Der Argonnerwald
Im Juli
„Moi, je suis tombé dans un sale coin, je suis aux Argonnes.“
Aus dem Briefe eines Gefangenen.
Es regnet in Strömen. Das Wasser wird in Fässern aus den bleigrauen Wolken geschüttet, die niedrig über die Wälder ziehen. Die Bäume brausen im Wind und schütteln Wasserfälle aus ihren Kronen. Die Wege sind Lehm, Bäche stürzen über die Abhänge. In den Unterständen sind die Öfen geheizt.
Es ist der Argonnerwald, wie er leibt und lebt. Er verstellt sich nicht und zeigt sein wahres Gesicht. Es ist ein Wald wie der Spessart und die böhmischen Wälder, ein Wald für Köhler, Räuberbanden und Wildschweine. Der Wald hat seine Gegenwart, das ist nicht zu leugnen, der Wald hatte seine Vergangenheit, das ist sicher. Man ging hinein und verschwand, man schlug das Kreuz und war tot. Im Dickicht lauerte der Mörder. Es gibt hier Stellen, die sonderbare Namen tragen: la fille morte, l’homme mort. Es wird wohl seine Bewandtnis damit haben! Aber diese ganze düstere Räubervergangenheit des Waldes ist ein Idyll gegen heute, eine Schäferszene, das sage ich gleich! Welche Zeit könnte sich in diesen Dingen überhaupt mit der unsrigen messen? Wir haben alles glatt geschlagen ...
Wir steigen in einen Rollwagen, ein total zerweichtes Pferd mit einem total zerweichten Reiter darauf wird vorgespannt und wir rollen los, höher und tiefer in den Wald hinein. Der Regen strömt, Roß und Reiter verschwinden zuweilen in einer Wasserblase. Ich bin durchnäßt bis auf die Haut, dieser verfluchte Argonnenregen geht durch den Gummimantel, und friere wie ein Hund.
Dieser Wald ist kein Wald für Menschen! Er ist dreistöckig. Hohe Bäume, zumeist Eichen, vereinzelt, dann das Unterholz, junge Eichen, Buchen, Birken, Erlen, dicht beisammen, und unter ihnen Gestrüpp: Brombeeren, Dornen, Farnkräuter, Ginster, Schlingpflanzen, ein natürlicher Drahtverhau, wie er heimtückischer nicht angelegt werden könnte. Es ist ein Wald für einen haarigen, gorillaartigen Waldteufel, der mit einem Prügel in der Faust durchs Dickicht kriecht und Lehm frißt. Der Mensch betritt ihn mit Grauen im Herzen.
Das zerweichte Pferd streckt die glänzenden Schenkel, tastet durch Lehm und Wasser. Zuweilen wird es abgehängt, dann rollen wir mit eigner Kraft über wacklige Schienen hinunter. Dann geht es wieder bergan. Ist es möglich, daß es noch stärker regnet? Ja, bei Gott, es ist möglich! Wir fahren in einer Wasserhose. Vor uns kriecht eine Batterie von Gulaschkanonen, von Pferden gezogen wie wir. Kommt ein Taleinschnitt, so rollen alle vier Gulaschkanonen mit eigner Kraft hinab und wir hinterher. Wir begegnen einem Transport von leeren Minenkörben, meterhohen Zuckerhüten aus Ruten geflochten. Der Transport muß rangieren, damit wir vorüber können. Auf die Feldküchen klatscht der Regen. Die Leute haben Zeltbahnen um die Schultern gehängt, aber es hilft nicht viel. Station. Ein durchnäßter Grauer tritt an unsern Rollwagen und meldet: „Station Rixdorf, belegt mit zwei Telephonisten!“ Ordnung muß sein. Ein Transport kommt zu Tal. Sie stehen aufrecht im Wagen. Sie sind müde und erschöpft. Ihre Arme und Köpfe sind verbunden. Es sind Verwundete aus den Gräben da oben. Der Wald frißt, der Wald frißt, der Wald frißt täglich Menschen! Einer liegt, mit einer Pferdedecke zugedeckt. Man unterscheidet nur die Formen des Mannes. Der Regen fegt auf die Verwundeten herab, aber sie kümmern sich nicht darum. Und er, der unter der Decke, der liegt und sich nicht regt, ihm kann der Regen, alle Mächte der Hölle können ihm nichts mehr anhaben ...
Unser Pferd streckt die Schenkel. Es geht bergan. Nasse Zweige gießen ihr Wasser über uns aus. Der Wald poltert. Die einschlagenden Granaten krachen wie Donnerschläge.
Eine halbe Stunde währt die Rollwagenfahrt, eine Stunde. Wir steigen aus und schütteln uns wie Hunde, die aus dem Wasser kommen.
Wir gehen quer durch den Wald. Die Wege sind hier mit Knüppeln gepflastert, ein Knüppel hübsch neben dem andern, peinlich genaue Arbeit, anders wäre es nicht möglich, hier einen Schritt zu machen. Granattrichter. Zerschossene Bäume. Mannsdicke Eichen, die Granate traf sie in der Mitte, zerriß sie und warf sie aufs Gesicht. So liegen sie nun da und sterben. Hier gibt es sonderbare Hünengräber, mitten im Walde, Stein- und Erdhügel. Blickt man aber näher hin, so sind es Batterien. Die grauen Kanonen stehen darin, anständige Kaliber! Sie feuern glatt durch Laub und Zweige hindurch. Wir steuern ein Hünengrab an und steigen in die Erde hinein. Wir klopfen und treten ein. Hier brennt die Hängelampe, obschon es elf Uhr vormittags ist. Ein Mann in einer Wollweste empfängt uns. Hier hausen Pionieroffiziere, Leute von Welt. Sie haben gute Laune, Kognak und einen herrlichen heißen eisernen Ofen, der sofort zischt, wenn man ihm nahe kommt. Sie hausen hier schon – tuh, tuh, das Telephon tutet: ein Stollen im Graben so und so, wird gemacht – sie hausen hier schon seit Ende September! Unter der Balkendecke, zwei Meter Schotter darüber, ein paar Schlafkojen. Urlaub, nein, Urlaub nahmen sie noch nicht. Sie haben keine Lust, sie sind hier nötig. In den Gräben arbeiten sie, ganz vorn, in den Minenstollen. Was sie tun, davon will ich später einmal berichten. Ihre Gedanken, ihre Pläne, ihre Frauen – alles haben sie hingegeben, mag es kommen, wie es will, sie werden auf ihrem Posten stehen. Unvergeßlich sind sie, jung und stark und kühn.
Es gießt noch immer. Düster und unheimlich rauscht der Wald. Es ist ein Wald der Unterwelt, erfüllt von einem schauerlichen und nie gehörten Lärm. Er hustet, das furchtbare Husten eines Unholds, der in den Schluchten haust. Er lacht heiser und keuchend wie ein Teufel, dem etwas schrecklichen Spaß macht. Riesenspechte klopfen. Es kracht wie ein schwerer Schmiedehammer, den nicht Menschen, sondern Zyklopen bedienen. Sie fluchen zur Arbeit, rufen und poltern. Zuweilen nehmen sie die Axt und schlagen, eins, zwei in den eisenharten Stamm der Eiche, daß die Berge hallen. Die Eiche schlägt krachend hin. Man hört, wie die Zyklopen die Eiche zerknacken zwischen ihren Fäusten und ins Feuer werfen, daß es prasselt. Das alles hört man ganz genau, aber man sieht die Einäugigen nicht. Dann und wann streicht ein Gespenstervogel unsichtbar und klagend über die brausenden Wälder. (Eine Granate.) Ja, Gott stehe mir bei, dieser Wald ist keineswegs gemütlich.
Aus dem Dickicht tritt ein Mensch. Seine Stiefel sind voller Lehm, seine Kleider naß und schmutzig. Am Gürtel hängen Flaschen und Säcke und Ledertaschen, auf dem Rücken das Gewehr. Sein Gesicht ist schwarzbraun, schmutzig und verwittert. Die Augen stehen wie Lampen darin. Es ist ein Feldgrauer, der aus den Gräben da oben kommt. Die „Argonnentype“, wie sie leibt und lebt. Die Argonnentype grüßt, so nebenher, grinst beim Anruf und verschwindet im Regen. Sie sind es, die diesen höllischen Spektakel machen, keine Zyklopen, sondern kleine Menschen.
Plötzlich hört es auf zu regnen. Die Sonne bricht heiß durch die Wolken.
Wir treffen, bei seiner Batterie, einen Oberleutnant, Jurist, auch er lebt seit dem Herbst im Walde. Aber der Wald konnte ihm nichts anhaben, elegant sieht er aus und seine schmalen Hände sind gepflegt. Zusammen mit ihm klettern wir in den Wipfel einer Eiche empor. Die Eiche braust, und wir schwanken, oben angelangt, wie Äste hin und her. Wir blicken über den Wald!
Drüben liegt die Kuppe von Vauquois. Bis zum Kamm gehört sie uns. Dicht dahinter liegt der Franzose. Im Tal das Dorf Boureuilles. Mit bloßem Auge sieht man die Drahtverhaue der Franzosen, sie liegen im Tal hinter dem Dorf. Nach rechts aber, über dem Walde, liegt die berühmte Höhe 285, die unsre Tapfern vor acht Tagen stürmten.
Die Höhe ist braun und kahl! Es ist dem Menschen hier gelungen, den Wald weithin auszuroden, das muß man sagen. Die Bäume sind zerschmettert, liegen durcheinander, verkohlt und zerschossen, das Unterholz ist gänzlich verschwunden. Die Erde ist aufgewühlt. Gräben, Sappen, Sprengtrichter. Die Kuppe ist in hundert Risse geborsten. Ein Maschinengewehr bellt, die Gewehre husten. Ohne Pause wird da oben gekämpft. Ein schweres Geschütz feuert. Es kracht wie ein Donnerschlag, und das Echo poltert in den Schluchten.
Ziehe die Luft ein, riechst du es nicht? Es riecht wie in den Gängen eines Hospitals. Es riecht nach Chlor und allen möglichen Dingen. Diesen Geruch habe ich schon heute morgen verspürt, als wir uns dem Argonnerwald näherten. Dieser ganze Wald, trächtig von Feuchtigkeit, Erde und Wurzeln, hat diesen sonderbaren Geruch angenommen. Er stammt von den Gasbomben der Franzosen, von den Gasen der stündlich einschlagenden Granaten, von den Massengräbern, die mit Chlorkalk zugeschüttet sind.
Fürchterlich, dreimal fürchterlich muß es hier zugegangen sein! Der Wald hat seine Geschichte, und sie ist schrecklich wie die Geschichte wilder Meere. Heute noch findet man im Dickicht verstreut Leichen und Skelette. Man sieht in den Gebüschen einen Soldaten, das Gewehr im Anschlag, man ruft ihn an, er antwortet nicht. Er ist tot und in seiner letzten Stellung von den Dornen festgehalten worden. Man mußte sich den Weg bahnen wie in einem Urwald. Man bekam Feuer aus nächster Nähe. Man sah keinen Feind. Der Franzose saß auf den Bäumen, mit Maschinengewehren saß er oben. Man hörte den Gegner sprechen, die Offiziere Befehle erteilen, aber man sah nichts, rein nichts. Man grub sich gegenüber ein, schoß das Dickicht mit Maschinengewehren ab, um Luft zu bekommen, drang vor – der Feind zog sich zehn Schritt zurück, und es war die alte Sache. Es war ein Indianerkrieg und die Argonnen bilden ein Kapitel für sich in der Geschichte dieses Feldzuges. Hier gab es keine Pausen, keine Ruhe, hier wurde erbittert gekämpft, Tag und Nacht, viele Monate hindurch, und das Wasser in den Gräben stand häufig bis zur Hüfte. Man lag sich und liegt sich an manchen Stellen zehn Schritt gegenüber, ein lautes Wort bedeutet den Tod. Handgranaten, Minenstollen und Wurfminen.
In den letzten Wochen fanden hier wütende Gefechte und Schlachten statt, am 2. Juli, am 14. Juli – doch davon später. –
Ein Knüppelweg führt ins Tal hinab. An einer verborgenen Stelle wartet unser Auto. „Hat er hergeschossen?“ Nein – na, also los!
Wir fahren eine Strecke in Sicht des Feindes, wir jagen in eine zerschossene und zerstörte Stadt hinein. Sie erinnert an eine zerfallene italienische Ortschaft. Es ist Varennes. Jene Stadt, in der Ludwig XVI. mit seiner Gemahlin auf der Flucht erkannt und festgenommen wurde. Varennes ist ständig unter Feuer. Das Auto beginnt wie toll zu jagen. Es fegt eine schnurgerade Chaussee hinab in einem Höllentempo. Eile tut hier not, denn wir fahren in etwa 1000 Meter Entfernung an den feindlichen Stellungen vorüber, und es ist eine Anfängeraufgabe, uns hier abzuschießen. Die Höhe von Vauquois, die Kirche von Montfaucon, oben auf einem Berge in der Abendsonne. Ein paar Granatfahnen rauchen aus Apremont, während wir vorüberfliegen. Neben der Chaussee sind Serien von Granattrichtern. Sie sind ganz frisch, die Erde liegt noch locker und feucht. Der Abendsegen. –
Die Kämpfe in den Argonnen
Im Juli
„Les Argonnes, c’est l’enfer!“
Aus dem Tagebuch eines französischen Offiziers.
Am 20. Juni begann die Sache in den Westargonnen, am 2. Juli war sie zu Ende. 37 Offiziere gefangen, 2700 Mann! 100 Minenwerfer, 28 Maschinengewehre, 5000 Gewehre und 30000 Handgranaten! 1600 tote Feinde bestattet! Es ist ein Erfolg, der sich sehen lassen kann!
Man muß im Auge behalten, daß es sich hier um Waldkämpfe handelt. Der Franzose hat Erdwerke angelegt, Festungen unter der Erde. Er hat Blockhäuser in die Erde gerammt, jedes ein Fort. Die Dachkante ragt aus dem Boden, nichts sonst. Schießscharten, Maschinengewehre, Drahtverhaue vor den Gräben, eine Schlucht mit einem Wassergraben. Wenn ich sage, wie der Argonnenkämpfer stürmt, so wird man alles begreifen: den Stahlschild vorgehalten, Handgranaten am Gürtel, Handgranaten in der Faust, das Gewehr auf dem Rücken und die Gasschutzmaske vor dem Gesicht – so geht er vor! Es ist kein Spaziergang, o nein! Es ist keineswegs wie auf jener Photographie, die eine Berliner Zeitung kürzlich brachte und die einen „Sturmangriff in den Argonnen“ vorstellen sollte. Mit dem aufgepflanzten Bajonett läuft da eine Kolonne gegen einen idyllischen Waldrand an. O, hoho! Es ist mehr als kindisch, es ist eine Schmach. Der Argonnenkämpfer wird sich totlachen über den naiven Schwindel, wenn er das Bild zu sehen bekommt.
Am 20. Juni, wie gesagt, fing es an. Die Minenwerfer begannen ihre höllische Arbeit und deckten die französischen Gräben und Verhaue zu. Die Granaten hagelten herab. Los! Die Pioniere sind die ersten. Mit Drahtscheren gehen sie vor, mit Brückenstegen aus Knüppelholz gezimmert. Sie stürzen nieder, auf, die Stacheldrähte zerfetzen ihnen die Kleider, vorwärts! Der Kampf ist im Gange. Hier kämpft Gruppe gegen Gruppe, Mann gegen Mann, die Handgranaten krachen. Um jedes winzige Grabenstück, um jeden Granattrichter wird verzweifelt gerungen. Unsichtbar ist der Feind. Aus dem Dickicht schwirren die Geschosse eines Maschinengewehrs. Ein Trupp Württemberger stürmt hinein. Leutnant Sommer klettert mit ein paar Leuten auf das Dach eines versteckten Blockhauses, aus dem das Maschinengewehr feuert. Revolver, Handgranaten durch die Schießscharten, die Besatzung ist erledigt. Leutnant Sommer fällt. Er ist tot, aber er ist unsterblich! Einem andern Offizier, Leutnant Walker, gelingt es, in die Gräben der Labordère-Stellung einzudringen. Er ist abgeschnitten, umzingelt, aber er hält stand in einem höllischen Feuer, mit einer Handvoll Leuten, bis acht Uhr abends(!) Entsatz kommt. Zwei Leutnante, Spindler und Kurz, springen in den Graben und schlagen sich nach links und rechts, bis sie fallen. Sie sind tot, aber ihre Namen werden weiterleben! Es geht heiß zu, es geht verzweifelt zu.
Am Abend ist die Stellung genommen!
Es ist nur der Anfang. Die Franzosen trommeln auf die eroberten Gräben. Acht Tage lang machen sie einen verzweifelten Versuch nach dem andern, die Gräben zurückzuerobern. Vom 21. bis zum 29. Sie versuchen es mit allen Mitteln, Gasbomben und brennender Flüssigkeit.
Am 30. Juni geht es weiter. Niemals hat der Argonnerwald solch ein Feuer gehört! Die französischen Gräben werden zu Brei geschossen. Die Toten liegen wie das Getreide nach einem Hagelwetter. Ein Handgranatenlager fliegt in die Luft. Aber der Franzose kämpft wie ein Teufel. Im vordersten Graben fällt Mann um Mann. Niemand ergibt sich! In einer halben Stunde sind die Werke Central und Cimetière gestürmt. Unsre Grauen sind nicht zu halten. Eine Kompanie Grenadiere jagt bis ins Tal der Biesme vor. Auf dem östlichen Flügel der kämpfenden Linien liegen auf der sogenannten Rheinbabenhöhe die Grauen in den Gräben. Es wird gekämpft, sie halten es nicht mehr aus in den Gräben und greifen aus freiem Entschluß an. Württemberger Freiwillige nehmen die Reste des Labordère-Werkes.
Der Franzose ist geworfen, aber kleine Verbände wehren sich noch tollkühn in kleinen Grabenstücken und Blockhäusern. Ein Unteroffizier pirscht sich an ein Blockhaus, das wütend feuert, heran und wirft eine Handgranate hinein. Nun wird es drinnen still!
Es wird Nacht. Keine Ruhe, kein Schlaf, nein, daran ist nicht zu denken. Sie wühlen und graben die ganze Nacht durch, der Morgen muß sie bereit finden! Auch der Feind schanzt fieberhaft. Die Leuchtkugeln steigen. Die ganze vorgeschobene Gräbenkette der Franzosen ist in unsrer Hand: Labordère, Central, Cimetière, Bagatelle – aber dahinter hat er im Wald ein Verteidigungswerk, den „grünen Graben“, bezogen, die Fetzen der französischen Kompanien haben ihn besetzt und zu einer Festung ausgebaut.
2. Juli Angriff auf den „grünen Graben“!
Der 1. Juli ist kein Ruhetag, das darf man nicht glauben. Ohne eine Minute Pause wird gearbeitet. Die Leichen werden geborgen, schauerlichste Arbeit des Soldaten! Lebensmittel und Wasser herbeigeschafft, Munition, Handgranaten, Minenhunde. Die Minenwerfer schießen sich ein, die Artilleriebeobachter kriechen durch die Gräben und lassen ein paar Granaten zur Probe kommen. Fertig, alles bereit!
Am 2. Juli donnert der Wald und der Boden zittert. Bis fünf Uhr nachmittags hageln die Granaten auf den grünen Graben herab. Um fünf Uhr gehen die Grenadiere vor. Bis zur Dunkelheit wogt der Kampf hin und her. Er ist mörderisch. Hier wird nur mit Handgranaten und Kolben gekämpft. Wir gewinnen Boden, Schritt für Schritt. Der Feind schlägt sich bewundernswert, alle Grauen gestehen es ohne weiteres zu. Ein Bataillon bricht durch, in der Richtung auf das Dörfchen La Harazée. Es kommt dem grünen Graben in den Rücken. Von der Rheinbabenhöhe her, von St. Hubert stürmen unsre Truppen. Der grüne Graben ist nahezu umzingelt. Die Lage des Feindes ist hoffnungslos, aber er ergibt sich nicht. Da ist ein Major im grünen Graben, Major Remy, der wie ein Rasender ficht und seine Leute zum Äußersten anpeitscht. Er fällt. Der grüne Graben ist genommen!
Die Verwundeten werden fortgeschafft. Die Gefangenen abtransportiert. Die Toten liegen, wo sie liegen. Noch gibt es keine Pause. Denn der Graben muß sofort wieder zur Verteidigung eingerichtet werden. Er ist stellenweise bis zur Sohle eingetrommelt. Die Sandsäcke, die die Granaten durch den Wald schleuderten, werden zusammengeschleppt, aufgebaut. Die Stahlschilde eingerammt, die Maschinengewehre aufgestellt.
Kommt der Feind, so ist man bereit. Und er kam und man war bereit!
Es wird still. Es ist Nacht. Die erste Nacht seit Wochen, die ruhig ist, keine Granaten, keine Minen. Der Soldat schläft, tief und traumlos, wie die Kameraden, die da draußen liegen und alles vergessen haben.
Die Horchposten kauern im Gebüsch, die Wachen stehen im finstern Graben. Das Telephon ist schon wieder eingerichtet.