18
Schweren Herzens forderte Michael die Verbindung. Es gab nichts Peinlicheres für ihn, als Notlügen gebrauchen zu müssen. Lieber Himmel, was sollte er der unglücklichen Lise nur sagen? Er würde ihr also erzählen, daß sie einträchtig beisammen säßen, daß er Wenzel versöhnlicher gestimmt habe und morgen bei ihr vorsprechen werde, um ihr über alles zu berichten, daß er – aber, siehe da, Lise war gar nicht zu Hause.
„Gnädige Frau ist ausgegangen,“ sagte das Mädchen.
„Sie ist nicht zu Hause?“
„Nein, sie ist bei Major Puchmann und kommt erst gegen zwölf Uhr zurück.“
Michael atmete auf.
Das Wolgalied hatte stürmischen Applaus. Wenzel war aufgestanden und trank der russischen Kapelle mit einer begeisterten Geste zu.
„Spielt es nochmals!“ schrie Wenzel den Musikern zu. Er hatte leuchtende Augen. „Welch ein Lied, Michael! Höre doch.“
Die Kapelle spielte das Lied abermals.
„Lise ist bei Major Puchmann,“ berichtete Michael, als die Kapelle geendet hatte.
Wenzel lachte laut heraus. „Siehst du!“ rief er. „So sind die Frauen! Man darf sie nicht zu ernst nehmen. Ach, wir wollen sofort eine neue Flasche bestellen. He, Kellner!“
„Und nun, Wenzel, erzähle weiter,“ sagte Michael, nachdem der Kellner die neue Flasche gebracht hatte. „Du sagtest vorhin, dieses Lied klänge in deinen Ohren, seitdem du unterwegs bist. Unterwegs? Was heißt das? Ein merkwürdiger Ausdruck!“
Wenzel nickte. „Ja,“ erwiderte er, „seitdem ich unterwegs bin. Du mußt nämlich wissen, daß ich schon seit Monaten unterwegs bin!“
„Also sprich deutlicher! Was tust du, was willst du? Was hast du vor?“
„Was ich vorhabe, Michael? Ich werde es dir mit einem Worte sagen!“ Wenzel sah Michael mit starren, glänzenden Augen an. „Ich bin unterwegs, ein Raucheisen zu werden,“ sagte er dann.
Michael begriff nicht. „Ein Raucheisen?“
„Ja, ein Raucheisen!“
Michael sah den Bruder verblüfft und völlig verständnislos an. „Ist es wirklich dein Ernst?“ sagte er. „Was heißt das, ein Raucheisen zu werden?“
„Was das heißt? Mißverstehe mich nicht. Nicht einer von jenen kleinen Raucheisen, wie es Dutzende gibt, sondern ein wirklicher Raucheisen. Wenn er es vermocht hat, weshalb soll ich es nicht können? In dieser Zeit des wirtschaftlichen Chaos ist alles möglich.“
Michael war noch immer fassungslos. „Aber ich verstehe nicht, was für einen Sinn soll es haben, was für einen Zweck? Sagtest du vorhin nicht selbst –“
Aber Wenzel unterbrach ihn: „Ein Raucheisen, weißt du, was das bedeutet? Es bedeutet absolute und letzte Unabhängigkeit! Ich will, siehst du, um es kurz zu sagen, auch endlich zu den Leuten gehören, die auf den Knopf drücken, und dann kommen die Sekretäre herein, und die Autos fahren vor. Ich habe keine Lust mehr, als Automat behandelt zu werden und andern Leuten den Narren zu machen. Wozu? Ein schönes Leben, schöne Dinge, Pferde, Automobile, Wein, Frauen, Reisen.“
Michael schüttelte den Kopf. „Aber ist dies ein Ziel?“ fragte er. „Kann dies einen Lebensinhalt bilden?“
„Lebensinhalt? Ziel? Was für große Worte. Ich bin kein ägyptischer Pharao.“
„Wie soll ich das verstehen?“
„Wäre ich ein ägyptischer Pharao, so würde ich mir sagen: Es ist einerlei, wie lange und auf welche Weise ich lebe – in meiner Pyramide werde ich ewig leben. Aber ich habe keine Ewigkeit vor mir. Wenn ich tot bin, ist alles zu Ende. Ich bin nicht dünkelhaft genug, um an ein ewiges Leben zu glauben. Fünfzig, sechzig Jahre, und in dieser Zeit muß alles vollendet sein. Alle denken so, heute, mehr oder weniger bewußt. Daher unsere Eile – Schnellzüge, Schnelldampfer, Flugzeuge. Um aber diese fünfzig, sechzig Jahre vollzufüllen, vollzufüllen bis zum Rand, Michael, dazu brauche ich Geld, Geld! Habe ich Geld, so habe ich alles: Freiheit, Gesundheit, die Erde, die Sonne, Schönheit, Liebe – alles andere ist Unsinn.“
Michael war erbleicht. Er schüttelte ganz verstört den Kopf. „Wie töricht, wie töricht,“ wiederholte er fast zornig. „Wenzel! Sprachst du nicht selbst vorhin voller Verachtung –?“
„Verstehe mich recht, Michael. Ein Ziel muß der Mensch haben, und wenn es auch nicht gerade ein erhabenes Ziel ist. Was ich soeben sagte, ist meine Philosophie, und danach will ich handeln. Verächtlich oder nicht, das ist mir gleichgültig. Ich habe nicht die Gabe, mich für eine Idee zu begeistern wie du. Ich habe auch, offen gestanden, keinen Glauben an die Menschen mehr.“
„Keinen Glauben an die Menschen mehr?“
„Glauben? Haß, Verachtung, das ist alles, was mir blieb. Oh, ich verabscheue sie. Ich habe ihre Feigheit, Grausamkeit, Eitelkeit, ihren Geiz, ihre Habsucht, Albernheit und ihren schmutzigen Egoismus zur Genüge kennengelernt. Ich glaube auch nicht mehr an sogenannte Ideale. Siehst du, so völlig bankerott bin ich, Michael. Ganz wie diese Zeit und diese Welt, in der alles bankerott geworden ist, Glaube, Wissenschaft, alles.“
„Täusche dich nicht,“ warf Michael sofort eifrig ein. „Keineswegs ist der Glaube bankerott. Fühlst du nicht, daß in allen Herzen ein neuer Mystizismus erwacht? Und die Wissenschaft? Der Materialismus ist bankerott, nicht sie. Die Wissenschaft ist soeben in eine neue Epoche eingetreten, die glänzender sein wird als alle vergangenen.“
„Sei es,“ entgegnete Wenzel, „du kannst recht haben. Aber du kannst mich nicht überzeugen! Du kannst rufen, so laut und so lange du willst, ich höre und verstehe dich nicht mehr, Bruder. So wahr es ist, daß du der einzige Mensch bist, den ich liebe und achte, so wahr ist das, was ich sage.“ Wenzel deutete auf sein Herz. „Hier liegt ein Toter. Er steht nicht mehr auf,“ sagte er etwas pathetisch.
Es war nicht so sehr das Bekenntnis Wenzels, das Michael erschütterte, es war der verzweifelte, zynische Ton, in dem er es vorbrachte. „Nun bedaure ich es noch mehr,“ sagte er, „daß du mich nicht auf dem Land besucht hast, vielleicht wärst du dort auf andere Gedanken gekommen.“
„Wie konnte ich denn?“ erwiderte Wenzel. „Bedenke, mein Ziel reizt mich ebenso, wie dich das deine reizt. Es lockt, und ich kann nicht mehr widerstehen. Es ist zu spät, Michael. Ich bin auf dem Absprung! Hörst du? Ich bin auf dem Absprung. Mehr noch: ich bin schon abgesprungen! In die Leere – in das Nichts vielleicht. Ich weiß, daß es kein großes Ziel ist. Trotzdem! Ob ich zurückkehre und wie ich zurückkehre, wer weiß es? Komm, und nun sollst du etwas sehen, Michael!“
Hastig brach Wenzel auf.
Vor dem Restaurant stand eine elegante, schwarzlackierte Limousine. „Steige ein,“ sagte Wenzel mit einer fast knabenhaften Freude über Michaels verblüfftes Gesicht.
„Ist es dein Wagen?“ fragte Michael.
„Natürlich ist es mein Wagen. Anders geht es nicht.“
Der Wagen hielt vor einem Bureaugebäude in der Wilhelmstraße. „Folge mir,“ sagte Wenzel, und zögernd kam Michael hinterher. An einer Tür stand nichts geschrieben als „Schellenberg“. Ein Diener öffnete, und Wenzel führte Michael durch eine Flucht großer Arbeitsräume voller Schreibmaschinen und Bureaumöbel. Alles war völlig neu. Man roch noch Lack und Farbe.
„Das alles hier ist Schellenberg,“ sagte Wenzel mit einem fröhlichen Lachen. „Wir haben diese Räume erst vor einer Woche bezogen. Vorher hauste ich in ein paar Löchern in einem Hof, ganz im Geheimen, sozusagen.“ Wenzel öffnete eine Tür und führte Michael in ein sehr bescheiden eingerichtetes Schlafzimmer. Neben der eisernen Bettstelle stand ein Stuhl mit einem Telephonapparat. „Das hier sind meine Privatgemächer,“ erklärte Wenzel. „Vorläufig, Bruder, vorläufig nur. Wir wollen sehen, ob ein Schnaps zu finden ist. Ah, siehst du, hier. Ich bitte dich herzlich, Michael, ein Gläschen wollen wir noch trinken, bevor die große Reise weitergeht.“
Michael staunte noch immer. „Was tust du eigentlich?“ fragte er den Bruder. „Was für eine Firma hast du? Wie hast du dies alles geschaffen?“
Gerade auf diese Frage hatte Wenzel gewartet. Hätte Michael nicht gefragt, so hätte er von selbst davon zu sprechen begonnen. „Was ich tue?“ fragte er und ging, die Hände in den Hosentaschen, auf und ab. „Ich kaufe, ich verkaufe. Ich fing damit an, die Holzladung eines viertausend Tonnen großen finnischen Dampfers zu kaufen. Es war Grubenholz, das der Raucheisenkonzern aus irgendeinem Grunde nicht abgenommen hatte. Ich erfuhr es und kaufte das Holz auf eigene Rechnung. Ich verkaufte die Ladung zwei Wochen später, ohne sie je gesehen zu haben. So fing es an.“
„Hattest du denn Geld?“ unterbrach ihn Michael.
Wenzel lachte. „Geld? Ich hatte kein Geld, aber ich hatte Kredit. Damals war ich ja noch bei Raucheisen. Es gab Bankfirmen, die auf meine Vermittlung, Empfehlung und Freundschaft angewiesen waren. Eine einzige Information von meiner Seite konnte ein kleines Vermögen bedeuten.“
„Ah, jetzt fange ich an, zu begreifen.“
„Ich habe, höchst einfach, meine Verbindungen mit dem Raucheisenkonzern benutzt, wie andere ihre Verbindungen benutzten. Es ist vielleicht nicht vollkommen – wie soll ich sagen – honorig, aber ich habe mir diese feinen Unterschiede längst abgewöhnt. Dann kaufte ich ein kleines Bergwerk im Anhaltischen, um es nach einem Monat wiederum an einen Holländer zu verkaufen. Es war ein großes Geschäft, das mir die nötige Anfangsgeschwindigkeit gab, und doch habe ich dafür nicht einen Pfennig Geld ausgegeben. Ich habe das Bedürfnis, mich dir mitzuteilen, Michael, und so will ich dir nicht verhehlen, daß dieses Bergwerk Raucheisen angeboten war. Raucheisen zögerte. Ich kam ihm zuvor und ließ das Bergwerk rasch durch meine Bank ankaufen. Nun brauchte ich Raucheisen nicht mehr. Ich kündigte meine Stellung. Nicht er hat mich entlassen, ich entließ ihn! Das kannst du Lise sagen! Und so ging es weiter. Ich lieh Geld und arbeitete damit, ganz wie andere es machen, ganz wie Raucheisen es macht. Zur Zeit spezialisiere ich mich auf Papierfabriken.“
Michael erhob sich. „Nun gut, ich wünsche nur, daß du es nicht bereust.“
„Schön, dann also lebe wohl! Unsere Wege werden sich wohl vorläufig etwas trennen, so fürchte ich.“
„Ich fürchte es,“ antwortete Michael und blickte zu Boden.
„Warte, halt!“ rief Wenzel und ging an einen Schreibtisch. „Ich will dir etwas sagen, Michael. Du kannst vielleicht Geld brauchen, für deine Pläne, und ich habe gerade Geld. Nimm es. Wie gesagt, mein Gewissen ist noch nicht ganz so abgestumpft wie das anderer Geschäftsleute. Zuweilen ist es noch ein bißchen beunruhigt. Ich möchte mich sozusagen freikaufen mit diesem Scheck, von gewissen sozialen Verantwortungen, und du tust mir einen großen Gefallen, wenn du ihn annimmst.“
Es war ein Scheck von außerordentlicher Höhe.
„Schön,“ sagte Michael. „Ich nehme den Scheck, denn ich gebrauche ja das Geld nicht für mich. Gut, gut, und nun lebe wohl!“
Die Brüder reichten sich die Hände und sahen sich in die Augen. Oh, es hatte keiner Angst vor dem andern, und keiner wich um einen Millimeter zurück.
„Den Wagen!“ rief Wenzel dem Diener zu.
„Danke,“ antwortete Michael. „Ich gehe zu Fuß. Lebe wohl!“
Und er ging mit der Trauer im Herzen, seinen Bruder verloren zu haben.