Ein tapferes Regiment
Im Juni
Was ist das Regiment? Das Regiment ist alles. Es ist Anfang und Ende, Offizier und Mann sterben dafür. Offizier und Mann gehören sich nicht mehr selbst, sie gehören dem Regiment. Ihre Ehre ist die Ehre des Regiments. Sie haben zu seiner Fahne geschworen, seine Fahne ist heilig, und die Eide werden besiegelt mit heißem Blut. Das Regiment will! Es geschieht. Das Regiment befiehlt! Es ist getan. Offizier und Soldat, sie können sterben bis zum letzten Mann, das Regiment stirbt nicht. Das Regiment ist ein Glaube, eine Religion, es ist alles. So war es, seit es Regimenter gab, und so muß es sein, solange es Regimenter gibt.
Hunderte stehen heute am Feind, Hunderte von Regimentern. Alle, Offizier und Mann, von all den Hunderten von Regimentern wissen wohl, was es bedeutet: das Regiment! Und die Kommandeure all der Regimenter, sie wissen es wohl. Sie sterben für die kleinste Faser der heiligen Standarte. So muß es sein.
Hier soll berichtet werden von einem tapferen badischen Regiment. Es ist nicht tapferer als andere, es ist ebenso tapfer wie sie, aber es hatte schwere Arbeit zu leisten in den ersten Maitagen, droben auf der Lorettohöhe, und deshalb will ich von ihm berichten.
Am 20. November bezog das Regiment die Stellungen auf der Höhe. Diese Stellungen! Mit ihren Gräben, Sappen, Verbindungsgängen und Horchstollen sehen sie auf der Karte aus wie das feine Geäder des Auges. Bei Ablain begannen sie, stiegen hinauf zur „Kanzel“, einer Kuppe, und zogen quer über den Ostabhang der Lorettohöhe, an der Kapelle Notre Dame de Lorette vorüber, hinab zur Schlammulde.
Im November lag etwas Schnee auf der kahlen Höhe, aber das Vergnügen dauerte nicht lange. Regen setzte ein, ein ganz verfluchter dünner grauer Regen, wie die Soldaten ihn nie erlebt hatten. Es regnete wochenlang. Der feine Nebelregen durchdrang alles, Haut und Haare, Kleider, Riemenzeug und Schuhe, es gab keine Rettung vor ihm. Wenn sie aus den Gräben kamen, so sahen sie nicht mehr menschlich aus. In der Schlammulde versank man im Morast. He, Kamerad! Zu Hilfe! Und man mußte ziehen, mit vereinten Kräften, um den Pechvogel zu befreien. Mancher Stiefel blieb im Dreck stecken. Na, das war natürlich nicht sehr schlimm, dieser Regen und Schmutz, davon nur nebenbei, es war das Allerleichteste. Nebenher wurde auch noch gekämpft! Es ging scharf zu, da oben, Tag und Nacht. Man brauchte sich nur zu rühren, schon knallte es. Alles buddelte, die Gräben rückten auf zwanzig, auf fünfzehn Meter heran. Es regnete Handgranaten und Minen. Du hockst im Graben, den Blick nach oben gerichtet, und lauerst. Nun kommt sie heran. Wohin wird sie fliegen? Fällt sie in den Graben, so heißt es verschwinden. Nägel und Schrauben und Fetzen von Eisen speit sie nach dir und spickt dich damit. Fällt sie in deine nächste Nähe, dann bleibt dir keine Wahl mehr. Du mußt ihr entgegengehen! Immer rasch, angefaßt und zurückgeschleudert, bevor sie explodiert. So ging es da oben zu, es war so, daß man sich in jeder Sekunde sagen mußte: diesmal –
Noch schlimmer war es oben auf der Kanzel. Von dieser Kuppe aus konnte man die Straße Souchez-Ablain einsehen. Fiel die Kanzel in die Hände des Feindes, so sah die Sache bös aus. Keine Katze konnte sich mehr auf der Straße zeigen, Zufuhr, Ablösung, alles in Frage gestellt. Nein, die Kanzel durfte er nicht haben! Das Regiment sagte es und das Regiment hielt die Kanzel! Die französischen Batterien standen bei der Topartmühle, im Bois de Bovigny, im Bois de la Haie. Sie beschossen die Gräben von vorn, von der Flanke und im Rücken. Täglich trommelten sie die Gräben auf der Kanzel ein. Nachts wurde fieberhaft gebaut, Sandsäcke, Brustwehren, Drahtverhaue, am nächsten Tag war alles wieder zum Teufel. Oft waren die Gräben verschüttet, sie hockten in Löchern, sie hockten in Granattrichtern, Angriff auf Angriff, aber das Regiment hielt die Kanzel.
So ging es also da oben zu. Wohlgemerkt und wohlverstanden: sechs Monate lang! Fast ohne jede Unterbrechung und Ruhe.
Anders ist die bewegliche, die fließende und flutende Schlacht. Sie rauscht dahin über die Felder. Gefahr und Tod, Rausch, Wut, Entsetzen, Schrecken und Triumph in ein paar Stunden gepreßt. Sie kann zwei, drei Tage, eine Woche dauern, einmal ist sie doch zu Ende. Atemholen, neue Quartiere, neue Abenteuer. Der Stellungskrieg zehrt am Mann. Immer das gleiche, aber immer die gleiche Gefahr, tagaus, tagein. Kein sichtbarer Erfolg, kein Abenteuer im großen Stil, keine neuen Quartiere, Gegenden und Menschen. Hier ist der Graben, und davor liegen die Toten. Übermenschlich muß die Energie des Mannes im Graben sein, übermenschlich seine moralische Kraft. So gewiß es ist, daß Offizier und Mann im Westen genau das gleiche leisten wie Offizier und Mann im Osten, so gewiß ist es, daß sie, du brauchst sie nur zu fragen, ohne zu zögern ihren Graben mit Polen, Karpathen und Rußland vertauschen würden. Augenblicklich, lieber heute als morgen. Trotz den Läusen und schlechten Quartieren. Denn Läuse gibt es auch hier und die Quartiere sind nicht viel besser, wenigstens in der Feuerzone.
Aber, es muß gesagt werden, unser Regiment hatte auch seine Abwechslung. Am 17. Dezember wies es Joffres Angriffe ab. Es ging blutig zu. Mitte Januar nahmen ihm die Franzosen ein paar Grabenstücke weg, aber das Regiment revanchierte sich und nahm seinerseits den Franzosen zwei ausgedehnte Gräben. Am 3. März ging es wieder vor. Das Regiment nahm die Gräben bei Notre Dame de Lorette. Die schlichte Kapelle auf der Höhe ging dabei in Trümmer, die Glocke, die frei in dem durchbrochenen Türmchen hing, stürzte in den Schutt. Die Arbeit am 3. war schwer, und schwerer noch war sie am 22. Die französischen Gräben waren angehäuft mit Leichen, und man begrub und begrub, es wollte kein Ende nehmen. Mit Schaudern sprechen sie davon.
Aber all das war nur Vorbereitung, eine Art Training!
Der 9. Mai kam heran! Offizier und Mann werden ihn nie mehr vergessen. Er kam heran, und nun mußte es sich zeigen, was eigentlich in ihm steckte, in dem badischen Regiment Nummer X! Nun mußte es sich zeigen, ob die Höhe, die blutgierige und verfluchte Höhe, das Regiment gestählt hatte in der halbjährigen harten Schulung oder nicht. Es mußte sich zeigen, ob das Regiment imstande wäre, sich selbst um das Doppelte und Dreifache, das Zehnfache zu überbieten! Darum handelte es sich, um nichts Geringeres. Joffre wollte die Höhe! Er wollte sie um jeden Preis! Über Souchez von unten, die Schlammulde von oben, über Ablain und die Kanzel von hinten wollte er vor. Zwischen Souchez und Schlammulde wollte er abdrosseln. Das war die Lage. Es ging ums Ganze, das Regiment mußte zeigen, was in ihm steckte.
Und das Regiment zeigte es!
Um sieben Uhr morgens fing es an. Die französische schwere Artillerie begann die vordersten Grabenlinien einzutrommeln. Wirbelfeuer, schwerstes Kaliber. Dieses Höllenfeuer dauerte bis elf Uhr dreißig Minuten.
Der Kommandeur des Regiments: „Als ich von unserem Beobachtungsstand aus das Feuer beobachtete, da dachte ich mir, es kann kein Mann mehr in den Gräben am Leben sein!“
Der Reservist aus Bretten: „Die habe uns die Gräbe hübsch zusammengewichst. So was war noch gar nicht da. Alles war schwarz!“
Die Drahtverhaue und Barrikaden waren niedergetrommelt, die vorderen Gräben existierten nicht mehr. Sie waren Granatlöcher. Die Kompanien lagen in den zweiten Gräben. Alles war schwarzer und gelber Qualm, glühende Rasiermesser zischten über die Gräben hin.
Halb elf wurde das Feuer weiter zurück, auf die zweiten Gräben gelegt. Was ist zu tun? Frage die Soldaten, die in diesen Gräben waren. Nichts kann man tun. Man liegt der Länge nach im Graben, den Kopf in die Erde gedrückt. Einer schreit auf, einer stöhnt. Was man denkt? Man denkt nichts, nichts, gar nichts! So ist es also, ohne jede Phrase. Es ist die Agonie. Punkt elf Uhr dreißig schweigt plötzlich das Feuer. Was noch kann, erhebt sich. Gewehre fertig. Ein Maschinengewehr ist noch intakt, ein einziges. Los! Schon kommen sie!
Sie kommen heran in dichten Kolonnen, mit unerhörter Bravur, bewundernswürdig. Nie vorher sah man Franzosen so stürmen. Das Maschinengewehr hämmert. Sie fallen, in Reihen. Schnellfeuer. Sie brausen näher. Ein Offizier an der Spitze, mit gezücktem Degen! Er überspringt den ersten Graben, will seine Leute mitreißen, allein, ganz allein stürmt er weiter. Er fällt. Nahkampf. Angriff erledigt! Aber was ist das? Sie sind im Rücken! Eine halbe feindliche Kompanie ist in die Verbindungsgräben eingedrungen und kommt in den Graben. Sandsäcke!! Nun gilt es. Der Offizier schreit, der Mann. Jeder einzelne Mann ist jetzt Offizier, Kommandeur, er muß handeln, rasch und klar. Sandsäcke! Handgranaten! Die Barrikade ist fertig, die Handgranaten fliegen in Schwärmen zum Feind über die Sandsäcke hinüber. Der Feind ist abgeschlossen. Aber neue Sturmkolonnen kommen heran, sie fliegen die Höhe herunter. Salvenfeuer, das Maschinengewehr schnarrt. Es sind ihrer zu viele, immer neue Kolonnen. Aber der Kommandeur hat seine Leute nicht vergessen und den kühlen Kopf bewahrt. Artillerie! Plötzlich schlagen Granaten in die feindlichen Sturmkolonnen. Fontänen von Leibern, Kleidungsstücken, Köpfen und Gliedmaßen fliegen hoch. Es ist zwei Uhr, schon nahen die Bataillone, die in Ruhestellung waren.
Nein, allein hätten sie es nicht schaffen können, gewiß nicht. Alle Regimenter, von Neuville bis hinauf nach Aix-Noulette, mußten mithelfen, mit gleicher Tapferkeit, alle Batterien, Munitionskolonnen, Telephonisten, Beobachter, Flieger, jeder einzelne Mann. Frage die Soldaten des tapferen badischen Regiments. Sie sprechen nicht von sich allein. Sie sagen: Souchez war unter Feuer, daß die Häuser auf die Straße flogen. Es waren Torpedogranaten, schwere Dinger, die sich tief einbohren und dann alles in die Luft schmeißen. Die Munitionskolonnen fuhren mitten durch Souchez! Eine Kolonne raste auf offener Landstraße dahin. Granaten rechts und links. Zur Batterie, abgeladen, weiter. Zurück denselben Weg. Ohne einen Mann, ein Pferd zu verlieren. Eine Batterie ist zusammengeschossen. Noch zwei Geschütze. Sie verfeuert noch rasch 1300 Granaten, immer hinein in die Sturmkolonnen, Verschlußstücke abgeschraubt und aus dem Staube gemacht ...
Nein, allein hätten sie es nicht geschafft, aber ihre Arbeit war mörderisch hart und schwer. Und sie hielten die Gräben, die Granatlöcher besser gesagt. In Abständen von fünf Metern lag der Feind eingegraben, fünf Metern! Fünfzehn und zwanzig Meter Abstände wurden gar nicht mehr für schwierig empfunden. Einen Tag und eine Nacht, und noch einen Tag und noch eine Nacht. Was sie mühsam zusammenbauten in den Sekunden, in denen die Leuchtkugeln sie nicht abblendeten, war in einer Stunde wieder zusammengeschossen. Angriff auf Angriff. Heroisch kämpfte der Franzose, wie nie zuvor.
Die Soldaten, die da oben kämpften, sprechen mit Ehrerbietung vom Feind.
„Und der Kommandeur?“
„Der Kommandeur kam jeden Tag zu uns herauf in die Gräben. Es war ein Wunder, daß es ihn nicht erwischte. Wir waren jedesmal erstaunt, wenn wir ihn heil wiedersahen.“
Dann kamen Reserven, Verstärkungen. Die Krisis war überstanden. Das Regiment war zurückgegangen auf seine zweiten und dritten Gräben, aber es hatte die Stellung gehalten. Joffre kam nicht durch, das war es! Frage nicht, wieviele des tapferen Regiments da oben fielen, es sind ihrer nicht wenige, aber das Regiment stand wie eine Mauer.
Der Kommandeur des Regiments, Major G., hat mich empfangen. Ein schlichter, gerader und einfacher Mann. Ein Soldat der Front! Ich kam zwei Stunden zu spät, aber das war ihm einerlei, er kümmert sich nicht um lumpige Formalitäten.
Major G. sagte: „Ich glaube wohl behaupten zu können, daß das Regiment seine Pflicht getan hat.“
Das glaube ich auch!
Hoch das Regiment!
Gefangene aus der Arrasschlacht
Im Juni
Sie stehen in einer Reihe, wie die Orgelpfeifen, dicht neben dem Misthaufen des Bauernhofes. Der größte rechts, seine zwei Meter hoch, der kleinste am linken Flügel, immer noch gut einen Meter fünfundsiebzig. Es sind prächtige Burschen, wie man sie sonst nur bei Hagenbeck sieht. Sie stecken in graugelben Khakiuniformen, graue Wickelgamaschen, derbe Rohlederstiefel, alles ohne Tadel. Auf den schmalen Schädeln tragen sie Turbane, ein verblaßtes Zitronengelb, einzelne ein verstaubtes Blaugrau. Übrigens sind es keine faltenreichen, schwellenden Turbane, sondern Tuchstreifen, die eng um den Kopf geschlungen sind und den Turban nur noch andeuten. Ihre Gesichter sind scharf und fein geschnitten, von der edlen Färbung gedunkelten Elfenbeins. Die Sonne glänzt auf ihren Stirnknochen. Ihre Augen sind tiefbraun, glänzend und unergründlich wie Tieraugen. Die vollen Lippen sind bläulich und grau. Ihre langen, sehnigen, braungelben Hände liegen an den Hosennähten, Nase geradeaus.
„Was für Leute seid ihr? Regiment?“ – „Kiff, Kiff!“
„Französisch, spanisch, englisch? Was versteht ihr?“
„Kiff, Kiff!“
Kiff bedeutet eins – erstes Regiment.
„Français?“
Der blaßgelbe Turban schüttelt sich. Der Adamsapfel zuckt, ein Maul voller Zähne, eine rollende Zunge, die Kehle kracht und schnarrt: marrrroc – maroc. Eh bien, es sind Marokkaner. Sie verstehen keine Silbe Französisch, und es ist nichts aus ihnen herauszubringen. Wie Statuen stehen sie, Hände an der Hosennaht, Nase geradeaus, und es ist unmöglich, ihre Erstarrung zu lösen.
Sie sind Automaten. Die Zivilisation hat sie an ihre Brust genommen und ihnen beigebracht, wie man vor dem weißen Mann stramm zu stehen habe. Die Dressur erstreckte sich auf die Künste der Zivilisation, auf rechtsum und linksum, das Abfeuern des Gewehrs, und damit hatte die Zivilisation ihre Aufgabe erfüllt. Sie waren mechanische Puppen geworden, und nichts in der Welt konnte sie wieder in Menschen zurückverwandeln. Sie standen wie Säulen und wagten keinen Finger zu rühren, denn bei Gott, was konnte der weiße Mann tun, wenn sie es wagten? Er konnte sie mit einem Fußtritt auf den Misthaufen befördern, er konnte – ja, was konnte er nicht? Man sah es ihnen an, daß sie die Zivilisation des weißen Mannes begriffen hatten! Ihr Gott war der Korporal.
Dabei hatten sie Namen wie in den Märchen. Mohammed ben Abdel Kader! Jeder Name ein Fürst! Sie stammten aus Casablanca, Sous-Maroc, Mogador. Sie hatten keine Vorstellung, wo sie sich befanden, ihre Gehirne träumten, aber sie wußten, daß der weiße Mann sie hinschicken konnte, wohin er wollte, denn sie waren wilde Völker, Kiff, Kiff.
Um die Handgelenke, sehnig und edel wie die Fesseln von Tigern, trugen sie dünne Kettchen und daran hingen die Erkennungsmarken, Name, Regiment, Heimat, Nummer. Es waren kokette Armreife, anmutige Geschenke der Zivilisation, die sie, die Zivilisation, für ihre Register und Bücher nötig hatte, wenn man die gelben Kadaver in die Massengräber fegte.
Mitten in der Reihe der gelben Automaten stand ein Franzose. Auch er stand in militärischer Haltung, aber man sah auf den ersten Blick, daß er keine Maschine, sondern ein Mensch war. Seine Haltung war locker, frei und würdig. Sie waren Statisten auf dem Kriegsschauplatz, er war Soldat. Sein Kopf war rund wie eine Kugel, gespickt mit blonden Haarstoppeln, oben und unten, sein Blick blau und seine Backen rot. Er war ein guter Bursche, der typische bon garçon, Spaßvogel und pfiffiger Junge in einer Person. Noch war er ein wenig eingeschüchtert durch das Unglück, das ihn betroffen hatte, aber das würde sich bald wieder geben, keine Sorge.
Wieso er hierher käme? – Oh, ja, pardon – seine Hände lösen sich, denn er brauchte sie zum Sprechen – er hatte eben Pech! Nichts andres. „Que voulez-vous, monsieur?“ Er war Koch und arbeitete in der berühmten Zuckerfabrik zwischen Souchez und Ablain. Er steigt also vom Garten aus in seine Küche hinunter, um anzufangen. Zwei deutsche Gefangene sitzen da unten im Keller, sonst aber ist niemand zu sehen. Das ist ein bißchen merkwürdig, nicht wahr? Also steigt er die Treppe hinauf, und die zwei deutschen Gefangenen begleiten ihn, da sie ja nichts zu tun haben. Kaum aber stecken sie die Köpfe in den Korridor – na, was sagst du dazu: die Deutschen sind da! – Man kann es nicht leugnen, das ist solides Pech!
Der Koch zieht den Kopf zwischen die Schultern und breitet die Arme aus. „Eh, bien! Que voulez-vous ...“
„Können Sie sich denn mit diesen Gelben hier verständigen?“ Ein Blick, ein Ruck, ein verächtliches Achselzucken: „Mit diesen Gelben? Kein Wort, mein Herr!“ –
Man weiß, daß wir in diesen Kämpfen bei Arras fünfzehnhundert Gefangene gemacht haben. Heute sind es schon mehr. Das ist eine hübsche Anzahl, wenn man sich daran erinnert, daß wir uns rein defensiv verhielten, und für den Westen ist es ein großer Erfolg. Denn hier regnen die Regimenter nicht von den Bäumen wie in Rußland, sie hocken zäh in ihren Dachsbauten und jeder Mann muß sozusagen einzeln geholt werden. Die Fünfzehnhundert sind längst abtransportiert, aber heute nacht sind neue eingebracht worden, und ich besuchte sie in einem Nebenhofe der Kaserne. Im eigentlichen Kasernenhof exerzieren ein paar Kompanien unsrer Feldgrauen, und hier, drei Schritte davon entfernt, kauern sie, die gestern noch kämpften, und denen man die Waffe aus der Hand nahm.
Es sind ungefähr fünfzig. Sie sitzen und liegen in der Sonne, mit Schmutz und Blut bespritzt, so wie die Schlacht sie auslieferte. Einzelne starren bis hinauf zur Brust von trockenem Lehm. Der eine und der andre hat einen Verband, eine leichte Verletzung an der Hand, am Kopf. Einer sitzt mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt, starrt zum Himmel und friert trotz der höllischen Hitze. Die meisten aber haben sich schon wieder zurechtgefunden, ihr Blick ist klar und ruhig. Nur zwei, drei rote Hosen sind darunter. Alle andern stecken in taubengrauen oder, wenn man will, taubenblauen, langen Röcken aus solidem filzartigen Tuch, die taubengraue Mütze auf dem Kopf. Es sind Elitetruppen.
„Die Leute über vierzig sollen vortreten!“ Sie kommen heran, sechs, acht, zehn. Aus fünfzig! Gott weiß, ob sie alle über vierzig sind, vielleicht denken sie, hier werden an ältere Semester Zigaretten oder Vergünstigungen, man kann es nie wissen, verteilt. Jedenfalls aber sind sie alle keine jungen Leute mehr, manche sind schon grau. Ich bin so überrascht, so erschüttert, daß ich keine Worte finde. Wie fürchterlich muß der Krieg unter Frankreichs Männern gewütet haben, daß sie hier stehen, zehn aus fünfzig, Familienväter, Ergraute und Gealterte. Sie sind alle gefaßt und wissen sich zu benehmen. Die meisten von ihnen sind Bauern und Handwerker. Ja es war furchtbar! Es war das furchtbarste Feuer, das man sich vorstellen kann. Sie wurden abgeschnitten von einem Riegel trommelnder Granaten. Sie haben genug! „Ja, mein Herr, man schlägt sich, man ist nicht gerade feige, man kämpft für sein Vaterland, das man liebt, wie Sie das Ihrige lieben, man schlägt sich bis zum letzten Atemzug – aber was zuviel ist, ist zuviel. Die menschlichen Nerven sind nicht berechnet für Explosionen dieser Gewalt. Nein, es war genug, genug, zuviel, zuviel. Ich war in der Champagne, im Frühjahr, bah, nichts gegen diese Kämpfe! Nichts! Ich kann Ihnen sagen – nein, es gibt keine Worte, um das zu schildern ...“
„Sie haben schwere Verluste gehabt?“
„Ho, ho, ho!! Schwere Verluste! Hatten wir nicht schwere Verluste? Ja, mein Herr, wir hatten fürchterliche – aber auch Sie, auch Sie hatten schwere Verluste, Sie können es nicht leugnen. Was für ein Krieg!“
Einer, ein Hagerer, Langer, mit krankem gelben Gesicht und entzündetem rechten Auge, schüttelt unausgesetzt verstört den Kopf. Furchtbares Feuer – er schüttelt den Kopf, schwere Verluste – er schüttelt den Kopf, genug, genug, er schüttelt den Kopf und hustet dabei. Ja, gewiß, genug, genug. Er ist noch ganz vernichtet. Er spricht nichts, aber er bestätigt, er unterstreicht. Er ist ein trauriges, melancholisches Echo.
Ein Granatsplitter fegte an seinem Gesicht vorbei, nahm ein Stückchen der Braue mit, ein kleines Eckchen des Lides und eine Spur des Nasenrückens. Ich beglückwünsche ihn, ein wenig tiefer und was wäre aus Ihnen geworden?
Aber er schüttelt den gelben Kopf und blickt mich mit seinen kranken Augen an. Ah, wozu? Für ihn gibt es keinen Trost.
Es ist nicht leicht, mit Gefangenen zu plaudern. Ein Wort, ein Blick, eine Änderung der Haltung und ihr Vertrauen ist wie weggeblasen. Sie stoßen einander an, sie starren auf den Sprecher, daß er verstummt, sie schweigen. Dann ist es vorbei, nichts kann mehr ihre Zunge lösen. Man muß es fühlen, wenn dieser Augenblick droht, und dem Gespräch eine neue, harmlose Wendung geben.
Die Geschichte mit den „schweren Verlusten“ war der kritische Moment. Der Sprecher hatte zuviel gesagt, obwohl er ja nichts verriet, sie fühlten es, und weil sie es fühlten, fühlte er es auch. Sie erkalteten.
„Ihr habt euch bewunderungswürdig geschlagen!“ sage ich. Sie rekeln sich, bescheiden, verlegen, sie schweigen.
Ich greife mir einen Mann heraus, der einen dünnen, schäbigen Leinwandkittel anstatt des Blaugrauen trägt.
„Et toi, mon ami, wie siehst du aus?“
Die Kameraden, die Blaugrauen und Eleganten lachen. Wie er sich schämt, es ist rührend. Er blickt auf sie, auf mich, er windet sich vor Feinfühligkeit. Er stellt mit der ausgebreiteten Hand eine Grenze her zwischen den Kameraden und mir: „Mein Herr!“
Ja, eine Granate hat ihn ausgezogen. Er flog in einen Granattrichter, sein Rock verbrannte und die Lumpen fielen ihm von den Schultern. Ebenso erging es seinen Pantalons. Es ist nur gut, daß es warm ist! Er deklamiert und seine Kameraden lachen.
„Sie sind ein tapfrer Soldat wie die andern. Es ist ja ganz egal, wie Sie aussehen.“
„Ja, aber es ist nicht schick!“
Das Mißtrauen ist verschwunden. Sie fragen, wohin man sie wohl bringen wird? Ob sie ihren Angehörigen Nachricht geben können? „Ich bin von Roubaix, kann ich nicht an meine Frau schreiben? Ich konnte ihr seit dem Herbst keine Nachricht geben.“ – Ich will mit dem Offizier sprechen.
Einen Trost, einen gewichtigen und wunderbaren Trost kann man Gefangenen immer geben: „Der Krieg ist für euch zu Ende!“
Ihre Blicke ruhen stumm und klar auf mir. Diese Blicke sollen sagen: Nennen Sie es einen Trost, gefangen zu sein? Wir sind Soldaten, viel lieber möchten wir für unser Land weiter kämpfen! Sie sind stolz, und sie möchten nicht, daß ein Fremder ihre Freude sähe, daß die Sache ein Ende habe für sie und daß sie – lebten. Aber sie nicken und ihre Mienen erheitern sich. Der Verstörte schwingt den gelben Kopf und stößt einen tiefen Seufzer aus, während er die Finger krampfhaft ineinander flicht. Ja, ja, ja ...
Aber der im Leinenkittel lacht über das ganze Gesicht und strahlt vor Entzücken: „Ja, Gott sei Dank, mein Herr, der Krieg ist für uns zu Ende!“