Allgemeiner Character des eidverweigernden Klerus.
Unter den minder ausgezeichneten Geistlichen, welche ihre Pfründen verloren, befanden sich zweifelsohne viele gute Menschen; soviel aber ist gewiß, daß der sittliche Character der Eidverweigerer im allgemeinen auf keiner hohen Stufe stand. Es scheint hart, Leuten, welche unbestreitbar einem Prinzipe ein großes Opfer brachten, Lauheit der Prinzipien vorzuwerfen. Allein die Erfahrung beweist mehr als genugsam, daß Viele, die eines großen Opfers fähig sind, wenn ihr Blut vom Kampfe erhitzt und die Blicke der Welt auf sie gerichtet sind, in der täglichen Ausübung verborgener Tugenden nicht lange zu beharren vermögen. Es ist durchaus nicht unwahrscheinlich, daß Zeloten ihr Leben für eine Religion hingeben können, welche ihre rachsüchtigen oder ausschweifenden Leidenschaften doch niemals wirksam gezügelt hatte. Wir erfahren sogar von Kirchenvätern, welche das höchste Ansehen genießen, daß selbst in den reinsten Zeiten der Kirche einige Bekenner, die sich standhaft geweigert hatten, durch Streuen von Weihrauch auf den Altar Jupiters den Qualen der Folter und dem Tode zu entgehen, später den christlichen Namen durch Betrug und Ausschweifung schändeten.[99] Die eidverweigernden Geistlichen haben indeß Anspruch auf große Nachsicht. Sie befanden sich unbestreitbar in einer sehr versuchungvollen Lage. Ein Schisma, das eine religiöse Gemeinschaft spaltet, spaltet in der Regel den Laienstand ebenso wie den Klerus. Die sich lostrennenden Seelenhirten ziehen einen großen Theil ihrer Heerden mit sich fort und sind in Folge dessen ihres Unterhalts gewiß. Aber das Schisma von 1689 erstreckte sich kaum weiter als auf den Klerus. Das Gesetz verlangte von dem Rector, die Eide zu leisten, oder sein Amt niederzulegen; von dem Gemeindemitgliede aber wurde kein Eid, keine Anerkennung des Titels des neuen Herrscherpaares verlangt, um sich zur Theilnahme am Gottesdienste oder zum Genusse des heiligen Abendmahls zu qualificiren. Daher hielt sich von den Laien, welche die Revolution mißbilligten, noch nicht einer unter fünfzig für verpflichtet, seinen Stuhl in der alten Kirche, wo nach wie vor die alte Liturgie verlesen und die alten Gewänder getragen wurden, zu verlassen und den ausgestoßenen Priester zu einem Conventikel zu begleiten, das noch obendrein durch das Toleranzedict nicht geschützt war. So war die neue Secte eine Secte von Predigern ohne Zuhörer und vom Predigen konnten diese Prediger nicht leben. In London und in einigen anderen großen Städten waren die heftigen Jakobiten, welche durch nichts zu befriedigen waren, als wenn sie für König Jakob und den Prinzen von Wales mit Namen beten hörten, allerdings zahlreich genug, um einige kleine Gemeinden zu bilden, die sich im Geheimen und unter beständiger Furcht vor den Constablern in Räumen versammelten, welche so beschränkt waren, daß die Bethäuser der puritanischen Dissenters im Vergleich damit Paläste genannt werden konnten. Selbst Collier, der alle die Eigenschaften besaß, welche ein zahlreiches Auditorium herbeiziehen, mußte sich damit begnügen, der Geistliche einer kleinen Schaar Mißvergnügter zu sein, deren Betzimmer sich im zweiten Stock eines Hauses der City befand. Aber die Zahl der nichtschwörenden Geistlichen, die sich durch Gottesdiensthalten an solchen Orten auch nur einen kümmerlichen Unterhalt zu erwerben vermochten, war sehr gering. Von den übrigen konnten einige unabhängig von ihrem Vermögen leben, andere ernährten sich durch literarische Arbeiten, ein paar praktizirten als Aerzte. Thomas Wagstaffe zum Beispiel, der Kanzler von Lichfield gewesen war, hatte viele Patienten und machte sich dadurch bemerkbar, daß er sie stets im vollen Domherrnornat besuchte.[100] Doch dies waren Ausnahmen. Betriebsame Armuth ist ein der Tugendhaftigkeit keineswegs nachtheiliger Zustand, gefährlich aber ist es, arm und zugleich unthätig zu sein, und die Mehrzahl der Geistlichen, die sich geweigert hatten zu schwören, sahen sich ohne Subsistenzmittel und ohne Beschäftigung in die Welt hinausgestoßen. Natürlich wurden sie Bettler und Müßiggänger. Da sie sich als Märtyrer für eine öffentliche Sache betrachteten, so schämten sie sich nicht, den ersten besten guten Hochkirchlichen um eine Guinee anzusprechen. Die Meisten von ihnen verbrachten ihr Leben damit, daß sie aus einem Torykaffeehause ins andre gingen, die Holländer schmähten, Gerüchte, nach denen Se. Majestät binnen einem Monate zuverlässig auf englischem Boden sein würde, anhörten und verbreiteten, und sich die Köpfe darüber zerbrachen, wer das Bisthum Salisbury bekommen würde, wenn Burnet gehängt wäre. Während der Parlamentssession waren die Vorzimmer und der Court of Requests mit abgesetzten Pfarrgeistlichen gefüllt, die sich erkundigten, wer die Oberhand habe und wie die letzte Abstimmung ausgefallen sei. Viele der vertriebenen Geistlichen fanden in den Häusern reicher Jakobiten als Kaplane, Hauslehrer oder Seelsorger Aufnahme. In einer derartigen Stellung kann ein Mann von reinem und edlem Character, ein Mann wie Ken unter den Eidverweigerern und Watts unter den Nonconformisten war, seine Würde behaupten und durch sein Beispiel und seine Belehrungen die Wohlthaten, die er empfängt, mehr als vergelten. Für Den aber, dessen Tugend nicht auf einer hohen Stufe steht, ist dieser Lebensweg voller Gefahren. Besitzt er ein phlegmatisches Temperament, so läuft er Gefahr, zu einem servilen, sinnlichen, trägen Schmarotzer herabzusinken. Hat er einen thatkräftigen, aufstrebenden Geist, so steht zu befürchten, daß er in den schlimmen Kunstgriffen Erfahrung erlangt, durch welche dienende Personen sich leichter als durch treue Dienste angenehm oder gefürchtet machen. Die schwache Seite jedes Characters zu entdecken, jeder Leidenschaft und jedem Vorurtheile zu schmeicheln, Zwietracht und Neid zu säen, wo Liebe und Vertrauen herrschen sollten, den Augenblick übereilter Offenherzigkeit zu erspähen, um Geheimnisse zu entlocken, welche für das Glück und die Ehre der Familien von Wichtigkeit sind: dies sind die Gewohnheiten, durch welche sich scharfsinnige und unruhige Geister nur zu oft für das Demüthigende einer abhängigen Stellung gerächt haben. Die öffentliche Stimme beschuldigte viele Eidverweigerer laut, daß sie die Gastfreundschaft ihrer Wohlthäter mit eben so schwarzem Undank vergälten, wie der in Molière’s Meisterwerk geschilderte Heuchler. In der That als Cibber es unternahm, dieses herrliche Lustspiel für die englische Bühne zu bearbeiten, machte er aus seinem Tartuffe einen Eidverweigerer, und Johnson, von dem man nicht glauben kann, daß er gegen die Eidverweigerer eingenommen gewesen sei, gestand offen, daß Cibber ihnen nicht Unrecht gethan habe.[101]
Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß das durch die Eide herbeigeführte Schisma noch weit schlimmer gewesen sein würde, wenn in dieser Krisis eine ausgedehnte Umgestaltung in der Verfassung oder dem Ceremoniell der Staatskirche vorgenommen worden wäre. Es ist ein sehr lehrreiches Factum, daß die aufgeklärten und toleranten Geistlichen, welche eine solche Umgestaltung sehnlichst wünschten, nachher Grund sahen, dankbar dafür zu sein, daß ihr Lieblingsplan gescheitert war.