10
Die Brüder Schellenberg, Wenzel und Michael, hatten die Statur ihres Vaters.
Sie waren groß, breitschultrig und hatten denselben massiven, eckigen Schädel. Beiden war es eigentümlich, daß immer ein Lächeln auf ihren etwas derben, gebräunten Gesichtern lag, ein fast unsichtbares Lächeln, oft nur der Schimmer einer inneren Fröhlichkeit. Wenzel hatte die stahlgrauen, zuweilen etwas harten Augen des Vaters, während Michael die sanften braunen Augen der Mutter erbte. Allerdings ohne den goldenen Grundton, der die Augen der Mutter auszeichnete, als sie noch jung war, und der herrlich warm funkelte, wenn das Licht tief in die Augen fiel. Wenzel und Michael wuchsen wie junge Wölfe auf Klein-Lücke auf. Der Vater kümmerte sich kaum um sie, ihre Wildheit gefiel ihm. Die Mutter, verschüchtert und still, hatte nicht die Kraft, sie zu bändigen. Sie zitterte nur. Sie waren die wildesten Knaben, die man weit und breit finden konnte. Sie ritten zu zweit, ohne Sattel, auf einem Pferde, einem Hengst, den sonst niemand berühren durfte. Das Tier – sonderbar genug – ließ sich von ihnen alles gefallen. Es stand still, wenn einer der Knaben abstürzte. Sie kletterten auf die höchsten Bäume, sodaß die Mutter fast ohnmächtig wurde, wenn sie sie oben in den Wipfeln schwanken sah. Im Alter von zehn Jahren waren sie schon gewaltige Jäger. Sie jagten, was sie jagen konnten: Vögel, Eichhörnchen, Schlangen, Hasen. Damals lebte auf dem Hof ein Hund, ein Fleischerhund – genannt Isaak – groß wie ein Kalb, ein bissiges und übelgelauntes Tier. Mit diesem Hunde, dessen Augen gelb und böse blendeten und dem selbst der Knecht auswich, balgten sie sich auf der Erde, daß die Kleider in Fetzen gingen. Sie hatten Bogen, nahezu zwei Meter hoch, und schossen riesige Pfeile, die dreizöllige Nägel als Spitze trugen. Sie beschossen sich gegenseitig, und bei einem dieser Kriegsspiele erhielt der jüngere Michael einen Schuß in den Knöchel, der leicht fatale Folgen hätte haben können. Aber es ging gut ab. Seit dieser Zeit hinkte Michael ein wenig.
Mit zwölf Jahren kamen die beiden Knaben zur Schwester der Mutter in die Stadt. In dieser Stadt – einer kleinen Stadt Mecklenburgs – sah man sie auf den Dachfirsten reiten. Bei einem Eisgang trieben sie auf einer Eisscholle, mächtige Prügel schwingend, durch die ganze Stadt, zur Belustigung der Straßenjugend und zum Schrecken der Erwachsenen. Bei einer Brücke, wo sich das Eis staute, kletterten sie, gewandt wie Gemsen, über das Eis ans Ufer, um eine Viertelstunde später wieder auf einer Eisscholle, prügelschwingend, durch die Stadt zu treiben. Es waren richtige Teufel.
Der ältere, Wenzel, wurde Offizier. Der jüngere, Michael, wurde Landwirt und Chemiker.
Nach Beendigung seiner Studien arbeitete Michael einige Jahre in den Laboratorien der Deutschen Stickstoffwerke. Diese Laboratorien bildeten einen Komplex wie ein riesiges Hotel, und hier, inmitten des Luxus der wunderbarsten Apparate, fühlte sich Michael wie im Paradiese. Er war noch nicht dreiundzwanzig Jahre alt, als er ein Verfahren zur Herstellung von Harnstoff erfand, das fast um ein Drittel billiger war als die bekannten Methoden. Sein Name wurde in der Fachwelt bekannt. Die Deutschen Stickstoffwerke beeilten sich, die Erfindung zu erwerben, und auf diese Weise fiel dem jungen Mann eine jährliche Rente von beträchtlicher Höhe in den Schoß.
Michaels neue Methode zur Herstellung von Harnstoff sollte in dem großen Stickstoffwerk Logan am Rhein zuerst praktisch angewandt werden. Umbauten und Einrichtungen würden etwa sechs Monate Zeit beanspruchen. Michael befand sich aber kaum vierzehn Tage in Logan, als jene große Explosionskatastrophe eintrat, die noch in aller Erinnerung ist. Es flogen im ganzen fünfhundert Eisenbahnwaggons Stickstoff in die Luft, vierhundert Menschen wurden getötet, und ein großer Teil des etwa fünfzehn Kilometer langen Werkes von Logan wurde zerstört. Bei dem Explosionsherd entstand ein Loch, in das man eine fünfstöckige Mietskaserne ohne jede Schwierigkeit hätte unterbringen können.
Wie durch ein Wunder kam Michael bei der Katastrophe mit dem Leben davon. Er schlief im Junggesellenheim des Werkes und wurde am frühen Morgen, die Explosion ereignete sich bei der ersten Morgenschicht, aus dem Bett geschleudert. Im gleichen Augenblick schwankte das Haus und zerriß in zwei Teile. Mit einem verknitterten Schlafanzug bekleidet, erreichte Michael inmitten einer Lawine von Schutt das Freie. Was, um Himmelswillen, war geschehen? Er vermochte nicht zu denken, dann aber schoß ihm der Gedanke durch den Kopf, daß die Stickstofflager explodiert sein müßten. Die Silos waren in die Luft gegangen! Mauern von Staub verdunkelten die Sonne. Die durch die Explosion zerrissenen Rohre und Röhren, die unter Druck standen, heulten infernalisch, und aus der Staubwolke stieg wie aus einem brodelnden Nebel eine rubinrote, glasige Stichflamme zum Himmel empor. Gestalten stürzten dahin, taumelnd, schreiend, schlugen mit dem Gesicht auf die Erde. Unaufhörlich folgten kleinere Explosionsschläge, und Felsblöcke, wie beim Ausbruch eines Vulkans, surrten heulend durch die Luft.
Die wenigen Überlebenden dieses Teiles des Loganwerkes erinnern sich heute noch an Michael, wie er augenblicklich handelte, dahin, dorthin eilte, um Verschüttete, die fürchterlich schrien, zu befreien. Dann sammelte er ein Häufchen verstörter Arbeiter um sich und disponierte. Und es fiel allen auf, mit welcher Klarheit er, dieser junge Mensch, der mit einer Kruste von Staub und Blut bedeckt in seinem Schlafanzug vor ihnen stand, seine Anordnungen gab.
„Erstens“, sagte er, „müssen wir die Verschütteten befreien. Zweitens müssen wir die Toten bergen. Drittens müssen wir sofort die Straße vom Schutt räumen, um sie für den Verkehr freizumachen. Viertens müssen wir alles, was einzustürzen droht, niederreißen, um weiteres Unglück zu verhüten, und fünftens müssen wir Logan wieder aufbauen. Vorwärts, schafft Leute! Und sofort eine Telephonverbindung!“
Den ganzen Tag über gab Michael den Kolonnen seine Anweisungen, immer in seinem verknitterten Schlafanzug. Aber niemand kam es in den Sinn, darüber auch nur zu lächeln. Erst am Abend gab man ihm einen Mantel, und erst als es dunkel wurde, wusch er sich das Gesicht.
Drei Wochen lang war Michael taub, obschon die Schallwelle der Explosion über ihn hinweggesprungen sein mußte, da sie ihm anders das Trommelfell zerrissen hätte. Irgendeinen Schaden trug er nicht davon. Einige schlaflose Nächte, dann war er wieder vollkommen in Ordnung.
Michael arbeitete hierauf zwei Jahre auf dem großen Versuchsgut der Deutschen Stickstoffwerke, Breda. Er veröffentlichte in dieser Zeit eine Reihe von Aufsätzen über Fragen der wissenschaftlichen Bodenkultur, die die Aufmerksamkeit der landwirtschaftlichen Hochschule in Berlin erregten. Die Hochschule bot ihm einen Lehrstuhl an, und so geschah es, daß Michael nach Berlin kam. Aber schon nach einem Jahre drehte er diesem Institut den Rücken zu.
Er kapitalisierte seine Tantieme bei den Deutschen Stickstoffwerken und erwarb ein dreihundert Morgen großes Gut in der Nähe von Berlin – Sperlingshof –, das er zu einem modernen Versuchsgut ersten Ranges umwandelte. Die Erde! Mit seiner ganzen Leidenschaft – die Schellenberg taten alles leidenschaftlich – richtete er seine Energie auf die Erde, den Boden, der, fast unbekannt, unerforschter als die chemischen Elemente, seine Geheimnisse streng hütete, ob ihn die Menschen auch schon Tausende von Jahren bebauten.
Es gab keine neue oder alte Methode des Land- und Gartenbaus, die Michael auf Sperlingshof nicht versucht hätte. Es gab keine Maschine, die er nicht ausprobiert hätte. Bodenimpfung, Berieselungsmethoden, Regenanlagen, Glashäuser. In Tausenden von Töpfen standen, sauber etikettiert, verschieden behandelte Versuchspflanzen. Der Boden war schlecht, Sand, aber er vollbrachte Wunder. Wie eine Oase lag Sperlingshof in der kargen Landschaft. Fachleute kamen, staunten, disputierten, kritisierten. Michael arbeitete im Schweiße seines Angesichts. Die chinesische Landwirtschaft! Sie beschäftigte ihn monatelang. Sie gab Aufschluß über vieles. In diese Zeit fiel eine Broschüre, die großes Aufsehen in Fachkreisen erregte. Michael bewies, daß die Großstädte jährlich Hunderte von Millionen an kostbaren Nährstoffen in ihren falsch behandelten Abwässern verschwendeten. Europa, behauptete er, habe zugunsten der Technik in frevelhafter Weise die Probleme des Landbaus vernachlässigt.
Aber nicht jene Probleme allein beschäftigten Michael. Plötzlich taten sich – im Zusammenhang mit ihnen – ganz ungeheure Horizonte auf. In der Einöde von Sperlingshof wurde Michael von sozialen und soziologischen Problemen so leidenschaftlich ergriffen, daß sie bestimmend für sein ganzes Leben werden sollten.
Hier reiften die Pläne, in deren Verwirklichung er seine Lebensaufgabe erblickte!
Die Wintermonate pflegte Michael in Berlin zu verbringen. Er hatte im Osten der Stadt ein paar Zimmer gemietet. Hier arbeitete er Tag und Nacht, und Bücher, Pläne, Zeichnungen, Notizen häuften sich auf allen Tischen.
Seinen Bruder Wenzel sah Michael nur selten. Im ersten Winter kam Wenzel nach Berlin, um sich eine passende Stellung zu suchen – „nicht allzuviel Arbeit und ein hohes Einkommen“. Die Brüder verbrachten fast alle Abende zusammen. Sie waren sich noch immer wahrhaft zugetan, obschon Michael in seiner Entwickelung eine ganz andere Richtung eingeschlagen hatte.
Wenzel, der stets Glück hatte, fand in der Tat eine ausgezeichnete Stellung! Er wurde Sekretär bei dem alten Raucheisen, dem Chef des Raucheisen-Konzerns, dem ein großer Teil des Ruhrgebiets gehörte – „ein deutsches Fürstentum unter der Erde“, wie Wenzel sagte – und der gegen achtzig industrielle Großbetriebe kontrollierte. Wenzel ließ seine Familie nachkommen, Lise und die beiden Kinder, und richtete sich irgendwo im Westen eine luxuriöse Wohnung ein. Seit dieser Zeit sahen sich die Brüder – ohne jeden sonderlichen Grund – ganz selten. Im letzten Winter nur zweimal.