Höhe 285
Im Juli
Früher war sie grün. Das Unterholz war so dicht, daß man sich wie durch einen Urwald vorwärtsarbeiten mußte. Dazwischen standen mannsdicke Eichen und sonstige Bäume, vielleicht alle zehn Schritte ein hoher Baum. Wir lagen ihnen auf vierzig bis fünfzig Schritt gegenüber. Zu sehen war nichts. Sie hatten ein Labyrinth von Gräben angelegt, Blockhäuser und große Unterstände. Aber man sah nichts! Regte man sich, so pfiffen die Kugeln. Woher, das wußte man nicht, sie saßen irgendwo in den Bäumen. Sie waren oben, wir unten, also sehr im Nachteil.
Seit Ende September pfiffen hier die Kugeln. Die Bäume und die Stämme des Unterholzes wurden hundertfach durchlöchert, bis sie abstarben. Die Granaten knickten die Eichen, das Laub wirbelte. Es wurde allmählich, ganz langsam, lichter.
Man trieb Sappen vor und kam einander näher. Die Wurfminen flogen von Graben zu Graben. Man trieb Stollen vor, unter der Erde, wir und er. Die Sprengungen rissen die Bäume in die Luft. Es wurde immer lichter.
Als ich die Höhe 285 sah, war sie ganz kahl. Sie ist so groß, daß eine kleine Stadt darauf Platz hätte. Kein grüner Fleck. Zerschmetterte und zerfetzte Bäume, das ist alles, was geblieben ist. Ein Schutthaufe, auf den ein Wolkenbruch niederprasselte und Rinnen, Furchen, Gräben und krumme Schluchten wühlte. So sah sie aus.
Sie bot große Vorteile. Sie beherrschte einen Teil der Höhenzüge ringsum, das Tal gegen Boureuille; er konnte unsre Straßen einsehen, unsre Zufuhr unter Feuer nehmen. Das war keineswegs angenehm. Die Höhe 285 mit La Fille morte dahinter war, klar ausgedrückt, ein Dorn, der uns im Fleisch saß. Der Dorn mußte weg! Der Franzose mußte hinter die Höhe geworfen werden, weil er dann nichts mehr sehen konnte.
Es mußte sein und wurde vollbracht! Am 13. Juli.
Es war eine Höllenarbeit, denn er hatte sich eine vollkommene unterirdische Festung gebaut, in der er bombensicher eingedeckt lag. Nur bei gewissenhaftester Vorbereitung konnte der Sturm gelingen.
Tagelang vorher schleppten die Pioniere die zentnerschweren Wurfminen durch die engen Gräben in die Depots. Tausende von Handgranaten wurden herangeschafft, Munition aller Art. Die unterirdischen Gänge wurden ausgebaut, so daß man nur die Decke einzustoßen brauchte, und man war im Freien. Jeder Mann kannte seinen Platz und wußte, wohin er den Fuß zu setzen hatte, sobald er den Graben verließ. Im Kopfe hatte jeder Mann den Sturm schon vollendet, bevor die erste Granate krepierte. Er wußte, in welchen Graben er zu gehen hatte, wenn er verwundet wurde. Er wußte, durch welchen Graben die Gefangenen geführt werden sollten. Alles war vorher festgesetzt und besprochen. Die Reserven genau instruiert. Die Gräben sind ein Labyrinth, und nichts ist leichter, als sich darin zu verlaufen.
Noch eines: die vorderste Sturmkolonne muß formiert werden. Freiwillige vor! Da melden sich alle. Man verstehe recht: nach einem Jahr Krieg, nach Monaten von Argonnenkrieg, Monaten von Mühen, Entbehrungen und Gefahren! Woher schöpfen sie, die Grauen, diese Kraft? frage ich. Es mußte gelost werden.
Nun also gut, so war es, als der 13. tagte.
Die erste Granate kommt über den morgengrauen Wald und schlägt krachend auf der Höhe ein. Das ist das Signal. Die Geschütze, da hinten, stehen schon bereit, ausgerichtet, fertig zum Schuß. Hauptleute und Kanoniere sind auf dem Posten. Los! Der Wald ist ein einziges Donnern. Die Kanonen geben Schnellfeuer, ein Maschinengewehrfeuer von Granaten wirbelt auf die Stellungen des Feindes nieder. Die schweren Minenhunde rauschen durch den Morgen. Die Höhe ist eine einzige Staub- und Rauchwolke. Die Grauen stecken die Köpfe aus den Gräben, um die rauchende Hölle drüben zu sehen. Die Geschütze rasen.
Der Feind bleibt nicht müßig und antwortet mit wütendem Feuer.
Kaltblütig stehen unsre Artilleriebeobachter in den vordersten Gräben und dirigieren das Feuer, unbekümmert um Granaten und Minen, die ringsum krachen. Die Sturmkolonnen kauern dicht gedrängt in den Unterständen und warten auf ihr Kommando. Sie liegen in den Sappen bereit, mit Handgranaten am Gürtel und im Arm, soviel sie schleppen können. Sie kauern in den unterirdischen Stollen, die unter unsren Drahtverhauen hindurchführen.
Plötzlich schweigt das Feuer.
In der nächsten Minute stürzen die schlesischen Jäger vor. Aus Sappen, Stollen, Gräben. Der Feind legt einen Feuerriegel vor unsre Gräben. Hindurch! Ein Leutnant setzt mit einem Sprung über einen vier Meter breiten feindlichen Drahtverhau. In sieben Minuten sind die vordersten Gräben überrannt.
Ungeheuer sind die französischen Verluste! Seine Gräben wimmelten von Truppen, denn er hatte selbst einen Angriff geplant, und wir waren ihm um einen Tag zuvorgekommen. Eine Mine war in ein Lager von Handgranaten eingeschlagen und hatte furchtbare Verwüstungen angerichtet. In einem einzigen Unterstand fand man einhundertundfünf Tote. Seine Verbände waren zersprengt, aber noch keineswegs geschlagen.
Sie kämpfen wie Rasende.
Gräben, Sappen, Verbindungsgänge, Sprengtrichter und Granatlöcher, überall sitzen sie wie festgeschraubt und zerren so viel Feinde mit in den Tod, wie sie können. In einem Verbindungsgraben hat sich, mit zwei Gewehren, ein französischer Offizier eingenistet, der unaufhörlich feuert. Ein Soldat hockt neben ihm und ladet ihm die Gewehre. Es ist ein Einzelgefecht im großen Kampfe, bis es gelingt, den kühnen Gegner zu vernichten. Ein Hauptmann bedient einen verborgenen Minenwerfer, obschon seine Leute ringsum gefallen sind. Er kämpft mit äußerster Todesverachtung, bis ihn ein Schlesier niederschlägt.
Schon beginnt wieder das Dickicht. Tausendfach schwirrt der Tod durch den Wald. Ein Fort, ein eingegrabenes Blockhaus. Ein paar Pioniere heran, Sprengladung angebracht, fort! Das Blockhaus fliegt in die Luft. Der Feind läßt eine Mine hochgehen, Steine und Erde hagelt es aus der Luft. Im nächsten Augenblick sitzen unsre Grauen im Sprengtrichter und verteidigen ihn nach allen Seiten. Es sind rasche Teufel, man muß es zugeben!
Der Feind ist zersprengt, gefangen, geschlagen.
Die Argonnenleute sind nicht zum Stehen zu bringen. Sie jagen weiter, die Höhe hinunter. Sie stürmen ein französisches Lager, vernichten, was sie vernichten können. Für all diese Fälle sind sie schon vorbereitet. Sie haben Beile bei sich! Sie stürmen bis zu den feindlichen Geschützen vor und ringen mit den grauen Untieren, um sie wegzuschleppen, um sie auf die Höhe zu schaffen. Mit, alles mit, was mitgehen kann! Aber die Geschütze sind zu schwer, zu fest eingebaut – es ist menschenunmöglich, sie gefangenzunehmen und schon nahen französische Reserven. Kurzer Prozeß! Sie schlagen kaputt, was sich kaputt schlagen läßt, die Richtvorrichtungen, die Verschlüsse. Sie schieben den grauen Untieren noch rasch ein paar Handgranaten ins Maul, um sie zu zerstören.
Es ist höchste Zeit! Einer wirft noch rasch eine Handgranate in das Munitionslager und es fliegt in die Luft.
Zurück! In stehender Schützenlinie feuern sie auf die anrückenden Reserven ...
Der einzelne zählt hier, der einzelne Mann, er muß rasch, kühn, verwegen handeln.