß der Kern des Volkes es allenthalben gleich war, wenn man etwa die Andalusier ausnimmt: sie sind Nichts. Cabrera’s Armee bestand fast allein aus Valencianern, Aragonesen und Cataloniern; sehr wenige Castilianer fanden sich in ihr, und diese in der Division del Turia, da die während der Expeditionen in den letzten Jahren sich anschließenden Freiwilligen den Rekruten-Bataillonen zugetheilt wurden, welche nie konnten bewaffnet werden. Die Aragonesen aber waren weit zahlreicher im Heere, als jede der beiden andern Völkerschaften.
Der Bewohner von Nieder-Aragon ist ungebildet und selbst roh, aber zugleich bieder und treuherzig; seine unbezwingbare Halsstarrigkeit, welche das Sprüchwort der der Vizcainer gleichstellt, wird nur durch die Grobheit übertroffen, die er über Jedermann ohne Ansehn der Person ausschüttet und die sein ganzes Wesen, wie ein unveränderlicher Grundstoff, durchzieht. Selbst in den größeren Städten, in denen die dort einheimische Verderbtheit dem Charakter einen Anstrich von Treulosigkeit und Gefühllosigkeit gegeben hat, welche so oft zu den entsetzlichsten Excessen führten, hat jener grobe rücksichtslose Starrsinn nicht verwischt werden können. Dabei ist der Aragonese tief religiös gesinnt, was bei dem Zustande seiner Cultur stets in den krassesten Aberglauben ausartet, und auch in den Ausbrüchen der Leidenschaft, die bei ihm so furchtbar sind, wird er nie die höchste Achtung und Ehrfurcht vor Allem, was die Religion geheiligt hat, aus den Augen setzen. Das Bild der Jungfrau von Zaragoza,[81] der Schutzherrin von Aragon, trägt er stets als wohlthätiges Amulet auf dem Busen geborgen; an sie richtet er sein kurzes, glühendes Gebet, sie wird, so vertraut er fest, in der Todesstunde ihren Schützling segnend umschweben.
Körperlich kräftig gebaut, untersetzt, oft selbst plump, ist der Aragonese einer der besten Linien-Soldaten Spaniens, so lange er durch strenge Disciplin gefesselt ist; wo sie irgend erschlafft, wo er gar in den Vorgesetzten Schwäche wahrnimmt, wird er sofort das Joch der Subordination von sich schütteln, und schwer ist es dann, ihn wieder zur Ordnung zurückzuführen. Daher waren die Bataillone von Aragon unter Cabañero’s schwacher Leitung stets undisciplinirt und zu jeder Unordnung, vor Allem zu Plünderung und Marodiren geneigt, was das Mißlingen manches Unternehmens veranlaßte — so des Angriffes auf Zaragoza. — Seit aber Llagostera, der jedoch zum Theil durch seine grobe Härte — auch er ist Aragonese, — weit mehr noch durch manche andere Fehler, besonders Habsucht, den Haß seiner Soldaten auf sich zog, den Oberbefehl der Division übernommen hatte, zeichnete sie sich durch Organisation und Disciplin sowohl, wie im Kampfe fortwährend aus.
Der Aragonese wird übrigens mit eben der Festigkeit gegen eine feindliche Veste geschlossen zum Sturm vorgehen, mit der er als Tirailleur Stunden lang Schuß auf Schuß mit dem gegenüberstehenden Gegner wechselt, in Masse formirt die Cavallerie bis auf zwanzig Schritt sich nahen läßt oder auf der Bresche mit unerschütterlicher Kaltblütigkeit dem Andrange des stürmenden Feindes sich entgegenstemmt. Doch wird er sich oft ohne Nutzen aufopfern, um nur nicht weichen zu müssen.
Ganz verschieden von dem Sohne des rauheren Aragon ist der Valencianer. Leicht und gewandt ist er furchtbar im ersten Sturm des Enthusiasmus, der aber eben so rasch verfliegt und dann gänzliche Erschlaffung zurückläßt; weichlich, wie Klima und Lebensart natürlich ihn machten, ermüdet er schon, wo sein aragonesischer Camerad, der zwar anfangs langsameren Schrittes ihm folgte, der inwohnenden Kraft wahrhaft sich bewußt wird. Im Valencianer ist Nichts fest und entschieden: er schwankt wie das Rohr vor jedem Winde und folgt augenblicklich dem eben gegebenen Impuls, um durch den nächsten in vielleicht ganz entgegengesetzte Richtung sich werfen zu lassen. Er ist scharfsinnig und listig, ohne Treue und Glauben; ein Wort reizt ihn zu brausendem Zorne, und er stürzt sich auf den Beleidiger, das lange Messer ihm durch die Brust zu stoßen; aber eben so rasch besinnt er sich, zieht sich lächelnd zurück und — erwartet den wehrlosen Feind hinter einer Ecke verborgen, um im Dunkel der Nacht unbestraft seine Rache an ihm zu kühlen.
Die valencianischen Truppen taugen nur zum ersten, raschen Angriff, wenn die Entscheidung augenblicklich herbeigeführt werden kann; so sind sie auch wohl zu dem unregelmäßigen Gefechte der ursprünglichen Guerrilleros geeignet,[82] denen der Kampf fast nur in Überfällen, Hinterhalten und Fliehen besteht. In dem schon regelmäßig organisirten Heere Cabrera’s dagegen waren die Bataillone der Division von Valencia immer die am wenigsten disciplinirten und wurden in jeder Hinsicht als die unzuverlässigsten und schlechtesten angesehen.
Zu festem, regelmäßigem Linien- und Massenkampfe mit den Colonnen der christinoschen Infanterie taugten sie gar nicht: sie wurden augenblicklich gebrochen und in wilde Flucht geworfen, denn geordneter Rückzug war ihnen unbekannte Sache. Bei dem Anblicke der Cavallerie aber pflegten sie, wenn nicht durch das Terrain gesichert, sich zu zerstreuen, indem ein Jeder für sich im Laufe sein Heil suchte. Und sie liefen leicht mit den Pferden um die Wette. — Daher schlug Cabrera alle seine siegreichen Actionen mit den Divisionen von Aragon und vom Ebro.
Diese letztere hat den höchsten Ruf erworben: doch müssen dabei ihre beiden Theile streng gesondert werden. Sie bestand aus Cataloniern, den Landsleuten Cabrera’s, welche indessen mit den echten Cataloniern wenig gemein haben und ihnen selbst nicht angehören wollen: sie nennen sich Tortosinos und sehen mit gleicher Eifersucht auf Valencia und Catalonien, keinem von beiden sich zurechnend. Es sind die Bewohner des Ebrothales und des kleinen Theiles dieses Fürstenthumes, der sich südlich von dem Strome hinzieht. Sie bilden den Übergang von dem rauhen, braven Aragonesen zu dem geschmeidigen und weichlichen Valencianer, indem sie viele der bessern Eigenschaften der beiden Nachbarvölker in sich vereinigen und von deren Fehlern auch nicht ganz frei geblieben sind. Sie haben neben der unverwüstlichen Kraft und Ausdauer des Aragonesen die Körpergewandtheit und Leichtigkeit der Valencianer erhalten, deren auflodernde Heftigkeit und Rachsucht sie dafür auch theilen. Bieder und treu im Umgange verbinden sie damit die Schlauheit, durch die sie ihren Vortheil wohl zu wahren wissen.
In Betreff des militairischen Werthes dieser Süd-Catalonier muß wohl die Brigade von Mora, welche von ihren eigenen Officieren geführt wurde und nicht unter dem Einflusse von so vielen einwirkenden Umständen war, als Grundlage für die Beurtheilung angenommen werden. Sie sind demnach entschieden brav und fest beim Angriffe, tollkühn beim Sturm; aber selbst angegriffen verlieren sie leichter die Ruhe und Besonnenheit, und es ist vorgekommen, daß sie, ehe der Feind auch nur einen Schuß auf sie that, fliehend sich zerstreuten, da er durch langes Manövriren, dem sie sich nicht gewachsen glaubten, ihr anfängliches Feuer in Muthlosigkeit erkalten machte. Doch waren sie leicht disciplinirt und ertrugen standhaft jede Beschwerde.
Ganz verschieden aber zeigte sich stets die Brigade von Tortosa, die Garde des Grafen von Morella, zuletzt vier Bataillone stark. Sie focht mit hoher Auszeichnung immer gleich kaltblütig, gleich brav und entschlossen, und wie sie wahrhaft der Kern war, um den die Armee nach und nach sich gebildet hatte, so wurde sie auch die Elite derselben. Sie war begeistert durch das Gefühl, daß der angebetete General, den sie überall begleitete, als Landsmann und als Schöpfer ihr angehöre, und sie verrichtete heroische Thaten, um der Vorliebe eines solchen Führers sich würdig zu zeigen.
Unendlich Viel trug zu dieser Überlegenheit der Brigade von Tortosa über ihre Brüder von Mora ohne Zweifel der Umstand bei, daß Cabrera alle die ausgezeichnetsten Officiere der Armee, einen Jeden, der durch eine hohe Kriegerthat hervorleuchtete, zur Ergänzung der täglich in jener Brigade geöffneten Lücken[83] bestimmte. Und was hätte er mehr thun können, um sie zu heben! So durfte sie in Disciplin, Bravour, unerschütterlicher Festigkeit und Ausdauer den Elite-Truppen der ersten Armeen Europa’s an die Seite gestellt werden. In äußerer Ausschmückung stand sie freilich weit hinter ihnen.
Wie seine Officiere wußte Cabrera auch die Vorzüge und Schwächen seiner Truppen genau zu beurtheilen und sie immer dahin zu stellen, wo sie ihrer Eigenthümlichkeit wegen den meisten Erfolg hoffen durften. Die Division von Valencia sehen wir daher fast nie bei einer regelmäßigen Action genannt, sie wurde gewöhnlich in kleineren Detachements in der Art des Guerrilla-Krieges in den Provinzen verwendet, in denen das Terrain auch dem Feinde die Entwickelung seiner Massen nicht gestattete. Daher war sie besonders im gebirgigen Theile von Valencia, im Turia und in der Provinz Cuenca höchst thätig, während Cabrera mit den andern Divisionen in die ebeneren Provinzen, die Huerta, das westliche Aragon, Mancha und Guadalajara sich ausdehnte.
Am 31. Juli langten wir in Chelva an, einem niedlichen Städtchen nicht fern vom Guadalaviar, umgeben von Weinbergen und reizenden Gärten, in denen alle Arten von Südfrüchten prangten. An demselben Tage wurde ich dem Brigadier Arévalo vorgestellt, welcher damals en Chef die Provinz del Turia und die Division von Murcia commandirte, die er, ein erfahrener Militair, der seit dem Unabhängigkeits-Kriege in dem königlichen Heere gedient hatte, täglich mehr hob. Er sagte, daß er einen Angriff des Feindes erwarte, und erlaubte uns gern, da er zu schlagen entschlossen war, für diesen Fall seinen Truppen uns anzuschließen, wie er denn überhaupt durch höchst feine Bildung und Artigkeit vortheilhaft vor vielen unserer andern Chefs sich auszeichnete, die nur brave Soldaten und gute Anführer waren.
Der folgende Tag war in Lust und Scherz hingegangen, indem einige Officiere der dortigen Division in die tausendfachen Annehmlichkeiten der Stadt und ihrer köstlichen Umgebung uns einzuführen bemüht waren. Nachdem wir lange zu Pferde umhergestreift und dann dem üppigen Nationaltanze zugeschaut hatten, zogen wir uns nach Mitternacht vom Kaffeehause nach unserm bequemen Logis zurück, wo die Wirthinn, eine ausgewanderte Murcianerinn, uns schwellende Betten bereitet hatte, wie wir seit Jahren so einladend sie nicht gesehen, mit dem Gaze-Netze gegen die Mosquitos sorglich versehen. Da weckte uns früh Morgens am 2. August das Wirbeln der Trommeln, wir erfuhren, daß eine feindliche Colonne gegen Chulilla heranziehe, weshalb die zwei Compagnien, welche in Chelva sich befanden, dorthin eilten. Es war die Brigade Ortiz, welche, 3000 Mann Infanterie und 400 Pferde stark, mit zwei Feldgeschützen von Valencia entsendet war, um die kaum begonnene Befestigung von Chulilla zu zerstören und dann gegen die Colonne Arévalo’s zu operiren.
Um acht Uhr Morgens waren wir in dem nur zwei Stunden entfernten Chulilla angelangt, einem kleinen, freundlichen Dorfe, über dem ein isolirter Felsen an den Guadalaviar gelehnt sich erhebt, der zur Errichtung eines Castells benutzt war, um dadurch sowohl el Turia nach Südwesten hin zu decken, als den Übergang über jenen Fluß und die Einfälle bis zum Xucar und in das Königreich Valencia den Unsern zu sichern. Kundschafter erschienen indessen von Minute zu Minute, die Bewegungen des Feindes zu verkünden; doch Arévalo blieb ruhig in dem Dorfe, wo den von allen Seiten sich vereinigenden Compagnien Brod und Wein nebst Munitionen ausgetheilt wurde. Erst als ein Bauer[84] die Nachricht brachte, daß die Negros nur noch eine kleine Stunde entfernt seien, schwang er sich auf’s Pferd und stellte sich an die Spitze der Bataillone; ich folgte ihm mit einigen Adjudanten auf einem Bergpferdchen, dem einzigen, welches ich hatte auftreiben können, und so klein, daß meine Füße nicht selten auf dem unebenen Boden streiften.
Etwa eine Viertelstunde von Chulilla entfernt zog sich der Weg zwischen zwei leichten Anhöhen hin; dort stellte Arévalo die drei Bataillone, welche sich vereinigt hatten, mit dem rechten Flügel an den Guadalaviar gelehnt, auf, während der linke einige Landhäuser besetzt hielt. Die Grenadiere und Jäger standen, in Tirailleurs aufgelöset, etwa vierhundert Schritt vorwärts in den Weinfeldern, und 40 Pferde wurden dem Feinde entgegengeschickt. Fast drei Escadrone waren in Chulilla zurückgeblieben. Kaum waren jene Dispositionen getroffen, als auf dem vorliegenden Höhenkamme die dunkele Colonne der Christinos sichtbar wurde, höchstens 2000 Schritt entfernt; sie zog langsam herab und rückte dann in drei Bataillons-Massen gegen unsere Stellung an, eine starke Tirailleurs-Linie vor sich ausbreitend und die Cavallerie auf beide Flügel vertheilt.
Ich hatte mich, eine Büchse in der Hand und die Patrontasche um den Leib geschnallt, der Grenadier-Compagnie des 1. Bataillon del Turia angeschlossen, welche nahe am Guadalaviar vorgeschoben war; pochenden Herzens und glühend von Ungeduld erwartete ich den Angriff der Feinde, jetzt da ich zum ersten Male nach so langer, schmerzlicher Ruhe, nach den tausendfachen Unbilden, die ich durch sie gelitten hatte, den Gehaßten mich gegenüber sah. Die Christinos drangen auf der Heerstraße fest vor, rechts und links durch die Cavallerie und einige Compagnien Infanterie gedeckt. Sie warfen mit Leichtigkeit die beiden Compagnien, welche dort sie empfingen, und erstiegen geschlossen die Anhöhe, auf der unsere Bataillone aufgestellt waren. Zugleich stürzte eine Escadron, welche im Trabe dem Flusse entlang avancirte, sich auf die Grenadiere, denen ich mich zugesellt hatte, und zwang uns, in ein nahes, mit niedrigen Weinstöcken besetztes Feld uns zu werfen, wo zwei Compagnien sofort mit dem Bajonnett uns angriffen. Einen Augenblick wichen die Grenadiere, die rechte Flanke der carlistischen Stellung entblößend. Aber sofort von ihren Officieren gesammelt und geführt, drangen sie wieder vor, trieben mit dem Rufe: viva el Rey! die beiden Compagnien vor sich her und nahmen das verlorene Weinfeld wieder, wobei sie zwanzig Gefangene machten.
Die Hauptmasse des Feindes aber rückte kräftig im Centrum vor, die carlistischen Tirailleurs mit einigem Verluste vor sich herschiebend, und seine beiden Escadrone des rechten Flügels jagten die dorthin gezogenen 40 Lanciers in die Flucht, zersprengten die Elite-Compagnien, welche nicht mehr Zeit hatten, sich in Masse zu bilden, und bedroheten die linke Flanke und selbst den Rücken unserer Bataillone in dem Augenblicke, in dem sie den Angriff der feindlichen Massen erwarteten. Die Lage der Dinge war kritisch; Mancher verfluchte wohl die Unvorsichtigkeit des Brigadiers, der unsere Reiterei unthätig in Chulilla ließ.
Da erschien plötzlich auf der Höhe, von welcher der Feind herabgestiegen war, ein starker Trupp Cavallerie, in eine dichte Staubwolke gehüllt; die Christinos verstärkend mußte er sofort unsere Niederlage entscheiden. Beide Colonnen standen bewegungslos, ungewiß, wem die im scharfem Trabe Nahenden Hülfe brächten, als ein langer Jubelschrei: son los nuestros! — die Unseren! — durch die Linie der Carlisten ertönte: die rothen und weißen Baretts leuchteten durch den aufquellenden Staub. Die drei Escadrone, welche Arévalo in dem Dorfe zurückließ, hatten dort den Fluß passirt, auf dem jenseitigen Ufer den Feind umgangen und fielen ihm nun in den Rücken, auf das linke Ufer zurückgekehrt.
Mit dem Losungsrufe viva Carlos quinto! stürmten sie gegen das nächste Bataillon der Christinos; großentheiles aus Rekruten bestehend, zerstreute es sich und riß auch das zweite Bataillon, das umsonst dem Drange sich zu entziehen suchte, in die Flucht fort. Arévalo gab zugleich das Signal zum allgemeinen Avanciren, und die sechs Elite-Compagnien warfen sich mit dem Bajonnette von vorn auf die nach allen Seiten Fliehenden, so die furchtbarste Unordnung erzeugend. Das eine Detachement der feindlichen Cavallerie ward gleichfalls zerstreut, da es zur Rettung der Infanterie unsere Escadrone chargirte, das andere stärkere floh, ohne zu kämpfen, auf Chiva. In einer halben Stunde war die ganze Colonne vernichtet, und die wilde Verfolgung der Fliehenden ward bis zum Abend fortgesetzt.
Nur die Jäger und Grenadiere der Bataillone waren zum Schuß gekommen und hatten etwa 120 Mann an Todten und Verwundeten eingebüßt. Dagegen wurden an jenem und dem folgenden Tage 1200 Gefangene nebst siebenzig Pferden und einer genommenen Kanone nach Chelva gebracht; die andere hatten die Artilleristen auf der Flucht in einen Brunnen gestürzt, wo sie unentdeckt blieb, bis einige Wochen später eine andere Division der Christinos sie herauszog und davon führte. Übrigens hatte der Feind, welcher nur 71 Todte aus dem Schlachtfelde ließ, von seinen Geschützen gar keinen Gebrauch gemacht.
Zweitausend Gewehre waren erbeutet, von denen die besten zur Bewaffnung einiger neu gebildeten Compagnien und zur Ergänzung der in der Division von Murcia fehlenden benutzt wurden, worauf Arévalo den Rest an den General Forcadell ablieferte, welcher damit das 7. Bataillon der Division von Valencia bewaffnete. Die Brigade Ortiz erschien nicht wieder im Felde. Uns aber empfing, da wir am Abend mit einem Theile der Gefangenen nach Chelva zurückkehrten, das Jubelgeschrei der treu carlistisch gesinnten Einwohner, gegen deren Insulte mit einiger Mühe die wehrlosen Christinos geschützt wurden. Sie bestanden fast ganz aus jungen, unbärtigen Männern aller Provinzen und schienen, vor wenigen Monaten mit Gewalt dem väterlichen Hause entrissen, nun fast erfreut, da ihre militairische Laufbahn für das Erste beendet war.
[79] Die Bewohner des Landes bezeichnen diese Wege mit dem nicht unpassenden Ausdruck der caminos reales de perdices — Rebhühner-Chausseen. —
[80] Der Volksglaube knüpft an diese isolirten Blöcke manche Sage und manchen Aberglauben. Einen derselben sollte Orlando — Roland — durch einen Fußtritt von einem benachbarten Felsberge hinabgeworfen haben, auf dessen Gipfel eine Lücke von ähnlicher Gestalt sichtbar ist. Nicht fern davon ist eine ungeheure Spalte in einem Felsen: Orlando öffnete sie mit einem Hiebe seines Schwerdtes im Kampfe gegen die Araber u. s. w.
[81] Als Nuestra Señora del pilar de Zaragoza — unsere Herrin von der Säule von Zaragoza — in ganz Aragon enthusiastisch verehrt. Die Capelle der Cathedrale, in der ihre auf einer Säule stehende Statue von Gold bewahrt ist, soll die prachtvollste der Halbinsel sein. Espartero suchte sich die Gunst der Aragonesen zu versichern, indem er bei seinem Durchzuge im Herbst 1839 der Jungfrau seine Ehrfurcht bewies; das Volk aber behauptete, er habe gar nicht die gehörigen Formen beachtet und sich benommen, als ob er zu hoch stehe, um ihre Jungfrau anzubeten.
[82] Dagegen taugten sie zu solchen nicht so gut, weil sie die Strapatzen einer solchen Kriegsart nicht zu ertragen wußten.
[83] Die Division, zu jedem schwierigen Unternehmen unter den Augen des Generals verwendet, litt immer ungeheure Verluste, so daß sie endlich aus lauter unbärtigen Jünglingen bestand. Die Officiere aber fielen natürlich stets die Ersten.
[84] Wo die Carlisten in ihrem Gebiete waren, ermüdeten sie selten die Truppen mit Vorposten-Dienst: jedes Dorf mußte die geringste Bewegung des Feindes sofort durch Eilboten melden und während der Nacht jeden Weg durch einen Posten bewachen lassen, so daß die Truppen durch mehrfache Reihen wachsamer Bauern geschützt waren.