Gründe für die Bevorzugung der Whigs.
Erstens waren die Whigs grundsätzlich der herrschenden Dynastie zugethan. In ihren Augen war die Revolution nicht allein nothwendig, nicht allein gerechtfertigt, sondern sogar ein glückliches und ruhmvolles Ereigniß gewesen. Sie war der Triumph ihrer politischen Theorie gewesen. Als sie Wilhelm Treue schwuren, schwuren sie ohne Skrupel und Hintergedanken; sie waren so weit entfernt davon, seinen Rechtstitel in Frage zu stellen, daß sie ihn für den besten aller Rechtstitel hielten. Die Tories dagegen mißbilligten fast allgemein den Beschluß der Convention, die ihn auf den Thron gesetzt hatte. Einige von ihnen waren im Herzen Jakobiten und hatten ihm den Unterthaneneid blos deshalb geleistet, um ihm besser schaden zu können. Andere glaubten sich zwar verpflichtet, ihm als factischen König zu gehorchen, leugneten aber, daß er rechtmäßiger König sei, und wenn sie auch loyal gegen ihn waren, so waren sie es doch ohne Begeisterung. Es konnte demnach kaum einem Zweifel unterliegen, auf welche von den beiden Parteien er sicherer bauen könne.
Zweitens waren die Whigs bezüglich der speciellen Angelegenheit, an der sein Herz gegenwärtig hing, im Allgemeinen geneigt, ihn kräftig zu unterstützen, die Tories hingegen ihm darin hinderlich zu sein. Die Gemüther beschäftigten sich damals lebhaft mit der Frage, in welcher Weise der Krieg geführt werden müsse. Diese Frage beantworteten die beiden Parteien sehr verschieden. Unter den Tories war seit einigen Monaten die Ansicht zur Geltung gekommen, daß die Politik England’s streng insularisch sein, daß es die Vertheidigung Flanderns und des Rheins den Generalstaaten, dem Hause Oesterreich und den Fürsten des Reichs überlassen, und daß es die Feindseligkeiten zur See energisch fortsetzen, aber nur ein solches Landheer unterhalten müsse, das mit Hülfe der Miliz genügte, um einen Einfall abzuwehren. Es war klar, daß wenn dieses System angenommen wurde, eine sofortige Ermäßigung der so schwer auf der Nation lastenden Steuern eintreten konnte. Aber die Whigs behaupteten, diese Erleichterung werde theuer erkauft werden. Viele tausend tapfere englische Soldaten seien jetzt in Flandern, gleichwohl hätten die Alliirten die Franzosen nicht verhindern können, im Jahre 1691 Mons, 1692 Namur, 1693 Charleroy zu nehmen. Wenn die englischen Truppen zurückgerufen würden, so sei es gewiß, daß Ostende, Gent und Lüttich fallen müßten. Die deutschen Fürsten würden eilen, Jeder für sich Frieden zu schließen. Die spanischen Niederlande würden wahrscheinlich der französischen Monarchie einverleibt werden. Die Vereinigten Provinzen würden wieder eben so gefährdet sein, wie 1672, und würden jede Bedingung annehmen, die es Ludwig gefiele ihnen zu dictiren. Nach wenigen Monaten würde er im Stande sein, seine ganze Kraft gegen unsre Insel aufzubieten und dann würde es einen Kampf auf Leben und Tod geben. Allerdings könne man wohl hoffen, daß wir im Stande sein würden, unsern heimathlichen Boden selbst gegen einen solchen General und eine solche Armee, wie sie die Schlacht bei Landen gewonnen hatten, zu vertheidigen. Aber der Kampf müsse ein langer und schwerer werden. Wie viele fruchtbare Grafschaften würden in Wüsten verwandelt, wie viele blühende Städte in Asche gelegt werden, bevor man die Eingedrungenen vernichten oder heraustreiben könne! Ein einziger siegreicher Feldzug in Kent oder Middlesex würde mehr zur Verarmung der Nation beitragen, als zehn unglückliche Feldzüge in Brabant. Es ist bemerkenswerth, daß dieser Streit zwischen den beiden großen Parteien siebzig Jahre lang regelmäßig wieder erwachte, so oft unser Land mit Frankreich im Kriege lag. Daß England niemals große militärische Operationen auf dem Festlande unternehmen dürfe, blieb ein Fundamentalartikel des politischen Glaubens der Tories, bis die französische Revolution in ihren Ansichten eine vollständige Aenderung hervorbrachte.[58] Da es Wilhelm’s Hauptzweck war, den Feldzug von 1694 in Flandern mit einem ungeheuern Kraftaufwande zu eröffnen, so war es hinlänglich klar, an wen er sich um Beistand wenden mußte.
Drittens waren die Whigs die stärkere Partei im Parlamente. Die allgemeine Wahl von 1690 war zwar nicht günstig für sie ausgefallen, sie waren einige Zeit die Minorität gewesen; aber seitdem hatten sie fortwährend mehr Boden gewonnen, bildeten jetzt der Zahl nach die volle Hälfte des Unterhauses, und ihre effective Stärke war ihrer Zahl mehr als entsprechend, denn in Energie, Rührigkeit und Disciplin waren sie ihren Gegnern entschieden überlegen. Ihre Organisation war zwar noch nicht so vollkommen, als sie es später wurde, aber sie hatten schon begonnen, eine kleine Schaar ausgezeichnete Männer, welche noch lange nachher unter dem Namen der Junta weit und breit bekannt war, zu Führern anzunehmen. Es giebt vielleicht in der alten wie in der neuen Geschichte kein zweites Beispiel einer solchen Autorität, wie sie dieses Concilium während zwanzig unruhiger Jahre über die Whigpartei ausübte. Die Männer, welche diese Autorität zu den Zeiten Wilhelm’s und Mariens erlangten, behielten sie ohne Unterbrechung in und außer dem Amte bis Georg IV. den Thron bestieg.