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Ja, nun steigen sie aus den Gräben! Auf der ganzen Linie von zwei Kilometern.
Über die Ausfallstaffeln klettern sie empor, durch die Sappen stürzen sie sich gegen den Feind. Handgranaten am Gürtel, Rauchmasken, Schutzschilde, eine Handgranate in der Rechten, fertig zum Abreißen, das Gewehr über der Schulter, bereit zum Schuß, bereit zum Zuschlagen. Die Kugeln schwirren.
Ein Mann fällt, während er sich aus dem Graben schwingt, ein Mann fällt auf den Grabenwall, ein Mann fällt nach drei Schritten – aber die Kameraden stürmen weiter, mit Hurra und Geschrei, hinein in Dunst und Rauch.
Der Gegner ist zusammengetrommelt, aber keineswegs erledigt. Aus Grabenlöchern feuert er, aus Granattrichtern, mitten in Schutt und Erde richtet er das Maschinengewehr, das noch intakt ist. In einer Sappe hat er sich zusammengedrängt, die Handgranaten krachen, weiter! Es fällt der Mann im Dunst, im Rauch. Ein paar Grenadiere bringen ein feindliches Maschinengewehr in Stellung. Sie fallen. Weitab sind schon die Kameraden. Vorwärts! Es fällt der Offizier.
Auf einer Linie von zwei Kilometern branden sie so vor. Heiß ist der Nahkampf. – –
Unsere Gedanken sind oben bei ihnen, unsere Wünsche, unsere Hoffnungen und unsere Angst. Die Spannung schmerzt, im Herzen, im Gehirn. Wird es gelingen? Im ganzen Umfang? Und wird es mit geringen Opfern gelingen?
Es ist ganz still in unserer Baude.
„Wollen wir hören, ob viel Infanteriefeuer hörbar ist. Denn das bedeutet nichts Gutes,“ sagt der General, und wir treten hinaus.
Es ist fast gar kein Infanteriefeuer vernehmbar. Es steht gut! Die Geschütze krachen und wettern ohne Pause. Sie schießen nun natürlich nicht mehr auf Marie-Thérèse, sie feuern auf die feindlichen Batterien und Zugangswege. Die feindlichen Einschläge krachen in den Wäldern. Aber durch die kurzen Pausen des Krachens hindurch lauschen wir gespannt nach oben. Nur vereinzelte Schüsse. Da beginnt ein Maschinengewehr hohl zu klopfen.
„Ein französisches Maschinengewehr! Das ist schrecklich!“ sagt ein Offizier leise vor sich hin.
Aller Herzen sind oben bei ihnen, die jetzt kämpfen für die deutsche Sache.
Es kommt die Meldung, daß alles gut stände. Wir atmen auf.
Elf Uhr dreißig Minuten trifft die erste bestimmte Meldung ein. Das Regiment X. hat zwei Gräben genommen, gegen hundert Gefangene. Es geht gut vorwärts.
Der Adjutant sitzt am Telephon, und sobald er eine Meldung entgegengenommen hat, teilt er sie uns mit.
Elf Uhr vierzig Minuten. Das Regiment Y. hat ein paar Gräben überrannt, eine Anzahl Gefangene, Maschinengewehre, Minenwerfer. Es sind die Leute von der Eselsnase, bei denen ich heute morgen war. Das Regiment ist berühmt und gefürchtet beim Gegner.
Ein anderes Regiment meldet, daß es infolge starken Artilleriefeuers nur mühsam aus dem Graben kam, jetzt aber rasche Fortschritte mache. Leider einige Offiziere gefallen. Kompanieführer X., Leutnant Z. – Vor ein paar Stunden sprach ich noch mit ihnen.
Der General blickt vor sich hin und holt tief Atem.
Es ist Krieg, Krieg, man darf es nicht eine Minute vergessen.
Meldung um Meldung. Das Regiment Z. meldet, daß es einhundertundfünfzig Gefangene gemacht habe. Punkt erreicht. Anschluß an Nachbarregiment.
Die Meldungen lauten alle gleich günstig. Hundert Gefangene, zweihundert, dreihundertfünfzig – kein Zweifel: der Angriff ist geglückt. Wir haben gewonnen!
Um zwölf Uhr meldet der Bursche: „Herr General, die ersten Gefangenen!“
Wir sehen einander erstaunt an. „Schon,“ sagt der General, und wir gehen durch den Wald, hinüber zum Knüppelweg.
Da stehen sie. Drei Stück. Verschwitzt und bestaubt kommen sie aus den Gräben. Sie machen einen jämmerlichen Eindruck. Einer trägt ein Käppi. Er ist ganz grau, Bretone, einundvierzig Jahre alt. Seine schmutzigen groben Hände zittern vor Erregung. Die beiden anderen sind junge Burschen, gegen zwanzig, klein, schwarzhaarig, mit runden schwarzen Glotzaugen. Sie tragen blaugraue Stahlhelme auf den runden Köpfen, Helme, die den alten Sturmhauben des Mittelalters ähneln und ganz neu sind. Die Burschen gefallen mir nicht. Und als ich anfange, sie auszufragen, bekommen sie auch sofort Streit. Einer wirft dem andern vor, sich im Unterstand versteckt zu haben. Sie hatten es eilig, in Gefangenschaft zu geraten, das kann ich sehen. Es sind Leute aus Toulouse.
„Was wird man mit uns tun?“ fragt einer der Tapferen mit dem Stahlhelm mit einem ängstlichen Blick.
„Man wird euch in ein Lager nach Deutschland schicken,“ antworte ich. Er ist befriedigt. Was dachte er denn –??
Nun aber wimmelt es auf dem Waldweg. Eine Feldbahn führt in der Nähe vorüber. Darauf laufen Karren, von vier Krankenträgern geschoben, und auf den Karren sitzen und liegen die Verwundeten. Auf einer Karre hockt oben ein junger Franzose und jammert und stöhnt in gleichen Zwischenräumen. Sonst hört man nur selten einen Schmerzenslaut.
Eine Bahre wird vorübergetragen. Ein Feldgrauer liegt ausgestreckt darin.
„Wo fehlt’s?“ fragt der General.
„Beinschuß!“
„Nun, immer rasch zum Verbandplatz.“
Eine zweite Bahre wippt auf den Schultern der Träger vorüber. Bleich und still liegt darin ein Franzose.
Leichtverwundete kommen allein an. Der General hat für jeden ein ermunterndes Wort, einen freundlichen Zuruf. „Was ist mit Ihnen?“ fragt er einen Grauen, dessen rechte Hand in blutigem Verbandzeug steckt. „Granatsplitter.“ – „Na, es wird nicht so schlimm sein. Wissen Sie den Verbandplatz? Gleich da drüben.“ Wie ein Vater spricht der General seinen Leuten zu. „Wie steht es oben?“ – „Wir haben drei Gräben genommen, Herr General!“ – „Na, das ist prachtvoll. Immer rasch zum Verbandplatz.“
Bahren, Karren.
Ein Grenadier mit verbundenem Arm, gestützt von einem Krankenträger, kommt festen Schrittes, stolz und aufgerichtet des Weges, obschon ihm Schmerz und Schrecken im Gesicht sitzen. Ein Lob des Generals läßt seine Miene aufleuchten.
Auf einer Karre sitzt ein Verwundeter. Sein Kopf ist nichts als ein weißes Knäuel mit blutigen Flecken. Aber er sitzt mit verschränkten Armen, ganz behaglich.
So strömt es unaufhörlich vorüber, und die Granaten rauschen und zischen ohne Pause über den Wald.
Ein Grauer, mit blutigem Kopfverband, tritt an den General heran und schlägt die Absätze zusammen.
„Wo kann ich Herrn Major Soundso sprechen? Ich habe eine Meldung zu machen.“ Das Blut tropft dem Tapferen übers Gesicht.
„Was soll es sein?“
„Das Regiment hat drei Gräben genommen und über zweihundert Gefangene.“
„Ich werde es bestellen lassen. Aber nun schauen Sie, daß Sie sich mal erst ordentlich verbinden lassen.“
Der Graue klappt mit den Stiefeln. Ab. Ja, was für Leute das sind!
Ein anderer kommt vorbei, den Kopf verbunden. Er war schon vor dem Sturm verwundet worden, machte aber noch den ganzen Angriff mit.
Die Gefangenen fluten in dichten Zügen heran. Sie werden aufgestellt und gezählt. Fast alle tragen diese blaugrau angestrichenen Stahlhelme. Vereinzelte nur tragen Käppis oder haben sich ein Schnupftuch um den Kopf gebunden. Sie sind schmutzig, verwildert, zerfetzt und verstaubt, stumpf, bleich und erschöpft und kleinlaut, wie alle Soldaten, die aus der Schlacht kommen und in Gefangenschaft gerieten. Aber sie machen einen weitaus besseren Eindruck als die ersten drei. Es sind Leute teils aus den nördlichen Departements, Bretagne, teils aus dem Süden, Toulouse, Nîmes, Marseille. Manche rauchen schon wieder ihre Pfeife oder den Zigarettenstummel. Einer trägt einen halben Laib Brot, einer eine Decke. Sie zeigen die Photographien ihrer Frauen und Kinder und fragen, ob sie sie behalten dürfen. Natürlich dürfen sie das! Zuweilen schütteln sich ein paar die Hand, die sich hier wiederfinden. Es ist ein langes, bedeutsames Händeschütteln!
Manche sind verwundet und tragen Verbände. Einem ist die Hand zerschmettert, dem anderen hat eine Kugel den Arm durchschlagen.
Der General steht und läßt die Augen über die Kolonnen schweifen. Sobald er einen Verwundeten sieht, läßt er ihn herankommen, fragt, forscht: „Ulan, bringen Sie den Mann zum Verbandplatz.“ Aus jeder Kolonne scheidet ein Trüppchen Verwundeter aus und hinkt, humpelt und taumelt hinter den Führern her.
Aber der General hat seine Augen überall. Er sieht auch, was hinter den Kolonnen vorbeikommt, ruft, ermuntert, lobt.
Da kommt auch mein Grenadier mit den zwei Postpaketen am Gewehr zurück. Heute morgen sah ich ihn in die Gräben hinaufgehen. Da ist er wieder. Eine Handgranate hat ihn leicht am Gesicht verletzt. Er hatte gar nicht Zeit, seine Paketchen zu öffnen.
Es werden immer mehr Gefangene. Es sind ganze Züge und Kompanien – und auf der anderen Seite des Berges soll es auch in die Hunderte gehen!
Der General kann unmöglich alle übersehen, und so gehe ich die Kolonnen entlang und suche die Verwundeten heraus. – „Herr General, hier ist ein Mann mit einem Armschuß.“ – „Ulan, zum Verbandplatz.“ – Väterlich sorgt der General für den Feind. Sein Ton ihnen gegenüber ist freundlich und schlicht.
Ein Gefangener fragt mich, ob er nicht ebenfalls verbunden werden könnte. Ich sehe ihn an, er sieht etwas erschrocken aus, aber ich sehe keine Verwundung. Er hat Schüsse da unten, sagt er. Augenblicklich läßt er die Hose herunter, und ich sehe, daß er einen Schuß im rechten Oberschenkel und einen über dem Gesäß hat.
Ich führe ihn zum General. Auch hier will er sofort die Hose herunterlassen, aber der General glaubt ihm so.
„Nehmen Sie den Mann da noch mit, Ulan. Stützen Sie ihn, so, immer vorwärts.“
Kolonnen um Kolonnen ziehen vorbei. Jetzt, um ein Uhr, sind schon eintausendvierhundert Gefangene gemeldet. Im ganzen wurden es zweitausend. Immer neue strömen aus dem Wald. Karren, Bahren, Verwundete. Nie werde ich diesen Weg im Argonnerwald vergessen.
Vor dem Verbandplatz liegen und stehen die Verwundeten herum. Sie sind ruhig und fühlen sich geborgen. Die Ärzte sind drinnen an der Arbeit. Ich sehe, wie der freundliche, lebenslustige Chefarzt ernst und hingegeben einen blutigen Lappen mit der Schere abtrennt.
Das ist die Kehrseite von Hurra und Siegesjubel. Es ist Krieg, man darf es nicht vergessen.
Die Geschütze dröhnen, die Einschläge krachen, die Granaten gurgeln und pflügen durch die Luft. Verirrte Kugeln und Sprengstücke surren und klirren. Zwischen den Bäumen wandern wie eine blaugraue Schlange die Gefangenen.
Droben in den Gräben aber geht es weiter, heiß und blutig. Die eroberten Gräben müssen instand gesetzt, Schutzschilde und Sandsäcke auf die andere Seite gebracht werden. Die Gewehre peitschen, Maschinengewehre hämmern, der Kampf geht weiter. Bis die Nacht kommt, und auch in der Nacht wird es keine Ruhe geben.
Wir fahren los und jagen quer durch die Argonnen, um zu hören, wie es auf der anderen Seite des Berges ging.