XXXIII.

Espartero, nachdem er die baskischen Provinzen erkauft, war in den letzten Tagen Septembers von Navarra aufgebrochen, um sein Werk durch die Unterwerfung des Gebirgslandes zu vollenden, in dem der Graf von Morella als Stellvertreter Carls V. befehligte. Er führte 40 Bataillone und 16 Escadrone von der Nordarmee nach Aragon; die Bataillone waren durch die neue im Sommer gemachte Aushebung von 40000 Mann auf den höchsten Etat gebracht, den sie während des Krieges je gehabt hatten: sie enthielten nach den Aussagen von Augenzeugen, wie nach dem, was ich später von den Christinos selbst hörte, in ihren acht Compagnien 1100 bis 1200 Mann. Die drei Heeres-Divisionen und die der Avantgarde, in welche jene Masse eingetheilt war, wurden von den erprobtesten Führern der Christinos commandirt; der frühere Vicekönig von Navarra, Don Diego Leon, Graf von Velascoain, befehligte die neun Bataillone starke königliche Garde. Mit Espartero war auch der berüchtigte Schleichhändler Martin Zurbano, genannt Barea, von der usurpatorischen Regierung mit dem Grade eines Obersten belohnt, nach Aragon gekommen; sein Freicorps zählte fast 3000 Mann Infanterie und 200 Pferde.

Die Armee des Centrum, unter dem Oberbefehl des Generals O’Donnell im Königreiche Valencia stehend, war aus 24 bis 26 Bataillonen und etwa 20 Escadronen zusammengesetzt, da der Rest als Garnisons der zahlreichen Festungen beschäftigt war. O’Donnell zog mit 21 Bataillonen und 7 Escadronen nach Teruel, um von dort aus in Verbindung mit Espartero die entscheidenden Operationen zu beginnen. So gebe ich die unter diesen beiden Chefs vereinigten Streitkräfte gewiß nicht zu stark an, indem ich ihre Zahl auf 75000 bis 80000 Mann schätze.

Der Graf von Morella befand sich, da er die Nachricht von dem Verrathe Maroto’s und dem Anmarsche der Nordarmee erhielt, mit 12 Bataillonen und 800 Pferden weit im Innern Castilien’s, wo kein feindliches Corps seine Fortschritte hinderte. Er eilte sofort zur Deckung des Hochplateaus, von dem hinab er bisher siegreich nach allen Seiten sich ausgedehnt hatte; am 6. October langte er in Morella an und traf sofort die Maßregeln, welche zum kräftigen Empfange des Feindes beitragen konnten.

Die Armee unter seinem unmittelbaren Commando bestand aus folgenden Truppen:

Die Division von Aragon unter General Llagostera enthielt 9 Bataillone, von denen zwei erst kürzlich bewaffnet waren, und 6 Escadrone; die Division von Valencia unter General Forcadell 7 Bataillone, von denen das eine neu gebildet, und 4 Escadrone; die Division vom Ebro in der 1. Brigade, Tortosa, unter Oberst Palacios 4 Bataillone, in der 2. Brigade, Mora, unter Oberst Feliú 3 Bataillone und 4 Escadrone.

Dazu kamen das Schützen-Freibataillon des Oberst Bosque, das Sappeurs-Bataillon und das Bataillon der Artillerie, so daß die Armee aus 26 Bataillonen und 14 Escadronen oder 14000 Mann Infanterie und 1300 Pferden bestand.

Die Brigade, welche, 4 Bataillone und 2 Escadrone stark, jenseit der Heerstraße von Teruel nach Segorbe stand und die Festungen des Turia nebst Cañete und Beteta kaum hinlänglich garnisoniren konnte, darf nicht in Betracht gezogen werden, da sie zu den diesseitigen Operationen gar nicht mitwirkte, der Feind auch zwei überlegene Colonnen unabhängig ihr entgegengestellt hatte; ebenso wenig die beiden Escadrone, mit denen Valmaseda nach Catalonien und im December, von dort zurückkommend, nach Neu-Castilien abging.

14000 Mann und 1300 Pferde sollten dem Angriffe von 80000 Mann begegnen! Doch hatte jene Minderzahl den Vortheil des Terrains für sich, so wie die Stütze, welche ihre Forts und der Geist der Einwohner ihnen gewährten; dagegen machte wieder das Terrain den Gebrauch ihrer herrlichen Cavallerie unmöglich, weshalb diese größtentheils entsendet wurde, um in Flanke und Rücken des Feindes seine Communicationen zu erschweren. Aber dieses kleine Heer wurde furchtbar durch die gränzenlose Hingebung der Krieger, ihre unwandelbare Treue und vor Allem ihr Vertrauen auf den Führer, den sie stets an ihrer Spitze auf dem Pfade des Sieges und der Ehre gesehen hatten. Unendlich war der Enthusiasmus, den der Anblick des geliebten Generals, ein ermunterndes Wort aus seinem Munde in den Freiwilligen erregte; und die friedlichen Einwohner begrüßten mit eifrigen Wünschen für sein Glück den Feldherrn, der gegen Feind und Freund so brav wie gerecht sie geschützt, und den sie daher als rettenden Engel zu betrachten sich gewöhnt hatten.

Cabrera unterließ Nichts, was diesen Geist des Heeres und des Volkes erhalten und heben konnte. Er erließ Proclamationen, in denen er mit schwarzen Zügen den Verrath — wiewohl nicht in seinen ganzen Folgen — schilderte, der den König gezwungen hatte, das angestammte Reich zu meiden. Er sprach dann in feurigen Worten zu den Herzen seiner Kameraden; er erinnerte sie an die zahllosen Unbilde und die Schmach, welche die Männer der Revolution auf Alles gehäuft hatten, was ihnen theuer und heilig sein mußte; er rief die Gefahren und die Drangsale ihnen ins Gedächtniß, die sie unter seiner Leitung erduldet, und aus denen die Hülfe des Höchsten sie stets mit Ehre und Ruhm gerettet, die Siege, welche sie so oft, weit schwächer und wo schon Rettung unmöglich schien, über die prunkenden Massen der erbitterten Negros davongetragen hatten. Er zeigte, wie von dem Augenblicke an, in dem er mit funfzehn Mann und ohne Waffen den Kampf begonnen für die Vertheidigung seines Königs und seiner Religion, wie er da, von Schritt zu Schritt durch die himmlische Vorsehung geleitet, endlich ein glänzendes Heer habe bilden, und, der anfangs Verachtete und einem wilden Thiere gleich von Schlucht zu Schlucht Verfolgte, die übermüthigen Feinde im Sitze ihrer Macht bedrohen können.

Er forderte schließlich seine treuen Streitgenossen auf, nicht zu verzagen, da sie nun die jauchzenden Schaaren der Christinos sich heranwälzen sahen, er bat sie, vertrauensvoll und brav, wie bisher, ihrem Führer zu folgen, der stets der Erste sein werde, wo Gefahr und Ehre lockten, und er versprach ihnen, wenn sie standhaft aushielten in dem großen Kampfe, bei dem die Frucht aller ihrer Anstrengungen auf dem Spiele stand, den Schutz der gnädigen Himmelsköniginn, der hehren Jungfrau der Schmerzen, die nie zugeben werde, daß ihre frommen Kämpen unter den Streichen der alles Heilige verspottenden Trabanten der Revolution erlägen.

Und der Aufruf ihres Generals entflammte zu höchstem Feuer die Begeisterung der wackern Soldaten. Sie alle schwuren, bis zum Tod ihrem Eide treu zu bleiben, und als Cabrera zu Morella die Garnison versammelte und, wie jeder Unteranführer in seinem Corps es thun mußte, öffentlich erklärte, daß jetzt alle die, welche nicht den Muth in sich fühlten zur Fortsetzung des schweren Kampfes, bis das Begonnene ganz vollbracht sei, frei und unangetastet in die Heimath sich zurückziehen könnten, daß aber von dem folgenden Tage an der Soldat, welcher von seinem Corps sich entferne, ohne Gnade erschossen würde — da antwortete ihm ein allgemeines, dreimal wiederholtes: „viva el Rey!“ von dem den Freiwilligen fast eben so vertrauten „viva Don Ramon!“ begleitet, und nicht Einer fand sich unter den braven Burschen,[111] der von des Generals Aufforderung Gebrauch gemacht hätte.

Zugleich bemühete sich der General, viele der Mißbräuche abzuschaffen, die ganz besonders in die Verwaltung sich eingeschlichen hatten, und von denen er, bei seiner eigenen Uneigennützigkeit des Argwohnes kaum fähig, durch bittere Erfahrungen kürzlich überzeugt war: die Hülfsquellen des Landes, so wie die Beute, welche die kühnen Züge Cabrera’s durch Castilien, Valencia und Murcia schafften, wurden auf die unverantwortlichste Art vergeudet oder noch häufiger benutzt, die Habgier Einzelner zu befriedigen. Daher fehlten nicht selten die dringendsten Bedürfnisse, und — was ein furchtbarer Donnerschlag für Cabrera war, der Ähnliches nicht ahnete, da die Freiwilligen nie eine Klage deshalb erhoben — die Bataillone waren fast ein Jahr mit ihrem Solde im Rückstande.

Der General-Intendant des Heeres, Bocos de Bustamente, der bisher die ganze Administration leitete, wurde seiner Stelle entsetzt und die Junta aufgelöset, da sie, anstatt zu ordnen und zu leiten, nur die schon so schwierigen Verhältnisse mehr und mehr verwickelte. Leider konnte der General den Blutsaugern nicht die Millionen entreißen, mit denen sie auf Kosten des Heeres, des Landes und der Sache, deren eifrige Vertheidiger sie sich nannten, ihre Zukunft zu sichern gewußt hatten.

An die Stelle der aufgelöseten ward eine Real Junta militar de administracion y govierno gebildet, die unter dem Vorsitze des Generals en Chef fast ganz aus Militairs höherer Grade zusammengesetzt war, welche durch strenge Pflichterfüllung, Entschiedenheit in ihren politischen Ansichten und Redlichkeit solchen Vertrauens würdig schienen. Bald zeigte es sich, wie auch der am schärfsten Blickende getäuscht wird, und wohl noch mehr, wie Versuchung dem Besten gefährlich ist: im Frühjahr gingen drei der Vocale und unter ihnen derjenige, welcher mit Recht als der Tüchtigste, Thätigste und Einflußreichste unter den Gliedern der Junta gerühmt wurde, der Oberst Villalonga, zu Espartero über, da sie den gänzlichen Fall der Parthei unvermeidlich nahe sahen. Sie nahmen die Casse der Junta mit sich. — Viele Enttäuschungen warteten des edlen Cabrera!

In eben dieser Zeit ward ein Mann in Morella ergriffen, der, Jedermann unbekannt, seit einigen Tagen dort sich umhertrieb und, so wie der General in der Festung anlangte, zu ihm sich zu drängen suchte. Da er nicht Auskunft über sich geben wollte, durch seine Reden aber den Verdacht böser Absichten fast zur Gewißheit steigerte, ward ihm erklärt, daß er, falls er nicht gestehe, wer er sei und weshalb er dorthin gekommen, unverzüglich erschossen werde. Um ihn noch mehr einzuschüchtern, wurde er selbst in capilla gesetzt, und ein Priester sollte zu christlichem Tode ihn vorbereiten. Schäumend vor Wuth gab er sich da, weil er ja doch sterben müsse, als Mörder an, der von den Radicalen zu Barcelona gedungen sei, die Welt von dem gefürchtetsten Vertheidiger der Legitimität zu befreien. Er rühmte sich zugleich, an der Ermordung des gefangenen Obersten O’Donnell und der Seinen, so wie an der Niedermetzelung der Mönche thätig Theil genommen, ja ein Stück jenes unglücklichen Opfers geröstet und verzehrt zu haben; dann versprach er wieder, im Fall ihm das Leben geschenkt werde, Espartero in der Mitte seiner Garde niederzustoßen. Der Mann, plump, frech und erbärmlich feig zugleich, war gewiß sehr schlecht gewählt für das Geschäft, dem er sich unterzogen hatte. Sein abgeschlagenes Haupt ward zur Warnung auf einem Galgen vor der Stadt aufgesteckt. Vor seinem Tode erklärte er, daß mit ihm noch zwei Banditen von Barcelona abgesendet seien, die jedoch meines Wissens nie versuchten, die beschlossene Schandthat auszuführen.


Espartero rückte in der zweiten Hälfte Octobers mit den 35 Bataillonen, die er persönlich führte, von Norden gegen die Gebirgsmasse vor, welche den Grundsitz der carlistischen Macht bildete, und zu deren Vertheidigung Cabrera seine Truppen concentrirt hatte. Sie konnte als eine große Veste angesehen werden, in der Morella und Cantavieja, durch Lage, Kunst — so glaubte man wenigstens — und noch mehr durch die Schwierigkeit der Annäherung besonders stark, den Haupt-Vertheidigungskörper, die vorliegenden Forts Cullá, Alcalá la Selva, Aliaga, Villarluengo und Castillote die Außenwerke, das weit vorgeschobene Segura aber, so wie die Festungen des Turia im Südwesten und Villamaleja im Süden, selbstständige detachirte Werke bildeten, welche in Flanke oder Rücken dem angreifenden Feinde sehr gefährlich werden konnten.

Cabrera sandte deshalb Llagostera mit einem starken Corps, um bei Segura sich aufzustellen, von wo dieser jedoch, da Espartero unaufgehalten über Muniesa und am 26. October selbst bis Calanda vordrang und so die schwächste Seite der Gebirgsveste bedrohete, auf Castillote sich zog und dort Espartero sich entgegenstellte.

Zugleich hatte O’Donnell von Teruel seine 21 Bataillone herangeführt und war sofort bis Villarroyo vorgedrungen, worauf er das Städtchen Camarillas als Depot und Anhaltspunkt befestigen ließ, zu welchem Zwecke Espartero Estercuel ausersah, indem er auch Montalban, um Segura in Schach zu halten, wieder befestigen und diese Puncte durch mehrere feste Posten links mit Calanda und rechts mit den von O’Donnell besetzten Orten und bis Teruel verband, so im Halbkreis eine Linie, ähnlich denen der Nordprovinzen, um das eingeengte Gebiet der Carlisten ziehend.

Eine Colonne von 8 Bataillonen befehligte der Brigade-General Don Juan Cabañero, der, früher in Cabrera’s Armee die Division von Aragon befehligend, mit Maroto zu den Christinos übergegangen war und sich der besondern Gunst des Siegesherzoges erfreute, da er genau mit dem Kriegsschauplatze bekannt war und versprochen hatte, seine früheren Cameraden zu bearbeiten. So gab er ein treffliches Werkzeug ab für die Bestechungspläne seines neuen Anführers.

Kleinere abgesonderte Detachements sollten die Communicationen sichern, das Land besetzen und dadurch seine Hülfsquellen den Carlisten unzugänglich machen und auch wohl die Bewohner, indem sie das ganze Land von den Schaaren der Christinos überschwemmt sahen, heilsame Furcht vor der Macht des gerühmten Feldherrn lehren. So schweifte Martin Barea in dem Gebiete von Montalban und Segura, das Bataillon der portugiesischen Fremdenlegion, welches so lange schon unter Borso di Carminati’s Befehlen brav gegen Cabrera gekämpft hatte und aus einer Brigade zu einem Bataillon zusammengeschmolzen war, zwischen Segura und der großen Heerstraße umher.

Bisher hatten die Feinde, wenn auch stets von unsern Colonnen beobachtet und oft in günstigen Stellungen aufgehalten, keinen ernstlichen Widerstand gefunden, und jubelnd wähnten sie, daß die Kraft unserer Krieger gebrochen sei, und daß rasches Vorwärtsschreiten ihnen hinreiche, um der leichten Beute sich zu versichern. Viele glaubten selbst, daß Cabrera nur die Unterwerfung verzögere, um bessere Bedingungen für sich und die Seinen zu erpressen. Espartero hatte schon seine Siegeskünste in Thätigkeit gesetzt; wenn das Gold über den Obergeneral nichts vermochte, sollte es bei den Untergebenen desto mehr seine Macht bethätigen. Er erließ Proclamationen, in denen er das Volk aufforderte, sich ihm anzuschließen, um die Segnungen des Friedens zu erringen; den carlistischen Soldaten versprach er eine Geldbelohnung und die Entlassung in die Heimath, wenn sie den tollen Widerstand aufgäben und zu den siegreichen Truppen der unschuldigen Königinn übergingen, während er den Officieren, die sich ihm präsentiren würden, Anstellung in den Graden, die sie erlangt, und selbst Bestätigung der Orden und sonstigen Auszeichnungen zusagte, welche ihnen im Kampfe gegen seine eigenen Truppen geworden waren.

Diese waren die ersten Schritte, die er zu der Ausführung seines Lieblingssystemes that; wollte Gott, daß alle andern eben so nichtigen Erfolg gehabt hätten!


O’Donnell drang vorwärts, um seinem Gefährten die Hand zu reichen und zugleich die Aufmerksamkeit Cabrera’s auf sich zu ziehen. Am 30. October griff er Fortanete an, zu dessen Vertheidigung Cabrera rasch herbeieilte und in der That mit vier Bataillonen, die er dort vereinigte und erst am folgenden Morgen mit andern zwei verstärkte, den Ort bis zum Abend des 31. hielt. Am 1. November bereitete er sich, den ermatteten Feind von neuem zu bestürmen, als er durch einen Spion die Nachricht erhielt, daß Espartero am Tage vorher von Calanda über dem Mas de las Matas mit seiner ganzen Macht vorgedrungen sei, Morella sowohl wie Cantavieja bedrohend; und daß Cabañero Einverständniß mit einigen Officieren angezettelt habe, welche ihm am Abend desselben Tages die Festung Cantavieja einhändigen würden.

Fortanete aufgebend flog der General, nur von seinen Adjudanten und Miñones begleitet, der bedroheten Veste zu; am Tage nachher wurden die Schuldigen erschossen, und kaum gelang es dem verrätherischen Cabañero, mit seiner Colonne durch die Schluchten, ihm sämmtlich wohlbekannt, den Massen Espartero’s wiederum sich anzuschließen. Da war es, als abermals die gedungenen Mörder das Leben des Grafen von Morella bedrohten, über dessen Haupte ein schützender Genius zu schweben schien, die Elenden blendend, welche gegen ihn die Hand zu erheben wagten.

In las Parras hatte Espartero sein Hauptquartier aufgeschlagen, während die Garden unter General Leon die Dörfer Luco und Bordon, vier bis fünf Stunden von Morella, besetzt hielten. O’Donnell ging bis la Cañada vor, welches er leicht nahm; aber seine Versuche, darüber hinauszudringen, um mit Espartero in Verbindung zu treten, blieben ganz fruchtlos und kosteten ihm viele Menschen. In eben diesen Stellungen befanden sich die beiden feindlichen Armeen, als ich von Catalonien zurückkehrte, und ein bunteres Durcheinanderwerfen der christinoschen und carlistischen Truppen schien ganz unmöglich zu sein und kann nur durch die Eigenschaften des Terrains erklärt werden, welches so furchtbar gebrochen, mit unzugänglichen Felsmassen und tief gefurchten Schluchten durchzogen ist, daß die Corps häufig auf geradem Wege wohl kaum eine Viertelstunde von einander entfernt waren, während sie, um sich zu treffen, Stunden langen mühsamen Marsch zu machen hatten. — In einem regelmäßigen Kriege würde ein ähnliches Gebirge für durchaus impracticabel erklärt werden.

Espartero stand, wie gesagt, in las Parras, Luco und Bordon,[112] die Front gegen el Orcajo, die beiden Hauptfestungen der Carlisten bedrohend; seine ganze Cavallerie war im Mas de las Matas concentrirt und deckte so die Verbindung mit Calanda, welches jedoch vom Obersten Bosque blokirt wurde, der selbst unter dem Schutz des Terrains drei Mal den Ort überfiel, die Thorwache niederhieb und Officiere und Leute von den Straßen gefangen fortführte, ehe die christinoschen Truppen unter die Waffen kamen. Es durften daher nur Colonnen von einigen tausend Mann von Calanda zum Heere und nach dem Hauptdepot Alcañiz geschickt werden oder von dort kommen.

Dieser Linie parallel zwischen ihr und Morella und den Weg nach dem Orcajo deckend, welches ein äußerst wichtiger Punkt war, da dort die Straßen nach jenen beiden Festungen rechts und links abgehen, standen von Monroyo bis Olocau vier Bataillone, die aber sofort verstärkt werden konnten. Cabrera selbst blieb, nur von seiner Compagnie Miñones und den Ordonnanzen gedeckt, in Zurita, drei Viertelstunden von dem mit Truppen überladenen Luco. An der andern Seite der feindlichen Position lag das starke Castillote, eine Stunde von las Parras und dem Mas de las Matas entfernt. Dort stand, auf das Fort gestützt, Llagostera mit einem Theile seiner Division, die er in glücklichen Zügen und mit überraschender Thätigkeit — da er gewöhnlich sehr langsam sich zeigte — bis tief in das nun feindliche Gebiet hinein, nach Segura und über dasselbe hinaus führte.

In der Nacht vom 6. zum 7. November überraschte er in Barrachina das Fremdenbataillon, welches ihn zwanzig Stunden entfernt wähnte, und brachte ihm einen Verlust von 300 Todten bei: die fremden Corps hatten keinen Pardon. Den kleinen Rest rettete der entschlossene Muth desselben, da er ohne Munition der schon genommenen Kirche sich bemächtigte, in der das Bataillon seinen Pulvervorrath niedergelegt hatte, und in ihr sich vertheidigte.

Zwischen jener Armee und der O’Donnell’s, die in Fortanete und la Cañada sich verbarrikadirte, standen die carlistischen Bataillone in Pitarque, Tronchon und Mirambel, während O’Donnell’s rechter Flügel durch drei Bataillone in Val de Linares, sein Rücken gar durch die beiden Festungen Aliaga und Alcalá la Selva und den auf sie gestützten Freicorps bedroht und seine Communicationen natürlich ganz abgeschnitten waren.

Es wird stets unerklärbar bleiben, was den großen Siegesherzog bewegen konnte, in eine so precäre Lage sich zu begeben und seine Massen ohne Plan und Zweck in die Schluchten zu schieben, welche allen seinen Vorgängern so unheilsvoll sich bewährt hatten. Denn hätte er einen Plan dabei gehabt, so müßte derselbe in seinen Folgen sichtbar geworden sein. Vorwärts gehen aber, still stehen, um Hunger zu leiden, und dann wieder ohne Erfolg umkehren sind gewiß nicht die Mittel, durch die irgend ein Zweck erreicht werden kann. Und wenn er etwa einen der bedrohten Punkte anzugreifen beabsichtigte, was konnte er hoffen, da er auch nicht ein einziges Belagerungsgeschütz mit sich führte, so wie denn auch gar nicht die für die Einnahme einer Festung unumgänglichen Vorbereitungen getroffen waren!

Oder wäre etwa diese ganze unbedachte Bewegung vorwärts nur auf den moralischen Eindruck berechnet gewesen? Sollte Espartero seine Streitkräfte vor den Augen der Feinde haben entwickeln wollen, damit sie, ihre Ohnmacht anerkennend, durch Unterwerfung die Mühe des Besiegens ihm ersparen möchten? Das wäre freilich eine traurige Speculation gewesen. — Es ist wahr, das erste kräftige Vorgehen der Christinos machte einen augenblicklich tiefen Eindruck auf die carlistischen Truppen und mehr noch auf das Volk; ja, ich habe von Männern, deren Urtheil ich hoch stelle, die Behauptung mit nicht ungewichtigen Gründen belegen gehört, daß Espartero damals durch rasches, entschiedenes Handeln unendlich Viel hätte ausrichten, vielleicht allem ferneren Widerstande zuvorkommen können. Die Überraschung war so plötzlich, und gar nichts war gerüstet, gar nichts gethan, was ihn wirksam zurückgehalten hätte.

Aber um so Großes zu erlangen, mußte er jede Minute benutzen; das geringste Zögern gab die Staunenden mehr und mehr sich selbst wieder und schwächte ihn, während es den Gegnern neue Kraft und neues Vertrauen verlieh. Und bedachte der geübte Rechner denn gar nicht, daß wenn das Entwickeln seiner ungeheuern Übermacht und das kühne Vorwärtsdringen moralisch hohen Einfluß üben mußte, daß dann seine unerklärbare, wochenlange Unthätigkeit und gar der endliche Rückzug allen jenen Demonstrationen das Siegel des Lächerlichen aufdrücken, daß es ihn und seine Massen — und was kann Schlimmeres dem begegnen, der moralisch zu wirken sucht? — zum Gegenstande des Spottes und der Verachtung machen mußte?

Wahrscheinlich waren es ganz andere Motive, durch die Espartero zu solch einem faux pas bewogen wurde, Motive, die mit dem alten System zusammenhängen, in das allein er, wohl sich kennend, für seine Eroberungen Vertrauen setzte. Von seinem Cabañero prächtig unterstützt, zweifelte er nicht, daß er Männer finden werde, die gern, um das in rühmlichem Kampfe Erworbene zu sichern und zu mehren, ihr Gewissen, ihren König und ihre Cameraden verkaufen würden. Der gegen Cantavieja gemachte Versuch, die neuen Verräthereien, welche mehreren Officieren das Leben, andern und sehr angesehenen, unter ihnen dem Oberst Echavaste, Amt und Freiheit kosteten, und die von allen Seiten an Cabrera eingegangenen und durch Documente bestätigten Anzeigen von versuchter Bestechung[113] zeigen zur Genüge, wie Espartero arbeitete, wie er kein Mittel scheute, um das ersehnte Ziel zu erreichen.

Und da freilich war das Eindringen in die Gebirge und das Verweilen in ihrem Innern von unschätzbarem Vortheil; Espartero konnte so mit Leichtigkeit jede sich etwa darbietende Gelegenheit benutzen, und er ermuthigte diejenigen, welche geneigt sein mochten, auf seine Ideen einzugehen. Doch noch sollte er unverrichteter Sache abziehen, da er Männer fand, die mit Verachtung seine klangreichen Überredungsmittel zurückzuweisen wußten. Wahrlich, ich wäre irre geworden an der menschlichen Natur — das letzte Jahr hatte so Entsetzliches gebracht! — wenn ich da nicht erkannt hätte, daß unter den Carlisten Viele, die weit überwiegende Mehrzahl selbst, den eigenen Werth zu würdigen wußten. Wenn auch besiegt, durften sie mit Stolz und Verachtung auf den Sieger hinabsehen, gewiß, daß er die Ehre ihnen nicht zu nehmen vermochte.


Vom 31. October bis zum 18. November standen die beiden Generale der Christinos unbeweglich in ihren Dörfern — die Besetzung der Cañada durch O’Donnell am 7. November blieb ohne weitere Folgen —; sie hatten alle Ausgänge derselben verbarrikadirt, und den Soldaten war auf das strengste untersagt, einen Schritt außerhalb der Orte zu thun, so daß sie, da bald doch nur wenige Nüsse und Eicheln als Ration ausgetheilt wurden, selbst die rings um die Dörfer eingegrabenen Kartoffeln nicht mehr holen durften, nachdem Cabrera, der zufällig zu einer Recognoscirung sich genähert, 250 Mann weggefangen hatte, welche zu jenem Zwecke von Bordon ausgesandt waren. Die Garde, am weitesten vorgeschoben, hatte natürlich den schwierigsten Stand.

Die carlistischen Führer waren indessen nicht unthätig. Zwar suchte Cabrera umsonst die feindlichen Massen in ihren Quartieren zu bestürmen; sein Angriff auf O’Donnell mißlang, und eben so wenig vermochte er Espartero’s Truppen in’s Feld oder, indem er ihnen die wichtige Straße nach dem Orcajo ganz frei ließ, zu weiterem Vordringen in das Gebirge zu locken. Er mußte sich begnügen, mit seinen Miñones bis an die Dörfer selbst vorzugehen, so daß die Freiwilligen in die Straßen und Häuser hineinschossen, wodurch der Feind viele Mannschaft verlor.

Dafür waren aber unsere Streifparthieen im Rücken der Colonnen Espartero’s ihnen desto verderblicher. Llagostera operirte nach der Vernichtung des Fremden-Bataillons auf der Communications-Linie der Christinos, unterbrach fortwährend die Verbindung, hob die Convoys auf oder verzögerte ihre Ankunft und bedrohete unaufhörlich die kleinen Garnisons, von denen er mehrere gefangen fortführte, während der verwegene Barea vergeblich seine Unternehmungen zu hemmen strebte. Er sandte 1100 Gefangene und 337 Maulthierladungen von Lebensmitteln nach Cantavieja und Morella.

Oberst Bosque, wie gesagt, blokirte stets Calanda. Da nun Martin Barea neunzehn gefangene Carlisten erschossen hatte, führte auch Bosque von den Gefangenen, die er bei seinem zweiten Eindringen in jenen Ort machte, einen Adjudanten Espartero’s und achtzehn Soldaten an den Fuß der Mauern zurück und füsilirte sie dort. Nachdem sie die Nacht in höchstem Alarm zugebracht, fand die Garnison am Morgen die Leichname und in der Hand des Adjudanten ein Schreiben, durch welches dieser Act als nothwendige Repressalie für die Ermordung jener Freiwilligen angekündigt wurde.

Die Besatzung von Alcalá la Selva, unterstützt von dem 4. Bataillon von Aragon, fing einen Convoy auf, der von Teruel dem ausgehungerten O’Donnell zugesandt wurde, und nahm drei ihn escortirende Compagnien gefangen.

Espartero’s Lage wurde täglich mißlicher: alle seine Anschläge waren gescheitert, und jede Stunde machte die Stellung, in die er sich gezwängt hatte, weniger erträglich. Bald fehlte es ganz an Lebensmitteln, und nachdem das Holz, welches in den Dörfern sich fand, dann auch die Meubles, die Thüren und Fenster aufgebrannt waren, machte sich der Mangel an Feuerung gleich fühlbar. Umsonst erwartete der bedrängte Siegesherzog das schlechte Wetter, welches sonst in diesen Gebirgen nie ausbleibt, umsonst hoffte er, daß Schnee und Sturm ihm einen Vorwand geben würden, der den Rückzug und die Nichterfüllung seiner pomphaften Verheißungen auf Rechnung der Jahreszeit zu setzen erlaubte. Der Himmel schien sich mit den Carlisten zu verschwören, um seine Verlegenheit zu vergrößern, da, wiewohl es ziemlich kalt war, die Luft fortwährend rein blieb und kein Wölkchen am Horizonte sichtbar wurde. — Erst mit dem Anfange des Februars 1840 schien der Winter zu beginnen.

So ward denn Espartero endlich gezwungen, der Demüthigung sich zu unterziehen und die drohende Stellung aufzugeben, welche er seit drei Wochen im Herzen des Gebietes der verachteten Rebellen, wenige Stunden von ihren Hauptfestungen entfernt, behauptet hatte. Anstatt der erwarteten Eroberung von Morella lasen die erstaunten Madrider die Nachricht von dem Rückzuge ihres lorbeerbekränzten Helden. In der Nacht vom 18. zum 19. November verließen die Garden ihre Stellungen, um sich auf las Parras zurückzuziehen, wohin sie von den Compagnieen, welche zu ihrer Beobachtung bestimmt waren, begleitet und so kräftig gedrängt wurden, daß sie im Dunkel der Nacht in gänzliche Unordnung geriethen und ihren Schrecken selbst den bereits zu ihrem Empfange ausgerückten Divisionen mittheilten. Am folgenden Tage zog sich Espartero nach Calanda, O’Donnell von Fortanete auf Camarillas zurück, nachdem sie 4000 Mann geopfert hatten, um Spott und schimpflichen Rückzug damit zu erkaufen.

Rühmlich hatte die kleine Schaar, welche weder durch Versprechungen noch durch Furcht vor der sechsfachen Übermacht in ihrer Treue sich wankend machen ließ, den Feldzug des verhängnißvollen Jahres 1839 geschlossen. Mit Festigkeit sah sie den Schrecken entgegen, die der Frühling über sie häufen mußte. Espartero aber sann ergrimmt auf neue Mittel, durch die er leichten Triumph sich sichern, den gefürchteten Helden, der hindernd seinen Plänen in den Weg trat, unschädlich machen könne; er wußte, daß Cabrera’s Geist Alles belebte und aufrecht hielt, daß ohne ihn, auf den Alle mit Liebe und Vertrauen blickten, der Alles geschaffen hatte, das Werk in sich zerfallen würde. — Seine Wahl war rasch getroffen.

Die letzten Tage des Monats vergingen ohne bedeutende Operationen. Nur Llagostera zeichnete sich wiederum aus, da er in der Nacht vom 25. zum 26. November das vom Feinde befestigte und als Depot benutzte Estercuel angriff, sich dadurch in die Mitte der feindlichen Linie und zwischen die Truppen schiebend, welche rings umher cantonnirten. Er öffnete in der folgenden Nacht durch eine Mine Bresche und nahm die Stadt mit Sturm, worauf er den größten Theil der Magazine fortführte, das Übrige zerstörte und eine halbe Stunde vor dem Eintreffen des heranrückenden christinoschen Corps den Ort verlassen hatte.

Diese letzten Monate des Jahres 1839 bilden die Glanzperiode Llagostera’s, da die ungewohnte Thätigkeit, welche er unter den doppelt schwierigen Umständen entwickelte, und die dadurch errungenen Erfolge den sehr gegen ihn eingenommenen Geist der Armee auf einige Zeit mit ihm aussöhnten. Doch wußte er durch sein späteres Handeln die neu erregten Hoffnungen nicht zu befriedigen und verlor deshalb im April 1840 sein Commando.

[111] Sie waren fast alle unbärtige, sechszehn- bis zwanzigjährige Jünglinge. Die Männer, welche in den ersten Jahren des Krieges sich erhoben, hatten größtentheils mit dem Leben ihre Treue besiegelt oder befanden sich längst in dem Invaliden-Corps.

[112] General Baron von Rahden hat seinem Werke über Cabrera eine Charte des Kriegsschauplatzes im östlichen Spanien hinzugefügt, welche sehr genau und für das Verständniß der Züge und Operationen Cabrera’s seit dem Beginne des Krieges und der ihn bekämpfenden Heere zu empfehlen ist.

[113] Kein Chef vom Oberst aufwärts ist ohne glänzende Anerbietungen von Seiten Espartero’s geblieben.