Noth des Volks; seine Stimmung und sein Verhalten.
Die Noth der unteren Volksklassen war groß und wurde noch vermehrt durch die Thorheiten der Magistratsbeamten und durch die Kunstgriffe der Mißvergnügten. Ein Squire, der zu dem Quorum gehörte, hielt es zuweilen für seine Schuldigkeit, in dieser schweren Prüfungszeit gegen seine Nachbarn die Billigkeit vorwalten zu lassen; da aber nicht zwei von diesen ländlichen Prätoren genau dieselben Begriffe von der Billigkeit hatten, so wurde durch ihre Edicte die Verwirrung immer ärger. In dem einen Kirchspiele wurde den Leuten, in offenem Widerspruch mit dem Gesetz, Gefängnißstrafe angedroht, wenn sie sich weigerten, beschnittene Schillinge in Zahlung anzunehmen. Im nächsten Kirchspiel war es gefährlich, solche Schillinge anders als nach dem Gewicht auszugeben.[27] Die Feinde der Regierung waren zu gleicher Zeit in ihrem Berufe unermüdlich thätig. Sie haranguirten an allen öffentlichen Orten, vom Chokoladenhause in Saint-James Street bis zu der mit Sand bestreuten Küche der Dorfschenke. In Versen und in Prosa stachelten sie die leidende Menge zur bewaffneten Erhebung auf. Von den Schriften, welche sie damals erscheinen ließen, war die bemerkenswertheste von einem abgesetzten Priester, Namens Grascombe, geschrieben, dessen Heftigkeit und Gemeinheit sich die achtungswertheren Eidverweigerer schon längst schämten. Er that jetzt sein Möglichstes, um den Pöbel zu überzeugen, daß diejenigen Parlamentsmitglieder, welche für die Wiederherstellung der Valuta gestimmt hatten, in Stücken zerrissen werden müßten.[28] Es wäre zuviel gesagt, wollte man behaupten, daß das böswillige Treiben dieses Mannes und Anderer seines Gelichters auf eine Bevölkerung, die ohne Widerrede schwer geprüft wurde, keinen Eindruck gemacht habe. Es fanden in verschiedenen Gegenden des Landes Unruhen statt, die aber mit leichter Mühe und, soweit es sich ermitteln läßt, ohne einen Tropfen Blut zu vergießen, unterdrückt wurden.[29] An einem Orte belagerte ein Haufen armer unwissender Geschöpfe, durch einen nichtswürdigen Agitator angereizt, das Haus eines whiggistischen Parlamentsmitgliedes und verlangte lärmend die Umwechselung ihres zu leichten Geldes. Der Gentleman willigte ein, es ihnen umzutauschen und fragte wieviel sie mitgebracht hätten. Nach einer Weile vermochten sie nicht mehr als eine einzige beschnittene halbe Krone aufzuweisen.[30] Tumulte wie dieser wurden in der Entfernung zu Aufständen und Metzeleien vergrößert. In Paris wurde in gedruckten Schriften allen Ernstes versichert, daß in einer englischen Stadt, welche nicht genannt war, ein Soldat und ein Fleischer wegen eines Goldstücks in Streit gerathen seien, daß der Soldat den Fleischer getödtet, daß der Gehülfe des Fleischers hierauf ein Hackmesser ergriffen und den Soldaten erschlagen habe, daß sich ein großer Kampf entsponnen habe und daß funfzig Todte auf dem Platze geblieben seien.[31] In der Wirklichkeit aber war das Benehmen der großen Masse des Volks über alles Lob erhaben. Als die Richter im September von ihren Rundreisen zurückkehrten, berichteten sie, daß die Stimmung der Nation vortrefflich sei.[32] Sie zeige eine Geduld, eine Einsicht, eine Gutherzigkeit und eine Zuverlässigkeit, die Niemand erwartet habe. Jedermann sehe ein, daß nur gegenseitige Unterstützung und gegenseitige Nachsicht die Gesellschaft vor Auflösung bewahren könne. Auf einen hartherzigen Gläubiger, der streng auf den Tag Bezahlung in klingender Münze verlange, werde mit Fingern gezeigt und er von seinen eigenen Gläubigern mit Forderungen bestürmt, die ihn bald zur Vernunft brächten. Sehr besorgt war man wegen der Truppen gewesen. Es war kaum möglich, sie regelmäßig zu bezahlen; wenn sie nicht regelmäßig bezahlt wurden, mußte man mit gutem Grunde befürchten, daß sie ihren Bedürfnissen durch Raub genügen würden, und solche Räubereien ließ sich die Nation, welche ganz und gar nicht an militärische Erpressung und Tyrannei gewöhnt war, gewiß nicht ruhig gefallen. Merkwürdigerweise herrschte jedoch während dieses prüfungsreichen Jahres ein besseres Einvernehmen zwischen den Soldaten und der übrigen Gesellschaft, als man es je gekannt hatte. Die Gentry, die Landwirthe und die Krämer lieferten den Rothröcken ihre Bedürfnisse in so freundlicher und liberaler Weise, daß es weder Zwistigkeiten noch Marodiren gab. „So schmerzlich diese Calamitäten empfunden worden sind,” schreibt L’Hermitage, „haben sie doch etwas Erfreuliches bewirkt: sie haben gezeigt, wie gut der Geist des Landes ist. Kein Mensch, möge er eine noch so günstige Meinung von den Engländern gehabt haben, hätte erwarten können, daß eine Zeit solcher Noth eine Zeit solcher Ruhe sein würde.”
Männer, welche in dem so außerordentlich verwickelten Labyrinth der menschlichen Dinge die Spuren einer mehr als menschlichen Weisheit zu erkennen meinten, waren der Ansicht, daß ohne die Einmischung einer allgütigen Vorsehung der von großen Staatsmännern und großen Philosophen so mühsam entworfene Plan vollständig und schmachvoll gescheitert sein würde. Oftmals seit der Revolution waren die Engländer mürrisch und streitsüchtig, unvernünftig eifersüchtig auf die Holländer und geneigt gewesen, jeder Handlung des Königs die schlimmste Deutung zu geben. Hätte der 4. Mai unsere Vorfahren in einer solchen Stimmung gefunden, so unterliegt es kaum einem Zweifel, daß der drückende Nothstand, indem er schon gereizte Gemüther noch mehr reizte, einen Ausbruch veranlaßt haben würde, der Wilhelm’s Thron unfehlbar erschüttert, vielleicht sogar umgestürzt hätte. Zum Glück war der König in dem Augenblicke wo die Loyalität der Nation auf die härteste Probe gestellt wurde, populärer als er es seit dem Tage, an welchem ihm im Bankethause die Krone überreicht worden, je gewesen war. Die gegen sein Leben angezettelte Verschwörung hatte allgemeinen Unwillen und Abscheu erweckt. Sein zurückhaltendes Wesen, seine Anhänglichkeit an Ausländer waren vergessen. Er war für sein Volk ein Gegenstand der persönlichen Theilnahme und der persönlichen Zuneigung geworden. Allenthalben strömte es massenhaft herbei, um das Actenstück zu unterzeichnen, das sie verpflichtete, ihn zu vertheidigen und zu rächen. Allenthalben trugen sie Zeichen ihrer Loyalität gegen ihn an den Hüten. Nur schwer war es abzuhalten, den Wenigen, die sein Recht auf den Thron noch offen zu bestreiten wagten, eine summarische Bestrafung zu Theil werden zu lassen. Jakobit war jetzt gleichbedeutend mit Kehlabschneider. Angesehene jakobitische Laien hatten so eben einen schändlichen Mordanschlag gemacht. Angesehene jakobitische Priester hatten ganz unverhohlen und bei der Ausübung eines feierlichen Kirchendienstes ihre Billigung dieses Mordanschlags ausgesprochen. Viele rechtschaffene und fromme Männer, die der Meinung waren, daß ihre Unterthanentreue noch immer Jakob gebühre, hatten entrüstet jede Verbindung mit Zeloten abgebrochen, welche zu glauben schienen, daß ein guter Zweck die schlechtesten Mittel heilige. So war die Gesinnung der Nation während des Sommers und Herbstes 1696, und daher kam es, daß ein drückender Nothstand, der in jedem der vorhergehenden sieben Jahre sicherlich einen Aufstand, vielleicht eine Contrerevolution hervorgerufen haben würde, nicht eine einzige Ruhestörung veranlaßte, welche zu ernst gewesen wäre, um durch den Stab des Constablers unterdrückt werden zu können.