XXXVI.

Am 22. März verließ ich Morella, um den Marsch nach dem Turia anzutreten. Die Gipfel der Gebirge waren weithin mit tiefem Schnee bedeckt, während die Thäler schon das freundliche Frühlingskleid anzulegen begannen, so daß ich, stets auf- und niedersteigend, eben so oft die eisige Temperatur des Winters gegen laue Westhauche vertauschte. Wo aber hoch im Gebirge der an ihrem Fuße so liebliche Wind schneidend durch die Schluchten brausete, schien er alles Lebende erstarren zu wollen.

Wenige Tage früher hatte Espartero die Operationen wieder aufgenommen. Auf dem Wege nach Cinctorres hörte ich weithin zur Rechten das Krachen der Geschütze, die gegen das seit dem 19. März belagerte Castillote so eben ihr Feuer eröffneten; und auch am folgenden Tage, da ich das Gebirge gegen Mosqueruela erstiegen hatte, begleitete mich lange der todverkündende Schall, schauerlich dumpf über die starren Schneegefilde hintönend.

Die Bravour, mit der Castillote vertheidigt wurde, ist selbst von den Feinden anerkannt, die lediglich dem ungeheuern Übergewichte ihres Materiales die endliche Eroberung zuschrieben und eingestanden, daß sie durch die Waffen der Belagerten, wie durch das plötzlich eingetretene strenge Wetter 2300 Mann hors de combat zählten — der carlistische Bericht gab 4500 Mann an —. Das Castell, von einem hohen Felsen hinab den Flecken beherrschend, hatte nur einen Zugang, gegen den neunzehn schwere Geschütze aufgestellt wurden. Die Garnison, nachdem sie den achten Sturm abgeschlagen hatte, ergab sich am 26. März, nur noch 270 Mann stark, da alle künstlichen Werke der Angriffsfronte demolirt waren und die im Angesicht des Forts stehenden carlistischen Truppen keine Bewegung zu Gunsten desselben unternahmen.

Der Mariscal de Campo Don Luis Llagostera verlor sein Commando, weil er, mit sechs Bataillonen kaum eine halbe Stunde von Castillote entfernt, vor seinen Augen es hatte nehmen lassen, ohne auch nur die Arbeiten der Belagerungsarmee, die übrigens 32 Bataillone stark war, im geringsten zu erschweren oder einen Versuch zur Rettung der braven Besatzung zu machen. Der älteste Brigadegeneral Don Juan Muñoz y Polo erhielt an seiner Stelle den Oberbefehl der Division von Aragon, da er im Sommer 1839 mehrere Expeditionen in das Innere Castiliens mit Gewandheit ausgeführt hatte und so eben von einem neuen Zuge nach der Provinz Guadalajara zurückkehrte.

Ich ward auf meinem Marsche von zwei Lieutenants des Geniecorps und von acht Sappeurs begleitet, welche ich selbst aus dem Bataillon mir ausgewählt; lauter entschlossene Kerle, auf die ich vor dem Feinde mich verlassen durfte. Mit diesem Detachement sollte ich die funfzig Meilen bis Cañete zurücklegen und zwar großentheils mitten durch ganz dem Feinde unterworfenes und von seinen Forts gedecktes Land. Doch war wirklich Gefahr nur in den fünf Meilen zu jeder Seite der Heerstraße von Teruel nach Segorbe, während der Rest des Weges mit guten Führern, Sorgfalt und Glück wohl ohne große Besorgniß zurückgelegt werden konnte.

Außer jener Bedeckung sollte auch der Sappeur-Officier, welcher von Brusco an den General gesendet war, mit mir nach Cañete zurückkehren. Don Manuel Matias hatte in seinem Vaterlande Portugal als Sergeant in dem Heere Don Miguel’s gedient und war nach dessen Vertreibung mit der portugiesischen Legion nach Spanien gekommen, wo er die erste Gelegenheit ergriff, um zu den Carlisten überzugehen. Bei wildem, aufbrausendem Charakter zugleich höchst brav, entschlossen und kenntnißreich war er bald zum Officier ernannt; noch in Chulilla hatte er sich besonders hervorgethan, da er von Brusco zur Leitung der Arbeiten dorthin detachirt war. Oberst Alzaga hatte ihn in Morella arretirt, weil er einer Dame wegen, welche, die Gnade des Generals für ihren auf dem Collado wegen Veruntreuungen in enger Haft gehaltenen Gatten, einen Oberstlieutenant, zu erflehen, mit Matias von Cañete her gekommen war, und mit der er in sehr vertrauten Verhältnissen stehen sollte, grobe Nachlässigkeiten sich zu Schulden kommen ließ. Erst im Augenblicke des Abmarsches wurde er in Freiheit gesetzt. Er hatte übrigens etwa zwölfhundert Duros für die beiden jenseit der Straße stationirten Compagnien Sappeurs bei sich, so wie das Pferd und die prachtvollen Waffen, welche sein Compagnie-Chef für die Reise ihm geliehen hatte.

In dem Städtchen Cinctorres angelangt, fand ich den vorausgerittenen Matias und mit ihm — die verrufene Doña! Das war mir ein Donnerschlag aus heiterem Himmel, da abgesehen von dem Widerwillen, den solche Geschöpfe stets mir einflößten, auf einem Marsche, wie der unsere, und unter jenen Verhältnissen Damen mit sich führen wenig anders hieß, als geradezu sich und, was schlimmer, die anvertrauten Leute dem Feinde in die Hände liefern. Ich expostulirte mit Matias, der mir jedoch erklärte, daß ihm die Ehre nicht erlaube, die Dame zu verlassen, welche seinem Schutze sich übergeben habe, und daß er lieber allein mit ihr den Gefahren der Reise sich aussetzen werde, wenn ich für meine Sicherheit oder Bequemlichkeit ihre Gesellschaft nicht zulassen wolle. Da schwieg ich und gab achselzuckend meine Einwilligung unter der Bedingung, daß wir nie ihretwegen warten oder gar Veränderungen in unserm Reiseplane — wir mußten billiger Weise Tag und Nacht marschiren — treffen würden, was bereitwillig angenommen wurde.

Doch schon am folgenden Morgen stand das Detachement eine halbe Stunde zum Abmarsch fertig, ehe Matias seinen Schützling heranführte. Die Sappeurs, deren einige mit ihm von Cañete gekommen und da um des Weibes willen Viel geplagt waren, murrten laut und prophezeiten Unheil aus solcher Begleitung; erst die Drohung, zweihundert Stockschläge auszutheilen und im Wiederholungsfalle den Schuldigen erschießen zu lassen, brachte sie zum Schweigen, da sie wohl wußten, daß das Recht dazu mir zustand, und daß ich nicht zweimal zu drohen pflegte.

Aus Rücksicht auf den Cameraden hatte ich meine Abneigung so weit besiegen zu müssen geglaubt, daß ich der Dame, da kein Maulthier im Dorfe aufzutreiben war, eines meiner Packthiere einräumte, wogegen ich dachte, ihr Sohn, ein Cadet von vierzehn Jahren, könne füglich eben so gut wie meine Sappeurs zu Fuß gehen. Ich ritt mit dem Lieutenant Losada und vor mir zwei Sappeurs an der Spitze, Matias mit seiner Gefährtinn und der Bagage folgte, und Lieutenant Valero mit vier Sappeurs schloß den Zug, während die beiden andern rechts und links das Terrain durchsuchten. Der Cadet, ein hübscher, munterer Junge, sprang leicht wie ein Reh bald vor mir her, bald scherzte er hinten mit Valero, der eben so munter und etwa achtzehn Jahr alt war.

Da die Wege furchtbar schlecht und oft mit fußhohem Schnee bedeckt waren, ein grimmig kalter Wind aber fortwährend neue Schneemassen uns in das Gesicht peitschte, bildete sich nicht selten ein Zwischenraum von einigen hundert Schritt zwischen den verschiedenen Abtheilungen, die eine jede für sich streng geschlossen zu bleiben angewiesen waren.

Plötzlich erregte ein lautes Geschrei hinter mir meine Aufmerksamkeit. Matias, vom Pferde gesprungen, haute unter Fluchen und Schreien mit einem Knittel auf einen der bagageros los, der auf dem kaum sechs Fuß breiten Wege zurückweichend, im Begriffe war, in den neben demselben tief unten brausenden Fluß rücklings hinabzustürzen, als ein Sappeur den Lieutenant ergriff und mit unwiderstehlicher Kraft dem Abgrunde zuschleuderte. Mit dem Kopfe voran stürzte Matias hinunter; aber seine Füße verwickelten sich in einigen Wurzeln, und rasch mit den Händen unten sich anklammernd blieb er hängen, während er, in die Tiefe fallend, unrettbar auf den Felsen zerschmettert wäre.

Im nächsten Augenblicke war ich dort und hatte den Sappeur durch einen Säbelhieb zu Boden gestreckt; es war Zurita, der beste und ruhigste Mann des Bataillons. Bald war Matias an den Füßen in die Höhe gezogen und konnte, wiewohl noch todtenbleich, den Vorfall erzählen. Seine Freundinn wollte den Cadet mit sich auf das Saumthier steigen lassen, wogegen der Eigenthümer protestirte; die Dame schalt in nicht sehr gewählten Ausdrücken auf den Bauer, dieser antwortete impertinent, und der leidenschaftliche Matias eilte, ihn dafür zu strafen. Jetzt forderte er — und mit Recht —, daß Zurita, da er sich an seinem Vorgesetzten vergriffen hatte, augenblicklich erschossen werde. Ich begnügte mich indessen, den in die Schulter so schwer Verwundeten, daß er ein Maulthier besteigen mußte, zu arretiren, das Weitere mir vorbehaltend, worauf wir den Marsch fortsetzten und spät am Abend in Mosqueruela anlangten. Im Hause eines armen, aber wackern Mannes, bei dem ich früher ein Mal logirt hatte und daher eines herzlichen Empfanges sicher war, thauete ich an einem tüchtigen Feuer in der Küche die erstarrten Glieder auf.

Am 24. März mußte ich in dem Städtchen, welches niedlich und zur Zeit des Friedens durch Gewerbthätigkeit wohlhabend ist, wiewohl die Lage im wildesten Gebirge es nicht begünstigt, wegen heftigen Schneegestöbers ruhen, da der Weg über das hohe und rauhe Plateau, die Wasserscheide des Ebro-Gebietes und der südlich durch Valencia dem Meere zuströmenden Gewässer, nach Linares ganz ungangbar war. — Ich erklärte dort dem Lieutenant Matias, daß ich fortan gar keine Rücksicht auf seine Gefährtinn nehmen werde, da ich um solch eines Weibes willen die Sicherheit meiner Leute nicht länger compromittiren durfte, die übrigens stets unruhiger und nur durch größte Festigkeit, gepaart mit guter Behandlung, in ihrer Pflicht erhalten wurden. Sie waren, wie gesagt, die besten Leute des Corps; aber der Gedanke, ihren Cameraden wegen jener Frau vielleicht füsilirt zu sehen, regte sie so auf, daß sie leicht zu jeder Gewaltthat sich hätten hinreißen lassen.

Zurita dagegen erkannte sehr wohl die Größe des Verbrechens, welches er begangen hatte. Zu sich gekommen von der ersten Überraschung, war er betäubt bei der Idee dessen, was er gethan; er begriff nicht, wie er dazu gekommen war, und indem er die Gerechtigkeit der Strafe anerkannte, beklagte er nur, so schimpflichen Todes sterben zu müssen. Ich war glücklich, da die Umstände mir gestatteten, den Bedauernswerthen dem ihm drohenden Geschicke zu entziehen.

Am 25. ging die Sonne an wolkenleerem Himmel auf, aber die Kälte war entsetzlich. Der Schnee lag auf der ganzen drei Stunden weiten Strecke bis Linares drei bis fünf Fuß hoch und war so fest gefroren, daß selbst die Pferde wie auf Felsen über ihn weggingen, ohne Spuren zu hinterlassen. Dabei war natürlich Nichts vom Wege sichtbar, und ich verdankte es nur meiner Vorsicht, da ich trotz der Klagen des Ayuntamiento von Mosqueruela sechs Guiden mitgenommen hatte, daß ich endlich um Mittag in Linares ankam. Der Wind war auf jenem Plateau unglaublich schneidend kalt, und ich erinnere mich nicht, je so Viel von der Kälte gelitten zu haben, wie dort auf der Gränze des gerühmten Königreiches Valencia in den letzten Tagen des Märzes; an Reiten war gar nicht zu denken, und tief in den Mantel gewickelt, mit dem Kragen desselben selbst den Kopf bedeckt, mußte ich dennoch alle zehn Minuten Halt machen, um unter dem Schutze irgend eines Felsens und dem Winde den Rücken zugewendet vor Allem Gesicht und Ohren durch Reiben etwas zu erwärmen. Es war mir, als würden während der ganzen drei Stunden mit einem spitzen Instrumente Furchen über das Gesicht gezogen.

In Linares fand ich einen Aide de camp des Generals mit der Errichtung eines — wie er es nannte — Forts beschäftigt. Eine alte Kirche suchte er nämlich auf die merkwürdigste Weise mit Flankenfeuer zu versehen, zu welchem Zwecke er auch oben unter dem Dache einige Balken weit hervorgeschoben und auf ihren äußersten Enden, über der wenigstens achtzig Fuß hohen Tiefe schwebend, ein hölzernes Hüttchen mit bunt durcheinander geworfenen Schießscharten gebaut hatte, was er denn stolz flankirende Thürme von seiner Erfindung nannte. Und dazu ließ er ein Dutzend Häuser rings um die Kirche abbrechen! Die ganze Stadt liegt übrigens in einem tiefen Kessel, so daß das wunderbare Fort auf weniger als halbe Flintenschußweite von allen Seiten durch hohe Berge überragt war.

Ich gab dem guten Aide de camp den Rath, nicht länger seine Zeit hier zu vergeuden, und eilte trotz seiner Bitte, so wie ich mich gewärmt und durch Speise gestärkt hatte, von dannen, den Marsch gen Süden fortsetzend. Nun ging es fortwährend bergab, und ehe wir viele Stunden zurücklegten, umsäuselten uns wieder die milden Zephyre, mehr dem Frühlinge angemessen; bald fanden wir schon Blumen und endlich gar in den Gärten der anmuthigen Dörfer Gemüse und wohlschmeckende Kräuter, wie die wärmeren Theile Spaniens in jeder Jahreszeit sie hervorbringen. Ohne selbst es zu empfinden, hätte ich so raschen Wechsel nicht für möglich gehalten, da wir, von dem großen Hochplateau von Aragon und Valencia, in dem ich die letzten fünf Monate zugebracht hatte, herabsteigend, plötzlich aus dem strengsten Winter in oft drückende Sommerwärme versetzt waren.

Meine Absicht war, in la Puebla de Arenoso neue Führer und Maulthiere zu nehmen, dann bis zu einer einsamen Masada, die eine Stunde von der gefährlichen Chaussee liegen sollte, vorzugehen und nach kurzer Ruhe am folgenden Morgen die Straße zu überschreiten, um jenseits noch während des Tages aus dem Bereiche des Feindes gelangen zu können. Als wir gegen Abend Olva uns näherten, befahl ich daher dem Lieutenant Matias, der am besten beritten war, mit dem Passe vorauszueilen und in la Puebla Rationen und Guiden zu besorgen, wodurch jeder Aufenthalt vermieden wurde. Seine Reisegefährtinn folgte uns stets auf geringe Entfernung, ohne daß er zu unserm Erstaunen sich weiter um sie zu bekümmern schien.

Um neun Uhr langte ich in la Puebla an, wo ich von Matias keine Spur, wohl aber ein Bataillon von Valencia traf; die Wachen im Dorfe sagten aus, daß kein Officier angekommen sei, die Dame und der Cadet waren seit Olva nicht mehr gesehen worden. Einen Augenblick zweifelte ich und hoffte, er werde, durch irgend einen Zufall zurückgehalten, rasch nachkommen. Aber die Aussagen einiger Bauern drängten mir bald die traurige Gewißheit auf: Matias war desertirt.

Sofort sandte ich den Lieutenant Losada und drei Sappeurs zur Verfolgung der Flüchtigen mit der Ordre, im Falle er sie einhole, das Weib gefangen zurückzubringen, Marias aber, wenn er Miene zum Widerstande oder zur Flucht mache, ohne Bedenken niederzuschießen. Ich selbst ging mit Valero auf Olva zurück, wo ich um Mitternacht anlangte; der Commandant d’armes der Stadt sollte so eben eine Depesche erhalten und demzufolge nach Linares abgereiset sein, weshalb ich selbst für alle Bedürfnisse sorgen mußte. Meine Lage war nicht sehr beneidenswerth. Kaum drei Stunden entfernt waren zwei feindliche Forts, die sehr bald von unserm Dasein Nachricht erhalten mußten; auch würde Matias, mit allem uns Betreffenden vertraut, wenn er entkam, die Mittel zu unserer Gefangennehmung leicht angegeben haben. An Abmarsch aber war nicht zu denken, ehe die Saumthiere abgelöset wurden, was vor dem nächsten Tage nicht geschehen konnte. Ich gestehe, daß ich zur kurzen Ruhe mit der Idee mich niederlegte, am folgenden Abend getödtet oder gefangen zu sein.

Früh Morgens kam Losada zurück. Er hatte die Spur der Flüchtigen von Masada zu Masada verfolgt, bis die Erschöpfung seiner Leute ihm die Hoffnung geraubt hatte, sie zu erreichen. In kurzem brachte ein Spion die Nachricht, daß ein Officier der Sappeurs mit Frau und Bruder, dem Cadetten, in la Albentosa sich präsentirt habe, wo auch der Commandant d’armes von Olva — bisher als eifrigster Carlist und sehr wichtiger Dienste wegen gerühmt! — während der Nacht angelangt war. Matias hatte alles ihm anvertraute Geld, so wie Pferd und Waffen des Lieutenants Norma mit sich genommen.

Seufzend verfluchte ich die Elenden, die durch so selbstische Motive zum Verrath sich hinreißen ließen, und verfluchte die Schwäche, so oft durch traurige Beispiele belegt, des Mannes, da ein verbuhltes Weib bis zur schmachvollsten Verletzung seiner Pflichten und seiner Ehre ihn zu treiben vermag!

Das Glück wollte mir wohl. Am Abend passirte ich ohne Unfall die Heerstraße zwischen den beiden drittehalb Stunden von einander entfernten Forts Barracas und la Albentosa, nachdem fünf Minuten vorher eine Escadron feindlicher Dragoner vor unsern Augen sie abpatrouillirt hatte. Zwei Tage später, nachdem ich einen hohen und wilden Gebirgsrücken überstiegen und den Guadalaviar passirt, langte ich in dem festen Castiel Favib an und wurde am 30. März in Cañete — Neu-Castilien, Provinz Cuenca — von Brusco und dem Premierlieutenant Norma herzlich empfangen. Nach einigen Verwünschungen gegen den Treulosen tröstete sich Norma bald über den durch Matias’ Desertion ihm gewordenen Verlust, da er wenige Wochen vorher bei der Anwesenheit einiger Bataillone und Escadrone mit merkwürdigem Glücke über dreihundert und achtzig Unzen Gold — la onza, die größte Goldmünze Spaniens, gilt 84 francs — zusammengewonnen hatte.

Auf dem Marsche nach Überschreitung der Heerstraße war ich einigen Bataillonen von Tortosa und Valencia nebst mehreren Escadronen von Aragon begegnet, die seit dem Januar unter Brigadier Polo auf einer Expedition in die Provinz Guadalajara begriffen und nun auf der Rückkehr nach Morella waren, um dort beim Beginn der Feindseligkeiten nicht zu fehlen. Hauptsächlich ausgesendet, um die Zahl der Consumirenden in unserm Gebiete zu vermindern, waren sie ruhig und friedlich in jener Provinz umhergezogen, da die Christinos vorzogen, bei ihrer Annäherung in die festen Punkte sich einzuschließen.


Cabrera richtete von jeher seine Aufmerksamkeit auf das reiche und carlistisch gesinnte Ländchen el Turia, dessen Besitz alle Unternehmungen nach dem südlichen Valencia, Murcia und Neu-Castilien ungemein erleichterte, während seine zum Theil sehr bedeutenden Gebirge der Kriegsweise der Carlisten nicht ungünstig waren. So wurde diese Provinz vom Anfang an häufig der Schauplatz von Cabrera’s Siegen, und es hatten sich selbst bedeutende Corps dort und in der nahen Provinz Cuenca gebildet, welche durch die Configuration der Oberfläche ähnliche Vortheile darbot, die jedoch in höherem Grade durch die Nähe der Hülfsquellen der Feinde und die vermehrte Aufmerksamkeit paralysirt wurden, welche dieselben deßhalb gegen die Festsetzung der Carlisten in ihr richteten.

Tallada bildete seine schöne Division von 4000 Mann ganz in jenen beiden Provinzen, und als sie durch des Führers Fehler im Februar 1838 vernichtet, er selbst getödtet war, eilte Arnau, aus den Trümmern derselben und den fortwährend hinzukommenden Elementen ein neues Corps zu bilden, mit dem er in Chelva sich behauptete.

Als nun aber in der zweiten Hälfte 1838 die Armee des Grafen von Morella, überall siegreich, die glänzendsten Vortheile davontrug, und als der General nun seine Operationen über den engen Kreis, in den sie bis dahin eingezwängt blieben, ausdehnen und auf die Eroberung Castiliens und die dadurch herbeizuführende Beendigung des Krieges denken durfte, da sollte el Turia zur Grundlage für die Ausführung dieser Pläne dienen und demnach so befestigt werden, daß es als Depot für alle Kriegsbedürfnisse und als Stützpunkt für die Offensiv-Operationen sowohl, als zum Repli im Falle eines Unglückes gesichert sei und jeden feindlichen Angriff mit Kraft zurückweisen könne. Vejis, Chulilla und Alpuente wurden so wie der Gipfel des mehrere tausend Fuß hohen und isolirten Collado in Festungen umgewandelt, und zur Sicherung der Verbindung mit dem Hochgebirge von Morella und Cantavieja wurden auch Montan und Manzanera leicht befestigt.

Im Sommer 1839 ward Capitain Brusco mit der Leitung dieser Vertheidigungswerke beauftragt, während Brigadegeneral Arévalo in der Provinz commandirte, wo er mehrfach bedeutende Vortheile über den Feind davontrug und bald wieder drei vollständige Bataillone mit zwei Escadronen organisirt hatte.

Während dieses in el Turia geschah, drangen Cabrera und seine Unterfeldherren nach Westen vorwärts, denn dorthin lag ja die Entscheidung; und so wie sie vordrangen, suchten sie das Erworbene sich zu sichern, ihren Truppen Anhalts- und Stützpunkte zu verschaffen, auf denen sie dann weiter bauen könnten. Daher befahl Cabrera, Cañete, acht Stunden östlich von Cuenca, zu befestigen, zu dessen Verbindung mit dem Turia dann auch Castiel Favib besetzt werden mußte. Daher ward im Sommer 1839, als die Carlisten — da die Feinde ihnen schon nicht mehr entgegentraten, vielmehr bei ihrer Annäherung in die großen Städte sich zurückzogen — bis tief in die Provinz Guadalajara hinein herrschten, dort Beteta zur Festung gemacht, nur ein und zwanzig Leguas von Madrid entfernt und nahe dem Tajo dessen Quellen beherrschend.

So lange aber jene Glanzepoche der carlistischen Macht im östlichen Spanien dauerte, hatte Cabrera immer nur vorwärts gestrebt, ohne weiter an Ausdehnung nach den Seiten hin zu denken; er wollte sich ja nicht in Castilien zur Vertheidigung vorbereiten, da ein Angriff unmöglich schien, sondern lediglich den Weg nach Madrid sich bahnen, dessen Eroberung das Centrum der Halbinsel ganz ihm übergeben hätte. Durch den Andrang Espartero’s war er nun genöthigt gewesen, zur Vertheidigung des Hochplateaus, des Hauptsitzes seiner Macht, sich zurückzuziehen, und in diesen so weit vorgeschobenen Festungen konnte er kaum die nöthigen Besatzungen lassen, welche ganz auf sich angewiesen blieben, da Arévalo’s Bataillone bei den weiten Entfernungen der Punkte wohl gar wenig wirken konnten und sich auf el Turia, als ein abgerundetes Ganzes mehr vertheidigungsfähig, beschränkten.

Die Christinos dagegen sandten sofort zwei starke Colonnen gegen sie, von denen die eine unter General Aspiroz, von Valencia vordringend, nach der Einnahme von Chulilla zunächst Vejis und Alpuente bedrohete, während die zweite unter General Balboa bestimmt war, die Provinzen Cuenca und Guadalajara zu schützen, die Besatzungen von Cañete und Beteta in Schach zu halten und endlich diese Punkte anzugreifen, wozu sie stets Vorbereitungen traf, bis der Fall von Morella, den Krieg entscheidend, sie unnütz machte.

Diese Linie von Cañete, wie sie nach ihrem Hauptorte genannt wurde, war nun zu einer wahren Linie geworden, die ganz ohne Ausdehnung nach den Seiten hin tief in das Innere von Neu-Castilien, echt christinosches Land, sich erstreckte. Das Resultat davon war, daß wir dort eben die Rolle spielten, auf die wir beim Beginn des Krieges die feindlichen Truppen und Besatzungen in den aufgestandenen Provinzen zu beschränken pflegten. Die Carlisten herrschten nur da, wo sie gerade sich befanden, d. h. in ihren festen Plätzen, und allenthalben, wo die Furcht vor ihren oft sehr gewagten Streifzügen ihnen Respect verschaffte. Die Christinos zogen dagegen beliebig zwischen den einzelnen Vesten umher, und wir konnten von der einen zur andern nur mit starker Bedeckung, oft auf weiten Umwegen und auch so noch nicht ohne große Gefahr gelangen, da die Garnisons der zahlreichen, die Linie überall umgebenden und flankirenden Forts und die noch gefährlicheren Partheigänger stets bereit waren, einzelne oder unvorsichtige Reisende wegzufangen.

Von einem carlistischen Gebiete konnte also dort seit dem Rückzuge Cabrera’s gar nicht die Rede sein. Brusco hatte vorgeschlagen, das Gebirge von el Albarracin zu befestigen, dadurch der Quellen der vier mächtigen in ihm entspringenden Flüsse sich zu versichern und so, ohne durch sie gehindert zu sein, von ihm aus nach den umliegenden Provinzen sich auszudehnen. Auch hätte dieser Plan, wenn er, als noch Cabrera unbestritten jene Länder beherrschte ausgeführt wäre, von höchstem Nutzen für den späteren Vertheidigungskrieg sein können. Aber damals glaubte Niemand, daß Cabrera je auf einen solchen reducirt sein würde, und als Maroto’s Verrath ihn so plötzlich in hoffnungslose Defensive zurückwarf, war es zu spät zur Ausführung.

Noch verdient bemerkt zu werden, daß sich durch die Ereignisse aus den einzelnen Festungen der Linie eben so viele, man darf wohl sagen, ganz unabhängige Militair-Republiken gebildet hatten. Arévalo — und seit dem Monate März Brigadier Palacios — war commandirender General im Turia und dem Namen nach im Königreiche Murcia, da die Eroberung dieser Provinz, in die vor Espartero’s Andrängen häufige Expeditionen gemacht wurden, von hier aus geschehen sollte, während Castilien unter dem unmittelbaren Oberbefehle des Generals en Chef stand. Jene erklärten daher mit Recht, sie würden das Commando in Castilien nicht übernehmen, weil ihnen mit demselben die Verantwortlichkeit und im Falle eines Angriffs die Verpflichtung zu helfen geworden wäre, der sie sich nicht unterziehen wollten, da sie auch im eigenen Gebiete nicht mehr zu helfen wußten. Was sollten sie thun mit ihren drei Bataillonen?

Brigadier Valmaseda aber, von Sr. Majestät zum commandirenden General von Alt-Castilien ernannt, hatte von Cabrera bei seiner Rückkehr aus Catalonien Beteta angewiesen bekommen, um von dort aus, bis er in seiner Provinz sich festsetzen könne, seine Operationen zu unternehmen. Er commandirte also nur dort und zwar vorübergehend.

So kam es, daß der Gouverneur von Cañete, Oberst Gil, da Jedermann behauptete, dort Nichts zu schaffen zu haben, gleichfalls ganz unabhängig dastand und mit seiner Garnison und einem kleinen Freicorps, welches er für die nöthigen Streifzüge errichtet hatte, so weit die Christinos es zuließen, unumschränkt herrschte. Die drei Anführer hatten sich übrigens vereinigt, um, wenn immer die eigenen Verhältnisse es erlaubten, zu gegenseitiger Hülfe zu eilen und ihre Operationen zu combiniren; und die Art, in der sie bis zum letzten Augenblick es thaten — eben dieser letzte Augenblick machte eine traurige Ausnahme — verdient Bewunderung, da nie Eifersucht sich kund gab. Von Cabrera erhielten sie gar keine Instructionen oder Ordres mehr, indem theils seine Krankheit und die Unterbrechung der Communication durch die Feinde solche verhinderten, theils auch die Verhältnisse der Art waren, daß augenblickliches, selbstständiges Handeln allein wirksam sein konnte, was der General zu wohl zu würdigen wußte, als daß er den Commandirenden nicht ganz freies Spiel gelassen hätte.


Gewiß ist es unbegreiflich, daß die Christinos die außerordentliche Schwäche ihrer Gegner im Turia und in Castilien nicht eher wahrnahmen oder, falls sie davon unterrichtet waren, sie nicht lange vorher vernichteten.

Im Turia befehligte, wie gesagt, im Frühjahre 1840 der Brigadier Palacios. Die ganze Macht, welche er vorfand, bestand aus drei Bataillonen und zwei Escadronen, 2200 Mann Infanterie und 180 Pferden, welche noch dazu die drei Forts von Vejis, Alpuente und el Collado garnisoniren mußten. Die beiden letzteren lernte ich auf einer Inspections-Reise kurz vor dem Verluste von Alpuente kennen. Dieses war ein kleines Städtchen, über dem auf einer felsigen Höhe das Castell prangte, so massiv gebaut, daß seine Mauern an einzelnen Stellen, ganz der sonst üblichen Befestigungsart in jenem Kriege zuwider, über dreißig Fuß Dicke hatten. Auch war es mit starken Erdwällen versehen, die sonst gleichfalls selten sich fanden, da der Spanier allgemein die bloßen Mauern weit höher schätzt, und es enthielt für die Magazine sowohl, als für die Garnison bombenfeste unterirdische Räume, die Nichts zu wünschen übrig ließen. Die Werke vertheidigten und flankirten sich wechselseitig sehr gut, und da der aus dem härtesten Felsen bestehende Grund den Gebrauch der Minen sehr erschwerte, durfte das Castell als ausgezeichnet vertheidigungsfähig angesehen werden.

Der letzte Gouverneur von Alpuente war ein Catalan, ganz ohne Erziehung, roh und leidenschaftlich, der, ohne lesen und schreiben zu können, durch persönliche Bravour auf dem Schlachtfelde vom Soldaten zum Oberstlieutenant sich emporgeschwungen hatte. Durch einen beklagenswerthen Mißgriff war ihm solch ein Posten anvertraut. Als er belagert wurde, zeigte sich, daß sein beim Angriff und in offener Schlacht so stürmischer Muth nicht mit der ausdauernden Festigkeit und Kaltblütigkeit gepaart war, die allein in der Vertheidigung seines Castells ohne Aussicht auf Hülfe und fast ganz ohne Artillerie gegen überreichlich damit versehene Feinde ein ehrenvolles Ende ihm versichern konnten, wo der Sieg nicht mehr möglich war.

El Collado aber ist ein wenige Meilen nördlich von Alpuente gelegener Berg, so hoch, daß das Hinaufreiten mich eine gute Stunde kostete. Auf der etwa fünfhundert Schritt langen und hundert und funfzig Schritt breiten Ebene auf dem Gipfel desselben war ein Fort construirt, welches weit die umliegenden Berge überragte und nach allen Seiten hin eine weite Fernsicht über Aragon, Valencia und Castilla gewährte. Hinlänglich mit allen Bedürfnissen versehen und gut vertheidigt durfte es, wenn solche Bezeichnung überall gebraucht werden kann, uneinnehmbar genannt werden, da es mit seiner schweren Artillerie alle Zugänge vollkommen beherrschte, während Minen auch hier nicht anwendbar waren. Das Fort hatte gleichfalls sehr gute bombenfeste Gewölbe, so wie eine erprobte Besatzung und einen tüchtigen Gouverneur. Er hielt sich noch, als Cabrera bereits nach Frankreich übergetreten war.

Hierher hatte der General im Sommer 1839 einen Theil seines schweren Geschützes gesandt, welches dann bei dem Anmarsche Espartero’s nicht vollständig zurückgebracht werden konnte, wodurch in Morella und Cantavieja der Mangel an Artillerie später sehr empfindlich wurde. So befanden sich im Collado neun Achtzehn- und Vierundzwanzigpfünder nebst mehreren Haubitzen und Mörsern; vier von ihnen waren nach Cañete bestimmt, langten aber nie dort an, da der im Turia commandirende General unter verschiedenen Vorwänden, deren die Nähe des überlegenen Feindes so viele darbot, den Transport stets aufzuschieben wußte.

Wir sahen, wie den Streitkräften Palacios’ gegenüber General Aspiroz in Chulilla, Chelva, Tuejar und Titaguas sich festgesetzt hatte. Bald befestigte er auch Aras und erwartete nur die bessere Jahreszeit, um mit seinen 8000 Mann und dem Belagerungs-Park, den Valencia ihm geliefert, der andern carlistischen Forts sich zu bemächtigen.

Der Gouverneur von Cañete, Oberst Don Eliodoro Gil, hatte als Besatzung seiner Festung ein neu gebildetes Bataillon von Castilien, aus 700 Conscribirten bestehend — die übrigen Bataillone waren aus Freiwilligen zusammengesetzt —; erst vier Compagnien waren bewaffnet, von denen die erste in Castiel Favib stand. Dann hatte er ein Freicorps als Grundlage eines andern Bataillons gebildet, in zwei Compagnien etwa 250 Freiwillige stark, die sämmtlich, wiewohl zum Theil mit Büchsen, bewaffnet waren, und eine Escadron Kosacken, denen des Grafen de España ähnlich; beide unregelmäßige Corps hatten jedoch sehr gute Officiere. Den Kern seiner Macht aber bildeten 40 Burschen von den Bataillonen von Tortosa, welche in der letzten Expedition Polo’s krank zurückgeblieben waren und, bald geheilt, unter dem Befehl eines Capitains ihrer Brigade, Don José Echevarria, standen, der, ausgezeichnet durch Talent und Wissen, schnell das fac totum des Gouverneurs wurde. Er war mir eng befreundet, da wir in den Nordprovinzen und während der Expedition Don Basilio Garcia’s zusammen gedient und dann vereint die Leiden der Gefangenschaft ertragen hatten.

Mit diesen 650 Mann und 80 Pferden Bewaffneter und etwa 400 Unbewaffneten beherrschte — man darf es so nennen — Oberst Gil die ganze Provinz Cuenca und machte gelegentlich Streifzüge bis tief nach Aragon hinein und selbst in die Mancha, von wo er Vieh, Getreide und sonstige Lebensmittel, so wie Contributionen eintrieb. Denn für Sold und Unterhalt der Seinen, so wie für die tausend täglich sich darbietenden Ausgaben mußte er selbst alles Nöthige anschaffen, da er von der Hauptarmee gar Nichts geliefert bekam. Die Bewohner der Provinz aber wurden mit Menschen und Thieren zum Festungsbau zugezogen, ohne daß die Colonne Balboa’s in Cuenca oder die zahlreichen feindlichen Besatzungen wirksam ihm sich widersetzt hätten.

Valmaseda endlich befehligte in Beteta seine beiden Escadrone, gegen 200 prächtige Pferde, die wir früher kennen lernten; dazu erhielt er im Monat April ein Bataillon, ganz aus Castilianern bestehend, die so eben ausgewechselt waren, nachdem sie Jahre lang in den Kerkern der Christinos jede Unbilde standhaft ertragen hatten, 600 Mann, begierig, so viele Leiden blutig zu rächen. Aber nur 200 von ihnen waren bewaffnet, während die Garnison des Schlosses von Beteta kaum 150 Mann stark war. Mit dem Bataillone „fidelidad al Rey“ — Treue dem Könige — wie die Ausgewechselten ehrend benannt waren, und seinen Escadronen machte Valmaseda durch ganz Guadalajara und selbst nach den Provinzen Soria und Burgos hin Ausflüge, in denen leider Menschlichkeit nicht immer seine unbezähmbare Bravour und Kühnheit begleitete.


Wie ich allgemein Alles, was seit dem Rückzuge Espartero’s aus seiner drohenden Stellung im Innern des Hochgebirges von Cantavieja und Morella sich ereignete, mehr als gewöhnlich detaillirt habe, weil ich der einzige Deutsche bin, der während des Winters und bis zum Augenblicke der gänzlichen Vernichtung mit den letzten Vertheidigern des rechtmäßigen Königs gegen die Übermacht und den Verrath kämpfen durfte — so weile ich auch länger bei der Schilderung der Verhältnisse, wie sie in diesem, nun ganz isolirten Theile der carlistischen Macht Statt fanden. Sie gewähren einen tieferen Blick in die Eigenthümlichkeiten jenes Krieges und versetzen uns in mancher Beziehung in die Zeiten zurück, da die Carlisten, noch schwach und unbedeutend, in einzelnen Guerrillas von ihren festen Sitzen in den unzugänglichen Gebirgen herab den rings sie umgebenden Feindeshaufen Hohn sprachen und Incursionen in das Innere des feindlichen Gebietes machten, um ihre Bedürfnisse — vor Allem Waffen und Lebensmittel — sich zu verschaffen, oder irgendwo einen schlau berechneten und kühn ausgeführten Schlag zu führen, wo die Christinos am wenigsten ihn erwarten konnten.

Doch darf dabei der Unterschied nicht übersehen werden, den die jetzt so sehr vervollkommnete Organisation der carlistischen Truppen hervorbrachte, so wie der Umstand, daß hier künstliche Festungen die Stelle jener natürlichen und unzerstörbaren Bergvesten vertraten, wodurch die Unternehmen sehr erschwert und gefesselt wurden, da das überall zugängliche Terrain nicht hinreichend die Carlisten begünstigte, als daß die Rücksicht auf jene künstlichen Stützpunkte nicht stets hätte überwiegend sein müssen.

Welche Reize aber ein solches Leben immerwährender Unternehmung und Gefahr hat, wie es die ganze Spannungskraft des Geistes unaufhörlich in Thätigkeit erhält und ihn eben so wie den Körper gegen alles Schwächende und Erschlaffende stählt, ist in der That erst dem, der selbst es erfahren, ganz verständlich. Nie habe ich größer, kühner und stolzer empfunden, nie höhere innere Kraft gefühlt und freudiger das Schwerste unternommen, dem Härtesten mich unterzogen, als zu jener Zeit, da jeder Schritt Tod drohte, da ich, von übermächtigen Feinden umgeben und verfolgt, an der Spitze weniger Braven in die Mitte ihrer Schaaren mich drängte und zwischen ihren Vesten und Colonnen hindurch weit das Land durchzog, wo eigener Muth, eigene Entschlossenheit und List die einzigen Rettungsmittel aus den in tausendfacher Gestalt sich entgegenstellenden Gefahren und Schwierigkeiten waren.

Da fühlt der Mann, was er vermag trotz aller Schwäche, und dieses Selbstbewußtsein giebt ihm herrlichen Muth und Vertrauen, um Allem freudig zu trotzen.