B. 108. Joachim Patenier.

Dieses seltene Portrait übergehe ich als eines anerkannt nicht von Dürer herrührenden Stiches, und bemerke nur, daß sich in der kostbaren Sammlung des Herrn E. Harzen in Hamburg eine sehr schöne Federzeichnung Dürer’s vom Jahre 1520 befindet, welche auf der Rückseite mit dem Namen Patenier bezeichnet, wohl diesem Stich zur Grundlage gedient haben möchte, obgleich sie in einzelnen Theilen von demselben abweicht.


Schließlich habe ich noch einer unvollendeten Platte, Christus am Kreuze darstellend, zu erwähnen, welche auf Grund der Anführung Sandrarts: daß Dürer eine solche nachgelassen habe, unserm Meister zugeschrieben wird und von der einzelne Originaldrücke, mit und ohne Monogramm, sowie mehrere ältere und neuere Copien vorhanden sind. —

Obgleich dieses Blatt in einer alten, wahrscheinlich um die Mitte des 17. Jahrhunderts geschriebenen, aus der Familie Scheurl in Nürnberg herstammenden, »Specification deß gantz Dürerisch Trukhs«[18] mit aufgeführt steht, so wage ich es doch, in Beziehung auf dasselbe, den Ansichten mehrerer mit Recht angesehener Kunst-Autoritäten entgegen zu treten, namentlich der Meinung, welche Herr Dr. Nagler auf pag. 161 seiner Monogrammisten darüber ausgesprochen hat, indem ich entschieden behaupten zu dürfen glaube, daß diese Anlage eines Kupferstiches nicht von Albrecht Dürer herrühren könne.

Meine Gründe dafür sind folgende:

1) Alle Darstellungen des gekreuzigten Heilandes von A. Dürer, sowohl in Gemälden, Kupferstichen, Holzschnitten, als auf zahlreichen Zeichnungen und Entwürfen, sind in der Beziehung vollkommen übereinstimmend, daß der Körper an einem Kreuze von rohem, nur theilweise behauenem Holze, mit der ganzen Schwere an den durchbohrten Händen und ausgestreckten Armen hängt, und nur durch den einen größeren Nagel, welcher beide übereinander gelegte Füße durchbohrt, einigermaßen unterstützt wird. Auf der fraglichen Anlage steht aber der Körper ganz ruhig auf einer an dem Stamm eines ganz platt gezimmerten Kreuzes angebrachten Platte, beide Füße sind nebeneinander von zwei Nägeln durchbohrt, die Arme, ausser den Nägeln, welche durch die Hände gehen, noch mit Stricken befestigt.

Eine solche Darstellungsweise der Kreuzigung war bei den ältesten Italienischen Malern gebräuchlich, ist aber von Dürer nie zur Anwendung gekommen.

Interessant in dieser Beziehung sind drei vortreffliche zu einander gehörende Zeichnungen Dürer’s, vom Jahre 1505 in der Sammlung des Erzherzogs Albrecht. Sie stellen die Kreuzigung Christi und der beiden Schacher dar. Die Arme der Schacher sind — wie eine schimpflichere Todesart — mit Stricken an das Kreuz gebunden, dagegen Christus nur mit Nägeln durchbohrt auf die vorher beschriebene Weise dargestellt ist.

2) Auf dem Stich ist die rechte Hand des Heilandes ausgestreckt, welche Dürer stets mit krampfhaft zusammen gedrückten Fingern darstellt.

3) Dürer giebt seinem Christus eine breite, doppelt geflochtene Dornenkrone, und die Augenhöhlen haben im Ausdruck des tiefen Schmerzes, mit den äußeren Winkeln eine Biegung nach unten. Auf der Anlage ist die Dornenkrone nur einfach geflochten und die äußeren Winkel der Augenhöhlen haben eine Richtung nach oben, wie denn der Ausdruck des Gesichts, ganz der Dürer’schen Darstellungsweise des schmerzlichen Leidens entgegen, etwas triumphirendes hat.

4) Die reiche Architektur des Hintergrundes weicht, sowohl in der hohen Thurmspitze links, als in den hohen Burgthürmen rechts, wesentlich von allen ähnlichen Darstellungen Dürer’s ab. Endlich

5) sind die Umrisse dieser Anlage weder so sicher noch so zart, wie wir sie auf den vorhandenen, unvollendeten Probedrücken der Dürer’schen Platten B. Nr. 1 und 73 bewundern. —

Die Annahme des Herrn Dr. Nagler, daß Dürer in dem aufblickenden Johannes dieses Stiches den Dr. Martin Luther habe darstellen wollen, dürfte — wenigstens durch die als Beweis angeführte herrliche Zeichnung vom Jahre 1523 in der Sammlung des Erzherzogs Albrecht in Wien — keine Bestätigung finden.

Die fragliche Figur des Stiches weicht wesentlich von jener Zeichnung ab, und nur das Gesicht hat eine entfernte Aehnlichkeit damit. Beide Köpfe aber, sowohl der der Zeichnung wie der der Anlage, sind sehr verschieden von dem Portrait des Dr. Martin Luther, welches Dürer auf der ihm zu Ehren im Jahre 1526 geschnittenen Medaille dargestellt hat.[19]

Mit meinen Zweifeln an Dürer’s Betheiligung bei dem fraglichen Stiche stehe ich übrigens nicht allein, sie werden unter andern auch von dem gelehrten Vorstande des Print-room im British Museum getheilt, woselbst sich zwei Abdrücke mit und ohne Monogramm befinden. Diese, wie mehre andere mir vorgekommene Abdrücke waren aufgelegt und ich konnte das Papier nicht genau untersuchen; der Abdruck mit dem Monogramm in der Sammlung des Herrn Cornill d’Orville in Frankfurt a.M., früher bei Verstolck, ist indeß auf Papier, welches mir nicht altdeutsch zu sein scheint, wenigstens habe ich das kleine ungewöhnliche Wasserzeichen desselben bei keinem Dürer’schen Blatte angetroffen.

Ein anderer sehr frischer Abdruck vor dem Monogramm, im Besitz des Herrn Geh. Oberfinanzrath Sotzmann in Berlin, ist aber auf entschieden Holländischem Papier, welches das Wasserzeichen des großen Wappen von Amsterdam und knapp 11 Linien Abstand der Drathstriche hat, wie solches im 17. Jahrhundert bei den Zeichnungen und Radirungen Holländischer Meister häufig vorkommt. — Auch hierdurch dürften die gehegten Zweifel bedeutend verstärkt werden.

Abschnitt II.
Die Holzschnitte Albrecht Dürer’s.