Zweites Kapitel
In purpurroter Seide stand sie da. Mächtige, weitausgreifende Chrysanthemen waren in lackroter Farbe auf das Kostüm gestickt. Ihr Hals war frei, er war lang und weiß und ganz besonders nackt, die Linien ihrer weißen Arme verschwammen in den weiten hängenden Ärmeln und ihre schmalen Hände waren besät mit Ringen, sie waren gleichsam gepanzert mit flimmernden Steinen. Ihre schwarzen Haare waren zu einer Art lebendigem Helm geflochten, durch den ein silberner Pfeil sauste. Große gelbe Rosen schmückten das Haar, die Schulter, den Gürtel. Sie lächelte. Ihre Zähne waren so weiß, ihre Lippen so rot. Aber ihre Augen waren hell und tief wie zwei Quellen, auf deren Grund Licht brannte.
Ihr Anblick verwirrte ihn. Er lächelte. Er sah sie an und eine Weile ruhten ihre Blicke tief ineinander. Grau errötete langsam. Adele lächelte.
„Ich gratuliere Ihnen herzlich, mein Freund!“ sagte sie dann.
„Danke!“ Adeles Hand war brennend heiß.
„Susanna wird wohl sehr glücklich sein. War sie nicht ein wenig überrascht, als Sie um ihre Hand anhielten?“
Sie sei einigermaßen überrascht gewesen, ja. Es habe einen langen Kampf gekostet, bis sie einwilligte.
Adele blickte ihn mit einem eigentümlichen Blicke an. Sie schüttelte unmerklich den Kopf, dann öffnete sie die Lippen zu einem schnellen Lächeln. „Heute ist Fasching!“ sagte sie. „Kommen Sie, wir wollen fröhlich sein. Ich bin in solch ausgezeichneter Stimmung. Sie sollen mir etwas erzählen, wollen Sie? Sehen Sie den Kiosk dort? Dort bin ich engagiert, wir machen Geld. Oh, wie heiß es ist! Und ich habe auch so viel Sekt getrunken.“ Sie preßte die Rücken der Hände an die langen flächigen Wangen und kühlte sie mit den Steinen. „Erzählen Sie mir Ihr schönstes Erlebnis, wir werden dabei umhergehen.“
Grau lächelte. „Mein schönstes Erlebnis erzähle ich nicht,“ sagte er „aber wenn ich Ihnen eines von meinen vielen schönen Erlebnissen erzählen darf? Ein kleines hübsches Erlebnis, wenn Sie wollen. Einmal fuhr ich des Nachts in einem Zuge und an meiner Seite saß ein junges Mädchen, ein auffallend schönes und zartes Geschöpfchen. Sie war sehr müde, immerfort fielen ihr die Augen zu und ihr Köpfchen schwankte hin und her. Ich dachte, wollte sie doch den Kopf an meine Schulter legen — und so geschah es. Plötzlich sank ihr Kopf an meine Schulter, sie schlief. Sie schlief die ganze Nacht an meiner Schulter und atmete so tief.“ Das erzählte er.
„Wie hübsch!“ sagte Adele und lachte. „Sehen Sie die Lauben und all die närrischen Leute? Wie gefällt Ihnen der Ball?“
„Prächtig!“
„Echte Provinz — haha! — echte, gute Provinz, Herr Grau. Ich glaube Sie sind noch nicht oft auf Bällen gewesen, wie? Ich werde Sie später meiner Mutter vorstellen, sie hat mich gebeten darum. Wir werden auch ein Glas Sekt zusammen trinken. Lassen Sie mich eines wissen, können Sie tanzen? Aber ich befürchte Sie können es nicht —“
„Doch,“ sagte Grau, „ich habe tanzen gelernt als ich zwölf Jahre alt war.“
„Unmöglich!“
„Zu Hause, ja. Meine Mutter gab mir Unterricht.“
„Ah! — Ja, das Kostüm ist echt, da haben Sie recht. Ein Onkel, ein Gesandter, hat es mir geschenkt. Auch der Fächer ist echt. Sie sind der erste, der das fragt, denn der Fächer ist ja so schlicht. Oh, welches Geschrei! Sie fühlen sich hier nicht heimisch, wie? Ich protegiere Sie ein wenig, wenn Sie mir das erlauben. Wollen wir jetzt tanzen? Ja! Kommen Sie!“
Sie legte ihre Hand in seinen Arm.
„Sie haben doch in den letzten Tagen soviel Orgel gespielt? Sie waren es doch, nicht wahr?“ fragte sie während sie sich geschickt durch die Menge bewegte.
„Ja, zuweilen kommt es über mich, dann muß ich ganze Tage spielen,“ antwortete Grau.
„Ich hörte es bis in mein Zimmer. Was haben Sie denn da? Einen Ring?“
Graus Finger spielten mit einem Ring, einem schmalen silbernen Reif mit winzigem blauen Stein. Das sei ein Ring, den er sozusagen gefunden habe. Sie habe ihn wohl nicht verloren? Er steckte den Ring wieder in die Westentasche.
Adele lachte. „Ich habe niemals einen solchen Ring gehabt,“ rief sie aus, „sicherlich gehört er einer Köchin. Weshalb sehen Sie mich denn so verwundert an?“
„Tat ich das?“
„Ja, zuweilen können Sie recht wunderlich sein!“
Als sie in den Tanzsaal kamen, war der Walzer gerade zu Ende und die erhitzten Paare strömten heraus. Die Herren wischten sich den Schweiß von der Stirne und grüßten Adele, die Damen wechselten ein paar Worte mit ihr und blickten erstaunt auf Grau, der Adele am Arme führte.
„Warten wir bis zum nächsten Tanze,“ sagte Adele und lächelte. „Hier ist es übrigens kühler. Guten Abend, Klara! Vielleicht könnte man sich auch einen Augenblick irgendwo hinsetzen, nicht wahr? Mein Gott, dieser Herr Eisenhut glaubt, man erkennt ihn nicht. Ist das nicht komisch? Dann werden Sie mir jene Geschichte, erzählen, die Sie mir schon solange schuldig sind.“
„Welche Geschichte? Jede Geschichte, die Sie wollen, natürlich, denn Sie sind so freundlich zu mir, daß ich mich gerne dankbar zeigen möchte, aber ich erinnere mich ja gar nicht —?“
Ein schmetterndes Trompetensignal erscholl und alles rannte in die chinesische Straße hinaus. Herr Bezirksamtmann Häberlein sprach einige Worte, die einen lauten Beifall wachriefen. Ein kleiner Mann mit weißer Künstlermähne trat auf die Bühne. Das war Herr Photograph Leistlein, der eine Extranummer zum besten gab.
Adele lachte. „Was für ein Unsinn! Es ist zu dumm. Sie lachen, weil Sie nicht begreifen können, daß die Leute über einen solchen Unsinn lachen können. Nun sind wir Gott sei Dank allein.“
Der Saal hatte sich geleert und nur zwei junge Mädchen gaben sich gegenseitig Anweisungen im Tanzen; sie hüpften hin und her und kicherten und quiekten. Eine Mauer von Rücken versperrte den Eingang zur chinesischen Straße, die in all dem Rauch wie ein Bild in einem blinden Spiegel aussah. Man hörte Herrn Leistlein in verschiedenen Stimmen sprechen, zuweilen unterbrach ihn rasender Beifall.
„Wie wohl das tut, diese Ruhe!“ sagte Adele und ließ sich auf eine kleine Bank nieder. „Sehen Sie doch, die vielen Lampione, wie hübsch! — Die Geschichte von jener Frau, der ich ähnlich sehe, Sie erinnern sich wohl?“
„Gewiß erinnere ich mich,“ antwortete Grau. „Ist es nicht merkwürdig, daß ich seitdem wieder von dieser Frau geträumt habe? Sie sieht Ihnen übrigens nicht so sehr ähnlich, es ist nur Ihre Art den Kopf zu tragen und vor allem Ihre Augen.“
Adele unterbrach ihn. „Sind denn so schreckliche Dinge in jenem Traume geschehen!“ rief sie lachend aus. „Setzen Sie, sich Herr Grau. Weshalb muß ich Sie erst dazu auffordern? Lassen Sie alles Zeremoniell beiseite, Sie sind auf einem Maskenball und sprechen mit einer Japanerin. Beginnen Sie mit dem Traum. Ein Traum, das war es doch?“
„Danke,“ sagte Grau und nahm neben Adele Platz. „Ja, es war ein Traum. Es war übrigens einer der schönsten und einer der merkwürdigsten Träume, der mir je geschenkt wurde. Es kommt ein Sternschnuppenregen darin vor und was diese Frau mir alles gesagt hat — ich träumte, ja, nun will ich endlich beginnen — ich träumte, daß ein Geist mich dahintrage.“
„Ein Geist?“ Adele stützte das Kinn in die Hand und blickte gerade aus. Sie hatte ein feines anliegendes Ohr.
„Ja. Ein Geist, der wie ein Wind sauste, er trug mich dahin über die Lande in schwindelnder Schnelligkeit durch Wolken hindurch, plötzlich näherten wir uns der Erde und flogen über schlafende Städte, riesige, schlafende Städte mit hohen steilen Häusern. Die Städte waren ohne Licht, ohne Laut, ungeheuer stumm und tot. Sie schliefen und wir flogen an einem Heer von Fenstern vorbei. Ich sah in all diese Fenster hinein und obgleich es dunkel war, sah ich sehr genau.“
„Was sahen Sie denn da?“ fragte Adele.
„Ich sah Kinder, die schliefen, Tausende und Tausende von schlafenden Kindern sah ich, alle schliefen sie, friedlich, müde, gesund, ihre Backen glänzten rot und ihre Münder standen halb offen, ich sah all diese kleinen Brustkörbe atmen, Millionen solcher Kinder habe ich gesehen, es war ja im Traum, gelbe, braune, weiße Gesichter, alle Rassen.“
Eine Lachsalve raste durch den Saal.
„Wie schön!“ Er möge doch fortfahren.
„Ja. Ich denke daran, wie schön es war, nie mehr habe ich soviel Frieden gesehen und auch nie mehr diesen Frieden gefühlt. Aber wie rasch es doch dahinging, mit welch rätselhafter Leichtigkeit ich an diesen Fenstern vorbeischwebte! Nun kamen immer neue Städte, plötzlich tauchten sie stets unter mir auf, riesenhaft und alle schrecklich stumm und tot. Als ich nun in eines der schwarzen Fenster blickte, sah ich zu meiner Überraschung ein kleines Licht im Zimmer brennen und einen Mann, der am Tische saß; er hatte reiches, aber ergrautes Haar.“
„Was tat er?“
„Er tat nichts. Er saß an dem Tische und starrte in das kleine Licht und lächelte seltsam. Ich zog an tausenden von Fenstern vorüber und überall sah ich den Mann mit den grauen Haaren und dem seltsamen Lächeln vor der kleinen Kerze sitzen. Ich sah nicht nur ihn. Ich sah auch andre und alle tausendfach. Ich sah eine Frau, die ein Licht in der Hand hatte und auf einem Stuhle saß. Aber sie las nicht, sie blickte über das Buch weg und lächelte, ebenfalls seltsam. Ich sah einen jungen Mann, der leise tanzte und einen Kuß in die Luft warf, er war sehr bleich und auch er lächelte seltsam, ich sah junge Mädchen, die die Lippen öffneten und ohne Laut sangen. Tag und Nacht könnte ich wohl erzählen, wollte ich all diese Menschen beschreiben, die ich gesehen habe. Alle waren sie allein mit einer kleinen Kerze, wach, während die andern schliefen, alle lächelten sie seltsam. Sie beschäftigten sich alle so sonderbar, lasen ohne zu lesen, sangen ohne zu singen, sie spielten, runzelten die bleichen Stirnen, lächelten, ihre Beschäftigungen waren mannigfacher Art, sie bauten Kartenhäuser, einer hatte ein dickes Buch in Zettel geschnitten und mühte sich damit ab es wieder zusammenzusetzen. Sie waren alle allein. Verstehen Sie?“
„Ah!“ sagte Adele und sah rasch auf. „Es waren die einsamen Menschen der Erde, die Sie sahen. Wie merkwürdig!“
Grau nickte. „Ja, ich denke es. Aber weit merkwürdiger ist es, daß ich wußte, was die Menschen dachten. Vergessen Sie nicht, daß es ein Traum war. Nun habe ich seitdem — es ist ja sechs Jahre her — die meisten dieser Gesichter in Wirklichkeit gesehen, oder es wird richtiger sein, im Traum sah ich alle Gesichter, die ich in der Wirklichkeit gesehen hatte, ein wenig verschieden vielleicht — kurz und gut, ich sage, ich sah die meisten dieser Gesichter in Wirklichkeit und es schien mir nun, als wisse ich, was sie ausdrückten. Ich sehe ein Gesicht auf der Straße und es erinnert mich an eines jener Gesichter im Traume — aber ich wollte das ja nicht sagen, Pardon.“
„Fahren Sie doch fort!“ sagte Adele.
Grau lächelte leise, schüttelte nachdenklich den Kopf und sagte: „Wie sonderbar aber ist es doch, daß wir im Antlitz des Menschen zu lesen wünschen! Daß uns jeder Mensch so sehr beschäftigt, daß wir wissen möchten, wie er ist!“
„Ja, wie eigentümlich ist das,“ sagte Adele und blickte Grau an. „Man sagt, an den Augen erkenne man den Menschen am besten. Wie meinen Sie?“
Grau lächelte. „An den Augen?“ sagte er. „Vielleicht. Ein wenig an den Augen, ein wenig am Gang, an den Händen, an den Ohren, an den Lippen. Ganz besonders an der Nase! Aber das alles kann trügen. An den Worten? Auch sie können trügen, sie verbergen den Menschen und der Mensch verbirgt sich hinter ihnen. Selbst wenn er die ehrliche Absicht hat, aufrichtig zu sein, er kennt sich ja selbst nicht, seine Worte sind alle ein wenig falsch, schief gleichsam — oder er ist ein großer Dichter. All das kann trügen. Vielleicht ist das Lächeln noch am zuverlässigsten — wie meinen Sie? — Das Lächeln, sagte ich, das unbewußte und kaum bemerkte, leiseste Lächeln. Vielleicht. Der Mensch kann lachen, schreien, weinen — und es kann sein, daß er nicht im Lachen, Schreien oder Weinen steckt, aber im Lächeln? Das Lächeln ist schwer zu heucheln, ganz wenig Menschen können es auch unterdrücken, es ist unkontrollierbar, es kommt und geht, schnell, es kann die ganze Niedrigkeit und den ganzen Adel eines Menschen ausdrücken, den ganzen wahren Schmerz, wahre Freude. Vor allem aber die Entwickelungsstufe des Menschen.“
„Haben Sie das ebenfalls aus jenem Traume?“ fragte Adele. „Aus dem Lächeln dieser Einsamen? — Hören Sie die Narren lachen, haha?“
„Gewissermaßen,“ fuhr Grau eifrig fort. „Gewissermaßen ja. Aber ich mache zu viele Worte. Ich sage, auch das Lächeln kann trügen, es bleibt Ihnen also nichts als das Gefühl. Vielleicht fühlen wir die Menschen! Der seelische Zusammenhang der Menschen ist vielleicht so stark, daß wir erschrecken würden, könnten wir ihn erkennen, ja, es ist möglich, daß zwischen den Menschen — zwischen den Seelen — überhaupt keine scharfe Trennung existiert — ich für meine Person glaube das — vielleicht können Sie an keinen Menschen denken, ohne daß er es fühlt, ja, ohne daß er weiß, was Sie denken. Nicht wahr? Wenn Sie ihn lieben, er wird es fühlen und wenn Sie nur auf der Straße aneinander vorbeigehen, er wird es fühlen, er wird Ihren Haß fühlen, alles, vielleicht überkommt ihn nur ein leises Behagen oder Unbehagen, vielleicht weiß er es nicht, aber seine Seele weiß es ganz genau. Jeder Mensch könnte Ihnen aus seinen Erfahrungen Beispiele erzählen und Sie selbst haben gewiß ähnliche Beobachtungen gemacht. Ich sage zum Beispiel, es begegnet Ihnen auf der Straße ein Mensch, er blickt Sie an, blinzelt, sieht weg. Sie denken: Das ist ein armer, einsamer und guter Mensch. Die Leute erzählen Ihnen alle denkbaren Schlechtigkeiten von ihm — jener Mensch selbst spricht mit Ihnen, ja er beleidigt sie und legt es fast darauf an, einen ungünstigen Eindruck auf Sie zu machen — und doch können Sie den Glauben nicht lassen — er ist einsam, arm, aber gut.“
Adele sah auf. „Sprechen Sie von einem bestimmten Menschen? Nein? Ich dachte, weil Sie sagten, er sieht Sie an, blinzelt —“
Grau antwortete ihr darauf nicht. Er lachte plötzlich und sagte: „Ich bin ja ganz vom Thema abgekommen!“
Auch Adele lachte. „Aber ja! Sie wollten von jener Frau erzählen?“
„Sofort. Die Reise ging an Fenstern, Fenstern und Fenstern vorüber, über all die schlafenden Städte hinweg, das erzählte ich, nicht wahr. Dann ging es über endlose Wälder und ich erinnere mich, daß vier Sterne am Himmel vor uns standen, vier Sterne in der Gestalt eines Quadrats. Wir kamen den Sternen näher und ich glaubte, wir würden durch sie hindurch fliegen, aber sie entfernten sich plötzlich wieder und standen ganz klein am schwarzen Himmel. Nun blickte ich plötzlich in ein Fenster und hier sah ich eine Frau, die vor einem Kaminfeuer saß. Sie hatte so reiches schwarzes Haar wie Sie und ihre Haut war ebenso weiß wie die Ihrige, sie trug die Haare in einem losen Knoten im Nacken, wie Sie es gewöhnlich zu tragen pflegen, sie hatte ebenfalls auffallend helle Augen. Aber trotzdem sah sie anders aus als Sie.“
„Was tat sie denn?“ fragte Adele gespannt und zog das Gewand an sich, da die beiden Backfische vorbeitanzten.
„Sie war damit beschäftigt, kleine Rosen anzufertigen,“ fuhr Grau fort. „Sobald eine Rose fertig war, sah sie die Rose unzufrieden an und warf sie in den Kamin. Die Rose verbrannte. Es sah aus wie ein brennendes Schiff. Es sah aus wie eine Wüste mit feuriger Sonne und eine kleine Karawane, ganz glühend, zog durch die Wüste. Es entstand ein brennender tanzender Bär, ganz klein, aus der brennenden Rose.“
„Wie amüsant!“ sagte Adele. „Die Dame hat sich ganz gut unterhalten.“
„Man sollte es glauben,“ fuhr Grau fort. „Plötzlich nun sagt die Frau leise und zaghaft: Herein! und zu meinem größten Erstaunen trat ich selbst ins Zimmer, obgleich ich doch gleichzeitig zum Fenster hereinblickte.“
Adele lachte. „Aber so pflegt es ja in den Träumen zuzugehen!“
„Ja. Ich trat ins Zimmer und die Frau sah mich an. Sie kam mir gewissermaßen wie ein Geist vor, nicht irdisch. Sie trug Ohrringe und eine silberne Kette um den Hals. Sie lächelte leise und dann rief sie mir ein Wort zu, das ich nicht verstand. Sie sagte etwas und auch das verstand ich nicht. Es war eine seltsame, fremde Sprache von unglaublicher Weichheit des Klanges. Sie warf alle Papierschnitzel, die sie auf dem Kleide hatte, ins Feuer und daraus entstanden eine Menge winzig kleiner goldener Vögel, die zwitschernd in den Kamin hinauf flatterten. Sie stand auf und sagte: Ich habe nicht gedacht, daß du heute kommst.“
„Verstanden Sie denn jetzt?“ unterbrach ihn Adele, die eifrig zuhörte, während ihre Blicke mechanisch den Tanz der Backfische verfolgten.
„Ja,“ antwortete Grau, „ich weiß übrigens nicht, ob sie sich der fremden Sprache bediente. Kurzum, ich verstand sie. Ich sah sie erstaunt an, denn ich hatte sie nie im Leben gesehen. Haben Sie mich denn erwartet? fragte ich. Sie sah mich lächelnd an, lange. Dann ging sie näher und legte ihre Hand auf meinen Arm und ich sah ihre Augen ganz dicht vor mir. Sie waren klar und hell, von unbestimmter Farbe und mit einem Schein als ob sie phosphoreszierten. Wie sagst du? fragte sie. — Ich wiederholte das gleiche. — Wie sagst du? Wiederum sagte ich: Haben Sie mich denn erwartet? Sie schüttelte den Kopf und sagte lächelnd, aber gleichsam verletzt: Kennst du mich denn nicht mehr? — Ich schüttelte den Kopf. Nein, sagte ich. Ich sah sie an und nun schien es mir, als ob ich sie schon gesehen hätte, alles verwirrte sich in mir; dann aber wußte ich, daß ich sie noch nie gesehen hatte. Ich sagte es. Sie schüttelte den Kopf und zeigte auf die silberne Kette, die sie am Halse trug, und sagte: Kennst du auch die Kette nicht? — Nein. — Aber sie ist von dir! — Nein! — Ja, sie ist von dir, wir haben uns lange, lange Jahre gekannt und nun erkennst du mich nicht wieder. Nein, sagte ich. Sie sah mich trauernd an und schüttelte den Kopf. — Komm! sagte sie, und plötzlich gingen wir auf einer Heide, es war in grauer Nacht und ganz still —“
Im Saale bliesen die Trompeten Tusch und die Menge schrie rasend Hoch. Adele hielt sich die Ohren zu. „Wie schade!“ sagte sie, indem sie aufstand. „Nun kommen sie alle hierher. Wie merkwürdig ist doch der Traum?“
„Ja.“
Sie sahen einander an und fühlten beide eine auffallende Beklommenheit im Herzen, obgleich keiner sie dem andern verriet. Graus Augen leuchteten und seine Wangen röteten sich.
Die Gesellschaft strömte wieder in den Tanzsaal. Das Orchester begann. Sofort fingen die Paare an zu wirbeln und zu schleifen. Herren in Fräcken und Kostümen schossen hin und her nach der Tänzerin, Eisenhut kam aus der Türe und ging geradeswegs auf Adele zu und bat sie mit verstellter Stimme um einen Tanz. Er trug noch immer die Maske, obgleich jedermann sie schon längst abgenommen hatte. Adele gab ihm einen Korb und Eisenhut zog sich zurück. Er blickte noch einigemal um und dreht sich bald darauf am Arm einer roten Chinesin im Kreise. Nun näherte sich der Bezirksamtmann Häberlein mit tänzelnden Schritten und sicherer Miene, aber Adele forderte gleichzeitig Grau auf mit ihr zu tanzen.
„In dem Gewühle ist es ja ganz unmöglich zu erzählen,“ sagte sie. „Es kommen nun gewiß recht merkwürdige Dinge?“
„Ja, merkwürdige Dinge kommen nun.“
Adele lächelte. „Herrlich! Wie spannend das ist! Und nun, bitte!“
Grau tanzte leicht und sicher und Adele lobte ihn mit einem Blicke. „Halten Sie mich fester!“ sagte sie.
Es war eine Masurka. Die Pauken wirbelten, die Geigen wehten, es erschien Grau als spielten sie etwas vom Frühling und als die Flöten bliesen sah er förmlich die Blumen aus dem Rasen steigen.
Sie sahen einander an. Aber sie hatten noch keine Runde getanzt, als Adele inne hielt und erblaßte. Sie stand still. „Ich kann nicht mehr!“ sagte sie leise und heftete die Blicke auf Grau. Sie sah ihn erschrocken, scheu und erstaunt an, während sie sich mit einem Lächeln entschuldigte.
„Aber was ist Ihnen?“ fragte Grau.
„Ich kann nicht tanzen mit Ihnen, es macht mich schwindlig,“ sagte Adele. „Nichts, einen Augenblick nur.“ Sie sammelte sich rasch.
„Wie leid es mir tut, Fräulein von Hennenbach.“
Adele schüttelte den Kopf. „Es ist nichts,“ sagte sie, „es ist nur so merkwürdig —“ Sie sah Grau an. Sie schwieg lange Zeit und während sie schwieg, schien sie sich zu verwandeln. Ihre Lippen wurden schmal. Sie schien zerstreut zu sein.
„Kommen Sie!“ sagte sie und ging voran. Grau folgte ihr.
In der Türe kamen sie ins Gedränge und Adele blickte in Graus Augen und sagte unvermutet: „Sagen Sie mir eines, lieben Sie Susanna wirklich?“
Grau errötete leicht. „Wie?“ Dann blickte er Adele erstaunt an. „Gewiß liebe ich Susanna aufrichtig,“ erwiderte er.
Adele lächelte; sie schwieg. Sie streifte Grau wieder mit einem Blicke, dann raffte sie den Fächer auf und bewegte ihn in der glitzernden Hand. Sie blickte stolz über alle Köpfe hinweg. Ihr Blick, ihr Gang, ihr Lächeln, alles hatte sich verändert.
„Wollen Sie nun den Traum zu Ende hören?“ fragte Grau.
„Nein, nicht jetzt,“ erwiderte Adele höflich. Aber sie sah Grau nicht an. „Meine Mutter würde sich so sehr freuen, Sie kennen zu lernen,“ fügte sie hinzu, „darf ich Sie bemühen?“ Auch ihre Stimme hatte sich verändert.
Grau folgte ihr und dachte darüber nach, was der Anlaß zu ihrer Verstimmung sein könnte.
Drittes Kapitel
Adele wurde von den Herren, die die Sektbude belagerten, mit lautem Hurra begrüßt und mit schmeichelhaften Vorwürfen über ihr langes Wegbleiben überhäuft.
„Hoch, hoch, hurra!“ schrieen die Herren und schwenkten die Kelche. Adele hatte Mühe sich den Weg in den Kiosk zu bahnen.
Im Kiosk bedienten die feinsten Damen der Stadt. Die Frau des Bezirksamtmannes, Frau Häberlein mit dem porzellanartigen Teint, eine hohe Blondine, die etwas schielte und eine dicke Jüdin mit weißem mächtigen Busen. Die Damen hatten alle Hände voll zu tun, Flaschen zu entkorken, die Kelche zu füllen, zu trinken. Hier herrschte eine ausgelassene, fast wilde Stimmung und die Herren waren alle angeheitert.
Die Mutter Adeles saß in einem Stuhl, in Spitzen und Seide gehüllt, fein, durchsichtig, fast selbst nichts andres als Spitzen und Seide, sie hatte Adeles Augen; der Freiherr von Hennenbach stand in einem Kreise von jungen, fröhlichen Herren — es waren die Offiziere von Weinberg — er war größer als alle, grau und würdevoll, er rauchte eine große Zigarre und trug einen mächtigen Siegelring am Zeigefinger. Er hatte Augen wie ein Falke und änderte nie den Ausdruck des Gesichtes, ob er nun lachte, plauderte oder zuhörte. Seine Haare waren bis in den Nacken hinab sorgfältig gescheitelt und sahen aus wie eine schmale, graue Straußenfeder, die kokett über seinen hohen Schädel gelegt war.
Baron Kirchgang — Adeles Bräutigam — war ein schweigsamer, etwas ärgerlich aussehender Herr, dessen Schläfen ergraut waren. Sein Gesicht war rot, von verschwommenen Formen, als sei es mit kochendem Wasser verbrüht worden. Er wechselte einige nichtssagende Worte mit Grau. Als er an den Schenktisch trat, bemerkte Grau, daß sein linker Arm verkrüppelt war, er war kürzer als der rechte und lahm.
Grau sah sich unter all den Herren aufmerksam um.
„Ihr Herr Bruder ist nicht da?“ fragte er Adele.
„Er ist dagewesen,“ antwortete sie ihm, „er sitzt mit seinen Freunden im ersten Stock irgendwo und spielt. Wollten Sie ihn sprechen?“
„Ich dachte nur,“ sagte Grau. „Danke!“
Adele füllte ein Glas und reichte es Grau. Sie stieß mit ihm an und sagte lächelnd: „Auf das Wohl Ihrer Braut!“
Grau dankte. „Auf Susannas Wohl!“
Adele leerte das Glas und sah Grau einen Augenblick lang tief an. Er verstand ihren Blick nicht. Adele lachte und wandte sich den Gästen zu. Sie begann zu lachen und zu plaudern, aber ihre Stimme klang kühl und ihre Augen blitzten hart. Sie blickte nicht mehr auf Grau, ja sie sah stets an ihm vorbei, wenn sie dahin blickte, wo er stand. Sie lachte und schien heiter zu sein, aber ein unruhiger Glanz war in ihren Augen. Nur wenn sie auf ihre Mutter blickte, die nur Augen für die Tochter hatte, so änderte sich ihr Blick jedesmal. Mit tiefen, schwärmerischen Augen sah sie die Mutter an. Dieser Blick verriet alle ihre Liebe.
Gerade in diesem Augenblick näherte sich Eisenhut dem Kiosk. Er bahnte sich langsam und hartnäckig den Weg. Er zwängte sich zwischen zwei lachenden Mandarinen hindurch, puffte einen Herrn im Frack in die Seite, dann ging er um einen dicken Herrn herum, der sich nicht zur Seite drängen ließ. Endlich stand er am Schanktisch und man konnte seinem Munde ansehen, daß er zufrieden lächelte. Eine Weile stand er wartend da, die Damen waren alle beschäftigt. Er reckte den Hals aus dem hohen Stehkragen, bewegte die Lippen und seine kleinen lebendigen Mausaugen verfolgten durch die Schlitze der Maske jede Bewegung Adeles. Er räusperte sich, er hustete um sich bemerkbar zu machen, aber in all dem Getöse hörte man ihn gar nicht, niemand beachtete ihn.
Nun klopfte Eisenhut auf den Tisch.
Die schwarze Jüdin mit dem vollen weißen Busen wandte sich ihm zu. „Sofort, sofort, mein schöner Herr!“ rief sie. „Willst du eine Flasche, eine ganze Flasche? Nur zwanzig Mark!“
Eisenhut starrte auf ihren weißen Busen, er lächelte, dann sah er auf Adele und rief: „Eine ganze Flasche, jawohl. Zwanzig Mark, einerlei.“ Er sprach immerzu mit verstellter, quiekender Stimme.
Da drehte sich Adele rasch um und sagte: „Es ist Herr Eisenhut! Für ihn geben wir es nicht so billig. Er soll etwas besonderes tun!“
Eisenhut legte den Kopf auf die Seite und lächelte. Aber dann machte er sich ganz steif und quiekte mit verstellter Stimme: „Sind Sie auch sicher, daß es Herr Eisenhut ist?“
Adele lachte laut auf. Und alle Umstehenden lachten. Das könne ein Blinder sehen. Er könne ruhig die Maske abnehmen.
„Maske ab! Maske ab!“ schrieen die Herren.
Eisenhut meckerte und nahm langsam die Maske ab. Sein gelbes verlebtes Gesicht kam zum Vorschein, er lachte, strich sich den Spitzbart und gab dann allen ringsum schüchtern die Hand. Er verneigte sich auch gegen die Herren, die um den alten Freiherrn von Hennenbach herum standen. Man schrie und schüttelte ausgelassen seine Hand. Er ließ die Blicke herumwandern, zuletzt heftete er seine kleinen entzündeten Augen auf Adele.
„Wie merkwürdig, daß Sie mich sofort erkannt haben!“ sagte er. „Guten Abend, Fräulein von Hennenbach!“ Er machte auch einen schüchternen Versuch, ihr die Hand zu reichen.
Aber Adele sah die Hand nicht. Sie lachte. „Nun will ich Ihnen einschenken, ich werde es selbst tun, aber Sie müssen ein übriges tun, verstehen Sie, es gehört für die Armen, das wissen Sie ja. Sie werden für jedes Glas hundert Mark bezahlen, nicht wahr?“
„Bravo! Bravo!“ riefen die Herren.
Eisenhut sah Adele an. Seine Augen wurden glänzend, gleichsam als ob sie erwachten. Dann lächelte er und zeigte seine schlechten, zerfressenen Zähne.
„Sie scherzen?“ sagte er.
„Scherzen? Nein, ich bin gar nicht in der Laune zu scherzen!“
Er betrachtete Adele, die mit dem Füllen des Glases beschäftigt war. Seine Augen glänzten, er blickte auf Adeles Haar, ihre glitzernden Hände, ihre Arme, er lächelte und für einen Augenblick erschien sein Gesicht friedevoll und schön, seine Wangen färbten sich. Adele füllte sorgfältig das Glas. Aber je mehr der Wein in dem schlanken Kelche stieg, desto mehr veränderte sich Eisenhuts Gesicht. Das Lächeln verschwand, der Friede und die momentane Schönheit, sie verschwanden, die vielen tiefen Linien und Falten erschienen wieder, die Stirn wurde niedrig, der Mund zog sich zusammen, die Farbe wurde gelb und alt. Dann wurde sein Gesicht fahl. Adele reichte ihm das Glas und er sah ihren Augen an, daß sie nicht scherzte.
„Fräulein von Hennenbach?“ stotterte er.
Über Adeles weiße Hand floß der Wein, über all die Ringe, die Steine. „Herr Eisenhut?“
„Hundert Mark? Hundert M—?“ fragte Eisenhut leise. „Hundert Mark — aber ganz unmöglich?“ Er lächelte beklommen.
Alle lachten über den Ausdruck seines Gesichtes, auch Adele.
Eisenhut raffte sich zusammen.
Er knöpfte das unglückliche gelbe Kostüm auf und fuhr hastig in die Rocktasche. Wie andere Leute eine alte Zeitung herausziehen, so zog er einen ganzen Pack von Banknoten aus der Tasche.
Gelächter! Ja, da sehe man, daß man es mit einem Millionär zu tun habe, hoho! Selbst die Offiziere von Weinberg wurden aufmerksam.
„Bitte, Herr Eisenhut!“ sagte Adele, da Eisenhut zögerte. „Ich werde sogar nippen an dem Kelche, aber legen Sie nur das Geld auf den Tisch!“ Sie lachte und nippte am Glase.
Eisenhut fühlte sich unbehaglich. Er blinzelte rasch hintereinander, lächelte, machte eine wegwerfende Handbewegung und legte einen Hundertmarkschein auf den Tisch.
„Bravo! Ja, bravo und hoch Eisenhut!“
Eisenhut lächelte. Er nahm das Glas, erhob es gegen Adele und trank es leer. Er fühlte sich von allen Seiten beobachtet und wurde mehr und mehr unsicher.
Adele füllte abermals Eisenhuts Glas. Sie lachte und sagte, daß sie wieder daran nippen werde und er werde wieder hundert Mark dafür bezahlen.
„Wieder?“ fragte Eisenhut mit zitternder Stimme.
„Sie werden sich wohl nicht erst lange besinnen, oder? Eine Kleinigkeit wie hundert Mark! Und noch dazu, wenn ich am Glase nippen werde.“
„Noch mehr?“ fragte Eisenhut in ungläubigem Tone. „Hundert Mark für die Flasche, wie? Man hat sie mir um zwanzig Mark angeboten, vorhin.“ Er deutete auf die Jüdin mit dem hohen Busen.
Haha! Ja, zwanzig Mark für gewöhnliche Menschen, aber für Millionäre da hätten sie ganz besondere Preise.
Eisenhut blinzelte. Er legte das Gesicht in Falten, drehte den Kopf hin und her. „Sie scherzt — Fräulein von Hennenbach scherzt!“ sagte er zu der lachenden Gesellschaft von Herren.
„Ich sagte schon, daß ich nicht scherze. Sehen Sie nicht, daß man sich schon über Sie lustig macht. Ich verkaufe Ihnen jedes Glas für hundert Mark, fülle es selbst, nippe daran, ich meine, da sollten Sie sich nicht lange besinnen.“
Es sei wirklich ein Skandal, es sei eine Schmach und eine Schande! Vorwärts Eisenhut — hahaha — schmeißen Sie den Bettel hin! Die Herren schrien und lachten und stießen sich gegenseitig an.
Eisenhut kämpfte mit sich. Er sah Adele an, die ihm das Glas kredenzte, ein Zittern lief durch sein Gesicht, er öffnete den Mund, blinzelte und fuhr wieder in die Rocktasche.
„Bravo! Hurra!“
Aber Eisenhut zögerte. Warum gerade er solch horrende Summen bezahlen sollte?
„Weil Sie der reichste Mann der Stadt sind!“ antwortete Adele. „Sie nennen sich ja selbst so bei jeder Gelegenheit und Sie sind es auch.“
„O — hoho!“ versetzte Eisenhut geschmeichelt.
„Wenn man zwölf Steinbrüche hat und den Schrank vollgestopft mit Wertpapieren, dann kann man doch ruhig solch eine Bagatelle bezahlen!“
Eisenhut streckte den Kopf vor. „Haben Sie denn — haben Sie denn diesen Schrank voller Wertpapiere gesehen? frage ich.“ Er lächelte eigentümlich und blickte Adele an.
Adele lachte laut und unnatürlich. „Selbstverständlich habe ich ihn gesehen. Sie haben mir ihn ja selbst gezeigt. Erinnern Sie sich, als ich in der Nacht zu Ihnen kam und zehntausend Mark bei Ihnen entlieh?“
Gelächter. Eisenhut starrte mit offenem Munde auf Adele.
„Aber genug nun! Ich habe an dem Glase genippt und sehen Sie her, ich nippe nochmals daran. Nun, nehmen Sie?“
Eisenhut nahm zögernd das Glas in die Hand. Bravo Eisenhut, hoch, hurra! Eisenhut, Eisenhut!
Aber Eisenhut trank nicht. Er schnitt Grimassen, er drehte den Hals als sei ihm der Kragen zu eng, er schwankte hin und her und blickte die Umstehenden, die lachten, plötzlich mit scharfen, bösen Blicken an. Gelächter.
„Bitte!“ sagte Adele und lachte. „Weshalb zögern Sie denn?“
Hier näherte sich Grau. Er sagte: „Fräulein von Hennenbach?“
Adele wandte ihm den Blick zu. Sie zog die Augen zusammen und sagte: „Bitte?“
In diesem Augenblick brach eine ungeheure Lachsalve auf Eisenhut ein. Er hatte die Scheine wieder in die Tasche gesteckt. Ja, er müsse doch ein Narr sein, ein vollständiger Narr müsse er sein! Hundert Mark für jedes Glas, die Herren bezahlen eine Mark dafür. Er verlor die Fassung und stellte das Glas so heftig auf den Tisch zurück, daß es zerbrach und der Wein über das Tischtuch floß. Eisenhut erschrak, einen Augenblick lang war seine Nasenspitze schneeweiß. Er bewegte die Lippen um etwas zu sagen, er blickte verwirrt auf Adele. Adele lachte und alle, alle lachten und stampften mit den Füßen und schrieen, was sie konnten.
Eisenhut bewegte heftig die Hände. „Bezahlt ihr!“ schrie er. „Bezahlt ihr! Ich bin kein solcher Narr! Ich habe bezahlt, hundert Mark. Bezahlt ihr, bezahlt ihr!“ wiederholte er lauter und wilder, um das Gelächter zu überschreien. Er beugte sich mit einer verzweifelten Gebärde über den Tisch, deutete auf das zerbrochene Glas, stotterte, aber er sagte nichts.
Er wandte sich rasch um und entfloh in seinem gelben Kostüm und mit seiner gelben Mütze, gefolgt von lautem, wildem Gelächter. Er verschwand in der treibenden Menge.
„Haha! Ein Prachtexemplar, dieser Eisenhut! Haha! Hoch Eisenhut, hurra!“
Im gleichen Augenblick war auch Grau verschwunden, und als Adele zu Baron Kirchgang blickte, mit dem er zuletzt geplaudert hatte, sah sie seinen Platz leer. Baron Kirchgang unterdrückte ein Gähnen.
Adele zog die Brauen zusammen und begann mit erneuter Ausgelassenheit zu scherzen, zu lachen und Sektgläser zu füllen.