Louvois’ Tod.

Er würde seine Abreise wahrscheinlich aufgeschoben haben, wenn er gewußt hätte, daß die französische Regierung seit einiger Zeit großartige Anstalten zu einer Landung auf unsrer Insel traf.[99] Es war ein Ereigniß eingetreten, das die Politik des Hofes von Versailles geändert hatte. Louvois war nicht mehr. Er hatte ein Vierteljahrhundert lang an der Spitze der Militärverwaltung seines Vaterlandes gestanden, hatte bei der Leitung zweier Kriege, welche das französische Gebiet vergrößert und die Welt mit dem Ruhme der französischen Waffen erfüllt hatten, eine Hauptrolle gespielt und hatte den Anfang eines dritten Krieges erlebt, der die äußerste Anstrengung seines großen Genies in Anspruch nahm. Zwischen ihm und den berühmten Feldherren, die seine Pläne in Ausführung brachten, herrschte wenig Uebereinstimmung. Sein gebieterisches Wesen und sein Selbstvertrauen trieben ihn an, sich zuviel in die Führung der Truppen im Felde zu mischen, selbst wenn diese Truppen von einem Condé, einem Turenne oder einem Luxemburg befehligt wurden. Aber er war der größte Generaladjutant, der größte Generalquartiermeister, der größte Kriegscommissar, den Europa gesehen hatte. Man kann sogar von ihm sagen, daß er in der Kunst, die Armeen zu discipliniren, zu vertheilen, zu equipiren und zu verproviantiren, eine vollständige Revolution herbeigeführt hat. Aber trotz seiner Talente und seiner Dienste war er Ludwig und der Frau, welche Ludwig beherrschte, verhaßt geworden. Das letzte Mal, wo der König und der Minister über Geschäftssachen mit einander verhandelten, kam die Mißstimmung auf beiden Seiten mit Heftigkeit zum Ausbruch. Der Diener warf im Aerger sein Portefeuille auf die Erde, und der Gebieter, welcher vergaß, was ihm selten geschah, daß ein König jederzeit Cavalier sein muß, erhob seinen Stock. Zum Glück war seine Gemahlin anwesend. Sie ergriff mit gewohnter Besonnenheit seinen Arm, führte dann Louvois aus dem Zimmer und bat ihn dringend, den folgenden Tag wiederzukommen, als ob nichts vorgefallen wäre. Er kam wirklich am folgenden Tage wieder, aber mit dem Tode im Gesicht. Der König wurde, obgleich von Groll erfüllt, zu Mitleid gerührt und rieth Louvois nach Hause zu gehen und sich zu pflegen. Noch denselben Abend starb der große Minister.[100]

Louvois hatte sich beständig allen Plänen zur Invasion in England widersetzt. Sein Tod wurde daher in Saint-Germains als ein glückliches Ereigniß betrachtet.[101] Indessen mußte man sich doch betrübt stellen und einen Edelmann mit einigen Worten des Beileids nach Versailles schicken. Der Abgesandte fand den glänzenden Kreis der Höflinge auf der Terrasse über der Orangerie um ihren Gebieter versammelt. „Mein Herr,” sagte Ludwig in einem so sorglosen und heiteren Tone, daß alle Anwesenden darüber erstaunten, „bringen Sie dem Könige und der Königin von England meinen Gruß und meinen Dank und sagen Sie ihnen, das weder meine noch ihre Angelegenheiten sich in Folge dieses Ereignisses verschlechtern werden.” Diese Worte sollten ohne Zweifel andeuten, daß Louvois seinen Einfluß nicht zu Gunsten des Hauses Stuart angewendet habe.[102] Eine Anerkennung jedoch, aber eine Anerkennung, die Frankreich theuer zu stehen kam, glaubte Ludwig dem Gedächtnisse seines talentvollsten Dieners zollen zu müssen. Der Marquis von Barbesieux, Louvois’ Sohn, wurde in seinem fünfundzwanzigsten Jahre an die Spitze des Kriegsdepartements gestellt. Es fehlte dem jungen Manne keineswegs an Befähigung und er war schon seit einigen Jahren zu hochwichtigen Geschäften verwendet worden. Aber er besaß heftige Leidenschaften und kein gereiftes Urtheil, und seine unerwartete Erhebung verrückte ihm den Kopf. Sein Benehmen erregte allgemeinen Unwillen. Alte Offiziere beschwerten sich, daß er sie lange antichambriren lasse, während er sich mit seinen Windspielen und seinen Schmeichlern unterhalte. Wer bei ihm vorgelassen wurde, entfernte sich empört über seine Rücksichtslosigkeit und Anmaßung. Wie es in seinem Alter ganz natürlich war, legte er nur deshalb Werth auf die Macht, weil sie ihm die Mittel bot, sich Vergnügen zu verschaffen. Millionen Laubthaler wurden auf die prachtvolle Villa verwendet, in der er die Sorgen seines Amtes in fröhlicher Gesellschaft, bei leckeren Speisen und schäumendem Champagner zu vergessen liebte. Er schützte oft einen Fieberanfall vor, um sich wegen seines Nichterscheinens im königlichen Cabinet zur bestimmten Stunde zu entschuldigen, während er thatsächlich mit seinen Vergnügungsgefährten und Maitressen die Zeit in Nichtsthun hingebracht hatte. „Der französische König,” sagte Wilhelm, „hat einen sonderbaren Geschmack; er wählt eine alte Frau zur Maitresse und einen jungen Mann zum Minister.”[103]

Es kann kaum einem Zweifel unterliegen, daß Louvois durch Verfolgung des Weges, durch den er sich bei dem Hofe von Saint-Germains verhaßt gemacht, große Verdienste um sein Vaterland erworben hatte. Er ließ sich von dem jakobitischen Enthusiasmus nicht anstecken, denn er wußte sehr wohl, daß Verbannte die schlechtesten Rathgeber sind. Er war vortrefflich unterrichtet, er besaß einen außerordentlichen Scharfblick und erwog alle Möglichkeiten, und erkannte, daß eine Landung alle Aussicht hatte zu mißlingen, und zwar in sehr unheilvoller und schimpflicher Weise zu mißlingen. Jakob mochte freilich wohl danach verlangen, den Versuch zu machen, obgleich die Chancen wie Zehn zu Eins gegen ihn waren, denn er konnte gewinnen, aber nichts verlieren. Seine Thorheit und Hartnäckigkeit hatte ihm nichts gelassen, was er hätte aufs Spiel setzen können. Speise und Trank, Wohnung und Kleidung verdankte er der Mildthätigkeit. Nichts war natürlicher, als daß er bei der allergeringsten Aussicht, die drei Königreiche, die er von sich geworfen, wieder zu erlangen, geneigt war etwas ihm nicht Gehörendes, die Ehre der französischen Waffen und die Größe und das Wohl der französischen Monarchie, aufs Spiel zu setzen. Einem französischen Staatsmanne aber mußte ein solches Hazardspiel in einem ganz andren Lichte erscheinen. Doch Louvois war nicht mehr. Sein Gebieter gab dem Andringen Jakob’s nach und beschloß eine Expedition nach England zu schicken.[104]