18

Es war kaum richtig Tag, da rief Lehmann schon zur Arbeit. Fünfhundert Häuser sollten vorläufig in Glückshorst errichtet werden, und die Gesellschaft hatte Lehmann wissen lassen, daß sie keinen Spaß verstehe. Kein Wunder, daß der Einarmige etwas erregt war und zur Eile antrieb.

Bauplätze, Straßen, alles war genau vermessen und durch Pflöcke gekennzeichnet. Als die Sonne über dem Walde heraufkam, wimmelte es schon von Arbeitergruppen im Gelände. Georg führte jene Gruppen, die den Grund der Häuser aushuben. Siebzig Zentimeter tief und siebzig Zentimeter breit mußte der Boden für die Grundmauern ausgehoben werden. Bis auf wenige Gebäude waren die Häuser alle gleich groß. Sie waren zehn Meter lang und viereinhalb Meter breit. Georgs erste Arbeitsgruppe trug besondere Meßlatten mit sich; ihre Aufgabe bestand darin, den Grundriß des Aushubs mit dem Spaten genau vorzuzeichnen. Die zweite Gruppe hob die Erde bis zur vorgeschriebenen Tiefe aus, und der dritten Arbeitsgruppe lag die Aufgabe ob, die Arbeit der früheren Gruppen sorgfältig nachzuprüfen und auszugleichen. Vom Kanal aus hatte Georg die Arbeit aufgenommen, und schon am Nachmittag wurden Geleise für die Karren gelegt, die das Baumaterial von den Kähnen herauf befördern sollten, und schon am nächsten Morgen wurde mit dem eigentlichen Bau begonnen. Die Arbeit war ganz ähnlich eingeteilt, wie die des Aushubs der Erde. Jede Kleinigkeit war vorgesehen und vorbereitet. Die Betonmischmaschine des Schleppkahns begann zu arbeiten, und schon rollten die Karren über das Gelände, die die Betonmassen zu den Baustellen beförderten. Aus Brettern gefügte Gehäuse wurden in die Ausschachtungen gesetzt und mit Beton vollgeschüttet. So ging es von Haus zu Haus. Und während oben die Arbeitsgruppen noch beschäftigt waren, die Erde auszuheben, wurden unten am Kanal bereits die Grundmauern gestampft.

Lehmann hatte gegen zweihundert Arbeiter zur Verfügung, dazu war noch eine Gruppe gelernter Bauarbeiter gestoßen, die diese Arbeit in anderen Siedlungen schon hundertfach ausgeführt hatte. Mit der Gleichmäßigkeit und Präzision einer Maschine bewegten sich Lehmanns Arbeitsgruppen über das Baufeld. Nicht die geringste Störung entging ihm, nicht der geringste Aufenthalt. Der Schweiß lief den Männern übers Gesicht.

Unnötig zu sagen, daß der Schlächter-Moritz, dieser Berg von Muskeln, in diesen Tagen wahre Wunder verrichtete. Es war in der Tat unbegreiflich, mit welcher Schnelligkeit er sich in die Erde einwühlte. Später übergab ihm Lehmann die Kolonnen, die die Betonmassen einstampften, und nun hörte man Moritz vom frühen Morgen bis zum späten Abend brüllen. Nichts ging ihm schnell genug.

Schon aber schob sich auf dem stillen Kanal ein neuer eiserner Kahn heran, der weiteres Material brachte. Es waren Zementrahmen, aus denen die Hauswände zusammengestellt wurden, ganz ähnlich den Abmessungen des früheren Holzfachwerks. Diese Rahmen waren etwas über zwei Meter hoch und einen Meter breit. Eine Type von Rahmen enthielt eine Öffnung für die Türe, eine andere Type Ausschnitte für die Fenster.

Alles war Typ, alles war Norm, jede noch so unscheinbare Einzelheit. Die Gesellschaft baute Häuser, wie man Fahrräder oder Automobile serienweise fabriziert.

Es begann das Aufrichten und Ausloten des Rahmenwerks, das Zusammenfügen. Diese Zementrahmen für die Außenwände und die Querwand, die jedes Haus in zwei Räume teilte, wurden in besonderen über das ganze Land verstreuten Zementfabriken der Gesellschaft hergestellt. Das Ausmauern des Rahmenwerkes aber war eine Arbeit, die selbst jeder Laie leicht unter der Anleitung eines geschulten Vorarbeiters ausführen konnte. Die Maschine preßte die Mauersteine aus dem Material, das sie an Ort und Stelle vorfand.

Ein neuer Kahn kam den Kanal herauf. Er brachte Holz, Balken, Bretter. Schon sah man reihenweise die Skelette von neuen Gebäuden stehen. Während die Häuser aus der Erde wuchsen, erkannte man deutlich Straßen, Nebenstraßen und die Abmessung der Gärten.

Die Zimmerleute kletterten in den Dachgestühlen. Die Äxte blitzten, und es dröhnte von allen Seiten. Es kamen Ingenieure aus Berlin zur Inspektion und gingen wieder. Lehmanns Gesicht strahlte vor Freude. Die Stadt wuchs empor. Täglich sah man, wie sie sich ruckweise aus dem Boden hob.

Immer noch kämpfte der Schlächter-Moritz seinen heroischen Kampf mit den Betonmassen vom frühen Morgen bis in die späte Nacht.

„Wollen Sie hier eine Schlächterei errichten?“ fragte ihn Lehmann eines Tages.

Der Schlächter warf sich in die Brust: „Ich?“ erwiderte er, während er sich mit dem bloßen Arm den Schweiß vom Gesicht strich. „Ich habe kein Geld, ich habe kein Kapital.“

„Das wird sich alles finden. Wenn Sie wollen, Moritz, ist die Sache abgemacht.“

Das Wetter war in den letzten Wochen herrlich gewesen. Es wehte ein würziger, lauer Wind, und die Sonne wärmte schon gehörig.

Wenn man nun gegen Glücksbrücke blickte, wo es ebenfalls von Arbeiterhaufen wimmelte und ganze Häuserreihen aus dem Boden wuchsen, wenn man etwas schräg gegen das Licht blinzelte, so sah man, daß die riesige weite Heide von einem grünen Hauch übersponnen war: die Saat kam heraus.

Eines Abends ließ Lehmann Georg in dringender Angelegenheit zu sich rufen. Georg fand ihn in angeregter Laune, mit roten Backen. Seine Pfeife paffte doppelt so heftig wie gewöhnlich.

„Nun ist also dieser Brief gekommen!“ rief er Georg entgegen und lachte fröhlich.

„Welcher Brief?“

„Setzen Sie sich, Weidenbach. Die Stunde des Abschieds hat geschlagen. Meine Arbeit hier ist zu Ende. Ich bin auf einen schönen und interessanten Posten aufgerückt, und nun richte ich die Frage an Sie: Weidenbach, wollen Sie der Chef dieser Station werden?“

Georg saß mit offenem Munde da und errötete. „Sie meinen, ich?“

Lehmann nickte: „Sie meine ich, jawohl, Weidenbach. Es ist meine Pflicht, meinen Nachfolger zu bestimmen. Sie müssen sich auf fünf Jahre verpflichten bei der Gesellschaft, das ist alles. Das Gehalt ist gering, aber die Gesellschaft bietet Ihnen für später große Vorteile.“

„Es ist mir nicht um Geld zu tun,“ warf Georg ein.

„Ich weiß es. Sie sind der Verständigste hier. Sie haben auch die größte Begeisterung für die Sache, und das ist es, was die Gesellschaft braucht: Männer, die sich für ihre Ziele begeistern! Wir können keine ängstlichen, verzagten und mürrischen Burschen brauchen!“ schrie Lehmann und schlug auf den Tisch, daß die Papiere sprangen. „So ist es, also schlagen Sie ein?“

„Ich schlage ein!“

„Nun, dann wollen wir ein Gläschen zum Abschied trinken, Weidenbach, mein lieber Kamerad,“ sagte Lehmann. Er nahm eine Flasche aus dem Schrank und goß die Gläser voll. „Sie waren von Anfang an dabei, und Sie haben beobachtet, wie es sich abspielt. Es gehört viel Takt dazu, Menschenkenntnis, hier Nachsicht und dort Strenge. Sie wissen, es kommen Menschen, verbrauchte Menschen, zu uns, die sich auf dem Pflaster krank gelaufen haben, und ein wesentlicher Teil unserer Aufgabe besteht darin, ihnen wieder Lebensmut einzuflößen. Deshalb müssen Sie da und dort nachsichtig sein. Ein gutes Wort tut einem verprügelten Hund wohl, und da und dort Strenge, und da und dort unerbittlich: hinaus mit dir. Beobachten Sie, und wenn es nicht geht: hinaus.

Tausende, Weidenbach, Tausende von jungen Leuten wie Sie und ich arbeiten in der Gesellschaft Neu-Deutschland, arm wie die Kirchenmäuse, aber freudig am Werk. Die Ärzte, die Zahnärzte, die Ingenieure, die Baumeister, Chemiker, Landwirte, Architekten, wir alle arbeiten für einen Hundelohn, aber wir arbeiten für eine Sache. Sie kennen ja die Parole der Gesellschaft: ‚Tod dem Hunger!‘ Sie wissen ja, diese Parole hat Michael Schellenberg erfunden. Was er will, ist Ihnen klar, aber der Hauptzweck, den er verfolgt, ist der, eine neue Volksgemeinschaft zu schaffen. Warten Sie ein Jahr, warten Sie zwei Jahre, die Gesellschaft rollt wie eine Lawine über ganz Deutschland. Bald wird dieses arme und mutlose Land wieder zu brausen beginnen.

Und hören Sie, Weidenbach, Sie werden die Siedlung ausbauen, und Sie werden sich aus den Leuten, die Sie haben, die besten auswählen, sie sollen den Kern der Siedlung bilden. Menschen wie Moritz und die Mutter Karsten und der Schlosser eignen sich prachtvoll dazu. Sie werden mit großer Umsicht vorgehen müssen, um den Stamm zu schaffen. Man wird Ihnen ja dann von der Zentrale erprobte Kräfte zuweisen. Und nun, gute Nacht, Weidenbach. Morgen ist wieder ein heißer Tag. Morgen mittag werde ich euch allen Lebewohl sagen.“

In der Mittagspause des folgenden Tages stellte Lehmann Georg als den neuen Chef der Station vor. Dann hielt er eine kurze Ansprache, brachte ein Hurra aus auf das Gedeihen der Gesellschaft und schwang den Hut.

Die Männer brüllten und schüttelten ihm die Hand, und nun ging er.

„Da also geht er, er war ein netter Bursche!“

19

„Was sagst du dazu, Christine?“ sagte Georg. „Ich bin Chef der Station geworden.“

Christine hob den fieberischen Blick und lächelte leise. „Ich freue mich für dich,“ sagte sie. Sie saß vor der Küche in der Sonne und schnitt Kartoffeln in Scheiben, die sie in einen Topf voll Wasser fallen ließ. Ihr zu Füßen saß der kleine Georg, in eine alte Decke eingehüllt. Frisch und reizend blickte sein kleiner zarter Kopf aus der derben Decke.

In der Mittagspause oder am Abend nahm Georg häufig das Kind auf den Arm und trug es durch das Lager, oder auch Moritz nahm das Kind oder irgendein andrer.

„Ah, da ist ja der kleine Georg!“ riefen die Männer und nahmen mit zartem Griff der rauhen Arbeitshände das kleine Händchen des Kindes. „Da bist du ja, und wie er wächst und gedeiht.“

Das Kind gehörte dem ganzen Lager. Es war ihr gemeinschaftliches Kind.

Christine schwieg noch immer. Sie war noch so blaß wie an dem Tage, da Georg sie ins Lager gebracht hatte. Aber dieser bläuliche Glanz in den eingesunkenen Wangen und an den Schläfen war verschwunden. Und das kalkige Weiß der Ohren, das Georg so sehr erschreckt hatte, denn er befürchtete, daß Christine schwindsüchtig geworden sei, war einem zarten Elfenbeingelb gewichen. Oder sollte er sich täuschen? Aber auch Mutter Karsten war seiner Meinung.

„Sie sieht besser aus,“ sagte die Alte. „Und sie hustet nicht mehr so fürchterlich in der Nacht.“

Am Tage hustete Christine selten. Auch die hektischen Flecken, die er dann und wann in ihrem Gesicht beobachtet hatte, zeigten sich immer seltener.

„Hast du Fieber?“ fragte er sie und nahm ihre Hand in seine Hände. „Frierst du? Soll ich dir eine Decke umlegen?“

Christine schüttelte den Kopf und sah ihn mit einem dankbaren Blick an.

Wie glücklich war er, daß dieser starre und abwesende Glanz ihrer Augen verschwunden war. Immer hatte sie ihn angesehen, als wäre sie nicht bei ihm, als sei sie in einer fernen unbekannten und fürchterlichen Welt. Nun schien es, als ob ihr alter Blick langsam in die Augen zurückkehre.

Täglich machte Christines Genesung Fortschritte. Sie fing an, sich für die Arbeit ringsum, die sie sonst kaum beachtet hatte, zu interessieren.

„Was macht ihr hier?“ fragte sie eines Tages ganz unvermittelt.

„Wir bauen eine Stadt mit großen Werkstätten und Fabriken,“ erwiderte Georg, froh erregt über ihr Interesse. „Ganz allmählich wird die Stadt entstehen. Sie soll später fünftausend Menschen beherbergen. Und auch dort hinten, siehst du, wo die kleinen Pünktchen hin- und hereilen, auch dort wird eine Stadt für fünftausend Menschen errichtet.“

Christine begann zuweilen hin- und herzugehen, zerstreut und geistesabwesend; dann stand sie still und blickte in die Sonne empor. An den Sonntagen machten sie häufig mit Georg einen kleinen Spaziergang in den Wald hinein, der stehen geblieben war. Aber Christine wagte sich nicht weit von der Straße.

„Nein,“ sagte sie, „kehren wir zurück.“

Eines Tages beobachtete sie Georg, ohne daß sie ihn bemerkte, wie sie mit dem Kinde spielte. Sie kniete auf der Erde und ließ das Kind, dessen kleinen Körper sie mit den Händen zärtlich hielt, auf der Erde tanzen und flüsterte ihm leise und zärtliche Worte zu. Sie lächelte dazu, und plötzlich erkannte Georg in ihrem Gesicht Christines frühere Züge wieder. Nun wußte er, daß sie gerettet war.

Weshalb schwieg sie? Weshalb sprach sie nicht?

Er deutete über die weite Fläche, die sich bis zu dem Gewimmel von Glücksbrücke dehnte. Sie war nun smaragdgrün geworden, und weich und zärtlich lag die Sonne darauf.

„Sieh, wie herrlich grün es ist!“ rief Georg aus. „Vor einem halben Jahre war hier nichts als Sand und Gebüsch.“

Weshalb aber sprach sie nicht, weshalb schwieg sie? Sie fühlte Georgs Blick auf sich gerichtet. Sie fühlte immer die gleiche Frage in seinem Blick.

Eines Tages sagte sie mit einem leisen Aufseufzen zu ihm: „Bald werde ich dir alles sagen,“ und leiser fügte sie hinzu: „und dann werde ich wohl gehen müssen.“

„Weshalb gehen?“ fragte Georg erschrocken.

„Frage nicht, ich werde sprechen, wenn die Zeit gekommen ist.“ –

Auf der Landstraße kamen zwei Lastautos angerollt. Sie waren hoch beladen, und es sah aus, als brächten sie einen ganzen Wald. Das waren Bäume, Obstbäume, Sträucher, Stauden für die Gärtnereien von Glückshorst.

Die Gärtnereien und Baumschulen bildeten das Herz aller Siedlungen.

20

Das Verwaltungsgebäude der „Gesellschaft Neu-Deutschland“ in der Lindenstraße summte wie ein Bienenstock im Hochsommer. Tausende von Menschen strömten täglich ein und aus. In all den hundert Abteilungen schwirrte die Arbeit, und überall sah man fröhliche, hoffnungsfrohe Gesichter.

Schon am frühen Morgen standen die Scharen der Arbeitsuchenden vor dem Gebäude und warteten auf das Öffnen der Tore. Die Aufnahmesäle vermochten kaum die Massen zu fassen. Nun da der Umbau fertig war, konnten alle Einrichtungen mustergültig genannt werden. Die Angeworbenen passierten die Zimmer der Ärzte, die sie sorgfältig untersuchten. Ihr Urteil bestimmte die Tätigkeit, leichtere oder schwerere Arbeit. An die Zimmer der Ärzte stießen Badesäle mit Duschen und Desinfektionsräume, in denen die Kleidungsstücke der Angeworbenen gereinigt wurden. Michael Schellenberg ging gegen Schmutz und Krankheitskeime mit allen erdenklichen Mitteln vor.

In der Nacht aber blendete von der Fassade des Gebäudes in riesigen gleißenden Lettern der Wahlspruch der Gesellschaft:

Tod dem Hunger!

Tod der Krankheit!

Es lebe die Kameradschaft!

Jede Nacht leuchtete diese Parole in die dunkeln Straßen hinaus, wie ein Leuchtfeuer in die Finsternis des Meeres. Tausenden und Abertausenden von erschöpften, ermatteten, kranken und verzweifelten Menschen hatte dieses flammende Licht den Weg zur Rettung gewiesen.

Michael Schellenberg war es ernst mit dieser Parole: in Wahrheit, es sollte keinen Hunger mehr geben auf Erden! Es war ja unsinnig, daß auch nur ein Mensch hungerte, setzte man alle Kräfte richtig ein. In Wahrheit, die Krankheiten sollten bis auf den letzten Rest bekämpft werden, wie man Pocken und Pest niederkämpfte, sie sollten, soweit es möglich war, völlig von der Erde verschwinden! In Wahrheit, über allen Religionen und Bekenntnissen, über allen Rassen und Nationen sollte versöhnend und verbindend das Weltbekenntnis der Kameradschaft thronen.

In kaum drei Jahren hatte Michael diese ungeheure Organisation geschaffen, die heute bereits ganz Deutschland umspannte und die Aufmerksamkeit des Auslandes und der Welt erregte. Unermüdlich und ohne Pause war er an der Arbeit gewesen, Begeisterte um sich zu scharen, Zögernde mitzureißen, die Zersplitterten zu sammeln, die Widerstände der Bureaukratie zu brechen, den Argwohn und die Eifersucht politischer Parteien, steril und ohne schöpferische Kraft, zu überwinden.

Worum aber ging es?

Es war sehr einfach. Es ging darum, dem Boden soviel an Nahrung zu entreißen, als es möglich war. Mit allen Mitteln, die Wissenschaft und Technik boten. Es ging um die Industrialisierung der Landwirtschaft und des Gartenbaus. Es ging darum, alle freien und alle vorübergehend freien Arbeitsenergien des Volkes in den Boden zu werfen. Es ging darum, alle in Zeiten industrieller Krisen brachliegenden Arbeitskräfte nach einem großen, einheitlichen Plan produktiv zu verwenden.

Das war – in großen Umrissen – Michaels ganzer Plan, und er hatte besonders zu Beginn seine ganze Kraft jenem Teil des Planes zugewandt, der sich mit der produktiven Verwendung brachliegender Arbeitsenergien beschäftigte. Es schien unsinnig, in Perioden einer industriellen Stagnation Abertausende von Arbeitern auf die Straße zu werfen und ihnen eine geringe Unterstützung zu bezahlen, die sie gerade vor dem Verhungern schützte. Es schien sinnvoll und naheliegend, mit dem Aufwand der gleichen finanziellen Mittel die brachliegenden Arbeitskräfte schöpferisch zu verwerten. Ein Betätigungsfeld aber gab es, das ohne Grenzen war und nicht von der Weltkonjunktur abhing: das war der Boden! Er gab allen Arbeit – selbst jenen, die nicht mehr ihre volle Kraft besaßen, selbst den Alternden, und selbst jenen, die noch nicht ihre ganze Arbeitskraft erreicht hatten, der Jugend.

Jene Unsummen heute verschleuderter Arbeitsenergien zusammengefaßt und zur inneren Kolonisation nach einem großen Plane verwandt, mußten Wohlstand und Glück erzeugen. Es gab in Deutschland heute noch fünf Millionen Hektar Ödland. Fruchtbar gemacht, konnte es Millionen ernähren. Fünftausend Arbeitsstunden, richtig und systematisch angewandt, so hatte Michael berechnet, sicherten jedem Menschen Behausung und Garten. Es schien ihm an der Zeit, daß die Menschheit den Kampf gegen den Hunger und gegen das Elend mit derselben Sorgfalt und demselben Aufwand an Mitteln organisiere, wie sie den Krieg organisierte. Ein amerikanischer Automobilfabrikant hatte das Wort geprägt: Wenn wir arbeiten müssen, so laßt uns vernünftig arbeiten! Gut, gut. Michael Schellenberg hatte es dahin ergänzt: Wenn wir arbeiten müssen, so laßt uns Vernünftiges vernünftig arbeiten. Das allein erschien ihm die Wahrheit.

Es war nicht leicht, keineswegs, es war schwer, unendlich schwer, die Probleme waren ohne Zahl. Je näher man ihnen kam, desto ungeheuerlicher wuchsen sie in die Höhe. Aber Michael hatte nicht eine Stunde den Mut verloren. Ein Kreis ernster und verantwortungsbewußter Köpfe hatte sich um ihn gesammelt. Er hatte Männer gefunden, die seine Pläne förderten. Ein Deutschamerikaner, der Bankier Augsburger, ein alter Mann, hatte sich so sehr für seine Gedanken begeistert, daß er ihm sein ganzes Vermögen zur Verfügung stellte. Als erst der Anfang gemacht war, strömten ihm begeisterte Mitarbeiter von allen Seiten zu. Hunderte von jungen Architekten, Chemikern, Technikern, Ingenieuren, Städtebauern, Landwirten, Gärtnern, Ärzten boten ihm ihre Mitarbeit an. Er griff freudig zu. Er benutzte alle Organisationen, die helfen konnten. Das Rote Kreuz, die Jugendorganisationen, alles. Er sammelte die mannigfachen Siedlungsgesellschaften und Vereinigungen, die, zersplittert, systemlos und ohne einen großen Gesamtplan ähnliche Ziele verfolgten. In allen Provinzen Deutschlands hatte die Gesellschaft ihre Niederlassungen. Und die Gesellschaft wuchs täglich!

Das deutsche Volk, ermattet durch Krieg und Revolution, brauchte ein großes Ziel, und Michael gab ihm dieses Ziel! Er blickte nicht zurück, er wies in die Zukunft – und schon strömten ihm die Verantwortungsvollen, die Begeisterungsfähigen, die vom Kameradschaftsgedanken Ergriffenen zu. Die Jugend kam mit ihren Organisationen. Die Frauen stellten sich in seinen Dienst. Die ungeheuere Aufgabe erforderte alle Kräfte des Volkes. Selbst die Gefängnisse zog Michael heran. Die Häftlinge strichen Ziegel, an der Nordsee transportierten sie Schlick, vorzüglichen Dung, auf die sandigen Ödländereien. Michael kämpfte zur Zeit dafür – die Zeitungen hallten wider von dem Streit –, alle Freiheitsstrafen in Arbeitsleistungen umzuwandeln.

Die Gesellschaft Neu-Deutschland erwarb Ödländereien und verbesserte sie. Sie bezahlte mit diesem verbesserten Land ihre Arbeitskräfte und deckte damit ihre Verpflichtungen. Aus sich selbst heraus, aus dem Boden heraus schuf sie neue ungeheuere Werte.

Die Gesellschaft besaß heute endlose Ländereien, Wälder, Sägewerke, Steinbrüche, Ziegeleien, Zementwerke, Fabriken, Bagger, Frachtkähne. Sie besaß ein Arsenal von Maschinen, die sie beliebig hin und her werfen konnte. Plan, Methode, Ersparnis war ihr Grundprinzip.

Fiebernd vor Erregung arbeitete Michael die halben Nächte hindurch. Sein Gesicht war hager und straff geworden. Er war glühend von seinem Werke.

Unendlich und gigantisch erschien es – und doch einfach und leicht verständlich in seinen Elementen.

Das Problem der Großstädte, ihr Ausbau, ihre Korrektur. Die Trabantenstädte, die sie umlagerten, ähnlich in der Struktur, die Grüngürtel, die sich um diese Stadtschaften zogen, die Gärtnereigürtel, die sich an ihre Peripherien drängten, die Verwertung der Abfälle dieser Städte, heute zum großen Teil sinnlos verschwendet.

Neue Städte mußten geschaffen werden, Industriesiedlungen, Handwerkerdörfer, Gärtnereisiedlungen. Die Dampfmaschine hatte zentralisiert, der elektrische Strom erlaubte Auflösung. Kraftwerke, Kanäle, Schnellbahnen, Schnellautostraßen – Arbeit für Jahrzehnte, für ein Jahrhundert, wenn man wollte, bis das ganze Land in einen blühenden Garten verwandelt war. Die Probleme des dünnbesiedelten Ostens, des Rheins, des Ruhrgebietes – ja, in Wahrheit unendlich ...

Gegen dreihunderttausend Heimstätten hatte die Gesellschaft bereits geschaffen, etwa zweihundert größere und kleinere Siedlungen aller Art und für alle Zwecke waren im Bau. Das war nur der Anfang. Michael aber sah dieses neue Deutschland schon vor sich, wie es in das alte Deutschland hineinwuchs, allmählich, mit jedem Tag mehr und mehr. Zweihundert Millionen glücklicher und gesunder Menschen würde es einst beherbergen, würde es einst Arbeit und Nahrung und Heiterkeit des Herzens geben.