Vierzehntes Kapitel

„Sie ist einer von jenen Menschen, für die man sein Leben lassen müßte!“ sagte Grau, der in seinem dunkeln Zimmer auf und ab ging. „Nur um ihr einen einzigen glücklichen Tag zu schenken, müßte man tropfenweise sein Blut hergeben!“ Es blieb lange dunkel in Graus Zimmer, dann machte er Licht und schrieb an Susanna einen langen Brief. Verehrte und bewunderte Freundin, schrieb er. Er trug den Brief zur Post. Vielleicht kommt der Briefbote selten in das kleine Haus da draußen vor der Stadt, dachte er und lächelte. Und morgen würde Susanna lesen, daß sie einen Freund und Bruder gefunden hatte.

Er fühlte sich froh und erleichtert, als er wieder die Staffeln hinaufstieg. Obwohl es empfindlich kalt war und der Schnee unter seinen Schritten knarrte, trat er nicht in das Haus, sondern er ging weiter, die Parkmauer entlang. Plötzlich stand er vor einem hohen eisernen Gitter und merkwürdigerweise pochte sein Herz, als er dieses Gitter sah. Der Park lag öde und kalt. Grau dachte an den Mohren aus Bronze, der drinnen in dem weißen Hause stand, an die Stille des Salons mit den zierlichen Möbeln und an den leisen Schritt, der sich plötzlich der Türe genähert hatte; dann kam sie. Ihre Stimme, ihre Augen — er ging weiter, diese Erinnerung schmerzte ihn. Er stieg die Höhe hinauf. Schnee, Düster und unheimliche Stille. Ein paar Lichter blinzelten im Tal, als ob die Kälte sie beize wie Augen, ein kleiner grüner Stern sprühte am Himmel, der fast schwarz aussah. Der Wald begann. In ihm war es noch stiller und ganz dunkel, aber es war wärmer zwischen den Bäumen, die ohne jedes Zeichen von Leben dastanden und sich gleichsam aneinander drängten.

Grau lauschte unwillkürlich, Scheu, Friede und Feierlichkeit erfüllten ihn inmitten des winterstillen Waldes, den ein Zauber in Erstarrung versetzt hatte. Die Herzen all der Bäume standen still und regten sich nicht mehr und schienen tot zu sein. Er ging leise, nur der Schnee ächzte unter seinen Schritten. Und er dachte an den großen Winterschlaf, den die Erde schlief, die Wälder schliefen, die Quellen, selbst ganze Völker im Norden schliefen, die Bären in den Höhlen. Aber Gott wird die Wimper heben und vom Süden wird der Tauwind kommen, die Bären werden die Tatzen lecken, der Schläfer wird vom Ofen kriechen, die Quellen werden sprudeln und die Wälder sich schütteln. Auch die erstarrten Herzen dieser Bäume werden wieder zu pochen beginnen: Denn da ist ja nichts Totes in der Welt. Was tot ist, ist nur scheintot und selbst der Stein am Wege, er schläft nur.

Grau blieb stehen. Ging nicht jemand an seiner Seite? Er lauschte. Nein. Aber hatte nicht eben eine feine Stimme in sein Ohr geflüstert? Es flüsterte und pochte. Es war sein Blut, das in seinem Körper strömte. Und mit einer Art von Schrecken lauschte er auf jenes Pochen, Pulsieren, Atmen in seinem Körper, das ihm Kunde gab von den geheimnisvollen Vorgängen, die ohne sein Wissen Tag und Nacht in ihm walteten. Die Zellen in ihm verschoben sich, änderten sich, er wußte es nicht, eine Stelle in seinem Körper mochte in großer Gefahr sein, die Blutkörperchen stürzten herbei, zu verteidigen, zu helfen, zu heilen, die Nerven zitterten, ein unausgesetztes Signalsystem war in Tätigkeit, er wußte es nicht. Die Blutwelle überschwemmte sein Gehirn, ein vergessener Ton erwachte, ein vergessenes Bild, ein Gedanke formte sich, ein Wunsch irrte hin und her, flackerte, leuchtete Monate und Jahre, bis er ihn entdeckte, oder er erlosch ungesehen, unbeachtet — und er wußte von all dem nichts! Er sprach, lachte, ging, er war nichts als Oberfläche, er lebte an der Oberfläche, während in ihm unausgesetzt eine Welt von Geheimnissen wirkte.

Plötzlich stand er vor einer Waldwiese, aus der ihm Kälte entgegenstürzte. Diese Wiese schien lebendig, bewohnt zu sein. Es war Licht auf ihr. Das Licht kam vom Mond, das Licht des Mondes von der Sonne — welches Licht, um des Himmels willen, war es doch, das ihn, den nichtigen Wanderer, hier grüßte? Aus welchen Zeiten, welchen Fernen kam es? Wie, wie, wie?

Er, der hier stand und nicht mehr war als eines der Millionen Schneesternchen, die auf einem Aste lagen, er wurde von Entsetzen gepackt, denken zu können und zu fühlen, daß er lebte.

Denn was Leben heißt, wer hat es doch je zu Ende gedacht? Niemand. Selbst der schnelle, scharfe Gedanke des Weisen, er erlahmt, er erschrickt, er kehrt entsetzt um.

Da ist zum Beispiel das Blut! Nicht seine Funktionen allein, die die wunderbaren menschlichen Apparate (ein Lob dem Menschen!) belauschen konnten. Ein Tropfen Wasser ist köstlich, wer ersann ihn? Eine Faser Eisen, köstlich, wer erdachte sie? Aber ein Tropfen Blut, wie —?! Das Blut verrichtet seine Arbeit — sein Schöpfer sagte: schaffe! und es gehorcht — aber es ist zugleich wie ein Volk, hat Gebräuche, Eigenschaften, Geschichte, denn das Volk es ist ja aus Blut erbaut, es ist ja nichts als die Vergrößerung des kleinen Tropfens. War nicht ein ewiges Vergehen in ihm, Grau, der durch den Wald ging, ein ewiges Vergehen und Erblühen? Von Eigenschaften und Fähigkeiten, von Völkern, Geschlechtern und Rassen, wer weiß, wann sie lebten, woher sie kamen? War nicht ewiger Kampf, Unterhandlung, Waffenstillstand dieser Geschlechter in ihm? Jene Rasse, die vom Osten kam, vielleicht erstarb sie in ihm in dieser Minute und übergab ihre Waffen an ein Geschlecht, das aus dem Norden kam, mit Ketten aus Bärenzähnen geschmückt? Woher sollte es doch kommen, daß ihn zuweilen namenlose Traurigkeit befiel, ohne jeden Grund? Namenloses Glück in ihm aufloderte wie ein Siegesgeschrei, ohne jeden Grund? Tod und Geburt in ihm wie in der Welt, Kampf und Sieg. Dieses Auf und Ab, dieses Gehen und Kommen, dieses Laut und Leise, Fragen und Befehlen, Erschrecken und Locken, wie wunderbar war es doch! Wie entsetzlich und wie köstlich schön!

Und doch — das war ja noch nicht das ganze Leben in ihm, nur ein kleines Stück, soviel wie ein Blatt vom Walde ist, nicht mehr, nicht weniger.

Die geheimnisvollen Lebenswellen, die ihn unausgesetzt umkreisten, durchdrangen, dieses Sausen des Lebens nah und fern, das Brausen der Sonne und der kräftespeienden Gestirne, das ihn erreichte.

Jene blitzartigen Offenbarungen einer verborgenen Welt, von der er ein Teil war, die sich öffnete und schloß in der gleichen Sekunde vor dem geblendeten Auge. Jenes Singen und Flüstern, Tag und Nacht? Oder erinnerst du dich nicht mehr, da du zwischen Schlaf und Wachen warst und deine Seele plötzlich in dir zu sprechen begann? Du erbebtest, Schreck und Freude erfüllten dich. Zu leicht, zu seicht, zu lau und flau bist du, sprach deine Seele. Und du antwortetest, gebannt von dem Unbekannten: „Ja, ja!“ Deine Seele sagte: „Tue dies, tue das!“ Und du sagtest: „Ja, ja, ich gehorche!“ Das ist der Weg, sagte deine Seele und du sagtest: „Ich werde ihn gehen!“

Und solltest du dich nicht mehr daran erinnern, an jenen Moment, da plötzlich ein Auge in dir leuchtete und dich von innen heraus anblickte. Das Auge blickte mit großem, majestätischem Glanz auf dich und war in dir — und du, du sprangst auf. „Ich bin ja allein!“ sagtest du laut, aber du glaubtest dir nicht. Hattest du den Mut, zu fragen: „Wer ist hier?“ Nein! Denn du fürchtetest ja, eine Stimme könnte dir antworten!

Nichts fürchten wir ja mehr, als daß sich jenes geheimnisvolle Leben, das wir ahnen, uns offenbarte.

Grau ging nach Hause; er schüttelte den Kopf, seine Augen waren groß und leuchtend. Der Mensch geht auf schwankendem Grunde, dachte er, noch mehr: er geht in der Luft.

Auf dem Rückwege kam er wieder an dem hohen, eisernen Gitter vorbei. Es war noch immer angelehnt. Über dem Park sprühte wie vorhin der kleine, grüne Stern. Und wieder rief sich Grau jene Szene in dem kleinen Salon ins Gedächtnis zurück und es schmerzte ihn, daß er nicht genug in jenes schöne, stolze Mädchenantlitz geblickt hatte, um es für alle Zeiten zu behalten.

Er schlief erst spät ein. Das Auge nimmt ein Bild mit aus dem Tage und das Bild erscheint im Traum. So träumte Grau in jener Nacht von dem Gitter des Parkes. Es war nur angelehnt. Er träumte, er stände davor und wartete. Ja, worauf wartete er doch nur? Da kam ein hohes, stolzes Mädchen aus dem Park hervorgegangen, es war jenes Mädchen mit den hellen Augen. „Hast du mich heute wiedererkannt?“ rief sie. Aber je näher sie kam, desto mehr veränderte sie sich. Es war Susanna, die kam; sie trug den kleinen grünen Stern auf der Hand und winkte ihm mit den Blicken, ihr zu folgen. Er zögerte — aber dann folgte er ihr.

Fünfzehntes Kapitel

Grau war nun in der ganzen Stadt bekannt. Das war kein Wunder, denn man sah ihn tagtäglich einigemal auf der Straße; über den Marktplatz konnte man überhaupt nicht gehen, ohne daß er aus irgend einer Gasse auftauchte. Immerzu hatte er zu grüßen, denn jedermann kannte ihn. Er grüßte alle Leute zuerst, auch Kinder und Schüler. Man konnte ihn überall sehen, hinter den dunkelsten Fenstern, die keine Vorhänge hatten, auf den breiten Treppen der reichen Leute, einerlei.

Er hatte viel zu tun. Wenn er am Morgen das Haus verließ, so hatte er schon einige Arbeitsstunden hinter sich. Er stand auf, sobald der Tag graute; voll von Interesse für alles, was den Menschen betraf, wünschte er alles kennen zu lernen, was der Mensch je gedacht und ersonnen hatte; dazu benutzte er die Morgenstunden. Der vorläufige Arbeitsplan war bei angestrengtester Tätigkeit in zehn bis zwölf Jahren zu bewältigen. Dann wollte er weiter sehen.

Er hatte Unterricht in den Schulen zu geben, Besuche zu machen. Keine Stunde des Tages ließ er unbenutzt. Er war wiederholt bei der alten Frau Sammet gewesen, im Waisenhaus, bei dem Arzt, der Susanna behandelte, auch sprach er häufig bei der „ewigen Braut“ vor, um mit ihr zu plaudern. Susanna besuchte er, so oft er frei war.

Trotzdem er täglich so vieles tat, hatte er doch stets Zeit. Niemals war er in Hast, stets ruhig. Sein Tag schien viel länger als der andrer Menschen zu sein.

Es ist eine bekannte Tatsache, daß man in jeder Stadt einen Menschen hat, dem man immer wieder und wieder begegnet. In dieser Stadt schien es für Grau Eisenhut zu sein, den zu treffen ihm bestimmt war. Er begegnete ihm, so oft er das Haus verließ, ja, selbst im Walde hatte er ihn getroffen. Eisenhut ging hastig vorüber, grüßte, blinzelte und sah Grau stets mit sonderbar forschenden Augen an, argwöhnisch, ja, sogar furchtsam und scheu; zuweilen schüttelte er den Kopf, räusperte sich und lief weg, indem er Grau einen raschen Blick zuwarf, der keineswegs Sympathie ausdrückte. Manchmal kam es auch vor, daß er auf der Straße stehen blieb, Grau spöttisch lächelnd musterte und die Lippen bewegte, als spräche er mit sich selbst. Bei einer solchen Begegnung sprach ihn Grau an und fragte ihn, ob er nicht etwas tun wolle, um für Susanna ein Piano zu beschaffen. Aber Eisenhut blinzelte, lächelte, krümmte sich und begann von schlechten Zeiten zu sprechen, in solch winselndem, demütigem Tone, daß sich Grau angewidert abwandte. Er sah Eisenhut wieder und Eisenhuts Augen sprühten offenen Haß.

Grau war nicht erstaunt: Alles geht wunderbar, dachte er und lächelte in sich hinein vor Freude, dieser Mann ist mir sicher! Ja, es gab solch wunderliche Dinge auf dieser Erde!

Einmal sah er Eisenhut auf der Straße, gefolgt von einer Schar ausgelassener, johlender Kinder. Eisenhut taumelte am hellen Tage betrunken nach Hause.

Nur Geduld, das sollte bald anders werden! Nur etwas Zeit brauchte er dazu.

Graus erste Predigt war kläglich ausgefallen. So heiß war sein Herz gewesen, so groß hatte er sich alles gedacht, aber plötzlich hatte ihn Unsicherheit befallen: Würde er die rechten Worte finden, das auszudrücken, was ihn erfüllte, was er fühlte im Wachen und im Schlaf? — Er war unzufrieden mit sich. In den folgenden Predigten aber war es ihm besser geglückt.

Es erschien ein Tag mit einigen freien Stunden. Grau erstaunte und wußte nicht wie das zuging. Er spielte Orgel.

Er spielte ein paar Stunden lang und fühlte sich darauf wie neugeboren. Die Musik und die menschliche Seele, es ist ja gar kein Unterschied zwischen den beiden, sie sind Schwestern. Und wenn der Mensch Musik hört, so finden sich die beiden Schwestern, umschlingen sich, vertrauen sich einander an, ihre Sehnsucht, ihre Schmerzen, ihr Glück, ihre Hoffnung, liebkosen einander und küssen sich, und der Mensch fühlt Freude und weiß nicht warum.

Als Grau endlich aufhörte zu spielen, war er von Glück und Jubel erfüllt. Seine Hände bebten. All das Singen und Jauchzen der Orgel war noch in ihm. Seine Augen waren so licht, daß er ihren Schein fühlte. Die Sonne leuchtete am Himmel.

Nun wollte er zu Susanna gehen.

Er hatte sich lange Tage an der Freude gelabt, Susanna einen kleinen Hund zu schenken. Er sollte klein und schneeweiß sein und wie Zucker schimmern. Natürlich durfte er am Ende einige Flecken haben, etwa schwarze Pfoten oder einen halben schwarzen Kopf, das würde nichts schaden, am besten aber war er schneeweiß. Jedoch ein solcher Hund ließ sich nicht finden, trotz Graus eifriger Nachfrage, weder ein weißer noch irgend ein anderer. Somit war es mit seiner Freude nichts geworden.

Ja, wie doch heute die Sonne leuchtete! Grau machte einen Umweg, um sein Gesicht von der Sonne baden zu lassen. Wie die sanftesten warmen Hände berührte die Sonne seine Wangen, und wenn er die Lider schloß, so war es, als ob sich ein sanfter, warmer Finger auf seine Lider legte. Dann sah er Feuer.

Er lächelte einer jungen Mutter, die des Weges daherkam und ihr kleines, wie ein junger Eisbär aussehendes Kind an der Hand führte, freundlich zu. Die Frau errötete, sie mißverstand Graus Blick.

Der Himmel war blau und leuchtete. Jedermann hat schon gesehen mit welch blauer Flamme der Schwefel verbrennt, so stählern und durchsichtig blau war der Himmel. Grau blickte hinein, tiefer, tiefer — es lockte.

Ich bin ja nichts, dachte Grau, ein Nichts, eine Kleinigkeit, und doch habe ich die Gabe mich zu freuen, die Fliege selbst hat sie, jedes Wesen — und doch habe ich solch eine rätselhafte Sehnsucht in mir und doch durchschauert mich manchmal eine Ahnung von dem Großen, das irgendwo ist. Hast du Gott gesehen, frage ich dich? Nein. Und wenn du mich fragst, nein, nein, wie sollte ich doch? Aber ich fühle, oft bin ich gleichsam betäubt wie heute. Vergebt mir. Und doch, was könnte ich sagen, wenn mich einer fragte? Ich weiß ja nichts. Ist Gott ein Sausen, das durch die Welt fährt, oder ein Ton, ein ewig schwingender Ton, nach dem unsere Ohren haschen, oder ein Blick, der auf uns ruht, auf jeder Stelle unseres Leibes, dem Kopfe, der Fußsohle, Tag und Nacht, um Mitternacht und am Mittag? Oder ein Lächeln, ist er in jenem Lächeln, das zuweilen auf allen Dingen zu ruhen scheint, dem Grase selbst, dem glänzenden Felle des Stieres, dem Wasser. Weiß ich es denn? Es gibt so viele, die sagen, es gibt keinen Gott. Es ist möglich, aber die Welt ist göttlich schön. Ich strecke meine Hand in die Höhe, sie ist golden, das ist die Sonne, ich strecke meine Hand in die Höhe, sie ist silbern, das ist der Mond. Ferne da kniet ein Mann im Grase und betet und ungezählte Stirnen beugen sich in den Sand und preisen Gott in fremden Zungen. Trotzdem? Doch dann ist es der Mensch, der sich einen Gott geschaffen hat, des Menschen Sehnsucht ist dann Gott. Aber es ist ja nicht möglich, daß es keinen Gott gibt, nein, denn des Menschen Sehnsucht ist göttlich und wie göttlich schön ist die Welt. Was fühlst du, wenn du deine Hand anblickst? und wenn die Vögel im Walde singen — wie wird dir? Nun? warum dieses ewige Verlangen, diese Sehnsucht, dieses Brennen im Herzen, warum denn? Dieses Fieber? In uns, die wir nichts sind als Sandkörner, die vor dem Winde rollen. In diesem Sandkorn Gefühl, Wunsch, Ekstase.

Nein, niemand hat ihn gesehen, es ist wahr. Viele haben ihn geahnt. Jene glänzenden Antlitze im Dunkel! Viele sind aufgestanden und haben gesprochen, ihre Worte mögen unrichtig sein, sie konnten nicht ausdrücken, was sie fühlten, aber ihre Gebärde, vergeßt mir diese Gebärde nicht.

Grau blieb stehen und sah einen Hund an, der unter der Haustüre saß und in die Sonne empor blinzelte. In der Vorstadt trat er in einen dunkeln metergroßen Blumenladen ein und erstand eine kleine rote Tulpe. Als er bezahlen wollte, stellte es sich heraus, daß er kein Geld mehr hatte. Aber die Leute kannten ihn und es wäre fast eine Beleidigung gewesen, ihr Anerbieten, später zu bezahlen, zurückzuweisen. Während er noch zögerte, trat jemand in den metergroßen Laden ein und er roch ein feines Parfüm, das sich ohne Hindernisse in dem Raume bemerkbar machen konnte; die Blumen hier waren zumeist aus Wachs und Papier, und die wenig lebenden, die es hier gab, rochen nicht.

„Herr Grau?“ sagte eine schöne Stimme.

Diese Stimme drang sofort bis zu seinem Herzen.

Adele von Hennenbach schob den gelben Schleier in die Höhe und ihr schmales blasses Gesicht und die klaren hellgrauen Augen kamen zum Vorschein. Sie lächelte und blickte Grau freundlich an. An ihrem Arme hing die Schlittschuhtasche; sie war gekleidet wie neulich und aus dem flotten Pelzjackett stieg jenes feine Parfüm.

„Ich kann mir wohl denken, für wen diese Tulpe hier ist!“ sagte sie und blickte Grau mit einem leisen Lächeln an; sie betrachtete die Tulpe mit ein wenig geöffneten Lippen.

Grau kam in Verlegenheit, als ob sie ihn bei einer unschönen Handlung ertappt habe. Er lächelte und drehte an einem Knopfe seines Mantels. „Es macht mir Vergnügen, Susanna eine kleine Aufmerksamkeit zu erweisen, sie freut sich so,“ sagte er, sich gleichsam entschuldigend. „Sie gehen zum Eise, Fräulein von Hennenbach?“

Adele streckte sich ein wenig in die Höhe. „Ja,“ sagte sie, „man muß die letzten Tage noch benützen, es wird bald vorbei sein mit der Herrlichkeit. Ich habe mit Ihnen einige Worte zu sprechen, Herr Grau, wenn Sie nicht ungehalten sein würden, daß ich die Gelegenheit benütze?“

„Bitte.“ Er war hocherfreut. Sie verließen zusammen den Laden. Adele erkundigte sich nach den Formalitäten — es handelte sich um ihre Trauung. Dann plauderten sie.

„Wie froh Sie heute doch aussehen, Herr Grau!“ sagte Adele. „Ganz als ob Sie eine frohe Nachricht erhalten hätten!“

„Das habe ich auch!“ sagte Grau. „Aus weiter Ferne.“

„Diese arme Susanna,“ bemerkte Adele im Laufe des Gespräches, „wie es mir doch leid tut um sie. Sie hat nichts als Kummer gehabt, nicht ein Quentchen Glück, keine frohe Jugend, kaum ein wenig Freude. Wie klug und vornehm und bescheiden ist sie doch! Wie schade, daß sie krank ist, daß sie so häßlich ist, so mißgestaltet, ich bin traurig, so oft ich an sie denke. — Wollen wir den Weg zum Fluß hinunter gehen, Herr Grau? Es ist kaum ein Umweg.“

Sie gingen den Fluß entlang, an den beschneiten Schiffen vorbei, worauf die Kinder herumkletterten und schrien. Kleine Knirpse und Mädchen mit zerzausten Haaren liefen auf einer glatten Bucht Schlittschuh und schrien ebenfalls was sie nur konnten.

Grau schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht finden,“ erwiderte er, „daß Susanna häßlich ist. Ich muß freilich zugeben, daß ich beim ersten Anblick dachte, die Natur habe sie stiefmütterlich behandelt, nun aber erscheint sie mir schön.“

„Wirklich?“

„Ja, ich entdecke mehr und mehr Schönheit an ihr. Sie hat doch ganz wunderbare Augen! Haben Sie beobachtet, wie Susannas Augen Ihnen das Wort von den Lippen horchen, den letzten Sinn aus den Augen horchen, den das Wort nicht geben kann oder gibt? Wie ihre Augen antworten, noch bevor sie die Lippen öffnet?“ Er blickte mit schwärmerischem Lächeln auf Adele.

„Ja, ja.“

„Und dann ihre Hände! Haben Sie diese Hände genau betrachtet? Wie lebendig sie sind, wie sie alles miterleben, was Susanna erlebt. Und wie schön sie doch sind, Susannas Hände! Ja, bei Gott, sie sind außerordentlich schön! Ich schwärme, nicht wahr? Aber in Wirklichkeit, seitdem ich Susanna zum erstenmal sah, schwärme ich für sie — ich gestehe es. Sie werden es ihr ja auch nicht wieder sagen,“ fügte er mit einem Lächeln hinzu.

Adele sagte: „Wer weiß es?“

„Ich würde es nicht wünschen,“ sagte Grau. „Sie werden doch nicht am Ende glauben, daß ich gerade deshalb so aufrichtig bin?“

Adele schüttelte den Kopf und lachte. „Sie wissen, daß Sie es mit einer Frau zu tun haben!“ sagte sie scherzend. „Susanna würde all das wohl gerne hören, denn sie ist so stolz auf Ihr Lob. Sie haben ihr auch gesagt, daß sie eine Dichterin sei und Bücher schreiben könnte. Glauben Sie das wirklich?“

„Würde ich es sonst sagen?“ Grau nickte. „Ja, das glaube ich,“ sagte er. „Hat Ihnen Susanna schon die Geschichte erzählt, die sie über das Porzellandämchen in Mütterchens Glasschrank ersonnen hat? Die Abenteuer der Madame Ypsilon? Eine drollige und wunderschöne Sache! Als ich mein erstes Kind erwartete, beginnt die Geschichte dieser Porzellandame — haha!“

Adele kannte diese Geschichte. „Wenn es weht, vermeide ich es, auf die Straße zu gehen, erzählt Madame Ypsilon,“ sagte sie. „Ich habe gar keine Talente,“ fügte sie hinzu und schüttelte lächelnd den schönen, stolzen Kopf.

„Jeder Mensch hat seine Talente.“

Ja? Nun, dann möchte sie recht gerne wissen, welche Talente er ihr zuschreibe?

„Erstens,“ antwortete Grau und blickte sie an, „sind Sie sehr musikalisch, ich sehe das aus Ihrer Art unwillkürlich auf Geräusche und Töne der Straße zu reagieren, sodann sind Sie eine vorzügliche Tänzerin, an Ihrem Gange kann man das erkennen, mehr noch an der Art wie die Bewegungen Ihres Körpers eine Unregelmäßigkeit des Weges ausgleichen. Sie haben die Fähigkeit fremde und unmögliche Dinge zu träumen, vielleicht mitunter grausame Dinge.“

Adele sah ihn an. „Bitte, bitte!“ rief sie aus und lächelte.

„Ihre größte Gabe aber scheint mir zu sein,“ fuhr Grau fort, „unklare Situationen zu überblicken — zuweilen geht Ihr Blick so rasch hinter den Wimpern hervor und unvermittelt in die Weite — und rasch und unerschrocken zu handeln — sogar tollkühn,“ fügte er leiser hinzu.

„Ich habe mir vorgenommen, sobald ich Sie treffe, für meinen Bruder um Entschuldigung zu bitten,“ sagte Adele ablenkend. „Wegen jener Affäre im Elefanten.“

Grau lächelte und schüttelte den Kopf. Aber das sei doch nicht der Rede wert.

Adele blickte ihn erstaunt an. „Nicht der Rede wert?“ fragte sie. „Haben Sie denn keinen Streit mit ihm gehabt?“

„Nein, nein!“ Grau lächelte.

„Wie merkwürdig!“ sagte Adele. „Er hat mir erzählt, Sie hätten Billard zusammen gespielt, er habe gewonnen und es sei zu einem Wortwechsel — und fast zu Tätlichkeiten gekommen,“ fügte sie zögernd hinzu.

Grau sah sie an. „Das ist nicht wahr!“ sagte er ernst und leise, denn etwas beschäftigte seine Gedanken.

Adele öffnete erstaunt die Lippen. „So?“ sagte sie gedehnt. „Ich habe mich gewundert darüber — er hat mir eine ganze Geschichte erzählt. Auch die Geschichte mit der Flasche ist also — nicht wahr?“ Sie errötete flüchtig, „Ich habe bisher meinem Bruder alles geglaubt,“ sagte sie mit einem Tone von Verwunderung und Betrübtsein in der Stimme. Sie schwieg lange Zeit und dachte nach, dann wandte sie sich wiederum an Grau, der ebenfalls in Nachdenken versunken war. „Lassen wir das!“ sagte sie, indem sie ihrer Stimme einen gleichmütigen Klang zu geben versuchte. „Man hat mir erzählt, daß Sie früher Gefängnisgeistlicher waren, Herr Grau? Das war wohl Ihre erste Anstellung?“

Aber Grau hörte nicht. Er hatte den Blick zu Boden gerichtet und seine Mienen drückten tiefes Nachdenken aus. Erst als Adele ihre Frage wiederholte, fuhr er verwirrt auf.

„Ich bitte um Verzeihung!“ sagte er verlegen. „Allein ich kann manchmal vollständig in Gedanken versinken. Nun hat mich eben eine Angelegenheit beschäftigt, die mich schon seit meiner Ankunft stark interessiert. Es gibt Dinge, die mich gar nichts angehen, aber meine Gedanken kaprizieren sich gerade darauf. Gefängnisgeistlicher, sagten Sie das? Ja, aber es war nicht meine erste Stelle. Zuvor war ich Lehrer an einem Blindeninstitut für Kinder.“

„Oh!“ Adele zog wie unter einem körperlichen Schmerze die feinen schwarzen Brauen hoch. Sie grüßte jemand auf der Straße, dann sagte sie: „Unter Blinden, wie furchtbar! Und noch dazu unter blinden Kindern! Wie schrecklich muß das sein!“

„Viel schrecklicher ist es noch blind zu sein,“ sagte Grau und blickte Adele an.

„Ja, entsetzlich!“ Adele richtete die hellen klaren Augen auf ihn.

„Stellen Sie sich vor, wie es ist blind zu sein, versuchen Sie es! Ja, ich habe es einmal versucht, ich kann Ihnen das ruhig erzählen, denn Sie denken vornehm, ich habe es einmal versucht und mich blind gemacht —“

„Was taten Sie?“ Adele sah Grau erschrocken an.

„Verstehen Sie es recht,“ fuhr Grau fort. „Ich habe mir eine Binde um die Augen gelegt — es war in jenem Institut — vier Tage lang — ich tat es aus Interesse — aus einer Art von Interesse, wenn Sie wollen, um meine blinden Lieblinge besser zu verstehen, vielleicht auch um ihnen gleich zu sein — kurzum, aber ich sage Ihnen gleich — doch es ist besser nicht davon zu sprechen. Entschuldigen Sie, Fräulein von Hennenbach.“ Er wurde plötzlich rot, dann fuhr er in anderem Tone fort: „Denken Sie daran, wie wir uns freuen, wenn nur ein bißchen Licht durch die Fensterladen sickert, wenn das Licht im Laube der Bäume spielt, wir Menschen leben ja vom Licht wie die Pflanzen, unsere Seele nährt sich davon. Jeder Sonnenaufgang, jedes Glitzern eines Sternes, es ist in uns, wir wären nicht die gleichen ohne diese Eindrücke und glauben Sie mir, Fräulein von Hennenbach, ein Mensch mit zehntausend Sonnentagen und zehntausend Sternennächten in seinem Leben ist ein ganz andrer als ein Mensch mit fünftausend nur.“

Ein Mann schlendert an ihnen vorüber, in hohen Stiefeln, das Gewehr auf dem Rücken. Es war Eisenhut. Er grüßte tief, blinzelte beide an und stieg hocherhobenen Hauptes vor ihnen her. Er nahm eine Zigarre aus dem Etui und steckte sie in Brand.

„Schönes Wetter, schönes Wetter!“ rief er und blinzelte.

„Ja, schönes Wetter!“ sagte Grau.

Aber Eisenhut blickte Adele an, er beachtete ihn gar nicht, und wiederholte: „Schönes Wetter!“

„Danach hat man Sie also zu den Gefangenen geschickt, Herr Grau?“ sagte Adele, die Eisenhut gänzlich ignorierte. Eisenhut blinzelte, reckte den Spitzbart in die Luft und zog mit seiner Zigarre ab, deren blauer Rauch regungslos über dem Wege schwebte.

„Es geschah auf meine Bitte hin,“ antwortete Grau.

„Übrigens hat mich in diesem Falle etwas ganz besonderes dazu getrieben, ich hatte eine Art Vision — oder —“

„Eine Vision?“

„Eine Art Vision, ja. Es ist übrigens kaum des Erzählens wert.“

Grau lächelte und blickte Adele an, deren Wangen allmählich ein frisches Rot überzog.

„Sie müssen mich recht verstehen,“ sagte Grau, „was heißt das schließlich, eine Vision, nicht wahr? Es ist eine Art Traum in halbwachem Zustande, nichts weiter. Einmal zum Beispiel, glaubte ich ein Sandkorn zu sein und ich sah das Leben all des kleinen Getieres zwischen den Gräsern, das Wachsen der Halme, wie Zelle sich an Zelle schloß — ganz wunderbare Lebensvorgänge —“

„Einmal nun, da schloß ich die Augen; ich war müde, aber ich schlief nicht und plötzlich sah ich einen Mann vor mir mit erdfahlem Gesicht, in der Kleidung eines Gefangenen. Er ging hin und her, vier Schritte vorwärts und vier Schritte zurück, so daß ich einmal sein erdfahles Gesicht sah, einmal seinen Rücken. Aber mit einmal war es nicht einer, es waren unendlich viele, vielleicht hundert. Wie Sie im Traume in Häuser hinein blicken können, durch Mauern hindurch, so sah ich in all diese Zellen hinein. Sie gingen hin und her, vier Schritte vorwärts, vier Schritte zurück, sie hatten alle erdfahle Gesichter und waren gekleidet wie Gefangene. Sie gingen hin und her, wie ein Tier in seinem Käfig, plötzlich aber blieben sie alle stehen, all die Hundert, sie blieben stehen und trommelten mit den Fäusten an die Wände. Nur einen Augenblick. Dann nahmen sie das Wandern wieder auf.

„Wie schrecklich!“

„Ja, in der Tat, in der Tat schrecklich!“ sagte Grau leise und schwieg eine Weile. Er fuhr fort: „Aber nach einer Weile standen all die Hundert wieder still, gerade in dem Moment, da sie kehrt machen wollten um mir den Rücken zuzuwenden — sie standen still, sage ich — und sahen mich an. Alle auf einmal! All die Hunderte von Augen, von toten erloschenen Augen, sie sahen mich an. Ein Traum, denke ich, ein Traum, nur ein Traum und klammere mich an den Gedanken, daß es ja nur ein Traum ist, während der Blick dieser entsetzlichen Augen auf mir ruht. Dieser Blick aber war kaum länger als ein Gedanke, dann lächelten all die erdfahlen Gesichter. Sie zogen die Münder ein wenig schief und sie lächelten alle das gleiche Lächeln: Spöttisch, überlegen, verächtlich — dann machten sie kehrt und wanderten wieder.“

Grau schwieg. Sie gingen eine Weile nebeneinander her und blickten beide auf den Boden. Als sie den dicken Wartturm durchschritten, wo ihre Schritte leicht widerhallten, sagte Adele: „Deshalb also gingen Sie dorthin?“

„Ja, deshalb, ich hatte keine Ruhe mehr.“

Adele atmete die frische Winterluft ein, und ihr Schleier flatterte plötzlich im Winde; denn die Höhe trat hier zurück und der Wind hatte freie Bahn. Ein paar Krähen flogen, tief mit den Flügeln schlagend, in einer Reihe über das Schneefeld und schrien. Bald tauchte auch das Dach von Susannas Häuschen auf.

„Ich hatte ja früher nie länger über diese Gefangenen nachgedacht,“ nahm Grau das Wort wieder auf, „aber jetzt mußte ich es tun. Es war besonders jenes Lächeln mit dem schiefgezogenen Mund, das mir zu denken gab. Ich sagte, sie lächelten spöttisch, überlegen, verächtlich, aber all das sagt nicht genug. Ihr Lächeln schien auszudrücken: Du bist auch einer von jenen Gedankenlosen.“

„Gedankenlosen?“

„Ja,“ sagte Grau, „und ich mußte immerzu an dieses rätselhafte Lächeln denken und schließlich kam es dahin, daß ich um jeden Preis wissen mußte, was es bedeute. Ich hatte mich ja mit solch falschen Anschauungen über Gefangene und Verbrecher getragen.“

„Wollen Sie mir nicht sagen, was für Menschen sie eigentlich sind?“ fragte Adele mit aufrichtigem Interesse.

Grau sah Adele an. „Was für Menschen?“ antwortete er und lächelte. „Sie sind genau wie andere Menschen, wie die Bürger dieser Stadt hier, wie ich, nur daß sie etwas getan haben, irgend etwas, das gegen einen Paragraphen des Gesetzes verstieß, daß sie nicht vorsichtig genug waren und daß man sie packte.“

Plötzlich erbleichte Adele. Sie lächelte und blickte in die Ferne, genau dahin, wo jetzt die Krähen flogen; sie sagte: „Ja — daß man sie packte, das ist ganz richtig, das ist wahr!“ Sie lachte ein wenig seltsam.

Grau sah sie mit einem raschen erstaunten Blicke an.

Dann aber fuhr er mit gleichmütiger, ja fast auffallend gleichmütiger Stimme fort: „Ich sehe, Sie interessieren sich für diese Unglücklichen, Fräulein von Hennenbach. Ich gestand Ihnen ja, daß auch ich mich mit falschen Anschauungen trug. Der größte Teil, das sind Leute, bei denen eine der allgemein menschlichen Eigenschaften, Eitelkeit, Hochmut, Trägheit Genußsucht, Sinnlichkeit, Habgierde, Verlegenheit, Gutmütigkeit, Leichtsinn, Leidenschaftlichkeit — (eine ungeheure Menge von allgemein menschlichen Eigenschaften zählte Grau auf, sie wollten gar kein Ende nehmen) — unglücklich stark entwickelt ist im Vergleich zur Willenskraft, stärker sogar als die Furcht vor dem Gesetze. Jener Anschauung, daß alle Verbrecher und Sträflinge geisteskrank oder seelisch defekt sind, stimme ich nicht bei. Im Gegenteil, Sie finden darunter einen nicht geringen Teil, der sehr gesund ist, gesunder oft als die freien Menschen. Ganz prächtigen Leuten können Sie dort begegnen, welche Kraft, Unerschrockenheit, welches Feingefühl, welcher Stolz! Die meisten natürlich sind krank, sie haben einen Tropfen krankes Blut im Körper, den der Arzt natürlich weder sehen noch nachweisen kann. Endlich kommen die schrecklichen Verbrecher, die als Teufel geboren wurden und eines Tages ein Verbrechen begehen, daß alle Zeitungsleser der ganzen Welt schreien: Er gehört geschlagen, gebrüht, die ärgste Folter müßte ersonnen werden!“

„Haben Sie solche gesehen? Was für Menschen mögen das wohl sein?“

„Ich habe vier solche gesehen, ja. Ich weiß es nicht. Niemand weiß es. Sie sind ein Mysterium, uralte Raubtiernaturen, Finsternisseelen, blutige Gespenster — irgend eine schreckliche Kraft, ein entsetzlicher Geist haust in ihnen, ich weiß es nicht, ich habe das noch nicht zu Ende gedacht!“

Adele schüttelte den Kopf. „Nach all dem, nach Ihrer Auffassung vom Verbrecher,“ sagte sie, „die ja sehr gütig ist —“

Grau unterbrach sie. „Das Resultat von Beobachtungen, erlauben Sie, mein Gefühl spricht nicht mit.“

Nun wohl, seiner Anschauung gemäß müßte es unrecht sein, die Verbrecher zu bestrafen.

Grau blieb stehen. Er sah Adele an und sagte: „Natürlich! Das ist eins jener Dinge, die ich gar nicht verstehen kann. In hundert Jahren wird man diesen menschlichen Irrtum mit den gleichen Augen betrachten, mit denen man heute auf die mittelalterlichen Hexenprozesse blickt.“

„Aber —?“

Grau lächelte. „Die Gesellschaft!“ sagte er.

„Ich verstehe. Ich werde kein großes Geschrei machen, ich werde gar nicht von den Verbrechen sprechen, die die Gesellschaft in aller Ruhe begeht oder von den Verbrechen, die im Gesetz selbst enthalten sind. Die Gesellschaft will in Ruhe und Frieden die Arbeit der Kultur verrichten, nicht wahr? Störenfriede schafft sie aus dem Wege. Aber das ist nicht ganz richtig, der Gesellschaft ist es ja nur zum geringsten Teil um Kulturarbeit zu tun, zum allergeringsten Teil — denn die Gesellschaft ist ja eigentlich nichts anderes als ein Ring kleiner und großer Bankiers — es ist ihr vielleicht ein wenig um das Werk der Zivilisation zu tun, um den Export von Seifen und Gasmotoren und Kanonen — vielleicht nur um Bereicherung, aber auch das ist wohl nicht gerecht — sagen wir die Gesellschaft will leben, bequem und in Frieden. Deshalb also schafft sie sich Gesetze, nur weil sie bequem und in Gemütsruhe leben will — das Motiv steht nicht sehr hoch! Gut, sie kann also Störenfriede ausschließen — aber bestrafen, wieso? Vielleicht hat sie das Recht, Elemente, die ihre Gesetze nicht respektieren und sich dagegen verfehlten, zu erziehen — das aber ist alles!“

„Ja, aber ich verstehe nicht ganz?“ warf Adele ein.

Grau schüttelte den Kopf und lächelte. „Sie meinen, wenn jemand mir zum Beispiel hundert Mark stiehlt — ja, was habe ich dagegen? Werde ich ihn bestrafen? Nein, ich würde mich schämen, so großen Wert auf ein bißchen Besitz zu legen, ich würde es gar nicht vornehm finden — die Gesellschaft aber glaubt das Recht zu haben, einem Menschen, der einen alten Überzieher gestohlen hat, ein Stück seiner Seele zu stehlen. Ich begreife das nicht. Übrigens keine Einzelheiten. Müssen Sie nicht immer ein Auge schließen, wenn Sie auf die Gesellschaft blicken, oder beide Augen zuweilen, wie? Oder müssen Sie sich nicht schämen oder erwacht der Gedanke nicht in Ihnen, fortzugehen, weit fort, zu den Wilden auf eine Insel, wohin kein Schiff aus Europa kommt, wie? Europa, jenem Kontinente der bestechenden Theorien und der schmutzigen Praxis. Sie werden sagen, Ehre, Gut, Leben müssen beschützt werden. Gut — obgleich ich finde, daß unsere Zeit zu viel Wert darauf legt. Man wirft den Verbrecher in den Kerker, jahrelang — ohne zu bedenken, daß das grausamer ist als jedes Verbrechen. Der Verbrecher hat sich am Besitz, am Leben eines anderen vergriffen, aber nicht an der Seele, wohlgemerkt, das aber tut die Gesellschaft. Sie martert die Seelen, sie läßt sie vermodern und verfaulen. Dabei handelt die Gesellschaft mit klarer Überlegung — könnte man fast sagen — aber der Verbrecher —? Nun?“

„Nun werden Sie aber sagen: Wenn ein Mensch jedoch ein Teufel ist, nicht wahr? Ja, aber muß denn die Gesellschaft ebenfalls teuflisch sein? Was ist das anders als niedrige Rachsucht? Es mag ja Zeiten gegeben haben, wo all das am Platze war — aber heute? Das Leben wäre ja wohl nicht mehr so bequem und so ungefährlich, das mag sein. Aber wäre es nicht besser, wenn es ein wenig mehr gefährlich wäre und dafür gerechter? Übrigens haben schon viele Leute darüber nachgedacht und Reformen geschaffen, zum Beispiel in Amerika. Man kann nicht leugnen, daß es allmählich etwas lichter wird. Von der Todesstrafe will ich ja gar nicht sprechen.“

Adele dachte nach. Sie schüttelte den Kopf. „Wie soll man es aber anstellen?“ fragte sie. „Soll man die Verbrecher etwa alle auf eine Insel verschicken?“

„Nein, dann kämen ja auf dieser Insel alle Verbrecher und Kranken zusammen.“

Grau entwickelte ihr seine Gedanken. Arbeit und Schulen, Gelegenheit den Gefallenen gesund zu machen.

„Schulen?“

„Ja, Schulen, die ihn erziehen, die ihm die Augen öffnen, ihn auf ein höheres Niveau der Anschauung vom Leben, vom Menschen, der Gesellschaft stellen. Frische Luft, gute Nahrung, viele Bewegung, Spaziergänge in Wald und Feld. Die Arbeit kann ja hart sein, in Bergwerken, Steinbrüchen, das ist einerlei, aber sie darf nicht alle Zeit in Anspruch nehmen, kaum die Hälfte des Tages.“

Adele hatte noch eine Frage. Nämlich, wenn das alles nichts helfe und der Verbrecher rückfällig werde.

Wiederum Bergwerke, Steinbrüche, Schulen. Ja, wenn er wolle, könne er ja sein ganzes Leben in den Bergwerken arbeiten und täglich ein paar Stunden spazieren gehen.

Ob Herr Grau nicht glaube, daß dadurch die Ziffer der Verbrecher steige, bei dieser linden Behandlung?

Nein, nimmermehr glaube er dies! Das moralische und ethische Bewußtsein des Volkes würde gerade dadurch gehoben werden.

Hm. Ja, aber es gäbe Verbrecher, eigenartig angelegte Menschen, die nicht eine Spur von einer moralischen oder ethischen Anlage in sich hätten, es seien oft die schrecklichsten —

„Ein Landhaus für sie in einsamer Gegend, ein Stück Gartenland.“

„Ein Landhaus!“ Adele lachte unwillkürlich. Grau errötete. Er blickte sie an. „Nun, natürlich, eine Hütte,“ sagte er sanft, „da mögen sie hausen. Man kann sie nicht erziehen, man kann sie nicht bestrafen — aber sie sind aus dem Wege.“ Ja, die Gesellschaft müsse es sich schon einiges kosten lassen, wenn sie leben wolle, wie sie es wünsche.

Sie standen auf der Brücke. „Leben Sie wohl nun,“ sagte Adele. „Das Gespräch hat mich angeregt, ich danke Ihnen.“

„Ich danke Ihnen!“ wehrte Grau ab. „Nicht weil Sie mir so aufmerksam zuhörten, sondern für Ihr Interesse an diesem Gegenstand, Fräulein von Hennenbach.“ Das sagte er mit einem warmen Blick.

„Wie lange waren Sie denn bei den Gefangenen?“

„Leider nur ein Jahr.“

„Leider?“

„Ja. Ich wäre noch gerne bei ihnen geblieben, aber es hat sich nicht so gefügt.“

„Weshalb?“

Grau lächelte. „Die Wahrheit ist die,“ sagte er, „ich habe eine Broschüre geschrieben, die einiges Aufsehen erregt hat, und man hat mich zur Strafe versetzt.“

„Ah!“ Adele gab ihm die Hand.

Grau drückte Adeles Hand und sagte ganz unvermittelt: „Ich sehe Sie dann und wann in Ihrem Parke gehen, Fräulein von Hennenbach. Einmal da trugen Sie ein brennend rotes Kostüm. Sie kamen auch bis an die Mauer, es war ein japanisches Kostüm denke ich —“

Ja, es sei für den Liederkranzball am Faschingsmontag bestimmt. Sie liebe es sich zuweilen phantastisch zu kleiden.

„Einmal da gingen Sie ganz in Gold,“ fuhr Grau fort, „es sah aus als ginge ein Sonnenstrahl im Park spazieren, möchte ich beinahe sagen.“ Er sah Adele lange an und dann nickte er. „Ich denke zuweilen an Sie,“ sagte er aufrichtig mit einem Lächeln auf den knabenhaften Lippen, „ich wünsche, daß Ihr Leben reich und herrlich sein möge, denn Sie sind sehr schön! Ich habe stets ein eigentümliches Gefühl, wenn ich Sie sehe, Fräulein von Hennenbach, denn ich hatte einst einen sonderbaren Traum von einer Frau, der Sie sehr ähnlich sind —“

Adele errötete etwas und lächelte, um ihre Verlegenheit und Verwunderung zu verbergen. „Wollen Sie mir diesen Traum nicht erzählen?“

Nein, nein, das sei eine Geschichte für sich. „Leben Sie recht wohl.“ Er lächelte und verbeugte sich, dann nahm er den Blumentopf mit der kleinen roten Tulpe auf den andern Arm und stieg zu Susannas Häuschen hinab. Er hatte Mühe, gegen den Wind anzukämpfen, der heftig über die Felder blies.

Susanna hatte sich geschmückt.

Sechzehntes Kapitel

Ein Sonnenstrahl leuchtete in Susannas Stube umher, als Grau eintrat. In Mütterchens Glasschrank, dessen Scheiben halb blind waren, wurde es auf eine Weile tageshell und man sah all die Teller und Tassen, die da standen. Auf dem Fensterbrett, dem Tisch und der Kommode standen Blumen, Tulpen, Hyazinthen und ein kleiner blühender Baum, der genau wie ein blühender Kirschbaum in kleinem Format aussah, die Blumen glänzten und lächelten als der Sonnenstrahl sie berührte und die roten Tulpen glühten als hauche man auf rote Glut.

In der Mitte ihres Gartens saß Susanna und lächelte. Der Sonnenstrahl beleuchtete ihr Gesicht und ihre Augen glänzten wie dunkles Kupfer. Sie hatte sich geschmückt.

Um die Ärmel ihres schwarzen Kleides hatte sie Spitzen genäht, um die Schultern hatte sie ein goldgelbes Seidentuch gelegt, es warf einen warmen Widerschein auf ihr schmales Gesicht. Hinter dem Kopfe lag ein weißes Kissen. Es mochte sein, daß sie sich schlechter fühlte, aber man konnte auch glauben, daß das weiße Kissen den Zweck habe, die schwarzen Haare mehr zur Geltung zu bringen. Diese Haare waren mit größter Sorgfalt frisiert, sie glänzten von irgend einer Salbe, die Zöpfchen, die über die Ohren herabhingen, waren zu Bändern geflochten, und man konnte sich recht gut vorstellen, wie lange solche kleinen müden Hände wohl dazu brauchten.

Sie lächelte als Grau eintrat und ihre Augen glänzten ihm entgegen. „Willkommen, mein Freund! Aber da haben Sie sich ja trotz meines Verbotes wiederum Ausgaben gemacht!“ Sie drohte ihm mit den Finger.

„Entschuldigen Sie nur, Fräulein Susanna!“ sagte Grau und lachte, indem er die kleine Tulpe auf den Tisch stellte. Er legte den Mantel ab, hauchte auf die Fingerspitzen, er stampfte auch mit den Füßen, ganz als ob er zu Hause wäre. „Welche Kälte, dieser Winter scheint kein Ende zu nehmen. Nun, wie geht es?“ Er gab ihr die Hand.

„Gut. Ich habe sehr gut geschlafen.“

„Ich danke Ihnen für Ihren Brief, Fräulein Susanna!“ sagte Grau und hielt Susannas Hand. „Welch ein schöner und unvergeßlicher Brief!“ Sie habe sich gedrungen gefühlt, ihm zu schreiben, denn sie vergäße so vieles zu sagen und manches lasse sich auch nicht erzählen. „Was gibt es neues?“ sagte Grau.

Endlich entzog ihm Susanna sanft die Hand.

„Sie sollten sich am Ofen wärmen,“ sagte sie mit ihrer hohen feinen Stimme, „Sie sehen ganz durchgefroren aus!“

„Ja, neues? Mütterchen hat Streit mit Herrn Eisenhut gehabt; zum hundertsten Male hat er gedroht, ihr zu kündigen.“ Dann die Blumen. „Die weiße Hyazinthe steht so matt da. Übrigens sie riecht am allerfeinsten. Sie riecht wie ein feiner Apfel, nur noch feiner. Die weißen haben überhaupt den feinsten Duft, die blauen oder roten, auch sie riechen fein, aber es ist nicht das gleiche. Betrachten Sie die gelbe Tulpe. Sie hat ihre meisten Tage gesehen, sie stirbt. Sehen Sie, wie sie verzweifelt den Kelch öffnet? Aber so riechen Sie doch daran — wie feinster Zimt, nicht wahr?“

„Hören Sie, welch prächtige Menschen es doch auf der Welt gibt!“ rief Grau aus. „Da haben Sie diese alte Frau Sammet. Was tut sie, diese arme Kirchenmaus? Heute kommt sie wieder zu mir und bringt zwölf Eier und ein halbes Pfund Butter. Ja, sage ich, was soll das eigentlich? Jetzt sind Sie erst vor acht Tagen dagewesen? Sie legt die Eier auf den Küchentisch und die Butter, aber sie rückt nicht mit der Sprache heraus. Es ist Montag, sagt sie. Sie nimmt auch kein Geld. Es ist Montag, sagt sie, sonst nichts. Also scheine ich jeden Montag meine zwölf Eier und das halbe Pfund Butter zu bekommen — ist Ihnen so etwas schon im Leben passiert?“

„Sie ist Ihnen so dankbar, die alte Frau,“ sagte Susanna, „sie weint, so oft sie von Ihnen spricht.“

„Ah!“ sagte Grau und lachte und wandte sich ab. „Da haben Sie es, sie ist ein altes Weib. Wofür, um Gottes willen, sollte sie mir zu danken haben? Nun rennt sie meilenweit in den Dörfern umher, um ihr bißchen Brot zu verdienen, und bringt mir jeden Montag zwölf Eier und ein halbes Pfund Butter — ja, vielleicht ist es ein Pfund, wer weiß es — für nichts, für rein nichts, solche Menschen gibt es unter der Sonne.“

„Sie soll jetzt eine große Kundschaft haben. Sie hat sich einen kleinen Handwagen angeschafft. Das alles hat mir Adele erzählt.“

„Fräulein von Hennenbach?“

„Ja, sie war hier. Sie hat viel von Ihnen gesprochen.“

„Wie freundlich von ihr.“

„Adele hat mir das seidene Tuch hier geschenkt, auf eine kleine Äußerung hin, auch die Spitzen hier. Ich habe nur gesagt, die Ärmel des Kleides sehen so kurz aus. Von ihr habe ich eine ganze Menge Neuigkeiten!“ Susanna lächelte schelmisch und wichtigtuend. In ihren pechschwarzen Augen glänzten goldene Funken, Reflexe des Seidentuches. „Sie haben die alte Frau Sammet auch aufgefordert im Pfarrhaus zu wohnen, ist es nicht so?“

Grau sah erstaunt auf. „Grundgütiger Himmel, welch eine Stadt ist das doch!“ sagte er. „Jeder Pflasterstein scheint ein Ohr zu haben. Ja, ich habe der alten Sammet dieses Anerbieten gemacht, weil ich vier Zimmer habe und weil ich dachte, sie könnte mir vielleicht ein wenig in der Wirtschaft helfen —“

„Aber Sie tun ja alles allein, nicht einmal die Stiefel lassen Sie sich von der Küstersfrau putzen.“ Susanna lachte.

Susanna lächelte. „Wenn Sie wüßten, was ich alles erfahren habe! Ja, bei Gott, das ist eine Stadt, jeder Pflasterstein scheint ein Dutzend Ohren zu haben, da haben Sie recht!“ Sie lachte und klatschte ein wenig in die Hände. Dabei verrückte sich das Kissen hinter ihrem Rücken und Grau eilte, ihr behilflich zu sein. Aber Susanna wurde dunkelrot und wehrte ab. Sie wollte nicht, daß er sehe, daß sie ausgewachsen war. „Es betrifft ihn, Herrn Eisenhut,“ fuhr sie leise fort, „er ist hier und Mütterchen spricht mit ihm — wegen einer Rechnung von zwölf Mark ist ein langwieriger Krieg zwischen den beiden ausgebrochen — es betrifft ihn. Sie wissen nicht, was ich meine? Nein? Wie klug Sie es auch angestellt haben, es ist doch bekannt geworden. Ja, zuerst haben Sie einen Schulknaben herausgefischt und ihm das Versprechen abgenommen, nicht mehr hinter Herrn Eisenhut herzulaufen und Spottlieder zu singen, auch das Versprechen, daß er niemandem etwas sagen sollte, daß Sie mit ihm sprachen — dann einen zweiten und dritten und auf diese Weise alle zusammen, aber es ist doch bekannt geworden.“

Grau zog die Brauen zusammen, seine Augen wurden groß, er sah niedergeschlagen und unglücklich aus. „Es ist also glücklich herausgekommen, wie?“ sagte er leise. „Ich hätte es mir denken können, wenn ich ein klein wenig mehr gedacht hätte, so hätte ich es mir — ja, es war ein schlechter Einfall. Auf diese Rangen ist kein Verlaß! Ich habe gedacht, sehen Sie, es war so, ich habe es gesehen, wie sie hinter Eisenhut herliefen und sangen. Er war ein wenig angetrunken. Sie sangen und schrieen und tanzten, grausam, wie Kinder sein können, die Polizei wollte sie verjagen, aber das gelang natürlich nicht, und nun sah ich, daß Eisenhut sich gegen alle umwandte und eine hilflose Gebärde machte. Diese Gebärde aber und vor allem sein Blick — nein, wie dumm ich es aber angestellt habe —“ Er schüttelte den Kopf und sah auf den Boden.

Susanna aber lächelte und begann von neuem: „Sodann sagen die Leute, Sie seien eine Art Freidenker und gar kein Geistlicher, wie er sein soll. Auch sagt man, Sie lebten in Feindschaft mit dem Dekan in Weinberg.“

Grau schien gar nicht zuzuhören. Er blickte zum Fenster hinaus. Der Schnee sah eigentümlich rot aus und die Wolken waren kupferrot und drohend. Aber rasch erblaßten die Farben und ein schweres düsteres Grau schlug über die Erde zusammen. Nun wurde das Feuer im Ofen lebendig und tauchte Susannas Gesicht in zarte huschende Glut.

Grau sah Susanna an und lächelte. „Wie schön das Feuer doch Ihr Gesicht macht,“ sagte er leise, gleichsam als spräche er für sich selbst. Dann sagte er: „Was ist doch mit der Bank, von der Sie in Ihrem Briefe schrieben? Sie nannten sie ‚meine‘ Bank, es muß also eine ganz besondere Bewandtnis mit der Bank haben? Wollen Sie mir nicht davon erzählen?“

Susanna zögerte. Aber dann feuchtete sie die Lippen mit der kleinen Spitze ihrer Zunge an und begann: „Wenn man um das Haus herum geht, über den Bach hinüber und dann die Höhe hinaufsteigt, so kommt man an diese Bank. Hier saß ich schon mit zwölf Jahren. Aber nur dann und wann. Später öfter und endlich saß ich jeden Abend dort, wenn die Sonne sank. Die Bank liegt so hoch! Von ihr aus sieht man ein Stückchen von der Stadt und das sieht so friedlich aus, jenes Stückchen, mit den alten Häusern und den vielen rauchenden Kaminen. Dann sieht man die breite Landstraße weit hinab ins Tal ziehen und man sieht auch das Bahngeleise. So hoch liegt die Bank, daß man über das Bahnhofgebäude hinweg noch die Waggons auf den Rangiergeleisen stehen sieht. Noch etwas gutes hat die Bank, sie liegt so versteckt, müssen Sie wissen, daß jemand nahe an ihr vorbei gehen kann, ohne einen zu sehen. Dann hat sie auch im Sommer ein ordentliches Dach aus grünen Blättern, so daß es nicht durchregnen kann. Das ist gut. Hier saß ich und blickte über das Land hinaus und träumte. Ich träumte — ja, mein Gott, ich träumte alle möglichen Dinge hier oben. Ich war jung, ich war fröhlich! Ich träumte und träumte, aber da wurde es ganz eigen mit meinen Träumen. Was war es doch, ja, was sollte es sein? Was wollte ich hier und was nagte an meinem Herzen? — Ich wartete! Ich wartete! Das war es, ich wartete und wußte nicht, worauf ich wartete. Ich wußte es lange nicht, hören Sie, so lange, vielleicht zwei Jahre lang nicht. Aber ich wartete und ich dachte: Ja, worauf wartest du denn eigentlich? Ich wußte nur, daß ich wartete. Was sollte denn kommen, wie und wann denn eigentlich? Nicht wahr? Aber ich saß da und wartete, wartete und die Sonne ging unterdessen unter. Ich glaube, es gibt keinen Menschen auf der Welt, der so oft in die untergehende Sonne blickte wie ich! Auf der Landstraße kam ein Wagen daher, ein Fußgänger, ein Trüpplein Kinder. Sonst nichts. Heute? Ist es das? Ich blickte hin und her, weit hinein ins Land, weit hinab die Straße. Nun war die Sonne gesunken, ich ging nach Hause. Aber etwas in mir wartete unausgesetzt, auch auf dem Weg nach Hause, auch zu Hause, aber richtig und bestimmt wartete ich eigentlich nur oben auf der Bank.“ Sie schwieg.

„Weiter?“ sagte Grau leise. Er saß und sah sie an.

Susanna feuchtete wieder die Lippen mit der Zungenspitze und fuhr fort: „Da saß ich Tag für Tag, da droben auf der Bank, sah die Sonne sinken, und wartete und wußte nicht, worauf ich wartete. So ging der Frühling und der Sommer und der Herbst und so ging der Winter. Ich wartete. Die Tage wurden lang, die Tage wurden kurz. Das konnte man so gut beobachten, am Expreßzug nämlich. Ich höre ihn auch jetzt noch jeden Nachmittag rauschen, aber ich kann ihn nicht mehr sehen, nur die kleine Postkutsche, die gelbe, die sehe ich jetzt. Im Sommer da war es lichter Tag, wenn er kam, er tauchte auf als kleiner Punkt zwischen den Feldern und roten Dächern der fernen Dörfer, flog heran und flog in die Ferne und ließ nichts zurück als einen kleinen Schreck und ein feines Klingen in der Luft. Im Frühling und Herbst da kam er in der Dämmerung, und im Winter da kann man ihn gar nicht sehen, nur ein feuriger Streifen fliegt vorüber und man hört ihn donnern, viel lauter als im Sommer. Da fing es immer mit den Träumen an, wenn ich ihn sah, und ich hatte Sehnsucht mit ihm zu fahren. Ich reise leidenschaftlich gern, aber ich bin nie weit gekommen und nur zweimal kam ich fort. Ich und Mütterchen zusammen, wir sollten einsteigen, wir zwei, unsere Billete in der Hand — er sollte ja extra für uns beide halten! Ja, großer Himmel, wie oft habe ich das gedacht! Wie viele Reisen haben Mütterchen und ich zusammen gemacht! Und denken Sie sich, daß der Zug extra für uns zwei anhalten sollte, alles würde erstaunt sein, die Beamten, die Leute, auch die Reisenden, daß er hält in dieser kleinen Stadt, nicht wahr, ausnahmsweise sollte er anhalten. Vielleicht würde nun kein Platz sein und ein freundlicher alter Herr würde sein Reisegepäck ins Netz legen und zu Mütterchen sagen: Wollen Madame nicht Platz nehmen? Vielleicht wäre es ein Franzose und er würde uns französisch ansprechen. Vielleicht aber würde nun noch nicht Platz für mich sein und der freundliche alte Herr würde die Zeitung zusammenlegen und sagen: Wollen Sie nicht meinen Platz nehmen? Mille merci, monsieur, würde ich sagen, ich stehe sehr gern und sehe zum Fenster hinaus. Der Zug kommt von Paris und geht nach Wien, und von Wien geht er weiter — immer weiter, bis Konstantinopel. Ja, bei Gott, wie viele Nächte schläft man wohl, bis er endlich, endlich hält? Nun, was gibt es da nicht zu träumen? Man konnte einmal nach Paris fahren, einmal aber nach Konstantinopel, wie man wollte. Paris, Paris, dachte ich, so weit ist es, so fern, es lockt, schon der Name, nicht wahr? Und ich dachte an Paris und ich stellte es mir vor wie eine Stadt, in der immer ein Feuerwerk ist und die Leute Feste feiern und in den Straßen ziehen, als ob jeden Tag ein König zu empfangen wäre. Welche Hüte sie dort tragen, welche Kleider, wie sie sich verbeugen, verneigen und alle fein und graziös sprechen und so schnell, daß niemand sie verstehen kann. Dann müßte es auch hohe spitze Türme haben, die in der Sonne funkelten, denn die Dächer der spitzen Türme waren vergoldet. Und die Museen so still, so kühl, grüne Grotten, und da müßten die Statuen aus Marmor stehen, so schön und so alt, und die sie meißelten sind lange tot. Von daher kommt der Zug, und er saust und saust und zuweilen heult er in großen Bahnhöfen und wenn Sie hinausblicken, so blenden Sie all die vielen Bogenlampen, die da hängen. Aber je weiter er nach dem Osten fährt, desto niedriger werden die Häuser und ich stellte mir die fremden Städte vor, viele, viele fremde Städte mit dicken, runden Türmen und roten und gelben Dächern. Sogar die Menschen stellte ich mir kleiner vor, dick mit runden Backen, in gelben und roten Kleidern. Wenn Sie nun hinhorchen, was sie sprechen, so verstehen Sie keine Silbe mehr, denn sie sprechen alle eine fremde Sprache. Plötzlich aber hielt der Zug und da sind wir nun. Da ist die Sonne, so viele, viele Sonne und — Palmen! Die Sonne ist wie ein heißer Nebel und wenn Sie gehen, so durchdringt Sie die Sonne und Sie fühlen, wie Sie warm werden und glühen durch und durch und plötzlich kommt ein neuer Geist über Sie. Können Sie sich diese Sonne vorstellen, die ich meine?“

Sie blickte Grau an und wartete. Über ihr Gesicht huschte der Schein des Feuers. Sie zog das Tuch um die Schultern, als ob sie friere, und wandte die großen Augen dem Feuer zu. Sie lächelte.

„Können Sie sich diese Sonne vorstellen, die ich meine, gerade diese Sonne?“ fragte sie, da Grau nicht antwortete.

„Ja,“ sagte Grau mit auffallend tiefer Stimme. Das aber war wahr, denn er sah diese Sonne vor sich, gerade diese Sonne — er, der so viel von Licht und Sonne träumte — er sah diese Palmen, in einem Nebel von Sonne zittern, genau wie Susanna es beschrieb.

Susanna lächelte und fuhr mit hoher, dünner Stimme fort: „Die Leute aber haben einen Turban auf, rot oder grün oder gelb, mit Edelsteinen übersät, und sie rauchen aus langen Pfeifen. Sie sehen aber so aus als ob sie in Teppiche gehüllt wären, und nun können Sie sich wohl vorstellen, wie das blitzt und funkelt, zumal wenn die Pfeifen aus Gold und Silber und mit Edelsteinen besetzt sind — und wie hübsch sich der Rauch aus dieser Unmenge von Pfeifen in der Sonne ausnimmt. Die Türme sind spitz wie Nadeln und funkeln ebenfalls, es gibt viele, viele Kuppeln aus farbigem Glas, die Sonne leuchtet und leuchtet durch alles hindurch, so daß alles durchsichtig aussieht, die Türme, die Kuppeln, die Leute, die Gesichter, die Palmen, die Kamele und Elefanten — denn da gibt es unzählige! — die Pfeifen — können Sie sich das vorstellen?“

Je mehr Susanna sprach, desto glänzender und größer wurden ihre schwarzen Augen, und je mehr sie von der Sonne sprach, desto mehr fröstelte sie. Zuweilen sprach sie ganz langsam und ihre kleinen abgezehrten Hände beschrieben alles mit, was sie erzählte. Wenn sie Turban sagte, so tat sie, als schlinge sie sich ein Tuch um die Stirne, sprach sie von den Pfeifen, so fuhr sie wagrecht von den Lippen aus mit den Fingerspitzen in die Luft, dann formte sie den Pfeifenkopf und darauf ließ sie die Finger emporwirbeln, daß man den Rauch ordentlich emporsteigen sah. Sprach sie von den Elefanten, so machte sie die Augen klein und listig und zeichnete sich einen langen Rüssel an die Nase. Meistens aber sprach sie hastig, wie im Fieber, und ihre eingesunkene schmale Brust arbeitete krampfhaft. Auf ihren Wangen erblühten giftige Rosen.

Sie fror. Sie legte die Fingerspitzen an die Wangen, ihre Augen fieberten, ihr Mund lächelte.

„Nun rennt einer auf uns zu und schreit und brüllt. Mütterchen bekommt Angst. Was will er nur? fragt sie, dieser Türke. Vielleicht will er deine Tasche tragen, Mütterchen. Ich fühle mich gar nicht wohl bei diesen Ungläubigen. Sage ich: Sie glauben an Gott wie wir, Mütterchen, und plötzlich spreche ich türkisch! Hören Sie, ich spreche türkisch! Ich öffne den Mund und es geht, ich verstehe, ich spreche. Haha — Mütterchen steht da und staunt, und die Türken paffen aus ihren Pfeifen und lachen über sie. Ich aber erkläre ihnen, daß das meine Mutter ist. Da nehmen sie alle die Pfeifen aus dem Munde, alle, alle, und verneigen sich bis zur — bis zur Erde —“

Susanna hielt inne und lauschte.

Man hörte Mütterchen in der Küche draußen mit Geschirr klappern. Man vernahm auch Eisenhuts Stimme. Er sagte etwas und Mütterchen machte pst, pst! Aber Eisenhut kümmerte sich nicht darum. Er sagte laut: „Ach was! Machen Sie doch keine solche Wirtschaft! Es ist sein Beruf Krankenbesuche zu machen, dafür wird er ja bezahlt, punktum.“ Er sagte es absichtlich laut, damit man es durch die Türe höre. Mütterchen schrie leise auf und sagte: Pst, pst! Eine Tasse klirrte am Boden und Eisenhut lachte belustigt. Er meckerte nicht, er lachte ganz anders als sonst.

Es war still im Zimmer und man hörte die kleine Uhr ticken und schnarchen, denn die kleine Uhr hatte die Angewohnheit zuweilen zu schnarchen, als ob sie aufatme.

Susanna errötete, ganz langsam stieg ihr das Blut ins Gesicht, während sie die großen Lider niederschlug, die an die Lider eines Vogels erinnerten. Sie saß still, bewegungslos und wagte kaum zu atmen.

„Wie geht es weiter mit Ihren Türken?“ fragte Grau.

Aber Susanna wandte ihm den Blick zu, mit einer hilflosen Bewegung der Hände flüsterte sie hastig: „Er hat getrunken, Sie hören es am Lachen. Er hat auch sein Gewehr dabei, da steht es zumeist schlimm um ihn. Dann kann er so boshaft sein, so schrecklich boshaft.“

Grau lachte. „Er wollte Mütterchen erschrecken, das tut mir leid,“ sagte er absichtlich laut. „Was seine Bemerkung anbetrifft, so weiß er recht gut, daß ich so etwas richtig auszulegen verstehe. Er weiß es recht gut, denn er ist klug, Herr Eisenhut!“

Eisenhut räusperte sich in der Küche.

„Freilich! Sie sind so vernünftig,“ hauchte Susanna. „Nun wird Mütterchen sich aber nicht ins Zimmer wagen?“

„Klingeln Sie ihr!“

Susanna klingelte und Mütterchen erschien zaghaft in der Türe. Sie trug ein Servierbrettchen in der Hand.

„Die Zeitung — die Zeitung, nehmen Sie die Zeitung nur mit!“ rief Eisenhut, dessen gerötetes Gesicht in der Türspalte erschien. Er beugte sich vor und legte ein Zeitungsblatt auf das Servierbrett. „Für ihn, für Herrn Grau!“ fügte er hinzu und lachte und zog die Tür zu.

Susanna wurde glühend rot. Mütterchen wagte Grau nicht in die Augen zu blicken. „Wenn der Herr mir die Ehre antun wollen?“

Grau dankte. Er wechselte einige Worte mit Mütterchen und Mütterchen schlich sich wieder hinaus.

„So ist es gut!“ sagte Susanna mit einem dankbaren Blick. „Nun ist sie glücklich! Was ist es denn mit der ‚Zeitung‘?“ fragte sie. „Was will er nur damit?“

Grau fand eine angestrichene Notiz: Der Geselle Anton Hammerbacher hat vor dem Vormundsgericht die Vaterschaft des Kindes der Dienstmagd Margarete Sammet eingestanden. An den Rand hatte Eisenhut geschrieben: „Seiner Aussage ist unbedingter Glaube zu schenken — hahaha! Eisenhut!“

Grau verbarg rasch sein Erstaunen.

„Aber Ihre Notiz in der Zeitung?“ sagte Susanna.

Grau zuckte die Achseln. „Man kann sich täuschen,“ sagte er, „aber kümmern wir uns nicht um diese Geschichten, Fräulein Susanna!“ Wie sonderbar, dachte er, deshalb hat wohl Herr Eisenhut getrunken, weil diese Notiz erschien! Ein merkwürdiger Mann! Er lächelte und wandte Susanna den Blick zu und sie mußte ihn ansehen. Susanna besann sich, was Graus Blick zu bedeuten habe.

„Sie haben nicht zu Ende erzählt.“

Susanna schüttelte den kleinen Kopf. Alle Lust habe sie verloren.

„Sie haben angefangen, Sie müssen fortfahren,“ beharrte Grau und sah Susanna in die Augen, „bis ans Ende müssen Sie erzählen. Sie sind übrigens plötzlich mit dem Expreßzug davon gefahren, und was ist aus Ihrer Bank geworden? Die haben Sie wohl ganz vergessen?“

Susanna sah ganz erschrocken aus. Ja, bei Gott, da habe sie gänzlich diese Bank vergessen! „Wie aufmerksam Sie doch zuhören?“ sagte sie und richtete sich auf. „Ich habe die Bank vergessen, das ist wahr. Ich — ja, lassen wir die Türken sein. Was wollte ich doch bei den Türken? Ich werde Ihnen erzählen, denn ich muß Ihnen alles sagen. Ich muß! Sprechen Sie, wie ist das: Sie sagen, erzählen Sie, Sie sagen ein kleines Wort und ich muß Ihnen folgen. Sie sehen mich an und ich muß. — Adele hat mir erzählt, Sie sind bei einem schwerkranken Flickschneider gewesen, der vor Schmerzen nicht schlafen konnte, und Sie haben zu ihm gesagt: ‚Schlafen Sie‘ und sahen ihn an. Da schlief er.“

Grau schüttelte den Kopf.

„Doch!“ sagte Susanna. „Die ganze Stadt spricht darüber, selbst die Ärzte, denn sie konnten ihn ja nicht mehr einschläfern.“

Grau lächelte.

„Er schlief ja fast schon, Fräulein Susanna. Da legte ich ihm die Hand auf die Stirn und sagte: Schlafen Sie — das ist alles.“

Susanna lachte und hustete. „Ich sagte ja ganz dasselbe, mein Freund, nichts andres. Es ist ja so merkwürdig mit Ihnen. Sie kamen zu mir herein und sofort begann ich zu erzählen, Dinge, die ich noch niemand erzählt habe, und doch waren Sie ein Fremder. Aber ja, ich will fortfahren, lassen Sie mich alles sagen. Es tut gut. Ich liebe es. Wir waren bei den Türken, nicht wahr? Bei den Träumen, ja.“

„Die Sie träumten, während Sie auf der Bank da droben saßen und warteten.“

„Ja, als ich wartete.“

„Sie warteten und wußten es lange nicht, worauf sie warteten. Vielleicht zwei Jahre lang wußten Sie es nicht.“

Susanna lächelte fein. „Wie gut Sie aufmerken!“ wiederholte sie. „Jedes Wort wissen Sie. Ja, damit fing ich an und dann vergaß ich es ganz und verlor mich in Träumen. Es passiert mir jetzt häufig, daß ich den Faden der Erzählung verliere, mein Gedächtnis wird sehr schlecht, auch ist es mir oft so schwer mich zu sammeln. Lassen Sie mich nachdenken. Ich wartete, sagte ich, ja, ich wartete und die Tage gingen, Frühling ging, Sommer ging, Herbst ging, Winter ging — die Jahre gingen und ich wartete. Jeden Abend saß ich da oben auf der Bank und wartete ohne zu wissen, worauf. Ich spann Träume, ich träumte all diese Dinge, von denen ich Ihnen erzählte, immer neues, immer mehr. Aber die Traume füllten mich nicht aus. Es blieb eine große Leere und diese große Leere habe ich fast wie eine Höhlung in mir, in der Brust, gefühlt, wie ein Loch, wo gar nichts war: Das war das Warten. Ich wartete immer sehnsüchtiger, aber nie war ich ungeduldig. Es gab manches in unserer Familie, nicht besonders viel, aber doch einiges. Wie Vater seine Stellung aufgab — da litt ich, für Vater, für Mütterchen, wir standen so allein, wir zwei, und mußten uns verkriechen und allein sein. Wir wollten es auch so. Es ging uns auch zeitweise etwas knapp. Aber ich sage Ihnen, ich habe nie Hunger gelitten, denn Mütterchen, hören Sie, sie kann ja auch aus nichts etwas machen und immer fand sie etwas. Ich war nie ungeduldig. Ich wartete und dachte, man müsse etwas Geduld haben. Es konnte nicht so bald kommen, wiederum aber konnte es doch schon morgen oder übermorgen da sein. Und ich sehnte mich und wartete. Und endlich, endlich, da wußte ich, worauf ich wartete. Ich wartete auf etwas Seltenes!“

Susanna hielt inne und sah Grau an. Ihre Augen waren groß und glühend. „Seltenes!“ wiederholte sie und sie sprach das Wort aus wie ein unheimliches fremdes tiefes Wort. Dann lächelte sie schmerzlich und indem sie ins Feuer starrte fuhr sie fort: „Auf etwas Seltenes und Großes! Nicht auf etwas Alltägliches, nein, auf etwas, das nicht jeden Tag zu den Menschen kommt, auf etwas Seltenes und Großes. Vielleicht so groß und selten, daß mein Herz es nicht ertrüge. Aber was würde wohl größer, süßer und seltener sein, als eben etwas, das unser Herz nicht ertrüge? Oh, so unfaßbar sollte es sein. Ich stellte mir das Unfaßbare, dieses Seltene vor. Es erfüllte mich, es blendete mich und oft schlug ich die Hände vors Gesicht und lachte und weinte: Weil es so groß, so herrlich, so blendend und so selten war. Aber ich wußte ja nichts davon?“

Susannas Stimme sank zu einem Flüstern herab, das Lächeln irrte hin und her auf ihren Lippen, sie senkte den Kopf. Sie fügte leise und singend hinzu: „Und ich träumte davon — wie es wohl sein würde — wenn das Seltene mich verklärte — wenn es mich niederbeugen würde mit seiner süßen Schwere — niederbeugen — wie der Tau — der Tau die kleine Glockenblume niederbeugt — wenn der große Tag erschien, da es kann —“

Susannas Stimme erstarb. Sie lächelte und blickte in das Feuer. Lange. Aber dann, mit einer plötzlichen, unerwarteten Bewegung schlug sie die Hände heftig vors Gesicht und krümmte sich zusammen. Sie krümmte sich wie unter einer Last, sie bog den Kopf und die Brust vor und ihre Stirne drückte sich auf die Knie. Ihre schmalen Schultern zuckten. Das geschah so schnell und mit solch schmerzlicher Leidenschaft, daß Grau erschrak und vom Stuhle auffuhr. Susanna krümmte sich tiefer und preßte die Stirn zwischen die Knie, ihre Schultern zuckten und sie begann am ganzen Körper zu beben. Plötzlich fing sie an zu husten. Sie hustete pfeifend und schrecklich, sie nahm eine Hand vom Gesicht und winkte Grau, hinauszugehen.

Grau verließ das Zimmer. Ihm schwindelte und sein Herz pochte laut in der Brust. Es war kalt hier außen, die Dämmerung war grau und des Winters trübes, vergrämtes Gesicht stand riesengroß über die Erde gebeugt.

Er ging wieder hinein. Susanna lächelte heiter. Sie war sehr bleich. Sie reichte ihm die Hand hin und sagte: „Vergessen Sie es. So töricht war es von mir. Wie konnte es doch so heftig über mich kommen! Es ist ja nicht so, schon lange ist es ja nicht mehr so.“

„Erzählen Sie weiter!“ sagte Grau leise und blickte Susanna an.

Und Susanna fuhr fort: „Es verging ein Jahr und wieder ein Jahr, Jahr um Jahr verging. Nein, es kam nicht! Und so ist es: Zuerst, da hat die Frage gesungen in mir. Es klang: Wann kommt es? Und ich bebte vor Sehnsucht und Freude der Erwartung. Ich stand auf dabei und mußte einige Schritte gehen. Die Zeit verstrich und nie kam es. Nun sang die Frage nicht mehr in mir. Nun war es ganz leise und ohne Musik: Wann kommt es? Und ich bebte wohl noch ein bißchen, aber es war nicht das alte Beben, ich stand auch nicht mehr auf, nein, ich fühlte wie die Füße mir etwas schwer wurden. Und jetzt? Jetzt weiß ich, daß es ein Traum war, der Traum eines jungen Mädchens, wie jede ihn träumt. Ja, aber doch denke ich zuweilen noch — zuweilen klingt es noch in mir: Es kommt doch, es kommt doch!“

Sie lächelte und blickte Grau an.

Und Grau sagte leise: „Warum sollte es nicht mehr kommen?“

Susanna schüttelte langsam den Kopf. Sie antwortete nichts. Dann schüttelte sie wieder den Kopf und sie sagte heiter: „Nein, ich glaube es nicht mehr, das ist es. Früher hoffte ich und ich glaubte, daß es käme, jetzt hoffe ich zuweilen noch — ach, selbst wenn man verzweifelt, hofft man ja noch — aber ich glaube es nicht mehr. Ich bin nicht unglücklich. Das kommt vielleicht von der Krankheit, daß ich nichts mehr wünsche. Einen Wunsch habe ich noch, wissen Sie welchen?“ Aber ehe Grau antworten konnte, fügte sie hinzu: „Ich möchte noch einmal die Blumen auf dem Felde sehen.“

Grau stand hastig auf und ging in der Stube umher. „Hören Sie, Fräulein Susanna,“ sagte er und lachte halblaut, „hören Sie, Fräulein Susanna,“ wiederholte er und lachte, „Sie sind bescheiden, das muß man sagen, zu bescheiden!“

Susanna betrachtete ihn erstaunt und folgte ihm mit den Blicken.

Grau ging an ihren Sessel heran und lächelte. „So übermäßig bescheiden brauchen Sie nun gerade nicht zu sein. Vielleicht werden Sie noch die Welt sehen, ja, wer kann es wissen, vielleicht werden Sie noch dieses Paris sehen, wo ein ewiges Feuerwerk knattert und die Statuen in den kühlen, grünen Grotten der Museen stehen und diese Sonne, die wie ein heißer Nebel ist, diese Muselmänner mit den Pfeifen. Sie und Mütterchen, wer kann es denn wissen? Und das, worauf Sie warten, das Seltene, ja, warum um alles in der Welt sollte es denn nicht mehr kommen? Nun sind Sie krank und müde, aber sobald es Frühling wird — meine Freundin, meine liebe Freundin?“

Susanna blickte ihn an und ihre Augen füllten sich langsam mit Traurigkeit. Sie schüttelte langsam den Kopf und lächelte mit den traurigen Augen. Sie sagte nichts.

„Sobald es Frühling wird,“ wiederholte Grau, und seine Augen nahmen einen bannenden Ausdruck an, „da werden Sie ganz anders denken!“ Er lächelte und begann im Zimmer umherzugehen. Sie sprachen nichts mehr. Die Uhr tickte und schnarchte und in der Küche draußen gackerten die Hennen, die gefüttert wurden. Grau stand am Fenster und blickte hinaus, der Schnee leuchtete in tiefem Violett. Er ging an den Glasschrank und blickte hinein, er betrachtete eine Photographie an der Wand. Von Zeit zu Zeit richtete er den Blick auf Susanna. Es wurde ganz dunkel im Zimmer. Plötzlich ging Grau auf Susannas Sessel zu. Es war so dunkel, daß er nur ihre Hände, ihr Gesicht und den Glanz der Augen sah. Er legte eine Hand auf die Lehne des Stuhls und blickte Susanna lange an.

„Haben Sie da droben auf der Bank nicht auch von Liebe geträumt?“ fragte er flüsternd.

Susannas Blick wurde starr. Ihr Gesicht sah plötzlich viel dunkler aus, sie errötete. Sie regte sich nicht, sie sah ihn an.

Grau ging langsam weg; er trat ans Fenster. Hier stand er lange, dann verabschiedete er sich hastig. „Grüßen Sie Mütterchen, Susanna,“ sagte er. „Auf Wiedersehen.“ Er ging.

Als er das Gärtchen durchschritten hatte, blieb er am Türchen stehen und zögerte es ins Schloß zu werfen. Er blickte auf das Fenster und wartete. Da erschien ein kleines, fahles Gesicht an der dunkeln Scheibe, er warf das Türchen ins Schloß und ging rasch weg.

Zweiter Teil

Erstes Kapitel

Der Liederkranzball bildete den Glanzpunkt des gesellschaftlichen Lebens in der kleinen Stadt und kehrte seit undenkbarer Zeit ebenso sicher wieder wie der Faschingsmontag. Die ganze Stadt lebte davon, ob man nun dabei war, am Hotel stand und die Masken hineingehen sah, oder nur die Berichte des „Gauboten“ las, der alle Reden, humoristischen Vorträge usw. ausführlich brachte, ganz einerlei. Für dieses Jahr hatte der „Gaubote“ als Programm angekündigt: Im Reiche der Mitte. „Nachdem am Sonntag ein lustiges Maskentreiben die sonst vom gewerblichen Fleiß widerhallenden Straßen unserer geliebten Vaterstadt erfüllte —“

Dieses lustige Maskentreiben bestand darin, daß ein paar Hanswurste mit Schweinsblasen knallten und ein als Frau verkleideter Schlotfegergeselle auf einem Fahrrade hin- und herraste, abgesehen von einigen Kindern, die als Tiroler, Rotkäppchen und Clowne verkleidet in den Straßen einherstolzierten.

Auch von dem Ball des Liederkranzes zu reden würde sich kaum lohnen, wenn sich dabei nicht einige recht sonderbare Dinge ereignet hätten.

Grau war von verschiedenen Seiten eingeladen worden, aber er hatte keine Lust, den Ball zu besuchen. Er verbrachte den Abend in der Gesellschaft von Susanna und Mütterchen.

Sie leerten jene Flasche Rotwein, die Grau von seinem Freunde, dem Gefängnisdirektor, seinerzeit auf die Reise mitbekommen hatte, sie tranken, lachten und plauderten und Mütterchen hatte ordentlich aufgekocht. Es war schon spät als Grau aufbrach um nach Hause zu gehen. Er schritt über den Marktplatz und plötzlich bemerkte er einen Burschen mit heller Bluse, einer niedrigen Kappe und einem starken Nacken; der Bursche stand gerade vor dem festlich beleuchteten „Elefanten“ und blickte ins Tor hinein. Es war Hammerbacher. Grau blieb stehen.

Er suchte Hammerbacher seit einigen Tagen, konnte ihn aber nirgends finden. So viel er hörte, hatte der Geselle seine Stelle verlassen und trank mit einigen Burschen in den Wirtschaften der Umgebung — seit jenem Tage, da die Notiz in der Zeitung gestanden hatte.

Grau war so erregt, daß er augenblicklich auf den Burschen zugehen wollte, aber er besann sich. Er ging über den Platz und beobachtete von hier aus den Burschen. Hammerbacher ging hin und her, wie ein Posten. Zuweilen stampfte er auf den Boden, um die Füße warm zu halten, und jedesmal, wenn er am Tore vorbei kam, blieb er eine Weile stehen und lugte hinein. Er schüttelte den Kopf, blickte auf die Uhr und begann wiederum seine Wanderung. Er wartete! Ja, natürlich, er wartete! Es gab nichts mehr zu sehen, kein Mensch stand mehr vor dem Hotel, es war überdies empfindlich kalt. Aber Grau wollte ganz sicher gehen, er ging unten am Platze eine halbe Stunde lang auf und ab, während Hammerbacher vor dem Hotel Posten stand. Ein merkwürdiger Gedanke stieg in ihm auf.

So rasch wie möglich eilte Grau nach Hause, kleidete sich um und nach einer kleinen Weile kam er wieder rasch die Stufen herab.

Die helle Bluse Hammerbachers leuchtete gerade unter dem Tore. Er wartete immer noch.

Grau berührte Hammerbachers Schulter und sagte: „Wünschen Sie, daß ich den Herrn herunterrufe, ich gehe gerade hinein?“

Hammerbacher fuhr herum, er blickte Grau erschrocken an, schlug die Augen nieder und nahm die Kappe ab. „Guten Abend.“

„Nun, wie steht es, soll ich den Herrn herunterrufen? Es ist nicht sehr angenehm zu warten in dieser Kälte, nicht wahr?“

„Welchen Herrn?“

„Wie gut wir uns verstehen!“ sagte Grau und blickte den Burschen scharf an. „Ist es nicht merkwürdig, wie gut wir uns verstehen?“

Hammerbacher lächelte verlegen. „Ich habe damals gelogen, als ich bei Ihnen war, aus Not — sie ließen mir keine Ruhe mehr — dieses Gestichel —“

Grau schüttelte den Kopf: „Wie konnten Sie nur so etwas tun?“ sagte er mit mildem Vorwurf. „Das hätten Sie nicht tun sollen, es hat Sie befleckt für immer. Nein, sagen Sie mir nichts, ich weiß wohl, wann Sie gelogen haben, Hammerbacher. Damals haben Sie nicht gelogen, denn damals konnten Sie gar nicht lügen, das wissen Sie recht wohl!“

Sie hätten ihm ja keine Ruhe mehr gelassen.

Grau schüttelte den Kopf. „Geben Sie sich weiter keine Mühe mehr!“ rief er zornig aus. „Ich habe mir recht wohl gedacht, daß Sie zu Dem und Jenem fähig sein könnten, deshalb habe ich Ihnen so dringend nahe gelegt das Andenken jenes unglücklichen Mädchens hoch zu halten. Seien Sie nur still! Ich will Ihnen das eine sagen, daß Sie von meiner Seite aus nicht das geringste zu befürchten haben werden. Aber ich werde nicht ruhen — ich werde nicht eher ruhen! — bis ich jenen Herrn gefunden habe, der Sie beschwätzt hat, um ihn an seine Pflicht zu erinnern. Sagen Sie ihm das! Leben Sie wohl — wenn Sie einmal einen Rat brauchen, ich stehe zu Ihrer Verfügung. Es läßt sich noch alles in Ordnung bringen, überlegen Sie es!“

Grau stieg hinauf in den Saal, wo er mitten in den Trubel des Festes trat.

Der Saal war angefüllt von Menschen, er war so voll, daß man sich kaum bewegen konnte. Alles lachte, schrie, riß den Mund auf, alle waren in übermütiger, vom Tanzen und Trinken erregter Stimmung. Eine Menge von Chinesinnen und Chinesen in allen denkbaren Kostümen und Farben schob sich hin und her und wo man hinsah, erblickte man Zöpfe, Pfauenfedern, Schirme, Fächer, breite chinesische Hüte, in fortwährender Bewegung. Der Saal aber hatte sich verwandelt in eine chinesische Straße mit Tee-, Kaffee-, Sekt-, Wein-, Bier- und Verkaufsbuden; bunte schmale Tücher mit phantastischen Drachen und Schriftzeichen hingen von der Decke herab und überall brannten Lampione in allen Farben und Formen, klein, nicht größer als eine Faust, mächtig groß und dick wie ein Faß, glühend rot, zart und schimmernd und manche verblaßten vollständig in all dem Rauch und Dunst, der aus der lachenden, treibenden Menge emporstieg.

Grau hatte keine Zeit alles genau zu betrachten, er begann augenblicklich fieberhaft zu suchen.

Der erste Bekannte, den er sah, war Eisenhut. Er trug ein unglückliches, gelbes Kostüm, eine Art Sack mit weiten Ärmeln, eine gelbe runde Mütze und merkwürdigerweise einen hohen Stehkragen, in den er den Spitzbart drückte, so daß er wie ein Pinsel vorsprang. Er trug eine gelbe Maske, aber jeder mußte ihn sofort erkennen, an seinem Spitzbart, den tiefen Furchen um den Mund, der Körperhaltung. Er schlich sich durch die Menge und seine kleinen Augen lugten mit komischer Lebhaftigkeit aus den Schlitzen der Maske, er ging, als wolle er alles sehen und selbst nicht gesehen werden.

Einen Augenblick lang ruhten ihre Blicke ineinander, aber Grau blickte weg, als ob er ihn gar nicht kenne. Er wollte ihm die Freude nicht rauben. Zwei Chinesinnen stürzten auf Eisenhut zu und drängten ihm Zigaretten auf, aber Eisenhut machte eine ärgerliche Handbewegung und entfloh zu einer Weinbude, wo er rasch ein Glas Wein hinunterstürzte.

Die Menge kam aus irgend einem Anlaß in Bewegung und Grau wurde dicht ans Orchester gedrückt, wo ihm die Baßtrompete direkt ins Ohr plärrte. Er verlor Eisenhut aus den Augen. Plötzlich wurde er von zwei Seiten angepackt. „Herr Grau, Herr Grau!“

Es waren die Schwestern Sinding, die ihn bestürmten, Sie hatten glühendrote Wangen. In ihren losen Kostümen sahen beide etwas dick aus. Hahaha, also er sei doch hier! Welch ein Lärm, abscheulich, puh! Aber er sei wohl Nichtraucher?

„Wir haben Zigaretten zu verkaufen — buh, buh!“ Klara Sinding winkte der Baßtrompete still zu sein. „Es geht lustig zu! Ja, wir sind heute alle vergnügt!“

„Im Gegenteil, ich rauche leidenschaftlich gern!“ sagte Grau und er erstand ein Paket Zigaretten.

„Wie gefällt es Ihnen? Bitte, Feuer!“

„Ganz prächtig!“ sagte Grau und paffte. „Ganz herrlich ist das.“

Die beiden Mädchen sahen einander an und dann riefen sie wie aus einem Munde aus: „Aber wir haben ja ganz vergessen zu gratulieren! Herzlichsten Glückwunsch! Allerherzlichsten Glückwunsch!“

„Danke! Danke!“ Grau verneigte sich.

„Wir waren so überrascht, als wir es in der Zeitung lasen! Und wie sehr wir uns gefreut haben! Wie glücklich Susanna ist! Und Mütterchen erst! Mütterchen hat die Zeitung mit der Anzeige naß geweint! Ja, so herzlich haben wir uns darüber gefreut! Wir lieben Susanna!“ Hahaha — diese ganz abscheuliche Baßtrompete!

Sie plauderten und es trat noch eine Chinesin zu ihnen, ein hoch aufgeschossenes Mädchen mit vorstehenden langen Zähnen, die eine eigentümliche Art hatte den Kopf langsam auf den Schultern zu drehen. Dann rannte eine pechschwarze Jüdin heran, die Grau einen Fächer aufschwätzte, es kam noch eine Chinesin, die Orangen zu verkaufen hatte, ein kleines häßliches Mädchen mit stumpfer Nase und großen Ohren, eine andere, und schließlich stand ein ganzer Kreis von Mädchen um Grau herum. Alle lachten, schwätzten und sahen Grau an.

„Gestatten Sie, daß ich vorstelle — Fräulein Anna Mohr —“

„Keine Namen, keine Namen! Es ist ja Fasching!“ schrien die Damen.

Grau lachte und rauchte die Zigaretten. „Ich habe gar nicht gewußt, daß es so viele schöne Damen in der Stadt gibt?“ sagte er und sah alle der Reihe nach an. Sein Blick war ruhig und rein.

Die Mädchen lachten.

„Wir wollen ihn fragen —“ Aber ja! Sie wollten fragen, welche die schönste von ihnen sei.

„Welche ist die schönste von uns allen,“ sagte Klara Sinding, jene, die das kleine Mal auf der Wange hatte.

„Die schönste?“ Grau blies den Rauch durch die Lippen. Das sei eine sehr schwierige Frage. Er errötete ein wenig, denn alle blickten ihn an und ihre Gesichter sahen aus, als ob sie auf eine Gelegenheit warteten, herauszuplatzen mit Gelächter. Er sah eine nach der anderen an und fügte hinzu: „Das ist schwer zu sagen, denn ich kenne ja die Damen kaum. Aber Sie meinen — so nach dem ersten Blick zu urteilen — aber auch das ist schwer, denn sobald ich glaube jene Dame sei die schönste, springt mir etwas im Gesichte einer andern Dame in die Augen — ja, es ist unmöglich.“ Er blickte zuerst das kleine häßliche Mädchen mit der stumpfen Nase und den großen Ohren an und sagte: „Bei Ihnen, mein Fräulein, da sind es die Augen, es sind die schönsten silbergrauen Augen, die ich in meinem ganzen Leben gesehen habe —“ das Mädchen errötete und lachte allen verlegen ins Gesicht — „bei Ihnen, mein Fräulein, sind es vor allem die Wangen, die so zitternd weich sind und von eigentümlichen Rot — bei Ihnen sind es die Brauen und die Schläfen —“

Die Mädchen lachten und schrien durcheinander und machten solchen Lärm, daß alles nach der Ecke blickte. Nein, das sei ja keine Antwort — aber nein — wir sollten ihn fragen wer die klügste von uns allen ist —! Sie fragten.

„Die klügste? Aber, bitte, meine Damen, das ist ja noch schwerer!“ Grau lachte. „Wenn ich aber nun etwas Bestimmtes sagen soll, so erkläre ich dieses Fräulein hier für die klügste von allen.“ Es war das kleine häßliche Mädchen. Gelächter. Die Damen klatschten in die Hände. Das kleine häßliche Mädchen sagte mit tiefer Stimme: „Ich war stets die Dümmste im Institut!“ Aber sie lächelte.

Grau lächelte ebenfalls. „Was sollte das beweisen? Ich werde den Damen eine Frage vorlegen und wir werden es gleich sehen. Hören Sie zu —“

Aber ja! Das würde ja schrecklich interessant werden.

„Wie hübsch er plaudert!“ flüsterte das hochaufgeschossene Mädchen der Jüdin ins Ohr. Die Jüdin ließ ihre Augen funkeln. „Ja,“ wisperte sie, „er ist so jung und schön. Siehst du, wie schüchtern er ist — er zittert immer ein wenig.“ „Pst, er hört dich.“

Die Mädchen brachen in heiteres Gelächter aus. Klara Sinding also würde eine Nadel nehmen und in die Bohnen stechen. „Es ist aber verboten, die Bohnen irgendwie mit der Hand oder sonst etwas zu berühren.“ Die jungen Damen öffneten die Münder und blickten einander verdutzt an: Ja, große Güte, da liegen nun zwölf Bohnen auf dem Tische, zwölf weiße Bohnen, alle ganz gleich, und unter ihnen ist eine Bohne aus Elfenbein, ganz wie die andern, wie könnte man sie doch herausfinden?

„Nun werden wir es gleich sehen, wer die Klügste ist!“ sagte Grau und lachte. Die Damen dachten angestrengt nach. Sie brachten die abenteuerlichsten Projekte vor, aber es stellte sich immer heraus, daß sie unbrauchbar waren.

Grau wandte sich an das kleine häßliche Mädchen. Sie schüttelte den Kopf. Sie habe ja von vornherein erklärt, daß sie die Dümmste sei.

„Ich werde Ihnen etwas helfen,“ sagte Grau lächelnd und blickte sie an. Plötzlich nun schrie das kleine Mädchen aus vollem Halse: „Ein Huhn!“

„Ein Huhn! Hahaha, ja, mein Gott —“ die Mädchen schüttelten sich vor Lachen. Wer sollte auch daran denken! Es sei das Ei des Kolumbus!

Das kleine häßliche Mädchen aber sagte ganz verwirrt: „Es ist ganz merkwürdig, ich habe ja gar nicht daran gedacht und plötzlich ist mir der Gedanke gekommen — gerade als Herr Grau sagte, er wolle mir ein wenig helfen —“ Sie blickte mit verwirrten, fast scheuen Augen auf Grau.

Grau lächelte. „Die Damen müssen mir den Scherz vergeben. Denn es war ja ein Scherz. Ich maße mir keineswegs an, Behauptungen solch kühner Art aufzustellen. Mein Beispiel ist ebenfalls schlecht gewesen, das erste beste, das mir in den Kopf gekommen ist, natürlich. Klugheit und Scharfsinn, rasches Denken und langsames Denken, das ist ja alles so verschieden — ich weiß das wohl, aber da sie mich nun gerade gefragt haben —?“

Das Orchester spielte die ersten Takte eines Walzers und die jungen Mädchen machten Miene auseinander zu stieben.

„Auf eine Sekunde noch!“ bat Grau; und nun lud er sie alle zu einer kleinen Feier bei Susanna ein. Er wollte ihnen mitteilen, wann die kleine Feier stattfinden sollte — Fräulein Sinding wäre vielleicht so gütig ihm die Adressen der Damen aufzuschreiben —?

Die Mädchen lachten, waren etwas verblüfft und sagten alle zu. „Ja, natürlich, natürlich.“ Sie schrien, was sie konnten.

Wirklich liebenswürdige Mädchen, sagte Grau ganz gerührt zu sich selbst, mischte sich in die treibende Menge und spähte nach links und rechts aus.

Er wanderte im Saale umher, blickte in den Tanzsaal, wo alles wirbelte und fegte, musterte jede Gruppe. Er begegnete einigemal Eisenhut, aber der schien es nicht zu sein, den er suchte, denn er hörte nicht auf umherzuspähen. Er begrüßte da und dort Bekannte, aber er ließ sich nicht in Gespräche ein. Über einer Gruppe von Köpfen, Hüten, Glatzen sah er etwas ungeheuer Schönes, eine feine Bewegung, eine feine Hand, kurz und huschend; das war Adele. Grau blieb stehen und blickte zwischen einem großen chinesischen Schirm und einer geschminkten Wange hindurch auf die Gruppe. Zufälligerweise schneuzte sich ein Herr und zufälligerweise einer jener Herren, die sich beim Schneuzen verneigen. So oft der Herr sich verneigte, sah er Adeles Gesicht. Sie lachte gerade heiter und übermütig.

Dann zwängte er sich wieder zwischen den Masken hindurch und spähte in jeden Winkel. Vielleicht doch unter den Tanzenden? Er stand an der Türe des Tanzsaales und blickte aufmerksam in jedes Gesicht.

Da berührte jemand leise seine Schulter und Adele stand vor ihm.