Zustand des Theiles von Irland, welcher Jakob unterthan war.

Von dem Theile Irland’s, welcher Jakob noch als König anerkannte, konnte man inzwischen kaum sagen, daß daselbst Gesetzlichkeit, Eigenthumsrecht und Regierung bestanden. Die Katholiken von Ulster und Leinster waren zu Tausenden westwärts geflohen, einen großen Theil des Viehes, das der Verwüstung zweier Schreckensjahre entgangen war, mit sich führend. Die Zufuhr von Lebensmitteln in das celtische Gebiet hielt jedoch bei weitem nicht gleichen Schritt mit dem Zuströmen der Consumenten. Die Lebensbedürfnisse waren knapp. Bequemlichkeiten, an welche jeder kleine Landwirth oder Bürger in England gewöhnt war, konnten sich kaum Edelleute und Generäle erzeugen. Gemünztes Geld war gar nicht zu sehen, außer Stücken von schlechtem Metall, welche Kronen und Schillinge hießen. Die nominellen Preise waren enorm hoch. Ein Quart Ale kostete zwei Schilling sechs Pence, ein Quart Branntwein drei Pfund. Die einzigen Städte von einiger Bedeutung an der westlichen Küste waren Limerick und Galway, und die Kleinhändler in diesen Städten seufzten unter einem so harten Drucke, daß viele von ihnen sich mit den Ueberresten ihrer Waarenlager auf das englische Gebiet stahlen, wo ein Papist zwar auch mannichfache Beschränkungen und Demüthigungen zu ertragen hatte, aber doch für seine Waaren verlangen durfte was er wollte, und den Kaufpreis dafür in Silber erhielt. Die Kaufleute, welche in dem unglücklichen Gebiete zurückblieben, waren ruinirt. Jedes Waarenlager, das etwas Werthvolles enthielt, wurde von Räubern erbrochen, welche vorgaben, daß sie beauftragt seien, Vorräthe für den Staatsdienst herbeizuschaffen, und die Eigenthümer erhielten für Ballen Tuch und Fässer Zucker einige Bruchstücken von alten Kesseln und Tiegeln, die in London oder Paris kein Bettler genommen haben würde. Sobald ein Kauffahrteischiff in der Galwaybai oder im Shannon ankam, wurde es von diesen Räubern weggenommen. Die Ladung wurde fortgeschafft, und der Eigenthümer mußte sich mit demjenigen Quantum Kuhhäuten, Wolle und Talg begnügen, das die Bande, die ihn ausgeplündert, ihm zu geben Lust hatte. Die Folge davon war, daß, während ausländische Waaren massenhaft in die Häfen von Londonderry, Carrickfergus, Dublin, Waterford und Cork strömten, jeder Seemann Limerick und Galway als Piratennester mied.[75]

Der Unterschied zwischen dem irischen Infanteristen und dem irischen Rapparee war niemals genau markirt gewesen. Jetzt verschwand derselbe ganz. Ein großer Theil der Armee streifte ungehindert umher und lebte vom Maraudiren. Ein unaufhörlicher Raubkrieg wüthete längs der ganzen Linie, welche das Gebiet Wilhelm’s von dem Gebiete Jakob’s trennte. Jeden Tag stahlen sich Banden von Freibeutern, zuweilen in bloße Strohgeflechte gekleidet, welche die Stelle der Montur vertraten, auf das englische Gebiet, sengten, raubten und plünderten und eilten dann zurück auf ihren eigenen Grund und Boden. Es war nicht leicht, sich gegen diese Einfälle zu schützen, denn das Landvolk des geplünderten Gebiets sympathisirte stark mit den Plünderern. Den Speicher eines Ketzers auszuleeren, ihm sein Haus anzuzünden und sein Vieh wegzutreiben, galt bei jedem schmutzigen Bewohner einer Lehmhütte für ein gutes Werk. Ein darauf ausgehender Trupp durfte mit Sicherheit erwarten, daß er trotz aller Proklamationen der Lords Justices einen Freund fand, der die reichste Beute, den kürzesten Weg und den sichersten Versteck anzeigte. Die Engländer klagten, daß es nicht leicht sei, einen Rapparee zu fangen. Zuweilen, wenn er Gefahr im Anzuge sah, legte er sich in das lange Gras des Moors nieder, und dann war er eben so schwer zu finden wie ein sitzender Haase. Andere Male sprang er in einen Fluß und lag darin wie eine Otter, nur den Mund und die Nasenlöcher über dem Wasser. Ja, eine ganze Bande solcher Räuber verwandelte sich in einem Nu in eine Truppe harmloser Arbeiter. Jeder von ihnen nahm sein Gewehr auseinander, verbarg das Schloß in seinen Kleidern, verstopfte die Mündung mit einem Korke, das Zündloch mit einem Stifte und warf die Waffe in den nächsten Teich. Dann sah man nichts als eine Schaar armer Bauern, die nicht einmal einen Rock bei sich hatten und deren demüthiges Aussehen und schleichender Gang zu verrathen schien, daß sie willenlose Sklaven seien. Sobald aber die Gefahr vorüber war und das verabredete Zeichen gegeben wurde, eilte Jeder nach der Stelle, wo er seine Waffen verborgen hatte, und bald waren die Räuber in vollem Marsche nach dem Hause eines Protestanten. Die eine Bande drang in Clonmel ein, eine andre marschirte in die Nähe von Maryborough, eine dritte schlug ihr Lager auf einem bewaldeten Eilande festen Bodens in der Mitte des großen Sumpfes von Allen auf, machte die ganze Grafschaft Wicklow unsicher und beunruhigte selbst die Vorstädte von Dublin. Allerdings fielen diese Expeditionen nicht immer glücklich aus. Zuweilen stießen die Plünderer auf Abtheilungen von Miliz oder auf Detachements englischer Garnisonen unter Umständen, wo Verstellung, Flucht und Widerstand gleich unmöglich waren. In solchen Fällen wurde jeder Kerne, der ergriffen ward, ohne alle Umstände am nächsten Baume aufgeknüpft.[76]