XXXVIII.

Unerwartet war Brusco nach Cañete zurückgekommen. Da Valmaseda, der von Fortification gar keinen Begriff hatte, in Beteta die unthunlichsten Dinge vollbracht sehen wollte, war Brusco mit ihm in lebhafte Streitigkeiten gerathen und verließ endlich die Festung, um sich nicht wehrlos der wilden Leidenschaftlichkeit des Brigadiers hinzugeben, dessen erstes Wort, wo er festen Widerstand erfuhr, „Niederschießen“ zu sein pflegte, was er denn auch nicht lange anstand auszuführen.

Da saßen wir denn oft, drei oder vier Cameraden, auf die alten hölzernen Lehnsessel hingestreckt bis tief in die Nacht um das knisternde Feuer — denn die Abende waren noch immer sehr frisch, so daß der Sitz am Herde in der Küche ganz heimisch war — und unterhielten uns traulich über das, was die nächste Zukunft bringen mußte. Wenige Tage vorher waren die beiden Cavallerie-Regimenter von Aragon angelangt, welche nach dem Vordringen des Feindes in das Innere des Gebirges dort unnütz nach Castilien detachirt waren. Sie brachten uns die General-Ordre, durch die Brusco und mir der Grad von Oberstlieutenant verliehen war; und durch sie erfuhren wir den Stand der Dinge bei der Armee. Bald kam auch mein wackerer Manuel, ein Bedienter, den ich krank in Morella zurücklassen mußte, mit zwei andern Sappeurs von dort an, da der Wunsch, ferner bei mir zu sein, durch alle Gefahren des Weges ihn getrieben hatte. Da hörten wir, daß Morella bereits, wenn auch wegen des Terrains nicht vollständig, blokirt sei, und daß der Gouverneur von Ares del Mestre dieses Fort dem Feinde verkauft habe, indem er, als die Garnison in der Kirche zur Messe versammelt war, die Christinos einließ, so daß eine Compagnie Sappeurs und zwei von Valencia gefangen wurden. Wieder Verrath!

Es war ein eigenthümliches Gefühl, wie wir so die Stunde des Unterganges mit Riesenschritten heranrücken sahen, unvermeidlich und ohne daß menschliche Kraft den Strom aufzuhalten vermocht hätte. Wir berechneten schon unsere Existenz nur noch nach Wochen und erwogen jede Chance für und wider, welche die Katastrophe um einen Tag beschleunigen oder um so viel weiter hinausschieben konnte; und doch scherzten wir selbst bei diesen ernsten Betrachtungen und haschten nach Lust und Vergnügen, wie immer, und handelten, als sei gar keine Veränderung in unsern Verhältnissen eingetreten. Der Mensch ist ein sonderbares Wesen; ich begreife wahrlich jetzt kaum, wie solche Contraste in uns sich vereinigen konnten. Während wir sehr wohl erkannten, wie nur noch Tage uns überblieben, und im vertrauteren Kreise diese Gewißheit uns nicht verheimlichten, schienen wir fortwährend, wie im vorigen Jahre, die siegesstolzen, hochstrebenden Krieger, die in kurzem ihren König auf den Thron seiner Väter zurückzuführen und die rebellische Herrscherstadt zu seinen Füßen zu beugen hofften. Im öffentlichen Leben, in allem Dienstlichen fuhren wir fort, Pläne zu entwerfen, auf Monate hinaus zu denken und vorzuarbeiten, als gäbe es gar keine Vernichtung drohende Gefahr. Höchstens verrieth etwa ein scherzhafter Wink, daß das Bewußtsein derselben nicht in uns erloschen sei. Und jene Arbeiten und Entwürfe wurden mit eben der Sorgfalt betrieben, wie wenn wir des Triumphes durch sie gewiß wären.

Aspiroz aber bereitete seinen Artilleriepark vor, um uns zu erdrücken, Balboa that ebendasselbe in Cuenca, wo er bereits siebenzehn grobe Geschütze vereinigt hatte. Er ließ Recognoscirungen bis unter die Mauern von Beteta vornehmen, denen die schwachen carlistischen Truppen sich nicht widersetzen konnten, und stellte die Wege nach jenem Platze sowohl, als nach Cañete für Artillerie her, während Palacios und Valmaseda, der erstere nur noch auf den Collado gestützt, eine thätige Defensive durch Streifzüge, unerwartete Märsche und wiederholte Überfälle kleinerer Detachements führten. Doch gewannen die Feinde durch Übermacht Schritt vor Schritt Terrain.

Tag auf Tag brachte so irgend eine neue Unglückskunde, bis eines Morgens — es war an einem der ersten Tage Juni’s — Brusco, vom Gouverneur kommend, ernst in mein Zimmer trat und mir zuflüsterte: „Morella ist gefallen, und der General hat den Ebro passirt!“ — Wenn auch längst erwartet, wirkte die Schreckensbotschaft doch im ersten Augenblick erstarrend auf Jedermann, und mancher schwere Seufzer entwand sich der Brust, da mit Morella ja der letzte Pfeiler des schon lange untergrabenen Gebäudes einstürzte. Furchtbar beklemmend, erdrückend ist der Schmerz des Mannes, wenn er das unrettbar vernichtet sieht, dem er ganz sich hingegeben hat, dessen Triumph sein Ziel und seine Hoffnung war, und für das er mit enthusiastischem Feuer gekämpft und sein Blut vergossen hat. Schwere, schwere Stunden waren jene, in denen kaum das Gefühl, bis zum Untergange treu und fest die Pflicht erfüllt zu haben, den glühenden Schmerz lindern konnte. — Und dann die theuren Gefährten, welche wir in Morella wußten!

Seit dem Anfange Aprils, da schon die Gefahr so ungeheuer drängte, hatte plötzlich die höchste, krampfhafte Energie und Thätigkeit jene Lauigkeit ersetzt, die bis dahin mit der Strenge des Winters sich verbündete, um die Fortschritte der Vertheidigungswerke von Morella zu hindern. San Pedro Martyr, der Vollendung nahe, war rasch geschlossen, und nun wurde mit der Kraft der Verzweiflung — und auch mit ihrer Blindheit — der Plan wieder aufgenommen, den Herr von Rahden einst entworfen und bereits tracirt hatte. Man bedachte nicht, daß jetzt weder hinreichende Zeit gegeben war, um so umfassende Werke gehörig auszuführen, noch das nöthige Material, besonders an Artillerie, zur wirksamen Vertheidigung derselben angeschafft werden konnte; man bedachte auch nicht, daß jener Plan auf die kraftvolle Mitwirkung der Armee berechnet war, wie sie von Cabrera — dem Cabrera der sechs ersten Kriegsjahre vor dem verhängnißvollen 16. December — nicht anders erwartet werden konnte, und ohne die freilich so ausgedehnte Arbeiten unnütz wurden.

Indessen geschah das unmöglich Scheinende. Capitain Verdeja, nach Morella berufen, leitete die außerhalb der Ringmauer anzulegenden Verschanzungen, und da Espartero nach kurzer Blokade in der zweiten Hälfte des Mais zur Belagerung der Festung schritt, fand er die nahen, unter dem Feuer des Castillo liegenden Höhen mit Erdwerken bedeckt, die jedoch sämmtlich nur mit Infanterie besetzt waren.

Die Garnison von Morella bestand aus drei Bataillonen Infanterie, indem jede der Divisionen eins geliefert hatte, aus vier Compagnien Sappeurs, zwei Compagnien Artillerie, dreihundert voluntarios realistas von Aragon und etwa hundert von Morella, da die übrigen fünfhundert bei der Annäherung des Feindes vorgezogen hatten, ihre Vaterstadt zu verlassen. So befanden sich etwa 2800 Mann in der Festung. San Pedro Martyr war mit 400 Mann und vier Geschützen besetzt, deren das Castell und die Stadt nur neun hatten, während die Christinos drei und sechszig Belagerungsgeschütze mit einer großen Zahl Mörser heranführten. Der brave Brigadier Beltran commandirte als Gouverneur.

Espartero war genöthigt, zuerst das beschnittene Hornwerk von San Pedro Martyr anzugreifen; er that es natürlich auf dem Punkte, welcher auf Befehl des Generals verkürzt und dadurch sehr schwach geworden war. So konnte er das Feuer von vorn herein auf nur zweihundert Schritt Distance eröffnen, bis wohin er vollkommen gedeckt vorgehen konnte. Am 25. Mai ergab sich das wichtige Werk, da die Bresche practicabel und die Geschütze demontirt waren. An demselben Tage nahmen die Belagerer mehrere der kürzlich errichteten Verschanzungen nach kurzem Widerstande der Carlisten, welche, erschreckt durch den raschen Fall von San Pedro, in dessen Stärke sie so viel Vertrauen gesetzt, und überschüttet mit Geschossen jeder Art von der feindlichen Artillerie, in die Stadt sich zurückzogen, gegen die sofort die Batterien etablirt wurden.

Es war indessen nicht die Absicht Espartero’s, mit dem Blute seiner Soldaten den Besitz von Morella zu erkaufen, dessen er leichter sich zu bemächtigen hoffte. Er errichtete mehrere Mörser-Batterien und begann ein lebhaftes Bombardement, welches alsbald die unheilsvollste Wirkung hatte, da nur das Castell einige bombenfreie Räume besaß, während in der Stadt die einzige Cathedrale nicht einmal für die Niederlage der Munition und der Hauptbedürfnisse ausreichte. Nach dreitägiger Bewerfung war die ganze Stadt in einen Haufen rauchender Trümmer verwandelt; alle Vorräthe waren zerstört, selbst ein Pulvermagazin flog auf und tödtete den Chef der Artillerie, Oberst Soler, mit vielen Officieren und sechszig Mann. Laut forderten die Truppen, da keine Hülfe von außen her sichtbar wurde, gegen den Feind geführt zu werden, um in seinem Lager ihn anzugreifen.

Da beschloß der zusammengerufene Kriegsrath, sich durchzuschlagen: in der ganz ruinirten Stadt länger zu bleiben hieß, ohne den geringsten Nutzen sich aufopfern. In der Nacht zum 29. Mai stürmte die Garnison, 2200 Mann stark, aus der Festung und warf sich auf die feindlichen Positionen; nach blutigem Kampfe, in dem 250 Mann abgeschnitten und gefangen wurden, ward sie von der Übermacht in die Stadt zurückgeworfen. Einzelne nur waren durch die Schluchten entkommen. Der Gouverneur verlangte zu capituliren, aber seine Bedingungen wurden zurückgewiesen, und das Bombardement begann von neuem. Am Morgen ergab sich die Besatzung, noch fast 1800 Mann stark, auf Discretion.

Kein Flintenschuß war von der carlistischen Armee, die nach Catalonien sich zurückzog, auf die Belagerer abgefeuert, keine Bewegung zu Gunsten der Festung unternommen. So fiel Morella in die Gewalt der Christinos; der Krieg war beendigt. —

Am 29. Mai ward auch der Mariscal de Campo Don Domingo Forcadell getödtet, seit siebentehalb Jahren einer der thätigsten und einflußreichsten Anführer der Carlisten im östlichen Spanien, commandirender General von Valencia und Chef der Division dieser Provinz. Er traf bei Hervés mit einigen hundert Mann auf das Freicorps des Brigadiers Zurbano und starb im Kampfe der Verzweiflung.


Unsere Lage war sehr kritisch, da wir, nachdem Cabrera den Ebro überschritten hatte, im Innern der Halbinsel ganz isolirt standen, rings von drohenden Massen umgeben. Dazu ward die Desertion in unserm Rekruten-Bataillone von Cañete täglich größer, wiewohl der Fall von Morella nur den sechs oder sieben Chefs bekannt war, die wir an der Spitze unserer Republik standen, und es war zu fürchten, daß allgemeine Muthlosigkeit die Menge ergreifen würde, so wie die Nachricht von den Ereignissen des letzten Monats sich verbreitete.

Schon wurde in unserm Rathe von Räumung der Festung gesprochen, die doch nur kurze Zeit dem Feinde trotzen könne; es ward beantragt, in die Gebirge uns zu werfen, um den kleinen Krieg fortzusetzen, wie ihn die Guerrillas der Carlisten im Anfange des Krieges so erfolgreich geführt. Dagegen protestirten Brusco und ich, da durch solch eine Maßregel bei dem Stande der Dinge bald nur noch Raubbanden bestehen würden, eine Geißel dem Lande und ohne Vortheil, ja zur Schande der Sache, welche wir vertheidigten. So weit würden wir nie uns erniedrigen. Wir verlangten, daß Cañete vertheidigt werde, da das Rühmlichste sei, bis zum letzten Augenblick auf dem anvertrauten Posten zu verharren und kämpfend ehrenvolle Bedingungen sich zu erzwingen, wenn Unterliegen zur Nothwendigkeit wurde.

Dessen weigerten sich die Spanier fast alle, indem sie es für Wahnsinn hielten, in die Mauern sich einzuschließen und so ohne Nutzen und ohne Hoffnung muthwillig den Feinden sich auszuliefern. „Al pinar, al pinar!“ — in das Waldgebirge! — war ihr Losungsgeschrei. Dann schlugen wir vor, nach Frankreich uns durchzuschlagen, und erklärten, daß wir, im Fall die Festung zur Fortsetzung jenes kleinen Krieges abandonnirt werde, mit unsern beiden Compagnien allein den Versuch machen wollten, die Gränze zu erreichen, da es unsere Pflicht sei, unsere Leute nicht zu opfern, um etwas ganz Zweckloses zu unternehmen, was nur zu schimpflichstem Ende führen könnte.

Nach sehr lebhafter Discussion wurde endlich mit Mühe der Beschluß durchgesetzt, ruhig zu bleiben, bis wir die Ansicht der andern mächtigeren Führer erfahren und mit ihnen über das Auszuführende uns verständigt hätten. Brusco ward demnach mit dem Capitain Echevarria nach Castiel Favib gesandt, um dort Palacios zu treffen, mit dem so eben drei Bataillone von Valencia nebst einigen Escadronen, vom Ebro abgedrängt, sich vereinigt hatten. Ich aber eilte nach Beteta, dessen Leitung ich Brusco abnahm, um sowohl dort das zur Vertheidigung Nöthige anzuordnen, falls diese beschlossen würde, als auch im entgegengesetzten Falle das Detachement Sappeurs, welches Brusco dort gelassen hatte, nach Cañete oder zur Vereinigung mit dem Corps zu führen und zugleich die Absichten Valmaseda’s zu sondiren, das Schwierigste von Allem bei dem Charakter dieses Chefs.

Ehe ich abreisete, hatte ich die Genugthuung, zu der Rettung einer werthen Familie, der ich mannigfach verpflichtet war, beitragen zu können. Vielleicht erinnert sich der Leser, daß, als ich im Jahre 1838 schwer verwundet ein Gefangener in Cuenca mich befand, ein junges Mädchen mit ihrer Mutter im Hospitale mich besuchte und tausend kleine Annehmlichkeiten mir verschaffte. Die enthusiastisch royalistische Familie hatte dort manche Unbilde und Beschimpfung zu ertragen, da sie, wo Carlisten ihrer Hülfe bedurften, furchtlos jedes Opfer mit Freude brachte, und selbst die kleine Paquita, unter dem Namen la hermosa facciosa — die schöne Rebellinn — bekannt, ward durch ihre Reize nicht immer gegen die Insulte der Freiheitsmänner geschützt.

Bei meiner Ankunft in Cañete ward ich von meinem alten Cameraden Echevarria fast mit Gewalt bei einer Familie eingeführt, die mich kennen und mit höchstem Interesse nach mir geforscht haben sollte. Meine Überraschung und meine Freude waren gleich groß, als ich, in das niedrige Häuschen tretend, von der herrlich aufgeblühten Paquita Cantero, nicht weniger überrascht, mich empfangen sah. Ihre Eltern waren in Folge von Espartero’s Austreibungs-Gesetz gezwungen, Cuenca zu verlassen, nachdem ihr ganzes Vermögen confiscirt war; kaum hatten sie durch List eine kleine Summe für die ersten Bedürfnisse gerettet. Ich brachte seitdem, so oft ich in Cañete war, die angenehmsten Stunden in der Gesellschaft dieser Familie zu, welche, wie zurückgezogen sie sonst auch lebte, mich ganz als Sohn vom Hause behandelte. Paquita, als das reizendste Mädchen der Gegend gerühmt, war so anspruchslos wie liebenswürdig, und nie erschien sie einnehmender, als wenn sie, die an jede Bequemlichkeit und Eleganz der höheren Stände Gewöhnte, lachend die häuslichen Geschäfte versah, welche die Verhältnisse jetzt ihr auferlegten, und die ihre Mutter, eine wohlwollende alte Dame, stolz auf die schöne Tochter, umsonst scheltend ihr abnehmen wollte.

In den ersten Tagen des Juni bekam der alte Herr, eben so exaltirter Royalist, als biederer, braver Mann, die Nachricht, daß mächtige Freunde es dahin gebracht hatten, das gegen ihn erlassene Verbannungs-Edict aufzuheben, weshalb er nach Cuenca zurückkehren und den Besitz des confiscirten Vermögens wieder antreten sollte. Er überreichte mir den Brief, mit verächtlichem Lächeln hinzufügend, daß die Christinos sehr sich irrten, wenn sie glaubten, daß er um der Güter willen seine Carlisten verlassen und neuen Insulten sich aussetzen werde.

Ich erschrack. Der Gedanke an das unglückliche Loos, welches der Familie harrte, hatte mich oftmals schmerzlich beschäftigt, ohne daß ich ein Mittel zu seiner Abwendung hätte ausfinden können; und nun wies der Arme halsstarrig selbst die helfende Hand zurück, welche gütig die Vorsehung bot! Er freilich ahnete nicht die Hoffnungslosigkeit unserer Lage, die, wie gesagt, nur Einzelnen, den Leitern, ganz klar war. Er schmeichelte sich mit der Idee, daß die jetzige Bedrängniß, wie so viele andere, vorübergehen, daß Morella, das uneinnehmbare nach der Meinung der Menge, auch dieses Mal siegreich widerstehen und Cabrera dann von neuem nach Castilien vordringen, das triumphirende Ende des Krieges rasch erkämpfen werde. Solche waren bis zur entscheidenden Stunde die Träume fast aller Carlisten, selbst vieler höher stehenden Männer; alle ließen sich fortwährend blenden und durch die ungereimtesten Hoffnungen täuschen.

So ward während des Winters allgemein erzählt, daß eine russische Armee durch Frankreich zu Hülfe komme, daß Sardinien eine Flotte senden werde, um an der Küste gegen die Christinos zu operiren, ja endlich hieß es, daß der Prinz von Asturias mit einem französischen Heere die Gränze überschreite, um Espartero im Rücken anzugreifen. Tausend und aber tausend abgeschmackte Gerüchte wurden unter Volk und Truppen verbreitet und mit Begierde aufgenommen. Auch die Religion ward zu Hülfe gerufen, um das Vertrauen aufrecht zu erhalten. Dort war die heilige Jungfrau Officieren der revolutionairen Armee erschienen und hatte den nahen Untergang derselben und den Triumph der Vertheidiger des Altares verkündet; dort hatte ein Bauer, als Heiliger verehrt, Heil zusagende Offenbarungen, und Wunder wurden häufig — von entfernten Orten her — gemeldet. Zu Ehren der reinen Jungfrau der Schmerzen aber, welche die ersehnte Hülfe bringen sollte, wurde im ganzen carlistischen Gebiete viertägiger feierlicher Gottesdienst angeordnet, weshalb auch wir in Cañete, brennende Wachsstöcke in den Händen, große Processionen der Generalordre gemäß abhielten.

Mit der Mehrzahl hegte auch Don Remigio noch immer jene Hoffnungen und war demnach taub für alle Gründe, durch die ich zur Heimreise nach Cuenca ihn zu bewegen suchte. Er wolle kämpfen und siegen mit den Carlisten; auch er wisse ein Gewehr zu handhaben, um zur Vertheidigung der Festung mitzuwirken, und wo ich aushalte, da werde auch er auszuhalten wissen, war seine stolze Antwort. Umsonst wies ich auf die hülflosen Damen ihn hin. Sie möchten für den Augenblick dulden, bald werde der Sieg alles Verlorene reichlich ihnen ersetzen.

Da schwankte ich nicht länger. Die Sache, welche ich vertheidigte, war unrettbar verloren, ihr konnte durch das Unglück einer edlen Familie nicht geholfen, selbst nicht im Geringsten genützt werden; ich wäre ein Wicht gewesen, wenn ich aus Rücksicht auf meine Sicherheit — jeder Officier, der unbefugt entmuthigende Nachrichten mittheilte, war zu augenblicklichem Tode verurtheilt, und unter den Carlisten wurde selten eine Drohung zum Scherz ausgesprochen — wenn ich deshalb schwieg und dadurch den getäuschten Greis und die Seinen, denen ich so vielfach verpflichtet war, ins Elend sich stürzen ließ. Ich führte Don Remigio zur Seite und sprach offen mit ihm über unsere Verhältnisse, ich schilderte unsere Lage und sagte ihm endlich, daß Morella erobert sei, daß Cabrera mit den Trümmern des Heeres den Ebro passirt habe. Der Arme war niedergeschmettert bei so furchtbarer Kunde und lange für Alles unempfindlich.

Dann zeigte ich ihm, daß, wenn es meine Pflicht sei, als Soldat auf dem mir anvertrauten Posten auszuharren und jede Rücksicht aus den Augen zu setzen, so lange Widerstand möglich blieb, er als Privatmann und Familienvater eine andere Pflicht habe, die, für das Beste der Seinen nach Kräften zu sorgen; daß er also, da unsere Parthei für jetzt hoffnungslos vernichtet und seine fernere Aufopferung ihr ganz ohne Nutzen war, die dargebotene Gelegenheit, um seine Familie aus dem Strudel zu retten, nicht dürfe entschlüpfen lassen. Und was sollte aus den Frauen, aus seiner Tochter werden, wenn sie in die belagerte Festung sich einschlossen! Was, wenn sie mit den Soldaten in das wilde Banditenleben der Guerrilleros geschleudert wurden!

Lange, lange stand der alte Herr unbeweglich da, in schmerzliches Nachdenken versunken; dann umarmte er mich, einen wahren Freund mich nennend, wie er unter seinen Landsleuten nicht ihn gefunden habe. Am Tage vor meinen Abmarsche nach Beteta reisete er und seine Familie nach Cuenca zurück, Glück und Segen mir wünschend, als ich mit den Sappeurs, mit denen ich bis eine Stunde vor dem nächsten feindlichen Fort ihn geleitet hatte, zurückzukehren genöthigt war. — Mit erleichtertem Herzen sah ich der Zukunft entgegen.


Am 9. Juni spät Abends langte ich in Beteta — Provinz Guadalajara — an, nachdem ich, nebst meinen Bedienten und einer Ordonnanz nur von zehn Pferden begleitet, dreißig Stunden mit weniger Unterbrechung marschirt war. Da eine feindliche Colonne jede Verbindung auf der geraden Linie unterbrach, hatte ich mehrfach Umwege einschlagen müssen und war kaum den drohenden Gefahren entgangen. Das Terrain war übrigens im Allgemeinen hügelig mit weiten, fruchtbaren Thälern; nur in der Mitte etwa zwischen den beiden Festungen durchkreuzten wir drei bis vier Stunden lang die rauhen, mit Nadelholz bedeckten Schluchten und Rücken der Sierra de Cuenca.

Valmaseda war in den ersten Tagen des Monates mit seinen Escadronen und fast der ganzen bewaffneten Infanterie in das Innere von Castilien vorgedrungen, wo er Soria durchzog und selbst bis nahe vor Burgos, Schrecken verbreitend, gelangte. Er befestigte rasch die herrliche Stellung von Carazo auf einem hohen Felsenplateau in letzterer Provinz, nicht fern vom Duero, während er verwüstend mehrere bedeutende Städte besetzte und selbst seine Vaterstadt, deren Einwohner als sehr liberal gesinnt bekannt waren, fast ganz niederbrannte, mit seinem eigenen Hause anfangend. Oberst Mondediu aber, sein Stellvertreter, wußte nicht, was er für Maßregeln ergreifen sollte, da er nur über etwa hundert und funfzig Mann Bewaffneter und die unbewaffnete Hälfte des Bataillons fidelidad al Rey nebst einigen Pferden disponirte; er wollte sich dem anschließen, was die übrigen Chefs entscheiden würden.

Das romantische Castell, welches, auf den Ruinen eines maurischen Schlosses aufgeführt, hoch die Stadt überragte, fand ich in einem traurigen Zustande. Seit Brusco’s Abreise hatte der Gouverneur, in Fortification eben so unwissend, wie eigennützig und erpresserisch in der Verwaltung, Alles gethan, was ihm gut dünkte, da Valmaseda den dort befindlichen Lieutenant du genie mit sich nach Castilien genommen hatte, dieser auch in seiner untergeordneten Stellung zu schwach war, um vorher den Ansinnen jenes Chefs fest sich entgegenzustellen. In wenigen Tagen war so viel Unnützes und offenbar Nachtheiliges gethan, so viel Nothwendiges unterlassen, daß ich mich weigern mußte, die Fortführung der Arbeiten und die eventuelle Vertheidigung zu übernehmen: wie hätte ich unter so drohenden Verhältnissen solcher Verantwortlichkeit mich unterziehen sollen!

Der Plan des Castells war übrigens höchst angemessen; aber durch Nichtvollendung des Begonnenen stand der Eingang in die Werke dem Feinde fast ganz offen, auch waren sie nur mit einem kleinen Mörser versehen, indem Valmaseda die übrige Artillerie fortgeführt hatte. Die Fabriken waren im besten Gange, eine Pulvermühle war nach dem Auffliegen der ersten mit überraschender Thätigkeit neu etablirt, und in eben jenen Tagen sollte das erste grobe Geschütz, ein Achtzehnpfünder, gegossen werden, was jedoch durch die reißend schnell sich drängenden Ereignisse verhindert wurde.

Schon war ich im Begriff, trotz den Bitten Mondediu’s mit meinen Sappeurs nach Cañete aufzubrechen, als am 12. Juni Abends ein Schreiben von Palacios aus dem nahen Peralejos anlangte, durch das er die Chefs zu einem Kriegsrathe einlud. Er erklärte uns, daß er sich entschlossen habe, mit den Truppen, welche er vereinigen konnte, nach Frankreich sich durchzuschlagen, und forderte uns demnach auf, wenn wir gleiche Absicht hätten, uns ihm anzuschließen; Brigadier Arévalo stehe mit einigen Bataillonen ein paar Meilen entfernt und werde gleichfalls mitziehen. Auf meine Frage nach der Besatzung von Cañete erwiederte er, daß sie noch erwartet werde. — Wir stimmten vollkommen mit dem vorgeschlagenen Plane überein und kehrten deshalb in der Nacht nach Beteta zurück, die Vorbereitungen zu treffen.

Am folgenden Morgen bot das Städtchen ein Schauspiel der unsäglichsten Verwirrung dar. Überall wurden Befehle, oft sich widersprechend, ertheilt und häufig nicht ausgeführt, Munitionen wurden den Truppen gegeben, Saumthiere jeder Art, mit ungeheuren Ballen der verschiedenartigsten Effecten beladen, sperrten die Straßen, die Magazine wurden geöffnet, und Jedermann erhielt Erlaubniß, so Viel zu nehmen, als er fortbringen könne. Frauen und Kinder liefen schreiend durch die Soldatenhaufen, welche bald die Llamada zum Sammelplatze rief, und die Einwohner schauten, in Gruppen vor den Thüren versammelt, stumm und niedergeschlagen dem wilden Treiben zu, während in den Mienen der Freiwilligen finsterer Trotz sich malte. Die Absicht, das Fort zu abandoniren, war klar; aber den Plan, nach Frankreich durchzudringen, verschwiegen die Chefs, so wie die unglücklichen Ereignisse der letzten Wochen, und machten die Truppen glauben, daß Depeschen von Valmaseda uns nach Castilien riefen.

Um Mittag zog endlich Oberst Mondediu mit seinen Truppen ab, eine Stunde später folgte ich mit den Sappeurs und die Mitglieder der Junta de Govierno mit ihrer Bedeckung, den Nachtrab sollte die eigentliche Garnison des Castells bilden, welches der Gouverneur bei seinem Abzuge in die Luft zu sprengen Ordre erhielt. Ehe er dieses aber ins Werk gesetzt, langte Brigadier Palacios an und befahl ihm, mit der Compagnie im Castell zu bleiben, da ein Mißverständniß obwalte: die Truppen würden nur eine kurze Expedition gegen eine feindliche Colonne machen und alsbald wiederkehren.

Wir übernachteten in dem vier Leguas entfernten Zahorejas, wo Palacios mit drei Bataillonen und fünf Escadronen mit uns sich vereinigte. Früh Morgens am 14. Juni setzten wir den Marsch nach der Provinz Soria hin fort und rasteten in dem zwei Leguas entfernten Villar de Coveta; dort erwartete uns Mondediu mit seinen unbewaffneten Compagnien, Arévalo aber war zugleich mit drei Bataillonen und vier Escadronen in dem eine halbe Stunde entfernten Coveta eingetroffen. — Drei Bataillone und zwei Escadrone von Valencia hatten sich, von Cabrera’s Armee abgeschnitten, nach Castilien gezogen, wo schon, wie erwähnt, fünf Escadrone von Aragon angelangt waren, so daß sich dort eine Colonne von sieben Bataillonen und neun Escadronen, 4200 Mann Infanterie und über 700 Pferde, unter Arévalo und Palacios vereinigte. —

Nachdem die Truppen bis gegen Abend geruht hatten, sollte dann während der Nacht die Heerstraße von Madrid nach Zaragoza, auf der am Tage vorher die Königinn Wittwe mit ihren Töchtern nach dieser Stadt gereiset war,[120] so wie die von Ziguenza in jene einmündende Chaussee passirt werden, worauf wir bald mit Valmaseda, der zweihundert Reiter und ein halbes Bataillon commandirte, uns zu vereinigen und den Durchzug durch Navarra nach der Gränze zu erzwingen hofften.

Der Wunsch, mit Brusco und den Meinen vereint zu sein, trieb mich nach Coveta, wo ich mit Arévalo’s Colonne sie zu finden hoffte. Wie groß war mein Staunen, mein Schrecken, da ich erfuhr, sie seien nicht dort, und von Arévalo auf meine Frage hörte, die Garnison von Cañete sei zurückgeblieben, damit nicht die ganze Macht des Feindes sofort auf die Abziehenden sich werfe! Ich flog wieder nach dem Villar, wo denn Palacios nach dringendem Forschen mir endlich erklärte, daß der Gouverneur jener Festung von dem Beabsichtigten gar nicht in Kenntniß gesetzt sei.

Mein Unwille bei solcher Eröffnung ist leicht zu begreifen; auf die niedrigste Art waren ja die Unglücklichen von ihren Gefährten verlassen, deren Rückzug sie durch die eigene Vernichtung sichern sollten. Augenscheinlich hatte der Umstand, daß die Mannschaft des Obersten Gil zum Theil unbewaffnet war, viel zu Palacios’ Entschluß beigetragen. Als ich ihm nun sagte, daß ich nie meine Cameraden auf solche Art verlassen würde, auch durch meine Pflicht, so lange Cañete besetzt sei, dorthin gerufen werde, antwortete er achselzuckend mit dem spanischen Sprichworte, daß die Freundschaft aufhöre, wo es sich um den Hals handele. Übrigens stehe ich nicht unter seinen Befehlen und werde daher thun, was mir beliebe, wiewohl er mich warne, da die Folgen vorauszusehen seien und ich vielleicht doch nicht mehr nach Cañete gelangen könne.

Ich leugne nicht, daß ich schwankte und lange ungewiß blieb, was ich wählen, welcher Stimme ich gehorchen sollte. Wohl wünschte ich da, in abhängiger Stellung zu sein und den Befehlen eines Chefs gehorchen zu müssen, unbekümmert, was sie geböten. Als spät am Nachmittage die Hörner zum Marsche bliesen und bald die Bataillone langsam aufbrachen, den unermeßlichen Haufen der Bagage mit Weibern, Kindern und Kranken in die Mitte nehmend; als dann auch die Cavallerie ihr folgte und endlich die letzte Escadron in ernstem Schweigen den Zug schloß: — ja, da ward mir unendlich beklemmt und wehmuthsvoll ums Herz, es drängte mich, den Abziehenden mich anzuschließen und mit ihnen der rettenden Gränze zuzueilen. Einzelne Bekannte hatten erstaunt mich dastehen gesehen und meine Absicht zu bleiben lebhaft bekämpft, und die Sappeurs, welche hinter mir aufmarschirt die Entscheidung erwarteten, murrten laut und lauter, daß ja doch schon Alles verloren sei, und daß sie sich nicht opfern würden.

Vor mir lag die Hoffnung, rasch aus dem Kriege zu scheiden, der unter den obwaltenden Verhältnissen mich nicht mehr anziehen konnte, die Hoffnung, dieses Spanien zu verlassen, wonach ich so lange glühend mich sehnte, und in das Leben der civilisirten Welt zurückzutreten; und dann, was nützte mein Bleiben? Hinter mir sah ich nur Elend und unvermeidlichen Untergang, schnellen Tod oder im glücklichsten Falle — und da war die Wahl nicht leicht — die furchtbare, so bitter empfundene Gefangenschaft. Aber dort standen die Gefährten verlassen in der Mitte der übermächtigen Feinde, die bereit waren, sich auf sie zu stürzen, um der Beute sich zu versichern; sollte ich nicht ihr Loos theilen, wie schwer es auch sein möge? Dorthin rief mich vor Allem die Pflicht. Von dem mir anvertrauten Posten durfte ich nicht feige fliehen, so lange die Unseren zur Vertheidigung ihn inne hielten, ich wollte, ich konnte nicht aus dem Kampfe, den ich mit Stolz Jahre lang gefochten, scheiden, indem ich, die eigene Rettung zu fördern, meine Untergebenen dem drohenden Schicksal überließ. Wäre dieses das ehrenvolle Ende, welches, da Verrath den Sieg uns entrissen, das höchste Ziel meiner Wünsche geworden war?

Der Kampf war sehr, sehr hart, doch die bessere Stimme siegte. Das Murren der Sappeurs rief mich zuerst zur gewohnten Energie zurück. Nachdem ich ihnen geschworen, daß ich einen Jeden, der ferner ein subordinationswidriges Wort äußere, auf der Stelle werde niederschießen lassen, und zugleich kurz die Beweggründe zur Vereinigung mit den Cameraden angegeben hatte, schlug ich an ihrer Spitze den Weg nach Beteta ein, einen letzten trauernden Blick den schon im Gebirge sich verlierenden Colonnen zuwerfend. — Meine Sappeurs aber, wiewohl sie schwiegen, zeigten eine Unruhe, eine Muthlosigkeit, die mir deutlich sagten, daß ich nicht mehr auf sie bauen dürfe. Wie konnte ich von den Burschen Anderes erwarten?

[120] Daher behaupteten die Christinos, daß Palacios diese Fürstinnen habe aufheben wollen, was gänzlich falsch ist.