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Punkt acht Uhr ging es los.

Mit der Sekunde feuerte ein Geschütz schweren Kalibers, und die Argonnen krachten. Die Wälder horchten auf. Das schwere Geschütz gab eine Salve krachender Schüsse ab. Pause. Dann begann es von allen Seiten. Ja! Die Kanoniere standen schon überall bereit, glühend vor Kampfbegierde. Die Granaten steckten schon in den Rohren, die Geschütze waren gerichtet und nun rissen sie ab! Die Hölle tobte, krachte, lachte, rasselte. Es fauchte, zischte, heulte in der Luft, es pochte, stampfte, rumpelte und knurrte. Zuweilen klang es, als ob ein Riese, groß wie ein Berg, mit einem Hammer auf eine Stahlwand losschlage, wütend und betrunken. Die Kanoniere, ja diese Kanoniere mußten arbeiten wie verrückte Teufel! Die Granaten mußten von selbst in die heißen Rohre springen, eine hinter der andern, Schuß, laden, Schuß, laden. Der Schweiß läuft ihnen übers Gesicht, aber so lieben sie es. Immer hinaus, was die Rohre hergeben können.

Links oben von mir, an meinem linken Ohr, feuert mit harten, zornigen Schlägen eine schwere Batterie, daß der Boden zittert. Die Geschosse rauschen und klirren durch die Luft wie ein Eisenbahnzug, der über eine Eisenbahnbrücke hämmert. Rechts oben, an meinem rechten Ohr, knallt eine Batterie, und die Granaten gehen mit einem Zischen hinaus, wie wenn eine Lokomotive mit Überdampf die Ventile löst. Dazu das Krachen und Knattern der Einschläge, das wir deutlich hören, denn wir sind ja nicht weit davon entfernt. Es ist ein Rauschen in der Luft, wie wenn ein Zug ein Tal, eine Schlucht passiert. Zuweilen kommen Schreie und Winseln von oben, wie wenn Menschen von Dämonen entführt würden und verzweifelt klagten.

Das ist der Anfang. Drei Stunden, drei volle Stunden, bis elf Uhr, soll dieses Feuer dauern!

Es ist nur die Eröffnung. Das Schachspiel, das mir der Jäger zu Pferde gestern abend auf dem Papier erklärte, es setzt sich in die Wirklichkeit um. Mudra spielt! Es ist die Eröffnung Mudras, und bei Gott, ich möchte nicht mit ihm diese Partie spielen!

Ich sehe auf die Uhr. Es ist acht Uhr zwölf Minuten!

Alles ist auf die Straße gelaufen, wenn man so sagen kann. Die Straße ist ein erbärmlicher Knüppelweg im Walde. Nebenan liegt der Verbandplatz. Ärzte, Krankenträger, Ordonnanzen, Feldbäcker und Chauffeure, alles steht auf der Straße, um sich das Feuer anzuhören und anzusehen, obschon es nichts zu sehen gibt. Es rauscht und schleift in der Luft, das ist alles. Alle sind in erregter und begeisterter Stimmung. (Niemand denkt an Marie-Thérèse!!) Ich weiß recht gut, daß eine Beethovensche Symphonie etwas anderes ist, aber das Feuer hat etwas Berauschendes an sich! Es ist die Musik feuerspeiender Berge und Urgewitter.

Wie sieht es droben in den Gräben aus, von denen ich eben komme? Sie ducken sich hinter die Erdwälle, so furchtbar zischen die Granaten. Wie sieht es in Marie-Thérèse aus, das ich eben sah? Die blaue Rauchmauer ist ein dicker, gelbgrauer Wall geworden, und nichts Lebendiges ist zu sehen. Fontänen von Erde jagen in die Höhe.

Es ist acht Uhr dreißig Minuten.

Der Franzose antwortet. Er kommt nur langsam in Gang. Er feuert verwirrt. Es sind Granaten, die er gerade bei der Hand hat, es sind Batterien, die noch nicht – nach der Morgenarbeit – frühstücken gingen. Telephondrähte sind zerschossen. Die Batterien warten auf Befehl. Das ist eine elende Situation. Mudras Eröffnung war zu unregelmäßig. Erst acht Uhr dreißig Minuten kommt System in das französische Feuer. Nun rauschen seine Lagen herüber –

Ein deutscher Flieger brummt über dem Wald.

Neben dem Verbandplatz treffe ich den Divisionär, Exzellenz Graf v. Pf. Der Divisionär steht unter dem Schleifen und Rauschen der Granaten, gleichmütig und ruhig, als ob er zu Hause wäre. Und doch kann jeden Augenblick eine Granate hereinfegen, daß die Späne fliegen. Die Granate ist blind und hat keinen Respekt vor gestickten Kragen.

„Es ist das Inferno!“ sagt der Divisionär gelassen, mit einem leisen Unterton von Verwunderung und Bedauern.

Ja, in der Tat, trüge ich nicht ganz klare und festgefügte Vorstellungen aus einer Zeit des Friedens und einer Welt ohne Kanonen in mir, Vorstellungen, die die schwersten Kaliber nicht erschüttern können und die dieses grausige Völkergewitter meinem Bewußtsein als ein blutiges, aber vorübergehendes Kapitel einreihen, wäre es nicht so, sage ich, so würde ich jetzt kapitulieren und bekennen, daß diese Erde, auf der wir leben, schon die Hölle ist, von der die Pfarrer immer sprechen.

Das Geschützgewitter kracht in den Bergen.

„Nun wird er lebhaft,“ sagt der Divisionär in aller Ruhe, „es wird nicht lange dauern, da schießt er hierher.“

Eine Granate saust über unsere Köpfe dahin wie eine blitzschnelle bösartige Riesenbremse, und auf der Waldhöhe, dicht gegenüber, steigt urplötzlich eine schwarze Riesenpinie aus Dreck und Rauch empor, höher als die höchsten Eichen. Eigentümlich, die schwarze Einschlagsäule stand schon im Wald, während das Ohr noch das Zischen des Geschosses aufnahm. Ein grauer Rauchklumpen zerstäubt zwischen den Bäumen. Dann kommen ein paar Granaten mit Brennzünder. Er tastet nach unseren Batterien.

„Na, was sagte ich!“ sagt der Divisionär und lacht. „Da kann er lange hinschießen.“

Und unsere Haubitzen krachen, daß der Boden bebt.

Zwischen den Eichen, wo eben die Granaten einschlugen, klettert ein Soldat den Wald herunter. Zum Teufel, was hat er da zu suchen?

Der Divisionär erzählt aus seinen Feldzugserlebnissen, von den Argonnen, von seinen prachtvollen Truppen. (Ja, das sind sie!) Er erzählt, daß er einen Fonds für die Hinterbliebenen seiner Division gegründet habe, der schon die Höhe von über dreißigtausend Mark erreicht habe. Wir plaudern, als säßen wir irgendwo behaglich bei einer Zigarre.

Nebenan, im Verbandplatz, ist schon alles bis aufs letzte vorbereitet. Hier führt ein freundlicher Arzt den Oberbefehl. Er sprüht von Leben und Arbeitseifer und steht sicherlich auf dem rechten Platze. Welch eine Wohltat muß es sein, verwundet aus dem Gefecht unter diese Hände und Augen zu kommen! Operationstisch, Verbandzeug, Instrumente, alles ist bereit, blitzblank sind die kleinen Kammern. Die Ärzte warten.

Der Jäger zu Pferde führt mich durch den Wald hinauf zu einer kleinen Baude. Hier haust während des Kampfes der Brigadegeneral v. K. mit seinem Stabe. Der General heißt mich willkommen und erlaubt mir, zu bleiben, solange ich will. Freundlicher wurde ich selten aufgenommen wie bei den Leuten im Argonner Wald.

Hier in dieser Baude wird fieberhaft (und doch mit welcher Ruhe!) gearbeitet. Der Adjutant, Hauptmann B., sitzt dauernd am Telephon. „Geben Sie mir diese und jene Stelle, rufen Sie Herrn Soundso! Wie? Das Feuer liegt vorzüglich. – Bei den Franzosen hat man eine Explosion beobachtet. Es wird ein Munitionslager in die Luft gegangen sein. – Teilen Sie Herrn X. Y. mit, daß die Batterie Z. glänzende Resultate hat. Ein Flieger hat es gemeldet. Erster Schuß saß sofort in Harazée (ein kleines Dorf), ebenso erster Schuß in Vienne-le-Château. Jawohl, danke schön. – Ich werde jetzt auf diesen und jenen Punkt feuern lassen. Es liegt Meldung vor, daß der Franzose versucht, da und dort Verstärkungen vorzuschieben.“

Das Telephon tutet. Ohne Pause geht es so fort.

Das kleine Fenster der Baude rasselt bei jedem Geschützschlag. Draußen scheint die Sonne. Die Granaten rauschen mächtig dahin. Zuweilen summt es in der Luft oder es klingt klirrend, wie wenn eine Stahlseite zerspringt, es pfeift: Sprengstücke, verirrte Kugeln, die durch den Wald fliegen.

Das Feuer hat um etwas nachgelassen, aber es ist noch immer ein infernalisches Dröhnen und Krachen.

Das Telephon tutet. „Jawohl?“ Das Regiment X. meldet, daß unser Feuer zu kurz liegt und die eigenen Gräben gefährdet. – „Das ist unmöglich,“ antwortet der Adjutant. „Es werden feindliche Einschläge sein.“ Er bekam recht. Ein paar Minuten später geht die Meldung ein, daß zwei feindliche Flieger in der Luft sind und das Feuer der Artillerie auf den betreffenden Graben lenken. „Ich werde einen Flieger hochschicken!“ antwortet der Adjutant. Eine andere Stelle muß schon Meldung gemacht haben, denn fünf Minuten später brummt ein deutscher Doppeldecker hoch oben über den Wäldern.

Wir essen zu Mittag: „Denn essen muß der Mensch, trotz allem.“ Der Adjutant sitzt in der engen Stube mit dem Rücken gegen das Telephon, um nur die Hand nach dem Hörer ausstrecken zu müssen. Dutzendmal wird er unterbrochen, aber doch findet er noch Zeit, mir zuzureden und nachzusehen, ob mir auch ja nichts fehlt.

Gegen elf Uhr schwillt das Feuer wieder zur früheren Raserei an. Die Geschütze taumeln vor Grimm. Immer hinaus, was die Rohre hergeben können! Dann kracht der Wald von furchtbaren Explosionen: die Minen wurden gesprengt. Die Erde zittert.

Und nun ist es elf Uhr. Jetzt müssen sie aus den Gräben! Es sind Minuten der größten Spannung.