Verschiedene Gerüchte über die Ursache von Marlborough’s Ungnade.
Die wahre Geschichte dieser Vorgänge war nur Wenigen bekannt. Evelyn, der gewöhnlich vortreffliche Erkundigungsquellen hatte, glaubte, daß die Bestechlichkeit und die Erpressung, deren Marlborough sich notorisch schuldig gemacht hatte, den königlichen Unwillen erregt hätten. Die holländischen Minister konnten den Generalstaaten nur sagen, daß Marlborough’s Feinde sechs verschiedene Geschichten in Umlauf gebracht hätten. Einige sagten, er habe sich indiscreterweise ein wichtiges militärisches Geheimniß entschlüpfen lassen; Andere, er habe unehrerbietig von Ihren Majestäten gesprochen; Andere, er habe zwischen der Königin und der Prinzessin Unfrieden gestiftet; Andere, er habe in der Armee Cabalen geschmiedet; Andere, er habe unbefugterweise mit der dänischen Regierung über die allgemeine europäische Politik correspondirt; noch Andere endlich, er habe mit den Agenten des Hofes von Saint-Germains verkehrt.[44] Seine Freunde widersprachen allen diesen Geschichten und behaupteten, sein einziges Verbrechen bestehe in seiner Abneigung gegen die Fremden, die über seine Landsleute dominirten, und er sei ein Opfer der Machinationen Portland’s geworden, von dem man wußte, daß er ihn nicht leiden konnte und den er eben nicht sehr artig einen hölzernen Patron genannt hatte. Das von Anfang an über der Geschichte von Marlborough’s Ungnade schwebende Dunkel wurde nach Verlauf von funfzig Jahren durch die schamlose Lügenhaftigkeit seiner Wittwe noch undurchdringlicher. Jakob’s gedrängte Darstellung zerreißt den Geheimnißschleier und giebt nicht nur darüber Aufklärung, warum Marlborough in Ungnade fiel, sondern auch darüber, wie mehrere von den Gerüchten über die Ursache seiner Ungnade entstanden sind.[45]
Bruch zwischen Marien und Anna.
Wenn auch Wilhelm dem Publikum keinen Grund angab, warum er durch Entlassung seines Dieners seine unbestrittene Prärogative ausübte, so war doch Anna von dem wahren Sachverhalt unterrichtet worden, und man hatte es ihr überlassen zu beurtheilen, ob ein Offizier, der sich eines schändlichen Verraths schuldig gemacht, ein passender Bewohner des Palastes sei. Drei Wochen vergingen. Lady Marlborough behielt noch immer ihren Posten und ihre Gemächer zu Whitehall inne, ihr Gatte wohnte noch immer bei ihr, und noch immer gaben der König und die Königin kein Zeichen von Mißfallen. Endlich beschloß die übermüthige und rachsüchtige Gräfin, durch ihre Langmuth dreist gemacht, ihnen offen zu trotzen, und begleitete ihre Gebieterin eines Abends in den Abendzirkel nach Kensington. Das war selbst der sanften Marie zu stark. Sie würde ihren Unwillen vor der ganzen Gesellschaft, welche die Spieltische umgab, geäußert haben, hätte sie nicht bedacht, daß ihre Schwester sich in einem Zustande befand, in welchem die Frauen Anspruch auf besondere Schonung haben. Sie sagte daher diesen Abend nichts; am folgenden Tage aber wurde der Prinzessin ein Brief von der Königin überbracht. Marie erklärte, daß sie eine Schwester, die sie liebe und bei der sie leicht über jeden gewöhnlichen Fehler hinwegsehen könne, ungern betrübe; aber die Sache sei zu ernst. Lady Marlborough müsse entlassen werden. So lange sie Whitehall bewohne, würde auch ihr Gatte daselbst wohnen. Sei es aber schicklich, daß ein Mann in seiner Lage den Palast seines beleidigten Gebieters bewohnen dürfe? Se. Majestät sei indessen so entschieden abgeneigt, selbst gegen den schlimmsten Uebelthäter mit Strenge zu verfahren, daß er auch dies sich habe gefallen lassen und es sich noch langer würde gefallen lassen haben, hätte nicht Anna die Gräfin veranlaßt, dem Könige und der Königin in ihrem eigenen Gesellschaftszimmer zu trotzen. „Es war unfreundlich von einer Schwester,” schrieb Marie; „es würde unartig von einer Gleichstehenden gewesen sein, und ich brauche wohl nicht zu sagen, daß ich mehr beanspruchen darf.” Die Prinzessin versuchte es in ihrer Antwort nicht, Marlborough zu rechtfertigen oder zu entschuldigen, sprach aber die feste Ueberzeugung aus, daß seine Gattin unschuldig sei, und beschwor die Königin, nicht auf einer so herzzerreißenden Trennung zu bestehen. „Es giebt kein Unglück,” schrieb Anna, „das ich nicht eher würde ertragen können als den Gedanken, mich von ihr zu trennen.”
Die Prinzessin ließ ihren Oheim Rochester kommen und bat ihn dringend, ihren Brief nach Kensington zu überbringen und dort ihr Fürsprecher zu sein. Rochester lehnte das Amt des Boten ab und zeigte sich, obwohl er die Eintracht zwischen seinen Verwandten herzustellen versuchte, durchaus nicht geneigt, zu Gunsten der Churchill zu sprechen. Er sah in der That schon seit langer Zeit mit höchstem Mißfallen die unbedingte Herrschaft, welche dieses characterlose Ehepaar über seine jüngere Nichte ausübte. Anna’s Schreiben wurde sonach der Königin durch einen Diener übersandt. Die einzige Antwort darauf war ein Handbillet von dem Lord Kammerherrn, Dorset, welches Lady Marlborough befahl, den Palast zu verlassen. Mrs. Morley wollte sich nicht von Mrs. Freeman trennen, und Mr. Morley war jeder Aufenthaltsort recht, wo er seine drei Gänge und seine drei Flaschen haben konnte. Die Prinzessin zog sich daher mit ihrer ganzen Familie nach Sion House, einer dem Herzoge von Somerset gehörenden, am Ufer der Themse gelegenen Villa zurück. In London bewohnte sie Berkeley House, das in Piccadilly in der Gegend stand, wo sich jetzt Devonshire House befindet.[46] Ihr Einkommen war ihr durch eine Parlamentsacte gesichert, aber keine Strafe, welche die Krone über sie zu verhängen die Macht hatte, wurde gespart. Ihre Ehrenwache wurde ihr entzogen. Die fremden Gesandten machten ihr nicht mehr die Aufwartung. Wenn sie nach Bath ging, schrieb der Staatssekretär an den dortigen Mayor, um ihn aufzufordern, sie nicht mit den Ehrenbezeigungen zu empfangen, mit denen königliche Besucher bewillkommnet zu werden pflegten. Wenn sie in der St. James-Kirche dem Gottesdienste beiwohnte, bemerkte sie, daß es dem Rector untersagt worden war, ihr die üblichen Achtungsbezeigungen zu erweisen, sich auf der Kanzel vor ihr zu verbeugen und eine Abschrift des Predigttextes auf ihr Kissen legen zu lassen. Selbst der Nachtwächter von Piccadilly, sagte man, vielleicht fälschlich, habe Ordre gehabt, nicht mehr unter ihren Fenstern von Berkeley House ihr Lob in seinen holprigen Versen zu singen.[47]
Daß Anna Unrecht hatte, war klar; nicht ganz so klar aber war es, ob der König und die Königin Recht hatten. Sie hätten ihr Mißfallen entweder ganz verbergen, oder die wahren Gründe desselben offen erklären sollen. Leider jedoch ließen sie Jedermann die Strafe sehen, aber kaum irgend Jemanden die Veranlassung dazu erfahren. Sie hätten bedenken sollen, daß bei mangelnder Kenntniß der Ursache eines Streits das Publikum von vornherein geneigt ist, für den schwächeren Theil Partei zu nehmen und daß diese Geneigtheit in dem Falle ganz besonders stark sein muß, wenn eine Schwester ohne sichtbaren Grund von einer Schwester hart behandelt wird. Sie hätten ferner auch bedenken sollen, daß sie die einzige verwundbare Seite von Mariens Character Angriffen preisgaben. Ein hartes Geschick hatte sie mit ihrem Vater verfeindet. Ihre Verleumder sprachen ihr jede natürliche Kindesliebe ab und selbst ihre Lobredner mußten, wenn sie von der Art und Weise sprachen, wie sie sich ihrer Kindespflichten entledigte, einen gedämpften und apologetischen Ton annehmen. Es konnte sich daher nicht unglücklicher treffen, als daß sie zum zweiten Male der Bande des Bluts uneingedenk erschien. So lag sie also nun im offenen Kriege mit den beiden Personen, die ihr nach dem Verwandtschaftsgrade am nächsten standen. Viele, welche ihr Benehmen gegen ihren Vater durch die dringende Gefahr, die ihr Vaterland und ihre Religion bedroht hatte, für gerechtfertigt hielten, vermochten nicht, ihr Verfahren gegen ihre Schwester zu vertheidigen. Während Marie, der man in dieser Angelegenheit thatsächlich nichts Schlimmeres zur Last legen konnte als Unbesonnenheit, von der Welt als eine Tyrannin betrachtet wurde, spielte Anna, die so strafbar war, als sie ihren geringen Fähigkeiten nach es nur immer sein konnte, die Theilnahme erweckende Rolle einer sanften, ergebenen Dulderin. In den vertrauten Briefen, welche mit dem Namen Morley unterschrieben waren, sprach die Prinzessin zwar die Gesinnungen einer Furie im Style eines Fischweibes aus, schimpfte maßlos auf die ganze holländische Nation und nannte ihren Schwager bald eine Ausgeburt, bald ein Monstrum, bald einen Caliban.[48] Aber die Nation hörte von ihrer Sprache und sah von ihrem Benehmen nur was anständig und unterwürfig war. Das Wahre scheint gewesen zu sein, daß die hämische und niedrigdenkende Gräfin den Ton der vertraulichen Correspondenz Ihrer Hoheit angab, während der liebenswürdige, ruhige und kluge Earl das Verfahren vorschreiben durfte, das der Oeffentlichkeit gegenüber zu beobachten war. Eine kurze Zeit lang wurde die Königin allgemein getadelt. Aber der Zauber ihres Characters und ihres Benehmens war unwiderstehlich, und binnen wenigen Monaten erlangte sie die verlorene Popularität wieder.[49]