Faschingszauber
Ich höre scharfklippernden Peitschenschlag; ich höre das feine nervöse Geklingel von Schellenkappen; juchzenden Geigenstrich und übermütig schnarrende Guitarrentöne, weinheisere Singstimmen, das Gellen anstoßender Gläser, Zurufe und Witze, die ganze Luft gleichsam vibrierend von der alles ansteckenden, alles umhüllenden, alles durchdringenden Karnevalslaune.
Ich höre Lachen im Chor, schallend, homerisch erschütternd; ich höre aufwirbelndes Sololachen von Frauenstimmen, hell wie der Glöckleinklang eines eleganten Frauenklosters; Lachen, das sich ausschütten möchte über einen Extra-Spaß, und anderes, das lacht, weil es in der Luft liegt, weil die Kölner Faschingsparole es gebietet, über eine Dummheit, eine Grimasse, ein Nichts. Und, jetzt aus all dem vieltönigen, ein wenig mißtönigen Frohgelärm klingt das Lachen einer gewissen Mädchenstimme, ein paar perlartig hüpfende Noten nur, luccahaft süß, von jenem eigenartigen Zauber, der sofort ins Herz dringt, ohne den vorschriftsmäßigen Umweg durch das Ohr und das übrige Telegraphennetz der Nerven ...
Freilich, die Lippen, denen es entfährt, blühend frisch, siebzehnjährig jung, von einem herzigen Lächeln, einem Grübchenlächeln gleichsam aufplatzend wie eine köstliche Frucht, dazwischen das feine, irisierende Blinken von kleinen, etwas spitzigen weißen Raubtierzähnchen. Wißt Ihr, es war nicht leicht, sitzen zu bleiben und dies Lächeln einfach anzustarren wie ein Wunder! Wißt Ihr, ich weiß selbst nicht, wie es geschah, ich war meiner nicht mehr Herr, war aufgestanden, an den Nachbartisch herangetreten, hatte mit einem kühnen Griff das Köpfchen gefaßt, und einen Kuß auf die halboffenen Lippen gepreßt ...
Hier in unserm verstandessichern, polizeimäßig nüchternen Berlin, das sich zwar seines Witzes rühmt, eines meist forcierten Witzes, aber von Humor keine Ahnung hat, gäbe es Mord und Totschlag ob solchen Unfugs, Kartenwechsel oder Faustschläge, je nachdem, mit gerichtlichem Nachspiel. Der Kölner Humor mit seiner Devise »Leben und leben lassen!« gestattet jedoch die kühne Freiheit solchen Stegreifkusses — zwischen Schönen, Hübschen, Jungen natürlich. Se. Närrische Hoheit der Prinz Karneval, stets einer der schönsten und elegantesten jungen Herren der Stadt, hat sogar das altherkömmliche Recht, am Rosenmontag die Lokale zu durchwandern und sich von den verlockendsten Mädchenlippen nach Wahl die tributpflichtigen Küsse zu pflücken — ohne Wehr und Zimperlichkeit, es ist sogar köstliche Ehre dabei. Na und die Getreuen Sr. Närr. Hoheit naschen so gelegentlich vom gleichen Recht.
Ich sollte ja die kleine karnevalistische Episode regelrecht berichten. D. h. Ihr dürft nichts erwarten als nur die Schilderung einer süßen Mädchengestalt, die alljährlich zum Fasching vor meine Erinnerung tritt, lächelnd mit ihren blüten-frischen Lippen, für mich auf allzeit die wundervolle poetische Verkörperung der im Namen aller Frohgeister benedeiten Kölner Karnevalstollität.
Und so grüß’ ich Dich: »Alaaf Köln!« Du Stadt mit den hundert Kirchtürmen und den tausend schönen Mädchen! Dich aus den Tausend grüß’ ich, Du liebliche rheinische Maid: — »N’tag Drückchen!« Und nick’ Dir freundlich zu, und über meine Seele breitet sich warmlachender Sonnenschein im Gedanken an Dich. Sei gegrüßt und gedankt für diesen Sonnenschein!
Also am »Fastelabend«; es ist der Vorabend vor dem offiziellen Fastnachtsanfang, die Generalprobe der Tollität, alle Humore frisch aufgezogen, alle Launen im ersten Übermut entfesselt. Die Wirtshäuser voll froher und lärmender Gäste, besonders die Weinstuben; die meisten haben ihre kleine Hauskapelle installiert, die mit ihren nicht immer ganz harmonischen Tönen die Stimmung anreizen soll. In einem bekannten Restaurant der Herzoggasse hockt auch schon der »Puckel« hoch droben auf dem Tisch mit seiner Geige, unter dem surrenden Licht der Gaskrone. Er ist der traditionelle Kobold des Kölner Faschings; alljährlich am Fastelabend taucht er auf. — Gott weiß, wo er sich sonst umtreiben mag — und wird mit Halloh begrüßt: »Der Puckel ist da, nun kann’s losgehn!« — ein seltsamer Kauz, mit einem prächtigen Harlekinshöcker belastet, das ältliche Gesicht stets in sehr ernsten Falten, aber desto lustiger klingt der Strich seiner Geige. Er hat nur ein kleines Repertoir, und das Gewimmel zu seinen Füßen wird auch nicht müde, seinen »kleinen Postillon« mitzujohlen — keine echte Karnevalsstimmung, über die der Gassenhauer dieses Kobolds nicht hinweggestrichen.
Wir saßen bei einem guten Tropfen an einem überfüllten Tisch. Nur vereinzelte Masken zeigten sich, ich selbst trug mit manchen anderen die bunte Narrenkappe (offizielles Modell, alljährlich vom »großen Rat« festgesetzt und unter seiner Regie vertrieben). Heute galt es noch solide zu sein, denn drei schwere Tage mit drei tollen Nächten standen uns bevor. Aber der Übermut prickelte uns bereits wie Champagnerschaum. Uns gegenüber, in einem Gewühl von Narrenköpfen, leuchtete etwas gewaltig Hübsches — »alle Wetter!« stieß einer von uns vor Verwunderung hervor. »Ein süßer Käfer!« meinte ein anderer, und er hob den Römer voll dunkelgoldigen Rheinweins und versuchte dem reizenden Mädchenkopf ein galantes Prosit! zu bringen — derlei ist wohl üblich. Aber das Mädel »reagiert« nicht. Ein feines rundliches brünettes Gesichtchen, schelmdunkle Augen, seidiges, üppiges, großwelliges Braunhaar, das unter der leicht schiefsitzenden Narrenkappe vorquillt, und die Lippen lächelnd geöffnet, der ganze Ausdruck ein naives Kinderbegehren: ich will mich amüsieren! auf jeden Fall!
Also wie gesagt, ich weiß nicht, wie es geschah. Wollt’ ich mich forscher vor den andern hervorthun? wollt’ ich ihnen zeigen, wie man den Geboten der ersten Schutzheiligen des Karnevals, der Gelegenheit, ohne Besinnen folgen müsse? War also aufgestanden, hatte mich von ungefähr an das liebe Kind herangeschlichen, meinen Römer in der Hand. Und artig, mit galanter Verbeugung gegen die Damen gewandt (denn es waren ihrer zwei, eine ältere Duenna saß neben der Erkorenen): »Ist es erlaubt, anzustoßen?« Das Herz pochte mir doch, als ich so dicht in ihre Augensterne sah.
Eine kleine Überraschung ihrerseits, ein fragendes Auflächeln, dann ergriff sie zögernd ihr Glas und hielt es gegen das meine.
»Die Schönheit!« sagte ich, fast rufend, und ich fühlte das begeisterte Strahlen meiner Augen: »Du bist wundervoll — Du bist — Du bist —«
Die Worte versagten mir, und unsere Gläser gellten zusammen, Aug’ in Auge, beide von so seltsamer Verwirrung ergriffen.
»Das sagen viele« — erwiderte sie lachend, »ich werd’ es wohl noch oft zu hören bekommen.«
»So, Du glaubst mir nicht? Na wart’« — —
Der Übermut packte mich, schnell setzte ich mein Glas auf den Tisch, nahm mit sanft zufassender Überrumpelung das Köpfchen zwischen die Hände und preßte meine heißbebenden Lippen auf die ihren, den kleinen wehrenden Schrei kräftig unterdrückend.
Eine ganz kurze Entrüstung; und ein flüchtiger Purpur flog über ihr ovales Wangenrund: — »Aber mein Herr, das ist —«
»Unverschämt? Mit nichten!« fiel ich ein. »Es ist Karnevalsrecht!«
»Oho« — lachte sie. »Da könnt’ jeder kommen! Wer sind Sie? Ich kenn’ Sie nit, mein Herr! Und ich verbitt’ mir das!«
»Oho!« lachte ich dagegen. »Übrigens Du und Du! Wir tragen beide Narrenmützen — da giebt’s kein Sie!«
Nach einem kurzen prüfenden Mustern meiner Erscheinung fuhr sie heraus: »Sie sind ein Lieutenant!«
Es klang nicht wie eine Frage. »Zu Befehl!« antwortete ich, wichtig aufreckend. »Woher weißt Du das?«
Sie stieß ihre Begleiterin an, beide kicherten: unendlich komisch, daß ich glaubte, mein Zivil versteckte mich! »Das weiß man doch gleich! Ihr seid kühner als die andern. Ihr habt was, das die andern nicht haben —«
»Das gefällt Euch eben. Auch nimmt man es uns nicht so übel, wie?«
»Ei gewiß!«
»Also keine Feindschaft?« bat ich, alle Innigkeit im Ton, den Blick voll Begeisterung. »Darf ich Dich wiedersehn?«
Sie stutzte. »Warum nit?« meinte sie dann. »Ich versteck’ mich nit — ich mach’ tüchtig mit.«
»Morgen abend auf dem Gürzenichball?« drängte ich, fast flehend.
»Ich mach’ alles mit, was mitzumachen ist! Ich will mich einmal tüchtig amüsieren!« rief sie; dabei wetterte etwas wie ganz feine trotzende Fältchen zwischen ihren dunklen stark gezeichneten Brauen. Als wenn ihr Leben, ihre Vergangenheit wie ihre Zukunft, nicht ganz auf diese lustige Fahne gerichtet sei.
»Also morgen — mein Fräulein?« Das »Du« kam mir nun schon trivial vor, auch fiel es mir wie eine Furcht aufs Herz, sie etwa wieder durch meinen burschikosen Ton zu verlieren.
»Dritter Pfeiler links um die Ecke, Herr Lieutenant!« scherzte sie schelmisch.
»Sind Sie mir bös?«
»O durchaus nit! Aber nit wieder, gelt?« Sie hob drohend den Finger, und vor ihrem treuherzigen Kinderausdruck verschwor ich mich zu einer feierlich-komischen Entsagung in betreff des Lippenrechtes.
Ich hob abermals das Glas und hielt es gegen das ihre. »Also morgen auf dem Gürzenich!« Und der Übermut trieb mich von neuem: »Du bist das Süßeste — Lieblichste ... Du bist einfach famos!«
»Du bis’ geck!« rief sie, die Zähnchen im vollen Blinken.
»Geck laß Geck elans!« die uralte Kölner Karnevalsdevise. »Das heißt, nicht elans« — verbesserte ich mich. »Wir wollen uns nicht vorbeischlüpfen, sondern tüchtig amüsieren.«
»Du bis’ einer!«
»Also doch — Du?«
Wieder flog das Purpur über ihre Wangen. »Ich mein’ Deine Kapp’. Aber nun adjes!«
»Mein Fräulein! Ah so, adjes! — und Du, nicht?«
Sie nickte, und ich nickte wieder, als wären wir zwei alte Bekannte. —
Nichts leichter, als sich auf einem Kölner Karnevalsball zu verfehlen, zumal in der weiten von Säulen getragenen Halle des altehrwürdigen gothischen Kaufhauses, Gürzenich genannt. »Dritter Pfeiler links um die Ecke —« hatte die Schelmin befohlen. Und Ihr hättet von der achten bis fast in die elfte Stunde hinein an einem Pfeiler auf der linken Saalseite eine gewisse Bauernmaske (das traditionelle Kostüm der Kölner Garnisonherren) halten sehen können, die mit Gamaschen bekleideten Beine übereinandergeschlagen, ein Bild des immer mehr enttäuschten Unmuts, die Miene immer weniger passend zu dem lustig gekräuselten Puderhaar, von dem die bäuerliche Trikotmütze tief herabhing auf den blauen Kittel, und zu dem keck und eroberungslustig gestreiften Schnurrbärtchen. Eine Verabredung wie eine andere! — ein Karnevalswort bindet nicht! Doch was soll ich mich hänseln lassen von vorbeistreifenden Masken? Was soll ich hier noch weiter Posten stehen, während rings um mich her der Ball in ausgelassenen Wirbeln tollt, Tanz und Lachen und ferner Gläserklang und der ganze prächtige reich dekorierte Saal, dessen gothische Schnitzbögen mit närrischen Emblemen behangen sind, vibrierend wie in einem Schauer unbändiger Lebensfreude? Was soll ich mich auch nach dieser zweiten Nacht von der Erinnerungsvision süßmagischer Augen verhexen lassen, nachdem ich schon die vorige schlaflos in Erwartung kommender Abenteuer verwacht? Ah bah — und ich wollte mich aufs Ungewisse in den hohen Wellenschlag hineinstürzen.
Da tippte es mit leichtem Fächerschlag von hinterrücks auf meine Schulter. Ein blauseidener weiblicher Domino, die Larve mit crêmefarbener Blonde besetzt; aus den länglichen Augenschlitzen sprühten mich dunkle Blicke an. Bekanntlich sind unter der Maske auch die vertrautesten Augen nicht mit Sicherheit zu rekognoszieren; und ich prüfte diese durch das Lorgnon der Leidenschaft; — sie waren es! Hurrah! und ich hätte beinahe hell aufgejubelt.
»Du hast aber brav Schildwach’ gestanden, Herr Lieutenant —« kicherte es unter der Blonde im verstellten Maskenfalsett.
»Gut, daß Du da bist! ich wollt’ eben meinen Posten quittieren.« Und ich affektierte den Ärgerlichen.
»Thätst Du doch nicht — i, thätst Du nicht —« spottete das Falsett.
»Du bist wohl eben erst gekommen?« fragte ich.
»Jömich, ich tanz’ schon zwei Stunden lang. Ich hab’ Verehrer satt! (= genug) ich hab’ Dich wohl da luxen gesehn.«
Sie wollte mich zur Eifersucht reizen; fast brachte sie es fertig. Aber nun will ich sie fesseln und halten! Nichts fesselt in Köln ein Mädel so sehr als ein flotter Tänzer. Und ich umfaßte sie und wirbelte mit ihr durch das Gewühl, toll und leidenschaftlich, im Übermaß endlicher Erfüllungsfreude.
Dann promenierten wir Arm in Arm. Sie war keck und teilte Fächerschläge und neckische Anreden nach allen Seiten aus, zerstreut gegen das fiebernde Gedräng meiner Leidenschaft.
»Ich hab’ den ganzen Tag an Dich gedacht —«
»Gefällig?« kam es unter der Maske zurück. Ein ironischer Sington, und die Augen funkelten mich koboldartig an.
Und später: »Du scheinst mir ein süßes Teufelchen zu sein, wie?«
»Gefällig?«
Nicht viel Weiteres als dieser Sington. Solch maskierte Unterhaltungen können langweilig werden; ich bat also, sie sollte sich demaskieren: »Ich möcht’ so gern Dein liebes schönes Gesicht sehen!«
Mit hellem Spott lachte sie diesmal: »Mein liebes schönes Gesicht — was willst Du daran sehen? Du kennst es ja. Weißt Du was — ich bin durstig!«
Ein wenig ärgerlich führte ich sie in einen der anstoßenden Weinsäle, wo wir uns an einem von Flaschen und Gläsern überbürdeten Tisch mitten unter der ausgelassenen Mummerei ein enges Plätzchen eroberten.
Wir stießen mit unsern Römern an, und sie hob die Larvenblonde, um den Glasrand an ihre Lippen zu führen, vorsichtig, fast zimperlich, damit ich nicht eine Spur von ihrem Gesichtchen gewahrte.
»Du bist närrisch! was demaskierst Du Dich nicht! Du darfst Dich doch sehen lassen!« polterte ich.
»Ei, so ein Ekel! Wenn ich Dir so nicht gefalle, so such’ Dir — so such’ Dir ... Ihr Lieutenants glaubt, Ihr braucht nur zu schütteln, damit die schönsten Äppelchens herabfallen. Prost!«
Ein Zweifel stieg in mir auf: ob sie es denn wirklich war; aber sie hatte sich so sicher mit Andeutungen über den vorigen Abend legitimiert. Eben stachelte mich ein Gelüst, ihr mit zugreifender Überraschung die Maske vom Gesicht zu ziehen, da klang eine Stimme hinter uns:
»Ei, Ihr amüsiert Euch aber famos!«
Ich wandte mich um und fuhr freudigen Stutzens zurück — sie! Ihr liebes, schönes Gesicht, ohne Maske, schelmisch lächelnd, blinkende Zähnchen und strahlende Augen. Es flog wie ein blanker Sonnenschein über mich her.
Aber ich kam mir lächerlich genug vor: so war ich also zum besten gehalten worden! Sie lachte mich aus, weil ich ihre Cousine von gestern abend für sie selbst genommen: »Ihr Lieutenants seid doch noch nit die Schlausten!«
»Aber Du giebst mir Revanche!« rief ich. Eben intonierte aus dem Festsaal ein graziöser Straußwalzer.
»Anavang!« (en avant) rief sie übermütig. Da soeben ein Grenadier in der Uniform der karnevalistischen Leibgarde, »Funken« genannt, meine Pseudo-Schöne aufforderte, so konnt’ ich doppelt befreit aufschnellen.
»Anavang!« rief ich neubegeistert, und sie in meinen Arm schmiegend, schwebte ich mit ihr, von den Strauß’schen Rythmen gewiegt, durch den Saal.
»Ach wie süß — ach wie schön — das ist Wonne — das ist Le—ben,« trällerte sie während des Tanzens den bekannten Walzertext.
Dann hielten wir hochatmend. Aber ich mußte ihr meine unbändige Freude ausdrücken:
»Ich hab’ den ganzen Tag an Dich gedacht!«
»Das haben Sie der andern schon gesagt —« lachte sie.
»Woher wissen Sie das?«
»Ich weiß alles. Das heißt, ich kann mir’s denken. Ihr Leutnants sagt so ziemlich all’ dasselbe.«
»Muß ich mir doch sehr ausbitten! Übrigens duld’ ich jetzt kein ›Sie‹ mehr!«
»Sie fingen ja selber an, Herr Leutnant.«
»Nun laß’ Dich ich nicht mehr! Heut’ nicht und morgen ...«
»Oho, nimm gleich ein Abonnement! Morgen ist ja gleich. Es ist zwölf Uhr.«
»Dem Glücklichen schlägt ...«
»Keine Stunde — du bist geistreich. Was weißt du, ob ich glücklich bin?«
»Du gefällst mir, und ich — und ich —«
»Dir!? — oho!«
»Sonst hättest du mir doch nicht das tête-à-tête vorhin gestört.«
»Ich will mich amüsieren, weiter nichts! Ich hab mich ferm dazu engagiert. Ich hab’ es versprochen. Ich will, ich muß! Drei Tage heidi — heida! Ich will, ich muß! Dann meinetwegen kann kommen, was will —«
Zwischen ihren Brauen war wieder das Gewetter feinzuckender Fältchen. »Ich will! ich muß!« Und ihr Füßchen, bis zum Knöchel nur von dem buntbesetzten Phantasieröckchen bekleidet, stapfte trotzig auf.
»So, also nur aus Prinzip?«
»Frag’ mich nit! Laß uns lustig sein! Und weil du mir gefällst, — bon, so wollen wir uns zusammen amüsieren!«
»Ich lieb’ Dich! Du bist das Süßeste, Herrlichste ...«
»Bis’ still! bis’ still! Sei nit närrisch! Sie kennen mich ja nit —« kicherte sie. »Ich bin schlimm. Und für den Moment bin ich durstig!«
An der hinteren Schmalseite des Saales, auf der Stufenestrade unter der großen Konzertorgel standen kleine runde Tischchen à deux, und wir gewannen ein solches im Wettkampf mit anderen isolierlustigen Paaren.
Ein köstlicher Sitz. Unter uns, vor uns das hüpfende, stampfende, wimmelnde Gewühl des tanzenden Saales. Buntes und Flimmerndes durcheinander huschend, Farben und Lichter in einem bläulichen Staubdunst verhauchend. Wir sind glücklich gerettet aus der närrischen Brandung, die dort unten wogt, so kommt es uns vor, und, so sitzend und plaudernd, Aug in Auge, und mit tüchtigen, balldurstigen Schlucken den prächtigen Wein schlürfend, fühlen wir uns so wunderschön geborgen hier oben; selbst die Musik will uns nicht zu oft hinablocken. Nicht als ob wir uns so Wichtiges mitzuteilen hätten. Wir hatten Wohlgefallen aneinander — wir gehörten zu einander, für diesen Karneval wenigstens, und dies Gefühl hielt uns zu einander gefesselt wie eine stumme Absprache. Ein Gelüst wollte mir vorgaukeln: auf viel länger vielleicht ... Ach, du fröhliche, ach du selige Jugendzeit! Ach du wundervolles Schmetterlingsrecht, das zwei junge Menschenkinder, die sich auf einem schimmernden Blumenkelch zufällig getroffen, auf ein Eintags-Mein-Dein zusammenschwören heißt — gegen das blöddumme Vorurteil, das überall Verderbnis wittert!
Sie sah reizend aus. Ein mit Gold und Flitter besetztes altdeutsches Häubchen, das ihr dunkles Wellenhaar nur schwer bändigte, kleidete sie entzückend. Es war keine ausgesprochene Charaktertracht, gleichsam aus dem Stegreif zusammengesetzt, wie es im ersten Hinhalten vor dem Spiegel kleidete. Der Hals, weiß und marmorn fest, bis zu den halben Schultern entblößt. Wie das Köpfchen sich auf diese elastische Halsrundung setzte! und ihre Taille, welch eine reizvolle Verbindung üppiger Jugendblüte mit zarter schlanker Grazie! Das Leutenantsblut ließ mir keine Ruhe, und ich fiel von Zeit zu Zeit immer wieder in die Banalität von Begeisterungsrufen.
Zuletzt wehrte sie mir mit einer Miene, über die ein Schatten fast dunkelkühl daherstrich. Traurig, nicht ernstlich, wie ein Bitten, das aus ihrem Herzen kam:
»Sag’, willst du mir versprechen, keine Komplimente zu machen?«
»Es sind keine! Mir ist so, ich kann nicht anders! Du hast mich verhext!«
»Nicht! Nicht! Nicht! Erst recht nichts davon!« rief sie. Aber der Glanz ihrer Augen war verräterisch süßer als alle Erwiderung.
Dann die Arme aufstemmend und die Hände zusammengefaltet über dem Römer, sagte sie tonlos traurig: »Du sollst nit denken — — na du sollst mich nit falsch vertaxieren. Weil ich so fix ja! sagt’ und nun nit die Courag’ hab’ nein! zu sagen und adjes!«
»Wie ich schon müßt’ —« fügte sie mit einem Seufzer hinzu.
»Du darfst nicht, ich laß Dich nicht!«
»O, nit so! — Soll ich dir beichten? Dann kannst du mich taxieren!«
Was war zu taxieren? Ein Kölner Mädchen, das, wie viele, zum Karneval, die unwiderstehliche Lust ergreift, auszufliegen, über den Einspruch der Fraubasen und die im ganzen übrigen deutschen Reich herkömmliche Spießbürger-Moral hinweg. Beileibe kein voreilig Urteil! An ihrem Halse hing als Zeichen gut bürgerlicher Solidität eine altertümliche Korallenkette von schweren Perlen, und an einem Finger ihrer übrigens weißen wohlgeformten, obgleich nicht zu kleinen Hände blitzte sogar ein nicht ganz wertloser Saphir.
»Laß hören!«
»Zuvor machen wir einen Kontrakt. Du darfst mir nit bös sein! Ich red’ frei heraus. Ich thät’ auch gegen niemand sonst so reden.«
»Ich dank’ Dir — ich bin stolz und glücklich!«
»Laß das Geschreppels — und die Händ’ weg!« Mit einem Schlag fuhr sie mir über die Hand, die stürmisch nach den ihren gegriffen.
»Also machst Du morgen mit? Ich geh’ zum Ball auf den Geistensterz.« (Ein bekannter Konzertsaal.)
»Natürlich mach’ ich mit. Überall hin!«
»Nit so stracks! Ich halt’ Dich beim Wort. Übermorgen — wart, ah so übermorgen: Theaterball und — und — sei mir nit bös, ich möcht’ nachdem auch noch den Kehraus hier im Gürzenich mitmachen —«
»Herrlich!«
»Auch möcht’ ich — — wenn du wüßtest, du thät’st mir’s nit übel nehmen. Es is wahrhaftig nit wegen der paar Austern, die ich nit mal mag und dem Sekt (sie sprach kölnisch »Zeck«). Zeck giebt’s auch bei uns daheim. Aber ich möcht’ gern einmal beim Bettger in der Budengasse soupieren — mit Dir!«
»Gern, gern — famos!« rief ich überglücklich.
Für meine karge Lieutenantskasse ein etwas starkes Programm, aber sie war noch lange nicht zu Ende. Die Naivität amüsierte mich köstlich. Jetzt erst schien sie Mut zu bekommen; wie ein Kind in der Weihnachtslaune, das immer kühner zugreift nach allen glitzernden Dingen, brachte sie immer noch Wünsche vor. Sie hatte so viel schon von den Faschingsdiners im Viktoriahotel gehört, wo man bei Musik und unter lauter Narrensleuten so »deliziös schnabuliert.«
»Morgen nach dem großen Karnevalszug dinieren wir also in Viktoria —« stimmte ich freudig ein.
»Den Zug sehen wir zusammen —«
»Selbstverständlich!«
Dann gelüstete es sie, eine von den berühmten »Kaffeevisiten« bei Mosler, Obenmarspforten, kennen zu lernen, wo die eleganteste Kölner Welt unter solcher Spießbürgerdevise den Sekt schäumen läßt.
Auch das! Ich würde bei denen aus der Gesellschaft mit meinem Faschingsbräutchen nur Staat machen, meinte ich für mich.
Natürlich würden wir uns am Faschingsdienstag früh zu einer Spezialrevue (Spezial = ein Kölner Weinmaß) in einem der ersten Restaurants einstellen. U. s. w. u. s. w. Ich mußte zuletzt hellauf lachen. »Schad’ —« rief ich, »daß es nicht ein paar Wochen so weiter geht! Du bist famos!«
Sie stutzte ein wenig, gleich aber steifte sie sich auf ihren Kontrakt. Sie hätte einen ähnlichen daheim abgeschlossen. »Ich bin frei — frei — frei!« Ein Jubel, der in diesem Augenblick etwas gezwungen herauskam.
»Hoffentlich fährt mir der Dienst nicht störend dazwischen —« antwortete ich.
»Du mußt! Sonst such’ ich mir — —«
Doch nicht einen andern? Es fiel mir heiß aufs Herz: die Eifersucht! Nein, das darf nicht sein! Sie ist mein — und kein anderer soll es wagen ... Zugleich aber eine geheime Frage: was ist sie doch für eine süße kleine Teufelin?
Sie fühlte die Notwendigkeit, mich ein wenig aufzuklären. Und wieder die Hände über dem Glase gefaltet, mit dem treuherzigen Ausdruck ihrer braunen Kinderaugen beichtete sie.
»Du sollst nit schlecht denken von mir. Hat alles seine Richtigkeit. Ich bin nit desertiert von uns aus. Urlaub, Urlaub freiweg von Anfang des Fastelabends bis zum End’. Es ist meinen Leut’, meinem Vatter und meiner Mutter, gewiß nit recht — was wollen sie aber machen, sie müssen! Muß ich nit auch, wie sie wollen? — ich hab’ mich lang’ genug gewehrt. Wenn du wüßtest! Aber du sollst nit! Ich will uns die Laun’ nit verderben, heut’ nit und morgen nit. Übermorgen, am Aschermittwoch ist alles aus!«
»Mit uns?«
Ich muß erblaßt sein vor Überraschung. »Sag’ das nicht — ich laß nicht von dir ....« stammelte ich, die Augen lodernd vor Leidenschaft.
»Aus — Alles aus!« hauchte sie hin.
Sie entfaltete die Hände und führte sie gegen das Antlitz. Ein Seufzer hob ihre junge Brust. Dann die Hände wieder senkend: »Ach, laß uns die Freud’ nit verderben!« rief sie aus, innig lächelnd. »Siehst du, damit wir klar sind, so ist es: gut, hab’ ich meinen Leut’ gesagt, ich will euch euren Willen thun! Ich will artig sein und ich will ...«
Sie stutzte, kämpfte noch mit sich. Dann aufschnellend und das Köpfchen resolut schüttelnd: »Ach was, nix davon! Allo (= allons), denk’, mein Vatter und meine Mutter hätten recht, ich aber auch, compris? Laß dir genug sein; ich hab’ also meinen Kontrakt mit unsern Leut’ gemacht: laßt mich laufen, laßt mich fliegen, wohin ich fliegen will, diesen Karneval noch, dann will ich ... was wollen sie machen? — und da bin ich! Die Cousine die sollt’ Schildwacht stehn. Wir schaffen die Schildwacht aber ab, gelt? Ich will ganz frei sein! Ich will mich amüsieren — ich muß — muß — muß! Und nun komm, sitz nit da wie ein steinerner Mann. Komm, laß uns tanzen!«
Gleich darauf flog und wirbelte und raste ich mit ihr durch den Saal, ein Geheiß, mich das eben gehörte Geständnis vergessen zu machen im süßen klammernden Besitz des Augenblicks. Was für ein Rätsel? Anderwärts wird man es nicht leicht verstehen: ihre Eltern wollen sie überreden, sie zwingen zu einer Unseligkeit, gut, so stellt sie ihnen die Bedingung dieser absoluten Karnevalsfreiheit! Und nachdem: — aus, alles aus ...
Nein, nicht aus! Ich will sie halten! Ich werde sie nicht lassen! Als wäre es meine eigene kostbare Jugend, die mir jemand rauben will ...
Der Morgen nebelte grau in den feucht überdunsteten Gassen, als wir den Heimweg antraten. Sie duldete nur eine Begleitung bis an die Grenze ihres Stadtreviers; am Rheinhafen, nicht weit von der kleinen, in dichten Häusermassen versteckten Kirche »Sankt Maria im Elend,« ihrer Pfarrkirche, bog sie in eine der breiteren Gassen ein. »Bleib, das sag ich Dir! Sonst komm’ ich nit wieder! Adjes!«
»Schlaf wohl, Du Einzige!«
»Psch!« — den Finger auf den Lippen, nickte sie mir noch einmal zu, und ich stand und sah ihre liebliche Gestalt im Nebelgrau der Morgendämmerung verschwinden. Ich hörte den in Köln noch vielfach gebräuchlichen Thürklopfer hallen. Dann trat auch ich meinen Weg nach Hause an. Es war hohe Zeit; als ich in Deutz ankam, regte es sich schon in der Kaserne zum Dienst. Und schnell den Puder aus den Haaren gebürstet, und eilig in die Uniform geschlüpft, da rief auch schon das Signal zum »Eins-zwei! Eins-zwei!« des Rekrutendrills. —
Wir hielten Kontrakt und Programm inne mit echt kölnisch karnevalistischer Zähigkeit: Rosenmontagszug und Viktoria-Diner und Geistensterz-Ball und Bettger, Gürzenich, Moser, alles, keine Nummer ausgelassen, keine Müdigkeit, kein Überdruß! Ah, es galt die Zeit mit klammernden Armen festzubannen, die Zeit, und das Glück und die Hoffnung — ja auch die! Im Rausch der frohlaunigen Stunden flog mich zuweilen der Gedanke an die Schmetterlingsflüchtigkeit unserer Liebe an. Sie aber bannte den Schatten jedesmal durch ihr Lächeln, durch den glanzvollen Zauber ihres Blickes: — »Es ist ja noch lange hin! Geh, wir haben keine Zeit, Raupen zu fangen! Anavang!«
Gewiß hatten wir keine Zeit zu Grillen: der Kölner Karneval fordert seine Getreuen mit allen Kräften zur Sache. Auf jene rätselhafte dunkle Wolke, die über unserm Glücke schwebte, wurde nur von fern hingedeutet: sie wollte sich keine drei Minuten der kostbaren Gegenwart dadurch verderben lassen. Aber auch nicht an unsere Liebe gerührt: Und sie war so ängstlich: als könnte ein unbedachtes oder zu kühnes Wort den zarten Zauber verwehen.
»Drückchen — ach Drückchen —«
»Was ist? Was hast Du? Komm, laß uns tanzen!« Oder sie hielt mir das Glas hin, um mit mir anzustoßen, und ihre Zähne lachten schelmisch über den Rand der Gläser. —
Doch das Programm wurde immer kleiner — wie ein neidischer Wirbelwind, der daherfuhr und die flüchtigen Stunden hinwegfegte. Jetzt das letzte Rendez-vous; jetzt der letzte Gläserklang; jetzt der letzte Galopp, dahinrasend wie in der Verzweiflung des Abschiedswehes durch die bereits gelichtete Bahn des großen Gürzenichsaales; jetzt häng’ ich ihr das Mäntelchen um in der Garderobe — noch einmal wendet sie ihr Köpfchen nach dem vom bläulichen Staubdunst erfüllten Festraum, den die Gasflammen mit übermüdet gelbem Licht nur noch melancholisch erhellen. »Adjes ...« haucht es tonlos von ihren Lippen, während sie nach dem Tummelplatz ihres kurzen Glückes hinüberwinkt. Ich meinte ein flimmerndes Zittern in ihren Augen zu spüren. Und langsam, Arm in Arm, stiegen wir die breiten Steinstufen hinab, ohne ein Wort, das Herz von Weh geschwellt.
Der Morgen wehte kühl; während wir die Gassen dahinschritten, strichen uns scharfe Schneekrystalle schräg ins Gesicht. Noch war der Karneval wach; aus erleuchteten Lokalen drang weinheiserer Lärm, fern und nah; die Gassen und Plätze von dem letzten übermütigen Gejohl des Kehraus erfüllt; vermummte Masken zogen daher, noch gab es scherzhafte Anreden, noch klingelten Schellenkappen, noch sahen wir Gäste einkehren zum allerletzten Trunk, nach dem letzten. Aber über der ausklingenden Faschingslust summte und dröhnte schon mahnender Glockenklang: die Kirche rief zur Buße nach der heidnischen Tollheit, und zwischen den Masken huschten Kirchgänger daher, die es danach verlangte, sich vor dem Altar das graue Bußkreuz des Aschermittwochs auf die Stirne zeichnen zu lassen.
Unsere Schritte wurden immer zögernder, je näher wir dem Hafen kamen, wo, wie üblich, die Trennung stattfand. Wie ich so im Dahinschreiten die Wärme ihres innig angeschmiegten jungen Körpers an dem meinen fühlte, wie unsere Augen im stummen leidenschaftlichen Geständnis in einander tauchten, stachelte mich ein Trotz: Liebe ist souverän! Sie hat zu gebieten! Was schert uns eine Elternmarotte ....
»Weißt du was« — sagte ich, und meine Stimme bebte vor Erregung. »Am Freitag wollen wir uns wiedersehn! Oder am Sonntag, wenn Du willst. Morgen wird ausgeschlafen — aber am Freitag ... Ich laß’ dich nicht, Drückchen!«
Sie wiegte langsam das Köpfchen und schaute mit flehendem Ausdruck zu mir empor.
»Was sind das denn für Dummheiten?!« — In meinem Zorn fuhr es mir heraus.
»Ich will Dir alles sagen, g’rad heraus —« flüsterte sie, »nur jetzt noch nit — da draußen!«
Sie wies auf die Hafenmauer, wo durch das geöffnete Thor die Rheinweite durch den streichenden Schnee herüberdämmerte.
»Es ist so, wie ich Dir sagte —« sie zwang sich absichtlich zu einem reineren Hochdeutsch — »ich weiß, was ich thue, und ich habe nicht nur kokettiert mit meinem Schicksal, jammern thu’ ich auch nicht. Kontrakt ist Kontrakt. Heute früh geh’ ich nach Maria im Elend und laß mir ein Kreuz hier auf die Stirn malen. Ich habe zwar kein Verbrechen begangen. Ich kann alles beichten. Ich bin ein Kölner Mädchen, und ich hätte können mein Leben lassen für diesen einen Karneval. Jetzt erst recht, da ich Dich getroffen —«
»Du Liebe, Liebe, Einzige ...«
»Psch! —« wehmüthig lächelte sie. Und wir schritten über die Hafenbrücke nach dem Thore zu.
Es war eine rauhe winterliche Scenerie. Der Rhein ging mit Eis, auf der graugrün flutenden Wasserweite schoben die Eisschollen, mit schmutziggrauem Schnee bedeckt, stromab, hie und da wie drängend im wilden Ingrimm, und dann wurde das eintönige Geräusch des Wassers überschallt von dem metallischen Aufeinanderprallen der Schollen und dem splitternden Geknirsch. Drüben am andern Ufer, undeutlich schwankend in dem schrägen Schneetreiben, dämmerte die flache Silhouette von Deutz, die Bäume und Häuser von der Überflutung gleichsam halb versenkt unter den Horizont.
Nach ein paar Schritten hielt sie plötzlich. »Du, nun will ich Dir’s sagen. Ich heirat’ — ich muß!«
Ich prallte zurück aus ihrem Arm, obgleich ich doch dergleichen ahnen mußte.
»Ich hab’ mich lang genug gewehrt dagegen. Aber es ist das beste schon — eine gute Partie. Seine Eltern und meine wünschen es. Ich hab’ mich lang gewehrt. Er ist ein braver Mann, ich werde es gut haben. Aber ...«
Hier stockte ihre Stimme. »Ich muß weg von Köln« — fuhr sie dann fort — »weißt Du, was das bedeutet für ein Kölner Mädchen? Ich komme nach C. (ein kleines Landstädtchen an der westfälischen Grenze). Ich werd’ es gut kriegen — ein schönes Geschäft, und meine Eltern sind glücklich. Aber ...«
Wieder eine kurze Stockung. Leiser fuhr sie fort:
»Es war gut, daß ich Dich nicht kannte, als ich endlich »ja« sagte und den Kontrakt wegen des Karnevals mit meinen Leuten abschloß. Sonst hätt’ ich nein! gesagt. Ich hab’ niemand lieb gehabt vor Dir. Auch geschieht — ihm schon kein Unrecht. Ich werd’ ihm treu sein, er hat nichts zu fürchten. Ich bin ein Kölner Mädchen, was kann ich dafür? — Und nun sag’ ich Dir Dank für den schönen Karneval! Leb’ wohl und denk auch ein wenig an mich. Besonders am nächsten Karneval ...«
Wie von verhaltenen Thränen vibrierten ihre Worte.
»Du liebes, liebes herziges Lieb!« Stürmisch umfing ich sie. Und sie wehrte nicht.
Lächelnd, während zwei Thränen über ihre Wangen glitten, sagte sie! »Ich bin Dir schuldig. Den Kuß vom Fastelabend — Da!«
Sie schlang ihre Arme um meinen Hals und küßte mich mit inniger Heftigkeit.
Dann: »Jetzt is Zeit! Vergiß mich. Leb’ wohl!«
»Nie vergeß’ ich Dich, Drückchen, — nie!« rief ich.
»Du bist ein Leutnant — ich nehm’ Dir’s nit übel. Aber ich — ich denk’ an Dich! Adjes!«
Sie reichte mir die Hand. »Nun gehst Du hier außen, ich gehe innen an der Mauer. Ich bitt’ Dich, laß es uns nit zu schwer machen, laß die Mauer zwischen uns sein.... Und nun Anavang!«
»Drückchen, liebes Drückchen!«
Aber nichts als das streifende Schneewehen und die melancholische Weite der von Schollen bedeckten Rheinflut. Sie war verschwunden. —
Auf einem Umwege über die feste Rheinbrücke, denn die Schiffbrücke war des Eisgangs wegen ausgefahren, gewann ich Deutz. Hier bliesen schon die Signale zum Dienst, und schnell den Puder aus den Haaren gebürstet, und schnell in die Uniform geschlüpft — »Eins-zwei! Eins-zwei! ...«
Ich habe mein herziges Faschingslieb nicht wieder gesehn, so viel ich in meiner thörichten Sehnsuchtshoffnung nach ihr spähte. Viele Sonntage lang fand ich mich in Sankt Maria im Elend zur Messe ein — vergeblich! Aus — alles aus! Wie sie gelobt.
Und das brutale »Eins-zwei! Eins-zwei!« des Lebens fuhr auslöschend auch über diesen Liebestraum.