15

Wenzel war offenbar hocherfreut über das unerwartete Wiedersehn mit dem Bruder. Während sie gingen, legte er den Arm noch fester um Michael. Sein verschlossenes Gesicht löste sich, seine Augen glänzten.

„Wir wollen das Wiedersehen ordentlich feiern, Brüderchen!“ rief er aus, nachdem sie in der Ecke eines kleinen, feierlichen Restaurants Platz genommen hatten. „Was für eine wundervolle Überraschung ist das! Nicht für die schönste Frau Berlins würde ich dich austauschen. He, Kellner, wo bleibt ihr so lange? Seht ihr nicht, daß ich einen erlauchten Gast mitgebracht habe?“

Der Kellner verneigte sich vor Michael. Dann harrte er, diensteifrig, den Notizblock in der Hand, in einer Haltung, die Achtung vor dem hohen Trinkgeld ausdrückte. Hinter dem kunstvoll aufgebauten Büfett dienerte der Küchenchef mit seiner hohen weißen Mütze.

„Frische Oderkrebse sind eingetroffen, Herr Hauptmann.“

„Bitte, Wenzel, ich bin gewöhnt, sehr einfach zu essen,“ warf Michael ein.

„Du wirst essen, was ich dir vorsetze, und es nicht bereuen. Oderkrebse, sagen Sie?“ Wenzel nahm das Einglas aus dem Auge, das er zum Studium der Speisekarte eingeklemmt hatte, und blickte Michael an. „Hörst du? Glaubst du an Vorbedeutungen? Erst vorhin sprach ich mit den beiden Schafsköpfen, die ich dir im Café vorstellte, von der Oder, in ganz besonderer Angelegenheit. Na – also gut, mein Freund, Oderkrebse.“

„Ein halbes Dutzend?“

Nun lachte Wenzel, daß sein starkes Gebiß blitzte. „Ein Dutzend natürlich! Wofür halten Sie uns? In der Brühe gekocht, und dazu, hören Sie, ein Glas von dem alten Sherry, den nur die Stammgäste bekommen. Du mußt wissen, Michael, das Etablissement hat den Weinkeller eines bankerott gewordenen früheren Staatsministers aufgekauft. Kostbarkeiten! Diese Leute waren noch Kenner, das muß man sagen. Also mit den Krebsen bist du einverstanden?“

„Einverstanden, meinetwegen. Seit Jahren habe ich allerdings keine Krebse mehr gegessen.“

„Um so besser werden sie dir schmecken. Aber nun weiter. Sie können einstweilen die Krebse bestellen,“ wandte er sich an den Kellner, der mit einer Verbeugung verschwand. „Aber nun höre weiter,“ fuhr Wenzel fort. „Sie haben hier ein Konsommee mit Spargelköpfen, ein Tropfen nur, herrlich. Gut, angenommen. Und dann sieh hier, Michael, Forellen, Bachforellen. Wie wäre es damit?“

„Was willst du noch alles bestellen?“ fragte Michael.

„Noch alles?“ Wenzel lachte. „Aber höre, es beginnt ja erst. Nun kommen die schweren Kaliber. Alles Bisherige war nur leichtes Schützenfeuer, um den Feind zu reizen. Notieren Sie, Kellner. Brathühner mit diversen Salaten, Kalbsrücken mit Champignons. Keinen Widerspruch, Michael. Hierauf Pfirsich-Melba, und dann Käse. Sodann eine Schwadron Schnäpse. Zuletzt Kaffee – aber Sie kennen meinen Geschmack: so stark, daß sich ein Toter im Sarge überschlägt. Den Sekt haben Sie kaltgestellt? So, das wäre erledigt.“ Wenzel lehnte sich behaglich in den Sessel zurück. „Du lebst wohl sehr bescheiden auf Sperlingshof, Michael?“

„Ich lebe wie ein Bauer.“

„Prächtig siehst du aus! Braun wie das Brot, das aus dem Backofen kommt! Es ist wunderbar, wie ein Bauer zu leben,“ fuhr Wenzel mit einem leichten Seufzer fort. „Zuweilen jedenfalls. Aber auf die Dauer ist es langweilig, sehr, sehr langweilig. Für mich jedenfalls wäre es nichts mehr. Zur Zeit wenigstens. Ich brauche Unruhe, Lärm, Abwechslung – ah, da sind ja die Krebse schon! Und der Sherry! Sieh ihn dir an – die Reliquie eines Weins. Und nun, Michael, laß uns in aller Ruhe genießen. Erzähle mir, wie es dir geht. Erzähle mir von Sperlingshof und deinen Plänen! Du hast gewiß noch die alten Pläne – wie ich dich kenne?“ Wenzel zeigte sein altes, gutmütig spöttisches Lächeln und kniff ein Auge zu.

„Natürlich! Ich sehe nun die Lösung in voller Klarheit vor mir!“ erwiderte Michael eifrig. „Gerade jetzt bin ich dabei, den Arbeitsausschuß zusammenzustellen. Manche Enttäuschung, viel begeisterte Zustimmung –“

Wenzel schüttelte den Kopf. „Unverbesserlich bist du!“ sagte er und zerriß knackend einen Krebs.

„Unverbesserlich? Weshalb sagst du –?“

„Nun, nun – stoße dich nicht an meinen Worten, Michael. Du hast deine Ansichten – ich die meinen. Ich bin zur Zeit etwas skeptisch allen derartigen Dingen gegenüber. Ich sehe die Menschen mit andern Augen an – aber nichts davon! Später wollen wir ja über alles sprechen. Hörst du – über alles! Erzähle, sprich. Ich habe heute zehn Stunden lang gesprochen und bin etwas abgespannt. Erzähle vorläufig nur von dir, ich höre zu.“

Michael berichtete, während sie speisten. Seine Arbeit, seine Versuche, sein „großer Plan“. Seine Augen strahlten, und die Röte färbte ihm das Gesicht. Er konnte nicht von seiner Arbeit und von seinem „großen Plan“ sprechen, ohne augenblicklich Feuer und Flamme zu werden.

Plötzlich unterbrach ihn Wenzel, der nur zerstreut zuzuhören schien. „Übrigens, wie hast du mich eigentlich gefunden?“ fragte er.

Michael lächelte verlegen. „Ein Zufall! Man hatte mir gesagt, daß du in den Lokalen in der Nähe des Gendarmenmarktes zu verkehren pflegst.“

„Man?“ Wenzel runzelte die Stirne und sog eifrig an einer Krebsschere. Er schwieg eine Weile. „Und so hast du dich also auf den Weg gemacht?“ fragte er dann spöttisch.

„Es war gar nicht schwer, dich zu finden, so wunderlich es auch scheinen mag.“

Wenzel schüttelte den Kopf. „Nur du kannst so etwas fertigbekommen. Aber sprich weiter. Ich interessiere mich für all diese Versuche, wenn ich auch wenig oder nichts davon verstehe. Ich war Offizier und nur auf mechanische Arbeit gedrillt. Was kann diese berühmte Bodenfräse?“

Michael setzte eifrig auseinander, daß diese Fräse den Boden auf fünfzig Zentimeter Tiefe mit kleinen Messerchen zerschnitt, so daß der Boden rigolt wurde, besser als es ein Gärtner mit dem Spaten je vermöchte, vom Pfluge gar nicht zu sprechen.

„Sehr interessant!“

Michael fuhr fort. Er sprach von Methoden, die geeignet waren, die landwirtschaftliche Produktion zu verdreifachen, zu verfünffachen. „Ich habe zum Beispiel eine Wiese angelegt, nur fünf Morgen, die künstlich beregnet wird. Diese Wiese liefert mehr Futter, als eine gewöhnlich bewirtschaftete Wiese von zwanzig Morgen hervorbringt.“

Wenzel hob den Blick und lächelte. „Du läßt also regnen,“ sagte er. „Du läßt den Weizen auf der flachen Hand wachsen? Wie teuer kommt dich das Gras zu stehen?“

„Vorläufig ist es ja noch etwas teuer, zugegeben.“

Wenzel brach in lautes Lachen aus. „Du bist ja ein ausgezeichneter Wirtschafter!“ rief er aus.

„Es sind Versuche, mißverstehe mich nicht.“

„Verzeihe, daß ich lachte, Michael. Du weißt, ich verstehe von all diesen Dingen nicht das geringste.“

„Weshalb hast du mich nicht auf Sperlingshof besucht, Wenzel? Du hattest es ja versprochen.“

Wenzel ließ die Gabel sinken. „Ich hatte es versprochen, ja,“ sagte er. „Oh, mein Gott, was habe ich nicht alles versprochen im Frühjahr und Sommer? Aber siehst du, ich hatte keine Zeit. Nicht eine Stunde bin ich von Berlin weggewesen, es sei denn in Geschäften.“

„Ich habe es sehr bedauert, daß du nicht Wort halten konntest. Vieles würde dich interessieren. Meine Versuchsfelder, meine Kalt- und Warmhäuser. Es ist eine ungeheure Arbeit, aber sie belohnt sich. Ich habe die überraschendsten Erfolge erzielt, eine fast tropische Vegetation.“

Hier lachte Wenzel wiederum laut heraus. „Tropisch? In dieser fürchterlichen und von Gott verfluchten Sandwüste! Ah, seht an!“

„Nun,“ lenkte Michael ein, „lege meine Worte nicht auf die Goldwage. Tropisch mag ja etwas übertrieben sein. Höre weiter.“

Endlich kam Michael auf seinen „großen Plan“ zu sprechen. Die Synthese von Industrie und Landwirtschaft. Industrialisierung des Landbaus. An Stelle der anarchischen Wirtschaftsform eine großzügige Planwirtschaft für das gesamte Reich. Produktive Zusammenfassung aller Kräfte der Nation. Systematische produktive Verwendung freiwerdender oder brachliegender Arbeitskräfte ...

Der Kellner servierte die Brathühner und den Kalbsrücken.

Wenzel hörte mit gerunzelter Stirn zu. Dieser „große Plan“ Michaels – er erschien ihm verstiegen, ja phantastisch. „Ich fürchte sehr,“ unterbrach er Michael, der immer eifriger wurde, „ich fürchte, daß du dich trügerischen Hoffnungen hingibst. Es mag wissenschaftlich sehr interessant sein, zugegeben, aber einen Rat will ich dir geben, Michael, und der kostet dich nichts. Wenn du soweit bist – wenn! –, dann sieh zu, daß du dich möglichst schnell nach Amerika verziehst. Hier, höre, in diesem Deutschland, in diesem Europa überhaupt, ist kein Boden für Reformen und derartige Dinge, die sich nicht sofort bezahlt machen!“

Michael schüttelte den Kopf. „Amerika? Sollte es dort besser sein?“

„Vielleicht. Ich lese zuweilen in den Zeitungen, daß irgendein Millionär, der Zeit seines Lebens das Volk ausplünderte, plötzlich für eine Sache Unsummen stiftet. Hast du hier je so etwas gehört? Wie? Ich bitte dich! Bei den Riesenvermögen, die es hier im Lande gibt? Seitdem es keine Ordenssterne mehr gibt und tönende Titel, halten sie die Taschen noch ängstlicher geschlossen. Nein, glaube mir, Michael, hier ist kein Platz für dich, in diesem Lande und in diesem Europa!“ Wenzel wurde dunkel vor Zorn.

„Du scheinst kein besonderes Vertrauen in dieses Europa zu setzen!“ Michael lächelte.

„Nein! Wahrhaftig nicht! Sprich mir nicht mehr davon!“ rief Wenzel aus, und das Blut stieg ihm abermals ins Gesicht. „Lüge, Heuchelei, Egoismus, nationalistischer Wahnsinn und Größenwahn, das ist heute Europa. Ein materieller und moralischer Trümmerhaufen! Lassen wir das.“

„Höre, Wenzel,“ entgegnete Michael mit erhobener Stimme, „wenn Europa so ist, wie du es darstellst, müßte man dann nicht um so mehr bemüht sein, diesen Trümmerhaufen wegzuräumen und Europa neu aufzubauen?“

Mit Genuß verspeiste Wenzel die Pfirsich-Melba, die in einem mattsilbernen Pokal serviert wurde. Er schüttelte den Kopf und sagte ruhig und mit einer nicht ganz echten Gleichgültigkeit: „Wir wollen uns nicht ereifern, Michael. Glaube du, was du willst, und laß mir meinen Glauben. Ich fürchte nur, Michael – du wirst deine Wunder erleben. Ich fürchte es, ich fürchte! Kennst du denn diese Menschen? Nein, sage ich dir, du kennst sie nicht. Ich habe mich nun zwei Jahre mit ihnen herumgeschlagen, und ich weiß heute, wie sie sind.“ Mehr und mehr redete sich Wenzel ganz gegen seinen Willen wieder in Zorn. Er fletschte die Zähne, während er die Frucht in den Mund schob. „Für diese Menschen hier, für diese sogenannten Europäer, gibt es nur noch ein Ziel: Geld! Geld! Besitz! Dabei schreien sie immer, die Amerikaner seien Tag und Nacht auf der Jagd nach dem Dollar. Sie sind es, ja zum Teufel, sie selbst sind es! Geld! Und wenn der Staat dabei aus den Fugen geht!“ Wenzel lachte zornig auf und schlug mit der Hand auf den Tisch. „So sehen sie in Wahrheit aus, mein Brüderchen, verlasse dich auf mich. Alle diese berühmten Herren in ihren tadellosen Cutaways, Gamaschen und Seidenhüten, einer wie der andere. Für sie gibt es weder Umkehr noch Rettung.“

Michael schüttelte lächelnd den Kopf. „Du kennst nur einen geringen Teil der Gesellschaft, Wenzel,“ erwiderte er. „Ich kenne einen ganz anderen Teil. Ich kenne hunderte, die uneigennützig von früh bis spät in ihren Laboratorien und Bibliotheken arbeiten.“

„Nun schön, irgendwo in einem Winkel werden noch solche Käuze hausen. Von dir abgesehen, Michael, habe ich noch nie einen kennengelernt.“

„Sieh zu, Wenzel,“ fuhr Michael fort, „wenn es für diese Gesellschaft, wie du glaubst, keine Einsicht gibt, so müßte man trotzdem versuchen, sie vor dem Chaos zu retten, indem man soziale Ausgleiche schafft und eine neue Volksgemeinschaft anstrebt.“

Wenzel lachte zornig auf. „Sie wollen ja gar nicht gerettet werden!“ rief er. „Sie fühlen ja nicht einmal, daß der Boden unter ihnen schwankt. Sie wollen auch keinen Ausgleich. Zum Teufel, was für Worte gebrauchst du doch? Sie wollen alles für sich allein, und den anderen gönnen sie nichts. Das allein ist ihre Lebensanschauung! Ah, sieh da, jetzt kommen die Schnäpse.“

Michael aber gab sich nicht so rasch geschlagen. Er werde ihm, Wenzel, die Angelpunkte zeigen, um die sich diese Probleme bewegen, und sofort werde Wenzel begreifen –

Nunmehr gab Wenzel es auf, dem Bruder zu widersprechen. Mit großer Sorgfalt mischte er sich aus drei verschieden gefärbten Likören einen Schnaps zurecht. Dann betrachtete er Michael mit einem gutmütigen, nachsichtigen Lächeln. „Nun gut,“ unterbrach er ihn endlich, „glaube, was du willst. Ich für meine Person glaube nicht, daß diese Probleme gelöst werden können. Sie sind zu schwer, zu groß, zu verworren.“

„Sie werden gelöst werden, Wenzel! Trotzdem, trotz alledem!“ erwiderte Michael voll Überzeugung und Eifer.

Wenzel sah ihn erstaunt an. Dann lächelte er. „Willst du vielleicht diese Probleme lösen?“ fragte er und zwinkerte mit den Augen.

„Ja, ich will sie lösen!“ schrie Michael, nun war es an ihm, laut zu werden. „Ich, Michael Schellenberg, dein Bruder!“

Wenzel lehnte sich zurück, und es sah ganz so aus, als wolle er wieder in das laute, sarkastische Lachen ausbrechen, das Michael verletzte. Aber er tat es nicht. Er schwieg eine Weile, dann hob er das Glas und sagte: „Nun schön, Michael, auf deine Gesundheit! Vielleicht, es ist ja nicht unmöglich – löst du in der Tat diese Probleme! Denn du hast etwas, was zu diesen Dingen gehört. Du hast noch die Kraft zu glauben. Ich habe diese Kraft längst nicht mehr.“ Seine Hand zitterte heftig, als er das Glas zum Munde führte.

In diesem Augenblick trat der Direktor des Restaurants mit einer Verbeugung an den Tisch, um sich zu erkundigen, ob die Herren mit den Leistungen des Etablissements zufrieden seien.

Michael benutzte die Unterbrechung, um das Versprechen einzulösen, das er Lise gegeben hatte. „Ich habe versprochen zu telephonieren,“ sagte er, indem er sich erhob. „Wirst du mich eine Minute entschuldigen, Wenzel?“