Versunken
Ein Uhr! Pünktlich zur Stelle! — Wer aber nicht da ist, sind Sie, mein werter Professor! — zwar noch ohne Bestallung, aber der Titel spukt überall umher hier im Atelier, selbst die Kohlköpfe da draußen im Garten scheinen davon zu wissen: wenn er vorüberkommt, grinsen sie ihn so respektlich an mit ihren runzlichen Altweibergesichtern — ich glaub’ gar, sie sind imstande, ihn zu lieben, heimlich, und ein wenig unglücklich wie ich, Rosa Hille, sein Leibmodell ...
Ach nur sein Leibmodell, wie er mich scherzhaft nennt, denn von meinem Gesicht kann er nichts brauchen, nicht die Nasenspitze, nicht ein Ohrläppchen; desto begeisterter thut er über meinen »klassischen« Arm, über Nacken, Halsansatz u. s. w., was nicht die Herren Bildhauer an meiner Gestalt für Kostbarkeiten zu schätzen wissen — mein Gesicht aber läßt ihn gleichgiltig wie ein Kohlkopf ... »Ach was, Hille, du bist ein dummer Kerl!« wie er zu sagen pflegt, wenn ich’s mit der Sentimentalität kriege. »Hille« schlechtweg — er kennt wohl nicht mal meinen Vornamen, ich bin ihm nichts als die »Besitzerin des schönsten Armes von Berlin,« das Weib steht garnicht in Frage, ih, und wie käme ich dazu, ein Herz zu haben wie andere Mädchen ...
Das sind solche Sonntagsnachmittagsgedanken, wenn man einsam in einem Atelier sitzt und vergeblich auf einen Professor wartet! Er hat wohl wieder einmal vergessen, daß er mich bestellt, und es geschah doch so dringend: er müsse den Feiertag zu Hülfe nehmen, um mit seiner Figur fertig zu werden. Wieder sein Raptus? Wieder der Sport? Wieder auf dem Wasser? Wenn ein Segelwind weht, da packt es ihn, und er muß hinaus mit seiner Nußschale! Na nur Geduld Hille — machen wir es uns bequem inzwischen! — wo hat er doch nur seine Cigaretten?
Was Hille bequem machen nannte, hätte für andere Damen mit wirklich benutztem weiblichen Vornamen ein ziemlich tiefes Negligee bedeutet. Das Kattunleibchen schnell abgestreift — eine Schnürbrust legte sie nie an, nachdem Begas, der Entdecker ihres klassischen Armes sie beschworen, ihre herrliche Venusbüste nicht durch einen Panzer zu verderben — nun umrahmte der kokette Spitzenrand ihres schneeigen Hemdes, von einem dunkelroten Bändchen durchzogen, in weiter Rundung Arm und Nacken, die berühmten Arme in ihrer ganzen Glorie freilassend. Etwas kühl, aber das ist sie gewohnt! Ihr Teint zeigte durchaus keinen blendenden Glanz, es war jene feine kaffeeartige, nur von Koloristen geschätzte Nuance, ei was schert auch einen Bildhauer der Teint! Freilich der Kopf und das Gesicht auch wieder mehr für einen Maler tauglich — offen heraus: ein ziemlich häßlicher Charakterkopf mit scharfen Linien, großem Mund, einem unverhältnismäßig vollen Kinn und zu hoher Stirn, die von etwas wüstem, kastanienfarbenem Haar beschattet wird; doch ein paar überaus treu- und warmblickende goldbraune Augen, die das ganze Gesicht mit einem mildschönen Lichte erleuchten.
Und so, bloßarmig in Hemd und Rock, begann sie sich hier zu Hause zu fühlen; es gab bei ihrem Kommen immer etwas zu schaffen für ihren Ordnungssinn, denn das alte halbtaube Weiblein, das dem Künstler als »Kalefaktor« diente, schien einen besonderen Sinn für ein beharrliches malerisches Kunterbunt zu besitzen; an den Staub gar nicht zu rühren, den ja auch sie auf den Büsten und Statuen ringsum respektierte, wegen der herrlichen Schattierung, die er den Gipsflächen verleiht: so lehrt der Professor, und was der sagt, ist richtig, selbst wenn es den Staub betrifft.
Auf dem Bauerntisch, neben dem mit einem silbrig verblaßten und an verschiedenen Stellen zerrissenen Perserteppich bedeckten Divan, standen die Reste eines eilig eingenommenen Frühstücks, etwas Käse und Schinken, sowie eine noch uneröffnete neben einer geleerten Flasche Tivoli. Sie räumte ab, ließ nur ein Brödchen und die volle Flasche auf dem Tisch, ihr eigenes Vesper, oder meinetwegen zum Zeitvertreib, denn wer weiß, ob er so bald heimkommt. Der Segelwind muß günstig sein draußen — hu, wie die dürren gelben Herbstblätter bei den Windstößen von den Bäumen rascheln! Wenn ihm nur nichts geschieht! — er ist waghalsig, sagen sie, und Wasser hat keine Balken ...
Ach wo! Was soll ihm geschehen? Er ist zu hohem ausersehen, er will und muß und wird berühmt werden, weltberühmt, und bald! — Wartet nur, wenn all die Pläne, die unter seiner gewölbten, von feinen Sorgen- und Gedankenfältchen bedeckten Stirn gären, erst zur That geworden ... Ihm, dem Herrlichen, geschieht nichts so Triviales wie ein Wasserunglück, das ist für alltägliche, unreife Burschen, die des Sonntags am Sport naschen; verliebte und verzweifelte Mädchen zieht es ins Wasser, und wenn sie, die Hille, den nassen Sprung riskierte, so würde die Welt nicht mit den Wimpern zucken — auch der Professor nicht? Ach es giebt noch andere klassische Arme genug für ihn ... nur schad’ um die unfertige Figur ... »Hille, du bist ein dummer Kerl!« Du hast ja gar nicht im Sinn, ins Wasser zu gehen, na und basta, er ist doch gefeit vor so gemeinem Unglück — ihn schützt sein Genie. Lassen wir den Herbstwind blasen!
Also die Figur wird auf jeden Fall fertig. Sie wird und muß Aufsehen machen! — Hat er sie auch gehörig angefeuchtet beim Fortgehen?
Sie that einen tiefen Zug aus der angezündeten Cigarette, ließ den blauen Rauch nach Kennerart langsam aus den gerundet offenen Lippen verwehen und legte sie auf den Rand des Tisches. Dann entledigte sie, von dem kleinen Trittbrett aus, die auf dem Drehstuhl ragende Figur ihrer feuchten, grauleinenen Schutzbehänge.
»So!« rief sie, »’tag auch!« und sie nickte der Gestalt zu wie einer lieben alten Bekannten. Es war ein blühend schönes Weib, dem rittlings über der Schulter ein Knäblein saß, das haschte mit begehrlichen Händchen nach dem schönen, blendend hellen Ball, (für elektrische Beleuchtung gedacht) den die Mutter, neckisch lachend, hoch empor mit der Rechten aus der Reichweite seiner rundlichen Ärmchen hielt.
Das Gesicht des Weibes war einstweilen nur skizzenhaft modelliert. »Eine andere wird ihm die Züge leihen — eine schönere — mein Gesicht ist aber auch wirklich nicht brauchbar ...« Zwischen Hille’s starken, etwas düsteren Augenbrauen wetterten drei Fältchen, und ihr Brustkasten hob sich schwellend: ein Seufzer, wahrhaftig ein Schmerzensseufzer, der in der sonntäglichen Stille doppelt verräterisch erklang.
Aber Hals, Nacken und Brust der Figur, die sind von ihr — und die Arme! Der emporgestreckte da mit der Glaskugel ist ihm wie lebend geraten! (»Wenn ich ein Mann wäre, ich thät’ mich d’rein verlieben!«) Dies Handgelenk, dieser Schulteransatz, diese ganze Linie, und das famose Grübchen am Ellbogen ...
Hille nahm die Cigarette auf, paffte eine starkwallende Wolke hervor und betrachtete mit zwinkernden Augen durch den Qualm das Kunstwerk ihres porträtierten Armes. Sie begeisterte sich förmlich daran, und ihre Augen blitzten. Plötzlich hob sie die eigene nackte Rechte empor gegen das fahlhelle Licht, das durch das breite Oberfenster vom milchig bedeckten Himmel hereinbrach: »Na nun such’ mir einer einen solchen Arm in ganz Berlin!« Und sie ließ die Muskeln spielen und weidete sich an dem feinen Wechsel des Schattenhauches, der beim langsamen Hin- und Herdrehen seine harmonischen Flächen und Linien belebte.
Und wie brav und tüchtig er ist, dieser Arm! Respekt vor ihm, er ernährt eine ganze Familie! Mehr, viel mehr, als vier schwielige Arbeiterfäuste zu leisten vermögen. Was wäre aus ihrem armen, kranken, von Not und Sorge verhärmten Mütterlein geworden ohne den Arm? Wer fütterte die vier kleinen Geschwister? Wer ließe den Bruder was Tüchtiges lernen?
Sie schlug mit der flachen Linken auf das Fleisch des Armes, daß es einen klatschenden Schall gab, es klang wie ein Bravo! — weil er seine Sache so gut macht.
Schließlich ist’s ein Besitz, dem die Zeit so bald nichts anhaben wird. Wie lange blüht so ein Frätzchen? Denn Männer sind brutal, Künstler erst recht, über ein paar Falten stolpert ihre Liebe. Ach, sie meint ja gar nicht mal die Liebe, die dumme, verrückte Liebe, mit der will sie ja garnichts zu schaffen haben ...
Aber er kann definitiv langweilig werden, dieser angebrochene Sonntagnachmittag! Müßig hier zu hocken und zu harren! Unsereins will auch einen Happen vom Sonntag genießen, man ist sich’s schuldig, will sagen: seinem Körper, damit der jung und frisch bleibt — ich selbst, ich verlange nichts auf der Welt für mich ...
Hätte mich wohl mitnehmen können nach Wannsee! Hat mir es immer schon versprochen! Aber kann keinen Staat mit mir machen, das ist’s, er schämt sich meiner — ich weiß nicht, ob ein schönes Frätzchen nicht doch was Begehrenswertes? ... ich möcht’ wohl schön sein für den Sonntagnachmittag, zum Ausgehen und Ausfahren mit ihm! — Ach mit ihm Wasser zu gondeln! Jung und schön, und nur einen einzigen vollen Becher vom schäumenden Leben genießen! Werktags will ich gern zufrieden sein, so wie es ist ...
Ja, es wurde immer stiller, immer »trister« hier im Atelier, je weiter der Nachmittag vorrückte. Jetzt wimmelt der Tiergarten bunt von fröhlichen Menschen, und den armen Schwestern wäre wohl ein Gang ins Grüne zu gönnen gewesen. — Wie spät mag es sein? Man sitzt wie in einem Gefängnis, weißgraue Wände, feuchter Gips- und Lehmgeruch, und wie gelangweilt einen die Figuren anstarren! — kein Ton von außen, nur von Zeit zu Zeit die heftigen Windstöße, die das Laub herabjagen, nur hie und da ein fernes dumpfes Rollen, es ist die Stadtbahn — nicht mal das trauliche Getick einer Uhr, das einem Gesellschaft leistet.
Dumme Gedanken! — ich bin nicht gerne allein, da kriegt man solche! — Ob ich durchbrenne? Wenn er aber doch noch käme? — ach was, ich leg’ mich schlafen, es giebt nichts Gescheiteres als schlafen. Wenn man Glück hat, fällt einem im Traum was Süßes vom Himmel — ich bin auch schon mit geträumten Süßigkeiten zufrieden ...
Sie hatte ihren Oberkörper in einen bunten römischen Seidenshawl gehüllt und sich auf dem Divan ausgestreckt, nachdem sie ein Glas schäumenden Tivoli’s gierig durstend herabgeschlürft. Die Hände unter dem Kopf gefaltet, dessen dicke Haarknoten sie, des bequemeren Liegens wegen, gelöst, lag sie nun mit wachträumenden Augen.
Schaut mich nicht so an, ihr Gipsköpfe ringsum! Zu verspotten giebt’s nichts! Unerlaubtes ist es nicht, woran ich denke — ich träume von ihm, eurem Schöpfer und Meister ...
Ach von ihm! — wie mit Klammern haften oft die Gedanken an ihm und können nicht wieder los! Ich quäl’ mich selbst damit, aber ich kann nicht anders! Ich mal’ mir aus, wie es ist, wenn er endlich berühmt geworden, von aller Welt gefeiert, mit Glücksgütern überhäuft, und von allen Ehren umgeben. Das wird und muß eintreffen, alle seine Freunde schwören darauf, und ich weiß es so sicher wie das Vaterunser: bald, gar bald werden sie ihn mit dem Lorbeer krönen, große, weitglänzende Denkmale werden die Glorie seines Namens in aller Welt verbreiten, der Kaiser selbst wird ihn mit seiner besonderen Huld beglücken — und die Weiber, schöne, begehrenswerte, werden ihn anbeten ...
Puh, der Wind meint es gut! Die Baumäste knarren und ächzen, rings ist ein gewaltiges Rauschen von dürren Blättern. Und er draußen auf dem Wasser mit seiner Nußschale! ... Der Tod ist demokratisch gesinnt, der verschont keinen Rang und Namen — wenn er seine Laune hat, so übt er sich im Knicken von Hoffnungsblüten und läßt die alten, welken Halme stehn ...
Ueber der schwarzgrauen, unheimlich weiten Wasserfläche wütet der Sturm, tückische, weißbekämmte Wogengipfel aufwühlend; einzelne Schifflein sind noch draußen, von dem Unwetter verschlagen, verzweifelt arbeiten sie sich landwärts, ihre Segel sehen aus, als flatterten große weißgefiederte Vögel ängstlich in der Irre. Holla, sein Boot, seine Nußschale! — die Freunde nennen es scherzend einen »Seelenverkäufer,« wie es im grausigen Uebermut lustig auf und nieder tanzt! — wie die kleine Flagge am Top nach rechts und links den Wogenschaum begrüßt! Ihm ist wohl da draußen unter den ängstlich flatternden ... Wo ist es doch jetzt? Dort hinten ... nein es hat ja gelbliches Segelwerk — und die Flagge nicht mehr sichtbar! — Himmel, das Segel liegt platt und schwer auf dem Wasser — — jetzt ist es verschwunden — etwas dunkles, langes, schwarzes wogt, unheimlich wie ein Sarg, über der vom fahlen Abendschein beleuchteten Fläche — unweit von dem Sarg ein — zwei — drei kleine schwarze Punkte — die bewegen sich — es ist wie ein Krabbeln — Menschen in Not! — — Hilfe! Hilfe, rettet ihn! O er kann ja schwimmen! ... jetzt recken sich von dem einen der schwarzen Punkte zwei Arme himmelwärts — plötzlich ist der Punkt mit den Armen verschwunden — hinab in die Tiefe ...
Die Hille schreckte jäh empor, und ihre Rechte tastete über die Stirn, die perlte voll kalter Schweißtropfen. Dann schlug sie eine laute nervöse Lache an: wie kann man nur so Tolles träumen! Fort mit den Fledermäusen! Unsinn — an ihn wagt das Schicksal nicht jäh zu rühren! Er ist eine Ausnahme! — schon ein Verbrechen, nur solches zu träumen!
Ihre krampfhaft wachen Augen irrten in dem Raume umher. Es herrschte ein unheimlich fahles Dämmerlicht, die gipsenen Gesichter und Masken hatten einen so gespenstischen verzerrten Ausdruck; das schöne blühende Weib mit dem Knaben reckte sich stumpf und leblos wie eine plumpe, schwere Masse empor; ein scharfer, modriger Erdgeruch hauchte von dem feuchten Ton aus.
Hille schloß die Augen, ihr Herz pochte hörbar in der Stille. Jetzt zwang sie ihre Lippen zu einem Lächeln, und gewaltsam zerrte sie sich heitere Bilder herbei.
Sie sah den dürftig engen Atelierraum zu einer hohen Halle geweitet, in der gewaltige Denkmäler und kühne Gruppen der Vollendung harren. Hier gebietet er, der Meister in elegantem samtenen Atelierkostüm, über eine Schar eifriger und talentvoller Schüler und Genossen. Nebenan, in einem besondern Raum, wird nach einem lebenden Pferd modelliert, das zwei Stallknechte in glänzender Livree halten; es ist des Kaisers Leibroß, ein prachtvoller Trakehner, dessen temperamentvolles Gescharr und Gestampf sich mit dem harten Klang des Meißels mischt, denn im benachbarten Schuppen ist ein ganzer Stamm italienischer Marmorarbeiter mit dem Ausführen der fertigen Modelle beschäftigt. Auch ist ein Allerheiligstes da, ein kokett und luxuriös ausgestatteter Raum, in dem das »Leibmodell« seinen Thron hat, denn mit dem Künstler wächst auch die Kostbarkeit seines Modells. Hat das ihn nicht berühmt machen helfen? Hille’s Arm, der wird unberechenbar an Wert steigen ...
Draußen aber, mit der Sicht auf das Schattendunkel des Tiergartens, prangt des Meisters Villa, von einem ersten Architektenpaar erbaut, ein Schmuckkasten, fürstlich ausgestattet, voll entzückend stimmungsvoller Gelasse und Winkel. Hier hallt beim Klang der Gläser, an den Abenden, nach der Tagesarbeit, fröhliches Lachen und Geplauder, denn der Meister hatte immer schon einen Hang zu gemütvoller Gastlichkeit. Dazu liebt er Musik, erste Künstler sind seine Freunde, so gilt die Villa als das Stelldichein edler, harmonischer Gesellschaft.
Spät in der Nacht aber, nachdem die Gäste verflogen, sehen die Nixen und Elfen des Waldparks die Gestalt des Meisters auf den von Blumen üppig umrankten Balkon heraustreten, dicht an seine Seite geschmiegt ein schönes, liebliches Weib. Er hat seinen Arm mit inniger Zärtlichkeit um ihren Leib geschlungen, und ihr Kopf lehnt, des Glückes schwer, auf seiner Schulter. So halten sie dort, von dem Blumengerank umrahmt, vom matten Dämmerschein des goldenen Halbmondes umflimmert.
Hille, Hille, du bist wahrhaftig ein guter Kerl, daß du solche Träume uneigennützig zu hätscheln wagst! Nur ein kurzes Aufatmen, das dein armes Herz von solch fremdem Glückesalp befreien will .....
Noch ist der Traum nicht zu Ende. Weiter erlauschen die Nixen und Elfen, wie das holde Paar nun in das noch erleuchtete Innere zurücktritt, wie es langsam, langsam den prunkenden Saal durchschreitet, und hinter diesem, in einem rosa erleuchteten Kabinett vor einem spitzenumhauchten Etwas stehen bleibt, das einem Kinderbettchen ähnlich sieht. Wie nun ihre beiden Köpfe sich gemeinsam herabbeugen, sehr behutsam, und wie dann eins nach dem andern, einen leisen Kuß haucht auf die zarte Stirn eines kleinen, von schwarzem Flaum bedeckten Köpfchens ...
Genug, genug! Hille schrak von einem prallenden Schlag empor, der gegen das Fenster geschah: wohl ein Zweig, den der Wind dagegen geschleudert. Schlaftrunken öffnete sie die Augen — wo ist sie doch? Ist es die Morgendämmerung? Ach so, sein Atelier! — es ist Abend, sie muß sehr lange geschlafen haben.
Fröstelnd und gähnend richtete sie sich empor. Dann zog sie sich eilig an. Eine seltsame Unruhe schien sie zu zerren. Es war unheimlich hier in der Stille. Wie bleiche Gespenster schimmerten die Gipsgestalten in dem grauen Halbdunkel — Arme schienen sich zu bewegen, Gesichter grinsten — schwer wie ein Pfühl lastete die feuchte Luft auf ihrem Atem. Und was war das für ein Spuk, daß sie das schaurige Traumbild nicht loswerden konnte aus den Augen: immer und immer sah sie auf der fahlbeschienenen Wasserweite den großen schwarzen Sarg daherwogen, und die drei hilflos krabbelnden Punkte ...
Schnell verrichtete sie noch das Nötige, stellte die Ordnung wieder her, bespritzte die Thonfigur mit Wasser und umhüllte sie sorgfältig mit den Tüchern. Dann fort — die seltsame Unruhe zog sie hinweg wie mit unsichtbaren Armen. Sie schloß die Atelierthür ab und versteckte den Schlüssel an dem bestimmten Platz unter einem losen Ziegel seitwärts der Thürzarge. Dann eilte sie durch den verwahrlosten Garten, in dem das Atelier, ein ehemaliger Pavillon, stand. Das Laub raschelte unter ihren hastigen Tritten, in der Luft ging ein rätselhaftes feines Gewinsel, anschwellend zu einem deutlichen Gestöhn, und dann wieder fast unhörbar verhauchend. Sie horchte wie gebannt — ach es ist ja nur der Wind! ... wenn sie nur wüßte, ob er an Land ist und in Sicherheit ... gewiß sitzt er längst warm und behaglich, unter fröhlichem Geplauder in einem Gasthaus!
Immer wieder der schwarze Sarg! — der schwimmt jetzt allein — die Punkte sind fort! — horch, rief da nicht jemand um Hülfe?
Da braust unweit ein Stadtbahnzug daher, sie war froh, daß das rollende Getös endlich die gespenstischen Töne verschlang. Und da draußen auf der Chaussee, die von heimkehrenden Menschen und Wagen wimmelte, verschwand auch endlich das Sarggesicht.
Sie fügte sich in den Menschenstrom ein, aber das schlenderte so langsam, in müder Behaglichkeit — ja hat sie denn solche Eile? Allerlei Rufe und Bemerkungen drangen an ihr Ohr, einige mit dem Lallen angehender Trunkenheit, wie man sich da und dort amüsierte, wie man die häßlichen Alltagssorgen da draußen in der freien Gottesnatur habe verwehen lassen, wie Bier und Kaffee geschmeckt und wie wohl das Schlendern durch den Wald gethan.
»Die auf dem Wasser draußen hatten ihre Not« — sagte einer. »Der Wind meinte es gut. Wer versäuft, hat selber schuld, warum gondelt er hinaus bei dem Wind —«
»Versäuft ... Ist denn einer ertrunken?«
Sie hatte sich erschrocken herumgewandt und richtete die Frage an den Sprecher. Der grinste sie lustig an: »Wohl Ihrer, Fräuleinken? Na keene Bange nich, ertrinken dhut heute mancher — ins Bier, Fräuleinken, der Wind macht höllisch durstig!«
An der Straßenecke erwartete sie einen Pferdebahnwagen, der, schwer mit Menschen überladen, heranrasselte. Sie erkämpfte sich unter den Herzudrängenden einen Platz auf dem Hinterperron und stand dort eingekeilt.
Zwei Herren links und rechts von ihr unterhielten sich an ihrem Gesicht vorbei.
»Am Kälberwerder — freilich eine verdammte Stelle bei dem Wind. Wann passierte es denn?«
»Um fünf! Ich habe jemand gesprochen, der es mit angesehn. Drei sprangen ins Wasser, einer hielt sich und ist gerettet, die andern sind weg!«
»Scheußlich!« fuhr eine dritte Stimme dazwischen.
Die Hille durchschauerte es eiskalt. Eine Frage erstarrte auf ihren Lippen, bebend blieben diese geöffnet, und so, regungslos eingekeilt, mußte sie weiter das Entsetzliche anhören.
»Es solle eine alte Zille gewesen sein, ein Verbrechen, damit hinaus zu machen bei solchem Wind!«
»Weiß man, wer es war?«
»Drei junge Leute aus Potsdam.«
»I wo, drei Berliner Künstler« — ließ sich eine fette Allesbesserwissen-Stimme zwischen der Wagenthür vernehmen. »Ein Bildhauer und ein Maler sind ertrunken —«
»Fräulein, was ist Ihnen? Ist Ihnen nicht wohl?«
An den Arm des einen Herrn faßte, wie Halt suchend, die mit einem Baumwollhandschuh bekleidete Hand des Mädchens. Und ihr Antlitz bog hintüber wie gebrochen, totenblaß. Gleich richtete es sich wieder empor, krampfhaft, und die Augen weiteten sich stier.
»Ein Bildhauer — sagen Sie« — stammelte es tonlos über die blutleeren Lippen.
Aus dem Hintergrunde des Wagens tönte ein Name. Durch das rasselnde Getös schlug er deutlich an ihr Ohr — Sein Name ...
»Scheußlich! Entsetzlich!« stieß jemand aus.
»Eine Gemeinheit des Schicksals!«
»Heda, Schaffner, einen Platz für die Dame! Sie wird ohnmächtig! Vielleicht ist einer der Herren da drinnen so freundlich aufzustehen!«
Aber die Hille reckte sich noch einmal empor. »Ich danke!« sagte sie, und durch ihren Körper ging es wie ein energisches Zusammenraffen. Kein Schauspiel für diese da! Was geht die der Dolchstich an, den der Name soeben mitten in ihr Herz versetzt ...
Heiliger Gott im Himmel! Es ist wohl nicht glaublich! Es ist undenkbar! Er sollte ertrunken sein ..
Es ist gut, so eingekeilt zu sein, da merkt niemand ihr Wanken und Schwanken — so muß es sein, wenn man in die nasse Tiefe sinkt: die Augen noch einmal stierweit aufgerissen, und ein letzter großer, vorwurfsvoller Sehnsuchtsblick rundum auf die herrliche Welt, die so voll goldschimmernder Schmetterlingshoffnungen wimmelt ...