XXXIX.
Am Morgen des 15. Juni befand ich mich wieder in Beteta, nachdem ich während der Nacht im Walde bivouakirt hatte. Ich fand das Städtchen traurig verwüstet, da auf die Nachricht von dem Abzuge der Garnison einige hundert Christinos herzugeeilt waren, um die Festung in Besitz zu nehmen; sie hatten in der Stadt die gräulichsten Excesse ausgeübt und sich dann zurückzogen, da sie ihren Versuch zur Überrumpelung mit Verlust von eilf Mann kräftig abgewiesen sahen. Der kleine Mörser, als die Werke gesprengt werden sollten, den Felsen hinab in eine tiefe Schlucht gestürzt, lag bei diesem Besuche der Feinde noch dort, so daß die Besatzung ihnen die Bomben in das Städtchen nur hinabrollen konnte. Erst nach ihrem Abzuge wurde der Mörser wieder hinaufgeschafft.
Ich traf dort einen Obersten von der Junta, der mit einigen Officieren schon von Zahorejas zurückgekehrt war, um das Commando der Provinz zu übernehmen. Auf seine Anfrage setzte ich ihm auseinander, daß das Castell einem regelmäßigen Angriffe nicht vier und zwanzig Stunden widerstehen könne. Er stutzte, beschloß aber doch dort zu bleiben; seine Absicht dabei konnte ich nicht wohl begreifen, da er nur achtzig Mann im Castell hatte, die er durch Austheilung von Geld und doppelte Rationen Wein bei gutem Muth zu erhalten suchte. Vier Tage später hatten die Christinos Beteta genommen und die Garnison gefangen gemacht. Der Oberst wurde auf der Flucht getödtet.
Am Nachmittage setzte ich den Marsch fort, indem ich mit einem Umwege von mehr als zwölf Leguas auf Checa, eine nicht unbedeutende Stadt in Aragon, mich dirigirte, da der Feind mit Sicherheit auf dem geraden Wege vorausgesetzt werden mußte. Von dort wollte ich dann nach Süden mich richten und die Sierra de Albarracin übersteigen, wodurch ich bis nahe Cañete mich stets in sehr schroffem Gebirge befand.
Als ich von Palacios’ Colonne mich trennte, bestand mein Detachement aus einem Sergeanten und acht und zwanzig Sappeurs nebst zwei Bedienten und einer Ordonnanz. Bei meiner Ankunft in Beteta zählte ich nur noch siebenzehn Mann, und während des Nachtmarsches nach Checa verschwanden wiederum acht, denen, während wir dort frühstückten, der Sergeant mit zwei Corporalen folgte. Wir näherten uns der Provinz el Albarracin, aus der die Mehrzahl der in unsern Compagnien stehenden Sappeurs gebürtig war, weshalb sie, von Muthlosigkeit ergriffen, die doppelt günstige Gelegenheit zu benutzen eilten, um durch die Rückkehr zum väterlichen Hause den Gefahren sich zu entziehen, welche in Cañete ihrer warteten. Das Landvolk erzählte ihnen überall, wie ich später erfuhr, daß sie die Festung schon nicht mehr erreichen würden und gewissem Tode entgegengingen.
Als ich gegen Abend in Griegos Halt machte, um zu futtern, war ich nur noch von den beiden Bedienten und der Ordonnanz begleitet; auf sie konnte ich sicher vertrauen, da sie mir ganz ergeben waren. Manuel hatte ja hundertfachen Gefahren getrotzt, um von Morella mir zu folgen, er zeigte sich stets als treuen, redlichsten Menschen und hing mit wahrer Liebe an mir, Marco aber, der Deserteur, den ich nicht lange vorher von der Todesstrafe befreite, flog jeden Wunsch zu erfüllen, ehe ich ihn auszusprechen Zeit hatte, während die Ordonnanz, welche seit meiner Ankunft in Castilien mit mir war, gleichfalls sich bewährt hatte.
Bei Sonnenuntergang brach ich auf, um den höchsten Punkt des wilden, aber fruchtbaren Gebirges zu ersteigen, das westlich vom Albarracin bis zur Sierra de Cuenca sich erstreckt und die Quellen von vier bedeutenden Flüssen dicht neben einander enthält; dann konnte ich Cañete leicht am folgenden Mittage erreichen. Die Führer betraten so eben den Saum eines dichten Waldes, als Marco, der hinter mir meine beiden Maulthiere führte, mir zurief, daß Manuel und die Ordonnanz noch zurück wären. Ich hielt das Pferd an, sie zu erwarten: Niemand erschien; ich befahl Marco, laut zu rufen: keine Antwort erfolgte. Von düsterer Ahnung ergriffen ließ ich das Gepäck ihn untersuchen; mit einem Fluche rief er aus, daß ihre Tornister fehlten. — Auch sie waren davon gegangen!
Der Schlag traf mich hart, da ich Alles, nur das nicht, erwartet hatte. Das Gefühl der bitter schmerzlichen Enttäuschung preßte gewaltsam die Brust mir zusammen; ich seufzete tief. Die Sappeurs hatte ich einen nach dem andern verschwinden sehen, ohne daß es mir mehr, als ein augenblickliches, verächtliches Lächeln entlockt hätte, während ich so ruhig blieb, als wäre Nichts geschehen, da ich von ihnen ja nichts Anderes hoffen durfte. Aber mein Manuel! Auch er verließ mich! Das erschütterte mich.
Mit dumpfer Stimme wandte ich mich zu Marco: „So gehe Du auch hin, wenn Du willst; ich werde allein mich durchschlagen.“ Doch der wackere Bursche antwortete ernst: „Nein, Herr, wohin Sie gehen, dahin gehe ich — bis zur Hölle.“ Gerührt drückte ich ihm die Hand und setzte freudiger den Marsch fort, tief nachsinnend über so Manches, was mich bewegte.
In der Masada la Fuente de Garcia, zwanzig Schritt von der Quelle des Tajo, wo ich neue Führer nehmen sollte, fand ich nur Weiber, weshalb ich bis zum Morgen dort ruhen mußte. Bald berichtete mir, als ich dann gen Süden von der Sierra hinabstieg, ein Bauer, daß er am Abend vorher in Salvacañete die Colonne des Generals Aspiroz gesehen habe, welche, 6000 Mann stark, zur Belagerung des nur drei Stunden von dort entfernten Cañete zog. Ich beschleunigte den Schritt, entschlossen, Alles zu wagen, um in die bedrohete Festung zu gelangen. Auf entlegenen Fußsteigen durch das steilste Gebirge ziehend, hoffte ich, entweder die Stadt noch nicht eingeschlossen zu finden, oder sonst bei Nacht mit Hülfe meiner genauen Kenntniß des Terrains mich durchschleichen zu können.
Um Mittag ward die Hitze in den Schluchten entsetzlich drückend, da die Felswände rings die Gluthstrahlen der Sonne zurückwarfen. Wir machten in einer kleinen Masada, die tief in einem engen Thale versteckt lag, Halt, und die Wirthinn bereitete schnell aus den reichlich mitgebrachten Vorräthen und einigen Forellen des nahen Flüßchens ein wohlschmeckendes Mahl. Die Familie so wie die Führer aßen tüchtig mit, da ja Überfluß vorhanden war, und während dann der Bauer, welcher das Gepräge der herzlichsten Biederkeit in den offenen Mienen trug, in Ablösung eines andern Führers mit mir kam, blieb sein Weib überglücklich zurück, da ich einen Schinken ihr geben ließ. Seit Jahren hatten die Armen nur Kartoffeln und Forellen gegessen, zu denen ihnen oft selbst das Öl fehlte; die unerschwinglichen Contributionen nahmen ihnen Alles.
Da wir nur noch zwei bis drei Stunden von Cañete entfernt waren, hatte ich zugleich die Bagage umpacken und ein Mantelsäckchen mit den wichtigsten Effecten nebst meinem und Marco’s Mänteln lose oben auf die Lasten placiren lassen, indem ich Jedermann anwies, im Fall des Zusammentreffens mit dem Feinde, da an Widerstand nicht zu denken war, diese auf die Schultern zu nehmen und zu retten. Getrost zogen wir dann den schmalen Fußsteig hinauf.
Eine kleine halbe Stunde mochten wir marschirt sein, als der vorausgesandte Bauer eiligen Laufes die Nachricht brachte, daß in dem Thale, zu dem wir gerade hinabstiegen, hie und da Soldaten sichtbar wurden. Ich berieth mit ihm über die zu ergreifenden Maßregeln, als einige Flintenschüsse aus nahem Gebüsch zu unserer Rechten uns aufschreckten; die Kugeln schlugen zwischen und um uns nieder, Steinsplittern über uns ausschüttend. Im nächsten Augenblick ertönte eine zweite stärkere Salve gegenüber, und dicht umschwirrten uns die Geschosse, während eins der Maulthiere verwundet zusammenstürzte. Hunderte von Christinos erschienen mit wildem Geschrei auf dem nur durch eine unbedeutende Schlucht von uns getrennten Berge und suchten raschen Laufes uns abzuschneiden. Die Gefahr war dringend. Ich sprang vom Pferde, welches auf dem steilen Felswege nur langsam vorwärts konnte, und schrie den Führern zu, das Gepäck zu ergreifen und zu fliehen; sie aber standen zitternd und riefen mit der Stimme des Entsetzens: „por Dios, misericordia!“ Nur der brave Bauer zagte nicht. Er und Marco ergriffen die ihnen bezeichneten Effecten, während ich des Letzteren Gewehr nahm und abfeuerte, worauf wir, Pferde, Maulthiere und Führer zurücklassend, den Berg hinauf flogen, weithin von den Kugeln der Feinde verfolgt.
Nach halbstündigem, furchtbar erschöpfendem Laufe, bei dem wir fortwährend die Gewehre der Christinos blitzen sahen und ihr Geschrei zur Rechten und zur Linken hörten, barg uns der Bauer in einer Waldung auf einem isolirten Berggipfel, an dessen Fuße seine Masada lag. Er eilte dann davon, uns Wasser zu bringen, da wir vom glühendsten Durste verzehrt wurden, und Nachrichten über die feindlichen Truppen einzuziehen. Auf Alles gefaßt lud ich das Gewehr; vertheidigungslos wollte ich uns nicht schlachten lassen.
Schrecklich war meine Lage, aber zu meiner Freude fühlte ich mich vollkommen ruhig und besonnen; nachdem ich auf der Charte der Provinz, die ich wenige Tage vorher von Madrid erhalten, mich orientirt hatte, gedachte ich der Heimath und so vieler Lieben in ihr, und mancher glückliche Tag, der mit ihnen mir geworden, schwebte wieder dem Geiste vor.[121] Wenn sie sähen, wie ich jetzt hülflos von drohender Gefahr rings umgeben bin! Da lag ich, den treuen Marco neben mir, unter einem dichten Busche versteckt, jeden Augenblick das Furchtbarste, die Entdeckung, fürchtend, und Marco, so ganz kindlich wie immer, fragte leise: „nos mataran, Señor?“ — werden sie uns todtschießen? — „Noch haben sie uns nicht“ war der einzige Trost, den ich dem Armen bieten konnte.
Weit unter uns aber sahen wir nach allen Seiten hin Haufen von Christinos die Thäler und Schluchten durchziehen, häufig auch einzelne Höhen ersteigen und forschend umherspähen. Bald wandte sich auch eine Schaar nach unserer Masada, und plötzlich funkelten auf einem nahen Felsberge uns gegenüber Waffen und Uniformen, daß wir, den Blicken ganz bloßgestellt, auf dem Bauche uns fortschiebend hinter einen andern, mehr sichernden Busch uns verstecken mußten. Da ward nicht fern von uns ein Rascheln im Holze hörbar — war es unser Bauer oder nahten die suchenden Feinde, uns zu verderben? Ich griff zum Gewehre und richtete mich halb auf, den Hahn spannend. Marco schlummerte sanft — wozu ihn wecken: wir hatten ja nur eine Waffe! Näher und näher kam das Geräusch, bald rechts, bald links schweifend; das gierig horchende Ohr faßte jeden Laut auf, während die Augen starr auf das Gebüsch geheftet waren, welches schon sich bewegte. Ein Hündchen sprang hinter ihm hervor, und eine weibliche Gestalt folgte demselben, ihre Freude ausdrückend, daß sie endlich uns gefunden habe.
Das Weib unsers Retters brachte den ersehnten Labetrunk, so wie einfache, aber willkommene Speise. Sie berichtete, daß die Negros, welche von Cañete, das die Besatzung geräumt habe, ausgezogen seien, überall nach mir suchten, weil sie glaubten, der fortgebrachte Mantelsack müsse Geld enthalten. Auch in ihrer Hütte wären sie gewesen und hätten ihrem Manne, den sie sofort erkannt, mit wilden Drohungen hart zugesetzt; er hätte sie aber auf eine falsche Fährte gebracht. — Rasch verließ sie uns, keinen Verdacht zu erregen, und ließ mich in neue, peinliche Unruhe versenkt: Cañete war geräumt! Da seufzte ich wohl schwer unter den mannigfachen Gefühlen, welche die Nachricht in mir erregen mußte. Und dann unser Bauer. — Von seiner Redlichkeit hing unser Leben ab.
Endlich brach die Dunkelheit an. Jede Stunde war zur Ewigkeit geworden, da wir mit Ungeduld die schirmende Nacht herbeiwünschten, von Minute zu Minute wieder zur Sonne blickend und mit Sorge den Raum messend, den sie noch zu durchlaufen hatte. Bald erschien auch unser Retter, mit einem Ausrufe der Freude begrüßt. Er bestätigte die Aussagen seines Weibes: die Garnison von Cañete hatte während der Nacht, da sie die Nachricht von dem Abmarsche der Division unter Palacios erhalten, die Festung geräumt, als das Belagerungscorps nur eine Stunde entfernt war. Sie sah sich von den eigenen Gefährten verlassen, geopfert, Hülfe war nicht möglich, und die Vertheidigung der Stadt, während sie der Sache nicht nutzte, mußte unabwendbares Verderben über die Truppen bringen. So hielt es Oberst Gil für Pflicht, sie wo möglich zu retten, keinen Falls aber ganz ohne ferneren Zweck sie der Vernichtung preis zu geben. Daher warf er sich in das Gebirge und schlug den Weg nach Beteta ein, um mit der dortigen Besatzung sich zu vereinigen und gleichfalls der Gränze zuzueilen.
Die Truppen der Feinde, die von Cañete entsendet waren, um etwaige Versprengte und Flüchtlinge aufzufangen, waren beim Anbruche der Nacht der Sicherheit wegen dorthin zurückgekehrt, so daß nun das Terrain frei war.
Ich verhehlte mir nicht, wie wenig ich zu hoffen hatte: die Marschrichtung der Garnison ließ mir gar keine Aussicht, mich ihr anzuschließen, so daß Tod oder Gefangenschaft unvermeidlich wurde. Während der Nacht zog ich dem höheren Gebirge zu, in welchem ich am folgenden Morgen viele zerstreute Soldaten von dem Rekruten-Bataillone antraf. Sie sagten aus, daß die Colonne von Cuenca unter Balboa am Nachmittage der Garnison entgegengekommen sei, sie bei Tragacete geworfen und zum Theil auseinander gesprengt habe; der Rest, kaum 800 Mann, hatte sich den Quellen der Flüsse zugewandt. So suchte ich denn möglichst rasch dorthin zurückzukehren. Mein wackerer Marco folgte mir überall willig, aber jeder Versuch, auch nur Einen der übrigen Soldaten, die augenscheinlich von panischem Schrecken ergriffen waren, zum Umkehren zu bewegen, war fruchtlos; der Krieg war beendet, sie zogen ihrer Heimath zu.
Da traf ich einige Officiere, dann dichte Haufen Freiwilliger von allen Waffengattungen, endlich selbst einen Theil meiner Sappeurs, eiligen Schrittes und mit finsterem Antlitze durch die Thäler sich zerstreuend. Der niederschlagende, nur zu wahre Bericht Aller war derselbe: Oberst Gil hatte, da er vergeblich gestrebt, nach Frankreich sich Bahn zu brechen, und rings umstellt von feindlichen Colonnen, den nutzlosen Kampf aufgegeben. Er vereinigte seine Truppen und erklärte ihnen, daß sie, von den Gefährten verlassen und ganz isolirt in der Mitte der Christinos, im Widerstande keine Rettung hoffen durften; er entband sie daher ihrer Pflicht als Soldaten im Dienste des Königs und forderte sie auf, ein Jeder für die eigene Sicherheit zu sorgen und, so gut er könne, dem väterlichen Hause zuzueilen.
Oberst Gil mit mehreren der angesehensten Officiere war nach Cuenca gegangen, um dort dem Feinde sich zu ergeben, Brusco aber hatte sich auf Zaragoza gewendet, wo er als Fremder Paß nach Frankreich zu erlangen hoffte. Die übrigen Officiere hatten sich, wie die Soldaten, nach allen Seiten hin zerstreut.
So war denn Alles vorbei. — Blutenden Herzens zog ich nach Royuela, Marco’s Dorfe, und blieb dort noch einen Tag in dem Hause des Pfarrers versteckt, den ich von einem meiner Streifzüge her als redlichen Mann kannte. Der Bruder desselben überbrachte dem Gouverneur der feindlichen Festung Teruel ein Schreiben, in welchem ich mich bereit zeigte, die Waffen niederzulegen, wenn mir der Paß nach der Gränze zugestanden werde. Da ich unverzüglich vom Gouverneur die Antwort bekam, daß er Befehl habe, einen jeden Carlisten, der freiwillig die Waffen niederlege, nach seinem Geburtsorte zu entlassen, weshalb ich ohne Besorgniß kommen möge, den Paß zu empfangen, setzte ich mich am Morgen des 20. Juni nach Teruel in Marsch. Die Theilnahme, welche die Einwohner von el Albarracin und den übrigen Ortschaften, in denen ich früher an der Spitze meiner Truppen gewesen war, in so veränderter Lage mir bewiesen, mußte bei allem Schmerze, den die Erinnerung hervorrief, mir unendlich genugthuend sein; das rauhe, aber biedere Gebirgsvölkchen, gewohnt, nur Härte und erpressenden Eigennutz zu finden, hatte die Rücksicht anerkannt, die in der Ausübung der schweren Pflicht mich stets Schonung und Milde, wo sie erlaubt waren, gegen die Bedauernswerthen üben ließ.
Gegen Mittag lag die Festung vor mir. Bei eben dem Gartenhäuschen, bis zu welchem ich wenige Wochen vorher mit meinen Sappeurs vorgedrungen war, trennte ich mich nun nach herzlichem Abschiede von meinem treuen Marco, der bis dicht an die Stadt mich geleiten wollte.
Als ich wenige Minuten später das gewölbte Thor betrat, als ich den triumphirenden Feinden mich überlieferte, da schwand meine Kraft, ich fühlte mich niedergeschmettert, und nur der Gedanke, von den verhaßten Christinos umgeben zu sein, konnte mich stärken, um im Äußern Festigkeit und Ruhe zu zeigen, während die widerstreitendsten Empfindungen meine Brust durchwühlten. Es war ja Alles vorbei. Die ewig gerechte Sache, für die wir gestritten, deren Sieg das erhabene Ziel unseres Strebens und unserer Hoffnungen bildete, war der herrlichen Früchte so vieler Thaten, so vielen Blutes — vielleicht auf immer — beraubt; sie unterlag der Übermacht der usurpatorischen Revolution, welche sie so glorreich bekämpft und so oft mit dem Untergange bedroht hatte, unterlag, weil ein Elender sich fand, ein Verräther, der, niedrigen Leidenschaften zu genügen, das Heiligste für Gold hingab! — Das zerreißt das Herz und füllt den Busen mit Gluth des Hasses und der Rache, welche nie erlöscht.
Wenige Zeilen werden hinreichen, um eine Übersicht der Ereignisse zu geben, welche von der Eroberung Morella’s bis zu dem bald und ohne wichtigen Kampf erfolgenden Übertritt der Trümmer der carlistischen Heere auf französisches Gebiet erfolgten. Sie sind, da der Sieg entschieden war, von nur untergeordnetem Interesse, mögen aber der Vollständigkeit wegen kurz angeführt werden.
Palacios und Arévalo trafen schon am Tage nach meiner Trennung von ihnen, am 15. Juni, mit ihren sieben Bataillonen und neun Escadronen westlich von Medinaceli mit der Colonne des Generals Concha zusammen, der die Königinn Wittwe auf ihrer Reise nach Zaragoza escortirt hatte. Die Carlisten wurden, doch ohne auf ernsthaftes Gefecht sich einzulassen, geworfen und erlitten den schweren Verlust von 1400 Mann, welche von dem Nachtrabe abgeschnitten und gefangen wurden. Sie vereinigten sich darauf in den Pinares zwischen Soria und Burgos mit Valmaseda, welcher zwei starke Escadronen und 400 Mann Infanterie führte, und zogen dem Ebro zu, um durch Navarra die französische Gränze zu erreichen.
Sie überschritten jenen Fluß in Miranda de Ebro und durchzogen Alava, wurden aber, da sie das Volk in Navarra umsonst zum Aufstande zu bewegen suchten, am 25. Juni bei Tafalla nochmals ereilt und geschlagen. Valmaseda drang jedoch mit kaum 2000 Mann nach Frankreich durch; er betrat dieses Königreich am 28. im Departement des Basses Pyrenees und ward sofort als Gefangener nach dem Norden abgeführt. Palacios dagegen sah sich abgeschnitten und genöthigt, in Pamplona sich zu präsentiren, indem er erklärte, daß er die Waffen niederlegen und in feine Heimath sich zurückziehen wolle. Unter dem Vorwande, daß dieser Schritt zu spät gethan und durch die äußerste Nothwendigkeit erzwungen sei, wurde er als Kriegsgefangener behandelt.
Der Graf von Morella hatte den Ebro mit nicht ganz 5000 Mann Infanterie und etwa 400 Pferden passirt, da mehrere Bataillone von ihm abgeschnitten wurden, andere die Garnison von Morella bildeten, alle aber durch die wiederholten empfindlichen Verluste des Frühjahres sehr geschwächt waren. Wir sahen oben, wie der größte Theil der Cavallerie dem Brigadier Palacios sich anschloß. Er vereinigte sich alsbald mit den Divisionen von Catalonien, welche durch Königliche Ordre bald nach der Ermordung des Grafen von España gleichfalls seinen Befehlen untergeben waren. Auch sie hatten schon bedeutende Verluste erlitten und zählten nur noch 5000 Mann.
Der General wandte sich nach Berga, welches er auf den besten Vertheidungszustand zu bringen befahl, während er noch einmal einen Rest der alten Energie zeigte, da er die Mörder des heldenmüthigen de España nach der Strenge der Gesetze bestrafen ließ. Mehrere Theilnehmer der Schandthat wurden arretirt und sogleich erschossen; die meisten hatten sich auf die Nachricht seiner Annäherung durch die Flucht gerettet.
Espartero aber, so wie er Morella erobert hatte, führte zur Verfolgung der Carlisten den größten Theil seines Heeres über den Ebro und übernahm den Oberbefehl im Fürstenthum Catalonien. Er drängte rasch die schwachen, ihm entgegengestellten Truppen in die Gebirge von Hoch-Catalonien zurück, ohne irgendwo kräftigen Widerstand zu finden. Berga wurde nach leichten Scharmützeln eingeschlossen; es ergab sich, ehe noch die Belagerungs-Artillerie herangebracht war. Das Heer, fortwährend den Kampf vermeidend, zog sich auf dem Fuße verfolgt nach der Gränze zurück, welche seit dem Anfange des Julius täglich Flüchtlinge, Beamte, Priester, Weiber und Kinder überschritten, denen bald einzelne Officiere sich anschlossen. — Am 6. Juli führte Cabrera etwa 8000 Menschen von der Armee von Aragon, unter denen über 3000 Nichtcombattanten, auf das französische Gebiet, wo er arretirt und nach Paris mit Gensdarmen gebracht wurde. Die catalonischen Truppen, deren Anführer General Segarra zu den Feinden überging, zerstreuten sich größtentheils, der Rest folgte alsbald ihren Gefährten nach Frankreich, und die unbedeutenden Banden, welche hauptsächlich unter der Anführung des Generals Tristany noch einige Wochen lang die rauhen Schluchten der catalonischen Pyrenäen durchzogen, wurden ohne Mühe erdrückt und vernichtet.
Nach fast siebenjährigem Bürgerkriege, durch ihre Selbstsucht hervorgerufen, sahen die Männer der Revolution ihre Herrschaft über das verwüstete, mit dem Blute seiner besten Söhne getränkte Königreich befestigt. Sie zögerten nicht, den schmählich erkauften Triumph würdig zu benutzen. Maria Christina, so lange ihr Werkzeug, nun als überflüssig mit Hohn bei Seite geworfen, sollte das erste Opfer ihrer Umtriebe werden.
[121] Einige Zeilen, die ich dort in dem Verstecke in mein Tagebuch notirte, schließen nach kurzer Erzählung des Geschehenen mit den Worten: „Jetzt liege ich in einem Pinar verborgen, von glühendem Durste gequält. Mein treuer Bursche Marco Valero von Royuela hat mich nicht verlassen; er schläft an meiner Seite. — O Spanien! O meine Heimath!“