XXIV.

Oráa hatte die Belagerung von Morella aufgehoben. Die Beobachtung des geschlagenen Feindes der Division von Castilien überlassend, eilte Cabrera mit zwei Divisionen der fruchtbaren Huerta von Valencia zu, den glorreichen Sieg thätig zu benutzen: am 24. August schon stand er vor den Thoren der Hauptstadt, die wenige Tage vorher durch glänzende Feste die Eroberung von Morella gefeiert hatte, da die Nachricht davon als unzweifelhaft verbreitet war. Auch jetzt empfing das Jubelgeläute aller Glocken die carlistische Armee, denn Niemand zweifelte, daß der wilde Cabrera nach dem Verluste seiner Festung und geschlagen vor dem siegreichen Heere Christina’s auf der Flucht begriffen sei und unmittelbar von demselben verfolgt werde.

Doch er durchzog ruhig die ganze reiche Provinz, erhob überall Contributionen und häufte große Vorräthe von Lebensmitteln und Kriegsbedarf an; er überschritt den Guadalaviar, vereinigte sich mit den Bataillonen von Arnau, der mit einigen Truppen von der Division des Ebro von Morella direct nach dem während der Belagerung verlassenen Chelva marschirt war, passirte dann auch den Xucar und drang im Triumphzuge bis unter die Mauern von Alicante und in die Umgegend von Murcia. Mit sechshundert requirirten Pferden, einigen hundert Rekruten und einem ungeheuren Convoy richtete er sich wieder gen Norden. Und auf dem ganzen stolzen Zuge hatte jeder Freiwillige nur zwei Patronen!

Während San Miguel die Artillerie nach Alcañiz escortirte, hatte sich Borso rasch auf Valencia, Oráa nach Teruel gewendet, von wo dieser auf die Nachricht von dem Zuge Cabrera’s gleichfalls nach dem Königreiche Valencia hinabstieg, um in Vereinigung mit Borso den Carlisten den Rückweg abzuschneiden. Er stellte sich deshalb in Jerica auf, während Borso mit seiner Division das nur drei Stunden entfernte Segorve inne hielt. Cabrera aber, dessen Truppen fortwährend ganz ohne Munition waren, führte mittelst eines kühnen Manövres den ganzen unermeßlichen Convoy mitten durch die feindlichen Divisionen hin, welche in die von ihnen besetzten Städte sich einschlossen und die wehrlose, durch Tausende von Maulthieren und beladenen Karren zu viele Stunden langem Zuge verlängerte Colonne unangefochten passiren ließen.

Bei dem Zustande gänzlicher Entmuthigung, in dem ihre Truppen sich noch befanden, wagte keiner der beiden Generale den Angriff, bei dem er der Mitwirkung seines Gefährten nicht gewiß war. Nur Generalmajor Valdés beunruhigte die Arrieregarde und nahm ihr einige Karren ab, die aber durch einen raschen Angriff der nächsten Compagnien wieder gewonnen wurden. So gelangte Cabrera mit der ganzen herrlichen Beute ohne Verlust nach Onda am Mijares, wo er durch die von Cantavieja’s Fabriken erhaltenen Sendungen die Divisionen wieder mit Munition versehen konnte.

General Oráa, von dem man sicher erwartet hatte, daß er nun den gehaßten Chef vernichten oder wenigstens den Convoy ihm abnehmen werde, verlor bald das Commando, da er wieder ihn hatte entschlüpfen lassen. An seine Stelle trat der General Don Antonio van Hahlen, Bruder des Generals, der einst in den belgischen Unruhen eine bedeutende Rolle spielte. Sogleich nach dem Rückzuge von Morella war der Kriegsminister General Latre selbst zur Armee gekommen, um sie zu inspiciren und die Ursachen jener Niederlage zu erforschen.

Cabrera wandte sich sofort nach Unter-Catalonien, überschritt bei Mora den Ebro, zog einige Geschütze aus Miravet, einem alten, sehr starken maurischen Castell auf dem südlichen Ufer jenes Flusses, welches er sorgfältig hatte herstellen lassen, und griff die beiden feindlichen Forts von Falset und Belmunt an, deren ausgedehnte Bleiminen wegen des drückenden Mangels an diesem Metalle von hoher Wichtigkeit wurden. Oráa schon in der letzten Zeit seines Heerbefehls zog sich auf der großen Straße längs der Küste des Meeres bis Tortosa; vor seiner Ankunft hatte jedoch Cabrera das eine der belagerten Forts genommen, da die Besatzung während der Nacht entfloh, und war auf das rechte Ufer des Ebro zurückgekehrt, nachdem er den vorgefundenen Vorrath an Blei und seine Artillerie nach Miravet gesendet hatte.

Ein Ereigniß verdient erwähnt zu werden, welches, ein trauriges Erzeugniß des mit Wildheit des Characters gepaarten, glühenden Partheihasses, das Grauen selbst der an die blutigen Scenen des Bürgerkrieges gewöhnten Krieger erregte. Unter der Besatzung von Falset befand sich ein junger Catalan, dessen beide Brüder in der Division vom Ebro für die carlistische Sache kämpften. Sie forderten, da Falset belagert wurde, den Bruder auf, mit ihnen zur Vertheidigung seines legitimen Königs sich zu vereinigen; er aber erwiederte von der Mauer herab lästernd und mit Hohn, daß sie selbst aus dem Fort ihn holen möchten; dann erst würde er ihnen folgen. Wenige Tage nachher räumte die Besatzung das Fort und zerstreute sich lebhaft verfolgt, worauf jener Catalan, da er sich auf dem Punkt sah, gefangen zu werden, für Überläufer sich erklärte. Kaum umringt traf er auf seine Brüder und eilte zu ihnen, Schutz hoffend. Und die Beiden, wie sie den Kommenden erblickten, erhoben ihre Gewehre und streckten ihn todt zu ihren Füßen, ihm zurufend: „Du bist nicht würdig, unser Bruder zu heißen!“

Bei einer andern Gelegenheit sah ich auf unsern Vorposten einen Freiwilligen, schon bejahrt, dessen Sohn, kaum zweihundert Schritt entfernt, einer Feldwache des Feindes angehörte. Beide riefen sich zu, da sie bei den unter den Posten nicht ungewöhnlichen Gesprächen sich erkannt, und forderten wechselseitig sich auf, nicht länger für Unterdrückung und Ungerechtigkeit zu kämpfen, vielmehr sofort der gerechten Sache sich zu weihen. Da solche Überredung Nichts fruchtete und endlich in Gezänk und Schimpfen ausartete, griffen sie fluchend zu den Waffen, und Vater und Sohn sendeten sich Kugeln zu. Sie trafen sich nicht.


Als Cabrera nördlich vom Ebro mit der Einnahme von Falset beschäftigt war, manövrirte General Pardiñas von Alcañiz aus, um die Verbindung mit Morella ihm abzuschneiden. Cabrera, auf das südliche Ufer zurückgekehrt, wandte sich gegen ihn, und nachdem die beiden Generale, einige Tage lang in unmittelbarer Nähe sich beobachtend, umsonst günstige Gelegenheit zum Schlagen erspähet hatten, zog sich Pardiñas in den letzten Tagen des Septembers nach Maella am Nonaspe zurück, während Cabrera das wenige Stunden entfernte Favara besetzte.

Pardiñas, den wir früher in seinen Siegen kennen lernten, war einer der ausgezeichnetsten Generale Christina’s, wie Cabrera jung, entschlossen, brav und thatendurstig; er hatte durch die Vernichtung der Corps von Don Basilio und Tallada seinen Ruf begründet und sprach laut den Wunsch aus, mit seinen siegreichen Truppen auf des gefürchteten Häuptlings Schaaren zu treffen, um den Übermuth desselben blutig niederzuschlagen. Die Division, welche er in Maella commandirte, bestand aus fünf erprobten Bataillonen und drei Escadronen, denselben, die er bei der Verfolgung jener Generale angeführt hatte, und so eben neu ergänzt, so daß sie 4700 Mann Infanterie und 450 Pferde enthielten. Cabrera hatte die fünf Bataillone der Division vom Ebro und zwei Bataillone von Aragon bei sich, etwa 4100 Mann; seine Cavallerie aber war über 700 Pferde stark.

Da Cabrera mehrere Bataillone von Aragon erwartete, verließ er am Morgen des 1. Octobers seine Stellung, um die Vereinigung mit ihnen zu erleichtern. Zugleich brach auch Pardiñas von Maella auf, um den Heranmarsch der Verstärkung zu begünstigen, die von Caspe aus zu ihm stoßen sollte.[66]

Von Maella nach Favara, Südwest zu Nordost, erstreckt sich ein etwa drei Stunden langer Höhenzug, dessen obere, ganz kahle Fläche, ein Hochplateau bildend, in seiner größten Breite — anderthalb Stunden von jedem der beiden Orte — etwa eine halbe Stunde beträgt. Die Verbindungswege zwischen ihnen laufen zu beiden Seiten dieser Höhe in dem Grunde der sie cotoyirenden Thäler hin, von dem das nordwestliche, in dessen Tiefe das Flüßchen Nonaspe sich hinschlängelt, reich bebaut und hauptsächlich mit Weingärten und mit Olivengehölzen bedeckt ist, auch ist die Höhe dorthin sehr sanft abgedacht. Das andere südöstliche Ravin ist durch steil abfallende Wände gebildet und durch rauhe, vorspringende Felsmassen verengt; es ist mit Ausnahme von wenigen Olivenbäumen ganz ohne Cultur.

Pardiñas, die von Caspe herführenden Wege zu decken, schlug natürlich, links sich wendend, den Weg längs dem Flusse ein, um nach der Vereinigung mit der erwarteten Verstärkung Cabrera anzugreifen, während dieser, ohne von der Absicht und dem Ausbruch jenes Generals Nachricht zu haben, von Favara aus gleichfalls links das schroffere südöstliche Thal hinabzog, da die Bataillone, denen er die Hand reichen wollte, von Süden her naheten.

Die Eclaireurs der beiden Corps, längs den Flanken der Marschcolonnen schwärmend, trafen sich auf der Mitte des Plateaus und eröffneten alsbald das Feuer. Die beiden Generale schickten den Kämpfenden Verstärkung auf Verstärkung und zogen sich, ihrem Vortrabe folgend, nach und nach auf die Höhe des Plateaus, wo die Divisionen in Schlachtordnung auf einander stießen, so daß die Avantgarde einer jeden der Arrieregarde der andern gegenüberstand, welche die Christinos jedoch bedeutend zurückgehalten hatten. Die Front der Carlisten war jetzt nach Norden gerichtet.

Die feindliche Cavallerie der Avantgarde stürzte sich auf die beiden Bataillone von Mora, welche den rechten Flügel der Carlisten bildeten, durchbrach sie, noch nicht geordnet, und säbelte sie furchtbar nieder. Das Regiment von Tortosa sprengte zu ihrer Rettung herbei, und sie konnten, von den Guiden von Aragon aufgenommen, sich rasch formiren und wieder vordringen. Die Lanciers von Tortosa aber wurden durch einen neuen, heftigen Choc gleichfalls geworfen und verloren eine große Zahl Todter, da die Christinos Alle, welche sie einholten, mit dem Rufe: „heute giebt es keinen Pardon für Euch!“ erbarmungslos niederstachen, wiewohl diese, von den Pferden springend, sich gefangen gaben.[67] Zugleich griff Pardiñas mit seiner Infanterie des Centrum die Bataillone von Tortosa an, welche auf vierzig Schritt Entfernung mit Bataillons-Salven die Massen empfingen und dann mit dem Bajonnett ihnen entgegenstürmten. Unentschieden wogte der Kampf vor und zurück. Die braven Tortosiner wichen nicht, und die Bataillone von Cordova und Afrika, eben so brav, drangen immer wieder zu wildem Angriffe. So ward die Infanterie beider Corps in furchtbarem Handgemenge vermischt, aus dem die Losungsworte viva Carlos quinto! und viva Isabel segunda! verwirrt durch einander tönten, da nicht eine einzige Compagnie in sich geschlossen geblieben war.

Cabrera erkannte, daß der Augenblick der Entscheidung da war: ein Cavallerie-Angriff in solchem Chaos mußte Wunder thun. Er beorderte einige der Escadrone herbei, die so eben auf dem rechten Flügel die Fortschritte der feindlichen Reiter wieder gehemmt hatten. Aber ehe sie anlangten, stürzte er, schon leicht verwundet, an der Spitze seiner Ordonnanzen, kaum 60 Reiter, in die Mitte des Getümmels der Infanterie, mit dem Rufe: «hay cuartel, abajo las armas!» — es giebt Pardon, nieder mit den Waffen! — die Christinos betäubend. Die verwegene That hatte den herrlichsten Erfolg. Die Feinde überall mit der Infanterie von Tortosa gemischt, konnten sich nicht in Massen formiren; allgemeine Bestürzung, panischer Schrecken ergriff sie, und Pelotons, Compagnien und ungeordnete Haufen, wie sie aus dem Handgemenge sich vereinigen konnten, streckten die Waffen, Alles verloren wähnend, da sie die Cavallerie der Carlisten in ihrer Mitte sahen. Wenige flohen. Die Ordonnanzen und die herangezogenen Escadrone von Tortosa, der Infanterie das Werk der Entwaffnung überlassend, jagten an dem erstarrten Haufen der Christinos vorüber, die zagend die Gewehre niederwarfen, bis sie wieder und wieder die ganze Linie durchkreuzt hatten.

In einer Viertelstunde war das Unglaubliche vollbracht. Zugleich warf sich der linke Flügel Cabrera’s auf den zurückgezogenen, auf dem Abhange stehenden Nachtrab der Feinde, bei welchem sämmtliche Bagage sich befand. Er war sofort zerstreut und floh in gränzenloser Verwirrung auf Caspe, die Vernichtung der schönen Division verkündend, worauf die zur Verstärkung derselben bestimmten Truppen dort blieben.

Pardiñas hatte sich umsonst bemühet, das Gefecht wieder herzustellen; in Verzweiflung stürzte er mit der Cavallerie des linken Flügels zur Rettung seiner schon aufgelöseten Bataillone, aber die Escadrone wurden durch die Festigkeit einiger Compagnien von Tortosa geworfen und durch einen Chor der Lanciers ganz zerstreut und, in die Schlucht gedrängt, größtentheils gefangen. Bald war an die Stelle des wilden Tumultes majestätische Ruhe getreten, nur durch den jubelnden Siegesruf: viva el Rey! unterbrochen.

Schon verwundet, das Pferd unter ihm getödtet, floh Pardiñas allein und zu Fuß dem Ravin zu, durch welches Cabrera’s Armee heraufgezogen war. Vom Oberstlieutenant Rufo, einem Adjudanten des Generales, zu Pferde verfolgt, gelangte er bis zu dem Grunde des Thales, vermochte aber, geschwächt durch Blutverlust, nicht mehr, die entgegengesetzte, steile Höhe zu ersteigen. Er ergriff das Gewehr eines Grenadiers, der gleichfalls fliehend an ihm vorübereilte, und zerschmetterte durch einen Schuß den Arm Rufo’s, da dieser ihn aufforderte, sich zu ergeben. Das Feuer hatte schon ganz aufgehört; so zog dieser vereinzelte Schuß einige Ordonnanzen herbei, welche, den Adjudanten ihres Generales verwundet sehend, den feindlichen Anführer niederhieben, wiewohl er als Pardiñas sich kund gab.[68]

Oberstlieutenant Rufo, mit einer Schwester des Grafen von Morella verlobt, starb einige Wochen nach der Action in Valderobles, da die sogenannten Wundärzte nicht sogleich zur schwierigen Amputation geschritten waren. Die Nachricht von der Verwundung des Geliebten warf seine Braut, die liebenswürdigste von den drei reizenden Schwestern des Generals, auf das Krankenlager; sie überlebte nur um einen Tag die Schreckenskunde von seinem Tode.

Der Sieg nach einstündigem, furchtbarem Ringen war vollkommen. 3500 Mann waren gefangen, über 4000 Gewehre, zwei Geschütze, 350 Pferde und die ganze reiche Bagage wurden auf dem Schlachtfelde erbeutet. Nur 800 bis 900 Mann, zum Theil unbewaffnet, entkamen nach Alcañiz und Caspe, wo sie die größte Bestürzung verbreiteten, die bald durch das ganze christinosche Spanien wiederhallte. — Der Verlust der Carlisten war sehr bedeutend, wie solcher Kampf ihn mit sich brachte, sie zählten ungefähr 1200 Mann Todter und Verwundeter, ein Viertel ihrer ganzen Stärke.

Nach dem Siegestage von Maella entsendete Cabrera drei Bataillone und zwei Escadrone unter dem Oberst Polo nach Castilien, wo sie bis in die Mancha vordrangen und, ohne Widerstand zu finden, einen großen Convoy von Lebensmitteln sammelten — der Winter war ja nahe. — Er selbst durchstreifte mit der Division vom Ebro Nieder-Aragon bis an die Thore von Zaragoza, während sein Adjudant, Oberst Garcia, der wegen seiner mannichfachen militairischen Kenntnisse bei dem gänzlichen Mangel an Genie-Officieren[69] deren Functionen versah, die Blockade von Caspe leitete. Llagostera aber drang von neuem in die Ebene von Valencia und bis in das Königreich Murcia vor; bei seiner Rückkehr traf er auf den General Borso und ward am 2. December bei Chiva geworfen, wobei er etwa 200 Gefangene einbüßte, welche erschossen wurden, da schon das Repressalien-System in Kraft getreten war. Doch später davon.

So wie das Belagerungsgeschütz dort anlangte, war Cabrera nach Caspe geeilt; er ließ sofort die Batterien errichten, beschoß die Stadt kräftig und hatte sich schon in einigen Häusern unmittelbar neben der Mauer festgesetzt, als General van Hahlen mit starkem Corps zum Entsatz nahete. Auf seiner Flanke und in den Communicationen bedrohet, zog Cabrera seine Artillerie am 18. October zurück, hob die Belagerung auf und wandte sich nach dem Königreiche Valencia, wo Forcadell durch Überfall des Castells von Villamaleja sich bemächtigt hatte. Da van Hahlen sich sofort dahin in Bewegung setzte, stand der carlistische Feldherr nach einigen Gewaltmärschen wieder in Aragon und erneuerte die Belagerung von Caspe, die auch dann fehlschlug, weil Niemand in der Armee sich fand, der eine Mine, welche nothwendig war, mit gehöriger Wirkung anzulegen wußte.

Cabrera durchzog in den letzten Tagen des Novembers noch ein Mal die fruchtbare Huerta und machte einen vergeblichen Versuch, Lucena in Valencia durch Hunger zur Übergabe zu zwingen, worauf er nach Morella ging, da die Witterung für den Augenblick jede Operation unmöglich machte. Mehrere Monate verflossen in anscheinender Unthätigkeit. General van Hahlen begnügte sich, Convoys nach den vorgeschobenen Festungen zu escortiren und im Halbkreise auf der großen Straße von Castellon nach Valencia, Teruel, Daroca und Zaragoza um das carlistische Gebiet in beobachtender Ferne sich zu bewegen. Der Graf von Morella aber arbeitete an der Completirung und Ausbildung der Armee, ersetzte das Vernichtete und Mangelnde und traf alle Vorbereitungen, um mit dem Frühjahre kräftig die Offensive ergreifen zu können, da die glänzenden Erfolge des letzten Feldzuges die Überlegenheit des carlistischen Heeres unter Cabrera’s Leitung factisch dargethan hatten.

Cabrera ward schon von den Anhängern Carls V. als der Mann betrachtet, der den Krieg beenden und dem Könige den Weg zu dem Throne seiner Väter öffnen würde; in ihm concentrirten sich jetzt alle Hoffnungen. Von der Armee der Nordprovinzen erwartete, wünschte man nur noch, daß sie sich halten und so die ihr gegenüber stehenden Truppen dort fesseln möge. An endlichen Sieg durch sie dachte Niemand mehr: „Das Übrige wird schon Cabrera thun“ klang vertrauensvoll aus Aller Munde. — Wer hätte ahnen mögen, daß Verrath die Waffenthaten des jugendlichen Helden vergeblich machen und das sinkende Gebäude der Revolution stützen werde!


Der Winter von 1838 zu 1839 sticht in der Geschichte des spanischen Bürgerkrieges blutig durch eine lange Reihe systematischer Metzeleien hervor, die das Gefühl mehr empören müssen als alle die Gräuel, welche in den ersten Jahren des Krieges verübt wurden, weil diese durch die Leidenschaft des Augenblickes und die Verhältnisse eine theilweise Entschuldigung finden könnten, während jene, nachdem lange schon menschlicherer Kriegsgebrauch herrschend gewesen, mit kalter Berechnung und an Unglücklichen Statt fanden, die, seit längerer Zeit schon gefangen, eben deshalb gegen jede Gefahr gesichert und unter den Schutz von Allem gestellt erschienen, was die Leidenschaften des Menschen bändigen kann. Ich will die Umstände darlegen, welche jene Blutscenen veranlaßten, die natürlich ganz und allein dem carlistischen General zugeschrieben wurden und gegen ihn den Abscheu der Welt häuften.

Als ich in der Armee Cabrera’s ausgewechselt wurde, war ich, wie hoch ich die militairischen Eigenschaften dieses Anführers stellte, von eben so hohen Vorurtheilen gegen ihn als Menschen befangen. Ich betrachtete die Darstellung, welche die Blätter des liberalisirten Spanien von seiner Grausamkeit, seinem Blutdurst und den zahllosen Schandthaten gaben, die ihm zugeschrieben wurden, als übertrieben zwar, aber doch in ihren Grundstrichen wahr und gegründet. Daher konnte ich, wie sehr auch der blutige Krieg mit Scenen von Härte und Rücksichtslosigkeit mich vertraut gemacht, ja mich gewöhnt hatte, mit Gleichgültigkeit den Tod und das Elend der Menschen bloß als materiellen Verlust oder Gewinnst zu berechnen, dennoch nur mit Grauen auf den Mann sehen, der so jedes höhere Gefühl verleugnete, der ohne Veranlassung mit Wollust das Blut seiner Mitmenschen stromweise vergoß, und der in Anderer Jammer sein Vergnügen, sein Glück fand. Denn so schilderten ihn die Christinos, doch mit unendlich stärker aufgetragenen Farben.

Während meiner Gefangenschaft brachten mich diese meine Empfindungen gegen Cabrera, da ich offen sie auszusprechen pflegte, selbst in häufige und scharfe Collisionen mit manchen Officieren der Armee von Aragon, die auch wohl die Drohung laut werden ließen, im Falle ich ausgewechselt würde, über meine Äußerungen dem General Meldung zu machen.

So darf ich wohl annehmen, daß ich in meinem Urtheile über Cabrera, so fern es die von ihm erzählten, Schauder erregenden Schandthaten betrifft, nicht durch blinde Partheilichkeit und durch den Glanz, welcher für den Carlisten stets die Person des Helden Cabrera umgiebt, geleitet wurde. Sehr widerstrebend, nur wenn vollkommen überzeugt, gebe ich eine Ansicht auf, da ich einmal sie gefaßt habe. Und in der That konnte erst die genaueste Forschung an Ort und Stelle mich zwingen, meine Meinung über den Character Cabrera’s zu ändern; ich glaube aber, sorgfältig und strenge geprüft zu haben, vielleicht um desto strenger, wie das Resultat der Prüfung mehr und mehr das Gegentheil von dem mir aufdrang, was ich mit Sicherheit zu finden erwartet hatte.

Da erkannte ich denn, daß Cabrera immer fest und selbst strenge war, daß er Vieles that, was in einem andern Lande oder in einem andern Kriege verdammungswürdig wäre, daher von so Vielen verdammt ist; daß er aber Alles, was ihm vorgeworfen wird, der Sache, die er vertheidigte, und den Seinen schuldig war. Hätte er weniger gethan, so würde er seine Pflicht verletzt haben, die er, so weit der Soldat es darf, stets mit der Menschlichkeit zu verbinden suchte. Freilich war Cabrera kein schwacher, jämmerlicher Wicht, der, wo er die Wuth der Revolutions-Männer zügeln konnte — sei es, indem er in ihrem Blute diese Wuth erstickte — wehrlos die treuen Unterthanen seines Königs ihr hingäbe. Für die Beurtheilung des von ihm gegen die feindlichen Soldaten und Gefangenen Geschehenen muß der Hauptpunkt immer im Auge behalten werden, daß die strengsten Repressalien stets gerecht, in einem Kampfe aber, wie der auf der pyrenäischen Halbinsel wüthende es war, unumgänglich nothwendig sind und selbst unendlich mehr Blutvergießen verhüten. Die schwächere, als Empörer, weil sie schwächer, gebrandmarkte Parthei würde ohne sie ganz dem Bluthasse ihrer nicht durch Rücksichten irgend einer Art zurückgehaltenen Gegner sich überliefert haben. So bluteten Hunderte, um vielen Tausenden das Leben zu erhalten.

Wenige Monate nach der Ermordung seiner Mutter bemühte sich Cabrera abermals, wie früher erwähnt wurde, menschlichere Art der Kriegführung geltend zu machen. Es gelang ihm dieses endlich so weit, daß, wenn ein förmlicher Vertrag fortwährend von den Feinden abgelehnt wurde, doch der Wehrlose, anstatt wie bis dahin niedergemacht zu werden, nun gefangen wurde, und daß häufig Auswechselung dieser Gefangenen Statt fand, wie sehr auch die Exaltirten in allen Provinzen dagegen schrieen. Und wie hätten die feindlichen Heerführer sich nicht entschließen sollen, Pardon zu geben, da ja Cabrera, noch ehe sie sich dazu verstanden, viele Hunderte von Gefangenen aufgehäuft hatte und dann drohend erklärte, daß sie Alle zur Sühne geopfert würden, wenn nun das Leben seiner Freiwilligen nicht verschont werde!

So erpreßte die Furcht vor der immer zunehmenden Macht Cabrera’s, was seine oft wiederholten gütlichen Vorschläge nie hatten bewirken können. Auch ward diese stillschweigende Übereinkunft während der zweiten Hälfte des Jahres 1837 und im folgenden bis nach der Belagerung von Morella treu beobachtet, und selbst der Hungertod eines Theils der Gefangenen, von dem ich erzählt habe, konnte keine Änderung darin hervorbringen, da Oráa, wohl der Schuld sich bewußt, sich hütete, deshalb als Ankläger aufzutreten oder Maßregeln der Rache dafür zu nehmen. Doch plötzlich sollte diese völkerrechtliche und den Neigungen des carlistischen Feldherrn so entsprechende Behandlung des Feindes aufhören, und an ihre Stelle traten Scenen des Schreckens, wie sie in solcher Ausdehnung gegen Wehrlose noch nicht Statt gefunden hatten. Die Action von Maella bot den Vorwand dazu.

Man erinnert sich, daß die feindliche Cavallerie des linken Flügels anfangs die der Carlisten warf; sie verfolgte auf dem Fuße die fliehenden Escadrone, und wiewohl die Eingeholten, dem Gebrauche gemäß, von den Pferden sprangen und sich dadurch für gefangen erklärten, schlachteten die wüthenden Reiter diese wehrlos Dastehenden mit dem Rufe hin: „hoy no hay cuartel para vosotros!“ — heute giebt es keinen Pardon für Euch! — Etwa vierzig Lanciers von Tortosa wurden so hingemetzelt, nachdem sie sich ergeben hatten. Die christinoschen Dragoner erklärten später, daß ihr General Pardiñas beim Beginn der Action, seine Leute ermunternd, ihnen befohlen habe, nicht mit Gefangenen sich einzulassen, sondern Alles niederzustechen.

Nach dem letzten verzweifelten Angriffe von Pardiñas fiel nun ein großer Theil jener Reiterei, dem Regimente Dragoner des Königs angehörend, in die Gefangenschaft eben der Lanciers von Tortosa, welche sie vorher so gemißhandelt hatten, und die trotz dem das Leben ihnen ließen. Aber Cabrera, der Feldherr, durfte nicht so die Großmuth allein hören, er mußte die Seinen rächen und Ähnlichem vorbeugen. Daher ließ er alle Individuen jenes Regimentes absondern und sofort sie niederschießen, ihnen zeigend, daß sie, indem sie Pardon verweigerten, demselben auch für sich entsagten. 180 Mann erlitten diese Strafe. Sie gehörten, wie gesagt, ohne Ausnahme jenem Regimente des Königs an, wogegen die übrigen Gefangenen, mit der gebräuchlichen Rücksicht behandelt, nach dem Depot des Orcajo abgeführt wurden.

Kaum war dieser Act gerechter und nothwendiger Rache unter den Christinos bekannt geworden, als wilde Gährung der Gemüther sich bemächtigte, die durch die wiederholten Niederlagen des Heeres schon zu grimmigem Zorne entflammt waren. Ohne sich erinnern zu wollen, daß die Erschossenen selbst und ohne Veranlassung den Pardon verweigert hatten, forderte das Volk — der Pöbel wird bei den Christinos das Volk genannt, — forderten vor Allen die blutgierigen National-Garden laut Vergeltung für den Tod jener Schlachtopfer. Die Behörden, selbst nicht ungeneigt dazu oder sich schwach fühlend, wagten nicht, offen dem Drängen sich zu widersetzen. Um jedoch für den Augenblick die Wuth der Schreier abzulenken, und die Überzahl der Gefangenen in Cabrera’s Händen bedenkend, griffen sie zu einem Mittel, ganz der Trabanten der Revolution würdig.

In Zaragoza, und dessen Beispiele folgend in allen größern Städten der Provinz, wurden plötzlich Hunderte von friedlichen Einwohnern, die sorglos ihren Geschäften nachgingen, den jammernden Familien entrissen und eingekerkert: ihr Verbrechen war, royalistischer Gesinnungen verdächtig zu sein. Sie sollten daher für die angebliche Grausamkeit der Carlisten büßen. Cabrera aber, so wie er von der empörenden Maßregel Kunde erhielt, warnte die Behörden und vorzüglich den zweiten Commandirenden in Aragon, General San Miguel, nicht solche Ungerechtigkeit weiter zu treiben; er machte ihn aufmerksam, daß nicht nur in den carlistischen Depots viele tausend Gefangene für das Leben der Eingekerkerten Bürge wären, sondern daß zahllose Liberale in dem Gebiete der Carlisten und allenthalben, wohin ihre Truppen drängen, die Mittel zu schrecklicher Repressalie böten.

Unglücklicher Weise kam in demselben Augenblicke ein Ereigniß dazu, welches die schon drohend angefachte Gluth sofort in Verderben sprühende Flammen auflodern ließ. Nach den spanischen Kriegsgesetzen wird jeder Gefangene, welcher einen Versuch zur Flucht macht, wenn er ergriffen wird, mit dem Tode bestraft. Die carlistischen und christinoschen Behörden hatten unzählige Male solche Strafe über ihre Gefangenen verhängt und mit vollkommenem Rechte, da das Gesetz jedem Militair bekannt, so sie verhängte; auch war es nie der andern Parthei in den Sinn gekommen, deshalb Klage oder Drohung laut werden zu lassen. Ich selbst war wiederholt Augenzeuge solcher gesetzlichen Executionen sowohl als Gefangener, da sie gegen carlistische Soldaten Statt fanden, wie in unsern Reihen gegen Christinos, welche auf dem Versuche zur Flucht entdeckt waren.

Nun zettelten die Sergeanten der Division Pardiñas im Depot zu el Orcajo eine Verschwörung an, um durch Gewalt die unbedeutende Bewachungsmannschaft, zwei Compagnien, zu entwaffnen und nach dem nicht fernen Alcañiz sich zu retten. Die Sergeanten hatten stets in der christinoschen Armee einen ungemessenen Einfluß auf die Soldaten; Bildung, Geist, ihre Stellung und festes Aneinanderschließen gab diesen ihnen, und sie spielten daher stets die Hauptrolle in den tausendfachen Emeuten vom Tumulte in den Casernen bis zur Revolution der Granja, durch welche die Verfassung des Staates umgeworfen wurde.[70] Auch in Orcajo nahm die Masse der Gefangenen den Vorschlag freudig auf. Aber ein Elender fand sich, der seine Freiheit durch Verrath an den Cameraden zu erkaufen hoffte: er zeigte das Complott an. — Sieben und neunzig Sergeanten, stolz ihre Schuld eingestehend und rühmend, wurden dem Kriegsrechte gemäß erschossen. Cabrera aber begnadigte die verführten Soldaten und ließ den Angeber vor dem Eingange des Depots aufhängen.

Da brach die Wuth der Christinos alle Schranken. Sie schleppten sämmtliche gefangene Unterofficiere aus den verschiedenen Festungen zusammen, ergänzten ihre Zahl aus den Soldaten bis auf sieben und neunzig und erschossen sie. Cabrera in hohem Unwillen drohte mit Repressalien. — Sofort ließ van Hahlen, der gerade Oráa den Heerbefehl abgenommen hatte, allenthalben die royalistischer Meinungen Verdächtigen einkerkern und drohete, auch sie hinzurichten. Cabrera befahl, nochmals sieben und neunzig Mann zu füsiliren und verhieß strengste Rache für jeden neuen Mord, für jede neue Gewaltthat. — Van Hahlen erklärte den Pardon für aufgehoben.

Augenblicklich stand tobend der Pöbel in Valencia auf und ließ in den letzten Tagen des Octobers einen Theil der dortigen Gefangenen, Militairs und Privatleute, hinrichten; Alicante, Murcia, Zaragoza, dann alle größeren Städte folgten dem Beispiele: die Kriegsgefangenen und wegen politischer Vergehen Arretirten wurden mit Zustimmung der Behörden erschossen oder gegen ihren Willen niedergemetzelt, und die überall errichteten Repressalien-Juntas opferten zahllose Unglückliche, da für jedes von den Carlisten getödtete Individuum eine jede Junta nun auch einen Carlisten tödten wollte. Da befahl Cabrera, im Gefühle seiner Pflicht gegen die Ermordeten und gegen seine Soldaten, daß hinfort kein Pardon mehr gegeben werde: gegen die treulosen Mörder Kampf auf Leben und Tod!

Den ganzen Winter hindurch wüthete das schreckliche System der Rache. Forcadell nahm Villamaleja und erschoß 55 Gefangene; in Valencia fielen fünf und funfzig, in Teruel neun, in Zaragoza acht Carlisten — die einzigen noch vorhandenen, — in jeder kleinern Stadt verhältnißmäßig. Borso di Carminati schlug am 2. December bei Chiva den General Llagostera und nahm ihm 200 Gefangene ab, denen er mit seinem Ehrenworte das Leben zusagte, da sie sich weigerten, die Waffen zu strecken. Van Hahlen erschien und füsilirte sie trotz der Protestation Borso’s, der erzürnt seine Entlassung forderte. Cabrera natürlich füsilirte wieder eben so viele Christinos.

Doch verfolgen wir nicht so widerlich empörende Auftritte weiter in ihre Einzelheiten. Die immer wiederholten Aufstände des Volkes in Valencia und Zaragoza, die selbst mehreren Chefs der Liberalen das Leben kosteten,[71] zogen eben so viele Schlächtereien der Gefangenen und Royalisten nach sich, und als er einst gar keine von denselben in seiner Gewalt hatte, ließ van Hahlen seinem eigenen Berichte gemäß die Eltern und Verwandten der carlistischen Soldaten hervorschleppen und erschießen, die Schandthat erneuernd, welche einst Cabrera’s blinde Mutter für die Schuld und den Haß büßen machte, welche der kühne Sohn auf sich geladen hatte. Wie schonend aber dieser General bei aller strengen Wiedervergeltung, die er stets übte, zu Werke ging, geht aus dem Umstande hervor, daß bei der Abschließung des Vertrages von Lézera am 3. April 1839 noch über dreitausend Kriegsgefangene in den carlistischen Depots sich befanden, und daß er nur Soldaten, mit den Waffen in der Hand gefangen, opferte, ohne trotz aller jener Proceduren der Christinos ein einziges Mal die friedlichen Bewohner des Landes seinen Zorn fühlen zu lassen.

Übrigens muß zu van Hahlen’s Ehre hinzugefügt werden, daß er sich eben so bereitwillig zeigte, die Vorschläge anzunehmen, welche Cabrera auf besondern Befehl seines Monarchen im Frühjahr aufs neue für die Abschaffung der Repressalien und feste Annahme der völkerrechtlichen Kriegsgebräuche für beide Theile machte, wie er in der Durchführung des Repressalien-Systems energisch und rücksichtslos sich bewies. So ward denn jene Convention von Lézera abgeschlossen, welche den höchsten Unwillen der Revolutions-Männer gegen van Hahlen erregte und mehr noch als das unglückliche Resultat der militairischen Operationen seine Absetzung verursachte. In der That gewährte sie den Carlisten viele Vortheile, deren vorzüglichster in dem Artikel bestand, daß die zum ersten Male Desertirten, im Falle sie wieder eingefangen würden, als Kriegsgefangene sollten betrachtet werden. Denn theils bestand ein nicht unbedeutender Theil der carlistischen Armee aus solchen Deserteuren, die, gewaltsam ausgehoben, die erste Gelegenheit benutzt hatten, um, von der Gemeinschaft mit den verhaßten Negros sich losreißend, den Vertheidigern ihres Königs und ihrer Religion sich anzuschließen. Noch mehr aber reizte sie die christinoschen Soldaten zur Desertion, die ja durch solche Clausel straflos und erlaubt wurde, während der carlistische Feldherr wohl vertrauen durfte, daß seine Freiwilligen ohne Furcht und ohne Zwang treu an ihm fest hielten. In einigen Garnisonen mußten die feindlichen Chefs nun ihre Leute strenge bewachen lassen, und doch gingen während der ersten Wochen nach dem Vertrage mehrere hundert Soldaten zu den Carlisten über.

Nur zwei Personen hatte Cabrera von den Wohlthaten ausgenommen, welche jener Vertrag zusicherte; eigenhändig fügte er die Worte hinzu: „Ich will keinen Pardon und Nogueras, der Mörder meiner Mutter, erhält keinen Pardon.“

[66] Die folgende Action war eine der entscheidendsten und merkwürdigsten des Krieges, da die Truppenzahl etwa gleich, das Terrain beiden Theilen gleich günstig und dennoch der Ausgang des Kampfes für die eine Division so völlig vernichtend war. Daher erregte sie zu jener Zeit auch viel Aufsehen und Geschrei, weshalb ich sie näher detailliren werde. — Die Notizen sammelte ich im Winter 1839 auf dem Schlachtfelde selbst von Bauern und später von vielen Officieren, welche dort mit fochten. Ich muß gestehen, daß die Darstellung der Bauern oft klarer war, als die von Manchem dieser Officiere. — Die Bauern als bagageros waren übrigens Augenzeugen.

[67] Pardiñas ertheilte beim Beginn des Kampfes, des Sieges gewiß, die Ordre, keinen Pardon zu geben.

[68] In der carlistischen Armee ward der Tod von Pardiñas, über den die christinoschen Lärmmacher lautes Geschrei erhoben, gewöhnlich erzählt, wie General von Rahden in seinem Werke ihn wiedergiebt: daß Pardiñas durch Rufo, dieser durch den Grenadier gefallen sei. — Doch bin ich von der Genauigkeit meiner Version überzeugt, da ich sie von mehreren unterrichteten Augenzeugen empfing; so von dem Oberst Don Eliodoro Gil, später Gouverneur von Cañete, der bei Maella die Lanciers von Tortosa befehligte und hohen Antheil an dem Siege hatte.

[69] Capitain Bessieres, der Einzige, welcher bei der Vertheidigung von Morella die Arbeiten leitete, war, dem Heere der Nordprovinzen angehörend, mit dem Grafen Negri und Don Basilio dorthin zurückgekehrt.

[70] Der Hauptanführer bei derselben, Sergeant Lucas, welcher bis in das Schlafgemach der Königinn Wittwe drang, ging bekanntlich nachher zu den Carlisten über, zeichnete sich sehr aus — er nahm Theil an der Escalade von Morella — ward Officier und wurde dann gefangen und füsilirt.

[71] Der commandirende General im Königreiche Valencia sogar, General Mendez Vigo, wurde ermordet.