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Was Georg Weidenbach in den ersten Wochen nach seiner Abfahrt von Berlin da draußen auf dem Lande erlebte, schien ihm gleich verwunderlich wie das sonderbare Haus in der Lindenstraße.
Er meldete sich in der kleinen Stadt, die man ihm bezeichnet hatte, und hier schickte man ihn in ein Dorf, Dobenwitz, etwa eine halbe Wegstunde entfernt. Die Nacht sank schon über das flache, öde Land, als Georg, erschöpft und vor Kälte zitternd, Dobenwitz zu Gesicht bekam. Bei den ersten Hütten holte ihn ein klingender, mutiger Schritt ein. Ein junger, breitschultriger Mann in einer gestrickten Wolljacke trat dicht an ihn heran und blickte ihm unter den Hut.
„Zur Arbeitsstelle?“ fragte er mit einer hellen, freundlichen Stimme, die augenblicklich Georgs Vertrauen gewann. „Nun, so gehen wir zusammen.“ Der breitschultrige junge Mann in der Wolljacke war munter und gesprächig. Er erzählte, daß er Schlächter sei, Moritz mit Vornamen, aber es seien elende Zeiten. Seit Monaten sei er ohne Arbeit, obschon er sich die Beine krumm gelaufen habe. „Was willst du?“ rief er aus. „Niemand hat Geld, um Fleisch zu kaufen. Die Schlachthöfe sind verödet. Wo sie früher dreitausend Stück antrieben, da treiben sie heute keine fünfhundert an. Da hast du es!“
„Was für eine Arbeit wird man uns hier geben?“ fragte Georg, von der Munterkeit des Gefährten ermutigt.
Das wußte Moritz nicht. Es war ihm auch völlig gleichgültig, wenn es nur Arbeit war. Steineklopfen oder Erde karren, einerlei, immer noch besser, als auf der Straße zu liegen. Er hatte nur gehört, daß sie hier außen einen Kanal bauten. Allerdings, um ganz ehrlich zu sein, großes Vertrauen hatte er zu dieser Sache nicht! Etwas stimmte da nicht oder –? Er schob die Mütze ins Genick und kratzte sich den Kopf. Dann entwarf er von diesem Unternehmer Schellenberg kein sonderlich günstiges Bild. Er bezahle nur ein Viertel der Löhne in bar und die übrigen drei Viertel in Versprechungen. „Ha? Wie? Aber was solle man tun? Besser als auf dem Pflaster verrecken. Was bleibt uns armen Hunden übrig?“
Das Dorf lag dunkel und verlassen im Regen. Keine Seele weit und breit, nicht einmal ein Hund schlug an. Das letzte Haus aber zeigte ein matterleuchtetes Fenster. Ein Schatten ging vor dem Hause auf und ab. Georg roch den Rauch von Tabak.
„Arbeitsstelle?“ schrie der Schlächter.
„Richtig!“ antwortete eine klare Stimme, und der Schatten trat in den Lichtschein. Es war ein noch ziemlich junger schlanker Mann, der eine Pfeife in der Hand hielt. Trotz der Dunkelheit sah Georg, daß er nur einen Arm hatte. „Noch zwei!“ rief der junge Mann mit komischer Verzweiflung aus. „Sie senden mir mehr und mehr, der Teufel soll sie holen! Was soll ich mit euch anfangen? Nun, es wird gehen, es muß gehen. Tretet ein!“
Das kleine Haus war eine Art Scheune. Im Lichtschein einer Talgkerze, die auf den Tisch geklebt war, unterschied Georg eine Anzahl von Gestalten, die auf dem Stroh lagen und offenbar schliefen. Ein großer breitgebauter Mann lehnte mit dem Rücken gegen die Wand und starrte sie mit großen fiebernden Augen an, ohne ein Wort zu sprechen und ohne eine Miene zu verziehen. Einer drehte sich im Stroh herum und erwiderte mürrisch ihren Gruß. Woher waren sie alle gekommen, und welches Schicksal hatte sie hierher in die Einöde geführt? Wie lange fieberten die Augen dieses Mannes schon, bis er den Weg nach Dobenwitz gefunden hatte?
Der Einarmige öffnete die Türe und sagte halblaut: „Ich habe nur ein Stück Brot heute abend. Ich war auf euch nicht eingerichtet. Nehmt es aus dem Tisch! Es ist mein Brot, aber ich gebe es euch gern. Und nun gute Nacht, Kameraden!“
Georg erinnerte sich, daß das Unternehmen sich verpflichtete, die Arbeiter zu verpflegen.
„Das also nennen sie Verpflegung,“ sagte der Schlächter und schnitt das Brot in zwei Teile. „Hier, nimm! Wenn sie uns morgen nicht besser füttern, laufe ich nach Berlin zurück.“
Dann warf sich Moritz kauend ins Stroh, und bald schlief er ein.
Georg suchte sich ebenfalls einen Winkel und streckte die zerschlagenen Glieder aus. Hinter der Wand rasselte eine Kette, eine Kuh schnob. Das Talglicht erlosch, und nun war es ganz dunkel. Trotzdem konnte Georg sehen, daß der Einarmige ohne Pause vor dem Hause auf und ab ging, wie ein Wachposten. Zuweilen stoben Funken aus seiner Pfeife.
Dobenwitz? Und was soll all das bedeuten? Betäubt von der frischen Luft und ermüdet von der Reise fiel Georg in einen unruhigen Schlaf, die ganze Nacht hindurch von schrecklichen Träumen gemartert. Er empfand es als Wohltat, daß er am Morgen all diese entsetzlichen Träume, in denen auch Christine eine Rolle spielte, völlig vergessen hatte.