Er trinkt!
Er gedieh nicht; ein Jammer anzusehen, wie das arme Kerlchen von Tag zu Tag immer mehr dahinsiechte. All den Ratschlägen der Tanten und Gevatterinnen, all der Ratlosigkeit des Arztes und meinem verzweifelten Zureden und den bitteren Thränen seiner armen kleinen Mama zum Trotz. Es schmeckte ihm nichts, nichts. Er wollte weder von den erstaunlichen Pausbacken wissen, die ihm die verschiedenen künstlichen Nahrungen garantierten, noch von der versiegelten und täglich gleichsam immer neuvereideten Reinheit der Kuhmilch aus dem Musterstall. Wir hatten es mit einer Amme versucht; die war gleich am dritten Tag mit der Köchin in handgreiflichen Streit geraten, und der Arzt verbot die Nahrung von solch einer cholerischen Person.
Dabei so artig, fast ohne einen Laut in sein Schicksal ergeben, nur daß er das Mündchen in den Ecken wie zum Weinen herabzog und mit dieser Miene stumm dalag, uns allen ein Vorwurf. Und das Flehen seiner großen runden, braunen Augen! Ja, es war ein Jammer, anzusehen, wie meine arme Frau zugleich mit ihm verkümmerte!
Eines Tages klingelt es mörderlich. Die Res’! Sie will ’mal nachschauen, wie es geht, na und der Bub’ — »wo is er, der Bub’?« Kaum, daß sie sich Zeit nimmt, uns guten Tag zu sagen, da will sie auch schon den Bub’ sehn. Und nun tapste sie mit ihren dicken Bauernschuhen über das Parkett, nach der Kinderstube hin.
Welch ein prächtiges Weib! Eine hohe, üppige Gestalt, nicht hübsch von Gesicht, aber voll fröhlichen Lebens, mit lachenden Blauaugen; ein Hauch von Gesundheit wehte jedesmal mit ihr herein, wenn sie kam.
Die Dankbarkeit lag ihr so im Blut. Ihren Eltern war von meinen Schwiegereltern gutes geschehn; ich glaube, ihr Vater war auf Abwege geraten und hatte gesessen. Als er herauskam, da brachte es der Schwiegerpapa, der Arzt an dem kleinen Orte war, fertig, ihn langsam, aber mit Hartnäckigkeit wieder in die Achtung der Leute einzusetzen; so machte er einen brauchbaren Menschen aus ihm. Auch sonst schlug der Makel in einen Segen um; die drei Töchter waren gut verheiratet, die Res’ an einen Schmied in einem rheingauer Dorf.
Gut also, der Bub’! Sie gratuliert auch noch, sie hat ihn noch nicht einmal gesehn, extra des Bub’ wegen ist sie gekommen. Wie die Spitzenhülle von dem Bettchen aufgehoben wird und sie das kleine jämmerliche Gesichtchen gewahrt, das fast in dem verschobenen Häubchen verschwindet, da stutzt sie. Gleich aber faßt sie sich: — ein Stadtkind! Die sind alle blaß und gebrechlich, das ist vornehm! — sie darf dabei doch auch nicht an einen gewissen feisten, robusten Burschen daheim denken, den sie mit seinen acht Monaten im Bettchen festbinden müssen, damit er nicht ausbricht, und der neulich fast eine Katze mit seinen Fäustchen erdrückt hätte.
»Ein sauberer Bub’ —« sagt sie zögernd, mit einer gewissen Verlegenheit — »ein prächtiger Bub’« wäre eine Lüge gewesen — aber »sauber«, dagegen ist nichts zu sagen und — »ein hübscher Bub’!« Sie meint gewiß die Augen, ganz die Augen meines Weibes.
»Gelle!« macht sie, mit dem breiten Zeigefinger das blasse Bäckchen des Kindes betupfend, »gelle — gelle!« Aber nichts erfolgte zur Antwort als ein Herabziehen der Mundwinkel, dazu die vorwurfsvolle Duldermiene.
Meine kleine Frau brach in Thränen aus; bald wußte die Res’ den ganzen Jammer. »Naa — naa — naa« — es geht ihr selbst zu Herzen, und sie schüttelt immer wieder den Kopf, daß die grellbunten Zeugblumen auf ihrem runden Strohhut zittern.
Später, nachdem sie sich zu dem Frühstück hatte nötigen lassen, fuhr sie plötzlich, gleich nach den ersten Bissen, die ihr nicht recht zu munden schienen, heraus: »Wenn ich euch helfe’ dhät’?« sagt sie, mit einem verschmitzten Zwinkern der Augen. »Wenn ich euch helf’ — wart’, ich helf’ euch!«
Sie legte das Messer klirrend auf den Teller, und ihre Augen strahlten uns an vor Freude. Ja vor Freude über das Rettungsmittel, das sie für den Kleinen gefunden, fiel sie nun mit einem wahren Arbeiterappetit über das Frühstück her.
Wir begriffen nicht, was sie meinte, nicht das Allereinfachste, Natürlichste; statt aller Antwort zwinkerte sie nur wieder mit den Augen, dann stand sie bald auf und empfahl sich — die Idee läßt ihr keine Ruhe.
Zwei Tage nichts. Am dritten Tage war sie wieder da, diesmal mit einem vorsichtigen Klingeln, wegen des Bub’. »Da bin ich!« rief sie hochatmend, sie war so geeilt — als wenn die Idee solche Eile machte! Sie stupfte ein Bündel in die Flurecke, der Mann brächte das andere.
Na, ob wir denn nicht begriffen? Sie war ganz verwundert, wie verdutzt wir dastanden. — »Wollt ihr mich denn nit habbe’?« fragte sie, die Arme mit den Handrücken in die Seiten gestemmt. »Ich bleib’!«
Damit, schon ganz bei uns zu Hause, legte sie schnell ab und eilte, das Tapsen der Bauernschuhe dämpfend, nach der Kinderstube hin.
Sie blieb in der Thüre stehen: »Ach du mein!« Da saß die Kindermagd, den Kleinen auf dem Schoß, und versuchte ihm mit einem Löffelchen den Brei beizubringen, er aber sträubte und wand sich mit einer Art Entsetzen. Gleich darauf hatte die Res’ mit einer fast entrüsteten Gebärde den Brei zur Seite geschoben, dann nahm sie der erschrockenen Magd den Kleinen vom Schoß: »Komm, Bubbche’! Gelle, mir zwei beid’, mir schaffe’s!«
Sie flüchtete mit ihm in die Nebenstube. Wir waren immer noch stumm vor Verwunderung. Anfangs schien er sich da drinnen auch zu widersetzen, er weinte, sie beruhigte ihn. Plötzlich war es ganz still. Eine so seltsame, feierliche Stille. Dann hörten wir das Schmecken und Schlecken seiner kleinen Lippen, immer lauter, immer gieriger. Zuweilen hielt er mit einem Aufatmen der Befriedigung inne, gleich aber, mit einem feinen Gröhlen der Ungeduld über die Versäumnis, schnabulierte er weiter.
Er trinkt! der Junge trinkt! — Als wenn ein hochwichtiges Ereignis das ganze Haus in bebender Spannung hielte. Gott gelobt, es schmeckt ihm wieder! Mein Frauchen sank mir mit Thränen der Rührung und Freude an die Brust.
Es dauerte eine gute Weile, bis die Res’ wieder erschien. Sie war selbst rot vor Glückseligkeit über den gelungenen Streich. Sie stand in der Thür, und mit erhobenen Armen, wie triumphierend, hielt sie uns das Knäblein hin; freudig lächelnd nickte sie uns zu »Gelle ...«
Das Gesichtchen des Kleinen blühte in einem zarten Rosa, fast schien es, als hätten seine Bäckchen schon zugenommen. Jetzt reckte und dehnte er sich, bald darauf neigte sich sein Köpfchen zum Schlaf.
Wie kräftig er schlief nach solcher Mahlzeit! Wie wohlig er atmete! Wie wir Großen den Atem anhielten, daß er nicht aufwachte! Flüsternd ward die Unterhaltung geführt. »Ich bleib’!« sagte die Res’, und sie war erstaunt, daß wir das nicht ganz natürlich fanden.
»Aber Res’, liebe gute Res’, dein Junge! du kannst doch nicht abkommen?« wehrte meine Frau.
»Nix da! ich bleib’! Ob ihr mich habbe’ wollt oder nit! Der Bub’ soll mich schon habbe’ wolle’. Mei’ Jung — ach der Kujon der! der Spitzbub’! Der hat genug kriegt. Bub’, jetzt kommt ’e Anneres ’ran, bis’ still, sagt’ ich, weil er flennen wollt. Jetzt kriegste Fleisch un’ Wei’, gelle! sagt’ ich. Kiedricher Ausles’!« Und sie lachte. »Jetzt kann er sich mit dem Spitzbub’ plag’n (sie meinte ihren Mann), ich bleib’! hier gehör’ ich hin, nit anners!«
Zuletzt wollte sie ärgerlich werden, daß wir so viel Wesen machten. Es war so selbstverständlich: — sie bleibt und damit fertig!
Und sie blieb. Der Bub’ hätte gewiß nicht anders entschieden, wenn er befragt worden wäre. Er regalierte sich so. Sichtlich lebte er auf. Die Bäckchen begannen sich zu runden, und die gelbliche Blässe verschwand; seine Augen strahlten fröhlich — o er spielte den Großmütigen, nun, da er im Vollen saß, und er trug uns nichts nach, uns anderen!
»Er«, der Mann, erschien nicht, wie sie verkündet, um ihre Sachen zu bringen. Er hätte zu viel »ze schaffe«, ließ er sagen. Statt dessen erschien der Lehrjunge, ein langes Geschöpf mit losen und schlenkernden Gliedmaßen, mit einem merkwürdig kleinen Kopf und ungeheuren schwärzlichen Händen, die mit Narben und Rissen bedeckt waren.
Was denn der Kujon machte, fragte Frau Res’, »is er staats brav?«
»Er trinkt Wei’!« sagte der Lehrjunge, von einem Ohr zum andern grinsend.
»Kiedricher Ausles’!« lachte sie schelmisch, und wir lachten mit.
Ob er sich denn nach seiner Mutter sehnt?
»Na ... a ... a« grinste jener.
Da stach sie wahrhaftig eine kleine Eifersucht; sie hatte uns erzählt, wie lieb der junge Mann gegen ihren Bub’ sei und wie zuthunlich der gegen solchen Ersatz eines Kindermädchens. In der Schmiede nicht zu brauchen, aber als Kindermädchen ausgezeichnet! Er hätte wohl »ja« sagen können statt seines etwas unverschämten »Na«.
»Du langer Lala!« fuhr sie heraus. »Labbes! Was, er hat kei’ Heimweh? Sofort machste, daß de ’naus kömmst.«
Gleich lenkte sie ein: »Kömmste her, stoß mit dem gnädigen Herrn und der gnädigen Frau an!«
Und wir vier tranken auf das Wohl unserer Knaben, »der beide Spitzbub’«.
Nachher ließ ihr die Muttersorge doch keine Ruhe, und sie hatte im Flur noch eine Konferenz mit dem »langen Lala,« den Kujon betreffend.
Von da ab bekam sie nur spärliche Nachricht von Haus; sie wußte, ihr Liebling war gut aufgehoben. Zuweilen sandte »er« ein Schreiben; das Couvert linkisch schön vom Lehrjungen geschrieben (auch darin ist er geschickt, nur nicht in der Schmiede!) Aber das Schriftstück selbst, das »er« angefertigt! — sie schämte sich, es uns sehen zu lassen, allein schon wegen der schwarzen Fingerspuren, die es wie ein Blumenmuster bedeckten. Welche Mühe mußte seinen ungelenken Händen das Strecken und Schmieden und Aushämmern dieser widerspenstigen Zeilen gemacht haben!
Das Schreiben enthielt nicht viel, ein paar Mitteilungen über die laufende Arbeit. Zum Schluß, daß es dem Bub’ staats geht und er fleißig Wein trinkt. Dennoch studierte sie oft und lange an diesen Berichten. Meine Frau hatte sie einmal spät am Abend überrascht, wie sie, im Bette liegend, beim müden Dämmerschein der Nachtlampe eins der Papiere in den Händen hielt und darin aufmerksam las. Das brave, prächtige Weib! Sie wollte uns nicht merken lassen, welches Opfer sie uns brächte, und wie sehnsüchtig ihre Gedanken nach der Heimat flogen.
Plötzlich stellte »er« sich selber ein, nachdem vierzehn Tage jedes Schreiben ausgeblieben war. Ein mächtiger, massiver Mann, selber wie aus Eisen getrieben, sogar das Gesicht: schwarze Haare, schwarze Gestrüppe von Brauen, ein schwarzer Kranzbart unter dem Kinn, das übrige bis in die Augen hinein schwärzlich glänzend rasiert — nur die Augen und die Lippen, wenn er sie öffnete, sahen wie aus weicherem Stoff gefertigt aus.
Die Begrüßung mit seinem Weib war die denkbar einfachste. Ein kurzes Auffahren der Überraschung von ihrer Seite, dann schritt sie auf ihn zu und reichte ihm die Hand, ohne daß sich in dem Eisenwerk seines Antlitzes etwas regte. Er war kein Freund vom Reden. Wie es ginge? was der Bub’ machte? — Doch nur ein bejahendes Nicken zur Antwort.
Einen Augenblick war es, als käme ihr die Nuance dieses Nickens nicht ganz geheuer vor: — warum war er doch gekommen? »Geschäfte,« meinte er mit einem Achselzucken, und er wandte sich ab. Dann schien es, als wollte er sie beiseite haben, um ihr etwas zu sagen. Da meldete sich gerade unser Junge. »Komm, du mußt den Bub’ begucke!« rief sie und zog ihn in die Kinderstube.
Alle waren wir begierig, sein Urteil einzuholen. Er stand vor dem Bettchen, den Kranzbart mit der schwieligen Hand nach vorwärts streichelnd, und betrachtete den Kleinen mit einer Wichtigkeit, als wäre es irgend ein schwieriges Stück Schmiedearbeit, über dessen Ausführung er sich noch den Kopf zerbräche.
»Gelle,« sagte sie, »was mer’n rausgefuttert! Noch eine sechs Wöchelche’, dann kenne’ mer ihm Wei’ gebe’. Ißt er denn gut?« (Das galt wohl wieder ihrem zu Haus?)
Der Mann nickte. Auch das kam etwas matt heraus. Was ist ihm nur? »Ich wär’ längst komme’,« fuhr sie fort, »um zu gucke’, aber es dhät mer ze leid, nochmals fort ze mache’. Noch eine sechs Wöchelche ...«
Es war gut, daß der Kleine gerade das Fäustchen aus dem Munde zog und eine Probe seiner erstarkten Lunge zum besten gab, mit den nackten Armen und Beinen dazu den Takt schlagend — es war gut, daß sie, wie sie sich sofort daran machte, ihn zu beruhigen, den seltsam schweren Seufzer nicht vernahm, mit dem ihr Mann sich abwandte.
Ich nahm ihn in einer Ecke vor: ob denn zu Haus irgend etwas nicht in Ordnung wäre?
Da ward das Eisen ordentlich lebendig. — »Naa—naa—naa!« wehrte er. »Staats, alles staats!« Aber das Lächeln dazu war so eigenartig zäh, und es erkaltete sofort zu der üblichen Starrheit.
Mein Verdacht war dennoch nicht unbegründet gewesen. Eine Weile darauf kam die Res’ von einem Ausgang heim, aufgeregt, mit stürzenden Thränen. Ihr Bub’ — ihr armer kleiner Schelm! — Was denn? — Nun, sie hatte den Lehrjungen auf der Straße getroffen; es war ihm vom Manne verboten worden, zu ihr zu gehen, damit er nicht plauderte. Also der Bub’ war so krank gewesen. Sie hatten den Doktor, und sie meinten, sie meinten — dabei wären dem Jungen die hellen Thränen über die Wangen gelaufen: er hat den Bub’ so arg gern! — Der Meister wär’ doch in der Stadt gewesen, um sie zu holen und .... und ....
Ich vollendete für sie: und als er unseren Kleinen sah, wie sehr der gedieh, aber wie viel ihm doch noch mangelte, und daß er die Res’ nicht entbehren könnte, die ersten sechs Wöchelchen ganz sicher nicht, da hat er nichts gesagt und ist unverrichteter Dinge nach Haus zurückgekehrt. Der liebe Gott wird nicht so grausam sein!
»Sofort, Res’, werden Sie sich aufmachen und nach Haus fahren!«
»Naa — o naa!« — sie erschrak so. »Und der Bub’ da! Des wär’ mer ei’ schöne Geschicht’! Meiner is ja widder besser. Ich will hin mache’ und gucke’, abends bin ich wieder hinne.« —
Gut also, wir setzten sie auf die Bahn, und sie fuhr nach Haus. Am Abend war sie wieder zurück: — Gottlob, ihr Bub’ erholte sich wieder! Aber »er« hat den Lehrjungen fast kaput gehauen.
»Warum denn?«
»Weil er gebabbelt. Ich sollt’ nix wisse’. Weil ich doch nit fort könnt’, und die Angst, die ich mir mache’ dhät, könnt unserm Bub’ hier schade’.«
Zum Teufel die Pessimisten! Was giebt es doch für brave, für tapfere, herrliche Menschen!
Wir verlangten, daß sie wenigstens ihren Kleinen sofort herholte, damit wir ihn gemeinsam mit dem unsern in Pflege nähmen.
»O — naa! — des darf ich »ihm« net andhue’! Aber .... aber wenn ich mit dem da hinmache’ dhät’?«
Sie stutzte, als wenn sie sich doch zu viel des Wunsches herausgenommen und ihr Herz gar zu sehr bloßgelegt hätte.
»Gewiß, gewiß!« Sofort fielen wir freudig ein. »Topp! Gleich morgen soll diese ausgezeichnete Idee ausgeführt werden!«
»Die Luft da auße’ — die schöne Luft!«
Es war, als wollte sie uns mit dem Leckerbissen dieser Luft, den sie uns nun vorhielt, den Abschied versüßen.
Am andern Tage hielt unser Kleiner seinen Einzug in Frau Rese’s Heim. Wir selber waren nicht zugegen, wir sollten später kommen und uns die Bäckelchen ansehen, die ihm die Luft da draußen anmalen würde. Insgeheim fürchtete sie wohl, daß ihre Häuslichkeit während ihrer Abwesenheit nicht gerade an Blankheit zugenommen. —
An einem wunderschönen Sommertag also fuhren wir hin. Stromauf, stromab glänzte und gleißte der Rheinspiegel im Sonnenschein, das weite Thal mit gewaltiger Helle erfüllend. Von den jungen Blättern der Rebengelände ging ein fröhliches Glitzern aus, und so geheimnisvoll summte und surrte es zwischen den parademäßig zu Kolonnen gereihten Weinstöcken, als spürte man die brütende Arbeit der Sonne. Fern in einer Mulde, am Fuße des bläulich-grün dämmernden Taunus, lag das Dorf. Und von dort gellte das helle »Ping! Ping!« eines Schmiedehammers herüber. Das war »er« — nachher würde er uns kein so wortreiches Willkomm zu bieten haben, da ließ er vorerst seinen Hammer reden und schickte uns das fröhliche Ping-ping seines Grußes weithin über Felder und Weinberge entgegen.
Bald hielten wir vor dem Häuschen, das so schmuck und niedlich gegen das rußige, wütend fauchende Ungeheuer der Schmiede daneben abstach. Die Thür beschattete ein Rebendach, und wer saß unter demselben, in dem von huschenden Sonnenflecken besprenkelten Schatten? — der »lange Lala« in seinem Amt als Kindermädchen! Saß da auf der Stufe, mit den aufgestemmten Beinen zwei Bänke bildend, auf denen unsere beiden saßen. Unter den ungeheuren schwarzen Tatzen seiner Hände verschwanden fast die beiden Kleinigkeiten; zwischen ihren Köpfchen hindurch bot er uns das breiteste Grinsen seines Mundes zum Willkomm. Da erschien auch die Res’ in der Thür, die rotbraunen Arme noch an der Schürze abtrocknend, üppiger und prächtiger denn je. »Ei du mein!« rief sie uns entgegen. Gleich aber erhielt der Lala einen Klaps: »Hättst dir a de Händ butz’n kenne’!«
»Schad’t nichts! Schad’t nichts!« riefen wir aussteigend. Das Wiedersehen, oh das Wiedersehen! — Triumphierend stand die Res’ und weidete sich an unseren staunenden Mienen, wie wir die Bäckelchen, um derentwillen wir doch gekommen, inspizierten. »Gelle? gelle, die Luft!«
Da erschien auch »er«, und das schwärzliche Eisen seines Antlitzes bequemte sich wahrhaftig zu einer Art freundlichen Lächelns. Beim Imbiß darauf sollten wir auch die berühmte »Kiedricher Auslese« kennen lernen. Mein Frauchen hatte Mühe, sich nichts merken zu lassen, wie herb ihr der Wein mundete. Aber ein wahres Entsetzen erfaßte sie, als Frau Res’ sich nun daran machte den beiden »Spitzbuben« das Glas an die Lippen zu setzen — »Um Gottes willen!«
Aber unser Bub’ hielt den Rand des Glases mit den patscheligen Händen hartnäckig fest, als wenn er es nicht mehr lassen wollte. Und wie er an dem Wein sog! mit welchem Behagen seine frischroten Lippen schmeckten und schleckten.
»Rheingauer Medizin!« warf »er« nickend hin.
»Gelle, was er staats trinke’ kann!« lachte Frau Res’, »mei’ Kujon kommt fast net mit! G’sundheit!«
Und mit Augen, strahlend vor Freude trank sie den beiden winzigen Zechern zu. Mein Frauchen aber befiel ein wilder Mut: »Ja wenn er trinkt, da muß ich auch ....« sagte sie lachend, setzte das Glas an den Mund und schlürfte den goldgelben Inhalt hinab.