XXXIV.
Während der Abwesenheit des Generals Baron von Rahden stand das Geniecorps unter der interimistischen Direction des Obersten Don José Alzaga, welcher, da während des Winters in allen Festungen thätig gearbeitet werden sollte und daher alle Officiere des Corps beschäftigt waren, die Leitung der Werke von Morella und dessen Castell gleichfalls über sich nahm. Diese befanden sich zur Zeit des Anrückens Espartero’s in eben dem Zustande, in dem Oráa im Jahre 1838 sie gelassen hatte; man war lediglich darauf bedacht gewesen, die Bresche zu schließen. Umsonst hatte Herr von Rahden seit seiner Ankunft darauf gedrungen, die Befestigung zu vervollständigen und die nahen, vom Feuer des Castells beherrschten Höhen mit wechselseitig sich vertheidigenden Werken zu krönen, hinter denen ein deckendes Corps wie in einem verschanzten Lager stehen könnte, während sie die Arbeiten des Feindes unendlich erschwert hätten, da sie ihn nöthigten, Zeit und Material für die gar nicht leichte Eroberung derselben zu verlieren und die Arbeiten auf weit größere Distance anzufangen, indem sie von seinem eigentlichsten Angriffspunkte, den schwachen Mauern der Stadt, lange und wirksam ihn fern hielten.
Wohl hatte der Graf von Morella die Wichtigkeit dieser Arbeiten erkannt und deshalb Herrn von Rahden aufgetragen, den Plan zu entwerfen; ja, der größte Theil derselben war längst abgesteckt und bezeichnet. Aber die Offensiv-Operationen nahmen während des ganzen Jahres die Aufmerksamkeit und noch mehr alle Mittel des Generals in Anspruch, so daß bei den fortwährend unternommenen Belagerungen das Geniecorps immer fern von Morella beschäftigt war. Auf die dringenden Mahnungen des Herrn von Rahden pflegte er dann mit derbem Fluche zu erwiedern, daß, so lange er lebe, die Christinos nie mehr wagen würden, Morella sich zu nähern. So hatte Jener kaum erlangen können, daß der Bau des regelmäßigen Hornwerkes angefangen wurde, durch das er des wichtigen Punktes der Hermite von San Pedro Martyr sich versichern wollte, der von einer weit die Umgegend beherrschenden Höhe die Festsetzung des Feindes und vor Allem die Errichtung der Batterien auf dem fast einzig dazu passenden Punkte, der Querola, unmöglich machte.
Als die Schreckenskunde von der Annäherung Espartero’s ertönte, war dieses Werk noch sehr zurück. Da eilte denn freilich Cabrera herbei, die rasche Vollendung zu betreiben, und da er den ursprünglichen, trefflichen Plan und das zu seiner Ausführung noch Mangelnde sah, befahl er mit dem Ausrufe: „Carajo, das sind ja wahre Römer-Arbeiten; die passen nicht hierher!“ das Hornwerk zu verkürzen. Die Folgen des peremtorischen Befehls waren traurig. Das Fort mußte, da es außer dem wirksamen Bereiche des Geschützes der Festung lag, als detachirtes und unabhängiges Werk ganz auf die eigene Vertheidigung beschränkt sein; es ward nun aber möglich, da, wo die Abschneidung Statt finden mußte, bis auf hundert und funfzig Schritt sich ihm gedeckt zu nähern, und gerade dieser bedrohete Punkt verlor fast seine ganze Flankenvertheidigung. Dort griffen denn später die Feinde das Werk auch an und nahmen es nach dreitägiger Beschießung.
Herr von Rahden hatte im Augenblicke der Gefahr die Verschanzung rasch — zum Theil mit Pallisaden — geschlossen, um sie gegen einen Handstreich sicher zu stellen. Oberst Alzaga befahl sofort, das so eben Errichtete wieder niederzureißen und es ganz kunstgemäß und permanent von neuem zu erbauen — er fand nie gut, was nicht von ihm selbst herrührte. — Zugleich sollte dort eine bombenfeste Caserne angelegt werden.
Die Leitung dieser Arbeiten auf San Pedro Martyr ward mir übertragen, so wie ich die kürzlich begonnene Befestigung von Villarluengo vollenden und abwechselnd mit dem Capitain Verdeja Cantavieja inspiciren sollte. Diesem wurden die Forts Ares del Mestre und Cullá südlich und dem Capitain Jimenez Castillote und Peñaroya nördlich von Morella zugetheilt, während der vierte Capitain Don Manuel Brusco in den Festungen jenseit der Heerstraße von Teruel nach Segorbe befehligte. Die Subalternofficiere und Werkmeister, so wie die Compagnien des Sappeurs-Bataillons waren dem Bedürfnisse gemäß unter uns vertheilt.
Im ersten Augenblicke fühlte ich mich etwas unsicher in meinem neuen Wirkungskreise. Wenn ich auch in früheren Verhältnissen viel mit der Theorie der Befestigungskunst mich beschäftigt und in Spanien mehrfach Gelegenheit gehabt hatte, mich in ihr praktisch auszubilden, konnte ich doch unmöglich meine Kenntnisse für hoch genug anschlagen, um mit Ruhe so verantwortungsschweren Aufträgen mich zu unterziehen. Dazu fehlten wissenschaftliche Bücher ganz, so wie Instrumente so selten waren, daß ich selbst einen Zirkel von Holz mir anfertigen mußte. Indessen der Würfel war einmal geworfen, und ich konnte nur streben, durch Thätigkeit das etwa Mangelnde zu ersetzen. Thätigkeit aber war im erschöpfendsten Maße nothwendig, da ich wöchentlich zwei Mal von Morella nach Villarluengo und zurück und alle vierzehn Tage nach Cantavieja zum immer gleich unnützen Strauße mit dem Obersten Cartagena reisen mußte und überall der Arbeit im Übermaß fand. — Doch sollte ich noch einige Wochen unverhoffter Weise frei bleiben.
Wenige Tage nach des Herrn von Rahden Abreise ward ich zum General gerufen und bekam die Ordre, auf den Nachmittag marschfertig zu sein, da ich ihn begleiten würde; er entließ mich erst nach mehreren Fragen und Bemerkungen über den Fortgang der Befestigung von San Pedro Martyr. Ich war um so mehr durch die auf mich gefallene Wahl überrascht, da der Liebling Cabrera’s, Capitain Verdeja, gerade in Morella sich befand; ohne Zweifel wollte er selbst mich prüfen, und ich war froh, daß es geschah. Rasch war ein Bagage-Maulthier besorgt und mit dem Mantelsäckchen beladen, und am Mittage des 3. Decembers ritten wir den treppenförmig construirten Weg hinab, der von dem Felsberge Morella’s in das Thal führt, worauf wir gen Norden uns wandten.
Cabrera wollte persönlich die Werke von Mora de Ebro inspiciren, welche Stadt von höchster Wichtigkeit war, da sie nicht nur die Verbindung mit dem Heere von Catalonien, sondern auch die Herrschaft über das ganze reiche Thal des untern Ebro sicherte. Eben deshalb war auch das etwas höher liegende Flix gegen den ersten Anlauf gedeckt und Miravet, einige Stunden südlich von Mora, ein altes maurisches Castell, mit großem Kostenaufwande in ein sehr starkes Fort umgewandelt. Jetzt ordnete Cabrera auch die Befestigung von Peñaroya an, wodurch er den doppelten Zweck erlangen wollte, die Communication Espartero’s mit dem Königreiche Valencia auf der geraden Linie durch das Hochgebirge zu verhindern und die eigene mit jenen Forts sicher zu stellen. Peñaroya ward übrigens im Frühjahre geräumt, da die Jahreszeit die so rasche Beendigung der Arbeiten nicht zugelassen hatte.
Auf dem Marsche war der General nur von einigen Ordonnanzen und etwa sechszig Miñones begleitet, die stets vor den scharf trabenden Pferden in eben so leichtem Laufe bergauf und bergab flogen. Nur selten, wo die Gebirgspfade es unumgänglich erheischten, durfte der Trab eingestellt werden, und ein einziges Mal, da wir mit Hand und Fuß uns anklammernd in eine tiefe Schlucht hinabkletterten, sah ich auch Cabrera absteigen; wie die Pferde lebend herunterkamen, kann ich noch nicht begreifen. Dabei verließ er oft die gewöhnlichen Wege, um Stunden lang fast unbetretenen Pfaden zu folgen, die er alle genau zu kennen schien: wir befanden uns auf dem Schauplatze seiner ersten Kriegesthaten, aus denen seine Gefährten mehrere blutige Anekdoten erzählten, die uns die wilde Unerschrockenheit, die Ausdauer und den Scharfsinn des feurigen jungen Studenten bewundern ließen.
Über Hervés, Monroyo, Valderobles und das reiche, nun halb zerstörte Gandesa in wunderlichen Hin- und Herzügen — denn Cabrera wollte Alles selbst sehen und überall anordnen — langten wir endlich auf dem Ufer des majestätischen Ebro an. Nur vom Gouverneur und von mir begleitet, eilte der General sofort zur Besichtigung der neu angelegten Werke von Mora. Da kamen denn sonderbare Dinge zum Vorschein, wie ich ihrer jedoch, so oft beim Mangel eines Ingenieurs die Gouverneure die Arbeiten leiteten, fast immer noch weit schlechtere antraf; der General selbst, wiewohl auch er in Betreff der Befestigungen den Ansichten des Guerrillero nicht ganz entsagt hatte, äußerte seine Unzufriedenheit. Das Ganze bestand aus einer Menge über einander gehäufter Mauern, die fast gar keine flankirende Vertheidigung gewährten und auf die eigenthümlichst bunteste Art crenelirt waren — und deshalb war das Land weit umher hart bedrückt!
So beklagte sich der Magistrat von Gandesa, daß von den Maulthieren der Stadt die eine Hälfte stets unterweges sei, um die andere von den Arbeiten in Mora abzulösen; nur vier blieben frei, und diese reichten lange nicht hin, um den Bagagedienst auf so besuchter Straße zu versehen. Der General befahl daher, daß die voluntarios realistas zu den Leistungen für die Armee, von denen sie bis dahin befreit waren, zugezogen würden, um dadurch das Land zu erleichtern.
Dieser Theil des carlistischen Gebietes, unendlich reich durch seine Fruchtbarkeit, zeichnete sich ganz besonders durch die entschieden royalistische Gesinnung der Einwohner aus, welche zwischen drei und viertausend Männern, außer der Division vom Ebro, die Waffen in die Hände gegeben hatte, um im Falle eines Angriffes die vaterländische Provinz zu vertheidigen. Begünstigt durch die Schroffheit der niedrigen Gebirgszüge, welche von dem Hochgebirge nach dem Ebro hin sich absenken, trugen sie im Frühjahre Viel dazu bei, dem Feinde die Eroberung des Ebro-Thales zu erschweren und unserer Armee die Passage des Flusses frei zu erhalten.
Auf Befehl des Generals hatte ich den Plan zur weiteren Befestigung von Mora entworfen und, während er einen Ausflug nach Miravet machte, den Gouverneur, einen alten Kampfgenossen Cabrera’s und deshalb stets mit Schonung von ihm behandelt, in dem Nöthigsten instruirt und die Haupttheile der zu errichtenden Werke tracirt, auch vieles die Verwaltung Betreffende besser geordnet, da, soweit sie die Fortification betrifft, nach dem spanischen Reglement auch sie ganz unter der Controle der Ingenieure steht. Diese sind dadurch in eine sehr unabhängige Stellung versetzt, werden aber auch stets von Kriegscommissairen, Factoren, Gouverneuren und allen denen, die dabei die Hand im Spiele haben, auf das bitterste angefeindet, wenn sie nicht mit ihnen zum Unterschleif sich verbinden wollen.
Bei der Rückkehr des Generals hatte ich die Genugthuung, alle meine Maßregeln ganz von ihm gebilligt zu sehen, so wie er denn täglich wohlwollender gegen mich sich äußerte, wobei er einst erklärte, daß ich mit der verdammten blauen Brille noch freimaurermäßiger[114] ausgesehen habe, als der Franzose, der einst für die Christinos bei ihm spionirte. Da erfuhr ich, daß im Jahre 1837 ein Franzose, der gleichfalls eine Brille getragen, als exaltirter Carlist von Madrid zu der Armee gekommen, bald aber als Emissair der usurpatorischen Regierung entdeckt und erschossen war!
Wir traten den Rückmarsch an. In Orta erhielt Cabrera die Rapporte der verschiedenen Corps über den Etat der Bataillone und Escadrone. Mit Thränen im Auge rief er aus: „Wie kann ich meinen treuen Burschen so viel Hingebung und Festigkeit vergelten; nicht ein einziger ist seit dem Anmarsche Espartero’s desertirt! Dagegen,“ und die ausdrucksvollen Züge verfinsterten sich, „sind drei Officiere übergegangen, von denen zwei die Cassen ihrer Bataillone mitnahmen. Ich muß wieder einmal ein Dutzend solcher Spitzbuben erschießen lassen.“ Zu seinen Adjudanten gewendet, fügte er hinzu, daß sie zuerst die Reihe treffen würde, da er am wenigsten um seine Person Schurken duldete. „Wer kein gutes Gewissen hat, der mache, daß er fortkomme!“ — Einer jener Officiere wurde kurz nachher bei einem Überfall, den einige Bataillone von Valencia auf einen Convoy ausführten, von seiner eigenen Compagnie gefangen und sofort füsilirt.
Nachdem wir auch Peñaroya besucht und die Vorarbeiten für die Befestigung angeordnet hatten, ritten wir über Monroyo auf Aguaviva, eine kleine Stunde von dem vom Feinde besetzten Mas de las Matas entfernt, dem wir sofort uns näherten, von zwei Compagnien Schützen des Obersten Bosque begleitet. An der Spitze von zehn oder zwölf Ordonnanzen flog der General voraus und traf etwa tausend Schritt von dem Dorfe auf ein unglückliches Detachement, das, aus einer halben Compagnie und sechszehn Pferden bestehend, auf die Kunde von unserer Annäherung dorthin sich zurückzog. Im Nu hatte Cabrera die Reiter zersprengt und mit Verlust von fünf Todten verjagt, die Infanterie aber abgeschnitten, nachdem sie sich in einen kleinen Busch geworfen hatte; so wie sie die Miñones eiligen Laufes herankommen sahen, hielten die Christinos die Kolben der Gewehre hoch in die Luft, Pardon erflehend. Während die Truppen im Mas Alarm schlugen, hatten wir uns mit 63 Gefangenen zurückgezogen; zwei Ordonnanzen waren schwer verwundet.
Am 16. December langten wir wieder in Hervés an. Der General nahm ein leichtes Mahl zu sich, in kurzer Zeit zubereitet, denn Delicatessen existirten nicht. Eine halbe Stunde nachher fühlte er sich unwohl, Beängstigungen traten ein, mit heftigen Schmerzen in den Gliedern verbunden, und kalter Schweiß brach hervor. Dann folgte furchtbare Abspannung, durch die der Kranke genöthigt ward, das Bett zu hüten.
Angstvolles Entsetzen ergriff Alle. Erstarrt schlich ein Jeder umher, in den Augen der Andern denselben Schauder erregenden Gedanken lesend, der auch seine Brust beklemmte; kaum hörbar flog bald das Wort: Gift! von Mund zu Mund, und die Symptome machten den Verdacht nicht unwahrscheinlich. Untersuchungen wurden angestellt. Der Wirth war eben so wie seine Frau, die mit den Burschen selbst die Speisen bereitet hatte, als exaltirter, vielfältig compromittirter Royalist bekannt und dem General persönlich sehr ergeben; auch haftete auf ihnen der Argwohn keinen Augenblick. Aber das Haus war, wie allenthalben, wo Cabrera’s Ankunft bekannt wurde, stets gedrängt voll von Menschen jeder Klasse, die Bitten oder Beschwerden vorzutragen hatten und durch keine Schildwache zurückgehalten wurden. Viele von ihnen waren in der Küche, ihre Cigarillos anzuzünden und selbst sich zu wärmen, ein- und ausgegangen. Da war jede Nachforschung vergeblich, und an eine chemische Prüfung der Speisen war nicht zu denken; ich zweifele sehr, daß irgend Jemand in der ganzen Armee mit ihr sich zu befassen gewagt hätte.
Die herbei gerufenen Ärzte erklärten alsbald den General in größter Gefahr, wiewohl sie über die Art der Krankheit schwiegen. Hie und da ward wohl von Typhus gesprochen, von dem aber weder vorher noch später irgend ein Fall sich zeigte, so daß die Idee, daß er gerade allein den General ergriffen habe, ganz ungereimt und der Natur dieser Seuche direkt widersprechend ist. — Die rasch angewandten Mittel linderten für den Augenblick die Leiden Cabrera’s; bald ergriff ihn jedoch eine Starrheit, eine Schwäche des Geistes wie des Körpers, die seiner früheren Kraft und Energie so sehr entgegengesetzt war, und von der er nie ganz genesen sollte.
Da der Kranke nicht transportirt werden durfte und ihm höchste Ruhe verordnet ward, eilte ich am folgenden Tage nach Morella, dort die mir obliegenden Geschäfte zu übernehmen. Die Stadt schien von zerschmetterndem Unglück befallen. Auf den Straßen standen kleine Gruppen mit niedergeschlagenen Mienen und alle über den einzigen Gegenstand redend, über das Schreckliche, was jeden Augenblick erwartet werden mußte; müssige Haufen sammelten sich an dem Thore, begierig auf den Weg hinaufschauend, ob Jemand Kunde bringe von dort, wohin Aller Gedanken sich richteten. „Was weiß man von Don Ramon?“ war die erste Frage eines Jeden, und die immer düsterer tönenden Nachrichten lockte eine Thräne in manches kräftigen Mannes Auge.
Die Schwestern Cabrera’s eilten nach Hervés, den Bruder zu pflegen, der, täglich schwächer und schon besinnungslos, täglich weniger Hoffnung auf Besserung gewährte. Da brachte das neue Jahr die Trauerbotschaft von seinem Tode! — Verzweiflung ergriff die Bewohner Morella’s, wie die Krieger, welche so oft seine Lorbeeren getheilt hatten. „Wir sind verloren,“ riefen die Jammernden, „er allein hielt uns aufrecht, ohne ihn wird Zwietracht und Eifersucht wehrlos dem Feinde uns in die Hände liefern!“ Himmelstrost brachte der Bote, welcher bald verkündete, daß Scheintod den Kranken gefesselt habe, der schon wieder zu sich gekommen sei. Nur die Erinnerung an die immer noch gleich drohende Gefahr konnte den Ausdruck des unendlichen Jubels in die Brust zurückdrängen.
Der General befand sich indessen regungslos an sein Bett gekettet in einem offenen Flecken, der nicht drei Stunden von den Stellungen der feindlichen Armee entfernt war, und zu seiner Deckung hatte er eine schwache Compagnie, die Miñones, bei sich. Kein Bataillon wurde zwischen Hervés und die von den Christinos besetzten Dörfer geschoben, und laut ward Llagostera, der interimistisch commandirte, beschuldigt, daß er die Gefangennehmung seines Feldherrn nicht ungern gesehen hätte. Espartero aber rührte sich nicht. Er that nicht den geringsten Schritt, um Cabrera’s sich zu bemächtigen, der doch als das einzige Hinderniß seines Sieges mußte angesehen werden, und von dem er, wie die Madrider Blätter spotteten,[115] nur durch eine Wand geschieden war, ohne daß er Muth gehabt hätte, in die Höhle des sterbenden Löwen zu treten.
Ach, er war seiner Beute nur zu gewiß! Espartero hatte das Mittel gefunden, welches, die Kraft seines Gegners auf immer brechend, den leichten Sieg ihm in die Hände spielen sollte, und passend vermehrte er mit so schmählich, so entehrend gewonnenem Lorbeer den Kranz, den er bei Bergara sich zu erkaufen gewußt. Aber er wollte seinem edlen Feinde selbst nicht den Ruhm lassen, zu sterben für die Sache, welche er glorreich vertheidigt hatte; er wußte wohl, daß, so lange Cabrera lebte, die Besiegung des Helden ihm den Ruhm geben würde, den seine Thaten in den baskischen Provinzen ihm nicht erringen konnten. Daher zog er vor, den Gefürchteten geistig zu schwächen und so sich unschädlich zu machen.
Am 10. Januar wurde der General auf einem Tragebette nach Morella gebracht, und am 31. konnte er zum ersten Male zu Pferde sich zeigen, mit Enthusiasmus vom Volke begrüßt. Das zur Feier seiner Genesung gehaltene Te Deum zog eine so große Zahl dankbarer Zuhörer an, daß die prachtvolle Cathedrale, ein altes gothisches Gebäude, sie alle nicht zu fassen vermochte; auch der weite Platz vor ihr war ganz mit Menschen bedeckt. Vivas und allgemeiner Jubel begrüßten den verehrten Feldherrn, wo er erschien, und am Nachmittage erfreuten gefahrlose Rindergefechte — wegen des Mangels an geübten Kämpfern waren nicht ganz ausgewachsene Rinder gewählt — die gaffende und jauchzende Menge.
Doch erregte die Mattigkeit des sonst so feurigen Auges und das geisterhaft bleiche Antlitz Besorgnisse, die nur zu bald verwirklicht wurden. Kaum war Cabrera nach dem Ebro-Thale abgereiset, dessen lieblich mildes Klima die gänzliche Wiederherstellung beschleunigen sollte, als er einen Rückfall hatte, der abermals den Pforten des Grabes ihn nahe brachte. Er wollte indessen dieses Mal die wichtigsten Geschäfte selbst versehen und ließ sich fortwährend über Alles Bericht abstatten, bis er gegen das Ende des Aprils 1840 dem Anschein nach wieder an die Spitze der Armee sich stellte.
Dem Anschein nach! — Er war nicht mehr der frühere Cabrera, der Held, welcher schaffend und kämpfend und siegend den Titel des Grafen von Morella so ruhmreich sich erworben hatte. Sein Körper war zerrüttet, sein Geist geschwächt, die Alles überwältigende Energie in Lauheit hingeschwunden: ohne Kampf sah er die feindlichen Heere in die Schluchten und Defilées des Hochgebirges sich vertiefen, durch Verrath oder durch die gewaltige Übermacht ihres Materials ein Fort nach dem andern erobern und endlich Morella belagern, Morella, den Kern seiner Macht, den Schauplatz herrlicher Thaten und Siege. Er opferte die starke und erprobte Garnison im vergeblichen Widerstande, ohne einen Schritt zu ihrer Rettung zu versuchen.
Und dann überschritt er den Ebro, um wenige Wochen später vor dem nachdrängenden Espartero ein Asyl in Frankreich zu suchen, während noch viele Tausende braver Krieger seinem Commando gehorchten, ja da einige catalonische Anführer noch länger den ungleichen Kampf fortsetzten!
Nie hätte der wahre Cabrera so den glorreichen Krieg geendigt; er hätte nie in halben Maßregeln das Blut seiner Streitgenossen unnütz vergeudet, nie ohne Schwerdtschlag vor dem übermüthigen Feinde weichend die Vertheidigung der heiligen Sache aufgegeben, für die er so oft freudig sein Blut vergossen, sein Leben eingesetzt hatte. Cabrera würde gewußt haben zu sterben mit den Waffen in der Hand, da das Geschick die Möglichkeit des Sieges ihm versagte. Espartero mußte zum bloßen Schatten seines eigenen früheren Ich ihn machen, damit er so seiner selbst unwürdig handeln konnte.
Es ist nothwendig, bei der Beurtheilung der Thaten des Grafen von Morella von diesem Gesichtspunkte auszugehen. Dann wird es leicht, den himmelweiten Abstand dessen, was er nach dem unheilsvollen 16. December unternahm, von den mit eben so viel Talent entworfenen, wie mit Energie und Geist ausgeführten Plänen der ganzen sechs Krieges- und Siegesjahre vor jener Epoche sich zu erklären. Auch der strengsten Kritik gegenüber steht Cabrera während dieser langen Zeit als Royalist, als Anführer und als Soldat gleich groß da; es wäre ungerecht, die letzten Monate, während deren er in Spanien vegetirte, zur Grundlage des Urtheiles über ihn zu wählen.
[114] Die spanischen Royalisten bedienen sich des Ausdruckes franmason zur Bezeichnung eines wild revolutionairen Menschen, da die dortigen Freimaurerlogen stets als Anzettler und Leiter der anarchischen Complotte erschienen.
[115] Auf der Charte mußte ihnen übrigens die Distance weit kleiner scheinen, als sie durch das wilde Gebirgsterrain es ist, welches denn auch viele Schwierigkeiten schuf, die natürlich von Madrid aus übersehen wurden.