XXXVII.

Don Manuel Brusco war Lieutenant im Geniecorps der portugiesischen Armee unter Don Miguel und zeichnete sich vor Oporto mehrfach aus; er verließ sein Vaterland bei dem unglücklichen Ausgange des Krieges und hielt sich längere Zeit in England und Frankreich auf. Zu Paris hatte er ein besonderes Glück an der verrufenen Roulette-Tafel, da er niedrig spielend ein Fünffrankenstück unbemerkt liegen ließ, welches wieder und wieder gewann, bis endlich die Bankhalter baten, der Eigenthümer möge genau erklären, auf welchen Nummern er spiele, da der große Haufen Gold und Papiere dieses nicht mehr erkennen ließ. Brusco sah ruhig dem Spiele zu und schwieg, als auf die Frage der Banquiers einige Nahestehenden erklärten, daß ihm das Geld gehöre. Da es von sonst Niemand reclamirt wurde, steckte er freudig erstaunt den Gewinnst ein und fand bei näherer Untersuchung, daß er vierzig und einige tausend Francs betrug.

Er benutzte das ihm so zugefallene Geld zu einer Reise durch die Niederlande, Deutschland und die Schweiz, indem er besonders die Schlachtfelder besuchte und studirte, worauf er, da sein Geld rasch dem Ende nahete, im Jahr 1836 nach Navarra ging, um Carl V. seine Dienste anzubieten.

Da er thätiger zu kämpfen wünschte, als es dort im Geniecorps möglich war, trat er in das 4. Bataillon von Castilien ein, verließ mit der königlichen Expedition die Provinzen und fiel bei dem Übergange über den Cinca mit den Trümmern des braven Bataillons in die Hände der Feinde. In Zaragoza erduldete er alle Leiden der Gefangenschaft, bis Cabrera Ende 1838 ihn auswechselte, anfangs in seinem Generalstabe placirte und dann überall benutzte, wo seine hohen Kenntnisse als Ingenieur anwendbar waren. Brusco erwarb sich die Achtung des Generals in hohem Grade, ward nach der Ankunft des Baron von Rahden zu dessen Adjudanten ernannt und im Sommer 1839 mit den Festungen im Turia beauftragt, wo seine unermüdliche Thätigkeit weiten Spielraum fand. — Auch er entkam, als der Widerstand aufgehört hatte, verwundet nach Frankreich.

Die Stellung des Ingenieurs hat in Spanien sehr viele Vorzüge; aber nirgends war sie so angenehm, wie die unsere dort in Neu-Castilien. Dem spanischen Reglement gemäß empfängt der Ingenieur Instructionen nur von den Chefs seines eigenen Corps — als cuerpo facultativo das erste der Armee — und ist ihnen allein verantwortlich; er ist ganz unabhängig von den übrigen Waffengattungen, mit deren Commandeurs er nur berathet, ihre Mitwirkung, wo er deren bedarf, fordern kann, aber nicht ihren Befehlen untergeben ist. Da uns nun die Verbindung mit unserm Chef in Morella fast immer abgeschnitten war, wir auch dessen Resolutionen natürlich nie erwarten durften, so waren wir ganz selbständig und standen eben so wohl da als Haupt in unserm Districte, wie Palacios, Gil und Valmaseda in den ihrigen. Nur galt es, mit Festigkeit unsere vielfach angefochtenen Rechte aufrecht zu halten.

Und zwar war dieser unser District so weit ausgedehnt, wie jene Anführer ihre Herrschaft auszudehnen vermochten, da wir dort alle Bedürfnisse für unsere Festungsbauten einzutreiben berechtigt waren, weshalb wir denn häufig Kriegszüge auf eigene Faust unternahmen. Wir hatten nemlich zu unserer Verfügung zwei Compagnien Sappeurs, über 250 Mann, lauter ausgesuchte Leute, da das Sappeurscorps, so wie die Artillerie, unter den Rekruten auswählte, ehe sie durch Loos den Bataillonen zugetheilt wurden. Sie waren vollkommen und selbst mit Pracht in Bewaffnung und Kleidung ausgerüstet, indem alle Bedürfnisse von Cuenca, Valencia und selbst Madrid hergeschmuggelt wurden. Geld dazu war stets im Überfluß, da der General bei der Bildung derselben befohlen hatte, in die Casse der Sappeurs ein Sechstel der wegen nicht geleisteter Festungsarbeiten von den Provinzen zu zahlenden Strafgelder abzuliefern, was oft außerordentlich große Summen ausmachte, so daß Sold, Arbeitslohn und Rationen, Alles doppelt so stark wie die der Linientruppen, stets regelmäßig bezahlt wurden. Bei der Katastrophe im Juni enthielt meine Casse für die Befestigung des einzigen Cañete über 9000 Duros in Silber, die dem Feinde in die Hände fielen.

Sowohl wegen unserer schönen Compagnien, als auch, weil sie bei tausend Gelegenheiten unser nicht wohl entbehren konnten, suchte ein Jeder der Chefs uns zu sich zu ziehen und durch Bezeugung der größten Rücksichten festzuhalten. Es bestand aber unter uns selbst ein eigenes Verhältniß, da ich, als Infanterie-Officier dem Corps nur aggregirt, in den lediglich die Functionen desselben betreffenden Angelegenheiten das Commando über den effectiven Ingenieurs-Capitain nicht glaubte übernehmen zu können, während Brusco, da ich älterer Capitain war, gleichfalls sich weigerte, die Oberleitung beizubehalten. Als kurz nachher Beider Avancement zum Grad von Oberstlieutenant der Infanterie[116] anlangte, blieb die Lage der Dinge ganz dieselbe.

Wir beschlossen also, gemeinschaftlich an der Spitze des Corps zu stehen und uns in die Geschäfte und die Verantwortlichkeit, so wie in die Vortheile brüderlich zu theilen. Die letzteren waren aber auch in pecuniärer Hinsicht bedeutend, da wir Stellen versahen, die nach dem Reglement nur Brigadegeneralen zukamen, deren gesetzlich fixirte Gratificationen nach einer von Brusco früher erwirkten Ordre des Generals uns ausgezahlt wurden.

Da die Befestigungen im Turia so weit vollendet waren, daß sie unserer Gegenwart nicht mehr bedurften, übernahm ich die Leitung der Werke von Cañete und Castiel Favib nebst der gelegentlichen Inspection des Turia, während Brusco die Arbeiten in Beteta und diejenigen übernahm, welche bei den Operationen Valmaseda’s in das Innere nöthig würden. Er reisete daher einige Tage später nach seinem Punkte ab, wo bereits der größere Theil der zweiten Compagnie, die ihm geblieben, sich befand; die erste unter Premierlieutenant Norma, 130 Mann stark, behielt ich bei mir. Nachdem ich den mit mir angelangten Lieutenant Losada in Castiel Favib installirt und die Festungen im Turia besucht hatte, kehrte ich nach der Mitte des Aprils nach Cañete zurück.

Die Stadt liegt an dem südlichen Abhange des Gebirgszuges, welcher, als Sierra de Albarracin bekannt, den Tajo dem atlantischen und die kaum drei Viertelstunden von diesem und von einander entfernt entspringenden Flüsse Guadalaviar und Xucar dem mittelländischen Meere zusendet und durch das Gebirge von Cuenca mit der Sierra morena zusammenhängt. Die Provinz, wiewohl von mehreren schrofferen Ketten durchzogen, bietet im Allgemeinen zwischen niedrigen Bergreihen breite, ebene Thäler dar und ist fruchtbar. Doch hatte die Kriegsplage schon seit Jahren so schwer darauf gelastet, daß es keine Hülfsquellen mehr lieferte, indem die Einwohner nur noch das für den eigenen Unterhalt und die geforderten Abgaben gerade nöthige Land bestellten und das übrige unbebaut liegen ließen.

Die Truppen mußten deshalb weither ihre Subsistenzmittel herzuführen, wobei sehr Viel durch Schleichhändler geschah, die aus den reichen Ebenen Valencia’s mit Gefahr des Lebens — die Christinos erschossen jeden Maulthiertreiber, der, freiwillig nach unsern Festungen reisend, von ihnen aufgefangen wurde — aber auch mit ungeheurem Gewinne Lebensmittel jeder Art und selbst die mannigfachsten Delicatessen brachten. Täglich langten solche Caravanen, oft auch mit sorgfältig versteckten Waffen, militairischen Abzeichen, Tuch und sogar Pulver beladen, aus den umliegenden Provinzen an, und da das Gouvernement durch die weithin eingetriebenen Contributionen reichlich mit Geld versehen waren, die Truppen auch regelmäßig ihren Sold erhielten, fand Alles raschen Absatz.

Der Gouverneur war ein biederer alter Junggeselle, der als Jüngling schon gegen Napoleon gekämpft und unter Ferdinand VII. eine Escadron in einem Linien-Regimente commandirt hatte. Seit dem Anfang des Aufstandes kriegte er an der Spitze einer Guerrilla in Aragon und Valencia, häufig dem Anschein nach auf immer vernichtet und jedesmal unermüdet sich wieder erhebend, bis er später Cabrera sich anschloß, der seine hohe Achtung vor ihm bekundete, da er ihn zum Chef des herrlichen Cavallerie-Regimentes von Tortosa ernannte.

Durch Wunden verhindert, ferner in der Cavallerie zu dienen, erhielt Oberst Gil das Gouvernement von Alpuente, welches er in den besten Stand setzte, und dann das des wichtigen Cañete, wo er durch Festigkeit und Einsicht, wie durch außerordentliche Milde sich hervorthat, ja diese zuweilen zu weit trieb, wie er z. B. meinen unumgänglichen und pflichtgemäßen Requisitionen für die Befestigungsarbeiten gewöhnlich durch Klagen über die armen Leute, die schon ganz ruinirt seien, Einhalt zu thun suchte. Doch dieser Fehler des Militairs, so selten in jenem Kriege, steigert unsere Achtung vor dem Menschen, und er erwarb ihm die Neigung des Volkes, welches in Valmaseda ja sein Gegenstück mit Jammer kennen lernte. Zugleich war der Oberst sehr uneigennützig, auch dadurch vortheilhaft hervorstechend, ein angenehmer Gesellschafter, stets guter Laune und bereit, Rath anzunehmen; er war selbst darin etwas schwach, indem er sich die ausschließliche Leitung aus den Händen winden und sein Gouvernement in der That zu einer militairischen Aristokratie werden ließ, da sechs oder sieben der angesehensten Chefs gemeinschaftlich regierten. Dadurch ward freilich zuweilen einiges Zaudern und Schwanken unvermeidlich.


Cañete ist auf drei Seiten mit einer sägenförmigen, etwa acht Fuß starken Mauer umgeben, aus den Zeiten der Araber herstammend; einige Thürme, zum Theil neu angelegt, flankiren sie. Die vierte Seite nimmt der 220 Fuß hohe Felsberg ein, auf dessen oberer, etwa 600 Fuß langer und 30 bis 80 Fuß breiter Fläche das Castell, ganz den Umrissen des Felsens folgend, erbaut ist. Doch war die Stadt nicht haltbar, da sie von mehreren, auf Flintenschußweite entfernten Höhen eingesehen und dominirt wird und gar keine bombenfeste Gebäude besaß.

Das Castell dagegen war in brillantem Zustande, enthielt vier abgeschlossene Plätze, deren jeder den vorliegenden vollkommen beherrschte und nach dessen Verlust der kräftigsten Vertheidigung fähig war, und bot den feindlichen Geschützen ein starkes Profil dar. Dabei waren die Werke rings umher auf zwanzig bis neunzig Fuß tief perpendiculär sich senkende Felsen gegründet mit Ausnahme eines kleinen Raumes von dreißig Fuß Breite, der eine — wenn auch mit unendlicher Schwierigkeit — ersteigbare Bresche zuließ, weshalb dorthin alle Vertheidigungsmittel gehäuft wurden. Eine naheliegende Höhe enfilirte das Castell, weshalb ich nach Niederreißung des auf ihr von einem früheren Gouverneur erbauten runden Thurmes, der gar keines Widerstandes fähig war, eine der Gestalt des Felsens angemessene starke Redoute dort anlegte.

Übrigens ward während der zwei Monate, in denen ich die Leitung der Arbeiten in Cañete hatte, sehr Viel zur Vervollständigung der Werke gethan, für die meistens Brusco schon den Plan entworfen hatte. Zweihundert Kriegsgefangene und sechshundert Bauern mit Maulthieren oder Eseln waren täglich in der Errichtung jener Redoute und dem Hinaufschaffen von Baumstämmen nach dem Castell, so wie in der Zubereitung und dem Transport der mannigfachen Materialien beschäftigt, während — bei unsern Mitteln eine ungeheure Arbeit — unter der Oberfläche des Felsens bombenfeste Casernen, Magazine und Cisternen geöffnet wurden, welche, vollkommen beendigt, auch der furchtbarsten Artillerie spotten konnten.

Zugleich gelang es, von dem nahen Flüßchen für den Fall des Angriffes eine Überschwemmung rings um die Mauer vorzubereiten und den bedeckten Weg zu beendigen, der von der Stadt nach dem Castell hinauf in den Felsen gehauen und gesprengt[117] wurde. Ein starkes Blockhaus auf der halben Höhe und eine unten am Ausgange des bedeckten Weges befestigte und unter dem Feuer des Castells und der Redoute in der die letzteren trennenden Schlucht liegende Hermite vervollkommneten das Vertheidigungs-System, so daß wir nur noch bedauern mußten, nicht die zur vollständigen Garnirung der Werke hinlängliche Artillerie zu besitzen. Denn echt facciosisch hatten wir lediglich vier kleine tragbare Berggeschütze, eine vierpfündige Kanone, eine fünfzöllige Haubitze — der spanische Fuß ist um etwa ein Zehntel größer, als der des rheinländischen Maßes — und zwei siebenzöllige Morteretes, sehr niedliche bronzene Mörserchen, die ein Maulthier transportirte; sie alle waren aus der Stückgießerei von Cantavieja. Die vier uns bestimmten schweren Geschütze kamen, wie gesagt, nie aus dem Collado an.

Wohin wir indessen unsere Blicke richteten, war der Schwierigkeiten und Mängel Legion, und Allem mußte und sollte abgeholfen werden. Zuerst bestand der ganze Vorrath an Geschossen für unsere Miniatur-Artillerie aus hundert und dreißig Kugeln, einigen siebenzig Granaten und etwa neunzig kleinen Bomben; dann hatten wir auch keinesweges das für den täglichen Bedarf und noch weniger das für eine Belagerung nöthige Pulver, während wir doch auch darin ganz auf uns angewiesen waren. Unverdrossen ging es ans Werk, Pulverfabrik, Schmelzofen und Kugelgießerei zu etabliren, was zwar manchen verunglückten Versuch und noch mehr Flüche der Ungeduld veranlaßte, aber doch endlich so weit gelang, daß wir ein brauchbares, wiewohl grobes, Pulver erzeugten, wie auch Valmaseda in Beteta es anfertigen ließ, und unsern Vorrath von Kugeln bedeutend vermehrten. Von einigen in unserm Bereiche liegenden Glashütten ließen wir etwa sechshundert gläserne Granaten liefern — als Handgranaten mit schwacher Ladung gegen den Sturm sehr mörderisch —, worauf alsbald General Balboa zwei jener Hütten niederbrennen ließ.

Wir überlegten selbst, wie wir einige schwere Kanonen gießen könnten, was freilich seine Schwierigkeiten hatte und auch wegen der Katastrophe, die plötzlich unserer Herrschaft ein Ende machte, nicht zur Ausführung kam. Doch hatten wir schon mehrere Vorbereitungen getroffen und zu dem Ende drei und zwanzig Glocken zusammengeschleppt trotz dem Jammer der guten Pfaffen, welche ihre Kirchen so geplündert sahen; die Orgelpfeifen aber wurden zu Flintenkugeln und Uniformsknöpfen umgeschmolzen. Für die Sappeurs fertigte ich selbst die Form der reglementsmäßigen Knöpfe von einer weichen Steinart an, die sich nur in einer einzigen Schlucht bei dem Dorfe Salvacañete fand, worauf Lieutenant Norma mit seinen Officieren an einem regnigten Tage die nöthigen Knöpfe goß, welche allgemeinen Neid erregten. Dabei amüsirten wir uns trefflich.

Ferner mußte für die Bewaffnung der Rekruten, so wie für die Ausrüstung der Truppen im Allgemeinen gesorgt werden. Da wurde den Eltern und Verwandten der Deserteurs als Strafe die Lieferung einer gewissen Zahl Gewehre oder Ellen Tuch auferlegt, welche sie aus den feindlichen Festungen und oft, besonders die ersteren, aus dem Innern des Königreiches holten und sehr selten zu überbringen unterließen, da dann ihre Güter sequestrirt wurden.

Noch fehlten mir sehr viele, im Fall einer Belagerung unentbehrliche Gegenstände, wie Instrumente, Sandsäcke und andere, die ich persönlich anzuschaffen beschloß, weil sie in mein Fach gehörten und ich also für sie verantwortlich war. Mit 40 Sappeurs, 25 Infanteristen und 10 Kosacken zog ich nördlich von Cañete bis tief nach Aragon hinein, besetzte das uralte El Albarracin, Hauptstadt der Provinz und früher von den Christinos befestigt, und streifte bis unter die Mauern von Teruel, worauf ich nach eilf Tagen mit drei und funfzig beladenen Maulthieren in Cañete wieder anlangte, wo man zweimal die Nachricht erhalten hatte, daß ich gefangen und erschossen sei. Ich hatte fast hundert und zwanzig Leguas zurückgelegt und über funfzig Ortschaften besucht, zwei feindliche Partheigänger, die sich zum Angriffe vereinigten, geschlagen und ihnen neun Gefangene abgenommen, welche ich heimführte, und war durch gute Kundschafter, Benutzung des Terrains und häufig forcirte Contremärsche einem Detachement von 300 Mann, welches von Teruel aus zu meiner Verfolgung gesendet war, ohne Verlust entgangen, obgleich ich Tage lang, so wie ich einen höhern Berg erstieg, es mir nahe hinziehen sah oder, wenn ich kaum meine Requisitionen bewerkstelligt, eine Ortschaft in dem Augenblicke verließ, da der Feind von der andern Seite einrückte.

Ein dritter Partheigänger, der von Cuenca aus sich in Hinterhalt gelegt hatte, um bei meinem Rückmarsche in einem Defilée auf mich zu fallen, ward ganz vernichtet, indem zufällig Palacios mit zwei Bataillonen, um mit Valmaseda sich zu vereinigen, dort passirte, und Jener dessen Vorhut angriff, für mein Detachement sie haltend. — Während ich nach Norden mich wandte, hatte der brave Lieutenant Norma zu gleichem Zwecke die Gegend südlich von Cañete durchzogen und gleichfalls große Ausbeute gemacht. Er fing einen Spion auf, dessen Kopf nach des Obersten Gil Befehl auf eine hohe Stange neben dem Gemeindehause seines Geburtsortes Salvacañete gesteckt wurde.

Ich aber schlief vier und zwanzig Stunden lang fast ununterbrochen, da ich in jenen eilf Tagen nie zwei Stunden hinter einander geruht hatte und auf solchen Zügen, die Pferde zurücklassend, stets zu Fuß, mit dem leichten Trabuco auf der Schulter, an der Spitze meiner Soldaten einherschritt.

Bald bot sich mir Gelegenheit zu einem neuen Ausfluge. Von der ersten Compagnie Sappeurs waren vor meiner Ankunft fast funfzig Mann desertirt, und auch jetzt verschwanden wieder mehrere. Einen derselben hatte ich auf meinem Streifzuge eingefangen, und er war schon in capilla, um am folgenden Tage erschossen zu werden, als seine rührenden Bitten den Oberst Gil, welcher zufällig ihn sah, vermochten, mich um seine Begnadigung zu bitten,[118] worauf ich persönlich ihn zu sprechen ging. Die Kindlichkeit, mit der der Bursche in Thränen erzählte, wie er nur seine arme alte Mutter einmal habe sehen wollen, und reuevoll auf den Knieen versprach, gewiß immer der beste Soldat Carls V. zu sein, wenn ich das Leben ihm schenke, frappirte mich so ungemein, daß ich ihn in Freiheit setzte und selbst bald zu meinem Bedienten wählte, nachdem ich ihn geprüft hatte. — Meine Wahl reute mich nie: als Alle mich verließen, blieb er allein mir treu!

Da aber fortwährend die Desertionen in allen Waffengattungen sich häuften — die armen Teufel schienen zu fühlen, daß die Stunde des Unterganges uns nahete — mußte nothwendig ein Beispiel aufgestellt werden, weshalb ich am 16. Mai mit 80 Sappeurs und 12 Pferden nach der Mancha aufbrach, wo mehrere Deserteurs den Anzeigen unserer Kundschafter gemäß sich aufhalten sollten. Auch da ging es wie bei meinem früheren Zuge; ich wurde hart verfolgt und verlor selbst im Gefechte mit einer kleinen feindlichen Colonne drei Sappeurs, deren Tod jedoch schwer gerächt wurde. Einem Detachement, welches ich nach Moya hineinjagte, nahm ich fünf mit Wein beladene Maulthiere ab, durchzog die Provinz Cuenca und den nordöstlichen Theil der Mancha, überall die rückständigen Contributionen erhebend, und kehrte mit einem bedeutenden Convoy am 27. nach Cañete zurück. Nur einen Deserteur von der Infanterie brachte ich zurück, da ein anderer vom Sappeurscorps unterwegs wieder entkommen war.

Jener wurde am Tage nachher füsilirt und.... in derselben Nacht ließen sich abermals sieben Mann von der Mauer hinab, um zu entfliehen! Am Fuße derselben wurden sie niedergemacht, da der Gouverneur, von ihrem Vorhaben benachrichtigt, eine Compagnie zu ihrem Empfange versteckt aufgestellt hatte. — Einer meiner Bedienten, dem Scheine nach mit Leib und Seele mir ergeben, desertirte mit einem Maulthiere und einem Theile meines Gepäckes, da ich nach einem einige Stunden entfernten Dorfe ihn, etwas Vergessenes zu holen, zurückschickte. Während ich, unruhig über sein Ausbleiben, bittere Vorwürfe mir machte, daß ich um einer Kleinigkeit willen ihn exponirte, da ich überzeugt war, er müsse in die Gewalt des Feindes gefallen sein, langte die Nachricht an, daß er wohlbehalten im nächsten feindlichen Fort angekommen war. Und doch konnte ich ihm nicht zürnen: er war treu und gutherzig, aber sehr furchtsam und hatte, der nahen Belagerung mit Zittern entgegensehend, mehrfach mich gebeten, ihm während derselben Urlaub zu geben, den ich natürlich abschlagen mußte. Da war die Versuchung zu stark gewesen.


Unser Horizont umzog sich indessen mit immer dunkler sich aufthürmenden Wolken, die, fern wetterleuchtend, baldigen Ausbruch des Verderben drohenden Gewitters verkündeten. Die Nachrichten von Morella lauteten trübe, wie die heller Sehenden sie freilich nicht anders erwartet hatten, und auch wir wurden täglich mehr eingeschränkt und hörten täglich von den Vorbereitungen, die in Cuenca für die Eroberung von Cañete und Beteta umfassend getroffen wurden.

Nach der Einnahme von Castillote drangen beide Armeen der Christinos von Norden und Westen in das Gebirge vor. Brigadier — vor dem Kriege Schleichhändler — Zurbano, der jetzt hohe Thätigkeit entwickelte, überfiel mit seinem Freicorps am 6. April bei Pitarque zwei Bataillone von Aragon und nahm ihnen nach hartnäckigem Kampfe 400 Gefangene ab, worauf General Ayerbe am 8. Villarluengo und Don Diego Leon mit den Garden am 10. Peñaroya besetzte, welche beiden Punkte, da die Befestigungen zu kraftvoller Gegenwehr nicht hinlänglich vollendet, bei der Annäherung der Feinde geräumt wurden. Diese befestigten darauf Monroyo, sechs Stunden von Morella, als Depot.

Um durch die Besetzung des Ebro der carlistischen Armee die Verbindung mit Catalonien und die Hoffnung auf Rückzug abzuschneiden, durchkreuzte General Leon, Graf von Velascoain, nachdem Zurbano am 19. April nach lebhaftem Gefechte mit dem 1. Bataillon von Aragon in Beceyte eingedrungen war, den südlichen Theil von Catalonien, ohne ernsten Widerstand zu finden, nahm Flix und am 28. auch Mora de Ebro ein, welches der Graf von Morella erst am Tage vorher verlassen hatte, um noch immer krank an die Spitze des Heeres sich zu stellen. Doch vermochte Leon des ganzen Flußthales des Ebro noch nicht sich zu bemächtigen.

Hätte wohl unser unternehmender Feldherr, wie er früher es war, ruhig den Feind solche Fortschritte machen, zu bloß passiver Defensive sich drängen lassen, ohne kräftigen Widerstand, ohne Diversionen zu versuchen und jeden Fußbreit Landes den Sieger theuer mit seinem Blute bezahlen zu machen? Hätte Cabrera je seine Forts, die so große Opfer, so unendliche Anstrengungen gekostet, von Position zu Position ohne Kampf weichend, geräumt oder gar ihre Vertheidiger in nutzlosem Ringen gegen die Übermacht hülflos hingeopfert, um endlich unthätig sich zurückzuziehen, nachdem er eben so unthätig der Vernichtung seiner Treuen zugeschaut hatte?! —

O’Donnell war seinerseits nicht weniger erfolgreich. Im Anfange Aprils schon schritt er zur Belagerung von Aliaga, und nach kraftvoller Gegenwehr, die dem Feinde 1100 Mann gekostet hatte, ergab sich am 15. die Besatzung, nachdem zwei und zwanzig Geschütze vier Tage lang sie beschossen hatten. Sofort eilten die Christinos, das Fort von Alcalá la Selva zu berennen, dessen Gouverneur barbarischer Weise, nur um den Belagernden das Obdach zu nehmen, bei deren Annäherung das Städtchen niederbrannte, wiewohl es seiner Vertheidigung keinen Abbruch thun konnte. Auch er zeigte sich brav. Die schwarze Fahne, das bekannte Zeichen des Kampfes auf Leben und Tod, winkten von den Mauern hinab den feindlichen Schaaren entgegen; aber nach zweitägigem Bombardement war das Innere des Forts in einen Schutthaufen verwandelt, die Cisternen waren verschüttet, die Gewölbe zertrümmert durch die Macht der schweren Wurfgeschosse und die Mauern an mehreren Punkten rasirt, da die Carlisten nur vier leichte Geschütze, gleich denen in Cañete, den zwanzig Belagerungsgeschützen entgegensetzen konnten.

Da empörte sich die zusammengeschmolzene Garnison verzweifelnd und öffnete den Christinos die Thore, nachdem sie wieder 900 Mann eingebüßt hatten. Als der Gouverneur vor O’Donnell geführt wurde, fragte ihn dieser lächelnd, warum er seinen Entschluß, sich nicht zu ergeben, nicht ausgeführt habe, und entließ ihn auf die Erklärung, daß er sofort das Commando des Forts in dem jetzigen Zustande wieder übernehme, wenn er zuverlässige Mannschaft bekomme, mit den Worten: „Sie sind ein Braver und haben schon zu Viel gethan.“

Dann zog O’Donnell gegen Cantavieja, während Espartero mit dem Hauptheere zu der so lange vorbereiteten, so lange angekündigten Belagerung von Morella sich anschickte.

Oben sagte ich, daß Cantavieja’s Befestigung, den Händen des Obersten Cartagena anvertraut, traurig vernachlässigt war. Die Stadt ist auf drei Seiten durch die Schroffheit und Höhe des felsigen Bergrückens, auf dem sie gebaut, vollkommen gegen jeden Angriff gesichert; aber gegen Süden ist sie auf Flintenschußweite von einer durch eine Ebene mit ihr verbundenen Erhöhung beherrscht, die demnach mit mehreren Forts, der eigentlichen Angriffsfronte, gedeckt wurde. Es war nun durch die Fehler des ursprünglichen Planes und durch die allmählich vorgenommenen Änderungen und Nachhülfen[119] ein Flickwerk entstanden, welches endlich nicht mehr den Namen einer Festung verdiente und aus einer Anhäufung von Mauern, Gräben, Caponieren, Traversen und sonderbar gestalteten, namenlosen Dingen bestand, die wechselseitig einander hinderten und unnütz machten.

Die Carlisten thaten also das Klügste, was ihnen übrig blieb, als sie die Titulair-Veste bei dem Anmarsche O’Donnell’s am 11. Mai räumten und sich auf Morella zurückzogen.

Dieser General fand die Stadt in Flammen: die männlichen Bewohner hatten sämmtlich als voluntarios realistas die Waffen ergriffen und setzten, mit Weib und Kind abziehend, selbst ihre Wohnungen in Brand, um sie nicht dem Feinde zu überlassen. Die großen Fabriken und Magazine waren schon nach Morella verlegt, die Artillerie jedoch wurde, da der Entschluß zur Räumung erst im letzten Augenblicke gefaßt war, vernagelt zurückgelassen. Ein unersetzlicher Verlust!

O’Donnell zog darauf nach dem nördlichen Valencia und dem Ebro zu, um in Cabrera’s Rücken zu operiren und von dem Flusse ihn abzuschneiden, traf aber bei la Cenia auf diesen General, in dem dort ein Überrest des alten Feuers noch einmal — leider ohne weitere Folge — aufzulodern schien. Er bewährte, was er vermocht hätte. Nach siebenstündigem furchtbaren Ringen auf dem den Christinos nicht ungünstigen Terrain zwang er sie, wiewohl sie doppelt so stark waren, mit Verlust von 2500 Mann zum Rückzuge auf Vinaroz. Der Bruder O’Donnell’s, welcher, früher carlistischer Oberst, „der Umarmung von Bergara“ sich angeschlossen hatte und nun mit demselben Grade als Adjudant seines Bruders gegen seine früheren Waffengefährten focht, ward schwer verwundet, der Chef des Generalstabes getödtet.

Cabrera aber... eilte nach dem Ebro und überließ Morella seinem Schicksale! —

Doch nein; ich thue Unrecht, da ich dem edlen, braven Cabrera, ihm, der tausendfach sich bewährt, den Schein eines Tadels gebe. Beklagen wir ihn und die Sache, welche er so lange aufrecht hielt, daß des Siegesherzoges wohl berechnetes Verbrechen so entsetzlich wirken durfte!


Auch Aspiroz hatte sich seit den ersten Tagen des Aprils wieder in Bewegung gesetzt. Montan, ein nur für Gewehrfeuer und gegen einen Handstreich eingerichtetes Fort, fiel sofort, worauf Aspiroz sich gegen Alpuente wandte. Von dem Gouverneur desselben sprach ich weiter oben. Er ließ die unglückliche Stadt einäschern und selbst, um dem Feinde Unbequemlichkeit zu verursachen, alle Masadas auf zwei Meilen rings um das Castell verwüsten, eine Maßregel, die bei ihrer Nutzlosigkeit auch unter den Carlisten allgemeinen Unwillen erregte. Und dann übergab der Erbärmliche nach zweitägiger Beschießung sein herrliches Castell, eingeschüchtert durch die Menge der geworfenen Bomben, da doch noch nicht die Spur einer Bresche da war!

Während jener zwei Tage hatte er, das feindliche Feuer fast gar nicht erwiedernd, mit der ganzen Besatzung in die bombenfesten Gewölbe sich versteckt, so daß ein kühner Hornist der christinoschen Jäger unaufgehalten die Werke erklimmte und in das Innere des Castells gelangte, ehe er entdeckt und, da er allein war, verjagt wurde. Der ganze Verlust der Belagerer bestand in — einem Officier und drei Mann! Alsbald zog Aspiroz gegen Vejis, welches er in der Mitte des Mais nach kräftigerer Gegenwehr gleichfalls einnahm.

[116] Der Capitain im Geniecorps avancirt zum Grade des Oberstlieutenants der Infanterie. Überhaupt finden in der spanischen Armee von einer Charge zur andern stets zwei Avancements Statt: das erste Mal erhält z. B. der Secondelieutenant, — und so alle Chargen bis zum Obersten — den Grad von Premierlieutenant und erst wenn er sich zum zweiten Male auszeichnet, die Effectivität desselben. Als graduirt versieht er den Dienst seiner früheren Charge, die Anciennetät in der folgenden zählt aber vom Tage der Ernennung zum Grade.

[117] Bei einer Explosion ward ein Stein über das Castell hinweg bis auf die an der andern Seite im Thal hinlaufende Straße — fabelhaft scheinende Entfernung — geschleudert und traf ein armes Mädchen von dreizehn Jahren an den Kopf, so daß es eine Stunde nachher starb. Überhaupt kamen bei den Arbeiten im Felsen viele Unglücksfälle vor.

[118] Jeder unabhängige Corps- oder Detachements-Chef hat den spanischen Kriegsgesetzen gemäß das Recht, bis zur Todesstrafe über seine Untergebenen zu verhängen, wobei Kriegsgerichte fast nie Statt finden. Unzählige Male war ich bei Carlisten und Christinos Zeuge, daß der Anführer einen bei einem Diebstahl ertappten oder insubordinirten Soldaten und selbst Bauern, die des Spionirens verdächtig waren oder, wie so oft, gezwungen für den Feind Papiere überbringen mußten, augenblicklich niederknieen und füsiliren ließ. — Früher erwähnte ich, daß ich als unabhängiger Corps-Chef dastand.

[119] Des Herrn von Rahden Plan war nach dessen Abreise von dem eigensinnigen Cartagena trotz aller Remonstrationen gar nicht weiter beachtet.