Der Verein.
Die Stimmung der Nation war von der Art, daß die Regierung noch viel mehr Blut hätte vergießen können, ohne den Vorwurf der Grausamkeit auf sich zu laden. Die Gesinnung, welche durch die Entdeckung des Complots erweckt worden war, nahm noch mehrere Wochen lang mit jedem Tage zu. Diese Gesinnung benutzten die an der Spitze der Whigpartei stehenden talentvollen Männer mit ausgezeichneter Umsicht. Sie sahen ein, daß die öffentliche Begeisterung, wenn sie sich selbst überlassen bliebe, in Hurrahs, Toasten und Freudenfeuern verrauchen würde, daß sie aber unter einer klugen Leitung das Mittel werden könnte, eine große und nachhaltige Wirkung zu erzeugen. Der Verein, den die Gemeinen gebildet hatten, während ihnen die Rede des Königs noch in den Ohren klang, bot das Mittel dar, um vier Fünftel der Nation zu einem großen Club zur Vertheidigung der Thronfolgeordnung, mit der die kostbarsten Freiheiten des englischen Volks untrennbar verknüpft waren, und zur Einführung eines Testes zu verbinden, welcher Diejenigen, die für jene Thronfolgeordnung begeistert waren, von Denen unterscheiden würde, die sie nur mit Unmuth und Widerstreben acceptirten. Von den fünfhundertdreißig Mitgliedern des Unterhauses unterzeichneten ungefähr vierhundertzwanzig freiwillig das Dokument, welches Wilhelm als rechtmäßigen und gesetzlichen König von England anerkannte. Im Oberhause wurde beantragt, die nämliche Form zu adoptiren; aber die Tories erhoben Einwendungen dagegen. Der stets gewissenhafte und ehrenwerthe, aber engherzige Nottingham erklärte, daß er den Worten „rechtmäßig” und „gesetzlich” nicht beistimmen könne. Er war noch immer der Meinung, der er von Anfang an gewesen war, daß ein Fürst, der die Krone nicht kraft seines Geburtsrechts, sondern als ein Geschenk der Convention trug, von Rechtswegen nicht so genannt werden könne. Wilhelm sei allerdings factischer König und habe als solcher Anspruch auf den Gehorsam der Christen. „Kein Mensch,” sagte Nottingham, „hat Sr. Majestät treuer gedient und wird ihm auch fernerhin treuer dienen als ich. Aber unter dieses Dokument kann ich meinen Namen nicht setzen.” Rochester und Normanby führten eine ähnliche Sprache. Dagegen ermahnte Monmouth die Lords in einer dritthalbstündigen Rede dringend, den Gemeinen beizutreten. Burnet sprach heftig für dieselbe Ansicht. Wharton, dessen Vater unlängst gestorben war und der nunmehr Lord Wharton hieß, stand ebenfalls in der vordersten Reihe der whiggistischen Peers. Am meisten aber zeichnete sich in der Debatte ein Mann aus, dessen öffentliches sowohl als Privatleben eine lange Reihe von Sünden und Unglücksfällen war: der blutschänderische Geliebte Henriette Berkeley’s, der unglückliche Leutnant Monmouth’s. Seit kurzem führte er nicht mehr den befleckten Namen Grey von Wark, sondern hieß jetzt Earl von Tankerville. Er sprach an diesem Tage mit großer Energie und Beredtsamkeit für die Worte „rechtmäßig und gesetzlich.” Leeds übernahm das Amt eines Vermittlers, nachdem er sein Bedauern ausgedrückt, daß eine Frage über eine bloße Phrase unter Edelleuten, welche alle dem regierenden Souverain mit gleicher Treue ergeben seien, Uneinigkeit hervorgerufen habe. Er schlug vor, daß Ihre Lordschaften, anstatt Wilhelm als rechtmäßigen und gesetzlichen König anzuerkennen, erklären sollten, er habe das gesetzliche Recht auf die englische Krone und kein Andrer habe irgend ein Recht auf diese Krone. Sonderbarerweise waren fast alle Tories durch den Vorschlag Leeds’ vollkommen befriedigt. Die Whigs jedoch waren zum Theil nicht geneigt, in eine Veränderung zu willigen, die trotz ihrer Geringfügigkeit zu dem Glauben Anlaß geben konnte, daß über einen Gegenstand von hoher Wichtigkeit zwischen beiden Häusern eine Meinungsverschiedenheit stattfinde. Aber Devonshire und Portland erklärten sich zufrieden, ihre Autorität drang durch, und die Aenderung wurde vorgenommen. In wiefern ein rechtmäßiger und gesetzlicher Besitzer sich von einem Besitzer unterscheidet, der nach dem Gesetz das ausschließliche Recht hat, ist eine Frage, die ein Whig ohne irgend ein peinliches Gefühl von Beschämung als über seinen Horizont gehend bezeichnen und deren Erörterung er den Hochkirchlichen überlassen kann. Dreiundachtzig Peers setzten auf der Stelle ihre Namen unter die amendirte Associationsformel, und Rochester war unter ihnen. Nottingham, noch nicht ganz befriedigt, bat um Bedenkzeit.[129]
Außerhalb der Mauern des Parlaments kümmerte man sich nicht um diese Wortklaubereien. Die Ausdrucksweise des Hauses der Gemeinen wurde vom ganzen Lande adoptirt. Die City von London ging voran. Binnen sechsunddreißig Stunden, nachdem die Vereinsurkunde auf Anordnung des Sprechers bekannt gemacht worden war, wurde sie von dem Lordmayor, den Aldermen und fast allen Mitgliedern des Gemeinderaths unterzeichnet. Diesem Beispiele folgten die Municipalcorporationen des ganzen Königreichs. Die Frühjahrsassisen begannen eben, und in jeder Grafschaftsstadt unterschrieben die Mitglieder der großen Jury und die Friedensrichter ihre Namen. Bald kamen Krämer, Handwerker, Freisassen, Pächter und Landwirthe zu Tausenden an die Tische, auf denen die Pergamente auslagen. Westminster zählte siebenunddreißigtausend Vereinsmitglieder, die Towerortschaften achttausend, Southwark achtzehntausend. Die Landbezirke von Surrey lieferten siebzehntausend. In Ipswich unterzeichneten sämmtliche Wahlbürger bis auf zwei. In Warwick unterschrieben alle männlichen Einwohner, die das sechzehnte Jahr erreicht hatten, mit Ausnahme von zwei Papisten und zwei Quäkern. In Taunton, wo die blutigen Assisen noch in frischem Andenken waren, erklärte jeder des Schreibens Kundige seinen Anschluß an die Regierung. Alle Kirchen und Bethäuser der Stadt waren in einem Maße wie noch nie mit Leuten gefüllt, welche kamen um Gott für die Erhaltung des Mannes zu danken, den sie liebevoll Wilhelm den Befreier nannten. Von allen Grafschaften England’s war Lancashire die jakobitischeste. Gleichwohl lieferte Lancashire funfzigtausend Unterschriften. Von allen großen Städten England’s war Norwich die jakobitischeste. Die Magistratspersonen dieser Stadt galten für Freunde der exilirten Dynastie. Die Eidverweigerer waren zahlreich und hatten kurz vor der Entdeckung des Complots ungewöhnlich guten Muths geschienen und hatten sich ungewöhnlich viele Freiheiten herauszunehmen gewagt. Einer der vornehmsten Geistlichen des Schismas hatte daselbst eine Predigt gehalten, welche zu einem sonderbaren Verdacht Anlaß gab. Er hatte zum Text den Vers gewählt, in welchem der Prophet Jeremias verkündigt, daß der Tag der Rache gekommen sei, daß das Schwert trunken sein werde von Blut, daß der Herr der Heerschaaren ein Schlachtopfer haben werde im Lande gegen Mitternacht am Flusse Euphrat. Ganz kurz darauf erfuhr man, daß zur Zeit als diese Rede gehalten wurde, wirklich unter Barclay’s und Parkyns’ Leitung Schwerter geschliffen wurden zu einem blutigen Opfer am nördlichen Ufer der Themse. Der Unwille des gemeinen Volks von Norwich war nicht zu halten. Obgleich durch die Municipalbehörden eingeschüchtert, kam es in Masse herbei, um Wilhelm, dem rechtmäßigen und gesetzlichen Könige, Treue zu schwören. In Norfolk belief sich die Zahl der Unterschriften auf achtundvierzigtausend, in Suffolk auf siebzigtausend. Ueber fünfhundert Listen gingen aus allen Theilen England’s nach London. Die Anzahl der Namen, welche siebenundzwanzig von diesen Listen enthielten, betrug nach der London Gazette dreihundertvierzehntausend. Rechnet man die größtmögliche Zahl für betrügerische Angaben ab, so scheint doch soviel gewiß, daß der Verein die große Mehrheit der erwachsenen männlichen Bewohner England’s, die ihren Namen schreiben konnten, umfaßte. Die Fluth des Volksgefühls ging so hoch, daß Jemand, von dem man wußte, daß er nicht unterschrieben hatte, ernste Gefahr lief, öffentlich insultirt zu werden. An vielen Orten zeigte sich Niemand ohne ein rothes Band am Hute, worauf die Worte gestickt waren: General Association for King William. Einmal hatte ein Trupp Jakobiten die Dreistigkeit, in einer Straße London’s mit einer sinnbildlichen Devise zu paradiren, die ihre Verachtung des neuen feierlichen League und Covenant anzudeuten schien. Sie wurden augenblicklich durch den Pöbel auseinandergetrieben und ihre Anführer weidlich untergetaucht. Die Begeisterung verbreitete sich nach entlegenen Inseln, nach ausländischen Factoreien, nach entfernten Colonien. Die Association wurde unterzeichnet von den rauhen Fischern der Scilly Rocks, von den englischen Kaufleuten in Malaga, von den englischen Kaufleuten in Genua, von den Bürgern Newyork’s, von den Tabakpflanzern Virginien’s und von den Zuckerpflanzern auf Barbados.[130]
Durch den Erfolg kühn gemacht, wagten die Whighäupter noch einen Schritt weiter zu gehen. Sie brachten eine Bill zur Sicherung der Person und Regierung des Königs im Unterhause ein. Durch diese Bill wurde verordnet, daß Jeder, der während der Dauer des Kriegs ohne königliche Erlaubniß aus Frankreich nach England käme, den auf Hochverrath gesetzten Strafen verfallen, daß die Suspension der Habeascorpusacte bis zu Ende des Jahres 1696 fortdauern und daß alle von Wilhelm ernannten Beamten im Fall seines Ablebens ihre Stellen so lange behalten sollten, bis es seinem Nachfolger gefallen würde, sie zu entlassen. Die vom Hause der Gemeinen angenommene Associationsformel wurde feierlich bestätigt, und es wurde bestimmt, daß Niemand, der sie nicht unterzeichnete, einen Sitz in diesem Hause einnehmen oder ein bürgerliches oder militärisches Amt bekleiden sollte. Den Lords wurde gestattet, sich ihrer eigenen Formel zu bedienen, und über den Klerus wurde nichts gesagt.
Die Tories, mit Finch und Seymour an ihrer Spitze, beschwerten sich bitter über diesen neuen Test und wagten es einmal abstimmen zu lassen, wurden aber geschlagen. Finch scheint geduldig angehört worden zu sein; die verächtliche Art und Weise aber, in der Seymour von der Association sprach, erregte trotz aller Beredtsamkeit einen Sturm, dem er nicht Stand zu halten vermochte. Der laute Ruf: „der Tower! der Tower!” wurde vielfach gehört. Trotz seines hochmüthigen und gebieterischen Wesens war er gezwungen, seine Worte hinwegzuerklären, und er konnte durch Entschuldigungen, an die er wenig gewohnt war, kaum der Demüthigung entgehen, vor die Schranke gerufen zu werden und kniend einen Verweis zu erhalten. Die Bill wurde den Lords zugesandt und trotz der Opposition Rochester’s und Nottingham’s rasch angenommen.[131]