ZWEITER AKT

[Am 6. März 1886. In dem frischen hübschen Garten von Major Petkoffs Haus an einem schönen Frühlingsmorgen. Hinter dem Zaun tauchen die Spitzen von zwei Minaretts auf, die Wahrzeichen einer kleinen Stadt im Tal. Ein paar Meilen davon entfernt erheben sich die Balkanberge und umschließen die Landschaft. Wenn man vom Garten zu ihnen hinüberblickt, liegt zur Linken die Seite des Hauses, aus der eine kleine Tür mit Stufen davor in den Garten führt. Rechts schneidet der Stallhof mit seinem Torweg in den Garten ein. Den Zaun und das Haus entlang stehen Beerensträucher, die mit zum Trocknen ausgespannter Wäsche behängt sind. Ein kleiner Weg führt an dem Hause vorbei; er führt zwei Stufen empor an die Ecke und verliert sich dann.—In der Mitte ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen aus gebogenem Holz. Auf dem Tisch steht das Frühstück, eine türkische Kaffeekanne, Kaffeetassen und Brötchen usw. Die Schalen wurden schon gebraucht, und das Brot ist angebrochen.—An der Mauer zur Rechten steht eine hölzerne Gartenbank.

Louka steht, eine Zigarette rauchend, zwischen Tisch und Haus und kehrt mit zorniger Verachtung einem männlichen Dienstboten den Rücken, der ihr eben eine Strafpredigt hält. Es ist ein Mann in den besten Jahren, phlegmatisch und von niedriger, aber klarer und rascher Intelligenz. Er hat die Selbstgefälligkeit eines Dieners, der seine Dienste hoch einschätzt, und den unerschütterlichen Gleichmut eines kalt berechnenden Menschen ohne Illusionen. Er trägt weiße bulgarische Tracht, eine Jacke mit bunten Borten, weite Pumphosen, Schärpe und verzierte Gamaschen. Sein Kopf ist bis an den Scheitel glattrasiert, was ihm eine hohe japanische Stirne gibt. Sein Name ist Nicola.]

Nicola: Laß dich rechtzeitig warnen, Louka, ändere dein Benehmen. Ich kenne unsere Gnädige. Sie ist zu selbstbewußt, um sich jemals träumen zu lassen, daß eine Dienerin es wagen könnte, ihr gegenüber respektlos zu sein. Aber laß sie nur einmal bemerken, daß du ihr Trotz bietest, und du fliegst hinaus.

Louka: Ich trotze ihr doch; ich will ihr trotzen—was liegt mir daran?

Nicola: Wenn du mit der Herrschaft Streit bekommst, kann ich dich niemals heiraten; es ist genau so, als ob du dich mit mir nicht vertragen würdest.

Louka: Du nimmst also ihre Partei gegen mich?

Nicola [gelassen]: Ich werde immer von der Gnade unserer Herrschaft abhängig sein. Wenn ich den Dienst verlasse, um einen Laden in Sofia aufzumachen, dann wird ihre Kundschaft mein halbes Kapital bedeuten. Ein böses Wort von ihnen könnte mich zugrunde richten.

Louka: Du hast eben keine Kurage! Ich möchte sehen, ob sie sich unterstehen würden, über mich ein böses Wort zu sagen!

Nicola [mitleidig]: Ich hätte dich für gescheiter gehalten, Louka, aber du bist eben jung—noch sehr jung.

Louka: Gewiß. Ja, und du liebst mich darum um so mehr, nicht wahr? Aber so jung ich bin, kenne ich doch ein paar Familiengeheimnisse, von denen sie nicht wünschen würden, daß ich sie ausplaudere. Sie sollen es nur wagen, mit mir anzubinden!

Nicola [mitleidig und überlegen]: Weißt du, was sie täten, wenn sie dich so sprechen hörten?

Louka: Was könnten sie tun?

Nicola: Dich wegen Lügenhaftigkeit entlassen. Wer würde dir dann jemals wieder ein Wort glauben, wer dir eine andere Stellung verschaffen? Wer in diesem Hause würde es wagen, auch nur wieder mit dir zu sprechen? Und wie lange würde dein Vater auf seinem kleinen Bauernhof belassen werden?! [Sie wirft ungeduldig den Rest ihrer Zigarette fort und tritt darauf]: Du großes Kind! Du weißt eben nicht, was für eine Macht so hohe Herrschaften über unsereins haben, sobald wir armen Teufel versuchen, uns gegen sie aufzulehnen. [Er tritt nahe an sie heran, mit leiser Stimme]: Schau mich an! Seit zehn Jahren diene ich in diesem Hause—glaubst du, daß ich da keine Geheimnisse weiß? Ich weiß Dinge von unserer Frau! Nicht um tausend Leu würde sie wollen, daß ihr Mann sie erführe! Und ich weiß Dinge von ihm, wegen deren sie ihm ein halbes Jahr lang zusetzen würde, wenn ich sie ausplaudern wollte. Ich weiß Dinge von Fräulein Raina! Die Auflösung der Verlobung mit Sergius wäre die Folge, wenn—

Louka [sich rasch zu ihm wendend]: Woher weißt du denn das? Ich habe dir doch nie etwas gesagt?

Nicola [reißt die Augen verschmitzt auf]: Das also ist dein kleines Geheimnis! Ich dachte gleich, es könnte so was sein. Nun, befolge meinen Rat, benimm dich ehrerbietig und laß die Gnädige fühlen, daß, ganz gleich, was du weißt oder nicht weißt, sie sich darauf verlassen kann, daß du reinen Mund halten und deiner Herrschaft treu bleiben wirst. Das ist's, was sie gern haben, und auf diese Weise wirst du am meisten von ihnen herauskriegen.

Louka [verachtungsvoll]: Du bist eine Bedientenseele, Nicola!

Nicola [vergnügt]: Jawohl, das ist das Geheimnis des Erfolges im Dienste. [Ein lautes Klopfen mit einem Peitschenknopf an das hölzerne Tor wird vom Hofe her gehört.]

Männliche Stimme [von außen]: Hallo! Heda! Nicola!

Louka: Der Herr, aus dem Kriege zurück!

Nicola [rasch]: Meiner Treu, Louka, der Krieg ist vorüber! Mach, daß du fortkommst, und bring frischen Kaffee! [Er läuft hinaus auf den Stallhof.]

Louka [während sie Kaffeekanne und Tassen zusammenräumt und auf dem Servierbrett in das Haus hineinträgt]: Du wirst aus mir niemals eine Bedientenseele machen! [Major Petkoff kommt vom Stallhofe her, Nicola folgt ihm. Der Major ist ein leicht erregbarer heiterer, unbedeutender, ungebildeter Mann von ungefähr fünfzig Jahren. Von Natur aus ohne Ehrgeiz, nur um sein Einkommen und seine Wichtigkeit in der Lokalgesellscbaft bekümmert, ist er jetzt doch äußerst zufrieden mit dem militärischen Rang, der ihm während des Krieges als einer der Hauptpersonen seiner Stadt eingeräumt wurde. Das Fieber eines tollkühnen Patriotismus, den der Angriff der Serben in allen Bulgaren hervorrief, hat ihm durch den Krieg durchgeholfen, aber er ist sichtlich froh, wieder zu Hause zu sein.]

Petkoff [mit seiner Peitsche auf den Tisch zeigend]: Hier draußen das
Frühstück?

Nicola: Jawohl, gnädiger Herr. Die gnädige Frau und Fräulein Raina sind soeben ins Haus gegangen.

Petkoff [setzt sich und nimmt ein Brötchen]: Geh hinein und sage, daß ich gekommen bin, und bringe mir frischen Kaffee.

Nicola: Ist schon bestellt, gnädiger Herr. [Er wendet sich gegen die
Haustür, Louka kommt mit frischem Kaffee, einer reinen Tasse und
einer Flasche Schnaps auf ihrem Servierbrett]: Haben Sie die gnädige
Frau verständigt?

Louka: Ja, die Gnädige kommt gleich. [Nicola geht in das Haus hinein.
Louka stellt den Kaffee auf den Tisch.]

Petkoff: Na, die Serben scheinen dich nicht geraubt zu haben?

Louka: Nein, gnädiger Herr.

Petkoff: Das ist recht. Hast du mir Kognak gebracht?

Louka [die Flasche auf den Tisch setzend]: Hier, gnädiger Herr.

Petkoff: So ist's recht. [Er gießt ein paar Tropfen Kognak in seinen Kaffee. Katharina, die zu der frühen Stunde nur eine sehr flüchtige Toilette gemacht hat, tritt aus dem Hause. Sie trägt eine bulgarische Schürze über einem ehemals prächtigen, aber jetzt halb abgetragenen roten Schlafrock. Ein farbiges Kopftuch ist um ihr dickes schwarzes Haar gewunden. Sie hat türkische Pantoffeln an den bloßen Füßen. Sie sieht trotz ihrer Toilette erstaunlich hübsch und stattlich aus. Louka geht in das Haus zurück.]

Katharina: Mein lieber Paul, nein, ist das eine Überraschung für uns!
[Sie beugt sich über die Lehne seines Stuhls, um ihn zu küssen]:
Hast du schon frischen Kaffee bekommen?

Petkoff: Ja, Louka hat schon für mich gesorgt.—Der Krieg ist aus, der Friede wurde schon vor drei Tagen in Bukarest unterzeichnet, und der Abrüstungsbefehl für unsere Armee ist gestern ausgegeben worden.

Katharina [springt auf, mit sprühenden Augen]: Der Krieg zu Ende! Paul, haben euch die Österreicher vielleicht GEZWUNGEN, Frieden zu schließen?

Petkoff [unterwürfig]: Meine Teuere, sie haben mich nicht gefragt, was konnte ich tun? [Sie setzt sich und wendet sich von ihm ab]: Aber natürlich haben wir dafür gesorgt, daß der Vertrag ein ehrenhafter sei, er sichert den Frieden.

Katharina [beleidigt]: Frieden!

Petkoff [sie besänftigend]: Aber durchaus keine freundschaftlichen Beziehungen, merke wohl. Sie wollten das hineinsetzen, aber ich bestand darauf, daß es gestrichen würde—was hätte ich noch mehr tun können?

Katharina: Du hättest Serbien annektieren und den Prinzen Alexander zum Kaiser des Balkans machen können; das hätte ich getan!

Petkoff: Ich zweifle nicht daran, Teuerste. Aber ich hätte zuvor das ganze österreichische Kaiserreich unterwerfen müssen, und das hätte mich zu lange von dir ferne gehalten; du hast mir schon sehr gefehlt.

Katharina [freundlich]: Ah! [Sie streckt ihren Arm liebevoll über den Tisch, um seine Hand zu drücken.]

Petkoff: Und wie ist es dir ergangen, Liebste?

Katharina: Oh, bis auf meine gewohnten Halsschmerzen recht gut.

Petkoff [mit Überzeugung]: Das kommt davon, daß du dir täglich den
Hals wäschst; ich habe dich schon oft davor gewarnt.

Katharina: Das ist Unsinn, Paul.

Petkoff [über seinem Kaffee und der Zigarette]: Ich bin sehr dagegen, daß man diese modernen Gewohnheiten zu sehr nachahmt; das ewige Waschen kann nicht gesund sein, es ist unnatürlich. In Philippopel war ein Engländer, der die Gewohnheit hatte, sich jeden Morgen nach dem Aufstehen über und über mit kaltem Wasser zu begießen. Ekelhaft! Der Unfug kommt überhaupt von den Engländern. Ihr Klima macht sie so schmutzig, daß sie sich in einem fort waschen müssen. Schau doch meinen Vater an; er hat in seinem ganzen Leben nie gebadet und ist dabei doch achtundneunzig Jahre alt geworden, der gesündeste Mann Bulgariens. Ich habe ja nichts dagegen, mich einmal in der Woche ordentlich zu waschen, um meiner Stellung genüge zu tun—aber jeden Tag, das heißt doch, die Sache in lächerlicher Weise übertreiben.

Katharina: Im Herzen bist du noch immer ein Barbar, mein lieber Paul. Ich hoffe, du hast dich vor all den russischen Offizieren gut benommen.

Petkoff: Ich tat, was ich konnte, und habe auch dafür gesorgt, daß sie erfuhren, daß wir eine Bibliothek haben!

Katharina: Ah—aber daß wir auch eine elektrische Klingel darin haben, das wissen sie nicht! Ich habe in deiner Abwesenheit eine anbringen lassen.

Petkoff: Was ist das, eine elektrische Klingel?

Katharina: Du berührst einen Knopf, es klingelt in der Küche, und dann kommt Nicola herein.

Petkoff: Man kann ja nach ihm schreien!

Katharina: Zivilisierte Leute schreien nie nach ihren Dienstboten; ich habe das gelernt, während du fort warst.

Petkoff: Nun, ich will dir auch sagen, was ich gelernt habe. Zivilisierte Leute hängen ihre Wäsche nicht so zum Trocknen auf, daß jeder Besucher sie sehen kann. Es wäre deshalb besser, du würdest all das Zeug [er zeigt auf die Wäsche an den Büschen,] irgendwo anders hinhängen.

Katharina: Aber das ist doch lächerlich, Paul; ich kann mir nicht denken, daß wirklich feine Leute solche Dinge überhaupt bemerken. [Man hört jemanden an das Hoftor klopfen.]

Petkoff: Das ist Sergius. [Ruft]: Holla! Nicola!

Katharina: Rufe doch nicht so laut, Paul. Das ist wirklich nicht fein!

Petkoff: Unsinn. [Er ruft lauter als vorher:] Nicola!

Nicola [erscheint vor der Haustür]: Zu Befehl, gnädiger Herr.

Petkoff: Wenn das Major Saranoff ist, führe ihn hierher. [Er spricht den Namen mit einer Dehnung auf der zweiten Silbe aus: "Sarahnoff".]

Nicola: Sehr wohl, gnädiger Herr! [Er geht nach dem Stallhofe zu.]

Petkoff: Unterhalte du ihn, Teuerste, bis Raina ihn uns entzieht. Er quält mich sonst wieder mit Vorwurfen weil wir ihn nicht befördert haben—über meinen Kopf hinweg, bitte!

Katharina: Gewiß. Er sollte auch gewiß befördert werden, wenn er Raina heiratet. Überdies sollte das Land darauf bestehen, wenigstens einen eingeborenen General zu bekommen.

Petkoff: Jawohl, damit er statt Regimenter ganze Brigaden zugrunde richten könnte. Gib dir keine Mühe, es ist umsonst—er hat nicht die geringste Aussicht auf Beförderung, bevor wir nicht ganz sicher sind, daß der Friede dauernd sein wird.

Nicola [an der Tür anmeldend]: Major Sergius Saranoff. [Er geht in das Haus hinein und kommt gleich darauf mit einem dritten Stuhl heraus, den er an den Tisch setzt, dann zieht er sich zurück.]

[Major Sergius Saranoff, das Original des Bildes in Rainas Schlafzimmer, ist ein großer, romantisch schöner Mann, von der Verwegenheit, dem hohen Mut und der leicht erregbaren Phantasie eines Häuptlings wilder Bergbewohner, aber seine auffallende persönliche Vornehmheit ist von charakteristisch zivilisierter Art; seine Augenbrauen winden sich widderhornartig um die vorspringenden Stirnknochen und reichen bis in die Schläfen. Seine eifersüchtig beobachtenden Augen, seine dünne spitze Nase—furchtsam trotz der breiten Nasenflügel und des streitsüchtigen hohen Rückens—sein energisches Kinn würden ganz gut in einen Pariser Salon passen, und sie beweisen, daß der gescheite, phantasiereiche Barbar scharfe kritische Fähigkeiten besitzt, die sich infolge des Eindringens der westlichen Zivilisation in den Balkan sehr merklich entwickelt hat. Das Resultat ist ganz ähnlich demjenigen, welches das Aufkommen der Gedanken des 19. Jahrhunderts in England entstehen ließ, nämlich "Byronismus". Durch das Grübeln über die dauernde Erfolglosigkeit nicht nur anderer, sondern auch seiner selbst, seinen Idealen nachzuleben—durch seine beharrliche zynische Verachtung der Menschheit, durch den geistlosen Glauben an den unbedingten Wert seiner eigenen Entwürfe und die Unwürdigkeit der Welt, die sie mißachtet, durch die Empfindlichkeit und den Spott, den jede unter Menschen verbrachte Stunde durch den Stachel kleinlicher Enttäuschungen seiner nervösen Aufmerksamkeit verursacht, hat er die halb ironische, halb tragische Art angenommen, die mysteriöse Traurigkeit, die Suggestion einer seltsamen und schrecklichen Geschichte, die ihm nichts als ewige Reue hinterlassen hat, all das, wodurch Childe Harold die Großmütter seiner englischen Zeitgenossen bezauberte. Es ist klar, daß dieser oder keiner Rainas Held sein muß. Katharina ist für ihn kaum weniger begeistert als ihre Tochter, und viel weniger zurückhaltend, ihm ihre Gefühle zu zeigen. Als er durch das Hoftor hereinkommt, erhebt sie sich überschwenglich, um ihn zu begrüßen. Petkoff ist sichtlich weniger aufgelegt, viel aus ihm zu machen.]

Petkoff: Schon hier, Sergius? Freut mich, dich wieder zu sehen. Katharina: Mein teuerer Sergius! [Sie streckt ihm beide Hände entgegen.]

Sergius [küßt diese mit skrupulöser Galanterie]: Verehrte
Mutter—wenn ich Sie so nennen darf?

Petkoff [trocken]: Schwiegermutter, Sergius! Schwiegermutter! Nimm
Platz und bediene dich mit Kaffee.

Sergius: Danke schön, keinen Kaffee für mich. [Er entfernt sich vom
Tische mit einer gewissen verachtungsvollen Bewegung über Petkoffs
Genuß am Kaffeetrinken und stellt sich mit bewußter Würde gegen das
Geländer der Treppe, die zum Hause führt.]

Katharina: Sie sehen prächtig aus, vorzüglich! Der Feldzug ist Ihnen gut bekommen. Hier ist alles ganz begeistert für Sie. Wir waren alle außer uns vor Enthusiasmus über Ihre prachtvolle Kavallerieattacke. Sergius [mit bitterer Ironie]: Sie war die Wiege und das Grab meines militärischen Rufes, gnädige Frau!

Katharina: Wieso?

Sergius: Ich gewann die Schlacht auf falsche Weise, während unsere verdienten russischen Generale sie auf die richtige Art verloren. Das warf ihre Pläne über den Haufen und verletzte ihre Eitelkeit. Zwei ihrer Obristen wurden mit ihren Regimentern zurückgeschlagen, aber auf Grund korrekter, wissenschaftlicher Kriegführung. Zwei Generalmajore wurden dabei sogar genau nach militärischer Vorschrift getötet. Jene zwei Obristen sind jetzt Generale, und ich bin noch immer ein einfacher Major.

Katharina: Das werden Sie nicht bleiben, Sergius; Sie haben die
Frauen auf Ihrer Seite, und die werden schon dafür sorgen, daß Ihnen
Gerechtigkeit widerfährt.

Sergius: Es ist zu spät; ich habe nur auf den Frieden gewartet, um mein Abschiedsgesuch einzureichen.

Petkoff [läßt die Tasse vor Erstaunen fallen]: Dein Abschiedsgesuch?
Katharina: Oh, Sie müssen es zurückziehen.

Sergius [mit entschiedener maßvoller Betonung, seine Arme kreuzend]:
Ich ziehe niemals zurück.

Petkoff [geärgert]: Nein, wer konnte denken, daß du dir so etwas einfallen lassen würdest!

Sergius [feurig]: Jeder, der mich kannte!—Doch genug von mir und meinen Angelegenheiten! Wie geht es Raina und wo ist sie?

Raina [tritt plötzlich um die Ecke aus dem Hause heraus und wird auf der obersten Stufe bemerkbar]: Da ist Raina! [Sie sieht reizend aus, und alle wenden sich nach ihr um. Sie trägt ein Unterkleid aus blaßgrüner Seide, das mit einem goldgestickten dünnen ekrüfarbenen Überwurf bedeckt ist. Auf dem Kopfe trägt sie eine hübsche phrygische goldverbrämte Mütze.—Sergius geht ihr mit einem Freudenruf lebhaft entgegen; sie streckt ihre Hand nach ihm aus, die er, sich ritterlich auf ein Knie niederlassend, küßt.]

Petkoff [zu Katharina, strahlend vor väterlichem Stolz]: Schön ist sie, nicht wahr? Sie erscheint immer im richtigen Augenblick.

Katharina [ungeduldig]: Ja, sie horcht deswegen, es ist eine abscheuliche Gewohnheit. [Sergius führt Raina nach vorne mit außerordentlicher Galanterie, als ob sie eine Königin wäre. Als sie an den Tisch kommen, wendet sie sich mit einer Neigung ihres Kopfes zu Sergius, er verbeugt sich und sie gehen auseinander, er zu seinem Platz und sie hinter den Stuhl ihres Vaters.]

Raina [beugt sich nieder und küßt ihren Vater]: Teurer Vater, willkommen zu Hause!

Petkoff [ihre Wangen streichelnd]: Kleiner Liebling! [Er küßt sie, sie tritt an den Stuhl heran, den Nicola für Sergius gebracht hat, und setzt sich.]

Katharina: Also, Sie sind nun nicht mehr Soldat, Sergius?

Sergius: Nein, ich bin nicht mehr Soldat. "Soldat sein", gnädige Frau, das ist die Kunst des Feiglings, erbarmungslos anzugreifen, wenn er die Übermacht hat, und weit vom Schusse zu bleiben, sobald er der Schwächere ist. Trachte, deinen Feind zu übervorteilen, und niemals, in keinem Falle, schlage dich mit ihm unter gleichen Bedingungen—das ist das ganze Geheimnis erfolgreicher Schlachten, was, Major?

Petkoff: Sie ließen uns zu gar keinem ordentlichen Gefechte Mann gegen Mann kommen. Indessen, ich vermute, daß das Kriegshandwerk ein Geschäft sein muß wie jedes andere Geschäft.

Sergius: Das ist es eben, aber mir fehlt der Ehrgeiz, als
Geschäftsmann glänzen zu wollen; deshalb habe ich auch den Rat dieses
Handlungsreisenden von Hauptmann befolgt, der den Austausch der
Gefangenen bei Pirot besorgte, und meinen Beruf aufgegeben.

Petkoff: Was, jenes Schweizers? Ich habe seitdem oft an diesen
Austausch gedacht, Sergius; er hat uns mit den Pferden übervorteilt.

Sergius: Natürlich hat er uns übervorteilt. Sein Vater ist Hotelbesitzer und Lohnfuhrwerker. Er verdankte seine ersten Erfolge seinen Kenntnissen im Pferdehandel. [Mit höhnischem Enthusiasmus]: Ah, das war ein Soldat, jeder Zoll ein Krieger! Wenn ich doch bloß die Pferde für mein Regiment vorteilhaft gekauft hätte, anstatt es töricht der Gefahr entgegenzuführen, ich wäre jetzt Feldmarschall.

Katharina: Ein Schweizer? Was hat der in der serbischen Armee zu schaffen gehabt?

Petkoff: Ein Freiwilliger natürlich, darauf erpicht, seinen Beruf auszuüben. [Lachend]: Wir wären nicht imstande gewesen zu kämpfen, wenn diese Fremden uns nicht gezeigt hätten, wie man es macht. Wir verstanden nichts davon, und die Serben auch nicht. Bei Gott! ohne die Ausländer wäre ein Krieg unmöglich gewesen.

Raina: Sind in der serbischen Armee viele Schweizer Offiziere?

Petkoff: Nein—alles Österreicher, so wie unsere Offiziere alle Russen waren. Das war der einzige Schweizer, dem ich begegnet bin. Ich werde nie wieder einem Schweizer vertrauen; er hat uns betrogen, beschwindelt, so daß wir ihm fünfzig gesunde Männer für zweihundert verdammte abgetriebene Pferde gegeben haben. Sie waren nicht einmal eßbar.

Sergius: Wir waren wie zwei Kinder in den Händen dieses erprobten
Soldaten, Major. Ganz einfach zwei unschuldige kleine Kinder.

Raina: Wie sah er aus?

Katharina: Aber, Raina, was für eine dumme Frage!

Sergius: Er sah aus wie ein Handlungsreisender in Uniform, Bourgeois vom Scheitel bis zur Sohle.

Petkoff [grinsend]: Sergius, erzähle die merkwürdige Geschichte, die sein Freund uns von ihm erzählte.—Wie er nach der Schlacht bei Slivnitza entkommen ist—erinnerst du dich? Zwei Frauen sollen ihn versteckt haben.

Sergius [mit bitterer Ironie]: Ja, ja, das ist ein ganzer Roman. Er diente in derselben Batterie, die ich so berufswidrig angegriffen habe. Da er ein ganzer Soldat ist, so lief er wie die übrigen davon, unsere Kavallerie auf den Fersen. Um ihrer Aufmerksamkeit zu entgehen, hatte er den geschmackvollen Einfall, sich in das Zimmer irgend einer patriotischen jungen bulgarischen Dame zu flüchten. Die junge Dame war entzückt von den gewinnenden Manieren dieses verkleideten Handlungsreisenden und unterhielt ihn sehr züchtig ungefähr eine Stunde lang und rief dann ihre Mutter dazu, damit ihr Benehmen nicht unmädchenhaft erscheine. Die alte Dame war gleichfalls bezaubert, und der Flüchtling wurde des Morgens, mit einem Rock des im Kriege abwesenden Hausherrn verkleidet, freundlichst entlassen.

Raina [erhebt sich mit großer Würde]: Ihr Lagerleben hat Sie verroht,
Sergius. Ich hätte nie gedacht, daß Sie es wagen würden, eine solche
Geschichte in meiner Gegenwart zu erzählen. [Sie wendet sich kalt ab.]

Katharina [sich gleichfalls erhebend]: Raina hat recht, Sergius. Wenn es solche Frauen gibt, uns sollte es erspart bleiben, von ihnen zu hören.

Petkoff: Bah, Unsinn! Was ist weiter dabei?

Sergius [beschämt]: Nein, Petkoff, ich war im Unrecht. [Zu Raina, mit ernsthafter Demut]: Verzeihen Sie mir, ich habe mich abscheulich benommen—verzeihen Sie, Raina. [Sie verneigt sich zurückhaltend]: Und auch Sie, gnädige Frau. [Katharina verneigt sich liebenswürdig und setzt sich. Er fährt feierlich fort, sich abermals zu Raina wendend]: Ich habe die Schattenseiten des Lebens während der letzten paar Monate kennen gelernt; da kann man weiß Gott zynisch werden, aber ich hätte meinen Zynismus nicht hierher mitbringen sollen, am wenigsten in Ihre Gesellschaft, Raina—[Dabei wendet er sich zu den anderen und ist sichtlich im Begriff, eine lange Rede vom Stapel zu lassen, als der Major ihn unterbricht.]

Petkoff: Dummes Zeug! Unsinn, Sergius! Es ist gerade genug Aufhebens für nichts und wieder nichts. Ein Soldatenkind sollte imstande sein, selbst etwas starke Unterhaltung zu vertragen, ohne mit der Wimper zu zucken. [Er erhebt sich]: Komm, es ist Zeit, daß wir an unser Geschäft gehen. Wir müssen bestimmen, wie jene drei Regimenter nach Philippopel zurückgelangen sollen. Auf der Route nach Sofia fehlt jede Verpflegungsmöglichkeit. [Er geht auf das Haus zu]: Gehen wir. [Sergius ist im Begriff ihm zu folgen, da erhebt sich Katharina und greift ein.]

Katharina: Ich bitte dich, Paul, kannst du Sergius nicht noch für
einige Augenblicke entbehren? Raina hat ihn ja kaum gesehen.
Vielleicht kann ich dir dabei behilflich sein, die Sache mit den
Regimentern ins reine zu bringen.

Sergius [protestierend]: Meine verehrte Gnädige, das ist unmöglich, Sie-Katharina [hält ihn tändelnd zurück]: Sie bleiben hier, mein lieber Sergius. Es hat gar keine Eile; ich habe meinem Mann auch ein paar Worte zu sagen. [Sergius verneigt sich sofort und tritt zurück]: Nun, mein Lieber,

[Petkoffs Arm nehmend:] komm und sieh dir einmal die elektrische
Klingel an.

Petkoff: Oh, sehr gerne, sehr gerne. [Sie gehen zusammen vertraulich in das Haus.]

[Sergius, mit Raina allein geblieben, blickt aus Furcht, daß sie noch beleidigt sei, verlegen auf sie; sie lächelt und streckt die Arme nach ihm aus.]

Sergius [eilt zu ihr]: Ist mir verziehen?

Raina [legt ihre Hände auf seine Schultern und sieht mit Bewunderung und Anbetung zu ihm auf]: Mein Held, mein König!

Sergius: Meine Königin! [Er küßt sie auf die Stirne.]

Raina: Wie ich Sie beneidet habe, Sergius! Sie waren draußen im Leben und auf dem Schlachtfelde in der Lage, sich der besten Frau auf Erden wert zu zeigen, während ich untätig zu Hause sitzen mußte, nutzlos träumend—ohne etwas zu vollbringen, das mir ein Recht geben könnte, mich irgendeines Mannes wert zu halten.

Sergius: Teuerste, alle meine Taten gehören Ihnen, Sie haben mich begeistert! Ich bin in den Krieg gezogen, wie ein Ritter zu einem Turnier zu Ehren seiner Dame.

Raina: Auch meine Gedanken haben Sie keinen Augenblick verlassen. [Sehr feierlich]: Sergius, ich glaube, wir beide haben die ideale Liebe gefunden. Wenn ich an Sie denke, dann fühle ich, daß ich niemals einer gemeinen Handlungsweise oder eines niedrigen Gedankens fähig sein könnte.

Sergius: Meine Königin, meine Heilige! [Er umarmt sie verehrungsvoll.]

Raina [seine Umarmung erwidernd]: Mein Herr und mein,,,

Sergius: Still! Lassen Sie mich Anbeter sein, Teuerste; Sie wissen ja gar nicht, wie unwert selbst der beste Mann der reinen Leidenschaft eines Mädchens ist.

Raina: Ich vertraue Ihnen und liebe Sie, Sergius, Sie werden mich nie enttäuschen. [Aus dem Hause heraus dringt Loukas Gesang; sie gehen rasch auseinander]: Ich könnte es nicht über mich bringen, jetzt gleichgültige Dinge zu sprechen, mein Herz ist zu voll. [Louka tritt aus dem Hause mit ihrem Servierbrett, geht an den Tisch und fängt an, ihn abzuräumen. Sie steht mit dem Rücken gegen das Paar]: Ich will nur meinen Hut holen, dann können wir bis zum Mittagessen ausgehen. Ist Ihnen das recht?

Sergius: Bitte, machen Sie schnell. Die Minuten des Wartens werden mir Stunden sein. [Raina läuft bis zur obersten Stufe der Stiege und wendet sich dort um, tauscht beredte Blicke mit Sergius und wirft ihm mit beiden Händen Küsse zu. Einen Augenblick sieht er ergriffen nach ihr hin, dann wendet er sich langsam ab; sein Gesicht glüht in erhabenster Begeisterung. Die Wendung ändert sein Gesichtsfeld, in dessen Winkel jetzt Loukas Schürzenzipfel auftaucht. Seine Aufmerksamkeit wird sofort gefesselt. Er sieht sie verstohlen an und beginnt, seinen Schnurrbart mutwillig zu drehen. Die linke Hand stemmt er in die Seite und geht mit einem Anflug seines großtuerischen Reiterschritts auf die andere Seite des Tisches Louka gegenüber.]

Sergius: Louka, wissen Sie, was ideale Liebe ist?

Louka [verwundert]: Nein, Herr Major.

Sergius: Eine für die Dauer sehr ermüdende Sache, Louka, und man hat hinterher das Bedürfnis, davon auszuruhen.

Louka [unschuldig]: Vielleicht nehmen Sie etwas Kaffee, Herr Major?
[Sie langt mit der Hand über den Tisch nach der Kaffeekanne.]

Sergius [ihre Hand ergreifend]: Ich danke Ihnen, Louka.

Louka [als ob sie die Hand zurückziehen wollte]: Oh, Herr Major, Sie wissen ganz gut, daß ich es nicht so gemeint habe. Ich staune über Sie.

Sergius [verläßt den Tisch und zieht sie mit sich fort]: Ich staune über mich selbst, Louka. Was würde Sergius, der Held von Slivnitza, dazu sagen, wenn er mich jetzt sehen könnte—was würde Sergius, der Apostel der idealen Liebe, dazu sagen, wenn er mich jetzt sehen könnte—was würden ein halbes Dutzend Sergiusse sagen, die in meiner schönen Gestalt ein und aus gehen, wenn sie uns jetzt hier erwischten? [Er läßt ihre Hand fahren und faßt sie geschickt mit einem Arm um die Hüften.] Finden Sie mich hübsch gewachsen, Louka?

Louka: Lassen Sie mich los, Sie bringen sonst schlechten Ruf über mich. [Sie wehrt sich; er halt sie unerbittlich fest]: Au, wollen Sie mich loslassen?

Sergius [ihr dicht in die Augen blickend]: Nein!

Louka: Dann treten Sie wenigstens etwas zurück, damit man uns nicht sieht. Wo haben Sie denn Ihren gesunden Menschenverstand gelassen? Sergius: Ah, das ist wahr, Sie haben wirklich recht. [Er führt sie unter das Hoftor, wo sie vom Haus aus nicht gesehen werden können.] Louka [klagend]: Man kann mich von den Fenstern aus gesehen haben—Fräulein Raina spioniert sicher hinter Ihnen her.

Sergius [gekränkt, läßt sie los]: Nehmen Sie sich in acht, Louka, ich mag unwürdig genug sein, die Forderungen der idealen Liebe außer acht zu lassen, aber beleidigen dürfen Sie diese Liebe nicht!

Louka [mit Verstellung]: Nicht um die Welt, Herr Major! Ich schwör' es Ihnen. Kann ich jetzt wieder an die Arbeit gehen?

Sergius [sie abermals umschlingend]: Sie sind eine verführerische kleine Hexe, Louka. Wenn Sie in mich verliebt wären, würden Sie mich ausspionieren?

Louka: Ja, sehen Sie, Herr Major, da Sie sagen, daß in Ihnen gleichzeitig ein halbes Dutzend verschiedener Herren ein und aus gehen, so hätte ich wohl viel zu tun.

Sergius [entzückt]: Sie sind ebenso geistreich wie hübsch. [Versucht, sie zu küssen.]

Louka [ihm ausweichend]: Nein, ich brauche Ihre Küsse nicht, die
Herrenleute sind doch alle gleich. Sie liebäugeln mit mir hinter
Fräulein Rainas Rücken, und Fräulein Raina tut dasselbe hinter Ihrem
Rücken.

Sergius [einen Schritt zurückweichend]: Louka!!

Louka: Das beweist, wie wenig euch eigentlich aneinander liegt.

Sergius [seine Freundlichkeit aufgebend, mit eisiger Höflichkeit]: Wenn unser Gespräch fortgesetzt werden soll, Louka, werden Sie gut tun, zu bedenken, daß ein Edelmann das Benehmen der Dame, mit der er verlobt ist, nicht mit ihrer Kammerzofe bespricht.

Louka: Es ist schwer zu beurteilen, was ein Edelmann für richtig hält; ich dachte, da Sie versuchten, mich zu küssen, Sie hätten aufgegeben, alles gar so genau zu nehmen.

Sergius [wendet sich von ihr ab und schlägt sich auf die Stirne, während er von der Einfahrt zurück in den Garten kommt]: Teufel, Teufel!

Louka: Ha, ha, mir scheint, einer von den sechsen in Ihnen hat sehr
viel Ähnlichkeit mit mir, Herr Major, obwohl ich nur Fräulein Rainas
Zofe bin. [Sie geht zurück an den Tisch zu ihrer Arbeit, ohne weiter
Notiz von ihm zu nehmen.]

Sergius [zu sich selbst sprechend]: Welcher von den sechsen ist der richtige? das ist die große Frage, die mich quält. Der eine ist ein Held, der andere ein Narr, der dritte ein Schwindler, der vierte vielleicht sogar ein Lump. [Er hält inne und sieht flüchtig zu Louka hin, während er mit tiefer Bitterkeit hinzufügt]: Und einer wenigstens ist ein Feigling—eifersüchtig wie alle Feiglinge. [Er geht an den Tisch.] Louka!

Louka: Ja!

Sergius: Wer ist mein Nebenbuhler?

Louka: Das werden Sie aus mir nie herausbekommen, weder für Liebe noch für Geld.

Sergius: Warum nicht?

Louka: Es ist gleichgültig, warum. Überdies würden Sie erzählen, daß ich es Ihnen gesagt habe, und ich würde meine Stelle verlieren. Sergius [streckt seine rechte Hand beschwörend aus]: Nein, bei der Ehre eines—[er unterbricht sich und seine Hand fällt kraftlos herab, während er sardonisch fortfährt]: eines Menschen, der fähig ist, sich zu benehmen, wie ich mich in den letzten fünf Minuten benommen habe—wer ist es?

Louka: Ich weiß es nicht, ich habe ihn nie gesehen, ich habe nur seine Stimme durch die Tür von Fräulein Rainas Zimmer gehört.

Sergius: Tod und Teufel! wie können Sie es wagen…?

Louka [zurückweichend]: Oh, ich meine nichts Schlimmes. Was berechtigt Sie, meine Worte so aufzufassen? Die gnädige Frau weiß alles, und ich sage Ihnen bloß: wenn dieser Herr jemals wieder hierherkommen sollte, so wird ihn Fräulein Raina heiraten, ob er nun wollen wird oder nicht. Ich kenne den Unterschied zwischen der Art, wie Sie und das gnädige Fräulein sich miteinander gehaben, und der richtigen Art. [Sergius fährt zusammen, als wenn sie ihn gestochen hätte. Dann runzelt er die Stirne, geht finster auf sie zu und erfaßt ihre Arme oberhalb der Ellbogen mit beiden Händen.]

Sergius: Jetzt passen Sie einmal auf!

Louka [zusammenzuckend]: Nicht so fest, Sie tun mir weh!

Sergius: Das schadet nichts. Sie haben meine Ehre angegriffen, indem
Sie mich zum Mitwisser Ihrer Spionage machten, und Sie haben Ihre
Herrin verraten.

Louka [sich windend]: Bitte!

Sergius: Das zeigt, daß Sie ein erbärmlicher, kleiner Klumpen Schmutz mit einer Bedientenseele sind. [Er läßt sie los, als ob sie ein unreines Ding wäre, und macht eine Bewegung, als ob er seine Hand von ihrer Berührung reinigte. Dann geht er nach der Bank an der Mauer, wo er sich niedersetzt, mit schwerem Kopfe, düster vor sich hinblickend.]

Louka [wimmert ärgerlich, mit der Hand auf dem Ärmel, und befühlt ihren schmerzenden Arm]: Sie verstehen es ebensogut, mit Ihrer Zunge zu verletzen, wie mit Ihren Händen! Aber jetzt liegt mir nichts mehr daran! Aus was für Schmutz ich auch sein mag, ich weiß, Sie sind aus demselben. Und was Ihre Braut betrifft, so ist sie eine Lügnerin, und ihre schönen Manieren sind Betrug; und ich bin mehr wert als sechs solche. [Sie verbeißt ihren Schmerz; wirft den Kopf zurück und geht an die Arbeit, den Tisch abzuräumen. Er sieht sie ein- bis zweimal zweifelnd an. Sie hat das Servierbrett vollgepackt und legt das Tischtuch an den Enden zusammen, um alles auf einmal hinauszutragen. Als sie sich bückt, um das Brett aufzuheben, steht Sergius auf.]

Sergius: Louka! [Sie bleibt stehen und sieht ihn trotzig an]: Ein
Edelmann hat nicht das Recht, einer Frau unter irgendwelchen
Umständen weh zu tun. [Mit tiefer Demut seinen Kopf entblößend]:
Verzeihen Sie mir.

Louka: Diese Art von Entschuldigung mag einer Dame genügen. Was soll sie einem Dienstboten?

Sergius [in seiner Vornehmheit sehr verletzt, lacht bitter auf, läßt sie fallen und sagt geringschätzig]: Oh, Sie wünschen bezahlt zu werden für Ihren Schmerz? [Er setzt seinen Tschako auf und nimmt etwas Geld aus der Tasche.]

Louka [gegen ihren Willen mit Tränen in den Augen]: Nein, ich wünsche, daß mein Schmerz gutgemacht werde.

Sergius [durch ihren Ton ernüchtert]: Wie? [Sie streift ihren linken Ärmel hinauf, umfaßt ihren Arm mit dem Daumen und Zeigefinger der rechten Hand und sieht herab auf den blauen Fleck; dann hebt sie den Kopf in die Höhe und blickt Sergius fest an, endlich mit einer prachtvollen Bewegung hält sie ihm den Arm zum Kusse bin; erstaunt sieht er bald sie, bald ihren Arm an, zögert und ruft dann mit vibrierendem Nachdruck aus]: Niemals! [und geht soweit wie möglich fort von ihr. Der Arm fällt herab. Ohne ein Wort und mit nicht gespielter Würde nimmt Louka ihr Servierbrett und nähert sich dem Hause, aus dem Raina eben hervortritt, mit einer Jacke und einem Hut bekleidet, ganz nach der Wiener Mode des vergangenen Jahres, 1885. Louka weicht ihr stolz aus und geht dann in das Haus hinein.]

Raina: Ich bin bereit. Was ist los? [Lustig]: Haben Sie am Ende gar mit Louka geflirtet?

Sergius [rasch]: Nein, nein, wie können Sie nur so etwas denken! Raina [beschämt]: Verzeihen Sie, mein Lieber, es war nur ein Scherz; ich bin heute so glücklich. [Er geht rasch auf sie zu und küßt ihr reumütig die Hand. Katharina erscheint auf der obersten Stufe der aus dem Hause führenden Treppe und ruft nach ihnen.]

Katharina [zu ihnen hinunterkommend]: Ich bedaure, euch stören zu müssen, Kinder, aber mein Mann ist in Verzweiflung über jene drei Regimenter; er weiß nicht, wie er sie nach Philippopel befördern soll, und er widerspricht jedem meiner Vorschläge. Sie müssen kommen und ihm helfen, Sergius; er ist in der Bibliothek.

Raina [enttäuscht]: Aber wir wollen eben spazierengehen.

Sergius: Es wird nicht lange dauern, bitte, warten Sie auf mich genau fünf Minuten. [Er läuft die Treppe zur Tür hinauf.]

Raina [folgt ihm bis an den Fuß der Treppe und blickt ihm mit schüchterner Koketterie nach]: Ich werde unter den Fenstern der Bibliothek auf und ab gehen, so daß man mich sehen kann, und warten. Sie müssen Vaters Aufmerksamkeit auf mich lenken. Wenn Sie aber eine Sekunde länger als fünf Minuten ausbleiben, dann werde ich hineinkommen und Sie holen—Regimenter hin, Regimenter her!

Sergius [lachend:] Abgemacht! [Er geht hinein, Raina folgt ihm mit den Augen, bis er verschwunden ist; dann geht sie mit sichtlich abgespanntem Wesen im Garten auf und ab, in düsteres Sinnen verloren.]

Katharina: Was sagst du dazu, daß sie gerade diesem Schweizer begegnen mußten und nun die ganze Geschichte wissen! Das allererste, wonach dein Vater verlangt hat, war der alte Rock, in dem wir diesen Menschen fortgeschickt haben. Du hast uns da eine schöne Suppe eingebrockt!

Raina [blickt im Gehen gedankenvoll auf den Kies]: Das kleine
Ungeheuer!

Katharina: Kleines Ungeheuer! wer ist ein kleines Ungeheuer?

Raina: Hinzugehen und alles zu erzählen,,, oh, wenn ich ihn bloß hier hätte, ich würde ihm den Mund mit Schokolade so vollstopfen, daß er nie wieder reden könnte.

Katharina: Sprich nicht solchen Unsinn, Raina. Sag' mir lieber die Wahrheit: Wie lange war er schon in deinem Zimmer, als du zu mir gekommen bist?

Raina [kehrt schnell um und setzt ihren Marsch in der entgegengesetzten Richtung fort]: Das habe ich längst vergessen.

Katharina: Das kannst du nicht vergessen haben. Ist er wirklich heraufgeklettert, als die Soldaten fort waren, oder war er schon da, als der Offizier das Zimmer durchsuchte?

Raina: Nein,,, ja,,, Ich glaube, er muß schon dagewesen sein.

Katharina: Du glaubst! O Raina, Raina, wirst du jemals lernen aufrichtig zu sein? Wenn Sergius das erfährt, ist es aus zwischen euch.

Raina [mit kalter Impertinenz]: Oh, ich weiß, Sergius ist dein
Liebling. Manchmal wünschte ich, du könntest ihn heiraten an meiner
Stelle. Du würdest auch vortrefflich zu ihm passen, du würdest ihn
verzärteln und verziehen und aufpäppeln nach Herzenslust.

Katharina [mit weit aufgerissenen Augen]: Meiner Treu, das ist stark!

Raina [kapriziös, halb zu sich selbst]: Mich reizt es immer, ihm etwas anzutun oder etwas zu sagen, was ihn verletzt—und um seine fünf Sinne bringt. [Zu Katharina, störrisch]: Es ist mir ganz einerlei, ob er etwas über den Pralinésoldaten erfährt oder nicht! Halb und halb wünsche ich es sogar. [Sie wendet sich wieder ab und geht leichtfüßig in der Richtung gegen die Ecke des Hauses.]

Katharina: Und was sollte ich deinem Vater sagen?

Raina [über ihre Schulter, oben von der Treppe aus]: Der arme Papa! als ob der sich selbst helfen könnte! [Sie geht um die Ecke und verschwindet.]

Katharina [ihr nachblickend, während es ihr in den Fingern zuckt]: Oh, wenn du nur zehn Jahre jünger wärst! [Louka kommt aus dem Hause und trägt einen Präsentierteller in der herabhängenden Hand.] Was gibt's?

Louka: Ein Herr ist draußen, gnädige Frau, und hat nach Ihnen gefragt—ein serbischer Offizier.

Katharina [außer sich]: Ein Serbe! Und er wagt es,,, [Faßt sich; bitter]: Oh, ich vergaß, wir haben ja Frieden jetzt! Wir werden sie nun wohl jeden Tag empfangen und uns von ihnen den Hof machen lassen müssen. Aber wenn er Offizier ist, warum meldest du ihn nicht dem Herrn—er ist mit dem Major Saranoff in der Bibliothek—, warum kommst du zu mir?

Louka: Weil er nach Ihnen gefragt hat, gnädige Frau. Aber ich glaube nicht, daß er weiß, wer Sie sind. Er sagte: "für die Dame des Hauses" und gab mir dieses kleine Billett. [Sie nimmt eine Karte aus ihrer Bluse, legt sie auf den Präsentierteller und bietet sie Katharinen.]

Katharina [lesend]: Kapitän Bluntschli—das ist ein deutscher Name.

Louka: Ich glaube, ein Schweizer Name, gnädige Frau!

Katharina [mit einem Satz, vor dem Louka eiligst zurückweicht]:
Schweizer! wie sieht er aus?

Louka [schüchtern]: Er trägt eine große Reisetasche, gnädige Frau.

Katharina: Großer Gott! er kommt am Ende, um den Rock zurückzugeben,,,
Schick' ihn fort—schnell! Sag' ihm, daß wir nicht zu Hause sind.
Verlange seine Adresse, und ich werde ihm schreiben,,, Nein, nein,
bleib hier, das geht ja nicht,,, warte,,, [Sie wirft sich in einen
Sessel, um darüber nachzudenken, Louka wartet.] Mein Mann und Major
Saranoff sind in der Bibliothek beschäftigt, nicht wahr?

Louka: Jawohl, gnädige Frau.

Katharina [entschieden]: Führe den Herrn sofort hier heraus!
[Befehlend]: Und daß du sehr höflich mit ihm bist,,, schnell, schnell!
[Ihr ungeduldig den Präsentierteller fortnehmend:] Laß das hier,
geh nur direkt zu ihm!

Louka: Zu Befehl, gnädige Frau. [Geht.]

Katharina: Louka!

Louka [bleibt stehen]: Gnädige Frau?

Katharina: Ist die Tür zur Bibliothek geschlossen?

Louka: Ich glaube, gnädige Frau.

Katharina: Wenn nicht, so schließe sie im Vorübergehen.

Louka: Wie Sie befehlen, gnädige Frau. [Sie geht.]

Katharina: Wart'! [Louka bleibt stehen.] Er wird diesen Weg nehmen müssen,,, [Sie weist auf das Stallhoftor.] Sage Nicola, er soll ihm seine Tasche hierher nachbringen. Vergiß das ja nicht!

Louka [erstaunt]: Seine Tasche?

Katharina: Ja, hierher, so schnell wie möglich. [Heftig]: Beeile dich!

[Louka läuft in das Haus hinein.]

Katharina [reißt ihre Schürze ab und wirft sie hinter einen Busch, dann nimmt sie den Präsentierteller und benützt ihn als Spiegel. Das Resultat ist, daß sie das Tuch, das sie um den Kopf gebunden trägt, der Schürze nachfolgen läßt. Dann bringt sie ihr Haar in Ordnung und zieht ihr Kleid zurecht, um empfangsfähig auszusehen]: Nein, nein, ist das ein Narr, in einem solchen Augenblick hereinzuplatzen!

Louka [erscheint an der Tür und meldet]: "Herr Hauptmann Bluntschli!" [sie steht an der obersten Stufe, um ihn durchzulassen, bevor sie wieder zurücktritt. Es ist tatsächlich der Held des nächtlichen Abenteuers in Rainas Zimmer, jetzt aber sauber und schön abgebürstet, in eleganter Uniform und außer Gefahr; jedoch immerhin zweifellos derselbe Mann. Sobald Louka den Rücken gekehrt hat, wendet sich Katharina heftig und dringend und in beschwörendem Ton an ihn.]

Katharina: Hauptmann Bluntschli, ich freue mich außerordentlich, Sie wiederzusehen, aber Sie müssen dieses Haus sofort verlassen! [Er blickt sie groß an]: Mein Mann ist eben mit meinem zukünftigen Schwiegersohn zurückgekehrt. Noch wissen sie nichts; aber wenn sie etwas erführen, die Folgen wären fürchterlich! Sie sind Ausländer, Sie können unsere nationalen Gehässigkeiten nicht nachfühlen, aber wir hassen die Serben noch immer. So ist beispielsweise bei meinem Manne das einzige Resultat des Friedens, daß er sich wie ein Löwe fühlt, dem man seine sichere Beute entrissen hat. Wenn er unser Geheimnis erführe, er würde mir nie verzeihen, und sogar das Leben meiner Tochter wäre in Gefahr. Wollen Sie, wie es sich für einen Ehrenmann und Soldaten, der Sie sind, geziemt, dieses Haus sofort verlassen, bevor mein Mann Sie hier finden kann?

Bluntschli [enttäuscht, aber gefaßt]: Augenblicklich, gnädige Frau! Ich bin nur gekommen, um Ihnen zu danken und Ihnen den Rock zurückzustellen, den Sie mir so freundlich geliehen haben. Wenn Sie mir nur gestatten wollten, ihn aus meiner Reisetasche zu nehmen und beim Hinausgehen Ihrem Diener einzuhändigen, so brauchte ich Sie nicht länger zu belästigen. [Er macht kehrt, um in das Haus zurückzugehen.]

Katharina [ihn am Arm fassend]: Oh, Sie dürfen nicht daran denken, auf dem selben Weg zu gehen, wie Sie gekommen sind. [Ihn nach dem Gitter der Stallungen führend]: Das ist der kürzeste Weg ins Freie. Vielen Dank—es freut mich unendlich, daß ich Ihnen dienen konnte—, leben Sie wohl!

Bluntschli: Aber meine Tasche?

Katharina: Sie wird Ihnen nachgeschickt werden, lassen Sie mir Ihre
Adresse da.

Bluntschli: Gut, dann erlauben Sie. [Er zieht seine Visitenkartentasche, nimmt eine Karte heraus und will seine Adresse aufschreiben, während Katharina vor Ungeduld vergeht. Als er ihr eben die Karte einhändigt, kommt Petkoff ohne Hut aus dem Hause gelaufen, in gastfreundlicher Aufregung. Sergius folgt ihm.]

Petkoff [die Treppe herunterlaufend]: Mein lieber Hauptmann
Bluntschli!

Katharina: Himmel! [Sie sinkt neben der Mauer auf einen Stuhl.]

Petkoff [zu sehr beschäftigt, um das zu bemerken, schüttelt Bluntschli herzlich die Hand]: Meine dummen Dienstboten dachten, ich wäre hier draußen, statt—in der Bibliothek. [Er kann die Bibliothek nicht erwähnen, ohne zu verraten, wie stolz er darauf ist.] Ich habe Sie vom Fenster aus gesehen und wunderte mich, daß Sie nicht hereinkamen. Saranoff ist auch hier. Sie erinnern sich doch seiner noch, nicht wahr?

Sergius [grüßt lustig und bietet ihm dann mit großer
Liebenswürdigkeit die Hand]: Willkommen, unser Freund der Feind!

Petkoff: Glücklicherweise nicht länger "der Feind". [Ziemlich ängstlich:] Ich hoffe, Sie kommen nur als Freund und nicht um Pferde oder Gefangene.

Katharina: Oh, nur als Freund, Paul. Ich habe Hauptmann Bluntschli eben zum Mittagessen eingeladen, aber er erklärte, sofort gehen zu müssen.

Sergius [sardonisch]: Unmöglich, Bluntschli—wir brauchen Sie hier sogar sehr dringend. Wir sollen drei Kavallerieregimenter nach Philippopel befördern und haben keine Ahnung, wie das fertigbringen.

Bluntschli [plötzlich aufmerksam und berufsmäßig]: Philippopel; da wird's mit der Verpflegung hapern, nicht wahr?

Petkoff [eifrig]: Ja, das ist es eben. [Zu Sergius]: Wie er die
Sache gleich weg hat!

Bluntschli: Ich glaube, ich kann Ihnen zeigen, wie das zu machen ist.

Sergius: So kommen Sie mit uns, Sie unschätzbarer Mann! [Bluntschli überragend, legt er ihm die Hand auf die Scbulter und führt ihn gegen die Stufen, Petkoff folgt. Als Bluntschli seinen Fuß auf die erste Stufe setzt, tritt Raina aus dem Hause.]

Raina [alle Geistesgegenwart verlierend]: Oh, der Pralinésoldat!
[Bluntschli steht starr, Sergius blickt erstaunt auf Raina, dann auf
Petkoff, der wieder ihn ansieht und dann seine Frau fragend anstarrt.]

Katharina [mit befehlender Geistesgegenwart]: Meine liebe Raina, siehst du nicht, daß wir einen Gast haben? [Vorstellend]: Hauptmann Bluntschli, einer von unsern neuen serbischen Freunden. [Raina verbeugt sich. Bluntschli verbeugt sich.]

Raina: Wie dumm von mir! [Sie geht hinunter in die Mitte der Gruppe zwischen Bluntschli und Petkoff.] Ich habe heute früh ein wunderschönes Schokoladeornament für den Eispudding gemacht, und der dumme Nicola hat eben einen Stoß Teller darauf gesetzt und alles verdorben. [Zu Bluntschli gewendet, liebenswürdig]: Ich hoffe, Sie dachten nicht, daß SIE der Pralinésoldat wären, Hauptmann Bluntschli.

Bluntschli [lachend]: Ich versichere Ihnen, daß ich's dachte. [Ihr einen sonderbaren Blick zuwerfend]: Ihre Erklärung ist eine Erlösung für mich.

Petkoff [argwöhnisch zu Raina]: Seit wann kochst du denn, Raina?

Katharina: Oh, während deiner Abwesenheit ist ihr das eingefallen.
Es ist ihr neuestes Steckenpferd.

Petkoff [mürrisch]: Und hat Nicola zu trinken angefangen? Früher war er ziemlich verläßlich. Jetzt ist er wie umgewandelt. Erst führt er Hauptmann Bluntschli hierher, während er doch ganz gut wußte, daß ich in der—Bibliothek war, dann geht er hin und zerstört Rainas Pralinésoldaten. Er muß…

[Nicola tritt oben auf den Stufen mit einer Reisetasche aus dem Hause heraus, er geht die Stufen hinab, stellt die Tasche ehrerbietig vor Bluntschli auf die Erde und wartet auf weitere Befehle. Allgemeines Erstaunen. Ahnungslos, was für eine Wirkung er hervorgerufen, sieht Nicola sehr zufrieden mit sich aus. Als Petkoff seine Sprache wiedererlangt, bricht er los.]

Petkoff: Bist du verrückt geworden, Nicola?

Nicola [erschrocken]: Gnädiger Herr…

Petkoff: Wozu bringst du das hierher?

Nicola: Auf Befehl der gnädigen Frau, Herr Major, Louka sagte mir, daß-Katharina [unterbricht ihn]: Auf meinen Befehl? Warum sollte ich dir befohlen haben, Hauptmann Bluntschlis Gepäck hier herauszubringen? Was fällt dir denn ein, Nicola?

Nicola [bleibt einen Augenblick unschlüssig, dann hebt er das Gepäck auf und wendet sich zu Bluntschli mit vollendeter, unterwürfiger Diskretion]: Ich bitte tausendmal um Vergebung. [Zu Katharina]: Es ist meine Schuld, gnädige Frau, ich bitte Sie, es mir nicht anzurechnen. [Er verbeugt sich und geht mit dem Gepäck gegen das Haus zu, als Petkoff ihm wütend nachruft.]

Petkoff: Vielleicht wirfst du jetzt auch noch diese Tasche auf Fräulein Rainas Eispudding! [Das ist zuviel für Nicola, die Tasche fällt ihm aus der Hand.] Aus meinen Augen, du ungeschickter Esel, du!

Nicola [reißt das Gepäck an sich und flieht in das Haus hinein]: Sehr wohl, gnädiger Herr!

Katharina: So beruhige dich doch, Paul, sei nicht so aufgebracht!

Petkoff [brummend]: Der Schuft ist in meiner Abwesenheit außer Rand und Band geraten. Ich werde ihn schon lehren…[Er erinnert sich seines Gastes.] Ach, entschuldigen Sie! Kommen Sie, Bluntschli, und sprechen Sie nicht mehr vom Fortgehen. Sie wissen ganz gut, daß Sie nicht sofort in die Schweiz zurückkehren, Sie können also vorerst getrost bei uns bleiben.

Raina: Ach ja! Bitte, bleiben Sie, Hauptmann Bluntschli.

Petkoff [zu Katharina]: Hauptmann Bluntschli zögert am Ende noch, weil er glaubt, daß du sein Bleiben nicht wünschest? Bitte du ihn, und er wird nachgeben.

Katharina: Aber selbstverständlich! Ich werde mich glücklich schätzen, wenn Hauptmann Bluntschli wirklich bleiben will. [Ihn mit Blicken beschwörend]: Er kennt meine Wünsche.

Bluntschli [in seiner trockensten militärischen Art]: Ganz wie Sie befehlen, gnädige Frau.

Sergius [freundschaftlich]: Und damit abgemacht!

Petkoff [herzlich]: Abgemacht!

Raina: Sie sehen, daß Sie bleiben MÜSSEN!

Bluntschli [lächelnd]: Nun, wenn ich muß, dann muß ich wohl.
[Gebärde der Verzweiflung von Katharina.]

[Vorhang]