B. 170. Das Wappen mit dem wilden Mann.
Die alten Drucke kommen auf Papier mit zwei kleinen verbundenen Thürmen in einem geschweiften Schilde, oder mit dem Wasserzeichen Nr. 43 vor. Die Drathstriche dieser sind 12½ Linien von einander entfernt.
Ausser der bedeutenden Zahl der in diesem 2. Abschnitte aufgeführten von Dürer selbst gearbeiteten oder von ihm veranstalteten Holzschnitte, hat unser Meister noch verschiedene andere vorbereitet gehabt, an deren Ausführung er durch Umstände oder seinen frühzeitigen Tod verhindert sein wird. Einen Beweis dafür geben mehrere noch erhaltene Federzeichnungen desselben, welche ihrer ganzen Behandlung nach nur für die Ausführung in Holzschnitt bestimmt gewesen sein können.
Eine der schönsten dieser Art war bisher im Besitz des kunstliebenden als Medailleur berühmten Professors J.D. Böhm in Wien, und ich verdanke es der besonderen Begünstigung desselben, daß solche mit einer Anzahl anderer Skizzen und Zeichnungen Dürer’s seit Kurzem in meine Sammlung übergegangen ist.
Da es zu bedauern sein würde, wenn diese unzweifelhaft von unserm Meister für die Vervielfältigung bestimmte Arbeit ferner der Oeffentlichkeit entzogen bliebe, so habe ich veranlaßt, daß solche durch den rühmlichst bekannten Xylographen Herrn Flegel in Leipzig in Holz geschnitten ist und die Freunde Dürer’scher Kunst finden einen Abdruck davon als Anlage dieses Werkchens.
Die wohl erhaltene Federzeichnung von gleicher Größe, auf Papier mit dem Wasserzeichen des Ochsenkopfes, Nr. 2, ist wie Dürer bei allen Entwürfen seiner Holzschnitte zu thun pflegte,[65] von der Gegenseite genommen, so daß der schreibende Zuhörer die Feder in der linken, das Dintenfaß in der rechten Hand hält.
Alle Kreuzschraffirungen sind dabei auf das sorgfältigste vermieden und dürfte dieses die Vermuthung rechtfertigen, daß die Zeichnung einer früheren Periode unsers Meisters angehören wird, da derselbe späterhin, namentlich nach 1510, nicht mehr die Entfernung dieser Schwierigkeit für den Holzschnitt so sehr zu berücksichtigen pflegte.
Auf der Rückseite des Blattes liest man von Dürer’s Hand in abgekürzter Schrift:
»wie ein Prister einen berichtet«
und dem entspricht die Darstellung, welche auf einem erhöheten Sitze vor einem Pulte einen Geistlichen zeigt, der aus dem vor ihm aufgeschlagenen Evangelienbuche einen Vortrag hält, dessen Erleuchtung, durch den heiligen Schein und die herbeifliegende Taube bezeichnet wird.
Drei vor ihm sitzende Ordensbrüder hören mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zu und einer von ihnen notirt das Vernommene in ein Buch.
Auffallend ist das leere Feld in Form einer Chorstuhlswand zur Seite des Redners.
Ein ganz gleiches, nur mit der Anlage einer Ranken-Einfassung, findet sich auf einer ähnlichen Federzeichnung Dürer’s in der Sammlung des Herrn Rudolph Weigel in Leipzig, und auch Prestel hat das fac-simile einer andern Zeichnung unsers Meisters mit einem genau so geformten Felde gestochen. Hier ist dasselbe aber mit einem verzierten Rande umgeben und durch ein Familienwappen ausgefüllt, wonach es scheinen möchte: daß Dürer für eine bestimmte Familie eine Folge solcher geistlicher Darstellungen zu entwerfen gehabt habe.
Die Federstriche meiner Zeichnung sind in dem vorliegenden Holzschnitt mit großer Geschicklichkeit und Treue wiedergegeben, wenn gleich der Geist und das Lebendige derselben durch die Uebertragung einige Beeinträchtigung erlitten hat; doch findet man dieses auch oft bei Holzschnitten Dürer’s, sobald er nicht selbst das Messer geführt hat, wenn man sie mit den Original-Entwürfen vergleicht. —
Hiermit schließe ich meine Bemerkungen über die Holzschnitte Dürer’s, wie solche von Bartsch in seinem peintre graveur als Originale aufgeführt sind; da ich es nicht wage, mich auf das schwierige Feld der zweifelhaften Blätter zu begeben, welche Bartsch in dem Appendix zusammengestellt hat, deren Zahl aber durch Heller ansehnlich vermehrt ist und noch fortdauernd durch eifrige Sammler, mit und ohne Grund, vervollständigt wird.
Das Sammeln dieser Blätter ist von mir nie systematisch betrieben und ihre Beschaffenheit daher auf meinen Reisen auch nicht hinlänglich berücksichtigt, da, wenn gleich einzelne schöne Kunstleistungen sich darunter befinden, die mit unserm vortrefflichen Meister gleichzeitig und desselben vollkommen würdig sind, die Mehrzahl doch nur gering an Kunstwerth ist, und dem Dürer keineswegs angehört.
Ich muß es den Sammlern, welche zur Vervollständigung ihres Dürer-Werkes, es für erforderlich halten, die sämmtlichen von Heller aufgeführten und sonst aufgefundenen zweifelhaften Blätter zusammen zu bringen, überlassen: eine Prüfung der Papiere und ihrer Wasserzeichen bei den verschiedenen Abdrücken vorzunehmen, bei denen die, wegen der Priorität der Wasserzeichen, von mir gemachten Bemerkungen immer nützliche Anhaltspunkte gewähren können. —