XXXV.

Eintönig und langsam, wiewohl in ununterbrochener Thätigkeit, vergingen mir die ersten drei Monate des neuen Jahres: eintönig, da die Leitung der Arbeiten und die fortwährenden Reisen von Morella nach Villarluengo und Cantavieja — während der letzten sechs Wochen unter stetem Schneegestöber — gar wenig Abwechselung darboten; langsam, denn ich sehnte mit der ganzen Gluth der Seele den Augenblick herbei, in dem Espartero seine Batterien gegen uns errichten würde. Unsere Vernichtung war, besonders bei dem Zustande des Generals, nur zu hoffnungslos gewiß; daher wünschte ich, daß die Stunde der Entscheidung, was sie auch bringen möge, rasch da sei.

Dabei war die Lebensweise in Morella keinesweges angenehm zu nennen. Die Rationen waren sehr spärlich, und andere Lebensmittel selten zu erhalten; noch schlimmer aber war, daß ich gar keinen Anspruch auf Gehalt hatte, da die Intendantur das ganz zwecklose System eingeführt hatte, von den im Rückstande befindlichen Monaten immer den am längsten verflossenen nach den in ihm eingereichten Listen der Corps auszuzahlen, so daß z. B. im Januar 1840 der Sold des Monats April 1839 bezahlt wurde. Dadurch blieben sehr viele Officiere und Soldaten, welche zu jener Zeit noch nicht im Dienste, oder wie ich gefangen gewesen waren, und selbst die, welche damals einer andern Armee angehörten, ganz ohne Gehalt auf die Rationen beschränkt, bis vielleicht nach Jahren die Zeit, in der sie dienten, zur Auszahlung kommen würde. Dagegen erhielten die Corps den Gehalt aller während jener neun Monate Getödteten und Desertirten, weil deren Namen auf der Liste sich befanden, was denn die meisten Commandeure, da Niemand Ansprüche darauf machte, zur eigenen Bereicherung oder, wenn uneigennützig — und das fand sich nicht häufig —, etwa zur Ausschmückung des Corps benutzten. Seit dem Ende des Märzes ward diesem Übelstande abgeholfen, da befohlen wurde, nun stets den laufenden Monat auszuzahlen.

Für viele Officiere, selbst höherer Classen, wenn sie nicht auf irgend eine unrechtmäßige Art Hülfsquellen sich verschaffen wollten, hatte indessen jener Fehler der Administration die Folge, daß sie lediglich die ihnen zukommenden Rationen für ihren Unterhalt hatten, so daß ich buchstäblich Monate lang, wenn nicht zu Gast gebeten, nur mit Öl und Weinessig abgekochte trockene Vicebohnen und schwarzes halb Hafer- halb Roggenbrod genoß, woraus der Bursche für Morgen, Mittag und Abend mit möglichster Variation das Mahl bereiten mußte. Damals verlor ich nie viel Zeit bei Tische.

An Geselligkeit war auch nicht viel zu denken. Die Schwestern des Generals, in deren Hause sonst täglich Tertulia war, folgten ihrem Bruder nach Mora, und die übrigen Familien verließen nach und nach die Festung, um theils nach den christinoschen Provinzen, theils, wenn sehr compromittirt, nach kleinen Dörfern im Gebirge abzureisen: sie erkannten sehr wohl, daß Morella bald nicht mehr passender Aufenthalt für Damen sein werde. So waren wir ganz auf die Gesellschaft unserer Cameraden beschränkt, unter denen besonders im Sappeurs-Corps mehrere sehr gebildete Officiere sich fanden, mit denen ich, rings um das flackernde Feuer des Küchenheerdes oder, wenn viel Luxus, um den mit glühenden Kohlen gefüllten Bracero gruppirt, manchen Abend verplauderte. Meine schriftlichen Arbeiten dagegen und selbst das Zeichnen der Pläne u. s. w. mußte ich bei der grimmigen Kälte des Februars und Märzes in ungeheizter, mit Papierfenstern versehener Stube verrichten, alle zehn Minuten trotz der wärmenden Zamarra und des Mantels und wollener Decken aufspringend, um durch Laufen und Hauchen die erstarrten Glieder geschmeidig zu machen.

Vor allem waren mir da die Tage erfreulich, die ich in Gesellschaft eines Freundes, des Genie-Capitains — er fiel als Oberstlieutenant bei der letzten Belagerung von Morella — Don José Maria Verdeja Arguelles y Mier zubringen durfte. Er zeichnete sich eben so sehr durch die feinste Bildung aus, die er seiner Erziehung in dem Collegium der Jesuiten zu Madrid verdankte, wie durch lebhaften Geist, hohe Kenntnisse in seinem Fache und großen persönlichen Muth. Cabrera schätzte ihn sehr, Herr von Rahden liebte ihn wahrhaft und pflegte ihn nur seinen Sohn zu nennen, und der von demselben bei seiner Abreise ausgesprochene Wunsch, daß wir wie Brüder zusammen leben möchten, war durch die herzlichste, auf Achtung gegründete Cameradschaft ganz erfüllt.

Verdeja war nebst dem Fort von Cullá mit der regelmäßigen Befestigung einer großen Höhle bei Ares del Mestre beauftragt, die, unter einem Felsberge hinlaufend und mit zwei Ausgängen versehen, dabei als Fort durch seine Lage von strategischer Wichtigkeit, von Cabrera zum Stützpunkte seiner Operationen für den kommenden Feldzug ausersehen war. Wie so Vieles, war auch diese Arbeit vergeblich, seit der General am 16. December auf immer erkrankte! — Von dort nun kam Verdeja, wenn ich in Morella mich befand, herüber, um von unserm Chef, dem Obersten Alzaga, Instructionen zu empfangen und, die Hauptsache, über den Mangel an allem zu kräftiger Beförderung der Arbeiten Nothwendigen bitter zu hadern, wobei ich durch stets wiederholte, stets gleich vergebliche Forderungen ihn unterstützte.

Alzaga, Baske von Geburt, stand als Civil-Ingenieur, beauftragt mit den königlichen Lustschlössern um Madrid, unter Ferdinand VII. in hohem Ansehen und sehr einträglichen Ämtern, die er, seine Loyalität beurkundend, opferte, um mit höchster Gefahr nach Vizcaya zu entfliehen und dem Heere Zumalacarregui’s sich anzuschließen. Er war stolz und ehrgeizig und hatte daher, wie er selbst gestand, gegen Herrn von Rahden die höchste Eifersucht gehegt und sich mit Widerstreben dem Fremden untergeordnet. Außerordentlich pedantisch und ängstlich, immer zögernd und aufschiebend, hob er gern seine Wichtigkeit hervor, wollte Alles selbst leiten und ordnen, tadelte stets, was Andere gethan, und war unendlich eifersüchtig auf seine Autorität. Dabei, wohl im Gefühl seiner Schwäche, hatte er eine wahrhaft lächerliche Furcht vor Cabrera, die denn wieder seine Ängstlichkeit in allen verantwortlichen Geschäften auf den höchsten Grad trieb. Überhaupt war er leicht durch festes Auftreten eingeschüchtert und zum Nachgeben gebracht, wenn sein Stolz nicht verletzt wurde.

Mit diesem Manne nun mußten wir über eine jede Sache verhandeln und ihn um Rath fragen; von ihm hatten wir die unaufhörlichen Bedürfnisse an Menschen, Thieren, Instrumenten und Materialien zu fordern, und vor Allem sollten wir von ihm Hülfe erwarten in dem steten Kampfe gegen Gouverneure, Commandanten und Kriegscommissaire, die, wo eine Gelegenheit sich bot, störend in unsere Befugnisse eingriffen. Er aber zögerte immer und verschob, und das Resultat war, daß alle Arbeiten ungeheuer zurückblieben. Es fehlte fortwährend an dem Nöthigsten, die Gouverneure wollten mit leiten, hauptsächlich selbst die Requisite herbeischaffen, wobei denn zwei Drittel in ihren Taschen kleben blieben, und unser Chef, anstatt uns zu unterstützen, wußte stets neue Schwierigkeiten uns aufzuthürmen.

Wie seufzten wir da über die Abwesenheit unseres energischen Brigadiers! Wie knirschten wir oft mit Ingrimm, da Woche auf Woche verfloß und Monat auf Monat, da der unheilschwangere Frühling immer näher rückte, während wir stets gleich langsam in unseren Vorbereitungen vorwärts kamen!

Wenn wir ihm dann freilich von vierzehn zu vierzehn Tagen den Bericht über das Geschehene und nicht Geschehene vorlegten, da verzagte der Oberst und klagte, den General von Rahden zurückwünschend, sein Mißgeschick an, das in so schwierige Stellung ihn gesetzt hatte. Er versprach, morgen mit verdoppelter Kraft zu beginnen — „wenn ich nur wüßte, wie es machen!“ und er seufzte wohl kleinlaut: „Meine Herren, der General läßt mich erschießen; um Gottes willen, rathen Sie mir, Sie haben ja sonst immer solche Riesenpläne im Kopfe.“ Schlugen wir dann aber vor, daß er sofort einige tausend Arbeiter und Maulthiere vom Lande requiriren, alle Maurer und Zimmerleute aus unserm ganzen Gebiete durch Detachements zusammenholen und von jedem Hause einen Sack und ein Handwerksgeräth eintreiben, dabei selbst zum noch immer kranken General eilen, ihm den Zustand der Dinge und die Nothwendigkeit der entschieden strengsten Maßregeln vorstellen möge; so wußte er tausend verschiedene Schwierigkeiten anzuführen: den Befehl des Generals gegen jede Plackerei der Landleute, das die Arbeiten erschwerende Wetter, den Zorn Cabrera’s, weil nicht früher daran gedacht war, und den bösen Willen der Gouverneure. Er beschloß, etwas Anderes zu ersinnen, und — — Nichts geschah. Alles blieb beim Alten!

Und doch war Alzaga außer Dienst ein biederer, braver, gefälliger und bis auf seine Wichtigkeitsmiene, die häufig Stoff zum Lachen gab, selbst liebenswürdiger Mann. Er paßte nicht für solche Stellung.

Endlich wurde ich zu meiner Freude aus jener peinlichen Lage befreit. Der Capitain Don Manuel Brusco leitete die Befestigungen im Turia und in Neu-Castilien, wo er, seit der Premieurlieutenant Aparicio vom Ingenieurs-Corps bei einem feindlichen Überfall in Beteta gefangen war, ganz allein mit seinen zwei Compagnien Sappeurs sich befand, deren Officiere er durch die ihm untergebenen Festungen vertheilen mußte. Seit Monaten schon forderte er dringend, daß man von seinem schweren Posten ihn ablöse oder doch einen andern Capitain dahin sende, der die Last mit ihm theile; ebenso verlangte er mehrere Subaltern-Officiere. Der Oberst, unschlüssig wie immer und zugleich unwillig, irgend einen von uns zu detachiren, da wir in der That für die dringendsten Bedürfnisse des diesseitigen Gebietes nicht hinreichten, verschob die Erfüllung jenes Wunsches fortwährend und würde ihn ohne Zweifel nie gewährt haben.

Da sandte Brusco einen seiner Officiere direct an den General nach Mora de Ebro; er stellte ihm vor, daß er allein sechs Festungen — Vejis, el Collado, Alpuente, Castielfavib, Cañete und Beteta —, die eine Linie von funfzig Stunden Weges bildeten und sämmtlich vom Feinde bedroht waren, unter seiner Obhut habe und daher seiner Pflicht an keinem Orte genügen könne. — Am 19. März langte die Ordre Cabrera’s an, daß ich sofort mit zwei Officieren nach jener Linie abgehen solle, um dort in Gemeinschaft mit Brusco die Leitung zu übernehmen.

Es war mir dadurch die Hoffnung geraubt, bei der letzten Vertheidigung von Morella mitzukämpfen, und diese Aussicht hatte mich so vieles Schwere und Verdrießliche freudig ertragen gemacht. Aber dennoch war es mir so lieb wie schmeichelhaft, daß der General mich zu dem wichtigen und mit so vieler Verantwortlichkeit verknüpften Auftrage ausersehen hatte; denn die dorthin gesandten Ingenieure mußten als ganz selbstständig und unabhängig angesehen werden, da ihre Verbindung mit dem Chef in Morella nur höchst unterbrochen und mitten durch feindliches Land bewerkstelligt wurde. Auch wußte ich wohl, daß unsere Stellung daselbst bei weit größerer Gefahr natürlich in jeder Hinsicht sehr angenehm war, und Brusco kannte ich durch des Herrn von Rahden und Verdeja’s Schilderungen als trefflichen Mann und treuen Cameraden, mit dem ich gern mich vereinigen konnte. Und der Soldat liebt Abwechselung und Veränderung.


So wie Espartero im November auf Calanda sich zurückgezogen, begann er die ungeheuern Rüstungen, durch die er im Frühjahre jeden Widerstand zu erdrücken dachte. Die Ingenieurs- und Artillerie-Parks wurden vervollständigt, Belagerungsgeschütze und besonders Mörser wurden in großer Zahl in Alcañiz versammelt und mit achtzigtausend Schüssen versehen, die Truppen arbeiteten unaufhörlich an der Anfertigung von Faschinen, Schanzkörben und Sandsäcken, und selbst aus entlegenen Provinzen wurden Transportmittel zusammengeschleppt.

Zugleich, da er gesehen hatte, daß Furcht und Versprechungen gleich wenig die Standhaftigkeit der carlistischen Freiwilligen erschütterten, suchte er durch einen Act kalt berechneter Grausamkeit auf sie zu wirken, wie ihn bis dahin in solcher Ausdehnung selbst Spanien nicht gesehen hatte; und diese Grausamkeit traf Schuldlose! Er ertheilte Befehl, alle Individuen in Aragon, Valencia und Murcia, welche einen Sohn, einen Bruder, Vater oder Gatten in den Reihen der Royalisten zählten, unverzüglich aus ihren Wohnsitzen zu vertreiben und nach dem nächsten carlistischen Gebiete zu führen. Bei Todesstrafe ward ihnen die Rückkehr untersagt, während ihr Vermögen confiscirt wurde. — Zu Tausenden langten bald die unglücklichen Ausgestoßenen in Morella und den andern festen Punkten an, von Allem entblößt und ihr Geschick beklagend; dennoch forderten sie die Ihrigen zur Ausdauer auf und flößten ihnen nur noch wilderen Haß ein. Cabrera, indem er ihnen Rationen reichen ließ, befahl strenge Repressalien, wohin immer seine Truppen dringen möchten.

Espartero’s Absicht war, während des Winters unsere Armee in ihrem Hochgebirge zu blokiren und sie zu hindern, Hülfsmittel aus den fruchtbaren Niederungen zu ziehen. Er errichtete deshalb Linien, ließ viele kleine Orte befestigen und garnisoniren und gab selbst, wo das Volk irgend den Christinos geneigt sich zeigte, den Landleuten Waffen in die Hand, damit sie gegen unsere Streifcorps sich schützen könnten. Dennoch drangen diese mitten durch sie und selbst in den Rücken jener Linien ein und beuteten die Provinzen aus. Doch rettete die Krankheit des Generals den Feind vor größeren Verlusten, da die Unterfeldherren mehr mit Intriguen wegen der Folgen von Cabrera’s sicher erwartetem Tode, als mit der Bekämpfung der Christinos sich beschäftigten und ihre Truppen während des Winters fast ganz unthätig ließen.

O’Donnell aber, um die Verbindung Arévalo’s im Turia mit der Hauptarmee ganz abzuschneiden, hatte alle Ortschaften längs der Chaussee von Teruel nach Segorbe befestigt, so daß es unumgänglich wurde, zwischen zwei dieser, höchstens drei bis vier Stunden von einander entfernten, Forts zu passiren, zwischen denen stets starke Cavallerie-Patrouillen die Straße auf- und abtrabten. Er nahm darauf das drei Stunden jenseit derselben liegende leicht befestigte Manzanera.

Dann wurde General Aspiroz beordert, Chulilla anzugreifen, welches im Thale des Guadalaviar — Rio Blanco — den Übergang über denselben beherrschte, das südliche Valencia den Streifzügen der Carlisten öffnete und dagegen den Feinden el Turia nach Südosten hin schloß. Das Fort, auf einem isolirten Felsen angelegt, dessen Fuß im Süden der Fluß bespült, enthielt nur Infanterie, etwa 200 Mann. Aspiroz stellte sechszehn Geschütze gegen dasselbe auf, mit denen er bald die künstlichen Vertheidigungswerke zermalmte, und die er so nahe placirte, daß drei Scharfschützen, hinter einem Felsen liegend, eine Batterie von vier Geschützen in einem Tage zweimal zum Schweigen brachten. Dreizehn Tage hielt die brave Garnison das Feuer dieser Geschützmasse aus, der sie nur ihre Gewehre entgegensetzen konnte; viermal versuchte der Feind mit hohem Muthe die Erstürmung durch Escalade, und viermal wurde er, schon auf dem Felsen angekommen, mit den Leitern in die Tiefe zurückgeschleudert.

Doch Entsatz war nicht möglich, das Wasser fehlte, und endlich setzte eine Bombe auch das Magazin der Mundvorräthe in Brand. Da vereinigten sich die 87 Mann, welche noch lebten, ließen sich bei Nacht an Stricken von der 50 Fuß hohen Felswand in den Fluß hinab und schlugen sich durch den staunenden Feind, der hier am wenigsten angegriffen zu werden erwartete. — Arévalo belohnte einen jeden Freiwilligen mit einem real vitalicio — einem Real täglich auf Lebenszeit, in Spanien gewöhnliche Prämie für kriegerische Auszeichnung der Soldaten —; die Officiere bekamen einen Grad.

Nach dem Verluste von Chulilla ward Chelva, wo eine Kirche zur Sicherung gegen einen Handstreich befestigt war, geräumt, worauf der Feind es sofort besetzte und nebst Tuejar, Titaguas und Aras befestigte, wo er dann seine Depots für die auf das Frühjahr aufgeschobene Belagerung der übrigen carlistischen Festungen bildete.

Arévalo, der sich im Allgemeinen ganz auf die Defensive beschränkte, überfiel im Februar 1840 eine feindliche Colonne in Peralejos de las Truchas in Castilien und nahm dreihundert Mann gefangen, gab aber im März das Commando an den Brigadier Don Salvador Palacios ab, welcher bis dahin mit Auszeichnung die Brigade von Tortosa befehligt hatte.


Im Norden arbeitete indessen Espartero eifrig, um seinen Kaufplänen Eingang zu verschaffen. Schon im December war Cabrera genöthigt gewesen, eine General-Ordre mit der Bestimmung zu erlassen, daß Niemand etwaigen schriftlichen Befehlen, selbst wenn sie mit seiner Unterschrift und seinem Siegel versehen und auf das dazu gebräuchliche, lithographisch reich verzierte Papier geschrieben seien, in irgend zweifelhaftem Falle gehorche, wenn sie nicht persönlich durch einen der — in der Ordre mit Namen bezeichneten — Adjudanten und Ordonnanz-Officiere überbracht würde. Espartero hatte nämlich durch einen Spion an den Gouverneur der Festung Aliaga eine Ordre gesendet, vom Grafen von Morella unterzeichnet, welche die bestimmte Weisung enthielt, die Festung sofort zu räumen und nach Verbrennung aller Vorräthe, wo möglich mit den leichten Kanonen des Forts, auf Villarluengo oder Cantavieja sich zurückzuziehen. Dem Gouverneur, der kurz vorher ganz entgegengesetzte Befehle erhalten hatte, schien dieser so eigenthümlich, daß er einen Irrthum voraussetzte, die Vollziehung auf seine Verantwortung aufschob, bis er neue Instructionen vom General erhalten würde, an den er sogleich einen Adjudanten schickte, und während der Zeit den Überbringer, der sich verwirrt zeigte, arretirte.

Da fand sich, daß der General nie eine ähnliche Ordre ausgestellt hatte. Der Spion, da er sich entdeckt sah, gestand, daß Espartero sie ihm eingehändigt und für die Überbringung eine große Belohnung zugesagt habe; er ward erschossen. Der große Siegesherzog an der Spitze seiner sechsfach überlegenen Massen fand es nicht unter seiner Würde, auch noch zur Fälschung seine Zuflucht zu nehmen! Er hatte die Handschrift des Grafen von Morella und die Verzierungen den echten so vollkommen nachgemacht, daß ein Unterschied nicht zu entdecken war. — Ich selbst sah im Hauptquartiere diese falsche Ordre.

Da der Streich nicht gelungen war, griff er wieder zur Bestechung. Am 9. Januar ließ Llagostera einen Capitain und einen Kriegscommissair in Castillote erschießen, überführt und geständig, mit dem feindlichen Heerführer in Communication zu stehen und Geldsummen von ihm erhalten zu haben. Wenige Tage später wurden zu Morella zwei Sergeanten und ein Assistenz-Wundarzt, kurz vorher vom feindlichen Garde-Corps desertirt, gefangen gesetzt, da sie durch heimlichen Verkehr mit unbekannten Personen Verdacht erregt und viel in den Befestigungswerken sich umhergetrieben hatten. So wie die Nachricht davon bekannt wurde, verschwand ein Geistlicher, der in der Verwaltung angestellt und in dessen Wohnung der Wundarzt mehrere Male gesehen war. Unter den Effecten des Arztes fanden sich bei der Durchsuchung vier Päckchen mit schnell wirkendem Gifte, versteckt unter anderen Päckchen von eben derselben Form, welche Arzneimittel enthielten.

Der Wundarzt wurde von den erbitterten Miñones des kranken Generals niedergestochen, die Sergeanten aber, kaum der Wuth der Soldaten entrissen, bekannten sich als Scheinüberläufer, zur Ausforschung und Bearbeitung des Geistes der Besatzung und nebenbei zur Besichtigung der Werke bestimmt; sie standen übrigens ganz zur Disposition des Wundarztes, der auch durch zwei Bauern die Correspondenz mit dem feindlichen Hauptquartier führte. Beide Sergeanten wurden füsilirt. Die Bauern erschienen nicht wieder, der verschwundene Geistliche befand sich schon am andern Morgen im Mas de las Matas.

Doch wie viele seiner Anschläge vereitelt wurden, Espartero ermüdete nicht, und es ist leicht begreiflich, daß unter Tausenden Einzelne sich fanden, die seinen lockenden Verheißungen Gehör gaben und zum Verrathe an der sinkenden Sache sich hinreißen ließen, da ja solcher Verrath Gold und Ämter und selbst — Schande den sogenannten Liberalen Spaniens! — Ehrenbezeugungen ihnen sicherte. Schon war die Armee ihres Führers beraubt und damit die Hauptsache gethan. Der nächste Schlag sollte ihr einen ihrer trefflichsten Stützpunkte nehmen, denjenigen, der am meisten Espartero’s Truppen beunruhigte, da er weit in ihre Flanke und ihren Rücken vorgeschoben war, und durch dessen Besitz es den Carlisten möglich wurde, noch immer bis tief nach Aragon hinein zu operiren.

Die Wichtigkeit des Castells von Segura ist früher hinlänglich dargethan. Da Espartero erst den Verkäufer gefunden, wußte er die Ausführung so schlau und gewissenlos zu ordnen, daß auch der Scharfsinnigste getäuscht und im Augenblicke der That unvorbereitet überrascht werden mußte.

Der Gouverneur von Segura, ein Oberst, dessen Name mir entfallen, war ein alter braver Haudegen, seit dem Beginn des Krieges unter den Waffen und entschiedener Royalist, der die Briefe, in denen ein Adjudant Espartero’s im Namen seines Generals ihm Grade und bedeutende Geldsummen anbot, im Fall er seine Veste überliefere, unerbrochen dem Grafen von Morella zusandte, welcher das höchste Vertrauen in seinen alten Waffengefährten setzte. Er hatte unter seinem Commando drei Compagnien Infanterie von Aragon, ein Detachement Sappeurs und ein anderes von der Artillerie als Besatzung des Castells und einige Cavallerie, den Umständen nach von verschiedener Stärke, mit einem kleinen Freicorps für die Streifzüge in das Innere der Provinz.

Am 18. Februar fing der dienstthuende Capitain im Thore einen Bauer auf, der in das Castell trat, und fand bei ihm Briefschaften von Espartero, durch die dessen Einverständniß mit dem Gouverneur und dem Platzmajor von Segura unzweifelhaft klar ward, so wie die Absicht, während der Nacht die Festung zu überliefern. Der Capitain sticht sofort den Bauer nieder, lieset seinen Grenadieren die aufgefangenen Schreiben vor und fordert sie auf, im Blute der elenden Verräther die Schandthat zu rächen und ihrem angebeteten Don Ramon zu zeigen, daß er noch treue Soldaten hat. Einen Augenblick später haben die Grenadiere wüthend den Gouverneur, den Platzmajor und einen andern Officier getödtet, und ihr Capitain als ältester Officier übernimmt das Commando.

Espartero, der bisher ruhig in seinen Standquartieren geblieben war, um nicht die Aufmerksamkeit oder gar Truppen dorthin zu ziehen, eilte am folgenden Tage mit einem Theile seines Heeres nach Segura. Eben so flog Llagostera auf die Nachricht des Geschehenen von Castillote hinzu, die Garnison abzulösen und einen neuen Gouverneur zu ernennen. Er fand, am 21. bis Ejulve vorgedrungen, durch Espartero’s Massen den Weg sich versperrt.

Dieser begann am 23. die Belagerung der Festung, und am 25. eröffneten seine Batterien ihr Feuer, welches die sechs Geschütze des Castells mit Kraft erwiederten. Es dauerte sechs und dreißig Stunden ununterbrochen fort, ohne jedoch Bresche geöffnet zu haben, da eine schmale Öffnung in den Werken an einer Stelle, wo die Mauer auf einen dreißig Fuß tief perpendiculair sich senkenden Felsen gegründet war, den Namen einer Bresche nicht verdiente; es wäre unmöglich gewesen, sie practicabel zu machen, da die Felswand stets dasselbe Hinderniß gegen den Sturm bot.

Indessen hatte der selbstbestallte Gouverneur seine Compagnie seinem Zwecke gemäß bearbeitet, indem er sie auf die gefährlichsten Posten stellte, wo sie sehr litt, sie stets im Dienst hielt und dabei von der Unmöglichkeit des Entsatzes und der Nutzlosigkeit weiterer Vertheidigung durch dazu bestellte Leute reden ließ. Bei Tagesanbruch am 27. rief er die Garnison zusammen und erklärte die Nothwendigkeit der Capitulation, da Bresche geöffnet, Entsatz nicht zu hoffen sei. Seine Compagnie stimmte ihm bei, aber die übrigen Officiere erklärten entschieden, daß an Übergabe nicht gedacht werden könne, und der Commandeur der Sappeurs, begleitet von den beiden andern Compagnien, führte seine Leute zu der sogenannten Bresche, um den Schutt aufzuräumen und sie sofort zu schließen, jenen Vorwand für die Ergebung zu entfernen. Thätig mit der Arbeit beschäftigt, erhielten die braven Freiwilligen plötzlich eine Salve aus dem Innern des Castells; die Grenadiere hatten mit dem Geschrei: „viva Don Ramon; diese wollen uns opfern!“ den Christinos das Thor geöffnet.

So fiel die herrliche Festung, bei deren Erbauung so glänzende Hoffnungen gefaßt werden durften, durch Verrath in die Gewalt der Feinde. Die ganze Besatzung ward auf Discretion gefangen, doch erlaubte ihr Espartero in seinem Jubel, ihr Gepäck und so viel Lebensmittel mit sich zu nehmen, wie sie fortbringen könnte. Ungeheure Vorräthe fanden sich im Castell und sechs schöne Geschütze, von denen nicht ein einziges demontirt war.

Llagostera, nach erhaltener Verstärkung am 26. bis Cabra, nahe Montalban, vorgedrungen, zog sich auf die Nachricht von dem Verluste von Segura auf Castillote zurück. Wenige Tage später langten sechszehn von den Gefangenen, auf dem Marsche nach Daroca entflohen, bei der Armee an; unter ihnen waren drei Grenadiere, die arretirt, aber, da sie selbst so schändlich getäuscht waren, nicht weiter bestraft wurden.

Der loyale Gouverneur und sein Major waren als Opfer ihrer Treue gefallen, während der Capitain der Grenadiere — welcher garde du corps Ferdinands VII., Secondelieutenant in der Armee, gewesen war — nachdem er die Sache, der er sich widmete, verrathen, seine Chefs und eigenhändig selbst den Unglücklichen, der ihm als Werkzeug diente, ermordet und den ihm anvertrauten Posten ehrlos überliefert hatte, als Oberst und mit dem Orden Isabella’s der Zweiten geschmückt, ohne Scham in den Standquartieren der Christinos sich zeigte, bis er nach Cuba, wohin er versetzt ward, abreisete. Espartero aber, nachdem er prahlende Berichte über seine Waffenthat ausgefertigt hatte, zog sich in seine alten Stellungen zurück, über weitere Ausdehnung seines Systems zu brüten.

Den Unwillen und das Entsetzen zugleich, welche der Verkauf von Segura, begleitet von so empörenden Umständen, in Volk und Heer hervorrief, wage ich nicht zu beschreiben; Jedermann blieb betäubt und von kaltem Schauder durchrieselt bei der furchtbaren Nachricht. Den hingeschlachteten Treuen zu Ehren ward ein feierlicher Trauergottesdienst angeordnet, während dem Verräther der Fluch Aller folgte. Noch war diese That in ihren Folgen besonders unheilbringend, da schon die erste Botschaft von dem beabsichtigten Verrathe des wackern Gouverneurs und von seinem Tode auf den General so tiefen Eindruck machte, daß man abermals für sein Leben zitterte.

Ich gestehe, daß ich außer mir war vor bitterm Schmerz und Grimm; ich lachte, aber das Knirschen der Zähne tönte durch das dumpfe Gelächter hindurch. Das waren entsetzliche Tage! Meine Gefühle machten mich ungerecht. Da sehnte ich mich und flehte, daß ich von diesen Spaniern befreit werde, daß Espartero rasch angreife und unter den Trümmern von Morella uns begrabe, um nur nicht in solcher Lage leben zu müssen. „So muß ich denn in jedem Gefährten einen Verräther fürchten,“ fügte ich der Schaudernachricht im Tagebuche zu, „und darf Niemand mehr vertrauen! Schrecklich, schrecklich, von solchem Geschlecht sich umgeben zu wissen. Wenn doch Espartero mit einem Schlage Alles beendete, Alles zermalmte, wenn es sein soll! Sollte ich das Ende des Krieges überleben, so wird der Augenblick, in dem ich Spaniens Gränze überschreite, der herrlichste meines Lebens, der Tag auf immer ein Dank- und Jubelfest mir sein!“


Wie wenig übrigens die Christinos daran dachten, die Zusagen zu erfüllen, welche sie doch, so bald dadurch Hoffnung auf Erfolg sich bot, überreichlich verschwendeten, trat um eben diese Zeit klar hervor, da die constitutionelle Regierung im Königreiche Galicia in einer Nacht alle die früheren Guerrilleros, welche dem Vertrage von Bergara sich angeschlossen hatten, verhaften und nach den Colonien deportiren ließ. Über funfzehnhundert jener Unglücklichen wurden so, größtentheils wohl auf immer, ihrem Vaterlande und ihren Familien entrissen, da sie doch volle Ansprüche auf alle die Vortheile hatten, welche der Vertrag den ihm sich Anschließenden gewähren sollte. Wie schwer sie auch fehlten, da sie verzagend ihren König verließen, als er gerade mehr als je ihrer Treue und Festigkeit bedurfte, war es doch nie die Sache der Christinos, dieses Verbrechen, dessen Früchte sie geerntet hatten, selbst ihr Wort brechend, zu strafen.

Gewiß eine gute Lehre für die, welche, nur den Einflüsterungen der Selbstsucht folgend, geneigt sein mochten, den Versprechen und Lockungen Gehör zu geben, durch die jetzt Espartero ebenso ihrer Pflicht sie abwendig zu machen suchte.