Die Überlebenden aus dem Kirchhof von Souchez
Im Juli
Die Tür öffnet sich und herein tritt ein französischer Unteroffizier in blaugrauer Uniform. Er klappt die Stiefel zusammen und legt salutierend die Hand an die Mütze. Ein junger Mann von vier-, fünfundzwanzig Jahren, mit blondem Schnurrbärtchen und blauen, blanken, flachen Augen, schlank und geschmeidig. Seine Haltung ist nicht preußisch stramm, nein, aber sie ist militärisch ordentlich und drückt ebensoviel Selbstachtung wie Respekt vor dem Offizier aus, der das Verhör leitet. Seine Kleidung ist sauber, und niemand käme auf den Gedanken, daß er aus einem zusammengeschossenen Graben kommt. Er gehört zu jener Klasse von Pedanten, die immerzu bürsten und kein Stäubchen sehen können, ohne krank zu werden.
Hinter ihm tritt ein gewöhnlicher Soldat ins Zimmer, gut ausgepolstert mit Wollsachen, dunkeläugig, mit schwarzen Haaren und einem dünnen schwarzen Bart ums Kinn. Auch er grüßt, aber er nimmt es nicht so genau. Er hat Fett angesetzt in den Gräben, blickt gutmütig und gleichgültig umher, und ich wette, daß er zum weitverbreiteten französischen Orden der „Jemenfoutisten“ gehört.
„Nehmen Sie, bitte, Platz!“ sagt der Offizier und ladet die Gefangenen höflich ein, sich zu setzen. „Sie wurden beide im Kirchhof gefangen genommen?“
„Ja, mein Offizier.“
„Der Kampf war sehr erbittert?“
„Er war äußerst heftig!“ Der Dunkle nickt nur und schiebt die Unterlippe bezeichnend vor. Ihm war der Kampf sicherlich heftig genug.
„Erzählen Sie, wie er vor sich ging.“ Der Blonde erzählt: „Trommelfeuer, heftige Teilangriffe, Umzingelung, zuletzt ein wütender Sturm der Deutschen.“
„Sie lagen da und da in Reserve, Sie gehörten zum X. Korps?“
„Ich weiß nicht, zu welchem Korps wir gehörten. War es das X.?“
Der Dunkle: „Ja, zum X. Korps.“ Er ist viel klüger und weiß, daß der verhörende Offizier über diesen Punkt genau orientiert ist.
„Haben Sie am 7. Juli Joffre gesehen?“
„Ja. Er war am 7. Juli in Caucourt und hielt eine Ansprache an die Truppen, in der er ihre Tapferkeit lobte.“ Zum Dunklen: „Haben Sie Joffre gesehen?“
„Nie in meinem Leben.“ Der Dunkle legt, wie man aus seinem Ton hören kann, darauf auch nicht den geringsten Wert.
„Welche Meinung hat die Truppe vom Generalissimus?“
„Man denkt, daß er sehr gut ist.“
„Sie schießen in der letzten Zeit weniger. Haben Sie Artillerie herausgezogen oder haben Sie Mangel an Munition?“
„Ich bin nicht im geringsten über die Artillerie unterrichtet.“
Auf eine Reihe von Fragen antworten sie ausweichend. Auf dem fleischigen Gesicht des Dunkeln liegt ein pfiffiges Lächeln.
Der verhörende Offizier dringt nicht weiter in sie. Er springt ab: „Welchen Beruf haben Sie?“
Der Blonde: „Ich bin cultivateur (Landwirt). Ich habe das Seminar besucht und dann den väterlichen Besitz übernommen.“
Der Dunkle: „Ich arbeite im Versicherungsgeschäft.“
„Welche Art Versicherungen?“
„Lebensversicherungen, Feuer, Unfall, Diebstahl, alles, was Sie wollen. Ich lebe in Paris.“
Ah, dachte ich es nicht gleich? Ich sehe ihn vor mir in dunklem Gehrock, den Zylinder auf dem pomadisierten Scheitel, das Bärtchen gewichst, die Mappe unterm Arm, ein bißchen verstaubt und verschwitzt, den kleinen Pariser Beamten. Wie er würdevoll und großartig in ein bescheidenes Restaurant tritt, an den Speisen herumkritisiert und über Zugluft klagt. Aus diesem Grunde ist er auch jetzt, im Sommer, so mit Wollsachen ausgepolstert.
„Seit wann sind Sie im Felde?“
„Seit dem Anfang,“ erwidert er mit einem bedeutungsvollen Blick.
„Wünschen Sie Zigarren? Wünschen Sie Tee?“ fragt der Offizier.
Die Gefangenen stecken sich Zigarren an. Tee lehnen sie ab, da sie erst Kaffee getrunken hätten.
Zigarren? Tee? Ich sehe es zornrot werden, das feiste Gesicht des biedern Bürgers hinter seinem Schoppen. Zigarren, Tee!? Man sollte –!! O nein. Ich empfehle ihm vierundzwanzig Stunden Lorettohöhe, nicht mehr, vierundzwanzig Stunden, und er wird den rechten Ton finden! Ich sah einen General einen gefangenen Offizier grüßen. Er grüßte ihn mit besonderer Aufmerksamkeit und Achtung, er grüßte den tapfern Gegner in ihm, die französische Armee. Dieser Krieg wird mit solch unsäglicher Erbitterung geführt, man schlägt sich die Schädel mit Spaten ein und erlaubt einander nicht, seine Toten zu begraben, daß man diese Ritterlichkeit dem gefangenen Gegner gegenüber nicht hoch genug schätzen kann. Auch der Franzose wird ja nicht ganz seine Traditionen verleugnen! Übrigens, das nebenbei, gibt es in diesem entsetzlichsten aller Kriege selbst während des Kampfes noch Beispiele von Ritterlichkeit, bei uns und auch bei ihnen. Nur eines: der Gegner stürmt, der Sturm ist matt, die Hälfte ist im Graben geblieben, die andre Hälfte flutet im Feuer zurück. Ein Offizier stürmt ganz allein weiter. Plötzlich schweigt das Feuer. Der Offizier stutzt, sieht sich um, senkt resigniert den Degen und geht langsam, ganz langsam zu seinem Graben zurück. Keiner unsrer Grauen schoß, es bedurfte nicht erst eines Befehls. Also, mein Lieber, nicht: man sollte –! Laß sie nur machen, sie wissen schon, was sie tun müssen, denn, siehst du wohl, sie waren da oben auf der Lorettohöhe! – Doch das gehört nicht hierher.
Sie rauchen also und wir plaudern. Der Blonde liest „La Croix,“ eine katholische Zeitung. Der Pariser liest alles, was er in die Hand bekommt. Der Blonde ist der Ansicht, daß das religiöse Gefühl des Soldaten sich vertieft habe, aber der Pariser zweifelt daran, sehr stark sogar. Priester gibt es ja genug bei ihnen, das sei wahr, jedes Regiment habe seinen Priester, und die Priester kommen in die Gräben, bei stärkstem Feuer, trösten, beten und leisten Beistand, wo es nötig ist. Die Verpflegung ist ausgezeichnet, und die Post funktioniert glänzend, wenigstens jetzt funktioniert sie überraschend gut. Sie kommen viel in Ruhe. Jedes Regiment stürmt meistens nur einmal, dann hat es lange nichts Besondres zu tun. Über die Engländer wissen sie nichts. Sie tun ihre Pflicht, wenigstens wären alle Franzosen dieser Überzeugung. Von den Italienern hätten sie sich von Anfang an nicht viel versprochen. Lieber Friede als Krieg, natürlich, aber man schlage sich, solange es sein müsse. La guerre, oui, cette guerre, oh lala! Es sei kein Krieg mehr, sondern eine schreckliche Schlächterei, une terrible boucherie, möchte man sagen. Aber wie gesagt, man schlage sich, sie und wir, natürlich, solange es eben sein müsse, bis einer einmal sage: Halt! Sie bekämen alle Nachrichten sehr rasch. „Lemberg“ haben sie einen Tag darauf gehört. Sie glauben nicht an die monströsen Geschichten, die ihre Zeitungen ihnen auftischen, von geschlachteten Kindern und ähnlichen Dingen – nein, daran glauben sie nicht, denn, bei Gott! – Der Pariser lacht und hustet – sie haben ja jetzt die intime Bekanntschaft der deutschen Soldaten gemacht: fürchterlich im Kampf, aber sonst ein guter Bursche. –
Die Gefangenen löffeln im Schulhof die Abendsuppe. Der Hof ist klein, und sie müssen in zwei Schichten essen, wie im Speisewagen, wenn der Zug überfüllt ist. Es sind über zweihundert, die den Kirchhof lebend verließen. Die großen Kessel dampfen. Sie schöpfen, schlürfen und löffeln. Sie sind ganz bei der Sache und beachten uns nicht. In ihren blaugrauen weiten Rockmänteln, die trotz der neuen Farbe immer noch etwas an Maskerade erinnern, schlürfen sie mit den Suppennäpfen hin und her, die stille selige Gier in den Augen, sich zu sättigen. Das Regiment (Jäger) stammt aus einem südlichen Departement, und die Leute sehen vorzüglich aus, stark und gesund. Nur zwei, drei haben ergraute Schläfen, die meisten sind zwischen fünfundzwanzig und dreißig. Der erste Hunger ist gestillt, sie plaudern und scherzen, ganz als ob sie noch da drüben wären. Sie kamen aus Gräbern und Särgen gestiegen, aus dem Tod, aber man merkt ihnen nichts mehr an. Die Überlebenden aus dem Kirchhof von Souchez sind äußerst vergnügt.
Die Posten stehen mit aufgepflanztem Bajonett. Keine Angst, sie laufen nicht weg! Wer diesen Feuergürtel zwischen den Gräben lebendig durchschritt, hat keine Lust mehr zurückzukehren.
Auf dem Fenstersims seines Zimmers sitzt mit gekreuzten Armen ein gefangener Offizier. Ein junger Mann von etwa vierundzwanzig Jahren, mit hübschem leichtsinnigen Gesicht und graublauen vergnügten Augen. Er strahlt vor Freude, daß die Sache ein Ende hat, und es fällt ihm gar nicht ein, uns etwas vorzumachen. Vor fünf Tagen noch war er in Lyon, auf Urlaub. Herrliche Tage und Nächte, er hat im Graben alles eingehend aufgeschrieben. Und sie, wie entzückend war sie! Nun also, so ist der Krieg, jetzt sitzt er hier auf dem Fensterbrett eines kleinen Schulzimmers.
Er trägt ein blaues Hemd, seine Brust ist offen, Kragen oder sonst eine Binde hat er nicht. Auf seinen dünnen braunen Haaren sitzt kokett ein blaugraues Barett, wie es die Pariser Studenten tragen, und vorn ist in Silber ein kleines Waldhorn gestickt.
„Sie hatten das Unglück, in Gefangenschaft zu geraten,“ begrüße ich ihn.
Er zuckt lächelnd die Achsel: „Was wollen Sie? Wir waren vollkommen abgeschnitten. Es war nichts mehr zu tun.“
„Sind Sie aktiver Offizier?“
„Ja, aktiver.“ Er spricht sogar etwas Deutsch.
Neben ihm taucht der rothaarige Kopf eines Sergeanten auf. Er blickt mit kalten, feindseligen Augen auf mich und erinnert mich an ein Eichhörnchen. Ich bin überzeugt, daß er die Schauergeschichten glaubt, die die französischen Schmutzblätter über uns schreiben.
„Wie lange wird Joffre die Sache bei Souchez und Loretto noch fortsetzen?“ frage ich den jungen Offizier. Ich weiß genau, was er antworten wird, aber man plaudert.
„Noch lange! Wir haben noch große Reserven.“
„Wie denkt man in Frankreich über einen zweiten Winter?“
„Man ist darauf gefaßt und bereitet vor.“
„Genau wie wir. Wir haben diesmal noch dickere Mäntel machen lassen, damit unsre Leute nicht frieren.“
„Glauben Sie nicht, daß eine Möglichkeit besteht, mit Frankreich einen Separatfrieden zu schließen?“
Der Offizier lächelt und schüttelt den Kopf. „Daran ist nicht zu denken. Je länger der Krieg dauert, desto mehr wachsen unsre Chancen.“
„Niemals!“ mischt sich das Eichhörnchen ein. „Niemals! Sagen Sie mir, wer hat diesen Krieg begonnen?“
Es ist sehr unhöflich, gleich das schwerste Geschütz aufzufahren. Der hübsche Offizier, Europäer und Gentleman, streift den Sergeanten mit einem nachsichtigen Lächeln. Ich sage: „Sie! Man hat Sie gefragt, Sie hätten ja aus der Sache bleiben können!“ Ich beachte das Eichhörnchen fortan nicht mehr.
Beim Abschied fragt mich der Offizier, wann sie wohl in Deutschland sein dürften. Ich erkundige mich. In vier, fünf Tagen.
„Schon! Dann kann ich wohl schreiben?“
„Natürlich.“
Freude fliegt über sein leichtsinniges, hübsches Gesicht. Ich weiß wohl, an wen er schreiben wird.