Nachtkämpfe bei Arras

Im Juni

Erstickend heiß, staubig und lärmend waren die Straßen am Tage, und nun genieße ich es, in die sinkende Nacht hinauszufahren. Schon stehen die Sterne blaß am Himmel. Die Bäume rauschen, und die Luft ist lau und erfrischend. Die Dunkelheit erquickt die Augen, die entzündet sind von Staub und Schweiß. Es ist die Zeit, da die Kröten aus den Löchern kommen.

Auf all den dunkeln Straßen der flachen Landschaft wandert und knirscht und knarrt es. Aber es ist ein Lärm ohne Hast und Geschrei, ein Lärm wie im Frieden, wenn die Bauern auf den Markt fahren. Die Kolonnen sind unterwegs. An endlosen Wagenzügen fahren wir entlang, und die schweren Pferde strecken die Schenkel, sobald sie die Hupe hören. Große, vom Lichtschein erschreckte Pferdeaugen glotzen uns argwöhnisch von der Seite an. Es ist das Futter für die unersättlichen Schlünde der Kanonen. Langsam knarren die Wagen dahin. Sie haben keine Eile. Sie haben das Futter zur bestimmten Zeit gefaßt, sie sind zur bestimmten Zeit aufgebrochen, und sie werden auf den Punkt dort eintreffen, wo sie hin sollen. Keine Erregung, kein lautes Wort. Die Fahrer rauchen die Pfeife, sie haben sich behaglich und faul zurechtgesetzt, aber sobald der Wagen vorbeikommt, werfen sie mit einem kurzen Ruck die Nase in die Luft. Die Pfeife behalten sie dabei zwischen den Zähnen, aber niemand verlangt, daß sie hier außen die Pfeife aus dem Mund nehmen. Hier draußen ist vieles anders. Es geht auch so.

Zwischen den dunkeln stummen Pappeln marschiert ohne Tritt eine Kompanie. Auch sie traben gemächlich dahin, sie haben keine Eile. Auf den Punkt werden sie dort sein, und auf den Punkt werden sie im Graben stehen. Ihre grauen Helme wackeln hin und her, und die schweren Stiefel schlagen Staub aus der Straße. Junge Gesichter fliegen vorüber, bärtige, rasche, neugierige Blicke, ein Scherzwort. Sie sind gut ausgeruht, frisch gewaschen und gehen gleichmütig ins Gefecht, als gingen sie zur Arbeit. „Rechts getreten!“ Der Zug an der Spitze tritt zur Seite.

Wieder eine Munitionskolonne. Ein Zug Lazarettwagen kommt ihr entgegen. Wir müssen halten und uns an den muskulösen Schenkeln der Lastpferde vorbeidrücken. In den Lazarettwagen haben sie die Leinwand zurückgeschlagen, um frische Luft zu bekommen. Still und ergeben liegen sie in den Wagen. Einzelne, mit Binden um den Kopf oder mit Armschlingen, sitzen auf dem Bock. Auf der einen Seite ziehen sie hinaus, auf der andern zurück. So ist der Krieg. Neuville, die Zuckerfabrik, Souchez und die Lorettohöhe kosten viel Opfer. Tag und Nacht.

Überall wandert und trappelt es in der Nacht. Am Tag ist hier nicht viel zu sehen, ein paar Autos, ein paar Karren, fast keine Soldaten. Denn am Tage wimmelt es hier von Fliegern wie an keiner Stelle der Front. Am Tage ist hier Ebbe, aber in der Nacht kehrt die Flut zurück, um Gräben und Batterien da draußen zu speisen, und sie verschlingen viel. Nacht um Nacht ist es das gleiche, bei uns wie bei ihnen da drüben.

Achtung! Wir müssen zur Seite. Ein paar Autos kommen wie die Hölle angeritten. Es sind Befehlsempfänger, die von den Stäben zum Oberkommando jagen, und sie kennen keine Gnade. Die Mützen über den Schädel gestülpt, die Köpfe eingezogen im Luftzug, fliegen sie vorüber.

Ein schweres Geschütz, von sechs Pferden gezogen, kraucht durch die Nacht. Zur Front, wie alles. Es läßt den Kopf hängen und scheint auf der Lafette zu schlafen wie ein müdes ergrautes Walroß. Aber die Kanoniere da draußen werden es wachrütteln, und es wird seine Arbeit wieder aufnehmen wie in der letzten Nacht. Wird seinen grauen Kopf heben und zum Himmel emporbellen.

Ein matterleuchtetes Fenster. Ein Dorf. Der Posten tritt vor und mustert rasch Wagen und Insassen. Das Dorf ist stockfinster. Keine Lampe, nichts, keine Bewohner. Ein paar Soldaten sitzen in Hemdärmeln in den finsteren Haustüren. Wieder Chaussee. Wieder Kolonnen. Stille finstere Dörfer. Der Wagen biegt ab, passiert eine schnurgerade Straße schwarzer Arbeiterhäuser. Er hält bei einer Zeche.

In wenigen Minuten sind wir oben auf dem dunkeln, öden Schlackenhaufen. Ich hole Atem. Was ich sehe, ist ein nächtlicher Spuk.

Ich will versuchen, es zu beschreiben, obschon es unmöglich ist. Niemals aber werde ich imstande sein, mein Erstaunen auszudrücken, als ich es zum erstenmal sah: nicht mehr ist es und nicht weniger als ein Feuerwerk des Teufels.

Zuerst sehe ich nichts. Die dunkle Halde, der Zechenhof. Ein paar Fabrikschlöte, der Förderturm, dunkle Wände mit schwarzen hohen Kirchenfenstern. Schuppen, Bahngeleise. Die Dächer einer Arbeiteransiedlung, alle gleich hoch, gleich groß, wie Treibhäuser.

„Dort unten liegen zwei französische Spione begraben,“ sagt die Stimme des Offiziers an meiner Seite. „Dort bei den Schuppen. Vor dem kleinen Schuppen, ein paar Schritte nach rechts.“

Nun entdeckte ich den Grabhügel. „Waren es wirkliche Spione?“

„Ja. Zwei Offiziere. Sie hielten sich lange Monate in Douai verborgen. Dann verkleideten sie sich als Frauen, ein schmutziges Straßenmädchen nahmen sie noch mit. Aber sie wurden gefaßt.“

Ich bin ungläubig. Es klingt wie ein Märchen.

„Es ist wahr. Ich sah sie sterben. Sie leugneten gar nicht, sie gestanden es ein. Sie starben gefaßt und mit Würde, wie Offiziere. Es waren zwei mutige Burschen.“

Elend sieht dieser helle Fleck bei den Schuppen drunten aus. Mich fröstelt. Die Frösche quaken in den Wiesen, die dunkeln Baumwipfel bewegen sich. Die Kanonen brummen und pochen. Man gewöhnt sich daran; Tag und Nacht hört man hier nichts anderes, selbst wenn man schläft. Man hört nicht mehr hin, nur wenn eine schwere Batterie donnert und trommelt, wendet man den Kopf. Hinter den Arbeiterhäusern dehnt sich das mächtige Land, gespensterhaft durchsichtig im Licht der Sterne. Und aus dem fahlen Lande, am Horizont, steigen dunkle Höhenzüge empor, scharf abgegrenzt gegen den graublauen Nachthimmel.

„Das da links ist die Höhe von Vimy. In der Mitte, der breite Rücken, das ist die Lorettohöhe, und rechts davon, das sind die Höhen hinter Aix-Noulette.“

Plötzlich steigt hinter der Lorettohöhe ein weißer, sprühender Mond empor und bleibt minutenlang stehen. Kreidebleich ist ein Teil der Höhe. Der Mond sieht aus wie ein Leuchtfeuer, das auf das Meer hinaussprüht. Plötzlich aber sind es zwei, drei, sechs Monde, die über den Höhenzügen schweben, ein Viertel des Horizontes beherrschen sie. Hinter den dunkeln Höhen wetterleuchtet es unaufhörlich, ein Feuerstrahl, rot und flammend, dick wie ein Balken fährt schräg aus dem Wald auf der Höhe heraus. Die Monde sinken, ganz langsam, und verlöschen. Aber schon stehen neue über den Höhen. Weitab links blinzelt ein rötliches Feuer am Himmel, wie ein entzündetes Auge. Ein Blinkfeuer im Dunst. Im Norden antwortet eine grüne Kugel, die rasch steigt und rasch verlischt. Die Geschütze trommeln. Ein paar sanfte schöne Sterne versprühen, Schrapnelle. Aus der Lorettohöhe schießen, dicht nebeneinander, zwei Fühlhörner empor, mit glühenden Kugeln an den Enden. Blitze fahren über das Land und den dunkeln Himmel. Die Sterne verblassen. In der Ebene poltert und kracht es. Fahle Lichtgarben, stumpf wie Rasierpinsel, stehen in der Ebene: Einschläge von Granaten. Ein Rudel roter Leuchtkugeln. Ein gelber Halbmond, der traurig und trüb verglimmt, schauerlich wie über hoffnungsloser See.

Es ist wie ein toller Spuk, ein Traumgesicht. Das höllische Feuerwerk zuckt und spielt, jede Sekunde sprüht es anders, schöner, wilder.

Diese Lichtsignale sprechen zu den Batterien. Alles können sie lautlos in den Himmel emporsprühen. Und die Geschütze antworten, sie verstehen alles, sie antworten präzis und unerbittlich.

Früher dauerten Schlachten ein paar Stunden, höchstens ein paar Tage. In der Nacht standen sie still. Heute dauern sie wochenlang und der Tag ist zu kurz, in der Nacht wüten sie weiter.

Über der Lorettohöhe stehen nebeneinander, in gleicher Höhe, drei rote Monde und glühen zu uns herüber. Grüne Raketen fahren gespenstisch in die Höhe. Horch! Durch das Poltern und Trommeln der Geschütze hindurch, in den sekundenlangen Pausen zwischen den dumpfen Schlägen hört man deutlich das rollende Gewehrfeuer und das Knattern der Maschinengewehre. Es klingt, als würde ein Wagen voll Kohlen ausgeschüttet. Angriff!

Wieder greift Joffre an. Gestern nacht griff er an sechs verschiedenen Stellen an und dreimal an ein und derselben. Um zehn, um ein Uhr und um drei Uhr. Unsere Leute sind hart wie Stahl. Sie halten Unmögliches aus. Die Maschinengewehre mähen die französischen Kolonnen dahin, ganze Züge fliegen in die Luft, Lawinen von Leibern rollen über die Abhänge. Aber Joffre greift an! Man hat mir gesagt, wie hoch man seine Verluste schätzt, es sind irrsinnige Zahlen, ich wage sie nicht niederzuschreiben. Und doch wirft er Regiment um Regiment ins Feuer. Er erscheint mir wie ein nervös gewordener Spieler, der verloren hat und nun sein Geld aus allen Taschen reißt, Ringe und Uhr, und alles auf den Spieltisch schmeißt, um das Glück zu zwingen.

„Es ist bei der Schlammulde,“ sagt mein Begleiter.

Nichts ist mehr zu hören. Die Stimmen der Kanonen überbrummen alles, die Dunkelheit deckt alles zu, was dort geschieht und geschehen ist. Besser, es nicht zu sehen! Es mitzumachen ist möglich, es mitanzusehen, wäre unmöglich.

Feuerschein steht hinter der Höhe von Vimy. Er verblaßt. Es blitzt und wetterleuchtet, donnert und rumort. Feuerbalken fahren aus dem dunkeln Wald der Lorettohöhe wie ungeheure Stichflammen in die Nacht. Und ununterbrochen steigen Monde und fremde, nie gesehene Sonnen in die Nacht empor. Sie stehen da und dort, überall, bald sechs, acht zur gleichen Zeit, bald zwei, bald nahe, bald fern! Ein Mond sinkt herab und blinzelt im Fall, Scheinwerfer tasten: das Mündungsfeuer ferner Batterien. In der dunkeln Ebene tanzen fahle Lichtgarben. Grüne, rote Meteoriten, die hochfliegen und langsam sinken. Schwer und gewaltig schlägt eine deutsche Batterie da unten, sie saugt den ganzen Lärm auf und schlägt einen rasenden Wirbel. Und wieder steigt ein Schwarm gespenstischer leuchtender Bälle in die Nacht.

Es ist eine Gespensterküste mit hundert wechselnden und fremden Feuern, die sprühen und blinzeln, eine höllische Küste mit unverständlichen Signalen. Ich kann mir denken, daß ein Seemann, der ein Leben lang die Küsten aller Kontinente ansteuerte, im Fieber, im Wahnsinn eine Küste wie diese erblickt und verzweifelt vor diesen fremden, verwirrenden Feuern.

Ja, wohlverstanden, es ist die Küste eines fremden, geheimnisvollen Landes, und viele von denen, die da drüben kämpfen, werden noch in dieser Nacht, in dieser Stunde ihren Fuß auf das ferne, unbekannte Gestade setzen.