20
„Aufstehen und fertig machen zur Arbeit!“ rief die helle Stimme des Einarmigen, und die Schläfer fuhren aus dem Stroh. „Auch dich meine ich, Kamerad,“ fügte er hinzu und zog den Schlächter am Bein. „Immer munter, Kinder!“
Das Frühstück bestand aus warmer Milch und Schwarzbrot.
„Es wird schon besser, siehst du,“ lachte der Schlächter und stieß Georg an.
Vor dem Hause wartete auf der Straße ein kleiner Bauernwagen mit einem schmutzigen Schimmel. Der Wagen war beladen mit Sägen, Äxten, Spaten und allerlei Gerät.
„Fahr nur voraus!“ rief der Einarmige dem Bauern zu, der auf dem Wagen saß. „Du kennst ja den Weg.“ Und der Schimmel setzte sich in Bewegung.
Mißmutig, verschlafen, verstört und vergrämt setzte sich die Rotte von Männern in Bewegung. Sie waren im ganzen zwölf, mit dem Einarmigen, der langsam hinter ihnen herging, dreizehn.
Der Regen hatte etwas aufgehört, und die Felder dampften. Es schien dürftiger Boden zu sein. In dem schiefergrauen, riesenhaften Himmel war ein heller Fleck von noch kälterer grauer Färbung. Dort hinten, irgendwo hinter meilendicken Nebelwänden, mußte sich die Sonne befinden.
Vor ihnen lag ein großer Wald, in den die schmale, schlechtgehaltene Landstraße schnurgerade hineinführte. Offenbar war dieser Wald ihr Ziel. Aus den Äxten und Sägen konnte man auf die Arbeit schließen, die man ihnen zuweisen würde.
Ohne ein Wort zu sprechen trotteten sie dahin. Der große breitgebaute Mann mit den fiebernden Augen, der Georg am Abend aufgefallen war, ein Zimmermann, schwankte zuweilen beim Gehen. Nach etwa einer halben Stunde hatten sie den Wald erreicht, und nach einer weiteren halben Stunde schien es, als ob sie im Herzen eines unendlichen Waldes angekommen wären. Der Einarmige befahl Halt, und der Wagen blieb stehen.
„Abladen!“ kommandierte der Einarmige. Niemand rührte sich. Alle standen sie und starrten den Wagen an. Der Einarmige lachte laut heraus. „Seid ihr denn eine Gesellschaft von Narren? Habt ihr noch nie einen Wagen abgeladen? Munter, Kinder, munter. Ich heiße Lehmann und verstehe keinen Spaß!“ Aber er lachte, als er diese Warnung aussprach.
„Dahin! Dorthin!“ kommandierte Lehmann mit seiner hellen Stimme zuweilen. Er ging langsam auf der schmutzigen Straße hin und her, sog an seiner kurzen Pfeife und lächelte vor sich hin, das zarte Gesicht in die Höhe gerichtet, Regentropfen auf den Augen und auf den frischen roten Wangen. Dann – der Wagen war fast entladen – ging er ein Dutzend Schritte in den Wald und deutete auf einige eingeschlagene weiße Pfähle. „Hier, wo die Pfosten stehen, soll der Schuppen Nr. 1 stehen!“ rief er. „Das Unterholz zuerst weg, dann die Bäume. Spaten, Äxte!“ Plötzlich blickte er Georg ins Gesicht. „Leiten Sie das Abholzen,“ sagte er zu ihm. „Das Material für den Schuppen kann jeden Augenblick kommen, und wir kommen in die Nacht hinein.“ Laut schrie er über die Kolonne hinweg: „Wir kehren heute nicht mehr ins Dorf zurück! Munter, Kinder! Arbeitet, damit wir heute Nacht unter Dach kommen!“
Unter Dach kommen? Wie stellte er sich das vor?
Und wieder ging Lehmann auf der schmutzigen Landstraße auf und ab, zwanzig Schritte vor und zwanzig Schritte zurück, und rauchte. Nur zuweilen setzte er sich auf einen Stein, um die Pfeife zu stopfen. Er klemmte sie zwischen die Knie, stopfte den Tabak mit dem Daumen hinein, dann nahm er die Streichholzschachtel zwischen die Knie, strich das Streichholz an und setzte die Pfeife in Brand.
Schon kam Moritz mit einer Axt. Er hatte die Ärmel der Wolljacke hinaufgestülpt, herausfordernd sah er eine Fichte an. Die Muskeln seines Nackens schwollen an, und schon hieb er den Stamm, daß die Späne flogen.
„Was für ein Schuppen soll hierherkommen?“ fragte ein kleiner Krummbeiniger mit großem Schnauzbart, Schlosser seines Zeichens, und blickte Georg hilflos an.
„Rede nicht, arbeite!“ antwortete ihm Moritz an Georgs Stelle. „Was kümmerst du dich um Dinge, die dich nichts angehen?“
Blaugefroren und zitternd vor Schwäche leitete Georg die Arbeit, die Axt in der Hand. An den eingeschlagenen Pflöcken konnte er erkennen, daß der erste Schuppen etwa zwanzig Schritt lang und zehn Schritt breit werden sollte. Einige Schritte davon entfernt war ein zweiter Schuppen von etwa dreifacher Größe abgesteckt und daneben ein dritter von der gleichen Größe.
„Was soll hier geschehen?“ fragte der kleine krummbeinige Schlosser hartnäckig.
„Offenbar sollen wir den Wald abholzen,“ antwortete Georg.
Der Schlosser warf einen verzweifelten Blick in die Kronen der hohen Föhren und Fichten empor und schüttelte den Kopf.
Unterdessen war der Wagen völlig abgeladen, und Lehmann gab dem Bauern Instruktionen. Er möge sofort einen Boten ins Depot schicken und sagen lassen, er, Lehmann, lasse die ganze Gesellschaft verfluchen – aber der Einarmige fluchte gar nicht, sondern er lächelte ganz freundlich –, lasse die ganze Gesellschaft verfluchen, wenn man nicht sofort die Autos mit dem Material für den Schuppen sende. Sie säßen hier im Regen. „Radfahrer brauche ich, Boten!“ Und der Teufel soll sie holen, wenn das Material nicht heute noch eintrifft. „Du aber,“ sagte er zu dem Bauern, „siehst zu, daß du möglichst schnell den Proviant herbringst. Meine Leute müssen essen. Also nun los, mein Freund, und laß deinen Renner laufen.“
Moritz stieß Georg den Ellenbogen in die Seite. „Was sagte ich dir!“ rief er. „Es sind die richtigen Ausbeuter! Höre nur, wie der kleine Leutnant kommandiert, wir werden hier nichts zu lachen haben.“ Der Schlächter arbeitete, daß ihm der Schweiß über das breite gutmütige Gesicht lief. Nach monatelanger Untätigkeit berauschte er sich an der Arbeit.
Eine Zeitlang hatte der hellgraue Fleck da oben über den finsteren Kronen einen lebhafteren Glanz angenommen. Es waren schon einzelne blendende Flecke sichtbar geworden, und Georg hatte gehofft, die Sonne würde endlich durchbrechen. Nun aber begann es wieder zu regnen. Es war nicht niedergehender Nebel wie vorher, es regnete in dünnen Schnüren. Und plötzlich pfiff der Wind, und es begann zu graupeln und zu schneien. Im Augenblick war der Wald weiß.
Der Zimmermann mit den fiebernden Augen, der, die großen Hände auf den Knien, teilnahmlos auf einer Kiste saß, begann vor Kälte zu zittern. Man fluchte und schimpfte. Welche Schweinerei und was für eine verrückte Arbeit! Der Teufel solle diesen Schellenberg und die ganze Bande holen! Georg fühlte, wie sich sein ganzer Körper mit einer Eisschicht überzog. Der Schlächter in seinem Wollkittel aber lachte. „Das bißchen Wasser? Schämt euch, was für Kerle seid ihr!“
„Und wo sollen wir schlafen heute nacht? Auf dem nassen Boden?“
„Schurken sind das! Schleppen uns mitten in den Wald, damit wir hier krepieren!“
„Und wie steht es mit dem Futter?“
Ein junger Mann mit feindseliger Miene warf die Axt hin und spie aus. „Ich bin kein solcher Narr!“ rief er aus und ging mit schnellen wütenden Schritten davon. Bald war er außer Sicht.
„Laßt den Langen ruhig nach Berlin zurücklaufen!“ lachte Moritz. „Die Bauern werden die Hunde auf ihn hetzen!“
Da tauchte Lehmann im Schneegestöber auf der Landstraße auf. „Der Schuppen kommt!“ schrie er laut.
Und in der Tat, auf der Landstraße, inmitten des Schneegestöbers, kamen zwei mächtige Lastautos mit Balken und Brettern angefahren. Auf diesen Balken und Brettern standen zwei verwegene Burschen, halbnackt in der Kälte, herkulisch gebaut, die reinen Athleten. Diese verwegenen Burschen schrien schon, bevor die Autos standen, und begannen augenblicklich Balken und Bretter hinunterzuwerfen.
„Seht ihr, so wird bei uns gearbeitet,“ sagte Lehmann mit triumphierendem Lächeln.
Die Balken und Bretter waren mit Nummern und farbigen Zeichen versehen, und die verwegenen Burschen dirigierten das Abladen.
„Die roten Zeichen dorthin und die grünen dorthin!“ Es konnte ihnen nicht schnell genug gehen. Trotz des Schneegestöbers lief allen der Schweiß vom Gesicht, und schon setzten sich die Autos wieder in Bewegung.
„Wohin fahrt ihr?“
„Nach Glücksbrücke!“
„Geht es dort vorwärts?“
„Sie wollen die Häuser noch aufstellen, bevor der Frost kommt!“
Die Häuser aufstellen? Was für ein sonderbarer Ausdruck!
„Grüßt den Chef!“
Schon waren sie verschwunden. Augenblicklich wurde der Bau des Schuppens in Angriff genommen.
„Zurücktreten!“ brüllte der Schlächter, genau wie die Stationsbeamten schreien, wenn ein Schnellzug heranbraust. Er balancierte auf der Schulter einen schweren Balken, den zwei Mann kaum tragen konnten. Seine Blicke nach links und rechts heischten Bewunderung.
Lehmann hatte sich eine neue Pfeife angezündet und gab klar und ruhig seine Befehle. Der Schuppen war bis ins kleinste vorgearbeitet und brauchte nur aufgestellt zu werden.
Nun ging es plötzlich. Die Teilnahmlosigkeit und Gleichgültigkeit war verschwunden. Alle griffen eifrig zu. Die Arbeit hatte plötzlich Sinn und Ziel. Es galt ein Obdach für die Nacht zu schaffen.
In der Kolonne befand sich ein alter Maurer, dem das Alter die Beine krummgezogen hatte. Er war in großer Erregung. Verzweifelt ging er hin und her und suchte bei den Kameraden Gehör zu finden. Endlich hielt er es nicht mehr aus und trat zu Lehmann, der ihn ruhig anhörte, ohne den Blick von der arbeitenden Kolonne zu wenden.
„Fundamente?“ sagte er endlich. „Lieber Freund, wozu sollen wir Fundamente mauern, der Schuppen ist ja nur provisorisch.“
Selbst der Große, Bleiche, der Zimmermann, hielt es auf seiner Kiste nicht mehr aus. Er kroch heran und setzte sich auf einen Baumstamm, um wenigstens zuzusehen. Die Sehnsucht, mitzuarbeiten, brannte in seinen kranken Augen. Schließlich erhob er sich, um mit anzupacken.
„Bleiben Sie weg!“ rief Lehmann. „Werden Sie mir erst gesund!“ Und den andern schrie er zu: „In einer Stunde ist es Nacht. Schlagt ein Dach zusammen! Ein paar provisorische Wände gegen den Wind. Hier sind Bretter, Äxte, Nägel. Und dann Feierabend, Schluß für heute. Zündet ein Feuer an! Was für Narren seid ihr! Hier ist Holz in Fülle, und ihr friert!“
Ein Feuer! Herrliche Idee! Weshalb war niemand auf diesen Gedanken gekommen? Einer blickte den andern an, zitternd vor Kälte und blau gefroren.
Im Nu flammte das Feuer auf, Späne, Äste. Es lohte mächtig in der Dunkelheit, und eine beizende dicke Rauchwolke stieg bis in die Kronen der Bäume empor.
„He, du da auf deiner Kiste!“ rief der krummbeinige Schlosser, „komm hierher und wärme dich!“
Wärme, die die durchnäßten Kleider trocknete. Schon entspannten sich die bleichen, mürrischen Gesichter. Glühende Äste sprangen durch die Luft, und die brennenden Tannenzweige verbreiteten einen erfrischenden, starken Geruch. Dieses Dasein im Walde, das vor ein paar Stunden unmöglich schien und Trostlosigkeit in allen Herzen erweckte, es erschien nun schon erträglicher, fast wie ein Abenteuer.