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Als Michael zurückkam, saß Wenzel in den Stuhl zurückgelehnt, die Zigarre im Munde, und betrachtete ihn mit einem spöttischen, aber gutmütigen Lächeln. „Nun, was sagte sie?“ fragte er, und seine grauen Augen blinkten.

Michael errötete. „Lise läßt dich grüßen,“ antwortete er. „Und sie läßt dich bitten, sie anzurufen.“

„Sie wird sich wohl noch etwas gedulden müssen.“ Wenzels Brauen zuckten. „Sie hat ja Zeit!“

Michael legte die Hand auf den Arm des Bruders und fügte leiser hinzu: „Und sie läßt dich bitten, zu ihr zurückzukehren. Sie quält sich, Wenzel! Was in aller Welt ist zwischen euch vorgefallen?“

Nun flammten Wenzels Augen auf. Sein Gesicht verdunkelte sich. „Ich werde nie, niemals zu ihr zurückkehren,“ sagte er mit großer Bitterkeit in der Stimme. Er schlürfte hastig den Kaffee. „Und nun werde ich dir erzählen, Michael,“ fuhr er fort. „Wir haben uns lange nicht gesehen, und in dieser Zeit ist vieles geschehen, vieles! Ich werde dir berichten, wie alles gekommen ist. Lange, viel zu lange sprachen wir uns nicht.“

„Es ist nicht meine Schuld, Wenzel. Du weißt es.“

Wenzel atmete erregt. „Also höre,“ begann er, „um mit der einen Sache anzufangen: Ich habe nichts gegen Lise, hörst du? Ich schätze sie, ich achte sie. Ich habe sogar etwas Liebe für sie übrig behalten. Manchmal habe ich sogar Sehnsucht nach ihr – und den Kindern. Trotzdem werde ich nicht zu ihr zurückkehren, nie, nie! Und weißt du weshalb, Michael? Ich werde es dir offen bekennen: weil sie mir im Wege ist.“

„Wie soll ich das verstehen?“ fragte Michael. „Sie ist dir im Wege? Lise?“

„Nun, die Worte scheinen doch klar zu sein,“ fuhr Wenzel mit einem feindseligen Klang in der Stimme fort. „Sie ist mir im Wege! Sagt das nicht genug? Auch ich habe nämlich meine Pläne, mein Brüderchen, genau wie du. Meine Pläne sind allerdings ganz anderer Art, ganz anderer. Und bei diesen Plänen steht mir Lise im Wege. Das ist alles! Übrigens,“ unterbrach er sich, „von diesen Plänen wirst du später erfahren. Du hast ja mit Lise gesprochen. Was hat sie dir über mich gesagt?“

Michael gab einen kurzen Bericht seines Besuches. Er vermied es, dabei den Bruder anzusehen.

Wenzels Augen aber waren forschend auf ihn gerichtet. „Und? Und du verschweigst mir nichts? Hat sie mir nicht Vorwürfe gemacht? Hat sie nicht diese Geschichte mit Raucheisen wieder vorgebracht? Schon errötest du! Hat sie nicht auch Andeutungen gemacht, daß ich inkorrekt gehandelt hätte, sogar ein bißchen – sagen wir – sagen wir es offen: ein bißchen ehrlos?“

„Nicht in dieser Form, keineswegs, Wenzel.“

Wenzel lachte bitter. „Da siehst du es. Sie sollte mich kennen, und sie sollte – wäre das nicht das Selbstverständliche – mich decken, für den Fall, daß irgend etwas vorgefallen wäre. Niemand ist auch nur auf den Gedanken gekommen, daß ich bei Raucheisen irgend etwas Inkorrektes getan hätte. Da fing Lise an, Gerüchte auszustreuen. Irgend etwas müsse da vorgefallen sein! Nun, du hast ja gehört, wie weit sie schließlich gegangen ist. Schließlich hat sie ihrer ganzen Bekanntschaft erzählt, daß ich ein Defraudant sei.“

„Ich beschwöre dich, Wenzel!“ fiel ihm Michael ins Wort.

Wenzel hob die große Hand und legte den Kopf zur Seite. „Nun, lassen wir das, es ist nicht wesentlich. Soll sie behaupten, was sie will. Sollen die Leute glauben, was sie wollen. Was kümmert es mich? Es ist mir völlig einerlei. Es ist mir sogar einerlei, wenn sie glauben, daß ich Raucheisens Tresor ausgeplündert habe. Ich bin so weit gekommen, daß ich auf das Urteil meiner Mitmenschen keinen Wert mehr lege.“

Michael schwieg. Welche Bitterkeit, dachte er, was muß mit Wenzel vorgegangen sein?

„Sieh, das mit Lise ist also sehr einfach,“ fuhr Wenzel, seine Erregung beherrschend, fort. „Sie ist mir im Wege. Das ist die ganze Erklärung. Ich kann sie nicht brauchen. Sie langweilt mich. Ich bin nicht für die Ehe geschaffen, Michael, und du bist es auch nicht, glaube ich. Du weißt, ich habe Lise seinerzeit entführt. Was würde ich heute dafür geben, wenn es möglich wäre, sie ihrer Mutter wieder zurückzubringen!“

„Das ist häßlich von dir!“ rief Michael empört aus.

„Häßlich? Vielleicht! Aber es ist die Wahrheit, und ich habe mir vorgenommen, mit dir offen und aufrichtig zu sprechen. Du sollst dann urteilen. Du magst mich dann selbst verurteilen. Aber nun weiter! Ich habe vom frühen Morgen bis in die späte Nacht bei Raucheisen gearbeitet. Ich stand also sehr früh auf, heißt das, und kam erschöpft nach Hause. Lise pflegt lange liegen zu bleiben und nach Tisch eine Stunde zu ruhen. Da ist es natürlich kein Kunststück, am Abend frisch und munter zu sein. Abends gingen wir aus. Sie schleppte mich zu ihrer langweiligen, hochmütigen Verwandtschaft, in Theater, Konzerte. Das alles kostete Kraft und vor allem Geld. Ich schaffte das Geld herbei, und das Geld zerrann in Lises Händen. Sie verschwendet nicht, aber sie versteht nicht zu wirtschaften. Sie hat auch gar keine Zeit, sich mit diesen lächerlichen Dingen abzugeben. Du weißt, sie ist Sängerin. Sie hat eine sehr hübsche Stimme, und du weißt ja auch, daß ein ‚berühmter Gesangspädagoge‘ ihr prophezeit hat, daß sie Primadonna an der Scala von Mailand werden würde. Ich wünsche ihr viel Glück. Wir Männer haben unsern Beruf und machen nicht viel Aufhebens davon. Aber wenn eine Frau einen Beruf hat, so ist dieser Beruf der Mittelpunkt, um den sich alles dreht, Haushalt, Kinder, alles. Natürlich mußte Lise öffentlich auftreten. Sie hat zwei Konzerte gegeben und immerhin einige Erfolge gehabt. Die Konzerte mußte ich bezahlen. Ich bezahlte den Agenten, den Saal, den Pianisten, die Blumensträuße, mit einem Worte, alles. Das Kleid für die Konzerte kostete mich ein halbes Monatsgehalt. Und dazu die Aufregung! Acht Tage vor dem Konzert ist sie krank. Zwei Stunden vor dem Konzert ist sie vollständig heiser. Der Agent fleht. Und schließlich steht sie strahlend auf dem Podium. Soll sie ihren Weg zur Scala machen, aber soll sie es allein tun und mich nicht verrückt machen! Ich gebe dir einen Rat, Michael, wenn du einmal heiraten solltest, so heirate nie eine Frau mit einem Beruf, und vor allem, heirate nie eine Sängerin. Heirate überhaupt nicht, wenn es dir möglich ist! Denn du heiratest ja nicht die Frau allein, du heiratest ihre ganze Verwandtschaft, du heiratest ihre Gewohnheiten, Fehler, Laster, alles.

Lise hat es immer gut gemeint, ich möchte gar nichts gegen sie sagen, aber es lag an ihrer Erziehung, und es lag an ihrer Anschauung, daß sie mich langsam an Händen und Füßen knebelte. Keine Angst, Michael, es waren keine Ketten, die man meilenweit rasseln hörte, es waren dünne Stricke, ein kleiner Ruck, und ich war frei. Es gibt eben Menschen, die auch nicht einen Bindfaden um den kleinen Finger vertragen, und zu diesen gehöre ich. Verstehst du jetzt, Brüderchen?“

Michael saß lange still. „Ich sollte meinen,“ begann er dann nachdenklich, „daß sich doch irgendein Weg finden lassen sollte. Vergiß nicht, da sind auch deine Kinder.“

Wenzel schüttelte den Kopf. „Ich bin nicht sentimental. Zuweilen habe ich Sehnsucht nach den beiden Kleinen. Aber es vergeht wieder. Auch Kinder sind solche Fesseln, und ich habe mir vorgenommen, alle Fesseln abzuschütteln. Ich sehe schon, daß ich dich mit meiner Erklärung nicht befriedigen kann. Du hast noch immer nicht begriffen, daß es unmöglich ist, unter diesen Verhältnissen einen Weg zu gehen, der die ganze Kraft eines Mannes braucht.“

Michael sah den Bruder mit forschendem Blick an. „Was für ein Weg ist das, von dem du immer sprichst?“ fragte er.

„Nun, auch das sollst du hören. Aber wir wollen jetzt eine neue Flasche bestellen. He, Kellner!“