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Michael verließ Lises Haus in großer Beunruhigung. Die ehelichen Zwistigkeiten nahm er nicht allzu ernst. In allen Ehen gab es Differenzen, und in der Ehe seines Bruders hatten sich schon in den ersten Jahren schwere Verstimmungen eingestellt. Zweimal war Lise schon durchgegangen.
Was ihn beunruhigte, ja erregte, das waren Lises Andeutungen über das veränderte Wesen seines Bruders. Wenzel war nie ein leichtsinniger Mensch gewesen, wenn er auch das Leben nie allzu schwer genommen hatte. Er machte sich keine großen Sorgen, in welcher Situation er sich auch befinden mochte. Sein unerschütterlicher Optimismus trug ihn über alle Schwierigkeiten des Daseins hinweg. „Immer Mut! Man muß dem Schicksal nicht aus der Hand fressen!“ war sein Wahlspruch. Und es ging immer, um die Wahrheit zu sagen. Mit dem gleichen Optimismus hatte Wenzel den Krieg durchgemacht. „Was soll mir geschehen?“ sagte er. „Vielleicht schießen sie mir einen Arm oder ein Bein ab, das ist mir völlig gleichgültig. Mehr können sie mir nicht anhaben.“ Und in der Tat, Wenzel trug kaum einige Schrammen in all den vier Jahren davon.
Wenzel hatte „zwei Spezialteufel“, wie er zu sagen pflegte. Der eine war der große Teufel Kohol, der Alkohol, der zweite war der Teufel Karo, der Karobube. Unter den Anfechtungen dieser seiner zwei Teufel hatte Wenzel in gewissen Perioden sehr zu leiden. Der Teufel Kohol verfuhr noch glimpflich mit ihm. Schlimmer war es, wenn er dem Spielteufel verfiel. Er spielte dann Wochen hindurch, er verspielte alles – aber am Schlusse stellte es sich heraus, daß er alle Verluste wieder wettgemacht hatte. „Ein blaues Auge!“ Oder: „Zwei blaue Augen!“
Was war nun mit Wenzel geschehen? Hatten seine „zwei Teufel“ wieder Gewalt über ihn bekommen? Er schickte Lise Geld, also mußte er entweder im Spiel gewinnen oder auf irgendeine Weise Geld verdienen. Was tat er? Wie lebte er? Michael kannte Wenzels Trotz und Stolz. Er würde eher verhungern als seine, Michaels, Hilfe anrufen, wenn es ihm, wohlgemerkt, wirklich schlecht ging.
Ja, sonderbare und merkwürdige Dinge waren das. Er verlor die Stellung bei Raucheisen, machte Geschäfte mit einem Bekannten, schickte Geld – aber mied Lises Haus. Was war das?
Auf jeden Fall beschloß Michael nun, Wenzel zu „suchen“, und doch hatte er noch vor einer Viertelstunde über die merkwürdige Zumutung seiner Schwägerin lächeln müssen.
„Eine sonderbare Aufgabe,“ sagte er, während er rasch dahinschritt. „Ich könnte eher eine Stecknadel in einem Haufen Spreu finden. Aber trotzdem tausend gegen eins steht, wollen wir es versuchen. Nur eine Frau kann solch einen Einfall haben.“
Er nahm ein Auto und befahl dem Chauffeur, ihn zu sämtlichen Weinstuben und Restaurants in der Nähe des Gendarmenmarktes zu fahren.
Schon in der fünften Weinstube stieß er zu seiner größten Verwunderung auf die Spur seines Bruders. Der Oberkellner, an den er sich wenden wollte, kam ihm rasch, mit diensteifriger Miene, mit den Worten entgegen: „Herr Hauptmann Schellenberg ist noch nicht hier.“
Michael war so verblüfft, daß er kein Wort hervorbrachte. Der Oberkellner indessen versicherte, daß ihm die frappante Ähnlichkeit sofort aufgefallen sei. „Ich dachte im ersten Augenblick, der Herr Hauptmann selbst trete ein.“
Ob er wisse, wo sein Bruder sich zur Zeit etwa aufhalten könne?
Der Kellner sann nach. „Wenn ich mich recht entsinne, so verabredete er sich zu einer Partie Schach mit Herrn Hauptmann Mackentin, und zwar, wenn ich mich nicht täusche, im Café Thielscher oder im Café Philipp. Thielscher ist gleich in der Nähe. Das Café Philipp liegt bei der Börse.“
Es wäre doch wahrhaftig wie ein Wunder! dachte Michael und kroch, angeregt von dem Abenteuer, ins Auto.