XXXII.

In trübe Gedanken versenkt zog ich am 30. October aus den Thoren von Berga, welches ich wenige Tage vorher mit so freudigen Hoffnungen betreten hatte. Das erste dumpfe Gerücht von des Grafen Ermordung war am Morgen bis zu mir gedrungen, zu voreilig wohl, denn kaum konnte die Nachricht des auf dem Ufer des nicht nahen Segre Geschehenen so rasch herdringen. — Der Graf ermordet! Kaltes Grausen überlief mich, und eine innere Gewalt trieb mich vorwärts, weit, weit die Mauern hinter mir zu lassen, in denen die blutbedeckten Mörder hauseten.

Allein, denn meinem Burschen war die Erlaubniß, mich zu begleiten, vom General Segarra versagt worden, folgte ich auf meinem Maulthiere der Straße nach der festen Hermite von Pinos, von einem stummen Knaben als Führer geleitet. So wie ich das Fort verließ, begann schon die Gefahr, die jetzt, da ich ganz allein und unbewaffnet reisete, noch weit drohender, als bei dem Marsche vom Ebro herauf war; doch am Nachmittage wurde ich durch eine Gesellschaft überrascht, die ich freilich nicht erwartet hatte und unter jenen Umständen nicht eben wünschenswerth nennen konnte. Zwei junge Frauen holten mich ein und flehten, sie unter meinen Schutz zu nehmen. Die jüngere, kaum neunzehn Jahr alt, hatte fünf Tage nach der Hochzeit mit dem Bruder ihrer Gefährtinn den Gatten sich entrissen gesehen, da er, um wenige Stunden zu spät in das schützende Band der Ehe getreten, nach dem durch de España eingeführten Conscriptions-Gesetze für eines unserer catalonischen Bataillone ausgehoben war. Die zweite, vielleicht sechs und zwanzig Jahr alt, war seit dem Beginn des carlistischen Aufstandes von ihrem Manne getrennt, der, ein echter, freiwilliger Royalist in den Schaaren, welche Carnicer nach Ferdinand’s VII. Tode bildete, bei der Vernichtung derselben gefangen genommen und nach der Insel Cuba geschickt wurde, weil er sich weigerte, unter Christina’s Banner gegen die Vertheidiger seines Königs zu fechten.

Die beiden Frauen, in einem am Ebro liegenden Dorfe wohnhaft, hatten, wie häufig die Familien unserer Soldaten es thaten, ihrem Bruder und Gatten Wäsche und andere Bedürfnisse überbracht; zagend waren sie auf der Heimreise bis Pinos gelangt, da sie von der Brutalität der christinoschen Soldaten und vor Allem der Nationalgardisten, denen sie auf dem dreißig Leguas langen Wege bis zum Ebro so leicht begegneten, das Schlimmste fürchten mußten. So waren sie innigst erfreut, einem Mayor[108] sich anschließen zu dürfen. Natürlich erlaubte ich ihnen ohne Zögern, mich zu begleiten, aber ich mußte oft lächeln, wenn ich das Trio betrachtete, welches zu dreitägigem Marsche durch feindliches Gebiet und zwischen zwölf bis vierzehn feindlichen Vesten hin sich vereinigt hatte: ein Fremder, des Terrains gar nicht und sehr wenig der eigenthümlichen Sprache der Provinz kundig, ohne Waffen gegen den Feind und nur seinen Character als carlistischer Capitain habend, um von den Einwohnern die Bedürfnisse — Maulthiere, Rationen und Führer — sich zu erzwingen; und mit ihm zwei junge Frauen, welche, die dunkeln Gluthaugen in steter ängstlicher Bewegung, bei jedem Geräusch zusammenschraken und scheu zum Begleiter, Hülfe suchend, aufschauten.

Wenn die Carlisten, wie so oft, solche gefährliche Reisen machen mußten, pflegten sie bei Tage zu ruhen und nur bei Nacht den Marsch fortzusetzen, in der Dunkelheit ihre Sicherheit suchend. Ich beschloß nun, dieses zu benutzen und gerade das Gegentheil davon zu thun: ich marschirte nur bei Tage und strebte, besonders die gefährlichsten Punkte am Mittage zu überschreiten, wogegen ich des Abends irgend einen größeren Ort, wo möglich, oder sonst einen Weiler aufsuchte, wie sie auch in dem schroffsten Gebirge nur selten fehlten, um dort die Nachtstunden zuzubringen. Später, da ich häufig in ähnlichen Lagen mich befand, habe ich die Methode stets mit dem besten Erfolge angewendet. Denn da der Feind jene Gewohnheit des nächtlichen Marsches kannte, traf er demnach seine Maßregeln; er legte sich am Abend in Hinterhalte, die Einherziehenden erwartend, während er in der Nacht gern die Ortschaften vermied, da er jeden Augenblick die Ankunft eines carlistischen Trupps erwarten mußte, was bei der Abneigung der Bevölkerung gegen ihn leicht ihm verderblich werden konnte. Da war ich also mit einiger Vorsicht ganz sicher.

Am Tage dagegen wußte er die Carlisten ruhend und suchte deßhalb in ihren Schlupfwinkeln sie zu überraschen; dann zog ich aufmerksam meines Weges und war, wenn ich etwa einer feindlichen Streifparthie begegnete, immer zeitig genug von ihrem Nahen benachrichtigt, um über die zu ergreifenden Maßregeln mich entscheiden zu können.


Der erste, besonders Gefahr drohende Punkt auf meinem Marsche war die große Heerstraße von Barcelona über Lerida nach Zaragoza: sie mußte zwischen den beiden, anderthalb Leguas von einander entfernten Festungen la Igualada und Cervera überschritten werden, was bei unserer Hinaufreise nicht ohne viele Mühe und in steter Besorgniß um Mitternacht bewerkstelligt war. Jetzt kam ich, von den zitternden Weibern begleitet, um eilf Uhr Morgens bei der Straße an, nachdem ich von einer nahen Höhe das Terrain sorgfältig recognoscirt hatte.

Rechts, eine gute Viertelstunde entfernt, breitete sich, auf einem Hügel liegend, Cervera mit seinen aus schneeweißen Quadersteinen errichteten Befestigungen aus, hoch von zahlreichen Thürmen überragt, welche den früheren Glanz der Stadt beurkunden; noch jetzt enthält sie die einzige Universität des Fürstenthumes. Ich hatte den Übergangspunkt ihr so nahe gewählt, weil dort die Gebirge zu beiden Seiten bis nahe an die Chaussee sich hinziehen; übrigens wagten die Christinos nie anders, als in schlagfertigen Trupps, auch nur tausend Schritt weit aus ihren Werken hervorzugehen. Bis zu den Thoren von Cervera hin war die Aussicht frei, so daß wir deutlich selbst die Soldaten der Wache unterschieden. Links, jedoch in weiter Ferne, wurden die Thürme des Fleckens la Igualada sichtbar, welcher durch die zwischenliegenden Höhen unsern Blicken verdeckt war.

Stolz ritt ich die zweihundert Schritt hin, welche ich der Straße zu folgen genöthigt war, mit Staunen von den einzelnen Bauern angegafft, die, vom Markte in der Stadt heimkehrend, ihre unbeladenen Esel vor sich hertrieben. Ich wußte sehr wohl, daß ich von Cervera aus von den Feinden gesehen und erkannt wurde, denn ich hatte mein weißes Barett mit goldenem Quaste nicht abgelegt; und es lag etwas angenehm Kitzelndes in der Idee, so spottend der Einzelne den Vielen zu trotzen. Doch unterließ ich dabei nicht, meines Maulthieres gewohnten Schritt durch einige derbe Stöße zu beschleunigen.

Da plötzlich schrie eines der Mädchen auf und zeigte bleich mit dem Finger nach dem Seitenwege, welchen wir einschlagen sollten. Etwa dreißig Reiter in glänzender Uniform, kaum zweihundert Schritt entfernt, naheten in scharfem Trabe! Das hochmüthige Gefühl war schon durch den Anblick niedergeschlagen, da ich in einer Minute niedergehauen oder im glücklichsten Falle ein Gefangener sein mußte; an Flucht aber war nicht mehr zu denken, indem ich auf dem wenigstens tausend Schritt weit ganz ebenen Boden sofort eingeholt wäre. Was thun? — Doch ein zweiter Blick auf die Reiter machte mich zweifeln: rothe Voynas glänzten auf ihren Köpfen; sie mußten also, wenn das Unterscheidungszeichen nicht log, dem carlistischen Heere angehören. Aber woher dann diese funkelnden Uniformen, diese weißen Dolmans mit den Scharlachstickereien, woher die flatternden Pelze, wie ich selbst im Vaterlande nicht reicher und geschmackvoller zugleich sie gesehen?

Einen Augenblick später begrüßte mich der Officier, welcher das Detachement führte, mich befragend, ob irgend etwas Neues auf meinem Wege vorgefallen sei oder der Feind dort stehe, und meine gleiche Frage dahin beantwortend, daß Valmaseda’s Escadrone, denen er angehörte, den Ebro passirten, um zum Grafen de España zu stoßen. Er wußte noch Nichts von der Entfernung des Grafen; da dort aber nicht gerade der passende Ort war, um in weitläuftige Erzählungen uns einzulassen, setzten wir, glückliche Reise uns wünschend, bald den Marsch fort. Langsameren Schrittes, als die leicht davon trabenden Reiter, verließ ich die Heerstraße mit meinen niedlichen Gefährtinnen, die manchen derben Scherz der lebenslustigen Husaren hervorriefen.

Kaum hatten diese sich von mir getrennt, als ein Kanonenschuß von Cervera donnernd ertönte, alsbald dumpf von la Igualada beantwortet: das Signal, daß facciosos die Linie passirten. Ich beschleunigte den Schritt, da ich voraussetzen mußte, daß alle kleinen Streifcorps der Christinos nun in Bewegung kommen würden, um, wo möglich, irgend eine Beute zu erwischen, und bald hatte ich mich wieder in die tief eingeschnittenen Schluchten geworfen, die diesen südlichen Ausläufern der Pyrenäen einen so besonders wilden Ausdruck verleihen.

Munter und ohne weiteren Aufenthalt zogen wir bis zum Abend fort, wobei die Frauen, denen ich natürlich häufig mein Maulthier überließ, wiewohl hauptsächlich die Jüngere so zartes Äußere hatte, wie man in Deutschland vergeblich bei einer Bäuerin es suchen würde, die unendliche Gewandheit und Ausdauer der Gebirgsbewohner entwickelten, mein lebhaftes Staunen erregend. Sie hüpfen leicht wie die Gemsen auf den oft Grausen weckenden Pfaden hin und eilten jetzt im Fluge in die tiefen Abgründe hinunter, um dann wieder unermüdet den oft sich windenden und immer noch entsetzlich steilen Felsenweg hinaufzuklimmen.

Die Wege waren wirklich furchtbar, überall mit Absicht über die schroffsten und unzugänglichsten Theile des Gebirges geführt, oft fast unkennbar und durch loses Gestein plötzlichen Sturz in die gähnende Tiefe drohend; zugleich durchschnitten sie quer alle die schmalen Thäler, so daß ein ununterbrochener Wechsel von halb bis einstündigem jähen Aufsteigen und eben so langem, vielleicht noch gefährlicherem Hinabklettern Statt fand. Auch versicherten die Einwohner der Dörfer, welche wir in jedem Thale fanden, daß, ehe die carlistischen Truppen diese Verbindungswege öffneten, Niemand für möglich gehalten habe, dort zu passiren, so daß die Communication auf Stunden weiten Umwegen um den Fuß der Gebirge bewerkstelligt wurde. Unsere Freiwilligen pflegten stets die kürzeste Linie für ihre Märsche zu wählen, ohne die Eigenschaften des Terrains viel zu Rathe zu ziehen.

Als ich am Abend in einem niedlichen Dorfe Halt machte, waren wir bereits über sieben Leguas von der Chaussee entfernt; ich warf mich daher zu freilich nicht sehr ruhigem Schlafe auf eine Matratze neben dem Heerde nieder, nachdem ich den Alcalden mit seinem Kopfe dafür verantwortlich gemacht hatte, daß auf jeder dem Orte zuführenden Straße ein sicherer Mann zur Beobachtung aufgestellt werde.

Gegen vier Uhr Morgens weckte mich mein braver Alcalde, bestürzt mir meldend, daß ich nicht frühstücken könne; auf meine verdrießliche Frage: „und warum nicht, carajo?“ antwortete er mit tausend Versicherungen der Unschuld und Bitten, daß meine Herrlichkeit ihm verzeihe. Erst nach langem Drängen brachte er hervor: „im Augenblick sind die Negros hier, sonst hätte ich Ew. Herrlichkeit ja nicht geweckt.“ Da war ich freilich schnell auf den Beinen. Der Bauer, welcher, einer der ausgesandten Patrouillen, die Nachricht überbracht hatte, berichtete, daß er selbst einen Theil der Besatzung des nächsten, fünf Viertelstunden entfernten Forts den Weg gerade nach dem Dorfe habe einschlagen sehen, wohl von dem christinoschen Alcalden benachrichtigt; und daß die Schwarzen, da er auf Nebenwegen und laufend vorausgeeilt sei, in einer Viertelstunde anlangen könnten.

Das Maulthier, vom Wirthe als das beste des Thales gerühmt, stand schon seit dem Abend reisefertig, das heißt, mit einem ungeheuren Bastgeflecht zur Aufnahme des Gepäckes und mit einem Stricke statt des Zügels versehen, die beiden Gefährtinnen, auf der andern Seite des Heerdes ruhend, waren sofort munter. Also saß ich zwei Minuten nachher auf dem Strohsattel, mit einem großen, stark nach dem beliebten Knoblauch, dem Spanier das non plus ultra der Gewürze, duftenden Topfe, der das Frühstück enthalten sollte, vor mir, und geflügelten Schrittes zogen wir weiter dem Süden zu.

Ohne weitere Hindernisse überschritt ich den zweiten besonders gefährlichen Punkt, die Heerstraße von Tarragona nach Lérida. Als wir aber auf dem Gipfel eines Berges ankamen und nach kurzer Ruhe uns anschickten, zu dem am Fuße desselben liegenden Flecken eine gute halbe Stunde hinabzusteigen, tönte plötzlich lautes, verworrenes Geschrei zu uns herauf. Wir stutzten, denn der Schrei schien von Tausenden herrühren zu müssen, und ich hatte nicht gehört, daß eine Colonne sich in der Gegend befände. Ein Bauer, den wir bald trafen, konnte uns nur sagen, daß viele Soldaten dort unten seien, was dieselbe Ungewißheit bestehen ließ; als wir nun langsam hinabstiegen, oft anhaltend und lauschend, sah ich dunkele Reihen, von Gewehren überblitzt, sich uns entgegen schlängeln. Schon wollte ich umkehren, als des Führers Adlerauge die so oft ersehnten Baretts unterschied.

Es war eine Brigade des Heeres von Catalonien, die eine Excursion in das Ebro-Thal gemacht hatte, und deren Operationen, in dieser Richtung die kleinen feindlichen Streifparthieen verscheuchend, wohl viel beitrug, meinen Marsch ungefährdet zu machen. Das früher gehörte Geschrei aber rührte von den Vivas her, mit denen die Truppen eine Anrede ihres Führers erwiederten.

Wie oft habe ich die Idee gesegnet, welche Zumalacarregui bewog, die malerischen Voynas der Basken für seine Armee zu adoptiren! wie oft bin ich, so wie tausend Andere, durch sie aus Verlegenheit befreit oder gewarnt! wie oft haben sie aus der Furcht der Ungewißheit und selbst vom nahen Verderben mich gerettet! Wenn das glänzende Scharlach oder Weiß aus der Ferne leuchtete, war ich ja sicher, unter den Meinen zu sein; wo sie fehlten, nahte man nur mit der größten Vorsicht, da, wenn auch unsere Soldaten häufig blaue Voynas trugen, die Officiere doch durch jene Farben hervorstachen.

Ehe ich den Ebro erreichte, traf ich auf Valmaseda’s Escadrone, durch ihre Bravour, wie durch die Tollkühnheit und die fanatische Wildheit ihres Führers bekannt; eine treffliche Schaar: lauter kräftige Leute, echte Söhne Castilien’s, und getragen von stolzen andalusischen Hengsten, die sie auf ihren kühnen Zügen zusammenbeuteten. Diese Reiterei war das Schönste und Kriegerischste, was ich in Spanien sah, an Glanz den Elite-Regimentern der Christinos nicht nachstehend und in den dunkel gebräunten, bärtigen Antlitzen der Krieger das Gepräge langen und harten Kämpfens bietend, wie es nur in den ersten Zeiten der carlistischen Erhebung Statt finden konnte. Da sah der Guerrillero, wie das Wild durch die Gebirge auf den Tod gehetzt, oft Wochen lang keine menschliche Wohnung, und Wochen lang war er in den unzugänglichen Klüften zur Fristung des Lebens auf Kastanien und süße Eicheln beschrankt.

Am Abend des dritten Tages nach dem Abmarsche von Pinos dehnten sich wieder die fruchtbaren Auen des Ebro vor uns aus, und während meine Begleiterinnen nach herzlichem Abschiede den Fluß entlang freudig ihrem heimathlichen Dorfe zuschritten, trug mich die Fähre nach dem befreundeten Flix zurück.


Da erhielt ich denn trübe Nachrichten, wie ich freilich nicht so rasch sie erwarten konnte: Espartero stehe mit seiner ganzen Armee nur wenige Stunden von Morella und Cantavieja entfernt, und stündlich werde der Angriff auf eine der bedroheten Festungen erwartet; Cabrera mit einem Theile seiner Truppen habe sich dem so unendlich überlegenen Feinde beobachtend entgegengestellt. Meine Absicht, einen Tag im reichen Flix zu ruhen, war vereitelt, da ich vor Anbruch des Tages schon weiter eilte, um zu rechter Zeit zum Kampffeste anzukommen.

Doch wie ich vorwärts schritt, blieben die Nachrichten merkwürdiger Weise stets dieselben. Espartero war immer einige Stunden von Morella entfernt, Cabrera ihm ganz nahe, und die beiden Heere schauten müssig sich an. Diesen Stillstand mußte freilich unser braver General schon als hohen Sieg betrachten; seit Jahren nur gewohnt, zu vertheidigen und zu decken, hatte Espartero wohl vergessen, daß er anzugreifen und zu erobern hieher gekommen war, oder er mochte es schwer finden, für die Lieblingsmethode, durch die er die Nordprovinzen ohne Kampf und ohne Gefahr sich unterwarf, in Aragon sogleich bereitwillige Werkzeuge zu finden.

Da hielt denn der Siegesherzog mit seinen Sechzigtausend inne vor wenigen Bataillonen unserer Treuen, und ungewiß, wie die ihm neue Aufgabe des Erkämpfens mit den Waffen in der Hand zu lösen sei, stand er da Woche auf Woche, das so nahe und ihm doch unerreichbare Ziel seines Strebens anstarrend, ohne daß er die Hand zu seiner Erreichung auszustrecken gewagt hätte. Und dann erkannte er endlich, daß der Sieg, einem Cabrera gegenüber, doch wohl nicht so im Fluge erhascht werde. Anstatt, seiner phrasenreichen Ankündigung gemäß, vor dem Ende des Jahres die Horden der Rebellen niederzuschmettern, kehrte er, erstaunt über das, was er gewagt, zurück aus der drohenden Nähe, in die er ungehindert sich aufgestellt hatte — zu welchem Zweck, möchten wohl seine schmeichelnden Lobredner weit eher ausfindig zu machen wissen, als er selbst —; und er beschloß, doch lieber bei dem sicherern Systeme zu beharren, welches ja schon Titel und Ehren — wenn auch nicht Ehre — und Macht in Fülle ihm eingebracht hatte.

Verrath, Bestechung, Fälschung, Meuchelmord und Gift[109] sind die Waffen, deren Espartero als Meister sich zu bedienen wußte; durch sie sollte denn auch die Macht des gefürchteten Cabrera gebrochen werden. — Doch greife ich dem Gange der Ereignisse nicht vor!

In Morella fand ich Alles eben so friedlich, wie drei Wochen früher bei meiner Abreise; auf meine Fragen nach dem Stande der Dinge hieß es: „Ja, die Christinos stehen ein paar Stunden von hier in Luco und Bordon, aber unser Graf ist in Zurita, ihnen gegenüber.“ Dagegen sprach alle Welt mit Entsetzen von dem neuen Mordversuche, dem achten schon oder neunten, der vor wenigen Tagen auf den geliebten General gemacht war, und dem er durch wunderbares Geschick entging, da ihm Voyna und Mantel von Kugeln getroffen waren. Die Thäter, zwei durch das Gold Cabañero’s gewonnene und von einem früheren carlistischen Spione geführte Bauern, wurden von den Miñones ergriffen, und die drei büßten ihre Schandthat auf der Stelle mit dem Tode.

Ebenso erregte der Verrath allgemeinen Unwillen, durch den Cantavieja dem schleichenden Feinde hatte überliefert werden sollen. Er mißlang nur durch die rasche Energie Cabrera’s, der, wenige Stunden vor der Ausführung dort anlangend, mehrere Officiere, die des Einverständnisses mit Espartero durch aufgefangene Correspondenz überwiesen waren, sogleich erschießen ließ.


Ich eilte, den Oberst Baron von Rahden als Landsmann aufzusuchen, und ward von ihm mit wahrer Herzlichkeit empfangen, indem er mir vorwarf, daß ich nicht gleich nach meiner Auswechselung zu ihm kam. Die Katastrophe des Grafen von España erschütterte ihn tief. Herr von Rahden hatte, da er in Folge von Zwistigkeiten mit Maroto auf Befehl des Königs nach Aragon abging, einige Zeit in Catalonien sich aufgehalten und war dem ermordeten Grafen so werth geworden, daß dieser ihn erst spät und in Rücksicht auf den bestimmten königlichen Befehl die Reise zur Armee Cabrera’s fortsetzen ließ, nachdem er ihn mit Beweisen des Wohlwollens und der höchsten Achtung überhäuft hatte.

So war es wohl natürlich, daß die Nachricht von dem schmählichen Ende des hochverdienten Greises Herrn von Rahden unendlich ergriff; sein gewiß von jedem Deutschen getheilter Abscheu gegen das Volk und das Land, in dem solche Schandthat geschehen und unbestraft bleiben konnte, trug eben so viel, als Rücksicht auf die von spanischen Wundärzten behandelte schwere Wunde, welche ihm selbst das Reiten nicht erlaubte, dazu bei, daß er freudig die Botschaft an den König übernahm, welche ihm Cabrera kurz nachher anbot. Oft hörte ich, wenn wir über die Ereignisse des verflossenen Jahres sprachen, so reich an Verbrechen und Schande, schwer seufzend ihn äußern, daß er niederfallen werde und den Boden küssen in dem Augenblick, da er Spaniens Gränze hinter sich sehe. Er benutzte daher ohne Zögern die so günstige Gelegenheit, um die Wintermonate, die nach Espartero’s Rückzuge in Unthätigkeit vergehen mußten, angenehmer unter den Genüssen des Friedens zuzubringen, vertrauend, daß er im Frühjahre neu gestärkt zum Kampfe zurückkehren werde.

Und ich leugne nicht, daß ich mit schmerzlichem Gefühle ihn scheiden sah; ich hätte Viel geopfert, um das, was mir ein glückliches Loos schien, mit ihm theilen zu dürfen. Später freilich, da ich vernahm, wie Herr von Rahden, nach mannigfachen Gefahren die französische Gränze erreichend, zu Bourges von der Polizei einem Verbrecher gleich gefangen, gemißhandelt, ausgeplündert und endlich gar verhindert ward, zum letzten Entscheidungskampfe seinen Cameraden sich anzuschließen und bis zum letzten Augenblicke die Sache des Royalismus zu vertheidigen — sein höchster Wunsch und sein Stolz —; da freilich schätzte ich mich glücklich, daß früher mein Sehnen nicht erfüllt war, daß Polizeispione und die Gewaltthätigkeiten französischer Machthaber nicht mich zwingen konnten, aus der Ferne unthätig dem Untergange der Sache zuzuschauen, der ich, weil sie gerecht und edel war, mich gewidmet hatte.

Es ist leicht begreiflich, daß ein Mann, wie der Oberst von Rahden, in Cabrera’s Armee unendlich nützlich und wichtig sein mußte. Der General hegte zwar, wie ich später von seiner Umgebung erfuhr, anfangs auch gegen ihn die Vorurtheile, welche jeden Spanier, aus welcher Klasse er sei, gegen den Fremden stets erfüllen, und die, Erzeugniß des Nationalstolzes und der Eitelkeit, mehr und mehr in seiner Brust zu wurzeln scheinen, je tiefer er sein Vaterland erniedrigt und gedemüthigt sieht. Aber Baron von Rahden, immer der Vorderste zu der Gefahr und in ihr besonnen und ruhig, entschlossen in Rath und That und durch langjährige Erfahrung und Studien ausgezeichneter Militair, wußte bald jene Abneigung zu besiegen; ja er erwarb sich in kürzester Zeit die Bewunderung und die Freundschaft des kühnen Grafen von Morella.

Er besaß die ganz nordische, unerschütterliche Bravour, die auch dem verwegensten Südländer Staunen erregt, und mehrere Male hörte ich selbst Cabrera äußern, daß Rahden der unerschrockenste Mann sei, den er je gesehen, daß er aber solche Kaltblütigkeit nicht begreife. Da war es denn unvermeidlich, daß Viele eifersüchtig den so weit sie überstrahlenden Deutschen haßten und ihm tausend drohende Schwierigkeiten in den Weg legten, Schwierigkeiten, denen der brave Chef des Geniecorps, der, nicht sehr biegsam, nie das Recht sich entwinden, nie Unrechtes ungerügt ließ, ohne die Hülfe einiger edel Gesinnten und besonders die Stütze, welche er an dem General en Chef sich gewonnen, wohl nicht immer so siegreich hätte begegnen können.

Am Tage nach meiner Ankunft in Morella zog ich mit dem Oberst von Rahden nach dem Hauptquartiere Cabrera’s, welches so eben nach Cantavieja verlegt war, wo wir gerade vor Thoresschluß anlangten. Auf dem ganzen Wege, der einige Mal nicht über eine kleine Stunde von den vom Feinde besetzten Punkten vorbeiführte, hatten wir nur in Mirambel zwei Escadrone getroffen. In Cantavieja wurden wir mit unendlicher Zuvorkommenheit von dem Titulair-Oberst im Genie-Corps Cartagena empfangen, einem hagern, etwa sechszigjährigen Manne, dessen stiere, vorquellende Augen und immer lächelndes, immer gleich nichtssagendes Gesicht als eben so dumm wie halsstarrig ihn bezeichneten, wiewohl er nach seiner Erzählung unendlich Viel gethan und geleistet hatte. Er war in dem Kriege gegen Napoleon — Gott weiß, wie? — zum Capitain, in dem kurzen Kampfe nach der Constitutions-Epoche von 1823 zum Oberstlieutenant avancirt, nach hergestellter Ruhe aber jedesmal sofort in den Ruhestand zurück versetzt.

Im Jahre 1837 vereinigte er sich mit Cabrera, der, vom Ingenieurwesen selbst gar Nichts verstehend und keinen Officier dieser Waffe besitzend, ihn nach seiner einzigen Festung Cantavieja schickte, wo er denn bis dahin gehauset und in den Befestigungswerken, die er stets auf die zweckwidrigste Weise zu arrangiren wußte, ungeheure Summen vergeudet hatte. Der General erklärte einst, daß er mit dem verwandten Gelde das ganze Cantavieja rasiren und es neu und regelrecht befestigen könne.

Oberst von Rahden hatte dieses Individuum in jener Festung vorgefunden und ihn, da Cabrera wegen seiner Dienste in den früheren Kriegen ihn zu schonen wünschte,[110] dort gelassen, seit der Zeit aber natürlich seine weiteren Arbeiten überwacht. Es mußte daher etwa alle acht Tage ein Ingenieur-Officier nach Cantavieja als außerordentlicher Commissair reisen, um das Geschehene zu inspiciren und Ferneres anzuordnen, wobei denn zwischen dem alten Oberst und den jungen Capitains, welche solchen Auftrag bekamen, oft die sonderbarsten Scenen vorfielen, da der eigensinnige Cartagena immer gerade das Gegentheil von dem gethan hatte, was ihm acht Tage vorher vorgeschrieben und durch jedes mögliche Mittel versinnlicht war. Auch ich erhielt später abwechselnd mit dem Capitain Verdeja diese Commission und ward gewöhnlich nach vielstündigem Demonstriren mit dem Bescheide abgefertigt: „Jetzt wollen die Gelbschnabel Alles besser wissen, als wir Alten. Aber Don Ramon will es so! — Sprechen Sie doch mit ihm, daß er den rückständigen Gehalt mir auszahlt.“ Und dann versprach er Alles, um, so wie wir den Rücken wendeten, ganz nach seinem Kopfe zu handeln.

Trotz der Befehle des Obersten von Rahden und trotz unseres Ärgers, den er mit stoischer Ruhe aufnahm, brachte er es wirklich dahin, daß Cantavieja im Frühjahr als unhaltbar geräumt und gesprengt wurde, da, als der interimistische Director des Corps während der Abwesenheit des Herrn von Rahden, Oberst Alzaga, der bis dahin die Dinge gehen ließ, wie sie wollten, sich endlich entschloß, dem General den jämmerlichen Zustand der Festung anzuzeigen, der Feind bereits sein Belagerungsgeschütz heranschleppte.

Wir fanden den General im Kreise seiner Adjudanten und anderer Officiere am Caminfeuer sitzend. Es war mir doch peinlich zu Sinne, da ich wieder mich ihm vorstellte; die blaue Brille, welche früher so übeln Eindruck gemacht, hatte ich, wiewohl ich ihrer schon selten mich bediente, wieder aufgesetzt, nicht wünschend, daß ihr Weglassen einem niedrigen Beweggrunde zugeschrieben werde. Cabrera empfing mich mit: „Wie, schon zurück!“ und schlug die Bitte des Obersten von Rahden, mich zum Geniecorps zu bestimmen, mit der Bemerkung ab, daß durch dieses wissenschaftliche Corps schon zu viele Officiere den Bataillonen entzogen wären. Dennoch erlangte der Oberst bald, indem er von meinen Leiden in der Gefangenschaft und vor Allem von den schweren Wunden sprach, was nie verfehlte, Cabrera günstig zu stimmen, daß ich dem Corps aggregirt und selbst zu seinem Adjudanten ernannt wurde, was mich doppelt erfreute, da ich so mit dem verehrten Landsmann vereinigt blieb. Hätte ich geahnet, daß er sobald Aragon verlassen würde, so hätte ich freilich der Ansicht treu, die ich bei meinem Eintritt in Spanien aussprach, vorgezogen, ferner in der Infanterie fortzudienen.

Auch hier äußerte Cabrera wiederum, daß die Brillen ihm widerlich seien, er müsse einem Jeden frei in das Auge sehen können.

Nachdem Herr von Rahden seine Geschäfte mit dem General und dem Oberst Cartagena vollbracht hatte, der manche bittere Pille dabei verschlucken mußte, traten wir den Rückmarsch nach Morella an, wo ich in des Obersten Logis gleichfalls mich einrichtete. Wir bewohnten eines der vorzüglichsten Häuser der Stadt; der Balkon des großen Saales war merkwürdiger Weise mit Glasfenstern statt des sonst üblichen, in Öl getränkten Papieres versehen, und wir beschlossen, durch Erbauung eines Ofens uns einen der vielen vaterländischen, hier so lange und so bitter entbehrten Genüsse zu verschaffen.

Die drei Wochen, welche ich dann in der Gesellschaft des Baron von Rahden zubrachte, darf ich als die glücklichste Zeit betrachten, die ich in Spanien verlebte, wenn ich etwa jene einzelnen Momente der Begeisterung ausnehme, wie das Kriegerleben so mächtig sie hervorruft, die, alles Äußere zurückdrängend, in der Wonne des Kampfes und des Sieges oder irgend einer hohen That uns schwelgen machen. Und doch, wie könnte ich das Glück jener Wochen mit diesem Rausche der Empfindung zusammenstellen! Denn, wahrlich! ein Rausch ist es, der augenblicklich, unserm gewöhnlichen Selbst uns entreißend, mit neuen Gefühlen, nie gekannten Kräften uns anregt und zu Thaten treibt, über die wir selbst staunen, wenn der Geist geflohen, der die Brust uns füllte; — eine Berserker-Wuth, wie die Sage in den Helden unserer nordischen Stammverwandten beim Beginne des ersehnten Kampfes sie schildert —. Wenn aber der Rausch schwindet und mit ihm die strahlende Glorie, durch die Alles in unseren Augen verherrlicht wurde, wenn wir uns zurückgeschleudert sehen in das Treiben der Menschheit mit der Niedrigkeit und der leidenschaftlichen Erbärmlichkeit, welche vorher vor dem reineren Feuer, das in uns glühete, scheu sich versteckt hatte; dann folgt geistige Erschlaffung der Spannung, die so hoch über uns selbst und unsere Umgebung uns hob, und die Begeisterung, den tödtenden Eindrücken weichend, welche die immer wiederholten Enttäuschungen aufdrängen, löset sich in Ekel und Alles verachtende Bitterkeit auf.


Gegen das Ende Novembers kam Cabrera auf einige Tage nach Morella. Bald theilte mir Herr von Rahden mit, daß er unverzüglich nach Frankreich abreisen werde, da der Wunsch des Generals, ihn an den König zu senden, der stets zu Bourges zurückgehalten wurde, mit seiner Neigung und seinen Bedürfnissen zusammentraf. Am 30. November 1839 verließ er Morella, von dem Oberst Caravajal nebst einigen Officieren und dem Maler Lopez begleitet, einem sehr geschickten Künstler und wahren Carlisten, der früher in der königlichen Armee gekämpft und während der kurzen Zeit, die er, von Rom kommend, im Auftrage Carls V. bei dem Heere Cabrera’s gewesen war, ein sehr gelungenes Portrait des gefeierten Feldherrn angefertigt hatte.

Mein Bedauern bei der Trennung von dem einzigen Deutschen, der in der Armee sich befand — denn einige Schurken, die von der französischen und portugiesischen Legion als Deserteurs zu uns gekommen waren, verdienten nicht, so genannt zu werden — von dem Manne, dessen freundschaftlicher Theilnahme ich so sehr mich verpflichtet fühlte, war herzlich, wiewohl ich hoffte, daß er in wenigen Monaten wieder an der Spitze des Corps stehen würde, welches er geschaffen und auf eine so hohe Stufe gehoben hatte.

Etwa drei Wochen später brachten die Burschen, welche bis zu der Gränze ihn begleitet hatten, mit einem dicht am französischen Gebiete geschriebenen Billet die frohe Nachricht, daß Herr von Rahden — er war im November zum Brigade-General ernannt — wenn auch oft von Gefahren bedroht, endlich ohne Unfall Spanien habe verlassen können. Eines der Pferde, die sie zurückbrachten, wies mir Cabrera, der in Hervés erkrankt lag, mit der Bemerkung zu: „Sie werden es ihres Freundes wegen hoch schätzen.“ Es war das letzte, welches der Feind bei der Katastrophe des folgenden Jahres mir abnahm.

[108] El mayor, der Älteste, nannten die einfachen Gebirgsbewohner in ihrer unbegränzten Ehrfurcht jeden Officier; gewohnt, den Ältesten der Familie mit höchstem Respekt zu behandeln, trugen sie die Benennung auch auf die Militairs über, denen solcher Respekt bewiesen ward.

[109] Diese Blätter werden Belege für Alles liefern, dessen ich den Siegesherzog hier anklage.

[110] Ein beachtenswerther Zug in dem jungen General war seine hohe Achtung und Rücksicht für alle altgedienten Soldaten.