XXV.
Seit langer Zeit war Cabrera’s Streben darauf gerichtet, durch Kauf mit Waffen sich zu versehen. Alle die Gewehre, welche seine Armee besaß, waren den Händen des Feindes entrissen, der größtentheils aus den britischen Zeughäusern sie erhalten hatte, und die Zahl der fortwährend erbeuteten mochte wohl den täglichen Abgang ersetzen — der unter den obwaltenden Verhältnissen ungeheuer war, da kein Kunstverständiger bei den Bataillonen sich befand, der den etwaigen Schaden sofort ausgebessert hätte — aber unmöglich konnten sie zu der Bewaffnung der zahllosen Rekruten hinreichen, welche von allen Seiten den Fahnen Carls V. zuströmten. Die so eben in Villarluengo etablirte Gewehrfabrik, noch in ihrer Kindheit und an Arbeitern Mangel leidend, konnte sehr wenig leisten.
So bildete denn Cabrera aus jenen Rekruten zwölf starke Bataillone, die vollkommen organisirt und exercirt wurden, um, sobald sie bewaffnet wären, zu den Operationen zugezogen zu werden. Leider sollte das Ende des Krieges sie fast alle in eben dem Zustande der Wehrlosigkeit finden, in dem sie ein Jahr vorher sich befanden, da alle Versuche des Generals, aus England und Frankreich Waffen sich zu verschaffen, an der Wachsamkeit der feindlichen Kreuzer und mehr noch an der Nachlässigkeit und der Gewissenlosigkeit der Agenten scheiterten.
Schon waren vier starke Transporte aufgefangen. Da endlich schien das Glück auch hierin Cabrera wohl zu wollen — und was hätte es Größeres für ihn thun können! —: ein mit zehntausend Gewehren von England abgesegeltes Fahrzeug erschien im Februar 1839 an der Küste von Catalonien, südlich vom Ebro, wohin schon sämmtliche Rekruten dirigirt waren. Aber das Meer ging unruhig, so daß das Schiff nicht der Küste sich nähern konnte, und der Eigner weigerte sich, dem Wunsche Cabrera’s gemäß, gegen vollständige Entschädigung es auf den Strand laufen zu lassen. Der Stiefvater des Generals, ein alter Seemann, der die carlistische Marine, einige große Kähne, befehligte, wagte es endlich, zu dem Schiffe hinüberzufahren, und brachte zweihundert schöne Gewehre ans Land; das Unwetter machte jeden weiteren Versuch unnütz. Am folgenden Tage sprang der Wind um, das Fahrzeug ward genöthigt, weiter in’s hohe Meer hinauszusegeln; zwei Guardacostas nahmen es unter den Augen Cabrera’s und führten es nach Barcelona.
Die Hoffnung des carlistischen Heerführers, den Feldzug an der Spitze von dreißig disponibeln Bataillonen zu eröffnen, war durch dieses neue Mißgeschick vereitelt. Welche außerordentliche Resultate eine solche Vermehrung seiner Streitmacht hervorbringen mußte, begreift leicht ein Jeder, der die Erfolge zu würdigen weiß, welche er selbst ohne sie während der Campagne des Sommers errang. Sie machten ihn zum unumschränkten Gebieter des ganzen Kriegsschauplatzes und verbürgten, da sechs Generale nach einander seine Fortschritte umsonst zu hemmen gesucht hatten, die Ausführung des herrlichen Planes, durch die Unterwerfung von Castilien und die Einnahme der Hauptstadt den langwierigen Kampf zu enden.
Durch die kleine Festung Montalban am Flusse Martin dominirten die Feinde einen großen Theil des Hügellandes von Unter-Aragon, so oft die carlistischen Truppen auf einem andern Theile des Kriegsschauplatzes standen; zugleich hatten sie in ihr einen willkommenen und gegen das Hochgebirge vorgeschobenen Stützpunkt für ihre Operationen in jenem Königreiche. Diese Vortheile beschloß Cabrera ihnen zu entreißen; sein Adlerauge wählte ein altes, in Ruinen zerfallenes Bergschloß zur Ausführung des Beschlossenen: Segura, drei Leguas westlich von Montalban und in der Mitte des reichen, hügeligen Distriktes, der bis zum Ebro von dem Gebirgsstock von Unter-Aragon sich hinabsenkend, bisher stets den feindlichen Colonnen offen gestanden hatte — Segura sollte befestigt werden.
Viele Schwierigkeiten bot das Unternehmen. Nachdem er die feindliche Hauptarmee unter Oráa tief nach Valencia hinuntergezogen hatte, erschien Cabrera plötzlich in Unter-Aragon, bedrohete Caspe, überschritt den Ebro, lockte die zur Deckung der Provinz zurückgebliebene Division Mir durch geschickte Bewegungen nach Zaragoza, passirte wiederum den Ebro und warf sich mit den Divisionen vom Ebro und von Aragon in Eilmärschen auf den ausersehenen Punkt. Am 7. März dort angelangt, ließ er sofort mit höchstem Eifer die Befestigungsarbeiten beginnen, während ein kleiner Theil der Truppen Montalban blockirte.
Tag und Nacht arbeiteten mehrere Bataillone Rekruten, die Handwerker jeder Art wurden auf zwanzig Meilen in der Runde zusammengeholt, und einige Compagnien Sappeurs, denen Tausende von Bauern untergeben wurden, eilten von Morella herbei. Niemand durfte müßig sein, denn der General selbst legte häufig Hand an und war allenthalben gegenwärtig. So war es möglich, daß das sehr ausgedehnte und vorher nur noch in seinen Trümmern bestehende Castell in wenigen Tagen wieder hergestellt und, da einige Geschütze von Morella zu seiner Bewaffnung gebracht waren, der kräftigsten Vertheidigung fähig sein konnte, wozu die Leitung der so eben von der Nordarmee angelangten Ingenieure viel beitrug.
Durch die Befestigung dieses Platzes hatte sich Cabrera zum Meister des reichsten und fruchtbarsten Theiles von Unter-Aragon gemacht, den Einfluß des feindlichen Montalban paralysirt und die Eroberung desselben erleichternd vorbereitet. Er beherrschte dadurch die Straße von Valencia und Teruel nach Zaragoza und die Verbindung dieser Stadt mit den Festungen der Christinos am unteren Ebro, und er hatte durch die weit in das bisher feindliche Gebiet vorspringende Veste, falls er sie behaupten konnte, einen herrlichen Anhaltspunkt für seine weiteren offensiven Operationen gewonnen.
Die Anführer der Revolutions-Armee verkannten diese Vortheile nicht, welche den Besitz von Segura weit selbst über einen glänzenden Sieg hinausstellten. Van Hahlen kehrte eilig von Valencia zurück, während Mir in Daroca alle disponibeln Truppen des Königreiches an sich zog: Segura — so lautete die bestimmte Ordre des Madrider Cabinets — sollte vor Allem genommen und Cabrera dadurch in seine Schlupfwinkel zurückgeworfen werden. So rückte denn General Ayerbe, zum commandirenden General von Aragon ernannt, am 22. März mit den beiden Divisionen Mir und Parra, in 12 Bataillonen und 9 Escadronen 11000 Mann Infanterie und 1400 Pferde enthaltend, nebst acht leichten Geschützen und dem Belagerungs-Train über Muniesa bis Cortes und la Josa, etwa zwei Stunden von Segura, vor.
Cabrera stellte sich mit acht Bataillonen auf einer Höhe auf, die unmittelbar den Weg berrschte, auf dem die Artillerie vor das Castell gebracht werden mußte; drei hinter einander aufgeworfene Reihen Parapete, hinter denen die Bataillone, zum Theil in Tirailleurs aufgelöset, lagen, verstärkte die Position gegen den so sehr überlegenen Feind.
Am 23. griff Ayerbe an. Während seine sämmtlichen Geschütze die carlistischen Linien beschossen, stand er über eine Stunde lang auf Flintenschuß-Weite ihnen gegenüber, mit Gewandtheit manövrirend und bereit, die leichteste Blöße zu benutzen. Er bedrohete die linke Flanke, schob sich rasch links und warf sich dann, da Cabrera die rechte Flanke verstärkte, stürmisch auf den nun geschwächten linken Flügel. In einem Augenblicke war der Kampf auf der ganzen Linie allgemein geworden.
Die Truppen, welche die erste Reihe der Parapete besetzt hielten,[72] flohen vor dem Andrange des Feindes und warfen sich in Verwirrung auf die zweite, welche gleichfalls aufgegeben werden mußte, nachdem die Tortosiner kraftvoll sie vertheidigt hatten. Umsonst suchte Oberst Palacios durch einen Bajonett-Angriff an der Spitze des 1. Bataillon von Tortosa die verlornen Linien wiederzunehmen: er ward umzingelt und kaum durch einen glänzenden Angriff gerettet, den der General mit der Cavallerie unternahm. Nochmals drangen die Bataillone von Tortosa und die Guiden von Aragon vor. In Massen formirt wiesen die Christinos fest sie zurück und stürzten sich sofort auf die dritte Linie, welche sie nach kurzem Widerstande nahmen und behaupteten.
Die carlistische Armee — wenn man acht Bataillone mit einigen Escadronen so nennen darf — floh in Unordnung auf Armillas zurück, zwei Bataillone aber wurden abgedrängt und warfen sich auf Segura. Ayerbe, anstatt kraftvoll den gänzlich geschlagenen Feind zu verfolgen, blieb bewegungslos auf dem Schlachtfelde stehen und machte dadurch möglich, daß Cabrera — echt guerrilleromäßig — nach einer Stunde seine Bataillone vollkommen geordnet hatte und sie, keinesweges durch die nach allem Anschein entscheidende Niederlage entmuthigt, am Abend wieder zum Kampf führen konnte.
Nach halbstündigem Ausruhen wandten sich die Christinos endlich gegen das Castell, recognoscirten es und bewarfen es mit einigen Haubitzen; ja sie besetzten während der Nacht das unmittelbar unter den Werken liegende Städtchen. Die Besatzung erwartete natürlich, am folgenden Morgen die Batterieen errichtet zu sehen, wiewohl sie umsonst irgend ein Geräusch der Arbeit zu erhorchen strebten, um sie durch ihre Geschütze zu erschweren. Aber Ayerbe hatte seine Artillerie am Abend zurück gesendet; er selbst trat gegen Morgen still den Rückzug auf Muniesa und von da nach Daroca an, auf dem Fuße von Cabrera verfolgt, der während der Nacht ein zur Erhaltung der Communication einige Stunden rückwärts aufgestelltes Corps angegriffen, es zersprengt und 800 Gefangene ihm abgenommen hatte.
Nun verkündeten die Christinos, daß, da Ayerbe die Recognoscirung[73] des Castells mit so großem Erfolge ausgeführt habe, der Obergeneral van Hahlen zu der Eroberung desselben schreiten werde. Dieser rückte denn auch in den ersten Tagen des April’s sehr bedächtig über Muniesa heran und gelangte, da Cabrera eine Aufstellung rückwärts von Segura genommen hatte, ohne Hinderniß am 6. April vor das Castell; er führte 18 Bataillone und 12 Escadrone mit acht leichten und zwölf Belagerungsgeschützen heran. Am folgenden Tage recognoscirte er wiederum genau die Werke und — — zog sich aus Zaragoza zurück, ohne einen Schuß gegen die Veste oder die Armee gethan zu haben.
Der Grund so merkwürdigen Verfahrens ist nie klar geworden, wenn man nicht etwa den Mangel an Vertrauen, welchen man seit der Belagerung von Morella in jeder Bewegung der revolutionairen Generale wahrnimmt, als solchen betrachten will. Die Christinos wütheten, da sie die Einnahme von Segura als ganz unzweifelhaft anzusehen sich gewöhnt hatten. Van Hahlen, der wenige Tage vorher den ominösen Vertrag von Lézera unterzeichnet hatte, verlor sofort das Commando, welches dem General Nogueras, dem Mörder der Mutter Cabrera’s, übertragen wurde. Bei der Nachricht von seiner Ernennung ward er vom kalten Fieber befallen[74] und legte alsbald unter dem Vorwande der Krankheit den Heerbefehl nieder, ohne während desselben je die Feinde aufgesucht zu haben, worauf General Amor interimistisch an die Spitze der Armee des Centrums trat.
Brigadier Valmaseda, nach der Erschießung der fünf Generale durch Maroto zu gleichem Tode verurtheilt, langte um jene Zeit mit den beiden Escadronen, die er gebildet und auf der Flucht mit sich geführt hatte, bei der Armee des Grafen von Morella an und trat unter die Befehle desselben. Leicht erlangte dieser von Seiner Majestät die Begnadigung des wilden, aber unerschütterlich treuen Reiterchefs, dessen Escadrone fortan als die besten des ganzen Heeres sich erwiesen. Valmaseda wurde für den Augenblick nach Aragon bestimmt, wo er mit der Division dieses Königreiches operirte.
Kaum sah Cabrera mit dem Rückzuge von Van Hahlen das Unternehmen des Feindes gegen Segura gescheitert, als er mit den Brigaden Mora und Tortosa in Eilmärschen nach dem Königreiche Valencia zog, während er die Division von Aragon unter Llagostera zur Blokade von Caspe, Alcañiz und Montalban und zur Beobachtung des Hauptcorps der Christinos zurückließ, von dem er bei den Zwistigkeiten der verschiedenen Anführer bis zur definitiven Ernennung eines Generals en Chef keine kraftvolle Operation befürchtete. Er vereinigte sich mit der Division Forcadell und rückte vor Villafamés, dessen Besitz zum Herrn der reichen Ebene Valencia ihn machen sollte.
Das schwere Geschütz, von Morella herbeigezogen, öffnete bald Bresche, die aber wegen Mangels an Munition sowohl, als weil gegen die Ansicht des Chefs des Geniewesens, Oberst Barons von Rahden, eine ganz unpassende Stelle für sie ausersehen war, nicht practicabel gemacht werden konnte. Dennoch befahl der General den Sturm, welchen einige Compagnien von Mora, von einem Detachement Sappeurs geführt, mit hoher Bravour ausführten. Sie erkletterten unter mörderischem Feuer den Felsen, auf dem die Mauer gegründet ist, und klimmten hinabgestürzt wieder und wieder gleich Katzen die noch zur Hälfte aufrecht stehende Mauer hinan; mehrere Freiwillige wurden selbst oben auf der Bresche getödtet. Aber der Widerstand war des Angriffes würdig; die Stürmenden flohen.
Da führte Oberst Palacios das erste Bataillon seiner Brigade von Tortosa zum Sturm. Unerschütterlich erklimmte es die Bresche, dann konnte es nicht weiter gelangen. Mit schwerem Verluste standen die braven Tortosiner unbeweglich unter dem feindlichen Feuer, weder vorgehend noch weichend, bis Cabrera befahl, das Signal zum Rückzuge zu geben. Augenzeugen versichern, daß er bei dem Anblicke seiner hingeschlachteten Lieblinge Thränen vergossen habe, verzweiflungsvoll ausrufend: „Meine armen Burschen sterben, ohne Widerstand leisten zu können!“
Da der fortwährende Mangel an Munition für die Geschütze den Erfolg ungewiß machte und jedenfalls ihn sehr weit hinausschob, zog sich Cabrera bei der Annäherung des Generals Aspiroz von Castellon her zurück, die Belagerung aufhebend.
Schon während derselben war Oberst Don Juan Muñoz y Polo mit drei Bataillonen und zwei Escadronen von Aragon zu einer Expedition nach Castilien entsendet und bis tief in die Provinz Guadalajara vorgedrungen. Jetzt richtete sich Cabrera selbst an der Spitze von nur sechs Bataillonen und 600 Pferden dorthin, die Division von Valencia zur Sicherung der Communication in el Turia und der Provinz Cuenca zurücklassend; er erhob bis in das Innere der Mancha Contributionen und Rekruten und kehrte dann, ohne daß der Feind sich ihm irgend widersetzt hätte, über Cañete nach el Turia zurück. Er ordnete die Befestigung jener Stadt an, die nur acht Stunden von Cuenca entfernt ist, so wie die von el Collado, einem die ganze Provinz beherrschenden Felsberge, Alpuente und Vejis in el Turia, wo Brigadier Arévalo an Arnau’s Statt das Commando übernommen hatte.
Durch seine Lage über dem Guadalaviar und neben der Quelle dieses Flusses, des Xucar und des Tajo ward el Turia täglich von größerer Wichtigkeit, da durch dessen Besitz das Ausbreiten der Herrschaft nach dem südlichen Valencia und Murcia sowohl, wie in die Ebenen Castilien’s und gegen die Hauptstadt erleichtert wurde, indem es als Basis und Anhaltspunct diente. Cabrera aber, der die feindliche Armee ganz demoralisirt, die seinige an Zahl und Güte täglich zunehmen sah, wandte schon seine Blicke gen Westen, das glorreiche Ende des Krieges dort zu suchen. Daher trug er Sorge, durch die Befestigung von el Turia die Grundlage zu der Ausführung seiner großartigen Pläne zu legen, während er Cañete nach Castilien eben so kühn vorschob und mit eben den glänzenden Vortheilen in Betreff Cuenca’s und der Mancha, wie er kurz vorher das Felsencastell Segura in dem feindlichen Theile von Aragon drohend errichtet hatte.
Das Hauptcorps der Christinos war indessen in Aragon beschäftigt und festgehalten, ohne jenen Zug Cabrera’s und die Befestigung der von ihm designirten Orte verhindern zu können, da Llagostera die Belagerung von Montalban unternommen hatte. Unter dem Oberbefehle desselben leitete sie der Oberst Baron von Rahden, während die Division von Aragon zu ihrer Deckung aufgestellt war.[75] Es war vorauszusehen, daß der Feind trotz dem Mangel an Einheit im Commando, welcher seit dem Rücktritte van Hahlen’s alle seine Maßregeln lähmte, das Äußerste thun werde, um die Festung zu retten, die ihm besonders für die nur aufgeschobene Unternehmung auf Segura vom höchsten Interesse war und stets bedeutende Streitkräfte der Carlisten festhalten mußte.
In der That hatten die Belagerer kaum der Stadt sich bemächtigt und noch nicht die Batterien gegen die Werke des eigentlichen Forts errichtet, als General Ayerbe in der Nacht zum 2. Mai sie überraschte und in die Stadt einzog. Er verließ sie jedoch alsbald und ward auf seinem Rückmarsche kraftvoll vom Obersten Polo verfolgt, der an demselben Tage mit seiner Brigade von der Expedition nach Castilien zurückgekehrt war und sich nun der Division wieder anschloß. Eine Stunde nachher war die Blokade schon von neuem etablirt.
In der Mitte Mai’s wurde die Belagerung mit Nachdruck aufgenommen; die Artillerie war von Morella angelangt und die Beschießung begann. Sogleich eilte General Amor, mit Ayerbe vereinigt, an der Spitze von funfzehn Bataillonen und zehn Escadronen von Teruel, wo er zur Beobachtung Cabrera’s sich aufgestellt hatte, der Festung zu Hülfe, schob sich zwischen die Colonnen von Llagostera und Valmaseda, welche Eifersucht trennte, warf diesen am 18. zurück und griff am 19. Mai die Division Llagostera’s bei Utrillas an. Die Christinos schlugen sich brav, durchbrachen die carlistische Linie und nahmen Utrillas, als Oberst Palacios, mit der Brigade von Tortosa vom General entsendet, nach forcirtem Marsche von sechs Leguas auf dem Kampfplatze anlangte, das Vordringen des Feindes endete und selbst durch einen glänzenden Angriff mit dem Bajonett Utrillas wieder nahm. Amor brach alsbald das Gefecht ab und zog sich auf Montalban zurück, von wo die schwere Artillerie in das Gebirge gebracht war.
Kaum hatte er die Stadt nach Ablösung der Garnison verlassen, als die Geschütze wieder in den unversehrt gefundenen Batterien aufgestellt wurden und die Beschießung fortsetzten. Am 22. war Bresche geöffnet, wiewohl kaum practicabel, und der Sturm ward versucht; er scheiterte gänzlich an der Festigkeit der Garnison.
Cabrera langte zugleich von seinem Zuge nach Castilien an und übernahm selbst das Commando der in Aragon vereinigten Truppen, von denen Oberst Polo von neuem mit seiner Brigade nach der Provinz Guadalajara detachirt war. Am 24. Mai zog Ayerbe mit vierzehn Bataillonen zum Entsatze heran. Cabrera erwartete ihn bei dem Dorfe Armillos, wo er auf einem niedrigen Höhenzuge eine vortheilhafte Stellung einnahm, die jedoch für seine Streitkräfte — neun Bataillone und sieben Escadrone — zu ausgedehnt war. So gelang es Ayerbe, nach blutigem Kampfe zugleich das Centrum zum Weichen zu bringen und durch die Besetzung des Dorfes Martin den linken Flügel der Carlisten zu bedrohen, weshalb Cabrera, die Straße nach Montalban offen lassend, eine halbe Stunde weit mit geschlossenen Massen sich zurückzog, ohne daß der Feind einen einzigen Gefangenen gemacht hätte.
Ayerbe stellte die zerstörten Werke her und zog sich dann, nachdem er die Garnison verstärkt hatte, am 29. Mai über Muniesa auf Daroca. An demselben Tage waren die Batterien wieder errichtet und spielten mit erneuter Kraft gegen die Mauern der Veste.
Da Cabrera nun in Person die Belagerung leitete, wurden alle Mittel aufgeboten, um das Endresultat zu beschleunigen; denn bisher hatte der Eifer des nun schwer verwundeten Obersten von Rahden vergeblich gegen die Sorglosigkeit und oft gegen den Unverstand Llagostera’s[76] angekämpft. Der größte Theil der Werke, durch Minen oder durch die Wirkung der Geschütze vernichtet, lag bald in Trümmern. Aber Sturm auf Sturm ward mit großem Verluste zurückgeschlagen; die Belagerten kämpften mit heroischem Muthe. Eine neue ungeheure Mine — ungeheuer in Rücksicht auf die Hülfsmittel der Carlisten: sie enthielt 1800 Pfund Pulver — ward unter ihrem letzten Réduit, der festen auf hohem Felsen gegründeten Kirche, angelegt, um den Thurm zu sprengen. Da ertönte am 8. Juni die Nachricht, daß Ayerbe eilends nahe.
Cabrera befahl, die durch den Capitain vom Genie-Corps Verdeja ausgeführte Mine zu sprengen, wiewohl ihm erklärt ward, daß noch einige Fuß zur vollkommenen Erlangung der gewünschten Wirkung fehlten. Ungeheure Massen Felsen und Schutt erhoben sich gen Himmel, der Thurm wankte und — fiel nicht, wie Cabrera noch immer gehofft hatte; ein furchtbarer Fluch verkündete die getäuschte Erwartung. Aber der über der Mine stehende Eckpfeiler des Gebäudes stürzte ein und bot eine schmale Öffnung zum Sturm dar; rasche Benutzung des Augenblickes hätte den Erfolg sichern können, aber es ward wohl eine halbe Stunde verloren, um die den Weg bedeckenden Schutthaufen zu entfernen. Die Besatzung, welche bei der Explosion entsetzt in das Innere der Kirche entflohen war, hatte ihre Posten wieder eingenommen: auch dieser sechste Sturm ward mit außerordentlicher Standhaftigkeit abgewiesen.
Am folgenden Tage zog Ayerbe ohne Gefecht mit achtzehn Bataillonen und zehn Escadronen in Montalban ein. Er forderte Freiwillige aus seinem Corps zur ferneren Vertheidigung der Ruinen, aber Niemand antwortete dem Aufrufe. Da zog er am Morgen des 11. Juni ab, die Garnison mit sich führend, von der mehr als die Hälfte todt oder schwer verwundet war; fast kein Mann war ohne Wunde geblieben.
Cabrera verfolgte ihn an der Spitze von 900 Reitern und griff in der weiten Ebene von la Hoz die feindliche Cavallerie an, welche die Deckung des Marsches übernommen hatte. Sie focht sehr brav, und lange wogte der Kampf unentschieden; Charge folgte auf Charge, der Boden war mit Leichen, Pferden und Waffen bedeckt. Endlich ward die Reiterei der Christinos ganz zersprengt und mit Verlust von fast 400 Pferden auf die Infanterie geworfen, welche in Masse formirt sie aufnahm und Cabrera zwang, sich entfernt zu halten, da er gar keine Infanterie bei sich hatte. Die carlistische Cavallerie hatte sich hier wie nie vorher bewährt; sie vernichtete die Überlegenheit, deren die Feinde auch in der Armee des Centrum in dieser Waffe bisher sich rühmen durften. Die herrliche Escadron von Toledo machte und empfing dreizehn Chargen hinter einander: Valmaseda’s beide Escadrone fochten mit gleicher Auszeichnung.
Die Beharrlichkeit Cabrera’s hatte endlich die Eroberung des so oft entsetzten Montalban erreicht, zu dessen Rettung die Feinde die höchste Kraft und Thätigkeit umsonst entwickelt hatten; er sah sich dadurch im ungestörten Besitze von Unter-Aragon bis zu der Heerstraße von Zaragoza nach Teruel, da die Garnisonen der Festungen Alcañiz und Caspe nun auf ihre Mauern beschränkt, ganz abgeschnitten und von gar keinem Einflusse mehr auf die Operationen waren. Über jene Straße hinaus stand aber die ganze Provinz ihm offen und bot ihm ihre Hülfsquellen.
Er eilte von Montalban, dessen Werke geschleift wurden, nach dem Königreiche Valencia, wo während seiner langen Abwesenheit der Generallieutenant Forcadell, der einen Theil seiner Division in el Turia und Castilien beschäftigt sah, gegen den Feind Terrain verloren hatte. General Aznar war bis nach San Mateo, einer bedeutenden, offenen Stadt in dem nördlichen Theile der Ebene vorgedrungen und hatte die dort aufgehäuften Getreidevorräthe genommen und zerstört. Cabrera bedrohete ihn mit der Cavallerie auf der Flanke und im Rücken, schnitt ihn, da die Division del Ebro herangekommen war, von Castellon de la Plana, seinem Rückzugspunkte ab, und zwang ihn nach hitzigem Gefechte, mit 3000 Mann nach Lucena sich zu werfen, wo er sofort eng blokirt wurde, da der Mangel an Lebensmitteln baldige Ergebung hoffen ließ.
General O’Donell,[77] bisher commandirender General in Guipuzcoa, war so eben zum Oberbefehlshaber der Armee des Centrum ernannt. Er eilte mit drei Divisionen zur Rettung der eingeschlossenen Bataillone und griff am 15. Juni das Heer Cabrera’s, vierzehn Bataillone, bei Alcora an, wo sie — öfter wiederholter Fehler — eine ausgedehnte Stellung nur schwach besetzen konnten. O’Donell durchbrach die carlistische Linie und konnte nach dreitägigem Gefechte den General Aznar befreien, wobei er jedoch ungeheuern Verlust erlitt, da er fortwährend mit seinen Massen die Tirailleurs der Carlisten bekämpfte und zur Seite drängte.
Während so O’Donnell, Aragon entblößend, im Königreiche Valencia operirte, ließ Cabrera einen Theil der schweren Artillerie von Morella über Cantavieja nach Alcalá la Selva bringen, der am meisten gen Osten in der Richtung zum Turia vorspringenden Festung des Hochgebirges von Unter-Aragon. Von dort sollte sie, sobald eine Gelegenheit sich böte, nach el Turia und Cañete transportirt werden, um theils zur Garnirung der neu angelegten Festungen zu dienen, ganz besonders aber für die Ausführung der beschlossenen Operationen in Castilien zur Hand zu sein.
Nichts zeigt so unzweifelhaft die Pläne des carlistischen Feldherrn für die zweite Hälfte des Jahres 1839, als diese Sendung des Belagerungsgeschützes nach dem so eben durch Befestigung gesicherten Gebiete, welches das Innere Spanien’s und selbst den Weg nach Madrid der Armee öffnete, da die Hauptstadt ohne weitere Vertheidigung, als seine eigenen, schwachen Mauern und seine Garnison, nur noch wenige Tagemärsche entfernt war. Kurz vorher hatte Cabrera auch Beteta nahe dem Tajo in der Provinz Guadalajara und zwanzig Leguas von Madrid zu befestigen angeordnet, was, ohne im geringsten vom Feinde gestört zu sein, ausgeführt werden konnte, da doch kaum 300 Mann Carlisten dauernd in der Provinz blieben. So groß war die Apathie, welche sich bereits der Christinos bemächtigt hatte! Wo immer Truppen Cabrera’s erschienen, unterwarf sich Alles unbedingt, und mit Recht klagten und höhnten die liberalen Blätter der Opposition, daß ein Sergeant mit acht Mann ungehindert ganz Guadalajara durchziehe und die Befehle seines Anführers mit Muße ausführe, während 6000 Mann Christinos in ihr vertheilt ständen, um bei dem Erscheinen einer feindlichen Guerrilla.... in die Festungen sich einzuschließen.
Durch die Anlegung des Castells von Beteta — einst ein maurisches Schloß — machte sich Cabrera zunächst die Hülfsquellen der ganzen Provinz zugänglich und sicher; für die späteren Operationen mußte es durch seine Lage höchste Wichtigkeit erhalten.
O’Donnell zog nach der Mitte Juni’s von Lucena zur Belagerung des kleinen Forts von Tales. Schon van Hahlen hatte nämlich die Stadt Onda befestigt, um durch sie in Verbindung mit Castellon und Segorve nebst den vorliegenden Vesten Villafamés und Lucena die Huerta, so reich an Hülfsquellen, gegen die Einfälle der Carlisten zu decken. Diese hatten nun über Tales, eine halbe Stunde von Onda, ein kleines Castell nebst zwei Thürmen angelegt, durch die sie der Garnison das Wasser abschnitten; diese Werke wollte daher O’Donnell vernichten. Cabrera zog ihm nach und nahm zur Deckung von Tales eine auf dessen Werke gestützte Stellung.[78]
[72] Die Bataillone von Mora, merkwürdiger Weise unter guten Chefs stets die schlechteste Brigade des Heeres, welche jeden Augenblick sich zerstreute, während die Brigade von Tortosa, gleichfalls Catalanen und aus einem benachbarten Distrikte, fortwährend glänzend sich auszeichnete. — In dieser Action durchlief bei dem Anblicke des manövrirenden Feindes ein dumpfes Murmeln die Reihen von Mora, bis sie mit dem Rufe: „Sie manövriren, wir sind verloren!“ in gänzlicher Unordnung davon liefen, ehe noch der Feind einen Schuß gegen sie that.
[73] Jedenfalls war es ein ganz besonderer Gedanke, zu einer Recognoscirung den Belagerungs-Train mit so ungeheuren Schwierigkeiten durch die Gebirge mit sich zu schleppen.
[74] In den ersten Jahren des Krieges einer der thätigsten Verfolger der Carlisten und mehr als jeder Andere ihnen furchtbar, vermied er seit jenem Morde jedes Zusammentreffen mit ihnen.
[75] Herr General B. v. Rahden hat in seinem Werke sehr schätzbare Notizen über die Operationen des Jahres 1839 gegeben. Auch die demselben beigefügte Charte des Kriegsschauplatzes ist sehr genau.
[76] Llagostera verstand Nichts von Artillerie und Genie-Wesen, dennoch überall die Leitung mit Halsstarrigkeit fordernd. Übrigens war er einer der besten Untergenerale Cabrera’s im Felde; doch nicht sehr unternehmend und rasch.
[77] Die Familie O’Donell ist eine der ausgezeichnetsten Spanien’s. In diesem Kriege dienten einer jeden Parthei zwei von den vier Brüdern; der eine Christino ward von Zumalacarregui erschossen, der eine Carlist gefangen vom Pöbel zu Barcelona ermordet und aufgefressen. Der andere ward zum Verräther mit Maroto!
[78] Ich habe die Operationen des Jahres 1839 nicht so detaillirt, wie meine Materialien es wohl erlaubt hätten, da General Baron von Rahden als Augenzeuge sie so meisterhaft beschrieben hat, daß ich im besten Falle nur das schon Gesagte wiederholen könnte.