Shrewsbury Staatssekretär.
Shrewsbury hatte sich einige Wochen vorher zur Annahme der Siegel verstanden. Er hatte standhaft vom November bis zum März ausgehalten. Während er Entschuldigungen zu finden versuchte, die seine politischen Freunde befriedigen konnten, besuchte ihn Sir James Montgomery. Montgomery war jetzt der unglücklichste Mensch von der Welt. Nachdem er in einer großen Revolution eine große Rolle gespielt, nachdem er mit der erhabenen Function betraut gewesen, den durch die Stände erwählten Souverainen die Krone Schottland’s zu überreichen, nachdem er mehrere Monate lang im Parlamente zu Edinburg ohne Nebenbuhler geherrscht, nachdem er nahe vor sich die Siegel des Staatssekretärs, eine Earlkrone, ein glänzendes Einkommen und die höchste Gewalt gesehen hatte, war er plötzlich in Dunkelheit und traurige Dürftigkeit versunken. Seine herrlichen Talente blieben ihm noch und er wurde deshalb von den Jakobiten benutzt; aber obwohl sie ihn benutzten, verachteten sie ihn, trauten ihm nicht und ließen ihn darben. Er verbrachte sein Leben damit, daß er zwischen England und Frankreich hin und her reiste, ohne in einem der beiden Länder eine bleibende Stätte zu finden. Bald wartete er im Vorzimmer zu Saint-Germains, wo die Priester ihn als einem Calvinisten finstre Blicke zuwarfen und wo selbst die protestantischen Jakobiten sich gegenseitig flüsternd vor dem alten Republikaner warnten. Bald hielt er sich in den Mansarden London’s verborgen, bei jedem Fußtritte, den er auf der Treppe hörte, fürchtend, daß es der eines Bailiffs mit einem Executionsbefehl, oder der eines Staatsboten mit einem Verhaftsbefehl sein könnte. Er erhielt jetzt Zutritt zu Shrewsbury und wagte es wie ein Jacobit mit einem Mitjakobiten zu sprechen. Shrewsbury, der durchaus nicht geneigt war, sein Vermögen und seinen Kopf in die Hände eines Mannes zu geben, den er als unbesonnen und als treulos kannte, gab sehr vorsichtige Antworten. Auf einem uns nicht bekannt gewordenen Wege erfuhr Wilhelm Alles was bei dieser Gelegenheit vorgegangen war. Er ließ Shrewsbury kommen und sprach aufs neue eindringlich von dem Sekretärposten. Shrewsbury sträubte sich abermals, indem er sagte, seine Gesundheit sei schlecht. „Das,” entgegnete Wilhelm, „ist nicht Ihr einziger Grund.” — „Nein, Sire, allerdings nicht,” versetzte Shrewsbury. Er begann hierauf von öffentlichen Verdrießlichkeiten zu sprechen und erwähnte das Schicksal der Dreijährigkeitsbill, die er selbst eingebracht hatte. Wilhelm aber fiel ihm ins Wort. „Es steckt noch ein andrer Grund dahinter. Wann haben Sie das letzte Mal mit Montgomery gesprochen?” Shrewsbury war wie vom Donner gerührt. Der König wiederholte einige Aeußerungen Montgomery’s. Shrewsbury hatte sich inzwischen von seinem Schrecke erholt und sich erinnert, daß er bei der Unterredung, die der Regierung so genau hinterbracht worden war, zum Glück nichts Hochverrätherisches gesagt, wenn auch viel dergleichen gehört hatte. „Sire,” sagte er, „da Ihre Majestät so genau unterrichtet worden sind, werden Sie auch wissen, daß ich den Versuchen jenes Mannes, mich von dem Pfade meiner Unterthanenpflicht abzubringen, keinen Vorschub geleistet habe.” Wilhelm stellte dies nicht in Abrede, gab aber zu verstehen, daß solcher heimlicher Umgang mit anerkannten Jakobiten Verdacht erwecke, den Shrewsbury nur durch Annahme der Siegel entkräften könne. „Das wird mich vollkommen beruhigen,” sagte er. „Ich weiß, daß Sie ein Ehrenmann sind und daß, wenn Sie Sich einmal dazu verstehen mir zu dienen, Sie mir treu dienen werden.” So gedrängt, willigte Shrewsbury, zur großen Freude seiner ganzen Partei, ein und wurde für seine Bereitwilligkeit alsbald mit dem Herzogtitel und dem Hosenbandorden belohnt.[111]
So bildete sich allmälig ein Whigministerium. Es gab jetzt zwei whiggistische Staatssekretäre, einen whiggistischen Großsiegelbewahrer, einen whiggistischen ersten Lord der Admiralität und einen whiggistischen Kanzler der Schatzkammer. Der Lord Geheimsiegelbewahrer Pembroke konnte ebenfalls ein Whig genannt werden, denn sein Geist war so beschaffen, daß er willig den Eindruck jedes stärkeren Geistes aufnahm, mit dem er in Berührung gebracht wurde. Seymour wurde entlassen, nachdem er lange genug ein Commissar des Schatzes gewesen war, um einen großen Theil seines Einflusses auf die toryistischen Landgentlemen zu verlieren, die ihn meist angehört hatten wie ein Orakel, und seine Stelle wurde mit Johann Smith besetzt, einem eifrigen und talentvollen Whig, der an den Debatten der letzten Session thätigen Antheil genommen hatte.[112] Die einzigen Tories, welche noch hohe Aemter bei der ausübenden Verwaltung bekleideten, waren der Lordpräsident Caermarthen, der zwar zu fühlen begann, daß die Macht seinen Händen allgemach entschlüpfte, sich aber doch noch verzweifelt daran festklammerte, und der erste Lord des Schatzes, Godolphin, der sich wenig um Dinge bekümmerte, die außer dem Bereiche seines speciellen Departements lagen, und die Obliegenheiten dieses Departements mit Geschick und Emsigkeit erfüllte.