11
In diesem Herbst kehrte Michael früher als sonst von Sperlingshof zurück. Ganz plötzlich hatte er die Zelte abgebrochen. Die Pläne reiften! Es gab viele Arbeit hier in der Stadt, und jeder Tag war kostbar. In diesem Winter wollte er die Arbeitsgemeinschaft gründen, eine Gemeinschaft der besten und verantwortungsvollsten Köpfe Deutschlands. Besuche, Besprechungen, Korrespondenz, Arbeit in Hülle und Fülle, fast ohne Pause, sechzehn Stunden am Tag und mehr.
Es war nur zu verständlich, daß er keine Zeit fand, sich nach Wenzel umzusehen. Jeden Tag nahm er sich vor, ihn aufzusuchen. Merkwürdigerweise dachte er in diesen Wochen häufig an den Bruder.
Eines Tages aber fand er unter der eingegangenen Post einen umfangreichen Brief von einer Hand, die ihm bekannt vorkam. Die Schrift und die grünlichschillernde Tinte berührten ihn nicht sympathisch. Da erinnerte er sich, daß es die Schrift der Schwiegermutter Wenzels war, einer Frau von dem Busch, einer arroganten und herrschsüchtigen Dame, der er am liebsten aus dem Wege ging.
Was will sie nur von mir? dachte er erstaunt und schon etwas ärgerlich. Ich habe gehofft, sie würde mir für immer böse sein, wegen unseres letzten Disputs. Sie hatten damals über Sozialismus debattiert, und Michael, den der anmaßende Ton der Frau von dem Busch tief verletzt hatte – sie nannte die Arbeiter nur Tagediebe und Faulpelze, die sich volltrinken –, hatte ihr vor allen Leuten mit ziemlicher Schärfe bewiesen, daß sie nicht einmal wisse, was Sozialismus sei, obschon sie ihn verdamme.
Frau von dem Busch war eine jener Damen, die in ihrem Leben nichts gearbeitet haben, von ein paar gehäkelten Deckchen abgesehen. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend mußten die Mädchen für sie rennen. Sie tat nichts ohne eine ungeheure Verschwendung von Worten, sie verbreitete Unruhe. Immerzu war sie auf Reisen, Nizza, Italien, Marienbad. Ohne Unterbrechung hatte sie es mit den Ärzten zu tun. Ihr Mann war Landrat gewesen und hatte keineswegs Glücksgüter hinterlassen. Wovon bestritt sie ihren Haushalt, ihre Reisen? Niemand wußte es. Sie hatte große Pläne mit ihrer einzigen Tochter Lise gehabt. Irgend etwas ganz Außergewöhnliches hatte sie erwartet, einen Prinzen oder Vanderbilt oder einen russischen Fürsten. Gott mochte es wissen. Sie konnte es Wenzel niemals verzeihen, daß er ihre Pläne zunichte machte.
„Eine verdrießliche Sache,“ sagte Michael ärgerlich, nachdem er einen Blick in den Brief geworfen hatte, und steckte ihn in die Tasche. Erst am Abend, als er seine Abendmahlzeit in einem stillen Restaurant einnahm, machte er sich an die Lektüre. Weshalb schreibt sie nicht an Wenzel direkt? dachte er. Was habe ich mit ihr zu schaffen?
Der Brief der Frau von dem Busch versetzte Michael in schlechte, nervöse Laune. Er errötete ein paarmal vor Unwillen, zuweilen aber amüsierte er sich und mußte laut auflachen. Zuletzt aber erschrak er. Was war das? Wenzel?
Frau von dem Busch begann mit der Versicherung, daß sie an Michaels gute Eigenschaften glaube, während sie bei Wenzel zu ihrem Bedauern nie gute Eigenschaften entdecken konnte, so sehr sie sich auch bemüht habe. (Eine boshafte, taktlose Person! dachte Michael.) „Ich schreibe an Sie, Michael, im Vertrauen auf Ihr gutes Herz, wenn Sie auch heute vielleicht noch Weltanschauungen huldigen, die ich nicht billigen kann, ja, die ich bekämpfen muß. Aber Ihre Jugend entschuldigt Sie.“ („Welche Unverschämtheit!“ sagte Michael laut vor sich hin.)
„Lises Briefe beunruhigen mich,“ fuhr Frau von dem Busch fort, nachdem sie Wenzel erneut einen Hieb versetzt hatte. „Sie schreibt wenig, ausweichend und unaufrichtig. Sie wissen ja, Michael, daß ich gegen diese Ehe eingenommen war. Mein mütterliches Herz hat mich gewarnt. Was könnte Lise heute sein, wer könnte sie sein! Sie verkehrten nie in meinem Hause, Sie können also nicht wissen, wer bei mir aus- und einging, der höchste Adel und sogar Fürstlichkeiten. Alle bewunderten Lise und prophezeiten ihr eine große Karriere, und Professor Livonius sagte, in drei Jahren würde sie Primadonna an der Hofoper sein. Ich verbringe schlaflose Nächte, wenn ich an all das denke. Ich habe meine Tochter Ihrem Bruder nicht gegeben, Sie wissen es. Er hat sie einfach geraubt, geraubt wie ein gemeiner Straßenräuber!“ (Hier mußte Michael laut auflachen, so daß die beiden Kellner zu ihm herblickten. In der Tat hatte sein Bruder Lise seinerzeit entführt, es war am Anfang des Krieges, und Wenzel hatte nur fünf Tage Urlaub.)
Nach einer langatmigen, jammernden Betrachtung über den Verfall der Sitten kam Frau von dem Busch wieder zu ihrem Thema zurück. Ihre schlimmsten Befürchtungen, schrieb sie, schienen sich zu erfüllen. „Lise schreibt mir, daß Sie Wenzel schon seit einem halben Jahre nicht mehr besuchten. Ich begreife sehr wohl, daß Sie sich, wie fast alle Menschen, von ihm zurückziehen.“ (Oh, wie unverschämt ist diese Alte, dachte Michael zornig.) „Denn, wie Lise mir schreibt, haben nach und nach alle seine Freunde ihn verlassen, auch Lises Bekannte bleiben aus, und sie hatte doch einen so reizenden Kreis geachteter Persönlichkeiten, Legationssekretäre, Attachés und hohe Offiziere. Aus Freundschaft und Achtung zu unserer Familie verkehrten sie bei Lise. Aber es ist kein Wunder, daß einer nach dem andern wegbleibt. Meine Tochter aber ist tief unglücklich, ich fühle es aus jeder ihrer Zeilen. Sie wissen, lieber Michael, daß Ihr Bruder seit drei Monaten nicht mehr im Raucheisen-Konzern tätig ist.“ (Wenzel? Was ist mit Wenzel? dachte Michael erschrocken über diese unerwartete Nachricht.) „Weshalb? Wissen Sie den Grund? Und er hatte gewiß dort eine wundervolle und ausgezeichnet bezahlte Stellung. Was ist vorgefallen? Geben Sie mir Auskunft! Lise schweigt sich darüber aus. Von Berliner Bekannten konnte ich Positives nicht erfahren, sie machten nur Andeutungen, die mich noch mehr beunruhigten. Etwas ist hier nicht in Ordnung. Ich wäre nach Berlin gekommen, muß aber zu meiner Schwester nach Bremen reisen und von dort aus nach Frankfurt am Main, wohin mich eine alte Freundin dringend bittet. Ich hätte gewünscht, daß Lise mehr Vertrauen zu ihrer Mutter habe. Gehen Sie zu ihr, machen Sie ihr Vorwürfe! Welch törichter Stolz, sich vor seiner Mutter zu schämen. Aber ich kann mir vorstellen, daß Lise nicht gerne über diese unerquicklichen Dinge spricht. Ich weiß nicht, ob Sie Ihren Bruder letzthin gesehen haben. Lise schreibt mir, daß er in den letzten Monaten von einer außerordentlichen Ruhelosigkeit ergriffen war. Er kam oft tagelang nicht nach Hause. In ihrem heutigen Briefe nun gesteht mir Lise, daß Wenzel seit zwei Wochen in Geschäften abwesend ist. Ich fühle, daß Lise sich in der allergrößten Erregung befindet. Was ist aus Ihrem Bruder geworden?“
Michael hatte diese Mitteilungen mit dem größten Erstaunen und mit einem leichten Erschrecken gelesen. Der Brief schloß mit der Bitte, zu Lise zu gehen, sie auszuforschen und sodann ihr, Frau von dem Busch, ausführlichen Bericht zu erstatten. Ungeduldig warte sie auf seine Nachricht.
Michael erhob sich und schlüpfte in den Mantel. Verstimmt und beunruhigt verließ er das Restaurant.
Er beschloß, Lise morgen zu besuchen.
Am nächsten Tage, etwas nach vier Uhr, machte sich Michael auf den Weg zu Lise. Sie wohnte draußen im Westen, in einer jener Straßen, die sich alle gleichen, in einem jener Häuser voll von falschem Prunk, die alle verschieden sind. Das Treppenhaus war ganz aus Marmor. Neben dem Lift stand eine Bank aus weißem Marmor, auf die sich niemand setzte, weil sie eisigkalt war. Lise aber fand Treppenhaus und Bank herrlich.
Das Mädchen, eine hübsche, schlanke Person mit einem Häubchen auf dem Kopfe, empfing ihn mit freudig erstaunter Miene. „Herr Doktor Schellenberg! Ist es möglich?“ rief sie aus und öffnete die Tür so weit als es möglich war.
„Ist meine Schwägerin zu Hause? O ja, ich höre sie.“
Aus Lises Zimmer drang Gesang und Klavierspiel. Lise übte zwei-, dreimal die gleiche Kadenz. Sie hatte einen hohen, etwas spitzen Sopran.
„Gnädige Frau haben Stunde,“ sagte das Mädchen. „Ich darf nicht stören. Aber die Stunde muß bald zu Ende sein.“
„Führen Sie mich unterdessen zu den Kindern,“ bat Michael.
Sobald er nur den Kopf in das Kinderzimmer steckte, erscholl lautes und freudiges Geschrei der beiden Kinder. Marion, das Mädchen, das die Züge Lises trug, wollte sich augenblicklich auf ihn stürzen. Sie kauerte auf einem Schemel in der Mitte des Zimmers. Der Junge aber, Gerhard – schon jetzt zeigte sein Kopf die breiten und etwas derben Züge der Schellenberg –, schrie die Schwester in erregtem Tone an. „Steige nicht aus, Marion! Du wirst sofort ertrinken! Du kannst ja nicht schwimmen! Und du, Onkel, bitte, gehe nicht weiter. Siehst du nicht, daß dieser Strich der Wannsee ist?“ Gerhard saß oben auf dem Kleiderschrank. In der Hand hielt er eine Tute aus zusammengerolltem Papier, die er zuweilen an den Mund setzte, um schauerlich zu tuten. Das Zimmer war in großer Unordnung, die Kinder nicht ganz sauber und etwas vernachlässigt. In der Ecke stand idyllisch ein Nachtgeschirr.
„Was gibt es?“ fragte Michael lachend.
„Marion sitzt auf einem Segelboot, das soeben gekentert ist, Onkel,“ erklärte Gerhard hastig und erregt vom Schrank herab, denn er fürchtete, das Spiel könnte gestört werden. „Und ich bin der Leuchtturmwächter und tute um Hilfe. Steige nicht aus, Marion, du wirst augenblicklich ertrinken! Siehst du nicht die hohen Wellen? Und der Wind bläst – huh!“
Marion warf Michael hilfesuchende Blicke zu, während sie sich krampfhaft an ihrem Schemel festhielt, als fürchte sie fortgeweht zu werden. In ihrer Angst hatte sie sich das Höschen naßgemacht. Sie war nahe daran, in Tränen auszubrechen.
„Nur keine Angst, Marion,“ beruhigte sie Michael, „wenn du ins Wasser fällst, so ziehe ich dich sofort wieder heraus!“
„Du mußt um Hilfe schreien, Marion! Oh, wie dumm du bist!“
„Hilfe! Hilfe!“ zeterte die Kleine.
„Das Rettungsboot kommt!“ tutete Gerhard.
Blitzschnell, wie eine Katze, sprang er vom Schrank und rutschte auf einem Stuhl über den Fußboden langsam heran an Marions Schemel. Er warf Marion unter vielen Zurufen eine Schnur zu und zog sie auf ihrem Schemel in eine Ecke. Nun waren sie angekommen.
„Komm hierher, Onkel!“ rief der Knabe, „wir sind auf der Pfaueninsel.“
Die Stimme des Knaben, der bisher, vom Spiel erregt, wild und laut geschrien hatte, war plötzlich sanft und weich. „Weshalb kommst du so selten, Onkel? Man sieht dich gar nicht mehr!“ fragte er und sah Michael mit einem langen, reinen Blick an. Marion aber kletterte an ihm in die Höhe, wie an einem Baum, und bedeckte seine Wange mit Küssen, während sie die dünnen Arme um seinen Hals legte.
„Ich hatte zu arbeiten,“ antwortete Michael verlegen, denn er fühlte, daß der Knabe ihm nicht glaubte.
Gerhard sah ihn von der Seite an. „Ihr mit eurer Arbeit!“ sagte er und zuckte geringschätzig die Achsel. „Auch Papa behauptet immer, er müßte arbeiten, und dabei sitzt er doch Tag und Nacht in den Weinstuben.“
„Aber Gerhard!“ erwiderte Michael mit sanftem Tadel. „Pfui, wie häßlich. Was sagst du da? Wer sagt dir, daß Papa Tag und Nacht in den Weinstuben sitzt?“
„Nun, Mama,“ antwortete der Knabe und verzog die Lippen.
Michael verteilte die Schleckereien und mußte mit Marion zusammen eine Schokoladenstange verspeisen. Sie aß an einem Ende und er am andern, bis sie mit den Lippen zusammenstießen. Nun, aber ja – wollten sie zusammen spielen. Onkel! Sie wußten genau, daß Michael ihnen entrissen wurde, sobald die Gesangsstunde zu Ende war.
„Komm, Onkel!“ rief Gerhard, „was wollen wir spielen? Wir wollen den Mont Blanc besteigen, willst du?“
„Nun schön, meinetwegen,“ stimmte Michael lächelnd zu. „Wie geht das: den Mont Blanc besteigen?“
Marion aber heulte. „Ich will nicht auf den Mont Blanc. Onkel, man muß auf den Schrank klettern, und ich fürchte mich.“
„Ach wie dumm und albern du bist, du Heullise!“ rief der Knabe und stampfte mit dem Fuße. „Fünftausend Meter, was ist schon dabei?“
Michael beruhigte das Mädchen. „Also, Marion, wenn ich in deiner Nähe bin, so wirst du wohl Mut haben. Sieh zu, ich werde dich an der Hand führen, und es wird dir nichts geschehen. Fallen wir herunter, nun was schadet es, so fällst du in meine Arme.“
Gerhard aber betrieb augenblicklich eifrig die Vorbereitungen. Ein Tisch wurde an den Schrank geschoben und auf den Tisch ein Stuhl gestellt. An den Tisch wiederum wurde ein Stuhl gerückt. Nun wurden sie alle drei mit einer Schnur aneinander gebunden, und Gerhard, mit einem Stock bewaffnet, begann den Aufstieg. Er schlug mit dem Stock Stufen in das Eis, er ließ Warnungen ertönen, so daß Marion zu zittern anfing. Schließlich aber ging alles gut ab, und alle drei waren oben.
In diesem Augenblick öffnete das Mädchen die Tür und sagte, während sie in lautes Lachen ausbrach: „Die Stunde ist eben zu Ende, ich werde Sie sofort der gnädigen Frau melden.“
12
Das Mädchen lachte noch hell heraus, als es über den Korridor eilte. Michael stieg mit Marion auf dem Arm vom Mont Blaue herab und begab sich in die Diele.
Hinter einer der vielen langweiligen weißen Türen hörte er die erregte Stimme seiner Schwägerin. Sie zankte. Das Dienstmädchen schlüpfte mit bestürzter Miene durch den Türspalt. Gleich darauf öffnete sich der eine Flügel der Tür, und Lise wurde sichtbar. Sie war in höchster Erregung und blickte Michael mit zornigen Augen an.
„Bestellen Sie es dem Herrn nur!“ rief sie und schob das zögernde Dienstmädchen in die Diele. „Bestellen Sie dem Herrn, was ich Ihnen sagte: Ich will nichts mehr mit den Schellenberg zu tun haben!“
Verblüfft und betreten tat Michael einen Schritt rückwärts. Er griff mit einer bedauernden Geste nach Hut und Mantel. „Nun, dann lebe wohl, Lise,“ sagte er und zuckte die Achsel. „Ich werde mich dir nicht aufdrängen.“
In diesem Augenblick streckten die Kinder die Köpfe in die Diele und riefen: „Michel! Michel!“
Lise trat einen Schritt vor. „Macht, daß ihr fortkommt!“ herrschte sie die Kinder an.
Michael ging. Welch eine unerquickliche Szene, dachte er. Wie tief muß Wenzel sie verletzt haben, daß sie so außer sich ist! In großer Erregung stieg er die Treppe hinab. Er bereute nun, daß er die Beleidigung Lises ohne jede Erwiderung eingesteckt hatte.
Aber Lise erschien am Geländer der Treppe und schrie mit einer rasenden Stimme in das Stiegenhaus hinein: „Ich will das Schellenbergsche Gesicht nicht mehr sehen! Ich habe genug davon!“ Dann schlug sie die Tür zu, daß das Haus zitterte. Oh, wie böse sie heute war!
Michael hatte indessen kaum das Foyer mit den Marmorsäulen und der weißen Marmorbank erreicht, als das junge Dienstmädchen nachgestürzt kam. „Die gnädige Frau bittet Sie, sofort heraufzukommen. Sie bittet vielmals, sie zu entschuldigen.“ Und als Michael, dessen Zorn schon wieder verraucht war, mit ihr die Treppe emporstieg, fügte sie entschuldigend und erklärend hinzu: „Die gnädige Frau ist außer sich. Ihr Herr Bruder hat schon seit Wochen das Haus nicht mehr betreten.“
Lise erwartete Michael in ihrem Musiksalon. Sie streckte ihm erregt die Hand hin, ihre Augen standen voll Tränen. „Verzeihe, Michael,“ rief sie aus. „Ich bin in einer Erregung, die unbeschreiblich ist. Du bist mir doch nicht böse, wie? Nein, du bist immer ein guter Kerl gewesen und verstehst alles.“
„Was in aller Welt geht hier vor?“ fragte Michael mit gerunzelter Stirn.
„Nimm Platz. Ich werde nach Tee klingeln. Bringen Sie Tee, Anna!“ Sie schrie das Dienstmädchen an, um ihre Beschämtheit zu verbergen.
Lise gehörte zur Klasse jener Blondinen, die zur Üppigkeit neigen und Gefahr laufen, frühzeitig ihre reinen Formen zu verlieren. Ihre sanften Wangen waren voll und immer lebhaft gerötet, als sei sie erhitzt, die Augen, die vorhin, als sie erregt war, so groß aussahen, waren von zarter, etwas verblaßter blauer Färbung. Ein heller, lockerer, etwas unordentlicher Haarschopf wippte über der Stirn.
Sie suchte nervös nach Zigaretten und warf sich auf den Diwan, der dicht neben dem Flügel stand. Das Zimmer war voll von Notenblättern und Büchern, in ziemlicher Unordnung. Der riesige Diwan war mit einer lachsroten Decke bedeckt, und darauf waren einige Dutzend Kissen in grellen Farben verteilt. Eine Stehlampe mit rotem Schirm und langen schwarzen Quasten stand neben dem Flügel.
„Wie schön, daß du gekommen bist, Michael,“ sagte Lise, nur um etwas zu sagen. So lächerlich es war, versuchte sie dem Dienstmädchen, das den Tee servierte, nach dieser erregten Szene vorzutäuschen, daß alles in bester Ordnung sei. „Du siehst gut aus, braun,“ plapperte sie. „Das Landleben bekommt dir gut. Ich war im Sommer in Heringsdorf mit den Kindern und Major Puchmann und seiner Frau.“
Sie plauderte noch dies und jenes, zuweilen mit einem kleinen, glucksenden Lachen, solange das Mädchen im Zimmer war.
Kaum aber hatte das Mädchen das Zimmer verlassen, als sie erregt nach Michaels Hand tastete und mit hilflosem Blick fragte: „Hast du Wenzel gesehen?“
„Ich bin erst seit kurzer Zeit in Berlin,“ erwiderte Michael. „Ich habe ihn nicht gesehen und wollte euch heute besuchen.“ Er sprach etwas unsicher und stockend, es fiel ihm schwer, sich zu verstellen. Den Brief von Lises Mutter erwähnte er absichtlich nicht. „Was, um alles in der Welt, ist mit Wenzel?“
Lise sah ihn lange an, dann erhob sie sich und ging ein paar Schritte, während sie die Zigarette zwischen den Lippen zernagte. „Was mit Wenzel ist?“ fragte sie. Sie blieb vor Michael stehen. „Ich weiß es nicht.“
„Du weißt es nicht?“
„Nein. Ich weiß seit – seit längerer Zeit nichts mehr von Wenzel. Es ist alles merkwürdig. Daß er nicht mehr bei Raucheisen tätig ist, weißt du wohl? Der alte Raucheisen hat ihn entlassen.“
„Entlassen?“
Lise zerknitterte die Stirn. „Entlassen oder nicht entlassen, jedenfalls ist er nicht mehr bei Raucheisen. Und irgend etwas muß ja wohl vorgefallen sein. Ich habe mit einigen Freunden Wenzels gesprochen, die bei Raucheisen arbeiten. Vielmehr nicht ich, ich habe Major Puchmann gebeten, mit ihnen zu sprechen, um der Sache auf den Grund zu gehen. Denn es gehen Gerüchte, Michael! Aber die Herren machten nur Ausflüchte. Sie sagten nichts. Jedenfalls schied Wenzel von heute auf morgen bei Raucheisen aus.“
Michael versuchte, Lises Hand zu fassen, um sie zu beruhigen. „Vielleicht hat es Wenzel nicht mehr bei Raucheisen gefallen,“ sagte er. „Laß dich doch von den Leuten nicht beschwätzen, Lise.“
Lise schüttelte den Kopf. „Beschwätzen?“ sagte sie und wurde immer erregter und geriet nahezu wiederum in den früheren Zustand der Verzweiflung. „Beschwätzen? Ich bin doch nicht irgendeine kritiklose Person, Michael. Es ist ja auch gar nicht die Hauptsache, was bei Raucheisen vorfiel. Aber nun höre: die Hauptsache ist, daß Wenzel ohne jede Erklärung, ohne ein Wort zu sagen, aus dem Hause gegangen ist!“
„Er hat dein Haus verlassen?“
Lise schlug die Hände vors Gesicht. „Ja! Ich verstehe nicht, wie ich das alles ertragen habe. Oh, diese Schmach und Schande, mich hier sitzen zu lassen mit den Kindern. Was soll meine Mutter denken? Ich wagte es ihr nur anzudeuten. Was sollen meine Freunde denken? Müssen sie nicht glauben, ich hätte meine Pflichten verletzt, ich hätte irgendeine Liebschaft angefangen? Meine Verwandten, die alle hohe Beamte und Militärs sind, korrekt bis in die Fingerspitzen – für die es so etwas einfach nicht gibt. Oh, wie furchtbar ist dies alles!“
„Ich verstehe nicht –“
„Ich werde dir alles erzählen,“ sagte Lise, indem sie sich Mühe gab, sich zu beruhigen. Sie nahm wieder auf dem Diwan Platz. „Höre zu, Michael. Über ein Jahr war Wenzel bei Raucheisen. Zehn Minuten vor sieben, jeden Morgen, holte ihn das Auto ab. Punkt sechs stand er auf, und er machte sich selbst das Frühstück in der Küche, denn ich konnte dem Mädchen doch nicht zumuten, so früh aufzustehen. Zwischen sieben und neun Uhr abends kam er nach Hause. Wir besuchten Theater, Konzerte, Gesellschaften. Es ging alles vorzüglich. Schon nach einem Vierteljahr hatte Raucheisen Wenzels Gehalt verdoppelt. Ich atmete auf, denn die Jahre während des Krieges, die ich bei Mama zubrachte, waren nicht leicht gewesen.“
„Also bis dahin ist alles gut gegangen?“
„Sehr gut sogar. Er verrichtete seine Arbeit mit einem Eifer und einer Peinlichkeit, die nur ein Offizier kennt. Er war lieb und reizend zu mir. Obwohl er den ganzen Tag arbeitete, war er abends in den Gesellschaften noch in sprühender Laune.“ Lise legte die Stirn in Falten. „Vom Frühjahr an aber wurde es anders. Er wurde unruhig, er schlief schlecht, und er brachte Freunde mit ins Haus, die mir nicht sonderlich gefielen. Kennst du Mackentin, einen früheren Oberleutnant der Fliegertruppe?“
„Ich kenne ihn nicht,“ erwiderte Michael. „Aber ich hörte seinen Namen.“
„Oh, er hat ein widerliches Gesicht und so freche Augen. Wie eine Ratte. Dann kam noch ein früherer Leutnant. Seinen Namen habe ich vergessen. Sie schlossen sich in Wenzels Zimmer ein, qualmten, tranken und plauderten.“
„Spielten sie?“ fragte Michael.
„Nein, sie spielten nicht. Aber sie waren sehr laut, und Wenzel hatte seine Periode. Du weißt, daß er Perioden hat, wo er trinken muß.“
„Nun, Wenzel kann eine gute Menge vertragen,“ sagte Michael mit einem breiten Lächeln.
„Ich machte ihm Vorwürfe, aber er sagte nur: ‚Geschäfte, Geschäfte. Davon verstehst du nichts. Warte!‘ Dann kam er oft nach Mitternacht nach Hause und noch später. Er roch nach Wein und Zigarren, und es gab Szenen. Manchmal roch er auch nach zweifelhaften Parfüms. Das sage ich dir!“ schrie Lise plötzlich und hielt die verkrampfte Hand vor Michaels Gesicht. „Wenn ich herausbekomme, daß er mich schon damals mit Frauenzimmern hintergangen hat, dann soll es ihm leid tun!“
„Beruhige dich,“ unterbrach sie Michael. „Berichte weiter. Vielleicht spielte er. Es ist ja wohl möglich, denn er hatte ja früher zuweilen diese Leidenschaft. Urteile doch nicht so hart.“
„Du verteidigst ihn?“
„Natürlich, denn ich kenne ja auch seine guten Eigenschaften. Kann ein Mensch denn nicht Leidenschaften haben?“
Lise machte die Augen groß. „Leidenschaften? Weshalb? Mit welcher Berechtigung? Aber“ – korrigierte sie sich – „meinetwegen auch Leidenschaften – solange andere nicht darunter leiden. Vielleicht hast du recht, Michael. Es ist möglich, daß er in dieser Zeit spielte. Denn zuweilen hatte er viel Geld, und er warf es mit jener unangenehmen Geste auf den Tisch, die er hat, wenn er viel Geld besitzt.“
Michael errötete unwillig. „Unangenehme Geste? Verschwender sind mir lieber als Geizhälse, Lise.“
„Vielleicht urteile ich zu streng, du magst recht haben,“ lenkte Lise ein. „Aber kannst du verlangen, daß ich noch nachsichtig urteile – nach allem, was geschehen ist? Nun höre weiter. Schließlich blieb Wenzel ganze Nächte weg. Dann wieder kam er spät in der Nacht, um das Haus schon wieder um vier Uhr morgens zu verlassen. Ich machte ihm Vorwürfe. Er erwiderte nur, er habe zu arbeiten. Dieses Leben war eine Hölle, denn ich wußte, daß etwas mit ihm vorging, daß etwas nicht in Ordnung war. Eines Tages aber erfuhr ich durch Zufall, daß er gar nicht mehr bei Raucheisen tätig war. Er hatte mir nie ein Wort darüber gesagt.“
Michael schüttelte den Kopf. „Es mußte ihm natürlich peinlich sein. Verstehst du nicht, Lise?“
Lise fuhr fort: „Was er aber tat, konnte ich nicht erfahren. Er kam nicht mehr zu mir. Zuweilen schickte er einen Boten mit Geld. Das ist alles, was ich von ihm höre und sehe. Ich aber will seine Almosen nicht! Wenn es nicht anders wird, so werde ich die beiden Kinder nehmen und mich ins Wasser stürzen.“
„Lise!“ Michael lächelte.
Lise begann zu weinen. „Und dann die Gerüchte! Denke, Michael, daß alle meine Verwandten hohe Beamte und Militärs sind!“
Nun stieg Michael die Röte ins Gesicht. „Sei nicht böse, Lise,“ sagte er, „es langweilt mich, immerzu von deinen Verwandten zu hören. Wir Schellenberg sind auch kein hergelaufenes Gesindel. Mache dich nicht lächerlich –“
„Lächerlich?“ Lise tat äußerst erstaunt und verletzt. „Ah, ein Schellenberg!“ sagte sie. „Den Ton kenne ich!“ Sie stand auf, erregt, feindselig.
Schon bereute Michael. „Laß uns nicht streiten, Lise,“ sagte er. Und sofort war auch Lise wieder bereit, einzulenken. „Höre, Lise, sprich jetzt offen: Was, in Teufels Namen, ist vorgefallen?“
Lise nahm Michaels beide Hände, sah ihn an und flüsterte: „Ich weiß nichts Bestimmtes. Aber es gehen Gerüchte. Wenzel – es sind nur Gerüchte, man trug es mir zu – soll eine Unterschlagung begangen haben. Raucheisen wollte keinen Skandal und entließ ihn von einem Tag auf den andern.“
Michael erbleichte. „Wenzel und eine Unterschlagung! Aber Lise, laß dir doch so etwas nicht weismachen! Eher würde Wenzel sich eine Kugel durch den Kopf schießen. Ich kenne ihn ja.“
Lise sank in sich zusammen. „Vielleicht war es auch nicht gerade eine Unterschlagung, Michael. Vielleicht war es nur eine Inkorrektheit. Jedenfalls – wir sind arm und gehören nicht zu dem Gesindel, das heute in Deutschland obenan ist. Wir haben nichts mehr als unseren guten Namen.“
„Du weißt nicht, was Wenzel zur Zeit tut?“
Verzweifelt schüttelte Lise den gelben Haarschopf. „Ich weiß es nicht, nein. Ich weiß nur, daß er mit diesem Mackentin zusammen ist. Sie machen irgendwelche Geschäfte.“
„Nun gut,“ antwortete Michael, „ich werde ihn besuchen, wo wohnt er?“
Lise starrte ihn an. „Wo er wohnt? Auch das weiß ich nicht. Ich weiß gar nichts. Ich habe den Boten, der das Geld bringt, schon hier hereingenommen und ihm gedroht, ihn niederzuschießen, wenn er mir nicht seine Wohnung angibt.“
„Aber er sagte nichts?“ Michael lachte. „Siehst du, Lise, so war er immer. Immer hatte er so einen kleinen theatralischen Zug an sich. Und wie lange hast du ihn nicht mehr gesehen?“
„Drei Monate.“
„Wie?“
„Drei Monate.“
Michael sprang auf.
„Ja, drei Monate lang ertrage ich dies schon!“ schrie Lise. „Und jetzt ist es genug. Jetzt ist es genug!“ wiederholte sie.
„Arme Lise! Wie kann ich dir helfen?“
Lise dachte nach. „Helfen? Helfen? Es scheint aussichtslos. Aber –“ Sie dachte nach, und plötzlich hob sie das Gesicht in die Höhe, ein Gedanke erhellte ihre Augen. Sie sprang auf. „Höre, Michael,“ rief sie, „du wirst gehen und Wenzel suchen.“
„Wie soll ich ihn in dieser großen Stadt finden?“
„Du wirst ihn finden!“ rief Lise gläubig und überzeugt, begeistert von ihrem Einfall. „Ja, als sein Bruder wirst du ihn unbedingt zu finden wissen. Du wirst Erkundigungen einziehen. Es wird dir nicht schwerfallen ... Höre, Puchmann sagte mir, in der Nähe des Gendarmenmarkts, da sind einige kleine Kaffeehäuser und einige kleine Weinstuben, wo viele Börsenmenschen und Geschäftsleute verkehren. Dort soll Wenzel verkehren. Gehe nur, Michael, und suche ihn.“ Sie zog Michael am Ärmel, so daß er aufstehen mußte. „Gehe nun sogleich, und wenn du ihn findest, so erzähle ihm, was ich dir gesagt habe.“ Lise brach in Schluchzen aus, warf sich auf den Diwan und drückte das Gesicht in die Kissen.
Vergebens versuchte Michael, sie zu beruhigen.
„Geh! Geh!“ rief sie. „Suche ihn, und wenn du ihn gefunden hast, so sage ihm, daß er sofort zu mir zurückkehren soll. Es ist mir schließlich einerlei, was meine Verwandtschaft denkt. Aber höre, Michael,“ und Lise schlang ihren Arm um Michael und barg ihren blonden Haarschopf an seiner Brust, „höre und sage ihm, daß ich ihn trotz allem liebe. Es ist mir auch gleichgültig, was er getan hat. Ich werde ihm alles verzeihen. Sage ihm das.“
Michael ging. Lise, das Gesicht in Tränen gebadet, geleitete ihn hinaus. „Und versprich mir eins, Michael, sobald du ihn findest, so gib mir Nachricht. Rufe mich an. Schwöre es mir!“
Michael schwor.