Das Schlachtfeld Arras-Souchez-Lorettohöhe vom Fesselballon aus.

Im Juli

Der Ballon wird aus dem Stall gezerrt. Er ist tot, er schläft. Aber sobald er nur den dicken Schädel heraussteckt und die frische Luft schnuppert, kommt augenblicklich Leben in ihn, und seine Seele kehrt zurück. Das Wetter ist stürmisch. Bei jedem Windstoß rollt er den dicken Leib hin und her und schleift die Feldgrauen, die wie Trauben an seinen dünnen Fadenbeinen hängen, über den Rasen. Wie ein gutmütiger Betrunkener, dem es ein tolles Vergnügen macht, seine Begleitmannschaft ins Torkeln zu bringen.

„Langsam rechts einschwenken!“

Auf seinen Fadenbeinen schwankt er ins freie Feld. Er stampft auf und ab wie ein Schleppdampfer in hoher See, er begräbt die Ameisen, die an seinen Beinen zerren, unter sich, wälzt sich zum Spaß auf ihnen herum, reckt sich hoch und nickt, im Winde liegend, ein paarmal befriedigt mit dem Kopf.

Nun steht er da!

Ungeheuer komisch sieht er aus. Wie ein riesiger grauer Kofferfisch, prall und glatthäutig, vollgefressen bis zum Platzen, das runde Maul mitten im dicken Kopf. Unter dem feisten Leib hat er ein zweites, sackartiges Freßwerkzeug, und damit kaut er gefräßig und gierig die Luft. An den Seiten hat er kleine schmale Flossen und als Schwanz ein paar aufgespannte Regenschirme. So kunstvoll er gebaut ist, scheint er doch das primitivste Geschöpf zu sein, das sich an der Front herumtreibt. Ein Freiballon ist eine Kugel, ein Zeppelin ein Kriegsschiff in der Luft, aber er ist ein Tier, ein Fisch, von äußerster Gutmütigkeit und ohne jeden Verstand. So sieht er wenigstens aus.

Die Gondel wird unter seinem Leib befestigt, er erhält ein Drahtseil durch den Nasenring gezogen. Einsteigen! Wir turnen in den engen Korb, der Leutnant und ich.

„Ballon langsam hoch lassen!“ Der Hauptmann schreit.

Der Luftfisch springt mit einem Satz vom Boden hoch. Er bohrt den Kopf in den Wind, reißt am Seil und tummelt sich vergnügt, so daß der Korb schlingert. Dann aber gleitet er ruhig in die Höhe. Er ist in seinem Element.

Die Feldgrauen stieben strahlenförmig über das Feld, werden kleiner und winziger, und die sechs Pferde, die die Kabelwinde ziehen, werden zu einem Spielzeug. Das kleine Dorf wird zu einer Honigwabe. Wir steigen rasch.

Sonderbar, dieser Ballon, niemand versprach sich viel von ihm im Kriege. Er diente im Manöver dazu, das Signal: „Das Ganze halt!“ zu geben, das war so ziemlich seine Hauptrolle. Er war nur Statist. Die Flieger sollten die ganze Arbeit leisten. Er war eine veraltete Sache, die man nur, weil man sie hatte, ins Feld mitschleppte. Aber in diesem Kriege, in diesem Stellungskriege ist er zu ungeahnten Ehren gekommen. Überall, an der ganzen Front entlang, sieht man ihn am Himmel stehen! Wo Schneid und Intelligenz zusammengehen wie bei der Luftschifferabteilung, bei der ich zu Gaste bin, wird er zu einer furchtbaren Waffe.

Man steigt mit ganzen Kanonen von photographischen Apparaten hoch und photographiert die kleinste Falte im Antlitz des Feindes. Der Flieger rast mit hundert und mehr Kilometern dahin und hat nicht die Muße wie der Mann im Ballon. Der Ballon steht still. Er steht stundenlang da, tagelang, und wenn der Beobachter auch seekrank wird, er bleibt oben. Der Ballon ist das Auge der Artillerie, er beobachtet Kolonnen, Bewegungen des Gegners, das Aufblitzen feindlicher Geschütze, er dirigiert das Feuer der eignen.

Er ist, wie gesagt, eine ganz gefährliche Sache, und aus diesem Grunde hat er seine Feinde. Schrapnelle und Granaten tasten nach ihm. Gottlob treffen sie selten. Der Ballon geht tiefer oder höher, oder er reißt mit seinen sechs Pferden überhaupt aus. Sein kritischer Augenblick ist die Landung. Aber seine erbittertsten Gegner sind die Flieger, die Konkurrenz. Sie kommen in ganzen Schwärmen. Mein Begleiter, der Leutnant, wurde neulich von drei Flugzeugen gleichzeitig angegriffen, aber er riß nicht aus, fiel ihm gar nicht ein. Den Hauptmann besuchte neulich ein ganzes Geschwader, er bekam vierundfünfzig Bomben, aber er blieb oben in seinem Korb und beobachtete.

Es gehören Leute dazu!!

Wir steigen und steigen, und der Wind pfeift hier oben, daß mir das Wasser aus den Augen läuft. Die Landschaft wächst, die Welt ist plötzlich viel größer geworden.

Aber diese ganze Landschaft da unten, von Nordwest bis Südost, ist ein einziges riesiges Schlachtfeld, auf dem sich zwei Völker zerfleischen, weil das Schicksal es so will. Zwei Völker, die Kathedralen haben, Universitäten, Museen, Konzertsäle, Hospitäler, Sprachen, die den erhabensten Gedanken Ausdruck zu verleihen vermögen, die Männer hervorbrachten, die wie Fackeln über der Welt leuchten, zwei Völker, die Gedanken geboren haben, die die Welt regieren! – Nun liegen sie einander gegenüber in Erdlöchern, den Willen gespannt zum Töten, ihre Geschütze pochen und stampfen. Die Granatwolken wälzen sich in den Feldern, hier, da, dort, sie steigen aus den Dörfern, wohin man blickt. Und kein Mensch, kein Eisenbahnzug, kein Wagen ist zu sehen, keine lebende Seele weit und breit. Der Mensch hat sich vor dem Menschen verkrochen.

Das Licht ist kalt wie im September. Graue Wolken jagen dahin. Müde Sonne wechselt mit dunklen Wolkenschatten. Strichweise sieht die Landschaft aus wie durch ein gelbliches Glas gesehen, gealtert, zermürbt und zerknittert, müde des endlosen Mordens und Krachens der Granaten. Wie das Gesicht eines Schlaflosen. Strichweise friedlich und unbekümmert. Schornsteine rauchen in der Ferne, die Zechen, die der Franzose noch in Händen hat. Friedliche Weiler und Dörfer, von der schwachen Sonne beleuchtet. Aber plötzlich tanzt eine graue Wolke auf den Dächern, wieder eine, da, dort. Dörfer, die der Franzose befunkt, um seine Männer und Weiber zu töten. Lievin, Angres, Givenchy. Sie kauern geduckt neben Anhöhen in Wäldchen, aber die Granate findet sie doch.

In der Mitte liegt breit die Lorettohöhe, die verfluchte! Das Bois de Bovigny sitzt wie der Kamm eines Hahnes darauf. Der Wald ist dunkel, die Höhe selbst hell, gelbgrün wie Heide und unbestellte Felder. Von der Spitze des Waldes zieht quer über die Höhe eine breite lehmfarbene Schleifbahn bis hinab in die Talmulde, eine klaffende Wunde in der Höhe: das sind unsre Gräben, die der Franzose im Mai zusammenschoß. Weiter unten zieht, entlang der Talmulde, eine schmälere, neue Schleifbahn: das sind die heutigen Stellungen. Man erkennt sie sofort, denn graue und rostrote Granatwolken stehen darauf und wälzen sich im Winde.

„Sehen Sie das weiße Schloß?“ sagt der Leutnant. „In der Waldkuppe rechts von der Lorettohöhe. Dort! Das ist Schloß Noulette. Weiter hinten sehen Sie eine Ferme. Ferme Marqueffoes. In französischen Händen. Im Bois Bovigny sehen Sie zuweilen einen gelben Streifen. Der französische Annäherungsgraben. Auf dem Abhang dort neben der Baumgruppe stehen französische Batterien.“

Wir sehen alles, wir lesen wie in einem aufgeschlagenen Buch.

Die Lorettohöhe wird flacher und flacher. Souchez erscheint, Rauch und Dunst liegt darüber, Ablain, die „Kanzel“, die unsre Grauen wie Teufel verteidigt haben. Das Hinterland taucht empor, Waldstreifen, Feldstreifen, ferner und ferner, bis zum Horizont.

Links versinkt die Vimyhöhe, die wir halten, und in der beschatteten Talmulde dahinter taucht ein Düster von Häusern auf mit einem fahlen zweitürmigen Dom in der Mitte: Arras! Es sieht aus wie ein Grab. Die Kathedrale wie der Schemen eines Domes. Sie geriet vor einigen Tagen in Brand, und ihre Turmspitzen sind zusammengestürzt. Sie erscheint nahezu weiß, aus welchem Grunde weiß ich nicht, wie der Geist einer Kirche steigt sie aus der toten, düstern Stadt empor.

Auch hinter der Vimyhöhe, bis gegen Arras stehen kleine Granatwolken, sie tanzen wie Gespenster an der ganzen langen Front entlang. Unter uns fährt aus der düstern Landschaft da und dort ein Feuerdolch: unsre Geschütze, die feuern.

Wir sind 400-500 Meter hoch und geben Flaggensignal. Langsam steigen wir herunter. Wie ein störrisches Pferd am Halfter muß der Ballon zur Winde gezogen werden. Über dem Boden wälzt er sich ein paarmal hin und her, dann steht er still.

Ich steige aus. Im nächsten Augenblick schon jagt er wieder mit dem Beobachter in die Höhe.