15
Im Morgengrauen ging Georg zur Station, und kurz nach Mittag sprang er, in äußerster Erregung, aus dem Zug, um sich augenblicklich nach dem Norden der Stadt zu begeben. Die kleine Kutscherkneipe, die Christine in ihrem Briefe angegeben hatte, war ohne Mühe zu finden. Hier sollte der Bote Jennys sich an ein Fräulein Pauline wenden und sagen, er käme von Fräulein Florian.
Fräulein Pauline war ein üppiges, schlechtgelauntes Mädchen, das, die Haare noch ungeordnet, mit schmutzigen Händen hinter dem Schenktisch Gläser spülte. Sie gähnte und betrachtete Georg voller Argwohn, obschon er sich Mühe gab, eine gleichgültige, uninteressierte Miene zu zeigen.
„Also Sie kommen von Fräulein Florian?“ fragte Pauline wiederum gähnend. Und nach einigen argwöhnischen Blicken fügte sie hinzu: „Nun, hoffentlich bringen Sie ihr etwas Gutes, sie kann es brauchen. Die Alte hat ihr schon die Schuhe weggenommen, so verschuldet ist sie. Gehen Sie Nummer dreiundzwanzig, im Seitenflügel drei Treppen, Agent Lederer.“
Das also war Christines Adresse! Georg taumelte die Straße entlang, und bei Nummer dreiundzwanzig blieb er stehen. Wie oft, hundertmal hatte er dieses Haus in seinen Träumen gesehen! Aber es sah noch erschreckender, bedrückender aus, als seine Visionen es ihm zeigten.
Ein schmutziger Torweg, rechts eine übelriechende Roßschlächterei, links ein leerer, verstaubter Laden mit zerbrochenen Scheiben. Der Torweg wimmelte von krank aussehenden Kindern mit greisenhaften Gesichtern. Verwahrloste Weiber, in Fetzen gehüllt, gingen aus und ein. Halb von Sinnen, betäubt von dem Gestank der Roßschlächterei, gemartert von dem Gedanken, daß Christine in einer derartigen Hölle hausen sollte, kletterte Georg die schmale Treppe empor. Auch diese Treppe starrte von Schmutz und war erfüllt von den üblen Gerüchen der Ausgüsse und schmutziger Küchenlöcher. Und wieder Kinder, krank, verkommen, auf dünnen verkrümmten Beinen, Lumpen, hustende Frauen und hier und da das fahle Gesicht eines Mannes mit finsterer Miene. Das ganze Haus bebte von Geschrei, Lärm und zugeschlagenen Türen. Es schien von Hunderten von Familien bewohnt zu sein, die die große Stadt ausgestoßen hatte, damit sie hier verkamen. Ein dickes Frauenzimmer, ein gewaltiger Klumpen Fleisch, in zerrissener Jacke, ging an ihm vorüber und stieß ihn derb an, während sie ihn mit frechen verquollenen Augen musterte und lachte.
Georg war gestärkt durch den langen Aufenthalt im Freien. Die Arbeit hatte ihn gestählt. Er war an manches gewöhnt, und doch begann er in dieser Höhle des Elends zu zittern.
„Mut! Mut! Vorwärts!“ rief er sich zu.
Vor einer mit einem Schild „Lederer, Agent“ bezeichneten schmutzigen Tür angelangt, nahm er seine ganze Kraft zusammen und klopfte einmal, zweimal. Dann lauschte er angestrengt, ob sich drinnen etwas rege. Und während er lauschte, schien der Lärm des Hauses sich zu verzehnfachen.
Endlich wurde der Riegel zurückgeschoben, und die Tür öffnete sich. Ein junger Mensch, fast noch ein Knabe, mit stechenden, frechen Augen erschien. Sein Gesicht war fahl, glänzend, als sei es mit Schweiß bedeckt. Er trug keinen Kragen, sein Hemd war schmutzig.
„Sie wünschen?“ fragte der junge Mann frech und kurz. Neben ihm tauchte argwöhnisch das Gesicht einer aufgedunsenen Frau mit grauen, wirren Haaren auf. Sie war klein, dick, zwischen den Augen hatte sie eine lange Narbe, als habe man ihr einmal mit dem Beil das Gesicht gespalten.
Nun gilt es, dachte Georg, der beinahe die Besinnung verlor. Er verbeugte sich höflich und sagte, daß er von Fräulein Florian käme und Fräulein Christine März einen Brief zu übergeben habe.
„Endlich,“ keifte die aufgedunsene Frau. „Wir werden froh sein, wenn wir sie endlich los sind. Bringen Sie Geld?“
„Ja, ich bringe Geld.“
Der junge Mensch wies Georg in einen schmalen, dunklen, übelriechenden Korridor. Georg, fast von Sinnen, konnte sich später niemals mehr an Einzelheiten erinnern. Aber er erinnerte sich, daß folgendes geschah:
Er klopfte an irgendeine Tür, und irgendeine ferne, fremde, unwirkliche Stimme sagte: „Herein!“ Es war nicht Christines Stimme. Es war ein fremdes, verwahrlostes Mädchen, das in einer armseligen Kammer auf einem niedrigen, schmalen Eisenbett saß und einen zerrissenen Strumpf stopfte, blaß, schwindsüchtig, mit großen, glühenden Augen. Fast wie eine Wahnsinnige sah sie aus. Sie heftete die großen, glühenden, schwarzen Augen auf ihn, regungslos ... auch die Hände, die Strumpf und Nadel hielten, blieben ganz in der gleichen Haltung. So saß sie und staunte ihn an, wie eine Wachsfigur. Wie lange? Georg konnte es niemals sagen.
Aber er erinnerte sich, daß er ganz plötzlich auf dieses fremde, regungslose Mädchen, das ihn anstarrte, zuschritt und vor ihr in die Knie fiel: es war doch Christine.
Er streckte in seiner Verzweiflung die Hände nach ihr aus. „Bist du krank, Christine?“ fragte er, aber er hörte nicht einmal selbst seine Stimme.
Christine saß ohne jede Bewegung, blickte ihn mit fiebernden Augen an, ohne Regung. Er flüsterte ihren Namen, aber sie regte sich nicht. Er stammelte verwirrte Fragen in seiner Seelenangst. Sie schwieg. Er griff nach ihrer Hand, sie zog die Hand zurück. Fast wäre er verzweifelt. Nie in seinem Leben erlebte er solch fürchterliche Minuten. Er war dankbar, daß er sich später nicht mehr an die Einzelheiten erinnerte; nur ein Entsetzen blieb in seinem Herzen zurück, unauslöschlich und für immer.
Ein Gesicht an der Türe schreckte ihn auf, ein Gesicht, das ein Axthieb gespalten hatte, mit einem großen und einem kleinen Auge, das große gespenstisch, geisterhaft, das kleine tierisch und frech. Eine grelle Stimme keifte und zeterte: daß sie zu arm sei, fremde Leute zu unterhalten und daß sie beabsichtigt habe, Christine heute vor die Tür zu setzen. Dies und ähnliches keifte die Stimme, noch heute hatte Georg ihren entsetzlichen Klang im Ohr.
Nun aber, nun ereignete sich das Überraschendste, etwas gänzlich Unerwartetes – und gerade diese Überraschung, es gibt kein Wort dafür, gab Georg augenblicklich, auch das ist merkwürdig, die Klarheit der Sinne zurück. Von diesem Augenblick erinnerte er sich wieder an jede Einzelheit.
Christine lächelte plötzlich – oder besser gesagt – sie machte den Versuch, zu lächeln. Ein krankes Lächeln breitete sich langsam über ihr Gesicht aus. Dann wandte sie sich mit einer ganz langsamen, unsagbar zärtlichen Bewegung zu dem Kopfkissen des armseligen Bettes, schlug die Decke zurück: und Georg erblickte plötzlich den Kopf eines kleinen Kindes. Mit einer zärtlichen Bewegung nahm Christine mit beiden Händen das in einen Lappen gewickelte Kind und streckte es ihm entgegen.
„Hier ist es,“ flüsterte sie.
„Was ist das?“ stammelte Georg.
„Es ist dein Kind,“ flüsterte Christine, und wieder versuchte sie zu lächeln.
„Mein Kind?“ schrie Georg. „Wie ist das möglich? Wie soll ich das alles verstehen?“ Und er stürzte sich auf das Kind, nahm es aus Christines Händen und drückte es gegen die Brust.
Das Gesicht an der Türe lachte schallend.
Von diesem Augenblick an war Georg wieder völlig Herr seiner Sinne. Er beschwor Christine, mit ihm zu kommen. Sie begann zu zittern. Ihr Blick irrte voller Angst zur Türe.
„Nimm mich fort von hier!“ flüsterte sie, leise, voller Furcht, die Alte könne es hören. Da wandte sich Georg gegen die Türe und trat auf die Alte mit dem gespaltenen Gesicht zu.
„Ich verlange eine Erklärung!“ rief er. „Was geht hier vor? Was bedeutet das alles?“
Die Alte keifte. Sie überschüttete Georg mit Schmähungen, sie beschimpfte Christine mit den unflätigsten Worten. Sie hätte nichts dagegen, daß er die „Dame“ mit sich nähme – oh, ganz im Gegenteil –, aber erst hieße es bezahlen. Schulden, Geld – zweihundert Mark, eine Unsumme! Zweihundertfünfzig Mark! Unmöglich!
Christines Blick, das in Lumpen gehüllte Kind – Georg stürzte aus dem Hause wie von Peitschenhieben vorwärts getrieben.
16
In Schweiß gebadet traf er vor Stobwassers Werkstatt ein.
Er war so von Sinnen, daß er die Tür aufklinkte, bevor Stobwasser noch auf sein Pochen antworten konnte. Er stürzte in die Werkstatt und prallte zurück: Ein junges, nacktes Mädchen lag auf einem kleinen Sofa. Stobwasser stand und modellierte eifrig.
„Du mußt helfen, Stobwasser!“ schrie Georg, dessen Hände flogen. „Helfen mußt du!“ Er zerrte den Bildhauer in den Hof hinaus und erzählte wirr, atemlos, unzusammenhängend.
Aber das Herz eines Freundes ist wie das einer liebenden Frau, und Stobwasser verstand sofort alles.
Er blieb mit gespreizten Beinen stehen, den Kopf gesenkt, und dachte nach. „Wir werden Rat schaffen,“ sagte er. „Die Hauptsache ist nur, daß du dich beruhigst, Weidenbach.“
„Oh, ich bin sehr ruhig,“ erwiderte Georg mit einem abwesenden Lächeln. Er zitterte am ganzen Körper. Er strich sich über das Gesicht, und seine Hand war so naß, als habe er sie in Wasser getaucht.
Stobwasser nahm Hut und Mantel. „Sie können sich anziehen,“ sagte er zu dem Modell, und sie gingen.
„Nicht so schnell!“ rief er Georg zu, der schon wieder zu laufen begann. „Wir wollen es bei Katschinsky versuchen. Oh, wie ich meine Armut verfluche!“ schrie er laut. „Für sich allein arm zu sein, was bedeutet es? Aber – oh, wie ich meine Armut verfluche!“
Katschinsky hatte die Wohnung gewechselt. Seit seinen Erfolgen beim Film wohnte er in einer großen Pension im Westen. Unglückseligerweise hatte er Besuch. Er kam in die Diele, runzelte die Stirn, als er die beiden keuchenden Freunde sah, denen der Schweiß auf der Stirn stand. Er trug einen Hausanzug aus dunkelblauer Seide und schwarze Hausschuhe aus Lackleder.
„Was gibt es?“ fragte er und ließ sich in einem Korbsessel der Diele nieder. Aber augenblicklich stand er wieder auf. „Zweihundertfünfzig Mark!“ rief er aus. „Ich habe keinen Pfennig, nur Schulden!“
„Du mußt das Geld schaffen!“ schrie Stobwasser.
Katschinsky runzelte wieder die Stirn und verzog die Lippen zu einem spöttischen Lächeln. „Wie soll ich eine so große Summe herbeischaffen?“ fragte er. „Sagt doch selbst.“
„So gib alles, was du hast!“ rief Stobwasser. „Wir werden es verpfänden!“
Katschinsky zuckte die Achseln und wandte sich der Tür zu. „Ich habe leider keine Zeit mehr,“ sagte er hochmütig. „Ich habe Damenbesuch.“
„Du bist ein Schuft!“ schrie Stobwasser, als Katschinsky die Tür schon geschlossen hatte.
Sie wischten sich beide den Schweiß von der Stirn.
„Dann wollen wir es bei Jenny selbst versuchen,“ riet Stobwasser und stürzte die Treppe hinab.
Im feierlichen Foyer des Hotels, wo sorgfältig gekleidete Damen und Herren still in Klubsesseln saßen, mißbilligte der Portier ihre Eile und Hast. „Es ist dringend,“ sagte Georg und eilte die Treppe empor.
Jenny war zu Hause, welch ein Glück! Aber der Page machte sie darauf aufmerksam, daß Fräulein Florian Besuch habe. „Herr Schellenberg ist soeben gekommen,“ verkündete er voller Ehrfurcht.
„Wir lassen bitten, es ist in dringender Angelegenheit,“ sagte Stobwasser, und der Page klopfte zögernd und scheu an Jennys Tür. Nach geraumer Weile verschwand er.
Es vergingen nur wenige Minuten, da kam Jenny heraus auf den Flur. Sie hatte eine Zigarette zwischen den Lippen und ging mit leichten, tänzelnden Schritten, aber ganz langsam, auf die beiden zu.
„Was gibt es?“ fragte sie mit einem schönen Lächeln. „Und wer ist das? Sind Sie es, Weidenbach?“
„Was es gibt?“ fragte Stobwasser und erzählte hastig.
Jenny dachte nach. Sie zog an der Zigarette, schüttelte den Kopf, blickte zu Boden. „Wie peinlich,“ sagte sie. „Ich habe kein Geld. Es ist fast Monatsende. Aber wartet, es wird sich Rat finden. Ich hoffe es.“
Mit denselben langsamen tänzelnden Schritten ging sie in ihr Zimmer zurück. Nach wenigen Minuten erschien sie wieder und hob triumphierend drei Geldscheine in die Höhe. „Nun, seht ihr!“ rief sie freudig aus. „Oh, Weidenbach, wie freue ich mich, Ihnen gefällig sein zu können! Grüßen Sie Christine.“
Schon stürzten die beiden die Treppe hinab.
„Wir werden ein Auto nehmen!“ entschied Georg.
Drei Stunden, nachdem Georg Christine verlassen hatte, war er schon wieder zurück. „Ich bringe das Geld!“ rief er dem grauhaarigen Weib mit der gespaltenen Stirn zu, indem er sich den Schweiß von der Stirn wischte.
Aber die Alte hatte es sich anders überlegt. „Es sind nur zweihundertundfünfzig Mark! Es sind aber mehr als dreihundert Mark!“ keifte sie. „Wir haben uns barmherzig erwiesen, und das ist nun der Dank!“
Da aber verwandelte sich Georg plötzlich. Er schwang die Faust und machte Miene, sich auf die Alte zu stürzen. Stobwasser hatte ihn nie so gesehen. „Wir geben nicht mehr! Wir können nicht mehr geben! Das ist alles, was wir aufbringen konnten!“ schrie Georg mit drohender Gebärde. Und nun willigte die Alte ein, daß Christine die Wohnung verlassen könne.
Aber Christine war so schwach, daß sie nicht imstande war, die Treppe hinabzugehen. Georg nahm sie auf den Arm und trug sie hinunter. Stobwasser kam hinterher mit dem Kinde, das in einen alten Lappen gewickelt war. Der junge Mensch und das alte Weib mit der gespaltenen Stirn schrien freche Scherze in das Stiegenhaus hinab.
Sie fuhren nach Stobwassers Werkstatt.
„Es ist ein Glück, daß ich heute geheizt habe!“ rief Stobwasser vergnügt aus und rieb sich die Hände. „Ich heize nur, wenn ich Modell habe.“
Der Bildhauer schürte den Ofen, daß das rostige Rohr, das durch die Werkstatt führte, zu krachen begann. Er kochte Tee. Dann stürzte er aus dem Hause, um das Abendbrot einzukaufen. Brot, Butter, Eier und sogar ein Viertel Schinken besorgte Stobwasser.
„Nun wird es gemütlich bei uns!“ rief er vergnügt aus, und auf seinen Wangen erschienen rote Flecke vor Eifer. „Es ist selbstverständlich, daß ihr bei mir übernachtet, wo solltet ihr hin? Wir werden uns schon zurechtfinden. Und Sie, Christine, Sie sollen sich ausruhen,“ sagte er, während er den Tisch abräumte, einige Zeitungen über die schmutzige Tischplatte breitete und das Abendbrot servierte.
Christine schwieg noch immer. Georg und Stobwasser hatten sie genötigt, sich auf Stobwassers Bett auszustrecken. Da also lag sie nun, bleich und still, die fiebernden Augen zur Decke gerichtet, das Kind an ihrer Seite. Sie wiegte nur unmerklich den Kopf hin und her, wenn Georg eine Frage an sie richtete. Ihre Lippen zuckten verquält, und wenn er sie berühren wollte, so ging ein Zittern über ihren ganzen Körper.
Stobwassers Tiere hatte der große Besuch unruhig gemacht. Die Vögel sprangen neugierig in ihren Käfigen hin und her. Der Kakadu knarrte und streckte den Kopf durch das Gitter. Der grüne Papagei turnte an seinen Ringen und schlug mit den Flügeln. Die pechschwarze Katze aber saß auf dem Bettpfosten und starrte mit ihren großen grünen Augen unaufhörlich auf das kleine Kind. Das Kind begann zu schreien, und Christine reichte ihm die Brust. Sie neigte dabei leicht den Kopf, und ein unmerkliches Lächeln lag auf ihrem bleichen Gesicht. In dieses Gesicht hatte das Schicksal Furchen und Linien geschrieben, so daß Christine um zehn Jahre gealtert schien. Sie trank eine Tasse Tee, dann lag sie wieder still und sah zur Decke empor. Bald schlief sie erschöpft ein.
Stobwasser und Georg saßen still. Der Bildhauer rauchte seine Pfeife, und nur zuweilen flüsterten sie einige Worte.
„Was ist mit ihr?“ fragte Stobwasser leise.
„Ich weiß es nicht, sie ist krank.“
„Nun, es wird alles gut werden.“
„Und das Kind, Stobwasser? Was sagst du zu meinem Kinde?“ Georgs Augen glänzten. „Mein Kind!“
„Es ist in der Tat ein sehr schönes Kind,“ antwortete Stobwasser voller Überzeugung. „Ein außerordentlich schönes und genial aussehendes Kind!“
Und wieder schwiegen sie lange, und jeder dachte seine eigenen Gedanken.
17
Früh am nächsten Morgen begab sich Georg in das Bürohaus „Neu-Deutschland“, um dem Referenten seine Bitte vorzutragen, Christine und das Kind nach Glückshorst mitnehmen zu dürfen.
Der Umbau des Bürohauses der Gesellschaft schien nahezu beendet zu sein. Es wimmelte von Menschen. Boten und Beamte eilten hin und her. In den Vorhallen standen Scharen von Männern, abgerissen und bleich, die Arbeit suchten.
Der Referent schüttelte den Kopf, als er Georg angehört hatte. „Es ist unmöglich,“ sagte er. „Die Siedlung ist ja erst im Bau. Ich würde es ja gerne tun, mißverstehen Sie mich nicht. Welch ein Jammer und welch ein Elend!“ rief er aus. „Können Sie begreifen, daß ich oft verzweifle? Solche Fälle wie den Ihrigen höre ich täglich hundertmal. Das Elend strömt zu diesem Hause herein wie eine Flut, und diese Flut steigt mir bis an die Lippen! Ich werde versuchen, Herrn Schellenberg oder einen seiner Sekretäre zu erreichen.“ Der Referent telephonierte.
Michael Schellenberg aber hatte soeben sein Büro verlassen und wollte wegfahren. Welch ein Verhängnis! „Folgen Sie mir,“ sagte der Referent eilig. „Vielleicht treffen wir ihn noch.“
Als sie auf den Flur traten, kam Michael soeben die Treppe herab. Er schien es sehr eilig zu haben. Der Referent trat auf ihn zu und trug ihm in aller Kürze Georgs Bitte vor. Michael schüttelte den Kopf und ging rasch weiter. Als er an Georg vorüberkam, sah er ihm in die Augen und blieb eine Sekunde stehen.
„Handelt es sich um Sie?“ fragte er.
„Ja,“ erwiderte Georg, „um mich. Ich würde herzlichst bitten –“
Michael zog die Uhr. „Ich habe mich schon verspätet,“ sagte er und runzelte die Stirn. „Ich muß ins Ministerium. Kommen Sie mit mir. Sie können mir ja unterwegs den Fall vortragen.“ Hastig und ungeduldig schob er den zögernden Georg ins Auto, und der Wagen fuhr ab.
Georg erzählte rasch seine Geschichte, während Michael ihn mit klaren prüfenden Augen anblickte.
„Es ist gut,“ sagte Michael, als Georg geendet hatte. „Nehmen Sie Fräulein März und das Kind getrost mit nach Glückshorst. Und werden Sie recht glücklich,“ fügte er hinzu, indem er Georgs Hand schüttelte. Er klopfte ans Fenster. Der Wagen hielt, und Georg stieg aus.
Rasch machte Georg für Christine und das Kind die allernötigsten Einkäufe, und dann fuhren sie ab.
Christine fügte sich willig. Sie hatte nur eine Bedingung gestellt, daß er, Georg, nie eine Frage an sie richte. Sie selbst werde ihm einst alles erzählen.
Als es dämmerte, kamen sie in Glückshorst an. Eine Weile standen sie verlegen auf der Straße. Der Wind blies. Christine hielt das in eine Decke gehüllte Kind auf den Armen, dann erstattete Georg Lehmann Bericht und übergab Christine und das Kind der Fürsorge der Mutter Karsten. „Was für ein schönes Kind!“ rief die Alte aus und hob das Kind in die Höhe, um das Geschlecht festzustellen. „Ein Knabe! Wie heißt er?“
„Er heißt Georg,“ sagte Christine.
„Etwas bleich sieht Ihre kleine Frau aus,“ sagte Mutter Karsten dann zu Georg. „Aber wir werden sie schon herausfuttern.“
Der Schlächter-Moritz streckte den dicken Kopf in die Tür, dann überbrachte er der Baracke die Neuigkeit. Aber die Männer regten sich nicht im geringsten darüber auf. Eine Frau, ein Kind, was war weiter dabei?
„Sie kommen gerade noch zur rechten Zeit, Weidenbach,“ sagte Lehmann. „Morgen früh fangen wir mit den Häusern an.“