C. Besuch des böhmischen Erzgebirges und der angrenzenden Gebiete von Karlsbad aus.

Karlsbad.

Gasthöfe. Karlsbad besitzt zahlreiche, comfortabel eingerichtete Hôtels: Hôtel »goldenes Schild« mit den dazu gehörigen Gebäuden: »Erzherzog Stephan«, »zwei deutsche Monarchen« und »Gartenhaus«; »Hôtel Anger«, nahe dem Theater, Hôtel »zum österreichischen Hof« (Neue Wiese); »Hôtel Hannover« (Markt); »Hôtel drei Fasanen« und »Hôtel Erzherzog Karl« (Kirchengasse); »Hôtel Hopfenstock«, »Hôtel Loib« und »Rheinischer Hof« (Geweidiggasse); Gasthof »zum goldenen Schwan« (Kreuzgasse); »Hôtel Paradies«, »Hôtel Morgenstern« (Kaiserstrasse); Wiesingers »Hôtel National« (Gartenzeile); »Hôtel Donau« (Parkstrasse); »Hôtel baierischer Hof« (Egerstrasse); »Hôtel Lyon« (Bahnhofstrasse).

Restaurationen u. Speisehäuser. »Curhaus« (Quai), »Salle de Saxe« (Alte Wiese), »Restauration Pupp« (Pupp'scher Park), »Sanssouci« (am Kiesweg), »Blauer Stern« (Prager Gasse), »Römer«, »Stadt Leipzig« und »Rother Ochs« (Geweidiggasse), »am Rhein« (Andreasgasse), »Bellona« (Schlossplatz), »Schützenhaus«, »Friedrich-Wilhelmsthal« (hinter der alten Wiese), »Königshof« (Wiesenberg), »Liederhalle« (Schulgasse), »Elisium« (Panoramastrasse).

Caféhäuser (die beliebtesten): »Café Elefant« (auf der Alten Wiese), »Pupp's Café-Salon«, »Zur Stadt Hamburg« (Kreuzgasse), im »Panorama«.

Postamt am Markte. Telegraphenamt mit Nachtdienst (im Postgebäude).

Haupt-Zollamt (Egerstrasse).

Photographische Ansichten von Karlsbad und Umgebung in den Buchhandlungen von Hans Feller (Mitte der alten Wiese zur »Eiche«, und Mühlbadgasse zu »3 gold. Sterne«).

Zeitungslese-Salon im Curhause.

Directe Eisenbahn-Verbindungen mit dem ganzen Continente.

Karlsbad ist Station der Buschtiehrader Eisenbahn (Böhmische Nordwestbahn). Nach einer Reihe grösserer Städte verkehren ab Karlsbad directe Wagen.

Lohnfuhrwerke. Omnibusse: Vom Bahnhof in die Stadt 40 kr., Handgepäck frei. Droschken (Einspänner): Vom Bahnhof in die Stadt 1 fl. 20 kr., (50 Kilo Gepäck frei). Vor 6 Uhr Morgens u. nach 9 Uhr Abends sind die Taxen etwas höher. Für Lohnfuhrwerke besteht eine besondere behördlich genehmigte Taxordnung. Dieselbe ist abgedruckt im »Karlsbad im Portemonnaie.« Pr. 20 kr.

Omnibusfahrten (täglich) nach Pirkenhammer, Aich, Dallwitz u. »Giesshübler Sauerbrunn«.

PostverbindungnachPetschautäglich1mal
"Buchau"1"
"Bärringen"1"
"Neudek"2"

Privatwohnungen. Diese sind durchwegs mit Comfort eingerichtet. In Folge des in den letzten Jahren so grossartigen und noch fortschreitenden Ausbaues der Stadt herrscht in keiner Saison Wohnungsmangel.

Aemter. Bezirkshauptmannschaft (Neue Wiese, Nro. 578, II. Stock). Bezirksgericht (Neue Wiese, Nro. 578, I. Stock), Steuer- und Grundbuchs-Amt, Bürgermeisteramt (Stadthaus, Mühlbadgasse Nro. 20). Polizeiamt (Stadthaus, II. Stock, Nro. 4), Militär-Badehaus-Commando (Militär-Badehaus am Quai), Notariat (Mühlbadgasse z. »Samson«).

Beschreibung und Geschichte der Stadt. Die weltberühmte Curstadt Karlsbad, oder Kaiser-Karlsbad (Karlovy Vary, Thermae Carolinae), in älteren Urkunden auch Warmbad, liegt unter 50° 13´ 22´´ nördl. Breite, 30° 33´ 5´´ östl. Länge (östl. v. Ferro), 374·13 Meter über der Meeresfläche zu beiden Seiten des engen Tepelthales malerisch zwischen dem Hammerberge, dem Hirschenstein und dem Bernardsfelsen am linken, dem Tappen- (oder Laurenz-), Buchen- und Galgenberge, am rechten Ufer der Tepel, die sich unweit nördlich von der Stadt in die Eger ergiesst. Die Stadt erstreckt sich in fast ununterbrochener Häuserreihe von der Franz-Josef-(Eger-)Brücke bis zur protestantischen Kirche, einer Wegstrecke von etwa 1 Stunde. Die meisten Häuser sind 2, auch 4 Stockwerke hoch und fast durchwegs mit Hausschildern versehen. An vielen Stellen ist die Thalwand, an welche sich die Häuser der Hauptstrasse lehnen, so steil, dass die Giebel die Felsen berühren. Hie und da wurde der Granitfels hinweggesprengt, um Platz für die Häuser zu gewinnen. Ausserhalb der Hauptstrasse sind die Wohnungen einzeln oder in Gruppen auf den Absätzen und Terrassen der beiden Thalwände hingestreut und mit freundlichen Gärten und Anlagen umgeben; sie scheinen an den Wänden der Berge zu hängen. – Die schönsten Stadttheile sind: Die alte Wiese mit dem daranstossenden Goetheplatze und das Puppsche Etablissement, die Marienbader Strasse mit der damit zusammenhängenden neuen Wiese und dem Dr. Becherplatze, ferner der Marktplatz, der Schlossberg, die Parkstrasse und die Gartenzeile. – Alle Hauptstrassen haben sehr gute Trottoirs und ein grosser Theil der Stadt ist gepflastert. Von welcher Seite man auch die alte stolze Thermenstadt, von Natur und Kunst reichlich geschmückt, betrachten mag, immer gewährt sie mit ihren waldesgrünen Bergkuppen einen zaubervollen, köstlichen Anblick. – Karlsbad zählt bei 12.000 Einwohner mit 900 Häusern, Curfrequenz über 25.000 Personen im Jahre, wobei Passanten und Touristen nicht mitgerechnet sind. Da die Stadt ihren Weltruf den Mineralquellen zu verdanken hat, so wollen wir unsere Aufmerksamkeit in erster Reihe diesen segenspendenden Heilquellen zuwenden, die sowohl innerlich als auch äusserlich (als Bäder) angewendet werden. Karlsbad ist der Hauptrepräsentant der alkalisch-salinischen Mineralquellen. Das schwefelsaure Natron, kohlensaure Natron, Chlornatron und die hohe Temperatur sind die Hauptfactoren der therapeutischen Wirkung dieser Thermen. Die in Gebrauch stehenden Quellen differiren in der Temperatur von 73·3° C. bis 21·5° C. Es gibt daher heisse, warme und kühle Quellen. Ihr Wasser ist klar und farblos, ohne charakteristischen Geruch, von schwach salzigem Geschmack und wird sofort ohne Widerwillen oder Ekel getrunken. Die Bäder werden mit oder ohne Zusatz in den städtischen, mit allem Comfort eingerichteten Badehäusern verabreicht; daselbst finden sich auch Dampfbäder, kalte und warme Douchen (Mineraldouchen), Süsswasserbäder, ferner Moorbäder (der eisenreiche Franzensbader Moor aus dem eigenen Lager der Stadt), Eisenbäder aus der Karlsbader Eisenquelle, kohlensaure Wasser- und Gasbäder von dem sogenannten Sauerbrunn. Ziegenmolken werden an den Quellen verabreicht. – Die Mineralwässer sowie die Quellenproducte (Sprudelsalz, Sprudelpastillen und Sprudelseife) können bei allen Mineralwasser-Depôts des In- und Auslandes, in Karlsbad durch die Karlsbader Mineralwasser-Versendung »Löbel Schottländer« bezogen werden. Nach den Lehren der bedeutendsten Kliniker und den Erfahrungen der Karlsbader Aerzte sind folgende Krankheiten als Heilobjecte für Karlsbad anzusehen. Krankheiten des Magens: Chronischer Magenkatarrh, Kardialgie (Magenschmerz), Magengeschwür, Dyspepsie, Magenerweiterung; des Darmes: Chronischer Katarrh, chronische Diarrhöe, habituelle Stuhlverstopfung, Duodenalgeschwür, Hämorrhoiden; der Milz: Chronische Hyperämie, Milztumoren (nach Wechselfieber u. s. w., wie sie bei Bewohnern von Sumpfgegenden und der heissen Zone auftreten); der Leber: Hyperämie derselben, Fettleber, die heilbaren Formen des Icterus (Gelbsucht), Hypertrophie, beginnende Speckleber, Gallensteine; der Nieren und Harnorgane: Chronischer Katarrh derselben, Nieren- und Harnsand, Nieren- und Blasensteine (sehr gerühmt als Nachcur nach Blasenstein-Operationen), Albuminurie (wenn sie nicht die Folge von Krankheiten ist, welche den Gebrauch von Karlsbad contraindiciren); der Prostata: chronische Hyperämie in Folge venöser Stauungen im Unterleibe, Hypertrophie der Prostata, chronischer Katarrh der Gebärmutter, chronischer Uterusinfarct; Gicht: Skrophulose, Asthma, wenn es nicht durch organische Veränderungen in der Lunge oder im Herzen bedingt ist; Fettleibigkeit, Unterleibsplethora; Diabetes mellitus (Zuckerharnruhr). Alle jene Krankheiten, welche als Folge von Blutstockungen im Unterleibe auftreten (wenn diese nicht in Aftergebilden, Veränderungen des Gefäss-Apparates u. s. w. begründet sind), eignen sich in hervorragender Weise als Heilobjecte für Karlsbads Thermen, welche die Darmthätigkeit anregen und die Defäcation befördern. Diese Thermen wirken schmerz- und krampfstillend, sie vermehren die Alkalescenz des Blutes und sind daher säuretilgend; sie regen die Secretionen an (besonders die Gallensecretion und Harnausscheidung), sie üben Einfluss auf die Absorption der Fettgebilde.

Karlsbad hat 17 warme Mineralquellen, welche die Ausflüsse einer einzigen grossen Wassermasse sind und auf dem von der Stadt bedeckten Raume entspringen. 1. Der Sprudel, am rechten Ufer der Tepel, mitten in der Stadt, dem Marktplatze gegenüber, ist von allen Quellen die älteste, berühmteste, wirksamste und ergiebigste und zeichnet sich durch seine hohe Temperatur (58·2° R.) aus. »Er steigt in kurzen brausenden Stössen schäumend durch eine zwei Klafter lange und 5 Zoll breite hölzerne Röhre, welche unmittelbar in die Sprudelschale senkrecht eingelegt ist, aus dem in der Tiefe befindlichen grossen Reservoir von Thermalwasser einige Schuh hoch empor und fällt in ein weites Becken herab, von wo aus sein Wasser durch den unteren Sprudelraum theils in die Sprudelsalz-Erzeugungs-Anstalt, theils in die Badehäuser, theils in Rinnen in die Tepl abfliesst. Das abfliessende Sprudelwasser ist noch so heiss, dass Eier in demselben gesotten werden können. 1879 wurde eine neue, prachtvolle, in Eisen construirte Colonnade und Quellenhalle nach Plänen der Wiener Architekten Fellner und Hellmer vom Fürst Salm'schen Eisenwerke in Blansko mit einem Kostenaufwande von 240.000 fl. erbaut. Diese Colonnade repräsentirt einen in seiner Art einzig dastehenden Prachtbau, bei welchem sowohl geniale Construction, wie Anwendung bedeutender architektonischer Decoration bei Eisenbauten auf das Sprechendste zur Geltung kamen.« Diesem Gebäude schliesst sich das Sprudelbadehaus mit 26 Badelogen an. 2. Die Hygieensquelle (58·2° R.), in der Nähe des Sprudels. Im Pavillon dieser Quelle steht die Hygea-Statue, ein Werk des berühmten Bildhauers Fernkorn. 3. Der Sprudelsäuerling (25° R.) in der Nische der Sprudelhalle; die folgenden Quellen befinden sich am linken Teplufer, u. zw. 4. die Kaiser Karls IV. Quelle (34·7° R.); 5. der Marktbrunn, beide am Marktplatze; der Reihe nach stromabwärts folgen: 6. der Mühlbrunn, am Ende der Mühlbadgasse, wurde neu überbaut und mit der im J. 1876 (nach dem Plane von Prof. Zitek aus Prag) vollendeten griechischen Säulenhalle, der sog. neuen Mühlbrunnencolonnade verbunden. Dieselbe ist ein monumentaler Prachtbau, aus Stein gehauen, und kostete 680.000 fl. 7. Der Neubrunn (49·3° R.), 8. Der Bernardsbrunn, 9. die Elisabethquelle (35·5° R.), 10. die Felsenquelle, am Fusse des Bernhardsfelsens (47·6° R.), 11. der Curhausbrunn (52·2° R.), vor dem Curhaus, 12. die Dr. Hochbergerquelle (32·50° R.) im Militärbadehause, 13. der Kaiserbrunn (39·3° R.) im Militärbadehause, 14. die Spitalquelle (28° R.) hinter dem Fremdenspital, 15. der Theresienbrunn (48·3° R.) oberhalb der Colonnade, hat seinen Namen von der grossen Kaiserin Maria Theresia; rechts davon das Körner-Denkmal; 16. der Schlossbrunn (44·6° R.) am Schlossberg, 17. die Quelle zur russischen Krone (28° R.) am Schlossplatz, ist nicht kunstgemäss gefasst.

Sind auch die Heilquellen die Haupteinnahmsquellen der Bewohner Karlsbads, so betreiben letztere auch Industrie, die wegen ihrer Eigenthümlichkeit »Karlsbader Industrie« genannt wird. Zu dieser gehört die Erzeugung mannigfacher Gegenstände aus Stahl in Verbindung mit Sprudelstein, so namentlich: Federmesser, Vorstecknadeln, Portmonnais, Cigarrentaschen, Briefbeschwerer u. s. w.; doch werden die Sprudelsteine auch zu selbstständigen Gegenständen verarbeitet. Weitere Industriezweige sind: die Nadlerei, die Dosenerzeugung aus Papiermaché, die Zinngiesserei, die Galanterietischlerei und neuestens die Fabrication von Blumenbouquets.

Sehenswürdigkeiten. Kirchen und Andachtsstätten: Die St. Magdalenenkirche oder Dechanteikirche (auf dem Kirchenplatz) wurde von dem böhmischen Baumeister Dienzenhofer in den Jahren 1732–1736 auf Kosten des Kreuzherren-Ordens und mittelst einer Schenkung Kaiser Karls VI. von 1000 Ducaten an Stelle der schon seit 1485 bestandenen alten Kirche erbaut. Sie besitzt zwei schöne Altarbilder (Maria Magdalena und Christus am Kreuz) und eine Orgel mit 28 Registern. – Die Kirche zum hl. Andreas (in der Andreasgasse) mit einem werthvollen, dem berühmten Leonardo da Vinci zugeschriebenen Altarbild, darstellend den hl. Andreas. Auf dem bei dieser Kirche befindlichen Gottesacker stehen mehrere denkwürdige Grabsteine, von denen wir das Grabmal des um Karlsbad hochverdienten Dr. David Becher (geb. zu Karlsbad 1705, gest. 1792) und das des Musikers und Componisten Wolfgang Amadeus Mozart (gest. am 30. Juli 1844), des zweiten Sohnes unseres unsterblichen Mozart, hervorheben. – Die Marienkapelle (hinter der alten Wiese am Waldessaum), errichtet 1700 vom Grafen Sternberg. – Die protestantische Kirche und das griechische Bethaus (in der Marienbader Strasse). Die anglikanische Kirche (am Ende der Schlossbergstrasse). Die neue Synagoge (in der Parkstrasse) in schönem maurisch-romanischen Style gebaut. Der Bau derselben begann 1876 und wurde 1878 nach dem vom Baurathe Wolf aus Stuttgart gefertigten Plane vollendet.

Oeffentliche Gebäude: Stadthaus, bis vor kurzem Mühlbadgebäude genannt (in der Mühlbadgasse). Das älteste städtische Gebäude ist wohl der hoch über den Häusern des Marktplatzes emporragende Stadtthurm, welcher um 1608 auf den Trümmern des alten, durch Kaiser Karl IV. erbauten Jagdschlosses errichtet worden ist. Das Bezirksamtsgebäude, das Post- und Telegraphenamt, das Hauptzollamtsgebäude (wurden schon an anderen Stellen erwähnt). Das Theater (an der neuen Wiese). Die Volksschule (in der Schulgasse). Die zweite Volksschule (an der Egerstrasse). Die Bürgerschule (am Schillerplatze). Die Sprudelcolonnade und die Mühlbrunnencolonnade (wurden bereits an anderer Stelle erwähnt). Die Marktbrunnhalle. Die Trinkhalle am Schlossbrunnen. Das grossartige Curhaus mit 75 Badelogen, 8 Moor-, 3 Voll-, 2 russischen Dampf- und 2 Douchebädern. Das 1880 dem Curhause gegenüber erbaute Neubad. Das Militär-Badehaus (am Quai) mit sehenswerther Kapelle und sehenswerthem Speisesaale. Erstere enthält sehr schöne Freskomalereien von dem bekannten Historienmaler Kandler und ein Crucifix mit zwei betenden Engeln aus carrarischem Marmor von dem Bildhauer Wenzel Lewy in Rom; im Speisesaal ziehen das Bildniss Sr. k. k. apostol. Majestät Franz Josef I., ferner ein grosses Oelgemälde von Kandler, die Entdeckung Karlsbads vorstellend, dann schöne, auf Oesterreichs Heer sich beziehende Fresken unsere Aufmerksamkeit auf sich. Das Fremden-Hospital (am Quai).

»Die früheste Geschichte der Stadt Karlsbad liegt grossentheils im Dunkel. Aelter als alle Geschichte überhaupt sind die heissen Quellen selbst. Sie haben vor undenklichen Zeiten durch den Kalksinter, den sie noch jetzt fortwährend absetzen, den Grund und Boden, die sog. Sprudelschale, gebaut, auf welcher nachmals die Stadt gegründet worden ist, und über welche zum Theil die Tepel hinfliesst. Ehe dieses steinerne Gewölbe entstand, vermischte sich das heisse Wasser der Quellen mit den Fluthen der Tepel und theilte dieser, sowie der Eger, in die sie ausfliesst, einen hohen Wärmegrad mit.«

Der uralten Sage nach wurde der Sprudel durch Kaiser Karl IV. auf einer Hirschjagd entdeckt. Die Sage berichtet, dass der Kaiser mit seinem Gefolge einst in den damals dicht bewaldeten Bergen gejagt und einen Hirschen verfolgt habe. Dieser sei von dem später durch den Namen »Hirschensprung oder Hirschenstein« verewigten Felsen in das Thal hinabgesprungen, wohin ihm einer der Jagdhunde folgte, der sich im heissen Quellwasser die Füsse verbrannt, durch sein Geheul die Jäger herbeigelockt und dadurch die Entdeckung des Sprudels veranlasst haben soll. Der Kaiser selbst soll dann das Wasser auf Anordnung seines Leibarztes P. Bayer gegen ein Uebel an seinem Fusse gebraucht und 1364 eine Stadt am Fusse des Berges und ein Schloss am Abhange des Hirschensteines erbaut und dadurch die Entstehung des Ortes Karlsbad herbeigeführt haben. Jedoch sprechen ausser allgemeinen Gründen und Beweisen auch urkundliche und historisch beglaubigte Zeugnisse dafür, dass der Curort im XIII. Jahrhundert schon bestand und wahrscheinlich zu Ende des XII. oder zum Beginn des XIII. Jahrhunderts durch eine Colonie der Bewohner aus der nächsten Umgebung gegründet worden ist. Schon im IX. Jahrhundert war die Umgegend bewohnt, und hatten namentlich die Markgrafen von Vohburg das benachbarte Stein-Elbogen gegründet. Da der Dampf der Quellen, besonders bei kalter Witterung, weithin sichtbar ist, so mussten diese schon damals bekannt gewesen sein. Auf einer zu Anfang des XIII. Jahrhunderts von dem Geschichtsforscher Gelasius Dobner entworfenen Landkarte von Böhmen findet sich genau an der Stelle des heutigen Karlsbad der Ort Wary vor, welche czechische Benennung so viel wie »Warmbad« bedeutet, unter welchem Namen Karlsbad noch im Mittelalter vielfach selbst urkundlich genannt wird.

Den schlagendsten Beweis aber, dass Karlsbad mindestens ein Jahrhundert vor Kaiser Karl IV. in seinen ersten Anfängen schon existiert haben muss, liefert König Johann's Privilegium oder vielmehr Breve testatum vom Jahre 1325, mittelst welchem König Johann, der Vater Karl's IV., Warmbad (Karlsbad) mit dem nahen Dorfe Thiergarten belehnt. Kaiser Karl IV. ist sonach weder der Entdecker noch der Begründer, sondern der Mäcenas von Karlsbad, der daselbst wiederholt sich aufhielt. Er erhob mittelst Privileg vom 14. August 1370 aus Nürnberg Warmbad zur Stadt, verlieh ihr den Namen Karlsbad und dieselben Freiheiten und Rechte wie den Bürgern von Elbogen. Karlsbad nahm durch Karl IV., seinen grössten Wohlthäter, einen höheren Aufschwung als Kurort. 1401 verlieh König Wenzel IV. der Stadt noch das Asylrecht. Im Jahre 1434 wurde durch Kaiser Sigmund die Herrschaft Elbogen nebst dem dazu gehörigen Karlsbad an den Grafen Caspar Schlick und von den Erben des Letzteren das Schloss »Warry« an den Ritter Polacky verpfändet; doch mussten in Folge ausgebrochener Streitigkeiten die Schlicke dem Ritter Polacky sein Pfandrecht auf das Schloss »Warry« wieder ablösen. Als sich Graf Hieronymus Schlick die verpfändeten Güter 1547 an Kaiser Ferdinand I. zurückzugeben genöthigt sah, kam auch Karlsbad wieder an die Krone Böhmens zurück. Später wurde die Stadt wieder verpfändet.

Das erste schriftliche Zeugnis über die grosse Heilkraft dieser Thermen liefert der Dichter Bohuslav von Lobkowitz in seiner schönen lateinischen Ode: In thermas Caroli IV., die er vor dem Jahre 1510 verfasste. Bis zum Jahre 1520 hat man die Karlsbader Quellen nur zu Bädern benützt. Um diese Zeit führte man auf Anrathen des Dr. Payer, der i. J. 1522 die erste medicinische Abhandlung über Karlsbad erscheinen liess, auch die Trink-Kuren ein. Die erste richtige physikalisch-chemische Untersuchung der Karlsbader Mineral-Quellen wurde durch den berühmten Dr. David Becher i. J. 1766 angestellt. Obgleich die Stadt von mancherlei Unglücksfällen betroffen wurde – wir nennen blos die grosse Überschwemmung i. J. 1582 und die schreckliche Feuersbrunst am 13. August 1604, wodurch die Stadt bis auf drei Häuser zerstört wurde – so steigerte sich ihr Wohlstand derartig, dass sie benachbarte Herrschaften kaufen konnte. Im Jahre 1554 wurden die Bewohner von Karlsbad lutherisch und blieben es, bis der letzte Pastor Johann Rebhun am 24. August 1628 mit allen Einwohnern, welche nicht zur katholischen Lehre zurückkehren wollten, die Stadt verlassen musste. Der unheilvolle dreissigjährige Krieg verschonte auch Karlsbad nicht, das viel durch Einquartierungen, Brandschatzungen u. dgl. zu leiden hatte. Erwähnenswerth ist, dass Kaiser Josef I. i. J. 1707 Karlsbad zu einer königlichen freien Stadt erhob, und dass Kaiser Karl VI. bei seinem Aufenthalte in der Stadt 1732 der Bürgerschaft 15.000 fl. Quartiergeld und 1000 Ducaten zum Baue einer neuen Kirche schenkte. Trotz aller Drangsale, die Karlsbad seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts theils durch Ueberschwemmungen (1735, 1784, 1806, 1821, 1867, 1870, 1872 und 1876), theils durch Kriegsereignisse (1741 und 1742, 1757 und 1762, 1809 und 1813, 1866), theils durch Sprudelausbrüche (1713, 1727, 1824, 1832, 1834, 1835, 1838, 1845, 1855, 1856 und 1878), theils durch Brände (1759) betroffen, blühte die Stadt durch immer grössere Frequenz, sowie durch treffliche Einrichtungen und Entdeckungen zu einem weltberühmten Heilbade empor. Karlsbad war noch im Jahre 1650 ein kleines Landstädtchen mit Holzhäusern und Riegelwandgebäuden; erst seit dem Jahre 1827 zeigte sich das Streben, die Stadt zu verschönern. Wahrhaft Grossartiges geschah in dieser Beziehung in den letzten Jahren; denn Karlsbad ist jetzt eine Stadt von Palästen. Es ist, wie Dr. Eduard Hlawaček, der überaus verdienstvolle Schriftsteller über Karlsbad, ganz zutreffend bemerkt, gegenwärtig sowohl in Betreff seiner Trink- und Badeanstalten, als auch der Wohngebäude, öffentlichen Promenaden und Belustigungslocale unstreitig einer der grössten und comfortabelsten Trink- und Badeorte, und sein Ruf als Heilort ist nicht bloss ein europäischer, sondern ein fast über die bekannte Erde verbreiteter. Karlsbad wird daher oft die Königin der Curorte genannt, eine Benennung, die es nicht bloss wegen der Ausdehnung der Stadt, der grossen Frequenz, besonders auch wegen der Schönheit und Mannigfaltigkeit der Umgebungen, vor allem aber wegen der unbestrittenen grossen Heilkraft seiner Quellen und des imposanten Naturschauspieles seines heissen Sprudels wohl mit Recht verdient! – Es ist das »Nobelbad« par excellence; als solches zählte es von jeher unter seinen Curgästen nicht nur gekrönte Häupter, sondern auch Minister und Feldherren, Dichter, Künstler und Gelehrte oder sonst wie hervorragende Persönlichkeiten. Wir nennen nur: Czar Peter den Grossen, Kaiser Karl VI., Kaiser Josef II., Kaiserin Maria Ludovika, Kaiser Franz I. von Oesterreich mit seiner Tochter, Königin Maria Louise von Frankreich, König Friedrich Wilhelm III., König Wilhelm von Preussen, jetzigen Kaiser von Deutschland, das Kaiserpaar von Brasilien; Bohuslaw von Lobkowitz, Ferdinand, Erzherzog von Oesterreich mit seiner Gemahlin, der »schönen Welserin«; Albrecht von Waldstein, Prinz Eugen, Laudon, Fürst Karl Schwarzenberg und Fürst Blücher; Gellert, Herder, Goethe, Schiller, Theodor Körner; Beethoven, den Violinvirtuosen Polledro; Fürst Metternich. – (Aus neuer und neuester Zeit) Laube, Geibel, Auerbach, Ad. Stifter, K. E. Ebert, Fr. Halm, Erzbischof Pyrker, David Strauss; Fürst Bismarck und Moltke. Mit Recht sagt der Schriftsteller Anton August Naaff: »In und um Karlsbad ist fast jedes Fleckchen Erde historisch, und selten hat die politische, die Cultur- und Personalgeschichte an einem anderen Orte so viele und grosse Merkzeichen ihres Waltens eingeschrieben, wie bei Karlsbad. Auf Schritt und Tritt stossen wir auf die Spuren eines grossen Namens der berühmtesten Männer ihrer Zeit.«

Karlsbad ist der Geburtsort folgender hervorragender Männer:

Fabian Summer, Dr. der Medicin. Dr. David Becher, Karlsbader Hippokrates genannt. (Schon erwähnt.) Leopold Stöhr, geb. den 22. Mai 1769, gest. am 26. März 1834 als Dechant zu Karlsbad, verdient mit vollem Rechte den Namen des »Historiographen« von Karlsbad. Franz Pittrof, geb. 1738 und starb als Grossmeister des Kreuzherrenordens zu Prag. Der Thiermaler Peter, geb. 1745, gest. 1829 zu Rom. Der Musikdirector Josef Labitzky. Der Orientalist Dr. August Pfitzmeier, geb. 16. März 1808. Dr. Eduard Hlawaczek (gest. 1880). Dr. Anton Bermann (gest. 1878). Dr. Franz Damm (gest. 1870) u. a. m.

Spaziergänge:

Die Umgebung von Karlsbad, eine wahrhaft romantische, paradiesische Gebirgsgegend, besitzt zahlreiche, vortrefflich angelegte Spaziergänge mit schönen abwechslungsvollen Aussichtspunkten, geschmackvollen Monumenten, Gedächtniss- und Ruheplätzen und gleicht einem prachtvollen, im grossartigen Style angelegten englischen Parke.

1. Die *alte Wiese mit dem Marktplatze. Den Marktplatz zum Ausgangspunkte nehmend, gehen wir auf der alten Wiese entweder im Schatten der Kastanienbäume auf dem schönen, glasbedeckten Steinfusssteige vor den Boutiquen, oder an der Häuserreihe auf ebenfalls sehr gutem Steinfusssteige bis zur Allee hinter dem böhmischen Saale auf und ab. Dieser Spaziergang gewährt unstreitig die meiste, abwechslungsvollste Unterhaltung. Zu beiden Seiten viele Kaufläden mit den verschiedensten Artikeln aus der Heimat und fremden, fernen Ländern; weshalb dieser Stadttheil den vollberechtigten Namen »Bazar von Karlsbad« verdient. Ueberdies versammelt sich hier das Publikum zweimal des Tages (Vormittags nach dem Brunn, Abends zwischen 6 und 9 Uhr) und spielt das Labitzky'sche Musikchor öffentlich in der Woche: Sonntag, Dienstag und Donnerstag Nachmittags von 4 bis 6 Uhr auf dem Platze vor dem Pupp'schen (früher böhmischen Saal genannt) und Mittwoch und Freitag (im Hochsommer) Abends von ½8 bis 9 Uhr auf dem Götheplatze vor dem sächsischen Saale die herrlichsten Weisen. Die Wiese kann also in dieser Beziehung auch »der Salon von Karlsbad« genannt werden.

2. Zum *Posthof (½ St.), Freundschaftssaal (¾ St.) und Kaiserpark. Dies ist der angenehmste, daher auch der besuchteste Spaziergang, weil er ohne Steigung auszuführen ist und prachtvolle Landschaftsbilder bietet. Am Ende der alten Wiese wandelt man, Pupp's grossartiges Etablissement rechts lassend, in die Pupp'sche Allee, der sich der sehr belebte Kiesweg anschliesst. Dieser erstreckt sich bis zur Karlsbrücke und ist rechts von Felswänden, die mit Inschriften bedeckt sind, begrenzt. Ueber einer Felsengrotte erhebt sich der Rasumovska-Sitz, links dicht am jenseitigen Ufer bemerkt man einen Wasserthurm; eine kurze Strecke weiter gelangt man rechts auf einer kleinen Erhöhung zu einem mit einem Eisentisch und Eisenbänken ausgestatteten Plätzchen, dem Fürst Rohan-Sitz. Gleich daneben der Kaiserin-Sitz, dem Andenken der Kaiserin Maria Ludovika (1810) gewidmet. Nicht weit davon gelangt man zur Restauration »Sanssouci«. Wir schreiten weiter und sehen auf einem Felsvorsprunge den Paulinen-Sitz. Von hier Anblick in das enge Teplthal. Die Karlsbrücke links lassend, wandeln wir eine kleine Viertelstunde weit und langen am Posthofe, einer Restauration mit schönen Gartenanlagen an, wo Montag und Freitag Nachmittags von 4–6 Uhr das Labitzky'sche Orchester spielt. Vom Posthofe aus führt etwas bergan eine Obstallee zum Fürst Schwarzenberg-Denkmal, einem, dem berühmten Sieger bei Leipzig errichteten Obelisk. Weiter die Fahrstrasse entlang wandernd, zeigt sich links die sogen. Plobenbrücke, nach dem Plobenberg führend, rechts die Antonsruh und dann der sehr beliebte Freundschaftssaal (Restauration und Café). Davon in geringer Entfernung liegt der Sitz der Freude. Wir gehen über den Steg an das jenseitige Flussufer und gelangen, die Strasse verfolgend, nach ¼ Stunde zu der herrlich gelegenen und elegant eingerichteten Café-Restauration, welche Kaiserpark heisst.

3. Nach dem *Hirschensprung. Vom Markte aus gelangt man einige Schritte hinter dem Schlossbrunn links über einige Stufen in die Hirschensprunggasse. Am Ende der Häuser führt neben dem Hause »Zur Zufriedenheit« der Weg. An der zweiten Krümmung sind drei Wege: rechts der Jubiläumsweg, der zu dem einsamen Plätzchen: »Himmel auf Erden« führt, der mittlere leitet uns zur Gemse, weiter zu Mayers Gloriett; links steigen wir in einigen Windungen auf den Bergrücken des Hirschensprunges, dessen äusserste Spitze mit einem Kreuze geziert ist. Hier wunderschöne Aussicht auf den grössten Theil der Stadt, den Helenenhof, die Prager Kunststrasse, den Dreikreuzberg, sowie auf das Erzgebirge und in's Egerthal. An der Rückseite des Felsens ist eine schwarze Marmorplatte eingemauert, auf welcher mit goldenen Buchstaben die Namen jener Notabilitäten prangen, die Karlsbad besucht haben. Oberhalb der Inschrift Peters des Grossen ist dessen Büste aufgestellt, gemeisselt und der Stadt geschenkt von dem Bildhauer Prof. Seidan aus Prag. Das Plätzchen vor der Marmortafel heisst auch Petershöhe. Etwas tiefer gewahren wir eine Steinpyramide mit einem Plätzchen, der Theresienhöhe.

4. Zum Findlaters- oder Mylords-Tempel. Ausgangspunkt wie in Nr. 3. Von der Hirschensprunggasse aus betreten wir den sog. neuen Weg hinter den Häusern der alten Wiese und kommen zu einem, mit einem Kreuze geschmückten Felsenvorsprung, der einen guten Ueberblick der alten Wiese bietet. Gleich daneben stehen an einer Felswand die Worte: »Plus être que paraître«; das Plätzchen heisst Mariannen-Ruhe. Der breite Fussweg rechts, der Buturlin-Weg genannt, führt uns im Walde bergan zur Hammerkapelle. Hier steht ein Wegweiser zur Orientirung. Wir betreten den nach dem Findlaters-Tempel zeigenden Arm und langen in wenigen Minuten daselbst an, wo wir in das Hammerthal auf die Anlagen des Kaiserparkes blicken. Von dem Tempel führt ein Weg in Windungen bergab unmittelbar zum Freundschaftssaal; wir können aber auch, um zur Stadt zurückzukehren, den geraden Weg fortsetzen und dann den Chotekschen Weg einschlagen.

5. Die Vieruhrpromenade. Am Ende des Kiesweges (siehe 2) wenden wir uns rechts und betreten genannte Promenade. Wir gelangen zu einem Plätzchen, dem Fürstinnenstein, dann nach ¼ Stunde zur sogen. Dichterbank; in nächster Nähe Theilung des Weges. Der rechte Arm leitet nach dem Findlaters-Tempel, der linke bergab zu der schönen, nahe an der Strasse gelegenen Stahls-Buche. Auf der Fahrstrasse zur Stadt zurück.

6. Zur *Freundschafts-Anhöhe und zum Friedrich Wilhelm-Platze. Den Schlossberg hinansteigend, verfolgt man die Hauptstrasse bis zum Jägerhause Kaiser Karl's IV. Vor dem Hause schlagen wir den links bergab leitenden Fussweg ein und kommen zur Findlaters-Pyramide mit schöner Aussicht in's Teplthal und nach dem Erzgebirge. Unterhalb dieser Pyramide ist das Helenen-Plätzchen. Auf dem weiter bergan führenden Weg langen wir in Schlangenwindungen bei der Freundschaftshöhe an, wo wir eine schöne Aussicht auf einen Theil der Stadt, das Egergebiet und das Erzgebirge geniessen. Weiter bergan erreicht man die Vogelhütte. Von der Freundschaftshöhe immer links bergab schreitend, erreichen wir den Friedrich Wilhelm-Platz, wo wir eine der schönsten Hauptansichten von Karlsbad haben. Abstieg in mehreren Wegschlingungen zur Marienkapelle.

7. Zum *Belvedere. Durch das Marien-Gässchen zum Friedrich Wilhelm-Platz steigen wir dann bergan, wenden uns auf dem Wege des Bergrückens rechts, gehen bei der Durchhaubank vorbei, nehmen stets die linke Wegrichtung und gelangen zum Katharinen-Plätzchen. Den Weg fortsetzend, schlagen wir bei der Wegkreuzung den Pfad links ein, der uns in einigen Minuten zum Belvedere führt, wo wir eine schöne Aussicht auf das Teplthal, den Freundschaftssaal und auf die Ruinen von Engelhaus geniessen. Ein schöner Waldweg leitet uns in vielen Krümmungen in ¼ Stunde zurück auf den Faulenzerweg und dieser führt auf die Marienbader Strasse.

8. Zur *Kaiser Franz-Josefs-Höhe. Den Weg der vorhergehenden Promenade einschlagend, gelangen wir zur Marienkapelle; einige Schritte weiter geht rechts bergan ein Weg, der sich theilt; wir wählen den linken Arm und kommen zu einer merkwürdigen, interessanten Vegetationserscheinung, der sog. Buchen- und Tannenehe. (Durch den Stamm einer Tanne ist der Ast einer nahen Buche gewachsen.) Wir kehren zur Marienkapelle zurück, steigen von hier, uns immer links haltend, bergan und sehen die Hammerkapelle, wo wir links einem bequemen Weg folgen, der uns aufwärts auf den höchsten Punkt des Hammerberges führt. Dieser Platz, der zu Ehren des Kaisers von Oesterreich Franz Josefs-Höhe genannt wurde, ist mit einem schönen Gloriett geschmückt und gewährt unstreitig die prachtvollste und mannigfaltigste Aussicht in der ganzen Karlsbader Umgegend; denn man blickt in ein nach Hammer reichendes, mit bewaldeten Bergen begrenztes Thal, geniesst einen Ueberblick über den grössten Theil der Stadt und sieht das ferne Erzgebirge. Abstieg auf der anderen Seite des Hammerberges; wir verfolgen den Pfad zum Findlaters-Tempel, von wo wir bereits bekannte Wege betreten können, oder wenden uns zuerst nach links, dann wieder nach rechts und erreichen den Parnassfels. Von hier gelangen wir rechts zum Sommertheater, zur Wanderersäule und zur Restauration Sanssouci.

9. Zum *Aberg (1½ St.). Beginn der Promenade über den Schlossberg oder durch das Mariengässchen nach dem Friedrich Wilhelm-Platz und dem Katharinen-Plätzchen (siehe 7). Wir schlagen bei der Wegkreuzung den rechts zum Bilde führenden Weg ein, wandeln geradeaus etwa ¼ Stunde weiter und erreichen den Aberg mit einem Thurme, der eine der schönsten Rundansichten bietet (über die Karlsbader Berge, das Erzgebirge mit Sonnenwirbel, Engelhaus, Maria-Kulm und viele Ortschaften der Umgebung). Von hier führt ein Fussweg in ¼ St. zur Ziegelhütte herab. Wir setzen den Weg fort, bemerken eine Kapelle, hinter der sich (etwa 40 Schritte) die Ruinen der Kirche des ehemaligen Dorfes Thiergarten befinden, dessen Bewohner wahrscheinlich die ersten Ansiedler von Karlsbad waren. Wir kommen dann zu einer Fichte (mit »Echo« markirt), wo ein 4- bis 5-silbiges Echo zu vernehmen ist, endlich zum Jägerhaus Kaiser Karls IV.

10. Nach dem Russelsitz. Wir betreten den 9. beschriebenen Rückweg zur Stadt und wandern an der Kegelbahn beim Kaiser Karl's IV. Jägerhaus vorbei in den Wald, oder wir wählen den Weg nach der Restauration »Klein-Versailles«, gehen auf dem linken Fusswege am Waldessaume, betreten dann den links leitenden Waldweg, kommen zu einer Lichtung und erreichen von da links aufwärts in circa 18 Minuten den Russelsitz mit schöner Aussicht auf das Erzgebirge. Von diesem Plätzchen uns links wendend, kommen wir in ¼ Stunde auf den schon bekannten Abergweg.

11. Zum *Maria-Sophienweg, weissen Kreuze und Schützenpark oder zum Kreuz im Walde (Rohankreuz). Ueber den Schlossberg oder durch die Parkstrasse hinter dem Militärbadehause auf den Weg nach: Klein-Versailles. Diese Restauration rechts lassend, schreiten wir links am Waldsaume fort, gehen durch Wiesengründe, betreten den rechts in den Wald biegenden Maria-Sophienweg und kommen in einigen Minuten zum sog. weissen Kreuze, einer Felsengruppe mit einem Kreuze, von wo eine schöne Aussicht sich erschliesst. Den Weg fortsetzend, verfolgen wir eine kurze Strecke einen Waldfahrweg, schlagen hierauf zuerst eine linke, dann eine rechte Richtung ein und bemerken plötzlich eine prachtvolle Scenerie: das schöne, weite Egerthal. Vom Bergrücken absteigend, gelangen wir auf die Bahnhofstrasse und promeniren, diese überschreitend, auf dem Allee-Wege, der zum Schützenparke führt. Durch die Gartenzeile treten wir den Rückweg zur Stadt an. – Lenken wir auf dem »vom weissen Kreuze« betretenen Fahrweg nach rechts ab, so kommen wir, nach kurzer Strecke uns wieder links abwendend, zu dem Kreuz im Walde oder zur Fürst Rohan's Höhe, wo wir eine herrliche Aussicht geniessen. Dieselbe Strecke ist auch rückwärts zurückzulegen.

12. Zur *Stephanshöhe, zum Panorama, zur Villa Lützow, zur Statue Karl's IV. und nach dem Bellevue-Tempel. Vom Kirchenplatze aus durch die Schulgasse erreichen wir nach sanftem Aufstieg bald die Stephanshöhe, so genannt zu Ehren des Erzherzogs Stephan. Schöne Aussicht auf den grössten Theil der Stadt. Auf dem Fusswege links kommen wir zum Panorama, einem sehr besuchten Restaurations- und Belustigungsorte mit prachtvoller Aussicht auf die Stadt. Vor demselben ist die Villa Lützow. Dieser gegenüber erhebt sich im Stadtgarten eine Säule mit der Statue Kaiser Karl's IV., errichtet zur 500jährigen Feier der Gründung von Karlsbad (Sept. 1858). Vom Panorama aus wandern wir eine Strecke auf der Prager Strasse und schlagen dann den Weg rechts ein, der zur Restauration »Waldschloss« führt. Von hier aus gehen wir oberhalb der Strasse im Walde nach dem Bellevue-Tempel, der einen wunderschönen Anblick namentlich beim Sonnenuntergang gewährt.

13. Zur *Camera obscura, zum Dreikreuzberg und zur König Otto's Höhe. Ausgangspuncte: die Schulgasse über das Panorama, oder die Andreasgasse, oder die Eger- und dann Prager Strasse. Der links bergan meist durch Buchenwald leitende Weg bringt uns nach etwa ½ Stunde zur Camera obscura, von wo wir eine herrliche Aussicht auf das Egerthal und die Stadt haben. Weiter hinauf führt der Weg in 5 Minuten zum Dreikreuzberg. Derselbe ist zweifelsohne nebst der Franz Josef's Höhe der herrlichste Aussichtspunct von Karlsbad. Vor uns liegt die Stadt mit ihren Palästen, zur rechten breitet sich das flurenreiche, mit blühenden Ortschaften dicht besäete Egerthal aus, durchzogen von dem Silberbande der Eger; im Hintergründe zeigen sich die Anfänge des Fichtelgebirges und die schlanken Thürme von Maria Kulm; seitwärts ragt der Gebirgswall des waldgekrönten Erzgebirges empor! Fürwahr ein zaubervolles Bild, das sich dem Auge hier entrollt! Durch den Wald weiter bergan erreichen wir die König Otto's-Höhe mit gleichfalls überaus herrlicher Rundaussicht.

14. Zu *dem Dorotheentempel, Böhmischen Sitz, Wiener Sitz, Helenenhof und zur Laurenz-Kapelle. Ausgangspunct: die Marienbader Strasse. Unweit der protestantischen Kirche befindet sich eine steile Felswand mit Inschriften. Wir schreiten etwa 15 Schritte vorwärts, drehen uns um und geniessen den Anblick einer wirklich malerischen Landschaft; wie denn diese Gegend, die Dorotheenau, schöne Landschaftsbilder darbietet. Den von der Karlsbrücke aufwärts führenden Weg wählend, kommen wir zum Dorotheentempel, von da weiter links bergan steigend zum Böhmischen Sitz. Von hier aus steigt der Weg immer höher am Berge hinauf und theilt sich oben; links führt er zur Laurenzkapelle, rechts bis zur Anhöhe hinauf zum Wiener Sitz, wo wir eine wunderschöne Rundansicht in's Teplthal und auf's Erzgebirge geniessen. Von diesem Aussichtspuncte sehen wir einen spitzigen, sesselförmigen Granitblock, Deutschlandsfels genannt. Unterhalb vom Wiener Sitz führt eine Allee zum Helenenhof mit Gartenanlagen. Die Helenenstrasse führt rechts auf die Prager Kunststrasse, links bei der Laurenzkapelle vorbei in die Stadt hinab.

15. Zu *dem Säuerling, dem Schweizerhofe, nach Schönbrunn und dem Schwindelweg. Dieselbe Strecke wie 14. bis zum Dorotheentempel, von hier rechts zu dem Säuerling; vor diesem geht ein Weg bergauf zu der freundlichen Café-Restauration »Schweizerhof«. In linker Richtung vom Säuerling bergab kommen wir zu der stark besuchten Café-Restauration »Park Schönbrunn«. Von da führt am Bergeshange in den Wald ein Weg, Schwindelweg genannt, der treffliche Waldpartien bietet. Rückweg über die Plobenbrücke auf die Marienbader Strasse.

16. Zu *den Friederikenfelsen und zum Bergwirthshaus. Von Schönbrunn (siehe 15.) auf ungebahntem Wege aufwärts kletternd, kommen wir zu Granitfelsen, »Friederikenfelsen« genannt. Bequemer kommen wir zu denselben, wenn wir den nach dem Schweizerhofe leitenden Weg betreten, bis in die Nähe der Stadt Lemberg steigen, wo ein gebahnter Weg zu den Friederikenfelsen führt. Von da wieder nach demselben Weg aufsteigend, gehen wir gerade aus fort bis zur Chaussée, welche bis zum Bergwirthshause führt. Diese Kunststrasse ist ein Meisterstück der Baukunst (der Bau wurde 1809 vollendet) und bietet in Folge der schlangenförmigen Windungen die schönsten, überraschendsten Aussichtspuncte. Mit Recht sagt die Schriftstellerin Schopenhauer: »Wahrlich, es verlohnt sich der Mühe, alle Jahre nach Karlsbad zu reisen, einzig, um darin anzukommen!« Vom Bergwirthshause wählt man die kürzere alte Prager Strasse, welche rechts von der neuen sich am Bergrücken hinzieht. Der höchste Gipfel dieses Bergrückens heisst das ewige Leben und gewährt eine schöne Aussicht.

17. Ueber den Ploben zum Veitsberg. Wir gehen zum »Schwindelweg« (siehe 15.), biegen dann nach der ersten Wegabzweigung links zu einem Waldfahrweg ab, der in 1 Stunde bis zu dem höchsten Puncte des Bergrückens, dem Veitsberg, führt. Derselbe bietet eine herrliche Aussicht auf einen Theil der Stadt, den Hammerberg, Hirschensprung und Dreikreuzberg, auf Engelhaus, sowie in's Erzgebirge. Den Weg auf dem Bergrücken fortsetzend, betreten wir bergab einen Holzfahrweg, der zum Schwindelweg leitet.

Ausflüge:

Nach Dallwitz (¾ St. n. von Karlsbad). Wir spazieren auf der Egerstrasse nach dem Dorfe Drahwitz, wo wir bei der Ueberfuhr auf einem Kahne die Eger übersetzen, wandeln rechts den durch Wiesen führenden Fussweg fort und langen in einer Viertelstunde beim Dorfe Dallwitz an. – Sehenswürdigkeiten: Schloss, Porzellan- und Steingutfabrik der Riedl v. Riedenstein. Theodor Körner's Eichen (an dem westl. Eingange des Dorfes), deren stärkste 9·4 m. im Umfange hat und von 5 erwachsenen Personen kaum umspannt werden kann. Eine dieser fünf uralten berühmten Eichen ist vor zwei Jahren abgebrannt. Schon im dreissigjährigen Kriege erliess Kaiser Ferdinand III. zur Schonung der ehrwürdigen Bäume einen eigenen Befehl an die Soldaten. – Karl Egon Ebert's Linde.

Nach Zettlitz (¾ St.). Von der Schlackenwerther Strasse führt eine hinter dem Bahnhofe linksab gehende Strasse über die Zettlitzer Anhöhe, von wo sich eine schöne Rundaussicht eröffnet. Empfehlenswerth ist das Gasthaus »zum goldenen Engel«. Zettlitz selbst ist ein Dorf mit circa 40 Häusern und hat eine geräumige Pfarrkirche zur hl. Anna, die eine der ältesten Kirchen in der ganzen Gegend ist, denn sie wurde schon 1293 geweiht. Ehemals war Karlsbad nach Zettlitz eingepfarrt. Auf einem Seitenaltare der Kirche ist ein Gnadenbild, Maria Hilf, sehenswerth. In früheren Zeiten war Zettlitz ein stark besuchter Wallfahrtsort, gegenwärtig finden sich nur am Kirchenfeste (26. Juli) Processionen ein. In der Nähe des Ortes wird Porzellanerde gegraben. Zurück kann man über Fischern und von da an der Eger stromabwärts gehen.

Nach Fischern (¾ St. nordwestl. von Karlsbad). Dieses Dorf liegt am Rohlaubache, der sich hier in die Eger ergiesst und führt dahin ein sehr guter Fussweg über Wiesen hinter der Franz Josefs-Brücke links am Egerufer aufwärts. – Sehenswürdigkeiten: Grosse Porzellanfabrik (Karl Knoll), Kunstmühle und Dampfbrauerei.

Nach *Aich (1½ St. südwestl. von Karlsbad) nebst der Partie zum Hans Heiling-Felsen. Nach Aich verkehrt täglich zweimal ein Omnibus. (1. Abf. v. Angers Hotel auf der Neuen Wiese in Karlsbad 2 Uhr Nachm. Ank. in Aich 2¾ Uhr Nachm. Rückf. 5 Uhr Nachm. Ank. in Karlsbad 5¾ Uhr Nachm. – 2. Abf. v. Karlsbad 3½ Uhr Nachm. Ank. in Aich 4½ Uhr Nachm. Rückf. 7 Uhr Abends.) Dahin führen auch sehr angenehme Fusswege. a) Beim Jägerhause oder bei Klein-Versailles vorüber, schlagen wir den Fussweg rechts in den Wald ein. b) Von der Ziegelhütte aus: Hinter derselben geht der Weg zuerst im Walde, dann zwischen Feldern bergab. c) Hinter dem Mauthschranken auf der Strasse nach Aich biegt links ein gerader Weg ab, der am Waldessaume sich bis nach Aich fortzieht. Dieses Dorf zählt 100 Häuser. Sehenswürdigkeiten: Grossartige Porzellanfabrik des A. C. Anger. Schloss mit Restauration und Parkanlagen, auf einem steilen Felsen am rechten Egerufer sehr anmuthig gelegen, bietet eine hübsche Aussicht und zeigt Spuren von alter Bauart und ehemaliger Befestigung; es soll gleichzeitig mit dem Schlosse in Elbogen erbaut worden sein. – Von Aich eine halbe Stunde entfernt, erhebt sich in romantischer Lage am linken Ufer der Eger eine interessante, groteske Felsengruppe, Hans Heiling-Felsen genannt, in welcher die Phantasie des Volkes die versteinerten Gestalten eines Hochzeitszuges: das Brautpaar, den Mönch, die Gäste und Musikanten erblickt. Die betreffende Sage ist von Dichtern und Schriftstellern mehrfach behandelt worden. Dem Hans Heiling-Fels gegenüber liegt eine Sommer-Restauration.

Nach Pirkenhammer, gewöhnlich auch Hammer genannt. Es verkehren täglich mehrmals Omnibusse dahin. (Abf. vom Theaterplatz in Karlsbad um 1½, 2, 3 und 3½ Uhr Nachm. Abf. von Pirkenhammer von der Kaffee-Restauration des A. Leibold um 5½, 6, 6½ und 7 Uhr Abends.) Pirkenhammer liegt an der Karlsbad-Marienbader Strasse und rechts an der Tepl. Seine Einwohner sind grösstentheils Gewerbsleute; speciell die Kunsttischlerei hat hier einen hohen, vervollkommneten Aufschwung aufzuweisen, und verdient die Werkstatt des Kunsttischlers Günther mit ihren eleganten und soliden Erzeugnissen eine besondere Hervorhebung. Gasthäuser: »Zum Mühlengrunde« (am Beginn des Dorfes) und »Habsburg« (im Dorfe). Eine Viertelstunde weiter ist die bekannte Porzellanfabrik von Fischer & Mieg, in welcher die schönsten Fabrikate zum Kaufe anlocken. Unmittelbar hinter der Fabrik führt ein guter Fussweg zur Meczery-Höhe mit weiter Rundsicht.

Nach *Engelhaus, dem Schloss Giesshübel und dem Schömnitzstein. Auf der schönen Prager Strasse kommt man in zwei Stunden nach den imposanten Ruinen Engelhaus mit dem Marktflecken gleichen Namens. Die Trümmer dieser Burg, die man von den höheren Aussichtspunkten Karlsbads und des Erzgebirges erblickt, thronen auf einem kegelförmigen, aus Klingstein bestehenden 78 Klafter hohen Felsen, der aus dem umliegenden Plateau steil sich emporhebt. Mittelst einer hölzernen Leitertreppe erreichen wir den alten Fahrweg, der rechts zum ersten, noch erhaltenen Burgthore, und von da gerade aus zum zweiten Thore führt. Südlich vom ersten Thor schliessen sich die halbrunde Bastion und starke Ringmauern mit Schiessscharten an. Der ehemalige Zwinger, der sich bis zum zweiten thurmartigen Thore zog, ist jetzt offen und mit Rasen bewachsen. Dieses selbst war ein viereckiges Gebäude, zwei Stockwerke enthaltend, mit regelmässigen Fensteröffnungen und hat dem Zahne der Zeit ziemlich Widerstand geleistet. Der Burghof ist uneben und wird links von einer Ringmauer umgeben, an die sich östlich ein zwei Stockwerke hohes unförmliches Gebäude, die ehemalige Wohnung des Burgherrn, anschliesst. In seinem Innern sieht man noch Reste von Mauern und verfallene Keller. An der Südseite des Berges steht isolirt ein viereckiges, einstöckiges Gebäude mit unregelmässigen Fensterreihen, das vom Grafen Hermann Černin nach der Zertrümmerung der Burg im 17. Jahrhunderte erbaut worden ist. Aus den Fenstern dieses Gebäudes hat man eine weite, wunderschöne Rundsicht. Westlich schweift das spähende Auge in die Gegend von Falkenau, Elbogen, Schlaggenwald bis gegen Graslitz und das Egerland, nördlich auf das erzgebirgische Hochplateau mit seinen dichtbewaldeten Häuptern und wildromantischen Schluchten; durch das Egerthal den Blick gegen Klösterle werfend, sehen wir die Ruine Himmelstein.

Geschichtliches. Die Burg Engelhaus, welche zur Herrschaft Giesshübel gehört, wurde wahrscheinlich in der ersten Hälfte des XIII. Jahrhunderts von einem der Herren von Riesenburg erbaut, die ja die Orte Schlaggenwald, Schönfeld und Schlackenwerth gründeten und Petschau, Hartenstein, Buchau, Luditz und Ossegg besassen. Urkundlich erscheint 1326 Boršo von Riesenburg als Herr auf Engelsburg, 1434 verpfändete Kaiser Sigmund das Schloss Engelhaus nebst anderen Besitzungen seinem Kanzler Kaspar Schlick, der es bald den Herren von Plauen verkaufte. Im Jahre 1468 wurde Schloss Engelhaus von König Georg von Poděbrad belagert, erobert und zerstört, doch später durch die Herren von Plauen wieder aufgebaut. Der letzte dieses Geschlechtes war Heinrich von Plauen, nach dessen Tode Engelhaus an den Grafen Christof von Schlick kam. Als dessen Tochter Anna Karoline sich mit dem Freiherrn Kaspar Colonna von Fels vermählte, ging das Schloss 1575 in den Besitz dieses Geschlechtes über. Leonhard Colonna, Freiherr von Fels, betheiligte sich als Protestant an dem böhmischen Aufstand, seine Güter wurden 1621 eingezogen und Engelhaus mit Giesshübel an den Feldmarschall Hermann, Freiherrn (später Grafen) Černin von Chudenitz, verkauft. Im 30jährigen Kriege wurde das Schloss Engelhaus 1635 von den Schweden zerstört. Graf Hermann Černin liess zwar um die Hälfte des 17. Jahrhunderts wieder ein neues Gebäude mit einem Tanzsaale aufführen, doch brannte es im J. 1718 mit dem Marktflecken ab. Nach 1639 wurde als Hauptort der Herrschaft immer nur Giesshübel genannt. Diese kam später (1829) an die Ritter von Neuberg und neuestens an den Grafen Hermann von Černin.

Kurz vor Engelhaus lenkt von der Prager Strasse links ein Fussweg ab, den wir verfolgen; er führt uns zu dem Schömnitzstein, der aber ¼ Stunde jenseits von der Fahrstrasse liegt. Von dieser steilen, aus Porphyrschiefer bestehenden Felswand geniesst man eine wahrhaft entzückende Aussicht in's Egerthal und auf das Erzgebirge.

Zum Curort Giesshübel-Puchstein (Giesshübler Sauerbrunn), König Ottos Quelle genannt. Dahin verkehren täglich Omnibusse (Abf. v. Karlsbad vom Becherplatz 11 Uhr Vorm. und 1½ Uhr Nachm. Rückf. gegen Abend). Die Strasse führt durch die Dörfer: Drahwitz, Satteles, Schömnitz und Eichenhof und bietet schöne Waldpartien. Das Curhaus liegt anmuthig im Egerthale und ist von schönbewaldeten Berghängen eingeschlossen, durch die sich nach den verschiedensten Richtungen Spaziergänge mit herrlichen Aussichtspunkten ziehen. Die »Otto-Quelle«, im Jahre 1862 zu Ehren des Königs Otto von Griechenland so benannt, quillt circa 20 Klafter hoch am Rücken des Berges aus dem Granitfels hervor und ist von Parkanlagen, zwischen denen sich das Badehaus befindet, umgeben. Nach Dr. Eduard Hlawaček besitzt der Sauerbrunn einen sehr angenehmen, prickelnd säuerlichen Geschmack und gehört zu den alkalisch-erdigen Säuerlingen. Er besitzt viel Kohlensäure, übrigens nur wenig mineralische Bestandtheile und dient theils zu diätetischem Zwecke als vortreffliches, erfrischendes Getränk, und zwar mit oder ohne Zusatz von Zucker, etwas Himbeersaft oder von etwas weissem Wein und Zucker, wodurch man ein äusserst angenehmes, moussirendes Getränk erhält; – theils zu medicinischem Zwecke; als reizminderndes, den Aufsaugungsprocess belebendes, die Blutbereitung gelind verbesserndes Mittel, bei chronischen, reizlosen Brustleiden u. dgl. Unter dem Namen »Giesshübler« wird er jährlich in einer Anzahl von über drei Millionen Flaschen in die verschiedensten Länder der Welt versendet.[2]

[2] Siehe die ausgezeichnete medicinische Monographie über den Sauerbrunn von Med. Dr. Freiherr Josef von Löschner (Preis –.50 kr.) und »Album der König Otto-Quelle«.

Sein rasches Aufblühen verdankt der herrlich gelegene Curort seinem gegenwärtigen Besitzer, dem kais. Rath Heinrich Mattoni, der ihn zu einem Bade- und Molkencurort umgestaltet hat. Giesshübl-Puchstein ist mit vollstem Rechte ein sehr beliebter, fesselnder Anziehungspunct für Karlsbader Curgäste und Touristen.

Von genanntem Curorte kann man in sieben Viertelstunden eine genussreiche Fusspartie zur Station Welchau-Wickwitz machen. Der Weg leitet fast immer im Walde der Eger entlang an stattlichen Felsengruppen vorbei und berührt Rodisfort und Welchau.

Touren:
Karlsbad-Neudek.

Von Karlsbad führt die Kaiserstrasse über Fischern, Voigtsgrün, Neudek, Neuhammer, Hirschenstand nach Eibenstock in Sachsen und bildet einen Pass über das Erzgebirge. Wir machen unsere Tour bloss bis Neudek (3½ Stunden). Die weltberühmte Curstadt Karlsbad liegt bald im Rücken, und wir wandern, noch freudig erregt von den erhaltenen Eindrücken, unserem gesetzten Ziele zu. Wir gehen über die gewölbte, steinerne Tepl-Brücke der Bahnhofstrasse entlang zur eisernen Egerbrücke gegen Neufischern zu. Hier befindet sich der grossartige Bahnhof von Karlsbad. Weiter westlich wandernd, kommen wir nach Fischern. (Siehe Karlsbader Ausflüge 20.) Hier zweigt die eine Strasse westlich nach Elbogen-Falkenau-Eger und die andere nördlich nach Neudek ab. Wir wählen letztere und erreichen in ½ Stunde Altrohlau, welches Dorf eine Steingut- und Porzellanfabrik besitzt. In dieser Gegend sehen wir riesige Essen rauchen, denn wir schreiten durch das Gebiet reicher Kohlenlager und der Thonwaarenindustrie. Von Altrohlau nimmt die Gegend allmählig den Gebirgscharakter an; wir gehen auf der Strasse zwischen Feldern und Wiesen durch die Einschichte Taschen oder Taschenhäusel, dann weiter bei Sittmesgrün vorüber, Tüppelsgrün rechts liegen lassend, müssen gegen Voigtsgrün, das wir in 1 Stunde erreichen, allmählig bergan steigen und langen auf der Höhe beim Gasthause dieses Dorfes an, wo sich vor unseren Blicken eine reizende Aussicht eröffnet. Die Ortschaften liegen zu unseren Füssen wie hingesäet. Von da schreiten wir auf ebener Strasse dem rechts an derselben gelegenen Orte Giebacht zu, erblicken links das Rohlauthal mit dem am Bergeshange liegenden Dorfe Thierbach und kurz darauf den im Osten der Stadt Neudek sich erhebenden Kreuzberg.


Neudek.

Gasthöfe: Das Rathhaus. Gasthof zum Herrenhaus. Gasthof zur Post.

Post- u. Telegrafenamt.

PostverbindungnachPlattentäglich1mal.
"Hirschenstand""
"Heinrichsgrün""

Aemter: Bezirksgericht, Steuer- und Grundbuchsamt, Bürgermeisteramt, Sparkassa, Notariat, Finanzwachekommissariat.

Beschreibung und Geschichte der Stadt.

Neudek liegt an dem Flüsschen Rohla (Rohlau), das hier den Rodisbach, Schmelzbach und Limnitzbach aufnimmt, in einem Thale, welches im Osten von dem Kreuzberge, im Westen vom Hochtannenberge, im Norden vom Paulusberge und den Abhängen des Peintlberges und im Süden von mehreren Höhen begrenzt wird. Die Lage des Städtchens, das mehrere Gassen besitzt, ist sehr schön. Der Marktplatz ist lang und schmal. Der grösste Theil der 367 Häuser liegt am rechten Ufer der Rohlau, nur die Häuser der Karlsbader Gasse, das gräflich Asseburg'sche Schloss mit einigen anderen Gebäuden und noch ein kleiner Stadttheil, den man gewöhnlich »Winkel« nennt, erheben sich am linken Ufer dieses Baches.

Durch die Kaiserstrasse steht Neudek mit Karlsbad und durch Bezirksstrassen auch mit Elbogen und Heinrichsgrün und von Neuhammer aus durch eine solche mit Platten in Verbindung. Nach Karlsbad, Elbogen, Graslitz, Joachimsthal und Schlackenwerth rechnet man 4, nach Heinrichsgrün und Platten zwei Stunden. In neuester Zeit ist man im Baue einer Eisenbahn begriffen, welche Neudek mit der 2 Stunden entfernten Station Chodau, beziehungsweise mit der Buschtěhrader Eisenbahn verbindet.

Das sehr industrielle Neudek zählt ungefähr 4000 Einwohner, die sich hauptsächlich mit Industrie, Handel und Oekonomie beschäftigen. Ausser der Spitzen- und Handschuhfabrication wird hier besonders die Metallindustrie, und zwar die Eisenblechindustrie und die Löffelfabrication betrieben. Die Landwirthschaft erzeugt die gewöhnlichen Feldfrüchte, als Roggen, Hafer, Erdäpfel; an den sonnigen Abhängen auch etwas Weizen. Die Umgegend ist reichlich mit Waldungen versehen, die meist Eigenthum der Gräfin von der Asseburg sind.

Sehenswürdigkeiten: Wollspinnfabrik mit Wollwäscherei des Lahusen (beschäftigt gegen 450 Arbeiter). Spitzenfabrik des Karl Kunzmann (Filiale der Firma Gottschald u. Comp.). Spitzenfabrik des Adolf Ullmann. Stickerei des Franz Reitzner. Löffelschmiederei des J. F. Schneider. Blechlöffelerzeugung des Eduard Erhardt. Löffelschmiede des Karl Neudert.

Das grossartige Blechwalzwerk (oberhalb Neudek an der Aerarialstrasse) mit der etwas entfernten Eisengiesserei, Eisendreherei und Blechverzinnerei beschäftigt gegen 500 Arbeiter. Dieses Etablissement ist Eigenthum der Gräfin Anna von der Asseburg, gegenwärtig an Petzold u. Comp. verpachtet. Holzschleiferei des Ignaz Fuchs (¾ Stunden von Neudek entfernt). Das Volksschulgebäude. Der sogenannte Thurmbergfels. Er besteht aus mehreren über einander liegenden Granitblöcken, von denen die zwei obersten über die unten an der Rohlau dahinführende Strasse hervorragen. Auf diesem Felsen erhebt sich der Glockenthurm; die Mauern desselben bilden ein vierseitiges Prisma, dessen vier Kanten von der Südseite aus zugleich bemerkt werden können, da der Grundriss die Form eines Trapezes hat.

Ueber die Entstehung Neudeks ist nichts Näheres bekannt, da durch den Brand des Rathhauses im Jahre 1731 alle Urkunden ein Raub der Flammen geworden sind. Jedenfalls wurde die Stadt schon im Mittelalter von Bergleuten gegründet, welche sich des Zinnbergbaues und des Zinnseifnens wegen in dieser Gegend zuerst niedergelassen haben. Die alte Zinnschmelzhütte, welche noch vor wenigen Jahren am linken Ufer der Rohlau im »Winkel« stand, aber wegen Baufälligkeit und aus Sanitätsrücksichten demolirt werden musste, soll das erste Gebäude in Neudek gewesen sein. Ueber die Entstehung des Namens Neudek erzählt die Sage Folgendes: Ein Jäger verirrte sich im Walde und kam auf den sog. Hochtannenberg (westl. von Neudek), stieg dort, um sich in der Gegend auszukennen, auf einen hohen Baum, nämlich auf eine hohe Tanne (wovon der Berg den Namen haben soll) und sah östlich im Thale ein Gebäude stehen, welches neu eingedeckt war, ging dann auf dasselbe zu und fand daselbst den noch bestehenden alten Thurm, neben dem ein Häuschen stand, in welchem ein Schmied wohnte, der den Namen Waldesel führte. Dieser Jäger soll nun dem Thurm sammt den anderen Gebäuden den Namen Neudeckt (gegenwärtig Neudek) deshalb gegeben haben, weil er durch die neue Dacheindeckung zur Auffindung dieser Gebäude gelangte.

Spaziergänge und Ausflüge:

1. Zum Kreuzberg. Derselbe erhebt sich im Osten der Stadt an dem Ufer der Rohlau. Auf dem Gipfel dieses Berges erhebt sich ein Kirchlein. Der Weg schlingt sich in mehreren Serpentinen um den westlichen und theilweise um den östlichen Abhang herum und ist ein sehr beliebter Spaziergang der Neudeker. Von hier aus erblickt man die in den südöstlich gelegenen Gegenden sich erhebenden Punkte nahe bis an die Gegend von Buchau (z. B. den Engelhäuser Berg). In der Nähe des Hauses Nr. 318 erblickt man in der Tiefe die Stadt Neudek in wunderhübscher Lage.

2. Zum *Peintlberg. Er erhebt sich nördlich von Neudek und ist ungefähr 970m hoch. Bei Besteigung desselben wird gewöhnlich der durch das Dorf Eibenberg (Sitts Gasthaus) führende Weg benützt, der ungefähr 1¼ Stunde beträgt. (Oberhalb der Stadt zweigt von der Strasse zwischen zwei Bierschänken ein Weg nach genanntem Orte ab.) Von diesem Dorfe geht der Weg steil aufwärts bis zu einem Walde, wo er dann in mehr ebener Richtung bis zum Berge hinführt, auf dessen Gipfel sich einige Felsen erheben, um welche grosse Steinmassen gelagert sind. Die Besteigung wird durch die herrlichste Fernsicht belohnt. (Triangulirungspyramide.) Nach Norden und Nordosten haben wir wohl nur geringe Aussicht, dafür ist sie lohnender in östlicher, südlicher und südwestlicher Richtung; denn wir erblicken den Keilberg und Spitzberg bei Gottesgab, viele Teiche in der Nähe von Schlackenwerth, Lichtenstadt und Chodau, die Curstadt Karlsbad, die Ruine Engelhaus, den sagenreichen Crudum, den Kaiserwald, die Städte Schönfeld und Schlaggenwald, den Böhmerwald mit dem Dillenberge, den St. Annaberg bei Eger. In der Nähe des Peintlberges werden wir auch durch ein schönes Echo, entstanden durch einen neuangelegten Holzschlag, überrascht.

3. Zur *Thierbacher Kapelle (½ St.). Gehen wir auf dem Wege gegen Thierbach zu, so gelangen wir eine kurze Strecke westlich von diesem Dorfe zu dieser Kapelle. Obwohl die Aussicht von hier nicht so weit ist als wie die vom Gipfel des Peintlberges, so ist sie doch eine herrliche zu nennen. Wir erblicken die Häuser von Giebacht, Hohenstollen, Allersloh, Eibenberg, zum Theile von Oberau und Hochofen; nach Osten zu sehen wir Fischern und Karlsbad, während in nördlicher Richtung der Peintl seine Kuppe mächtig emporhebt. Wunderschön, wie eine Krippe im grösseren Massstabe, liegen auf den grünen Wiesen und an den Bergabhängen die Häuser der zunächst gelegenen Ortschaften umher.

4. Zu den sogenannten Felshäusern (1½ St.). Wir gehen durch das Limnitzthal nach Ullersloh an Pecher's Restauration vorbei, von wo wir nach ¾stündiger Wanderung zu den sog. Felshäusern gelangen. Die Fernsicht von denselben ist eine lohnende, wenn auch nicht so grossartige, wie vom Peintlberg aus; doch bemerken wir die meisten Puncte, die wir von letztgenanntem Berge aus gewahren können. Die Felshäuser selbst sind gleichsam zwischen Felsgruppen eingebaut; ihr Aeusseres ist recht reinlich und mit Ranken von wildem Wein und anderen Schlingpflanzen geziert. Besonders schön ist von diesen Häusern aus die Aussicht auf die unten liegenden Gelände, welche sich gleichsam stufenartig gegen das Innere zu erniedrigen.

5. Zum *Kammersberg oder Hohenau (1¾ St.). Wir wandern von Neudek aus auf der Aerarialstrasse bis zu jener Stelle, wo sich hinter dem Dorfe Giebacht der Weg nach dem Dorfe Kammersgrün abzweigt. Derselbe führt in mehrfachen Krümmungen bis nahe zu dem letztgenannten Dorfe, das sich am Südabhange des Kammerberges und im Thale ausbreitet. Von diesem Berge gewahren wir bei heiterem Himmel Karlsbad und Elbogen, die Berge in der Umgegend von Buchau, einzelne Höhen um Duppau und die meisten Puncte, die wir vom Gipfel des Peintlberges gesehen. Die Kuppe des Kammerberges ist kahl und mit einer Orientirungshöhe versehen, die der Besitzer dieser Umgegend, Karl Stöhr, errichten liess.

6. Zum *Hochtannenberg oder Steinberg (¾ St. westlich von Neudek) und zum sog. Wächterhau. Zu demselben gelangen wir am bequemsten, wenn wir den nach Ober-Bernau leitenden Weg benutzen. Von der Kuppe dieses Berges erblicken wir nach Südost das Rohlauthal, Fischern und Karlsbad, weiterhin Engelhaus, Giesshübel, die Kirche von Pergles bei Buchau, nach Süden mehrere Dörfer zwischen Karlsbad und Elbogen, die Stadt Elbogen mit dem alten Schlosse, auch einzelne Hopfengärten in der Nähe von Falkenau. – Eine halbe Stunde westlich vom Hochtannenberge ist der sog. Wächterhau, auf welchem sich eine Orientirungshöhe befindet, von welcher wir bis in die Gegend um Duppau, Karlsbad, Elbogen bis Eger sehen können.

Tour Neudek-Neuhammer-Platten.

Dem reinlichen Städtchen Neudek Ade sagend, wandern wir auf der Reichsstrasse in mässiger Steigung weiter nördlich durch das reizende, sehr anziehende, tiefeingeschnittene Rolauthal. Zu beiden Seiten desselben erheben sich theils anmuthig bewaldete, theils waldlose, der Landwirthschaft zugängig gemachte Hügel- und Bergreihen mit gleichförmig ausgedehnten breiten Rücken und abgerundeten Kuppen. Zu unserer Rechten rauscht die Rohla. Dicht an Neudek erblicken wir rechts das »Schiesshaus«, einen beliebten Sommeraufenthalt für Einheimische und Fremde, links das grosse Eisenwerk (Siehe Sehenswürdigkeiten Neudek's). Nach kurzer Strecke sehen wir rechts ein »Gusseisenwerk« (Hochofen) (Siehe Sehenswürdigkeiten Neudek's), nach einer Biegung links das »Feigl'sche Einkehrhaus«. Gegenüber bemerken wir einzelne »Felsstücke«, die wie eine kleine Festung aus niederem Gebüsch hervorlugen. Beim »gemüthlichen Bergmann« (vulgo »beim Preussen«) zweigt am Fusse des sog. Preussenwaldes der Weg links nach Hochofen und Trinksaifen ab. In der Hauptstrasse weiter wandernd, kommen wir zur »Fuchs'schen Holzschleiferei« (Siehe Sehensw. N.); beim sog. »Hammerl« (Schmiede) überschreiten wir eine Brücke, welche die Grenzscheide zwischen Neudek, Hochofen und Neuhammer bildet. Von da biegt die Rohlau zu unserer Linken ab. An der herrsch. Bret- und Knochenmühle, dem Eiskeller vorbei erreichen wir »Hassmann's Gasthaus zur grünen Wiese«. Von da steigen wir westwärts auf den Fritzenberg, der eine schöne Aussicht über das Weichbild von Neuhammer bietet. Von letztgenanntem Gasthause benützen wir die Bezirksstrasse Neuhammer-Platten, welche sich durch das ganze Thal von Neuhammer, durch den sog. »Grund« zuerst am linken, dann am rechten Ufer des Weissbaches windet.

Das Dorf Neuhammer, 1 Stunde nördl. von Neudek, 1¼ St. südwestl. von Platten und 1 St. westl. von Bärringen, liegt auf mässig ansteigenden, einander gegenüberliegenden Bergen (Fritzenberg, Hofberg oder Eulenhof, Faunzberg, Fladererberg und oberen Neuhammer) und in den dazwischen liegenden Thälern (Rohla- und Weissbachthal) und zählt 210 Häuser mit 2200 Einwohnern, die sich von Spitzenklöppelei, Löffelfabrication, Handschuh-, Tüll- und Mullnähen, Viehzucht ernähren.

Geschichtliches. Wahrscheinlich hat Neuhammer mit der Entstehung des Bergbaues von Neudek und Umgebung gleichen Ursprung. Dass auch in Neuhammer der Bergbau betrieben wurde, beweisen die vielen Zechen- und Seifenhalden.

Weitere schöne Aussichten gewähren: der Hofberg (westl. von der Kirche), der Fladererberg, der Peintlberg (Siehe Ausflüge v. Neudek 2). (Eine Fernsicht in's flache Land ist uns auf der ganzen Partie Neudek-Neuhammer-Platten leider nicht gegönnt.)

Haben wir Altvater Peintl unseren Gruss zugewinkt, und das letzte Häuschen von Neuhammer im Rücken, so winken uns höhere Gebirgskuppen, und ernster Fichtenwald nimmt uns auf. Die Strasse windet sich in vielfach gebogenen Zickzacklinien etwas steiler durch den dunkeln Vierfels (rechts), den hochbewaldeten Kaiserbuchwald (links). Die Berge treten näher und näher heran, das sanfte Rauschen des zur Linken fliessenden, forellenreichen Weissbächleins gewährt eine interessante Unterbrechung der Waldeinsamkeit. Dort, wo sich die Strasse stark nach Rechts wendet, verlässt uns unser traute Begleiter und versteckt sich am Fusse des sich hinter uns erhebenden kahlen Berges »Kohlhau«, wo er sein Quellchen hat. Die Strasse wird etwas steiler, und die Höhe, vom Volksmunde »das Abg'span« genannt, ist erreicht, eine steinerne Säule markirt dieselbe. (Links zweigt ein Fussweg, der sog. Buttersteig, ab und führt nach Breitenbach und Johanngeorgenstadt.) Den Schlusstheil unserer Wanderung bildet das Zurücktreten des Waldes, an dessen Saume wir ein anmuthiges Forsthaus begrüssen; noch ein Viertelstündchen, und wir sind in Platten, dem Ziele unserer Wanderung.


Platten.

Gasthöfe: Waldhütter's Gasthaus (an der Ecke des Marktplatzes). Rathhaus.

Post- u. Telegrafenamt am Marktplatz.

PostverbindungnachJoachimsthaltäglich1mal.
"Neudek"1"
"Karlsbad"2"
"Johanngeorgenstadt"2"

Aemter: Bezirksgericht. Steueramt. Bürgermeisteramt (im städt. Rathhause).

Beschreibung und Geschichte der Stadt.

Die k. Bergstadt Platten liegt an der Südwestseite des Plattenberges auf dem Kamme des Gebirges, welches dicht nordwestlich an der Stadt allmählig nach der sächsischen Seite, im Süden aber mehr steil nach Böhmen abfällt. Die Stadt ist sehr regelmässig gebaut und zählt 2500 Einwohner, die Viehzucht, Blechlöffel- (aus Eisenblech und aus Stabeisen), Blechspiegel- und Blechfeuerzeuge-Fabrication, Spitzenklöppelei, Handschuhnäherei und Korkschneiderei betreiben. Nicht weniger als eine halbe Million Dutzend Löffel, und zwar beiläufig 30 verschiedene Sorten, werden von Grosshändlern in Platten und Neudek jährlich nach allen Richtungen versendet. Der Gesammtwerth der in Platten erzeugten Blechspiegel wird auf ungefähr 40.000 fl. geschätzt.

Sehenswürdigkeiten: Grosse Löffelfabrik von Kolb und Kerl. Die Stöpselfabrik des Vincenz Gerber. – Zu erwähnen ist der durch die Stadt fliessende sog. Stadtgraben, ein Bach, der nördlich von Gottesgab entspringt und schon in alter Zeit von der Stadtgemeinde durch die Waldungen zum Betrieb der Berg- und Pochwerke, Mühlen und Schmelzhütten hieher geleitet worden ist und noch immer erhalten wird.

Die Gegend um Platten gehörte im Mittelalter zu der damals böhmischen Herrschaft Schwarzenberg, welche aber König Georg von Poděbrad, als seine Tochter sich 1459 mit dem Herzog Albrecht von Sachsen vermählte, diesem als Mitgift gab. Herzog Albrecht verkaufte die Herrschaft an die Herren von Tessau, und von dieser Familie ging sie 1532 kaufweise an den Kurfürsten Johann Friedrich von Sachsen über. Ohne Zweifel wurde schon vor genanntem Jahre in dieser Gegend an mehreren Puncten, wie bei den jetzigen Ortschaften Irrgang, Zwittermühl, Breitenbach u. a., Bergbau auf Eisen und Zinn getrieben. Als 1532 auf dem Plattenberge »höfliche« (hoffnungsreiche) Zinngruben aufgefunden wurden, kamen immer mehr Bergleute aus der Umgegend, namentlich von Schneeberg, herbei, liessen sich hier nieder und gründeten Platten. Gleichzeitig fand die Gründung von Gottesgab statt. Der Bergbau machte in Platten bedeutende Fortschritte, viele neue Zechen wurden aufgenommen und auch einige Silbergänge erschürft: deshalb erliess der Kurfürst eine gedruckte Bergordnung und räumte der Bevölkerung die Befugnisse des Backens, Bierbräuens etc. ein. Im Jahre 1544 besass Platten bereits 8 Schmelzhütten und mehrere Eisengruben. Im schmalkaldischen Kriege hatte die churfürstliche Bergstadt, überhaupt die ganze Gegend bis an das Egerthal herab, viele Bedrängnisse zu erdulden. Christof von Gendorf zog im October 1546 mit zwei Fähnlein gegen Platten und erschreckte mit fünf grossen Stückbüchsen die dort befindliche sächsische Mannschaft so, dass sie die Flucht ergriff und die Stadt von kaiserlichen Truppen besetzt wurde. Aber im April 1547 kam die Stadt wieder in den Besitz des Kurfürsten Johann Georg von Sachsen. Derselbe wurde bekanntlich vom Kaiser Karl V. in die Reichsacht erklärt und verlor sein Land, welches sein Vetter Moriz, der sich mit dem Kaiser verbunden hatte, erhielt. Am 14. October 1546 schloss König Ferdinand von Böhmen mit dem Herzog Moriz von Sachsen einen Vertrag ab, kraft dessen die südliche Hälfte der Herrschaft Schwarzenberg mit Platten und Gottesgab sammt den Wäldern an Böhmen mit der Bedingung abgetreten wurde, dass dem Herzog die freie Jagd und der Genuss des Bergwerks-Zehnten blieb. Ein zweiter, im Jahre 1556 zu Schneeberg abgeschlossener Vertrag änderte erwähnten Vorbehalt dahin ab, dass der Zehnte zur Hälfte getheilt, aber auch der Gehalt der Beamten von jedem Theile zur Hälfte gezahlt werden sollte. Im Laufe der Zeit erhielt die Stadt von den Kaisern Ferdinand I., Maximilian II., Rudolf II., Mathias und Ferdinand III. mehrere Privilegien, hauptsächlich zur Förderung des Bergbaues. So verlieh K. Ferdinand I. am 30. Juli 1555 der Stadt neue Bergfreiheiten, gestattete den Einwohnern, aus abgetriebenen Waldstrecken Felder anzulegen, und ein Stadtwappen zu führen, das ausser dem österreichischen Schild und dem halben böhmischen Löwen eine Seifengabel und eine Keilhaue darstellte.

Die bis 1617 gemachten neuen Anstrengungen, den Bergbau zu heben, wurden durch den dreissigjährigen Krieg, der seine blutigen Wellen auch über die Bergrücken des Erzgebirges wälzte, unterbrochen. Und als 1653 diejenigen protestantischen Bewohner Platten's, welche nicht zum katholischen Glauben übertreten wollten, nach Sachsen auswanderten und auf dem Fastenberge die Stadt Johanngeorgenstadt gründeten, ging der Bergbau dem gänzlichen Verfalle entgegen. Nur 1739 trat eine neue günstige Epoche ein. Der Grenzzoll-Einnehmer Hessler machte in diesem Jahre auf der Zinngrube St. Conrad einen überaus glücklichen Anbruch. Sie lieferte 1740 eine Ausbeute im Werthe von 200.000 fl., die sich später auf das Vierfache erhöhte. Ebenso glücklich war Hessler mit zwei Silberzechen, dem Gottholds-Stollen und am Rosenhof. Dieser reiche Bergsegen bildete leider nur eine Ausnahme.

Spaziergänge und Ausflüge.

1. Zum *Plattenberg, nach Auerhahnl (Irrgang). Eine gute Strasse führt in nordöstlicher Richtung über den Plattenberg (1038m), von dem man eine schöne Aussicht über Platten und Bärringen hat. Bei der auf der Höhe steigenden Säule zweigt sich links ein Waldweg ab, auf dem man zu einer Triangulirungspyramide kommt, von der man eine reizende Aussicht über einen Theil von Sachsen und Böhmen geniesst.

Zur Säule zurückkehrend, kommen wir auf schöner Strasse in stiller Waldeinsamkeit nach Irrgang, wo dem Spaziergänger das kleine, aber durch seine reinlichen Gastleute bekannte sog. Auerhahnl zu einem frischen Trunk und stärkenden Imbiss einladet. Links von diesem Gasthause sehen wir ein Eisenwerk (Hilfgotteseisenzeche). Rechts unterhalb dieses Eisenwerkes liegt das sog. Schneebergl, ein mit Jungholz bewaldeter Scheitel, wo sich mehrere Verritzungen, von altem Bergbau herrührend, finden, in deren Tiefe immerwährender Schnee sichtbar ist.

2. Zur Wolfs- und Eispinge. Bei der Kolb und Kerl'schen Löffelfabrik theilt sich der Fussweg. In nördlicher Richtung führt er bei dem aus den Zeiten des Bergbaues herrührenden Pulverthurme und der ehemaligen Papiermühle vorbei. In dem niederen Fichtenstande, in den der Weg eintritt, theilt er sich von neuem. Wir halten uns rechts und kommen zu der vom Steige rechts sich befindlichen Wolfspinge. Dieselbe ist ein alter Tagbau, der nun als riesiges Felsennest von der primitiven Abbauung der Erze vor dreihundert Jahren Zeugniss gibt; die Annalen erzählen, dass man darin centnerschwere Zinngraupen gefunden hat. Etwas nördlicher kommen wir, das Augenmerk ängstlich auf unsere Füsse richtend, zur sog. Eispinge. Risse und Spalten in die Erde, die der Fuss zu überschreiten vermag, und die mit Gestrüpp überwachsen sind, verhindern den Zutritt des Sonnenlichtes in die gähnende Schlucht, in welcher ewiges Eis in mächtigen Stalagmiten, die Wände emporstrebend, sich befindet. Bemerkt sei, dass es auf dem Plattenberg ausser den beiden genannten Zeugen alten Bergbaues noch andere offene Stollen und Höhlen gibt (bei Irrgang die Schneepinge).

3. Nach *Ziegenschacht (1 St.). Von der oben genannten Löffelfabrik betreten wir links den Wiesensteig. Zur Rechten und Linken breiten sich im schönsten Farbenschmucke prangende Wiesen aus. Wir gehen gegen Norden und kommen nach kurzer Strecke in eine Fichtenjugend, in welcher zwei Waldwege führen, die sich aber wieder vereinigen. Hat man die abgeholzte Richtung erreicht, so hält man sich links. Der Weg führt wieder in einen Fichtenbestand hinein, aus dem er erst in Ziegenschacht heraustritt. Die schöne Waldeinsamkeit, der duftige Harzgeruch und brennende Meiler machen diesen Spaziergang zu dem angenehmsten in Plattens Umgebung. Gasthaus im Ziegenschacht.

Tour Karlsbad-Lichtenstadt-Bärringen.

Die vom Bahnhofe aus nach Schlackenwerth führende Aerarialstrasse verfolgend, betreten wir die auf der sog. Weheditzer-Zettlitzer Höhe links sich abzweigende und durch den Ort Ottowitz führende Bezirksstrasse, die sich zwischen gutbebauten und ergiebigen Fluren dahinzieht, deren Inneres auch reiche Kohlenlager birgt. Man geniesst eine hübsche Aussicht nach Zettlitz, Altrohlau. An der sog. Widitzmühle, dem Widitzhofe und einigen Häusern der Gemeinde Halmgrün vorbei leitet die Strasse durch einen grossherzoglich Toskanischen Fichten- und Föhrenwald und bringt uns nach 1¾stündiger Tour in das Dorf Grossenteich (liegt 1 St. sw. von Schlackenwerth) mit dem nördlich am Dorfe gelegenen, einem kleinen See gleichenden Grossteich von 110⅓ J. Area. Hier bietet sich ein schöne Rundsicht; man erblickt westlich die Dörfer Ruppelsgrün und Edersgrün, gegen Norden und Nordwesten das Erzgebirge mit dem Wölfling, gegen Osten und Süden das Duppauer Gebirge. Wir wandern auf der Strasse noch ¼ Stunde weiter und erreichen Lichtenstadt, wo sich uns gleichfalls eine gute Rundsicht erschliesst.


Lichtenstadt.

Gasthöfe: Zum Rathhaus. Zur Sonne.

Postamt. Bürgermeisteramt (im städt. Rathhaus).

Sehenswürdigkeiten: Eisengiesserei-Fabrik des Heinrich Reichel (5 Minuten oberhalb der Stadt). Lichtenstadt gehörte i. J. 1217 dem Wladik Hroznada, welcher es dem von ihm gegründeten Stifte Tepl vermachte. Diese Schenkung bestätigte Karl IV. am 3. Mai 1350 und ertheilte zugleich die Erlaubniss, in dem an Lichtenstadt anliegenden Walde oder auf anderen, dem Stifte gehörigen Gütern Mühlen und Eisenbergwerke anzulegen. Die Geistlichen zogen fleissige deutsche Ansiedler in die Gegend, welche in den öden Waldstrecken viele Ortschaften anlegten. Zur Zeit des Husitenkrieges kam das Gut an die königl. Kammer, bis Kaiser Sigmund 1437 es nebst anderen Besitzungen seinem Kanzler Kaspar Schlick zum Geschenk machte. In älterer Zeit wurde hier Bergbau auf Silber und Zinn betrieben, der aber im Husitenkrieg einging. Unter Kaiser Ferdinand I. erblühte der Bergbau von neuem, allein der 30jährige Krieg vernichtete ihn. In den Jahren 1770 und 1785 stellte man neue Bergbauversuche an, erzielte aber keine Erfolge.

Besteigung des *Wölfling. In der unmittelbaren Nähe von der Reichel'schen Fabrik erhebt sich rechts der sog. Hohenberg, an dessen Fusse der israelitische Friedhof gelegen ist; links »der ausgedehnte und hohe Glasberg, welcher mit seinen Abhängen bis an den Fuss des Gebirges (Erzgebirges) abdacht und sich als ausgebreitetes Gebirgsjoch von seiner sich steil erhebenden ansehnlichen Kuppe in nordwestlicher Richtung bis auf den Hauptkamm des Gebirges hinzieht. Der höchste Punct dieses Gebirgsjoches ist der Trausnitzberg, westlich von Salmthal. Durch die südlichen ausgedehnten Gipfel des Glasberges wird diese weiter nordwestlich liegende Kuppe, sowie der höhere Hauptkamm des Gebirges, verdeckt.« Einer der südlichen Gipfel heisst *Wölfling und gewährt wegen seiner frei vorspringenden Lage eine umfassende, prachtvolle Aussicht, wie sie nur wenige Puncte des Erzgebirges gewähren. Fast ausnahmslos in den bezüglichen Reise-Führern ignorirt, lässt sich auf dem Wölfling nur hie und da ein Tourist sehen. Wir können die Besteigung dieses Berges, obgleich die dahin führenden Wege manches zu wünschen übrig lassen, allen Erzgebirgstouristen auf das wärmste empfehlen. Wir besteigen in einer Stunde den Wölfling von Lichtenstadt aus, passiren den sog. »Kirchsteig«, der beim lichtenstädter Schiesshause seinen Anfang nimmt und durch die Waldung oberhalb des Dorfes Edersgrün führt. (Mit Wagen kommt man auf der Bezirksstrasse über Merkelsgrün, Salmthal in 1¼ St. nach Bärringen, von wo südlich der gewöhnliche Weg, das sog. »Bärringer Strass'l« durch die grossherzogliche Waldung in 1 Stunde nach Wölfling führt, oder man fährt auf der vor der Reichel'schen Fabrik abzweigenden, über Edersgrün, Tüppelsgrün bis Neudek leitenden Bezirksstrasse bloss bis Tüppelsgrün, von wo sich in nordwestlicher Richtung ein Waldweg nach Kammersgrün schlängelt; der nicht gar gute Verbindungsweg zieht sich in einer sanften Anhöhe nach Wölfling und kann ebenfalls in 1 Stunde zurückgelegt werden. Ist man am Gipfel des Berges angekommen, so sieht man das Forsthaus und noch ein einzelnes Haus. Beide bilden das »Vorder-Wölfling«. Von da bietet sich dem Beschauer ein wahrhaft entzückender und seltener Anblick von einem bunten Gemische von Waldungen, Feldern, Wiesen und Teichen, Städten und Dörfern, Bergen und Thälern, dass demselben, überwältigt von dem herrlichen, farbenprächtigen Bilde, unwillkürlich ein »Ach« entfällt. Lässt man das Auge gegen den Fuss des Berges schweifen, so erblickt man südlich und südwestlich an dem Abhange kleine Vorberge und Thäler, welche reizend aussehen; namentlich nimmt sich das Dorf Tüppelsgrün, am Tüppelsgrüner Bache gelegen, sehr schön aus. Verfolgt man die Ebene südöstlich, so sieht man viele Ortschaften, darunter Schlackenwerth, die Gegend von Buchau, Giesshübl, die Ruine Engelhaus; südlich die Gebirgskette von Tepl, die Stadt Karlsbad mit ihren Ausflugsorten, z. B. Bahnhof, Waldschloss, Dreikreuzberg, Hirschensprung und Antonienshöhe, ferner Donitz, Fischern, Dallwitz, Aich, Altrohlau, Zettlitz u. a., den Grossteich und mehrere kleinere, zu Tüppelsgrün gehörige Teiche (Wiesenteich, Haideteich); südwestlich Neurohlau mit seinem grossen Teich, Chodau mit mehreren umliegenden Ortschaften, Elbogen, Altsattel, Neusattel, Falkenau und Umgebung, Maria-Kulm, die Gegend von Eger und Franzensbad. Ueberdies wird die lachende, herrliche Landschaft – das Egerthal – von dem Silberbande der Eger durchzogen. Einen unvergleichlich schönen, köstlichen Anblick geniesst man hier kurz vor Sonnenuntergang durch das Blitzen der vielen Teichspiegel, das Brennen der Fabriks-Essen von Dallwitz, Aich, Fischern, Altrohlau und Chodau. Von Wölfling gelangt man in nordwestlicher Richtung zu dem sog. »Hohen Hau« (zu Kammersgrün gehörig), woselbst ein Gloriett errichtet ist zur besseren Aussicht auf das Egerland. – Die Strasse, welche sich nördlich am rechten Ufer des forellenreichen Wistritzbaches zwischen Wiesen im reizend schönen, romantischen Wistritzthale dahinzieht, führt nach ½stündiger Wanderung durch das Dorf Merkelsgrün, welches am Wistritzbache gelegen, rechts von Feldern, links von Wiesen umgeben ist. Beim Wirthshause führt rechts von der Bezirksstrasse eine Strasse zur Porzellanfabrik. Wir schreiten auf der nun am linken Ufer des Wistritzbaches führenden Strasse entlang weiter und gelangen nach dem an Merkelsgrün unmittelbar sich anschliessenden Orte Salmthal, das 1 Stunde nw. von Lichtenstadt an den Thalgehängen des Glasberges und Plessberges liegt. (Holzschleifereien des Wilhelm Schreiter, Heinrich Kluge u. Comp. und Johann Geutner.) (Erwähnenswerth ist, dass hier hinter dem Gasthause »zum grünen Thal« durch ein enges Seitenthal, den sog. Modersgrund, ein guter Waldweg nach Abertham führt.) Weiter thalaufwärts steigend, kommen wir nach ½ Stunde in Bärringen an.


Bärringen.

Gasthöfe: Rathhaus und Stadt Leipzig.

Post- u. Telegrafenamt. Bürgermeisteramt.

Die Bergstadt Bärringen mit 2360 Einwohnern liegt hoch im Gebirge an der Schwarzen Wistritz. Die Haupterwerbsquellen sind Rindviehzucht, Stickerei und Spitzenklöppelei. Erwähnenswerth ist wohl hier die Gimpelzucht, die den Züchtern jährlich einige hundert Gulden abwirft. Die jungen Gimpel werden nämlich aus dem Neste genommen, zu Hause erzogen und gelehrt, indem man ihnen das einzuübende Liedchen bloss mit dem Munde rein und immer gleichmässig vorpfeift. In jüngster Zeit wurde hier durch Vermittelung des Herrn Ritters von Dotzauer auch die Harzer Kanarienvogelzucht eingeführt.

Sehenswürdigkeiten: Die grossen Stickerei-Etablissements von A. Meinls Erben, Gebrüder Pfob und J. T. Poppenberger.

Das Städtchen verdankt seinen Ursprung dem Bergbau, welcher hier 1532 begann. Der Sage nach soll ein Bär durch Scharren seines Lagers in der Gegend des sogenannten Schwarzen Teiches das Erz entblösst haben, und so die Lagerstätte von Zinnerz erschürft worden sein; darauf soll auch das Wappen des Städtchens deuten, welches einen Bären vorstellt, der einen Ring in der Pfote hält. In der grössten Blüthe war der Bergbau, der schon längst erloschen ist, unter der Regierung Kaiser Ferdinands I., denn nicht weniger als 72 Pochwerke waren damals hier in Betrieb. Im Jahre 1559 wurde Bärringen zur Stadt erhoben.

Tour: Karlsbad-Schlackenwerth-Joachimsthal.

Von Karlsbad gelangen wir, wenn wir die Tour auf der schönen Reichsstrasse machen, in 2 Stunden (zu Wagen in 1 Stunde) nach Schlackenwerth, oder wir fahren zu dieser Stadt pr. Buschtěhrader Bahn in ½ Stunde.

Wir wählen die Fusstour. Unterhalb des Karlsbader Bahnhofes, wo sich die nach Schlackenwerth führende Strasse rechts zweigt, erblicken wir sogleich zur Linken das Dorf Zettlitz, zur Rechten Karlsbad, Drahowitz, den Egerfluss, Weheditz. Die Strasse führt durch Felder; wir schreiten bei einer grossartigen Dampfziegelei vorüber und erreichen die sog. Weheditzer-Zettlitzer Höhe, wo wir eine schöne Aussicht geniessen (Siehe Tour Karlsbad-Lichtenstadt). (Auf dieser Höhe zweigt linksab die Strasse nach Lichtenstadt, etwas weiter entfernt rechtsab die Strasse nach Dallwitz.) Die in nordöstlicher Richtung dahinziehende Strasse weiter verfolgend, gelangen wir unterhalb Sodau zu einem Theil dieses Dorfes mit 2 Gasthäusern, nähern uns dann dem rechts liegenden Dorfe Lessau, wandern links an dem Orte Fuchsloch (½ St. sw. von Schlackenwerth) und dem Dorfe Grasengrün (Teiche; der Peinteich zwischen Grasengrün und Hauptstrasse) vorbei und kommen endlich nach Schlackenwerth. Links von der Strasse sehen wir den Friedhof und den grossherzoglich toskanischen Park, rechts das Actienbräuhaus.


Schlackenwerth.

Gasthöfe: Zum Renthaus, am Marktplatze, Schwarzer Adler.

Post- und Telegrafenamt im erstgenannten Gebäude.

Postverbindungnachdem Bahnhofe »Schlackenwerth«.
""Joachimsthal täglich 3mal.

Aemter: Bürgermeisteramt. Spar- und Vorschusskassa.

Beschreibung und Geschichte der Stadt.

Schlackenwerth, der Hauptort der gleichnamigen, dem Grossherzog von Toskana gehörigen Herrschaft, liegt am Fusse des Erzgebirges an der Wistritz und an der Buschtiehrader Bahn in einer schönen und reizenden Ebene, welche nördlich von den gewaltigen, waldbekrönten Bergketten des Erzgebirges, westlich von dessen milderen Ausläufern, südlich von den Karlsbader Hügelketten und östlich von dem kegelartig gestalteten Egergebirge eingeschlossen wird. Dieser sehr fruchtbare, an Aeckern und Wiesen reiche Basalt-Kessel wird vom Wistritz- und Weseritz-Bache durchfurcht. Ersterer nimmt, bevor er Schlackenwerth erreicht, den Weseritzbach auf. Die Stadt zählt 2000 Einwohner, welche sich hauptsächlich mit der Landwirthschaft beschäftigen.

Sehenswürdigkeiten. Das grossherzoglich Toskanische Schloss, in einfachem Renaissancestyl erbaut, ist in jüngster Zeit durch zwei Seitenflügel und einen rückwärtigen Trakt vergrössert worden. Dasselbe besitzt einen grossartigen Rococo-Park mit hundertjährigen Eschen und Linden, stattlichen Erlen, Ahornen, Weiden, Cirpisbäumen und hohen Tannen, sowie mit anmuthig angelegten Spaziergängen. Mitten im Parke, der in den Sommermonaten von Karlsbader Curgästen und Touristen sehr häufig besucht wird, steht das im Rococostyle erbaute herrliche Gartenhaus, ein octogones, barockes Gebäude mit Restauration. (Geschichtliches siehe bei der Geschichte der Stadt.)

Die Pfarrkirche, im gothischen Styl erbaut und neu renovirt, hat ausser dem imposanten Hauptaltar noch 6 Seitenaltäre. Das Altarbild des ersteren stellt die Grabbestattung Jesu vor und ist ein Meisterwerk des berühmten böhmischen Malers Karl Skreta. Das Piaristen-Collegium mit einem durch den letzten Gymnasialdirector P. Ernst Miebes, einen geborenen Schlackenwerther, trefflich angelegten, reichhaltigen Lehrmittel-Cabinet, mit einer werthvollen Bibliothek, im grossen, schönen Archivsaale, an dessen Wänden nebst den Ahnenbildern der Lauenburger auch die Bildnisse der kaiserlichen Hoheiten Leopold II. und Maria Antonia in Lebensgrösse prangen. Für den Archäologen und Bibliographen ein Unicum: Der Manuskript-Pergamentcodex vom Jahre 1353, welcher die Legende der hl. Hedwig, Herzogin von Schlesien, und vier Homilien des hl. Bernhard enthält.

Geschichtliches. Das Piaristen-Collegium wurde von Anna Magdalena Popelia, der Gemahlin des Herzogs Julius Heinrich von Lauenburg, 1666 gestiftet; das Gymnasium, 1780 in eine Normalhauptschule verwandelt, wurde 1804 abermals eröffnet und bestand bis zum Jahre 1820, in welchem die beiden Humanitätsklassen aufgehoben wurden, so dass nur die 4 Grammatikalklassen blieben, die aber 1852 sammt der Hauptschule geschlossen wurden. Durch die wahrhaft fürstliche Munificenz der durchlauchtigsten Frau Grossherzogin Maria Antonia und des edlen Grossherzogs Leopold II. konnte am 1. Okt. 1863 das Piaristen-Untergymnasium wieder eröffnet werden, das aber leider mit dem Schuljahre aufhörte. – In der Piaristenkirche, welche 1674 eingeweiht worden ist, befindet sich auf dem Hochaltare die Muttergottesstatue Maria-Treu, wohin nicht nur Schlackenwerther, sondern auch Katholiken aus der ganzen Umgegend ihre Zuflucht nehmen.

Porzellanfabrik von Pfeiffer und Löwenstein. (Rechts von der Strasse zum Bahnhofe.) – Actienbräuhaus. (Links an der Karlsbader Strasse.)

Die Erbauung Schlackenwerths (zuerst Schlawkes Warthe, später Schlawkes Werth, zuletzt Schlackenwerth) wird dem Slavek von Riesenburg zugeschrieben, welcher die Stadt dem Bürgermeister und Rath überliess, so dass dieselbe von König Johann (1310) bis zu Kaiser Sigmunds Regierung unter dem Stadtrathe verblieb, bis endlich genannter Kaiser dieselbe im J. 1419 an seinen Kanzler Caspar Schlick verpfändete, der, aus einer Egerischen Patricierfamilie stammend, bis zum Reichsgrafen (1437) emporstieg und mit Elbogen, Falkenau und Schlackenwerth belehnt wurde. Graf Caspar Schlick, dreier Kaiser Reichskanzler und »ein Mann von grosser Geistesgewandtheit«, wurde der Begründer dreier berühmten, reichbegüterten Grafenlinien, von denen die Schlackenwerther Schloss, Dominium und Stadt bis zum Jahre 1578 beherrschte. Unter der Regierung des Königs Georg von Poděbrad wurde ein Theil des Schlosses und der Stadt in Asche gelegt, da Graf Schlick mit den Schlackenwerthern an den katholischen Herrenbund gegen den König sich angeschlossen hatte. 1578 kam die Herrschaft Schlackenwerth an die Schönburge, Stadt und Schloss wurden 1621 von den Soldaten Mannfelds geplündert. Die nach der Schlacht am Weissen Berge von dem königlichen Fiscus eingezogene Herrschaft überliess Kaiser Ferdinand II. im J. 1625 käuflich dem Herzog Julius Heinrich von Sachsen-Lauenburg. Derselbe liess 1650 mit Benützung der Grundmauern des Schlick'schen Schlosses ein neues Schloss aufbauen und mit einem Geldaufwande von 60.000 Reichsthalern einen grossartigen Park anlegen, der mit seinen Wasserleitungen und 50 Springbrunnen eine Art Klein-Versailles darstellen sollte und von einem Schriftsteller des 18. Jahrhunderts sogar das achte Wunder der Welt genannt wurde. Dem verstorbenen Herzog Julius Heinrich folgte sein Sohn Julius Franz, dessen Tochter Franziska Sybilla Augusta sich 1690 nach dem Tode ihres Vaters (1689) mit dem Markgrafen Ludwig Wilhelm von Baden-Baden vermählte. So gelangte der Besitz an das Haus Baden-Baden, um bei demselben bis 1782 zu verbleiben. Nach dem Tode des Markgrafen August Georg erhielt dessen Nichte, die Prinzessin Elisabeth Augusta von Baden, das Nutzungsrecht der Herrschaft Schlackenwerth von der Kaiserin Maria Theresia lebenslänglich. Von 1799 fiel auch das Nutzungsrecht wieder an die Kammer zurück. Später kam Schlackenwerth an Ferdinand II., Grossherzog von Toskana. Als Grossherzog Leopold II. von Toskana, der edle, so schwer geprüfte Fürstengreis aus Habsburgs Herrscherhause, in dem verhängnissvollen Jahre 1859 mit der grossherzoglichen, hochherzigen Familie hier bleibenden Aufenthalt genommen, begann für Schlackenwerth eine neue segensreiche Periode. In Schlackenwerths Annalen wird für immerwährende Zeiten mit goldenen Lettern der denkwürdige 23. Februar 1861 glänzen, wo Leopold II., Grossherzog von Toskana und Erzherzog von Oesterreich, einstimmig zum Bürgermeister der Stadt Schlackenwerth gewählt wurde. »Leopold II. nahm aber nicht blos die Wahl als Bürgermeister an, sondern unterzog sich auch persönlich allen durch die Communalgesetze gebotenen Pflichten, ein schönes und seltenes Beispiel in der That, welches hier einerseits aus einem Familienzuge der Habsburger, der Achtung vor dem Volke, anderseits aus dem in Italiens Boden tiefgewurzelten Bewusstsein, bei der Gemeindeautonomie mit der Entgegennahme des Rechtes sich auch im strengsten Sinn der Pflicht zu unterziehen, entspringt. Diese enge Beziehung zwischen dem Grossherzog und der Bürgerschaft Schlackenwerths erneuerte sich bei der Wiederwahl (22. August 1864), deren Annahme wieder erfolgte und in der Stadt grosse Freude hervorrief.« Der durchlauchtigste Grossherzog-Bürgermeister leistete für Schlackenwerth wahrhaft Hervorragendes und Unvergängliches! Aber auch dessen durchlauchtigste Gemahlin, die Frau Grossherzogin Maria Antonia bewährte sich stets als eine hohe Gönnerin und fürstliche Wohlthäterin dieser Stadt. »In ganz ähnlicher Weise übertrug sich auch dieses Verhältniss auf den dermaligen Besitzer und seine Gemahlin«, nämlich auf Sr. kais. Hoheit den durchlauchtigsten Herrn Ferdinand IV., Grossherzog von Toskana, und Ihre kais. Hoheit die durchlauchtigste Frau Grossherzogin. Von hohen fürstlichen Besuchen, deren sich Schlackenwerth zu erfreuen hatte, heben wir hervor: Den Besuch Sr. kais. u. kön. Majestät des Kaisers Franz Josef I. am 23. Juni 1864, welchen Tag Grossherzog Leopold II., der damalige Bürgermeister Schlackenwerths, durch eine Gedenktafel aus Marmor am Rathhausgebäude verewigte. In demselben Jahre (am 30. Juni 1864) stattete auch König Otto von Griechenland der grossherzoglichen Familie einen Besuch ab. König Johann von Sachsen, der gekrönte Dante-Uebersetzer, Vater der ersten Gemahlin des Grossherzogs und Grossvater der Erzherzogin Maria Antoinette, der fürstlichen Dichterin, verweilte wiederholt bei der Grossherzog Toskanischen Familie zum Besuche.

Nachdem wir die Sehenswürdigkeiten Schlackenwerths in Augenschein genommen haben, kehren wir der Stadt den Rücken, um unsere Tour fortzusetzen. Ein wahrhaft entzückendes Landschaftsbild entrollt sich vor unseren trunkenen Blicken! Inmitten einer vegetationsreichen Ebene mit wogenden Feldern, beblumten, saftiggrünen Wiesen und ergiebigen Obstbäumen sehen wir aus dreiviertelstündiger Entfernung die waldesdunklen und mannigfaltig geformten Berge des wie eine Mauer steil sich aufthürmenden Erzgebirges, durchbrochen von einem tiefgefurchten, romantischen Querthal, dem unsere Tour gilt. Wir wandern, aufjauchzend vor Lust, auf der schönen, beiderseits mit Obstbäumen bepflanzten Aerarialstrasse in nördlicher Richtung weiter und gelangen in einer halben Stunde nach Unterbrand, wo wir den grossherzoglich Toskanischen Meierhof besichtigen, dessen landwirthschaftliche Maschinen, den neuesten Fortschritten auf diesem Gebiete Rechnung tragend, besonders den Oekonomen interessiren dürften. Von hier erreichen wir nach ¼stündiger Wanderung das freundliche, mit Obstbäumen geschmückte Dorf Oberbrand, dessen Einwohner noch den lohnendsten Feldbau betreiben. Statt der Obstbäume bilden aber bald Vogelbeerbäume mit ihren zinnoberfarbenen Beeren Strassenspalier; wir stehen an der Eingangspforte des engen, prächtigen Weseritzthales. Die Strasse, ein schmaler Wiesensaum und die rauschende Weseritz bilden die Thalsohle, während zur Rechten und Linken die mit Fichten, Tannen und Buchen reich bedeckten Abhänge mit jedem Schritte steiler und majestätischer sich gestalten. Bald wird das immer höher aufsteigende Thal etwas weiter, wir schreiten an mehreren, schon zur Gemeinde Joachimsthal gehörigen Mühlen vorbei, Hansgirgs Verse reproducirend: »Im Erzgebirge, wie klappern die Mühlen so laut; so laut, wie rauschen die Bächlein gar frisch im Kühlen so traut, so traut.« Oberhalb der Herrenmühle (die dritte Mühle oberhalb der Trinksmühle mit Restauration) betreten wir – was den Touristen warm empfohlen werden kann – den links von der Strasse abzweigenden, bequemen Fussweg, der in Serpentinen durch den schattigen Wald aufwärts führt. Nach kurzer Steigung erreichen wir den ebenen Seilerweg, der, an der westlichen Berglehne sich dahinziehend, eine wunderschöne Aussicht gewährt (siehe Joachimsthaler Spaziergänge 3). Verfolgt man dagegen die Strasse, so kommt man zum k. k. Hüttenwerke (siehe Joachimsthaler Spaziergänge 2), das uns daran erinnert, dass wir in der Nähe von Joachimsthal sind, das jedoch – wir meinen die eigentliche obere Stadt – die Krümmung des Thales noch verhüllt, links erblickt man die Barbara-Kapelle. Hier sieht man den untersten Theil der Stadt, nordwestlich aufsteigend, und hoch auf dem Berge nordöstlich die Prokopi-Kapelle. Immer mehr sind die Wälder gelichtet, und was sich die Natur abzwingen liess, ist zu Feldern und Wiesen verwandelt.


Joachimsthal.

Gasthöfe: Hôtel zur Stadt Dresden, im oberen Theile der Stadt am Marktplatze gelegen. – Hôtel zum wilden Mann, das zweite Haus neben genanntem Hôtel.

Photographische Ansichten von Joachimsthal und hervorragenden Gebäuden dieser Stadt bei dem Photographen Anton Kraus (Marktplatz).

Post- und Telegraphenamt auf dem Marktplatze.

PostverbindungnachSchlackenwerthtäglich3mal.
""Platten"1"
""Weipert"1"

Privatfuhrwerke bei Rudolf Günther, Christof Porkert und Wilhelm Seidl. Auf besonderes Verlangen besorgt auch der Hôtelbesitzer »zur Stadt Dresden« Fahrgelegenheiten.

Aemter. Bezirkshauptmannschaft, Bezirksgericht, Steuer- und Grundbuchsamt, Bürgermeisteramt, städt. Forst- und Rentamt, Sparkassa (sämmtlich im Stadthause), Berg- und Hüttenverwaltung sowie Forstamt (Oberamtsgebäude), Notariat, Finanzwachkommissariat.

Beschreibung und Geschichte der Stadt.

Die k. Bergstadt Joachimsthal, die Metropole des böhmischen Erzgebirges genannt, liegt in einem engen und tiefen, nach Südosten und Süden geöffneten Querthale, das von dem rasch herabstürzenden Weseritzbache durchbraust wird, zwischen hohen Bergen, dem Galgenberge im Osten, dem Pfaffenberge im Süden, dem Schlossberge im Westen, dem Obern und Untern Türkner-Berge im Norden. Sie besteht in ihren eigentlichen Grundlinien im Thalgrunde vorzugsweise nur aus zwei Häuserreihen, an die sich aber beim Bräuhausplatze, wo das Thal sich erweitert, beiderseits terrassenförmig noch je zwei Häuserzeilen, sowie in einem westlichen Seitenthale der Stadttheil Pfaffenberg anreihen. Die seit dem grossen Brande von 1873 grösstentheils neu aufgebaute, sehr freundliche Stadt, die überdies vom hiesigen Anpflanzungsvereine an mehreren Plätzen durch Anlagen verschönert wurde, übt sicherlich auf jeden Besucher einen wahrhaft bezaubernden, nachhaltigen Eindruck aus, so dass man kaum fehlgehen wird, Joachimsthal als die schönste und regelmässigste Stadt im ganzen böhmischen Erzgebirge zu bezeichnen. Sie zählt 612 Häuser und gegen 7000 Einwohner, welche sich durch Bergbau, Cigarren-, Handschuh- und Stöpselfabrication, Spitzenklöppelei, Spitzenhandel, sowie durch das karge Erträgniss der Landwirthschaft ernähren.

Sehenswürdigkeiten: Decanalkirche (auf dem viereckigen, mit einer Anlage geschmückten Kirchenplatze gelegen) wurde von der Stadtgemeinde in den Jahren 1874–1876 in neugothischem Styl vom Baumeister Friedrich Karl Richter aus Breitenbach unter Leitung des Prager Dombaumeisters und Architekten Josef Mocker neu hergestellt. Mit Bezug auf die inneren Räume dieser Kirche hat Hansgirg's Behauptung: dass sie ein gar seltenes, sowohl im Totaleindruck als auch in der liebevollen Durchführung des Details überwältigendes Kunstwerk sei, welchem im westlichen Böhmen kaum noch ein Bau ähnlicher Art ebenbürtig an die Seite gestellt werden kann, seine vollste Berechtigung. Architekt (Mocker), Maler (Gebrüder Jobst aus Wien) und Bildhauer (Leimer aus Wien) haben sich hier ein unvergängliches Monument einheitlichen Strebens gesetzt. Nicht nur die Altäre (3) und die Kanzel, sondern alle übrigen Objecte der inneren Kirche entsprechen dem Geiste der Gothik. Die Gemälde der Altäre sind plastisch. Der Hauptaltar ist ein grossartiger, echt gothischer Bau. »Anmuth ist der Grundtypus dieses herrlichen Werkes, das durch das echte Naive und Herzinnige der Skulpturcompositionen noch potencirt wird, deren Bemalung eine elegante ist, dass bei der Empfindung der Frömmigkeit zugleich die des höchsten Wohlgefallens erweckt wird.« Die Hauptnische dieses Altars enthält die hl. Familie (in der Mitte die hl. Maria, etwas rückwärts zur Seite St. Joachim und St. Anna – die Patrone der Kirche). In den zwei Nebennischen (links) der hl. Prokopius, Schutzpatron der Bergleute, (rechts) der hl. Johannes. Bei sämmtlichen Altären ist Plastik, Ornamentik, Farbe und Goldzier gleich rühmenswerth. Den Kunstfreunden sei von den Seitenaltären besonders der Marien-Altar (links) empfohlen (Hauptfigur: die unbefleckte Maria im Gebet). Der Josefi-Altar (rechts), Hauptfigur: der hl. Josef, den Lilienstengel in der rechten Hand, das Jesukindlein mit der Erdkugel am linken Arm haltend. Die prachtvolle Kanzel mit den Gestalten der Kirchenlehrer; das Baptisterium (Taufkapelle), die Orgel (Kegelladensystem, Steinmeier in Oettingen).

Das Stadthaus (an der Ecke des Kirchenplatzes), ein alterthümliches, ansehnliches Gebäude, das dem letzten gewaltigen Brand Widerstand geleistet, enthält die interessante, sehenswerthe Gemeindebibliothek, welche 1540 begründet worden ist. Sie enthält 190 Werke aus dem XV. und XVI. Jahrhundert (in deutscher, lateinischer, griechischer und hebräischer Sprache) und zwar dem Inhalte nach: Jurisprudenz 17, Theologie 60, Poesie und classische Literatur 51, realistische Fächer 17, hebräische Sprache 7, linguistische 20, Geschichte, Geographie und Statistik 18. – Eine Biblia hebräica, in Frakturlettern auf Pergament sehr schön geschrieben, stammt nach Dr. Oppenheimer's Untersuchung vom Jahre 1384.

Das k. k. Bergoberamtsgebäude (neben dem Stadthause) mit reichhaltiger Mineraliensammlung des montanistischen Vereines. (Daselbst werden auch Mineralien verkauft.) Das Volks- und Bürgerschulgebäude (links von der Kirche), ein wahrer Schulpalast, mit einer reichlich ausgestatteten Lehrmittelsammlung. – (Rechts von der Kirche): Die k. k. priv. Handschuhfabrik von Martin Bencker u. Sohn, die grösste in Oesterreich-Ungarn, und die Stöpselfabrik des Anton Schreiber. Der k. k. Einigkeitsschacht (ober dem Schulgebäude) bietet vielfaches Interesse, und ist dessen Befahren durch Schalenbeförderung leicht, gefahrlos und lohnend. (Wegen Einfahrt wende man sich an den k. k. Bergrath im Oberamtsgebäude.) Schloss Freudenstein, k. k. Cigarrenfabrik und k. k. Hüttenwerk. (Siehe »Kleine Spaziergänge«.)

Die ganze Gegend, wo jetzt Joachimsthal steht, war bis zum Jahre 1516, dem eigentlichen Gründungsjahre dieser Stadt, eine nur mit Wald bedeckte Gebirgslandschaft, welche zur Herrschaft Schlackenwerth gehörte, die nebst Lichtenstadt Kaiser Sigmund 1437 seinem treuen Reichskanzler Kaspar Schlick, Grafen von Passaun (Bassano), geschenkt hatte. Einzelne Bergleute aus Schlackenwerth (»der alte Oeser«) und aus dem Markgrafenthum Meissen (»Kaspar Bach«) betrieben hier ohne Zweifel schon gegen Ende des XV. oder in den ersten Jahren des XVI. Jahrhunderts Bergbau auf Silber, der aber nicht bedeutend gewesen zu sein scheint. Im Jahre 1515 stellte sich Graf Stefan Schlick an die Spitze einer Gewerkschaft, welche die alte Fundgrube am Schottenberg wieder belegte und 1516 die erste Ausbeute vertheilte. Bis zu diesem Jahre sollen etliche verfallene Häuser am untern Türckner, eine Mühle am Brotmarkt – dem heutigen Pfaffenberg – und ein Hammer in dieser Gegend gewesen sein; nach einer Wiese wurde Thal und Weiler Conradsgrün (»Cunradisgrün«) genannt. Aber die Kunde von dem überaus ergiebigen Bergbau drang mit staunenswerther Raschheit durch das ganze Erzgebirge und lockte baulustige deutsche Bergleute und Gewerke in solcher Anzahl in's »Thal«, dass die neue Bergcolonie bis December genannten Jahres bereits 400 Häuser gezählt haben soll. Der Silberreichthum war hier geradezu fabelhaft. Deshalb fand sich Graf Stefan Schlick, der damalige Grundherr, bewogen, den Grund zu einer Bergstadt zu legen, welche bald gedeihlich aufblühte. Da es auf dem jenseitigen meissnischen Gebiete bereits ein Annaberg (1496) und Jöhstadt (Josefsstadt, 1517) gab, wurde, um die Glieder der hl. Familie als Schutzpatrone auf einem verhältnissmässig kleinen Raume zu ergänzen, das Thal und die neu angelegte Stadt nach Christi Grossvater, dem hl. Joachim, St. Joachimsthal (»Jochimsthal«) genannt. Aber gar bald erhoben die Brüder von Haslau, deren Grundeigenthum an das Schlickische grenzte, Ansprüche auf benachbartes Gebiet, bis auf welches sich der Bergbau und die Anlage der Stadt auszudehnen begonnen hatten. Der darüber mit den Grafen Schlick entstandene Streit wurde jedoch durch einen schleunigen Vergleich (1518) beendigt, in Folge dessen die Herren von Haslau eine Entschädigung zugesichert erhielten. Ein in demselben Jahre ausgebrochener Aufstand der Bergleute veranlasste den Grafen Schlick zur Herausgabe der berühmten Bergordnung; er liess ferner eine Münze (an dieser Stelle steht das heutige Oberamtshaus) erbauen, »aus welcher im nächsten Jahre 1519 die ersten Münzen, Guldengroschen, zu 24 weissen Groschen, wie sie in Sachsen geprägt wurden, hervorgingen. Man nannte sie nach dem Orte ihres Ursprungs Thalergroschen, später einfach Thaler, ein Name, welcher allmählig in ganz Deutschland das Bürgerrecht erhalten und selbst in fremden Ländern (als Dollar in England und Amerika, als Talar, Talari in der Levante etc.) Eingang gefunden hat. Sie trugen auf der Vorderseite das Bildniss des hl. Joachim, auf der Rückseite das des Königs Ludwig und des Grafen Schlick, oder auch den böhmischen Löwen und führten daher auch den Namen Schlickenthaler und Löwenthaler. Lateinisch nannte man sie, weil sie zwei Loth oder eine Unze wogen, Unciales, auch Vallenses (Joachimicos) und später, nachdem sie als deutsche Reichsmünze Geltung und Umlauf erlangt hatten, Imperiales (Reichsthaler). – König Ludwig bestätigte nicht nur im Jahre 1519 die Freiheiten, welche Graf Stefan Schlick der Gemeinde und Knappschaft zu Joachimsthal verliehen hatte, sondern erhob auch auf Ansuchen des genannten Grund- und Burgherrn mittelst Majestätsbriefes vom 6. Jänner 1520 Joachimsthal zu einer freien Bergstadt und verlieh ihr alle damit verbundenen Rechte und Freiheiten, sowie die Errichtung eines Schöppenstuhls zur Schlichtung der zwischen dem Bergpersonale entstehenden Rechtsstreitigkeiten. In demselben Jahre bestätigte der König auch das Münzprivilegium des Grafen Schlick.« Trotz zweier neuerlicher Aufstände (1523 und 1525) blühte die Bergstadt unter der vortrefflichen Fürsorge des ritterlichen Grafen Stefan Schlick immer mehr und mehr zu einer hochansehnlichen, reichen, dichtbevölkerten Stadt empor, die mit tüchtiger Gemeideverwaltung und Schule ausgestattet war. Sie zählte zur Zeit ihrer höchsten Blüthe über 1200 Häuser, gegen 12000 Bergleute, 400 Schichtmeister, 800 Steiger und 800 in Betrieb stehende Zechen. Leider fand Graf Stefan Schlick, ein treuer und tapferer Unterthan seines Königs, im 39. Lebensjahre seinen Tod in der unglücklichen Schlacht bei Mohacz (29. August 1526).

Nun folgten dessen jüngere Brüder Graf Hieronymus und Lorenz, die Joachimsthal wechselweise immer zwei Jahre beherrschten; doch kam es zu Erbstreitigkeiten. Diese gaben den ersten Anlass, dass König Ferdinand I. den Grafen Schlick »ihr ohnehin nicht ganz rechtmässiges Münzregal« entzog, das nun an die Regierung kam (1528). Nichtsdestoweniger schenkten die Schlicke in den Jahren 1530–1536 der Stadt von neuem Grund und Boden und begannen 1534 den Bau der Kirche, »welche ohne fremde Hilf erbaut ist« und 1537 zum Gottesdienste benützt wurde. 1545 mussten die Schlicke das Joachimsthaler Bergwerk dem König unter der Bedingung abtreten, »dass sie sich« – wie Mathesius sagt – »ihres Zehendens Erbkux und Hüttenwerks unverhindert von meniglich gebrauchen mögen.« – Als 1518 die Reformation im benachbarten Sachsen feste Wurzeln fasste, fanden Dr. Luthers Lehren auch in Joachimsthal eifrige Anhänger, namentlich in den Grafen Schlick. Lange stritten sich hier die katholische und protestantische Partei um die Herrschaft, bis endlich 1540 der Protestantismus den vollständigen Sieg davontrug. In jener Zeit wirkten zu Joachimsthal: Der hervorragende Gelehrte M. Johannes Mathesius (geb. am 24. Juni 1504 zu Rochlitz in Sachsen, gest. zu Joachimsthal den 8. Okt. 1565) erst als Rector an der berühmten Lateinschule, dann als Pfarrer; (die Bürgerschaft hat ihm am 24. Juni 1874 an dem Stadthause eine Votivtafel eingesetzt), ferner Nikolaus Hermann, der »alte Cantor« genannt, einer der besten Liederdichter des XVI. Jahrhunderts, als Cantor (gest. am 3. Mai 1561 zu Joachimsthal) und endlich Georg Agricola, der Begründer der Mineralogie (geb. am 24. März 1494 zu Glaucha in Sachsen, gest. am 21. Nov. 1555 zu Chemnitz) von 1527–1530 (1533?) als Stadtarzt. Durch den schmalkaldischen Krieg, in welchem die Joachimsthaler sich den aufständischen böhmischen Ständen anschlossen und die Stadt von sächsischen Truppen eingenommen wurde, büsste sie ihre alte Blüthe ein und ging, obgleich Kaiser Ferdinand I. und namentlich Kaiser Rudolf II. verschiedene Mittel zum Aufschwunge des Bergbaues anwandten, immer mehr dem Verfalle entgegen, der mit dem 30jährigen Kriege eintrat. Das protestantische Joachimsthal stellte sich bei dessen Ausbruche auf die Seite der aufrührerischen Stände Böhmens und wurde sammt dem Schlosse Freudenstein von dem utraquistischen Feldherrn Mannsfeld besetzt, der aber 1621 abzog. Nach der Schlacht am Weissen Berge (1620) trat bekanntlich die Gegenreformation ein, und da sich der grösste Theil der Bewohner Joachimsthals zur Annahme der katholischen Lehre nicht bequemen wollte, wanderten Tausende über die Landesgrenze. Die letzten Auswanderungen der Protestanten fanden 1653 statt. (Vergl. Bergstadt Platten.) 1631 besetzten die Sachsen Joachimsthal und die Veste Freudenstein, wohin aber schon 1632 die Kaiserlichen eine Besatzung legten. Dieselbe vertheidigte sich 1634 gegen eine schwedisch-sächsische Heeresabtheilung so tapfer, dass sie erst capitulirte, als die Feinde durch ihre Batterie-Kugeln das Schloss unhaltbar gemacht hatten. Die Schweden plünderten dasselbe, überliessen es den Flammen, wodurch es zur Ruine wurde. Schon vorher hatte sich die arg verwüstete Stadt ergeben müssen.

Am 31. März 1873 wurde Joachimsthal durch einen schrecklichen Brand schwer heimgesucht, so zu sagen vernichtet, denn das wüthende Element verwandelte unaufhaltsam in fliegender Eile 309 Häuser sammt Nebengebäuden in Schutt und Trümmerhaufen. Auch die grossartige Kirche, »ein kunsthistorisches und archäologisches Unicum,« wurde zerstört. Tausende hatten Obdach und Habe verloren! Bei dieser Gelegenheit hat sich der deutsch-böhmische Dichter und Menschenfreund Karl Viktor Ritter von Hansgirg, der damals Bezirkshauptmann war (geb. am 5. August 1823 zu Pilsen, gest. den 12. Jänner 1877 zu Joachimsthal), ein bleibendes Denkmal durch seine aufopferungsvolle, rastlose Thätigkeit zur Milderung der Nothlage gesetzt. Seine an die Mildthätigkeit appellirenden Worte wirkten wie ein zündender Funke, und Dank der Staatssubvention von 500.000 fl., Dank den grossartigsten Hilfsquellen von Seite der vielsprachigen Völker Oesterreichs und der Nachbarländer konnte der Wiederaufbau der Stadt in überraschend kurzer Zeit stattfinden; leider fiel derselbe aber in eine äusserst kostspielige Bauperiode, so dass es niemand Wunder nimmt, wenn der grösste Theil der Häuser noch schwer mit Schulden belastet ist.

Kleinere Spaziergänge.

Die Umgebung von Joachimsthal bietet eine Menge einladender und lohnender Spaziergänge:

1. Schloss Freudenstein, auf der westlichen Seite der Stadt, liegt auf dem steilen Schlossberg, der nur westwärts in eine Ebene ausläuft. Von der einstigen festen, überaus zweckmässig angelegten Veste sind nur zwei runde Thürme von bedeutendem Umfange und ein Stück Ringmauer übrig geblieben. Von denselben zeichnet sich der vordere, nordöstliche durch seine Höhe aus; er besitzt ein Laternenthürmchen mit einer Glocke und wird von dem Stadtwächter bewohnt, welcher früh Morgens um 3 Uhr, dann um 4 Uhr, Mittags um 11, beziehungsweise 12 Uhr, Abends aber um 7 und 8 Uhr durch Glockengeläute den Bergknappen zum Ein- und Ausfahren das Signal geben, überdies aber bei Tag und Nacht der Stadtuhr nachschlagen muss. Den zweiten, kleineren Thurm benützt das k. k. Bergamt als Pulvermagazin. – Vom Bergabhange geniesst man eine ausgezeichnete Uebersicht der ganzen Stadt. »Wie im Grundrisse sehen wir sie vor uns aufgerollt, und einem spähenden Auge entgeht kein Reisender, der die Strasse einherwandelt; ja, selbst die von anderen Seiten über das Gebirge herführenden Fusssteige können von diesem Punkte aus übersehen und bewacht werden, so dass – wie man sich gewöhnlich ausdrückt – nicht eine Maus in die Stadt gelangen kann, ohne dass sie von dem lauernden Wächter nicht bemerkt worden wäre.«

Geschichtliches. Graf Stefan Schlick legte 1518 den Grundstein zu dem Schlosse Freudenstein, dessen Bau 1520 vollendet ward. Es lag vor dem 30jährigen Kriege in der Mitte der Stadt, dessen oberer Theil im Thale lag, während ein grösserer Theil hinter der Burg auf dem Berge, wo jetzt die Neustadt liegt, stand. Von dem ehemaligen Stadttheil, hinter dem Freudenstein gegen Westen, sind jetzt nur Spuren von Mauern und Kellern vorhanden. Es wurde Anfangs von dem Berghauptmann des Burgherrn bewohnt, 1525 von aufständischen Bergleuten geplündert und theilweise verwüstet, bald aber wieder hergestellt. Seit 1545 diente es dem jeweiligen königl. Berghauptmann zur Wohnung, bis es nebst dem oberen Theil der Stadt 1634 von den Schweden zerstört wurde. (Siehe Näheres Geschichte der Stadt Joachimsthal.)

2. *K. k. Cigarrenfabrik und k. k. Hüttenwerk. Auf der Aerarialstrasse thalabwärts betritt man die links abzweigende Gemeindestrasse, die zur Cigarrenfabrik führt. Kürzer und bei staubiger Strasse empfehlenswerther ist der Weg längs der sogenannten »Ziegengasse«, die von der Hauptstrasse schon beim Kaufmann Siegl abbiegt. Die k. k. Cigarrenfabrik, ein imposantes Gebäude, liegt in einem höchst romantischen Seitenthal und beschäftigt 700 Personen. (Anmeldung behufs innerer Besichtigung hat beim k. k. Fabriksdirektor zu geschehen.) – Auf der Aerarialstrasse etwas weiter abwärts gelangt man zur Barbara-Kapelle und dann zum k. k. Hüttenwerk, leicht erkenntlich durch seine riesenhaften schlanken Essen. Hier werden die berühmten Uranpräparate erzeugt, die nicht nur nach den verschiedenen Ländern von Oesterreich-Ungarn, sondern auch in's Ausland versendet werden. (Man melde sich beim k. k. Hüttenverwalter in dem rechts von der Strasse auf einer Anhöhe liegenden Verwaltungsgebäude an.)

3. Zum Seilerweg. Die früher genannte Aerarialstrasse benützend, lenken wir von dieser beim sogenannten Badhause, jetzt Unger's Färberei, ab und schlagen den Weg rechts zu dem durch den unvergesslichen Erzgebirgsfreund K. V. Ritter von Hansgirg verschönerten Friedhofe und zu der Spital- oder Todtenkirche mit mehreren guten Gemälden aus alter Zeit, ein. Beim Hauptthore des Friedhofes eintretend, die Grabdenktafel des Dechants P. Anton Böhm, des Verfassers einer Joachimsthaler Chronik, (gebor. 29. Juni 1785, gestorben 14. Feb. 1862), nahezu in gleicher Richtung an der gegenüberstehenden Mauer das einfache Grabdenkmal des Dichters Karl Victor R. von Hansgirg, gesetzt von den Bezirksgemeinden. Auf dem ebenen Seilerwege selbst entrollt sich vor unseren Augen ein prachtvolles, malerisch schönes Bild der Stadt. Vor uns liegt der ganze Marktplatz, durch dessen Mitte längs des Weseritzbaches sich eine Allee Kastanienbäumchen windet. Dazu die die Stadt umfriedenden Bergeslehnen mit ihren Wiesen, Feldern und Halden, das herrliche Seitenthal der Cigarrenfabrik mit den prächtigen, dicht bewaldeten Höhenzügen und den darauf idyllisch ruhenden Häuschen – dies alles gewährt wahrlich ein ebenso überwältigendes als seltenes Panorama!

4. Zur Halde bei dem Einigkeitsschacht, oben sehr schöner, ebener Weg mit herrlicher Aussicht auf die Stadt und Gebirgslandschaft.

5. Zum Kaiser Josef-Schacht vom Einigkeitsschachte entlang der sog. »Eisenbahn« dann den Weg links ab. Ist an heissen Sommernachmittagen sehr empfehlenswerth, weil kühl und ebenfalls schöne Aussicht auf die Stadt.

6. Zur Johannis- und Prokopi-Kapelle. Erstere liegt auf einer Anhöhe an der Ostseite der Stadt und führt von ihr ein Weg zu der weiter nordöstlich auf einem hohen Berge stehenden, weithin sichtbaren Prokopi-Kapelle mit lohnendster Aussicht. Diese Kapelle, von Feldern umgeben, ist unausgebaut geblieben und zeigt sich als Ruine.

7 *Zum Graben und auf den Grauenstein. Durch das Oberthal auf der nach Gottesgab führenden Strasse aufwärts, schlagen wir, zur Rechten eine Allee erblickend, den von derselben beschatteten Weg, »Graben« genannt, ein, der uns eine schöne Aussicht auf den gegenüber an der westlichen Berglehne liegenden Einigkeitsschacht und die Halde sowie auf die Stadt und die sie umrahmenden Bergeshöhen gewährt. Er zieht sich um die sogen. »Schwedenschanze« herum. Wir schreiten weiter, gelangen zum städt. Forsthaus »Hut«, wo gute Aussicht auf Theile des Mittelgebirges, betreten links den prächtigen Fichtenwald und kommen zur Reichen-Geschieb-Zeche am Widergebirge. Rechts von der »Hut« über »Rauschererb« auf den sagenreichen »Grauenstein«, wo wir eine herrliche Aussicht auf die umliegende Gebirgslandschaft geniessen (die schön gelegene Einschicht Schönerz, auch Oelbecken genannt, in ihrer Thalschlucht von Wiesen umgeben, die Cigarrenfabrik und Schmelzhütte, die Neustadt, das Spitzbergel bei Pfaffengrün). Rückweg durch das Thal der Cigarrenfabrik. (Vom Grauenstein aus kann man auch weiter den Keilberg besteigen. Man geht bis zur »grünen Kohlstätte«, wo sich rechts der Weg nach Oelbecken, links zum Press zweigt, von wo man auf die sog. Sonnenwirbler Strasse gelangt.)

Ausflüge.

8. *Mariasorg ¾ St. westsüdwestlich von Joachimsthal. Dorf mit einem Kapuzinerkloster, dessen Kirche mit Gnadenbild ein vielbesuchter Gnadenort ist; ein sehr beliebter Ausflugsort der Joachimsthaler. Wagners Gasthaus. – Von dem Einigkeitsschachte führt eine steile Gemeindestrasse südwestlich zu der Höhe hinan (»Neustadt«), links liegt Freudenstein. Auf dem Wege einen Blick rückwärts werfend, liegt in überraschender Tiefe Joachimsthal, während man ganz auf der Höhe, der sog. Mariasorger-Höhe, eine bezaubernde Fernsicht auf das gesegnete Schlackenwerther-Lichtenstädter Becken, die Ruine Engelhaus, auf das Mittelgebirge vom Königswarter Kaiserwald bis gegen das Duppauer Gebirge, ferner einen Theil des Egergebietes erhält; rechts streckt der Plessberg, links der Koboldstein sein Haupt empor. Ist unstreitig eine der schönsten und lohnendsten Partien im Erzgebirge.

9. Koboldstein. Von der Mariasorger Höhe gelangt man südlich in gerader Richtung zum Koboldstein bei Pfaffengrün. Die Aussicht ist zwar etwas beschränkter, wie auf der Mariasorger Höhe, aber deutlicher. (Zettlitz-Karlsbader Bahnhof.)

10. Ullersgrün 1½ St. (über Mariasorg s. 8). Oberhalb von Wagners Gasthause wandern wir auf dem angenehmen Wege waldeinwärts südlich durch den mit den schönsten Waldungen geschmückten Wolfsberg, die würzigste Luft einathmend, bis zu dem schön zwischen Feldern und Wiesen auf einem Plateau des Hahnberges gelegenen Dörfchen Ullersgrün. Vor unseren Blicken entrollt sich eine wahrhaft köstliche Rundschau. (Von Ullersgrün abwärts kommt man in ½ St. nach Lichtenstadt.)

11. Spitzbergel bei Pfaffengrün (1 St.) Wir gehen zum Friedhofskirchlein (siehe 3), bei dem nahe liegenden Häuschen biegt rechts der Weg ab, von da den steilen Berg hinan, geht man dann – die Hauptrichtung ist südlich – durch den Wald und sieht aus der Ferne das mit einem Kreuze gezierte Spitzbergel, wo sich eine schöne Aussicht bietet. (Schönwald, Permesgrün, Ober- und Unterbrand, Schlackenwerth, Lichtenstadt, Zettlitz.)

12. *Hauenstein (2 St.). a) Gebirgstour. Der Fussweg nach dem »wundersam lieblichen Hauenstein«, einem der lohnendsten Ausflugsorte der Umgebung, führt über den sog. Galgenberg nach Arletzgrün, Honnersgrün, Holzbach über Schönwald nach Hauenstein. b) Ueber Oberbrand, Weidmesgrün, Marletzgrün, sog. untere Holzbacher Mühle, Schönwald, Hauenstein.

Das Schloss gleichen Namens – von den Burgen des Egerthales ganz allein nur bis heute bewohnbar – ruht höchst malerisch auf einem fast senkrecht abfallenden Basaltfelsen, dem Hauensteiner Schlossberg, welcher zwischen zwei Bächen, dem Gerinne und dem Zwiesebache, aus dem Thale sich emporhebt. »Da liegt es«, sagt Theodor Reinwald (Therese v. Hansgirg) so poetischschön, »in's Grün gebettet, auf Skargen und Terrassen aufsteigend, waldumgürtet, buschumweht, aus reicher Blättermasse traut herüberwinkend, ein anspruchloses Schloss im alten Gebirgsstyl, mit Riegelwänden und hohen Giebeln, über denen sich trotzig, mit wahrhaft feudaler Grösse der alte steinerne Rundthurm erhebt, im Volksmund der »Bürgermeister« genannt. Er schaut so kühn herunter, als gehöre er einer mittelalterlichen Veste an. – Die modernen Wirthschaftsgebäude und Beamtenwohnungen ergänzen das Gesammtbild.« Die ganze Umgebung des Schlosses, das in neuester Zeit durch einen Neubau vergrössert wurde, hat die frühere Grundherrin, Gabriele Gräfin von Bouquoi, mit herrlichen, parkartigen Anlagen und bequemen Wegen verschönert und in der That zu »einem Eldorado des Egerthales« umgeschaffen. Auf dem höher gelegenen Berge thront im gothischen Style die Kapelle, die der berühmte Architekt und Professor B. Grueber gebaut und der heimische Bildhauer Max mit künstlicher Steinmetzarbeit ausgestattet hat. Hier entrollt sich dem Naturfreunde ein bezauberndes Landschaftsbild. Zu der »Koppe« des östlich vom Schlossberge aufsteigenden Eichelberges, dessen Waldung über 50 Baumarten enthält, gelangt man auf sehr bequemen, serpentinartig angelegten Pfaden in ½ Stunde. »Es ist geradezu ein Tempel voll gigantischer Säulen, unter dessen hochgewölbtem Dach man hinanstrebt.« Von der »Koppe« erschliesst sich ein überwältigendes, wahrhaft malerisches Panorama. Am Fusse des Berges weithin das lachende, fruchtbare, mit Ortschaften gezierte, von der Eger durchschlängelte Thal, westlich das Fichtelgebirge, östlich Komotau, nördlich Schönwald und der Keilberg, der gigantische König des Erzgebirges; dazu winken vier alte Ritterburgen; links das nahe Hauenstein, nordöstlich auf schroffen, zerklüfteten Felsen Himmelstein, südlich das hochragende, sagenreiche Engelhaus und stromabwärts Schönburg. Rückwärts kehrt man über den »Seeteich« oder die »steile Wand« in das »Fremdenhaus« zurück. Dasselbe ist im Schweizerstyl erbaut, enthält eine Restauration und gewährt vom Balkon des Sommersalons eine herrliche Aussicht. Empfehlenswerth ist die schattige Promenade am »Meierrang«, wohin man auf wohlgepflegten Wegen gelangt. Von Hauenstein aus wird ein Abstecher auf der Strasse in südöstlicher Richtung, dann weiter nordöstlich längs der Bahn in dem herrlichen Egerthale nach dem Orte »*Krondorf« mit dem bekannten Sauerbrunn allen Touristen empfohlen. Die Landschaftsbilder sind hier sehr mannigfaltig und von überraschender Schönheit. Die hier liegende Eisenbahnstation Wickwitz-Welchau, sowie die Station Neudau sind Absteigestationen für den Besuch von Giesshübel-Puchstein. Für Hauenstein selbst ist Absteigestation Hauenstein-Warta, so dass diese Partie in bequemer Weise von Schlackenwerth oder Klösterle mit der Bahn zu machen ist. Dann können wir den Weg in bekannter Weise nach Joachimsthal fortsetzen.

Geschichtliches. Die Burg Hauenstein taucht urkundlich zuerst zu König Johanns Zeiten auf, wo sie der Ritter Nikolaus Winkler lehensweise besass, der sie an das Prämonstratenser-Nonnenkloster zu Doxan verkaufte. Dieses vertauschte 1336 die Burg an König Johann, der sie wieder verpfändete. Hauenstein, das rasch seine Besitzer aus verschiedenen Geschlechtern wechselte, kam endlich 1528 an Heinrich II. Schlick von Holicz, Grafen von Passaun, und blieb bei dessen Nachkommenschaft bis 1664, in welchem Jahre Franz Ernst Schlick das Gut an Heinrich Julius von Sachsen-Lauenburg verkaufte, der dasselbe mit der Herrschaft Schlackenwerth vereinigte. Seitdem erfuhr Hauenstein mit dieser alle Besitzveränderungen. 1811 wurden die Herrschaften von einander getrennt. Hauenstein blieb Eigenthum der k. k. Kammer und wurde nebst Kupferberg 1836 an die kunstsinnige Gräfin Gabriele von Bouquoi, einer Wohlthäterin des Erzgebirges, verkauft, die es ihrem Sohne, dem Grafen Georg von Bouquoi, vererbte.

13. Zum *Keilberg. Indem wir auf die Tour Joachimsthal-Gottesgab verweisen, von wo der Keilberg am bequemsten bestiegen werden kann, halten wir es für unsere Pflicht, die Touristen auf zwei kürzere, freilich etwas steiler führende Waldwege aufmerksam zu machen. 1. Vom Forsthause Hut (Siehe Joachimsthaler Spaziergänge 7) nach der Pfarrwiese unterhalb der Reichen-Geschieb-Zeche, über's Pfarrknöchel zum Press und von da auf die sog. Sonnenwirbeler Strasse. 2. Vom Pfarrknöchel zum ärarischen Wassergraben bis zum Unruhstollen, von da über die Maderwiese zu den Unruhhäusern und weiter zum Keilberg. (Man nehme einen Führer.)

14. Zum Spitzberg. Haben wir denselben erstiegen, so breitet sich ringsum ein reiches Panorama aus. Man hat im Osten vor sich das Riesenhaupt des Keilberges, der, von unserem Standpunkte betrachtet, wegen seiner imposanten, keilförmigen Ausdehnung nach Südost so recht seinen Namen rechtfertigt, weiter links den Fichtelberg in Sachsen und zwischen den beiden Giganten des Erzgebirges ganz im Vordergrunde »auf tiefverlass'ner stiller Bergeshaide« das Städtchen Gottesgab mit seinem Territorium. Nach Norden hin sehen wir ausgedehnte, endlose Waldungen, nach Nordwest die Gegend bei Johanngeorgenstadt, Eibenstock und immer westlicher die deutlichen Conturen des Fichtelgebirges. Die schönste Aussicht aber bietet sich dem Beschauer nach Süden und Südwesten; denn der Spitzberg beherrscht beinahe die Hälfte des Egerer Kreises. Vor uns liegen der kahle Plessberg bei Abertham, die dürre Haide bei Wölfling und andere Punkte der Erzgebirgswelt; das Duppauer- und Tepler-Gebirge, sowie der Kaiserwald bilden den Hintergrund des herrlichen Landschaftsgemäldes, aus dem ein Theil von Schlackenwerth, die nächste Umgebung Lichtenstadt's, der Grossteich, der Karlsbader Bahnhof, die Ruine Engelhaus, Giesshübel, Tüppelsgrün und in blauer Ferne die Gegend bei Maria-Kulm bis in die nächste Umgegend von Eger hervortreten; ausserdem gewahrt man die Umgebung von Einsiedl und Marienbad.

Tour: Joachimsthal-Abertham-Bärringen-Platten-Breitenbach-Johanngeorgenstadt.

Wir gehen auf derselben Strasse, die wir auf unserer Reise nach Gottesgab benützten (siehe Tour Joachimsthal-Gottesgab), bei der Dekanalkirche durch das Oberthal, wo die Berge ziemlich nahe zusammentreten, stets bergan und treten bald oberhalb des links im Thale einsam stehenden Nadelhäusel's bei den Gneis-Steinbrüchen in den herrlichen Fichtenwald, der zu beiden Seiten der Strasse uns begleitet. Dieselbe macht kurz darauf eine Biegung nach Westen, und wir kommen dann zu jener Stelle, wo bei einer steinernen, die Fahrwege markirenden Säule links von der Reichsstrasse die Strasse nach Abertham abbiegt. Wir betreten letztere, die bei allmählicher Steigung erst eine nordwestliche, nach einer abermaligen Biegung aber eine südwestliche Richtung einschlägt und schreiten nach ¾stündiger Wanderung an dem rechts von der Strasse am Fusse des Werlsberges liegenden, zur Gemeinde Joachimsthal gehörigen Orte Werlsberg vorbei. Schattige Nadelwaldungen erquicken noch immer Auge und Herz. Auf der Höhe angekommen, tritt zur Linken der Wald zurück und öffnet uns die Aussicht auf die angrenzende Wiesenflur und den etwas entfernteren Plessberg, während er zur Rechten längs der immer mehr sich senkenden Strasse uns noch kurze Zeit das Geleite gibt, um uns bei seinem Scheiden den freien Blick auf das grosse, krippenartig zerstreute Dorf Hengstererben, das zur Gemeinde Abertham gehört, zu gewähren. Wir überschreiten unterhalb Abertham's eine über die rothe Wistritz führende Brücke und erblicken links den sog. Modersgrund, ein Seitenthal, das von genanntem Wässerlein durcheilt wird und sich in mehreren Krümmungen südlich gegen Salmthal zieht, wo es in das Wistritzthal mündet. Noch einen steilen Abhang empor, und wir sind nach 1½stündiger Tour in Abertham, das uns schon von der Höhe aus durch seine Lage erfreut hat. (Wir wollen hier besonders bemerken, dass von Joachimsthal nach Abertham ein kürzerer, freilich etwas steiler, sonst aber empfehlenswerther Fussweg führt. Man geht zur Neustadt (siehe Joachimsthaler Ausflüge 8), schlägt daselbst bei der Kapelle den Weg rechts ein, der hinter den Häusern sich in eine Strasse verwandelt, die längs den Schweizerhalden über den Kamm nach der Eliaszeche führt; von dort leitet ein Weg nach Werlsberg, der in die von Joachimsthal nach Abertham führende Strasse mündet.)


Abertham.

Gasthöfe: »Hôtel zur Stadt Wien« und »Gasthaus zur Stadt Berlin«.

Postamt. Bürgermeisteramt.

Abertham liegt an einem kleinen Bache, der Rothen Wistritz unweit am Fusse des waldlosen, gras- und moosbewachsenen Plessberges auf einem rauhen Hochplateau, »auf welchem man an einem Abhange gleich einem Bethlehem des alten Bergstädtchens gewahr wird, dessen nette, aber meist hölzerne Häuser krippenspielartig gelagert sind und mit dem dazu gehörigen Orte Hengstererben sich einigen.« Die Bevölkerung nährt sich durch Viehzucht, Spitzenklöppelei und Handschuhfabrication. Auch hier werden, wie in Bärringen, junge Gimpel aufgezogen und mit ihnen passende Melodien eingeübt, was den Züchtern jährlich ein hübsches Geldsümmchen einbringt.

Sehenswürdigkeiten. Handschuhfabrik des Alois Chiba. Die St. Mauriz-Zinn-Zeche (bei Hengstererben). Abertham, das seine Entstehung dem 1529 hier beginnenden Bergbau verdankte, gehörte zu Joachimsthal und theilte mit dieser Stadt bis in's XVII. Jahrhundert Gutes und Böses. Am ergiebigsten war die Silberausbeute in den Jahren von 1531–1558. Die St. Lorenz-Fundgrube soll bis 1562 allein für 209.992 Goldgulden Ausbeute an Silber geliefert haben.

Besteigung des Plessberges. Dieser Berg, der wegen seiner herrlichen Aussicht des Besuches werth ist, hat eine Höhe von 1025m. Er liegt südöstlich von Abertham und kann von einem rüstigen Fussgänger in ¾ Stunden erreicht werden. Sein Plateau ist ziemlich eben, mit einer Triangulirungspyramide versehen und von drei Seiten zugänglich, und zwar: von Seite des sog. Mühlberges bei Abertham (dies ist der kürzeste Weg, doch verweichlichten Touristen wegen vieler nassen Wiesen nicht zu empfehlen), durch den Modersgrund über Oberkaff (Kaff liegt am Gehänge des Plessberges, gegen das Wistritzthal) (dies ist der beste Weg) und über die sogenannte weite Wiese (diese liegt in joachimsthaler städt. Waldungen und befindet sich unweit Werlsberg ein Hegerhaus.)

Wir erblicken gegen Norden und Nordwesten: Abertham mit Hengstererben, die Kirchthürme und einige höher gelegene Häuser von Bärringen und Platten. (Die Aussicht in weitere Ferne wird durch bewaldete Berge gehemmt); gegen Nordosten und Osten bietet sich dem Auge ein coupirtes, mit Waldungen bedecktes Terrain dar, aus dem einzelne Häuser von Werlsberg, Werlsgrün und Mariasorg wunderschön hervorlugen; der Spitzberg (rechts davon der Kirchthurm von Gottesgab) und der Keilberg schliessen die weitere Aussicht ab. Die reichste und lohnendste Fernsicht ist gegen Südost und Süden, denn in diesen Richtungen erschliesst sich ein prachtvolles Landschaftsbild bis auf 5 Meilen Entfernung. Deutlich sichtbar ist: Kaff, Lindig, Ullersgrün, Pfaffengrün, Schlackenwerth mit den umliegenden Dörfern (Liditzau, Müritschau, Permesgrün, Neudau, Elm, Haid, Langgrün und Gfell), weiterhin Karlsbad mit den Dörfern (Zettlitz, Dallwitz, Hohenhof), dann die reichbewaldete Berglehne zwischen Karlsbad und Puchstein (Giesshübler Sauerbrunn) mit der Ruine Engelhaus. Bei reinem Wetter oder nach einem Gewitterregen kann man mit einem halbwegs bewaffneten Auge die Fenster des Schlosses zu Giesshübel zählen und sieht in weitester Ferne Gabhorn (bei Petschau) und eine Menge umliegender Dörfer, darüber hinaus das Tepler Gebirge mit dem branischauer Berge bei Theusing, dem prohomuter Berge, der wie eine Brille sieht, der Stenzka zwischen Neumarkt und Tepel und dem Podhorn bei Marienbad, ferner viele zerstreut liegende Ortschaften gegen Duppau. Die Fernsicht gegen Prag zu hemmt der Oedschlossberg bei Duppau, die höchste Kuppe des Buchwaldes, und der Gross(Heu)berg bei Jokes. Leider beschränkt der Glasberg mit den wöflinger Waldungen die Aussicht gegen Westen und Südwesten gänzlich, bei hellem Horizonte aber sind bewaldete Kuppen bemerkbar, die wohl höher gelegene Berge bei Königsberg oder auch Theile des Fichtelgebirges sein mögen.

Oberhalb der Stadt Abertham, der sich fast unmittelbar der Ort Ober-Fischbach anreiht, führt die Strasse auf dem öden, rauhen Plateau zwischen Wiesen, Hutweiden und Mooslagern, senkt sich dann, und wir gelangen in ½ Stunde nach Bärringen. (Siehe Tour Karlsbad-Lichtenstadt-Bärringen.)

Von Bärringen nimmt die Strasse bei mässiger Steigung eine nördliche Richtung, wir durchschreiten bald einen Wald, an dessen Saume wir bei der sog. Plattner Säule die Anhöhe erreichen. Von hier erblicken wir die Stadt Platten, die wir bei allmählicher Senkung der Strasse nach ½stündiger Tour betreten. (Denjenigen Touristen, die Bärringen bereits kennen, sei der von Abertham direct nach Platten zwischen Wiesen und Feldern führende Fussweg der Kürze wegen besonders empfohlen; er zweigt in Abertham rechts von der Strasse ab und mündet unterhalb der Plattersäule wieder in die Strasse. Siehe Tour Neudek-Platten.)

Durch die Kaisergasse in Platten geht die Strasse westlich, wendet sich bald mehr nordwestlich und führt in mehreren Windungen durch ein schönes, anmuthendes Waldthal, das der Breitenbach durchfliesst, nach dem Dorfe Breitenbach (¾ St.). Auf dem Wege dahin sehen wir die sog. Heinrichssteinfelsen, 3 Mühlen und 2 Holzschleifereien des Friedrich Karl Richter und Weizmann (Hahns Gasthaus zur Sonne).

Seiten-Tour Joachimsthal-Spitzberg-Seifen-Irrgang-Zwittermühl-Jungenhengst-Wittigsthal.

Man geht auf der Strasse nach Abertham bis zum Wegweiser, der uns die rechts zum Spitzberge (1½ St.) und von da nach Försterhäuser (¼ St.) und nach Seifen (¼ St.) führende Strasse angibt. Letzterer Ort liegt am Wassergraben (siehe Platten). Nun geht man entweder direct nach Zwittermühl (½ St.), das am Schwarzwasser liegt, oder betritt die über Irrgang (Eisenwerk) dorthin leitende Bezirksstrasse. Von Zwittermühl führt die Strasse durch das *reizende Schwarzwasserthal nach Jungenhengst, Brettmühl und Wittigsthal (Sachsen).

Tour Joachimsthal-Gottesgab-Weipert.

Von Joachimsthal führt über Gottesgab nach Weipert eine gute Strasse. (4 St.) Wir schlagen entweder die rechts bei der Dekanalkirche vorüberleitende Strasse ein, oder gehen an der links davon befindlichen Häuserreihe den Weg durch das Oberthal aufwärts, der sich bei den letzten Häusern mit der Strasse vereinigt. Diese geht nur noch eine kleine Strecke thalauf (der Fussgänger verfolge den Thalweg bis zur Strasse weiter), erklimmt in zwei Windungen die Berglehne und führt durch prächtige Waldungen auf den rauhen, moorreichen Kamm des Gebirges; wir schneiden aber kurz nach Eintritt in den Wald die vielfachen Krümmungen der Strasse ab, indem wir den rechts abzweigenden, stark betretenen, aber etwas steil ansteigenden Fussweg wählen, der auf dem Plateau am Ende des Waldes in die Strasse mündet, die uns endlich nach einstündiger Tour nach Gottesgab bringt.


Gottesgab.

Gasthöfe: »Zum grünen Haus« und »Zur Stadt Berlin«. (Beide an der Strasse, ersterer zur Linken, letzterer zur Rechten).

Postamt (an der Strasse).

Aemter: Bürgermeisteramt (am Marktplatze). Zollamt.

Beschreibung und Geschichte der Stadt.

Die kön. Bergstadt Gottesgab liegt auf einem überaus stiefmütterlich ausgestatteten, unwirthbaren und frostig-rauhen Moor-Plateau hart an der sächsischen Grenze, 1015 Meter ü. M., und ist die höchstgelegene Stadt der österreichisch-ungarischen Monarchie. Auf dieser baumlosen, öden Hochfläche, auf welcher nur ein dürftiger, doch sicherer Graswuchs fortkommt, wird der Hafer selten reif, und der Kartoffelbau, der in manchen Jahren ganz misslungen ist, lohnt kaum die Saat und Pflege; daher beschränkt sich die Landwirthschaft fast ausnahmslos auf die Viehzucht. Das Städtchen, welches sehr regelmässig angelegt ist und einen grossen, quadratischen Marktplatz besitzt, zählt 1600 Einwohner, die grösstentheils auf Hausindustrie angewiesen sind. Die weibliche Bevölkerung beschäftigt sich hauptsächlich mit Spitzenklöppeln, Weissnäherei u. dgl., auf die männliche aber, von der ein Theil Weissstickerei betreibt, lässt sich Schiller's Wort: »Der Mann muss hinaus in's feindliche Leben« im weitesten Sinne anwenden; sie zieht hinaus in die Welt, um durch Musik und Handel das Brot zu verdienen. »Fahrende« Musikkünstler aus Gottesgab sind in aller Herren Ländern zu finden. Ursprünglich hiess das Städtchen Wintersgrün, erhielt aber seiner reichlichen Silbererze wegen von frommen und dankbaren Bergleuten den bedeutungsvollen Namen Gottes Gabe. Der Sage nach soll dieser Namen von Johann Friedrich, Churfürsten von Sachsen, herrühren, dem man bei einem Besuche einen aus einer Silberstufe ausgehauenen Sessel zum Niedersetzen vorgesetzt habe. Der fromme Churfürst habe aber dieses Anerbieten mit den Worten abgewiesen: »Das sei Gottes Gabe, und so soll die Stadt hinfüro genannt werden.« Sehenswerth sind: »Die Klöppelschule«, gegründet von dem thatkräftigen »Central-Comité zur Beförderung der Erwerbsthätigkeit der böhm. Erz- und Riesengebirgsbewohner«, und zwei Maschinenstickerei-Fabriken des Karl Günther und Günther und Schönfelder. Seine Entstehung verdankt Gottesgab dem Silberbergbau; ein Herr von Tetau soll es im Anfange des XVI. Jahrhunderts angelegt haben. Im Jahre 1532 begann der Bergbau auf Silber. Der Churfürst Johann Friedrich von Sachsen gab der Stadt 1534 eine Bergfreiheit und 1546 das Privilegium als eine freie Bergstadt. Kraft eines im Jahre 1556 mit Moriz von Sachsen abgeschlossenen Vertrages kam Gottesgab an Böhmen.

Wie an vielen anderen Orten des Erzgebirges ist auch hier der ehemals blühende Bergbau ganz eingestellt; nur Halden, Pingen, Stollen zeugen von einstigen unterirdischen Metallschätzen. Die am 4. Mai 1808 ausgebrochene Feuersbrunst legte 142 Häuser sammt dem Rathhause, der Pfarrei und Schule in Asche. Dadurch verarmten viele Bewohner, die überdies durch die grosse Theuerung i. J. 1817 viel Ungemach zu leiden hatten. Nur die wohlthätige Unterstützung Böhmens rettete die Stadt vor Hungersnoth. Bei dieser Gelegenheit erwarb sich der damalige Pfarrer von Gottesgab, Franz Wilhelm Tippmann, später Weihbischof des Prager Domcapitels, bedeutende, unvergessliche Verdienste. Derselbe stiftete auch, durchdrungen von wahrer christlicher Nächstenliebe, ein Spital. – Gottesgab ist die Geburtsstätte mehrerer verdienter Deutschböhmen: Thaddäus Peithner war k. k. Hofrath, Johann Theodor Anton Peithner Ritter von Lichtenfels war Bergrath und Bergwerkshistoriker (gest. 1792) und Josef Köhler starb als General-Grossmeister des Kreuzherrenordens zu Prag.

*Besteigung des Keilberges. (¾ St.) Etwa 300 Schritte oberhalb des Zollschrankens zweigt von der Kaiserstrasse zu unserer Linken eine Strasse über Sächs. Wiesenthal nach Annaberg in Sachsen ab. Auf ersterer in südöstlicher Richtung weiterschreitend (falls man nicht schon früher einen rechts von der Strasse führenden, sehr empfehlenswerten Wiesenweg, der bis zu den Sonnenwirbelhäusern leitet, gewählt hat), erblicken wir geradeaus die drei Sonnenwirbelhäuser, die höchsten Wohnungen des Erzgebirges. Immer bedeutender wird die Steigung der Strasse; nach ¼stündiger Wanderung nähern wir uns dem Sonnenwirbel (so wird gewöhnlich die westliche Kuppe des Keilberges genannt), dessen nördliche Abdachung nur mit spärlichem Fichtenbestand bedeckt ist; nach unten zieht sich der sog. Kaltewintergrund hin, der wohl die traurigste Gegend des Erzgebirges ist; denn auf der Mitternachtseite, wo selten oder nie ein Sonnenstrahl in diese beinahe unheimliche Schlucht dringt, liegt selbst im Juni noch Schnee. Und doch findet sich daselbst eine Ansiedlung, der »Kalte Winter«, im Volksmunde »Böhmisch Sibirien« genannt. Die Bewohner dieser Einschichte können bei schrecklichen Schneestürmen oft acht Tage lang nicht aus dem Hause, und es wäre fürwahr tollkühn, wenn sie sich aufs Geradewohl durch die klafterhohen Schneemassen einen Weg bahnen wollten. Noch eine kurze Strecke aufwärts und es entrollt sich vor unseren Blicken ein überraschendes Panorama. Südlich vor uns breitet sich ein imposantes Seitenthal aus, dessen schützende Lehnen mit stattlichen Wäldern bedeckt sind. Hier in nächster Nähe fristet die verkrümmte Fichte, ja sogar die sonst zähe Eberesche ein kümmerliches Dasein und dort unten im Thale strecken Tannen, Lärchen, Birken und Buchen ihre Häupter stolz empor. Welch ein Contrast! Den Hintergrund der herrlichen Scenerie bildet das grossartige Gebäude der Joachimsthaler k. k. Zigarrenfabrik. Nach einigen Minuten zeigt uns ein Wegweiser mit der Aufschrift »Zum Keilberg« an, dass wir die Strasse verlassen und einen gut erhaltenen Fahrweg betreten müssen, der uns bis auf die höchste Kuppe des Keilberges führt. »Dieser Höhenpunkt, der höchste im Erzgebirge, bildet gewissermassen den Hauptstock des ganzen Gebirges; einen Gebirgsknoten, von welchem dasselbe in nordöstlicher und südwestlicher Richtung verläuft, dessen höchste Punkte sich zunächst um ihn gruppiren, so dass es hier fast das Ansehen eines Hochgebirges erhält.« Diese Bezeichnung kommt vorzugsweise dem steilen südlichen Abfalle oder Joche des Keilberges zu, auf welchem sich mehre Kuppen mit abfallender Höhe, am bedeutendsten der Leerberg, die Kuppen bei Dornberg und bei Marletzgrün, dann die Berge bei Hauenstein (der Hauensteiner Schlossberg, westlich von ihm der Maierrang und östlich der Eichelberg) hervorheben. Der Fuss dieses Gebirgsjoches wird unmittelbar von der Thalebene (Egerthal) begrenzt, aus welcher es plötzlich sehr schroff emporsteigt. Westlich ist es durch das tief eingeschnittene Weseritzthal begrenzt, in welches einige enge, von hohen, steilen Gehängen eingefasste Seitenthäler einmünden. Diese steilen Abhänge und hohen Gehänge der engen Thäler, die Gruppirung ansehnlicher Kuppen, welche in ihrer Zusammensetzung einander überragen, geben ihm hier mehr als an einer anderen Stelle seiner Verbreitung das Ansehen eines »Hochgebirges.« Die bedeutendsten Höhenpunkte, welche sich um den Keilberg gruppiren, sind: (im Norden) der Fichtelberg (jenseits der Landesgrenze), der Gattersberg (zwischen Stolzenhahn und Wiesenthal), der Hofberg, der Riegelberg, der Grosse und Kleine Wolfsberg (nordöstl. von Stolzenhahn) und der Blaselsberg (zwischen Stolzenhahn und Kupferberg); (im Osten) der Wirbelstein (nördlich vom Hauensteiner Forsthause), der Eisenkopf und der Buchberg; (im Süden) die hohe Wiese, weiter abwärts der Schobert- oder Schubertberg und westlich von diesen der Hohe Berg und der sagenreiche Graue Stein, von welchen beiden dann die Gehänge dieser Bergmasse in Absätzen in das Thal abfallen; (im Westen) der Spitzberg (bei Gottesgab), der Steinhübel (bei Irrgang), der Plattenberg (östl. von Platten), der Buchberg (westl. von Platten); (im Nordwesten) der Kaffberg und der Mückenberg (bei Goldenhöhe).

Den höchsten Punkt des Keilberges krönt ein 21 Fuss hohes, einfaches, aber sehr fest und praktisch gebautes Aussichtsobject, das der Erzgebirgsverein in Joachimsthal im Jahre 1880 errichtet hat. Haben wir die zweite Terrasse dieses Objectes bestiegen, so eröffnet sich uns eine umfassende, wahrhaft grossartige, überwältigende Rundsicht, die uns unwillkürlich an die vortrefflichen Worte Karl Egon von Eberts, des hochgefeierten Altmeisters der deutsch-böhmischen Dichter, erinnert:

»Ihr Berge, stolze Berge, du schwarze Wäldernacht,
Ihr golderfüllten Ströme, ihr Au'n in grüner Pracht,
Ihr sanft gewölbten Hügel im blumigen Gewand,
Euch nenn' ich freudig rufend, mein schönes Vaterland!«

In nächster Nähe streben dicht an einander gereiht, wie Mastbäume die schlank gewachsenen Fichten und Tannen des prächtigen Schwarzwaldes (die ausgedehnten, herrlichen Waldungen, am Südabhange des Keilberges führen diesen Namen) empor, an den sich weithin nach den verschiedenen Richtungen die gewaltige Waldregion, ein förmliches Forstmeer, der mannigfaltigen Höhenzüge mit ihren Kuppen anreiht; denn der Blick schweift bei heiterem Himmel über das ganze (besonders das böhmische) Erzgebirge vom Böhmerwalde und Fichtelgebirge bis an das Riesengebirge, eine wundervolle Aussicht, wie sie in solchem Masse kein zweiter Punkt im ganzen Erzgebirge bietet. In südöstlicher Richtung sehen wir die Städte: Saaz, Kaaden, Klösterle und viele grössere und kleinere Ortschaften (mit einem guten Fernglase sieht man bei heiterem Himmel sogar den historischen weissen Berg bei Prag); östlich gewahren wir zunächst Kupferberg mit dem kegelförmigen Kupferhügel (letzterer ist gegen unseren Standpunkt verschwindend klein) und in weiterer Entfernung links Dörnsdorf, Reischdorf, die Kirchthurmspitze von Pressnitz. Ganz im Hintergrunde erblicken wir die Kuppen des herrlichen böhmischen Mittelgebirges mit dem Milleschauer. Gegen Norden verdecken die beiden Fichtelberge die Aussicht nach Sachsen, doch ist diese nach Nordost lohnend. (Schmiedeberg, Jöhstadt, Weipert, Annaberg); der Bahnhof von Weipert, die Kirche von Annaberg und die imposante Volksschule in Schmiedeberg sind mit freiem Auge sichtbar. Gegen Süden bemerken wir das Duppauer Gebirge mit der Ruine Engelhaus, den Bahnhof von Karlsbad, ferner Schlackenwerth und das liebliche, reizvolle Egerthal, im Südwesten im Hintergrunde den Dillenberg bei Eger, den Kaiserwald, im Westen das Fichtelgebirge mit dem Hainberge bei Asch. Bei dieser Darlegung wurde nur das Wichtigste hervorgehoben, denn alle einzelnen Punkte dieses farbenprächtigen Panoramas zu schildern, lässt der Raum des Buches nicht zu, zudem wir in anderer Beziehung des Keilberges gedenken mussten. Erhaben und schön ist auf diesem Berge die Beobachtung des Sonnenaufganges. (Der Botaniker findet Moose und Vorboten subalpiner und selbst alpiner Pflanzen).

Um unsere beabsichtigte Tour zu vollenden, kehren wir wieder bis zum bekannten Wegweiser zurück, wo wir die nach Weipert führende Strasse weiter verfolgen; dieselbe zieht sich anfangs einige hundert Schritte auf der Ebene dahin, senkt sich dann allmählig, und wir sehen plötzlich bei einer Biegung ein malerisches Bild. Wie hingegossen liegt das sächsische Städtchen Oberwiesenthal vor uns, das bloss durch die Pöhl von Böhmisch-Wiesenthal getrennt ist. Man wird nicht satt, dieses Bild zu betrachten, immer wieder zieht es das Auge des Touristen auf sich. Wir steigen indess tiefer und gelangen zu den Hofberghäusern mit dem anständigen Gasthof »Hofberg« (Hier biegt, rechts die Strasse nach Kupferberg, links nach Böhmisch-Wiesenthal ab). Nachdem wir durch eine kleine Erfrischung uns erquickt haben, schreiten wir auf der Strasse bei kaum wahrnehmbarer Senkung zur rechten Seite des grossen Dorfes Stolzenhahn hin und erreichen nach einer ½stündigen Wanderung durch eine zu beiden Seiten der Strasse liegende liebliche Waldung Böhmisch-Hammer, wo sich rechts die Strasse nach Schmiedeberg abzweigt. (Gleich oberhalb des Dörfchens ist ein ansehnlicher Viaduct der Buschtěhrader Zweigbahn Komotau-Weipert bemerkenswerth.) An der Strasse selbst liegt der ansehnliche Gasthof »zum Schlössl.« Immer näher zieht sich dieselbe an der Landesgrenze auf der Ebene dahin und wir erblicken bald auf böhmischem, bald auf sächsischem Boden ein Gehöfte, eine Mahl- oder Papiermühle, ein Gasthaus u. dgl., was uns eine annehmbare Abwechslung gewährt. Wir merken kaum, dass wir uns schon Weipert-Neugeschrei, der Vorstadt Weiperts, nähern. Hier liegen die Häuser einzeln gebaut, zu beiden Seiten der Strasse. Von Gottesgab, noch besser von Försterhäuser (siehe oben), können wir, in Försterhäuser unweit des Forsthauses abbiegend, eine prächtige Seitentour ausführen. Wir gehen auf einer guten, durch herrliche Wälder führenden Strasse oder auf einem Fusswege am Goldenhöher Forsthause vorüber in das idyllisch gelegene Dorf *Goldenhöhe, dann nach der sogenannten böhmischen Mühle und von da weiter nach Sachsen. Dieser, zwei Stunden bis zur Grenze in Anspruch nehmende Weg ist herrlich. Die schönen, wohlgepflegten Waldbestände erwecken die Bewunderung jedes Touristen. Es ist eine ächte Gebirgswanderung. Bei der genannten Mühle öffnet sich das Thal, vom reissenden Pöhlbach durchbraust; wir überschreiten die Grenze, durchwandern das industriereiche, an beiden Abhängen des erweiterten Thales romantisch gelegene Dorf Rittersgrün und kommen in ¾ Stunden in *Globenstein an, wo die höchstinteressanten Felsgebilde unsere Aufmerksamkeit erwecken. Fortsetzung der Tour über Crandorf oder Raschau nach *Schwarzenberg. Herrliche Partie!