21
Plötzlich war es Nacht geworden. Eine feindselige, kaltblinkende Finsternis, und aus dieser Finsternis, die erschrecken konnte, tauchte plötzlich ein gespenstisch flammendes Pferd, ein scheinbar riesiger, glühender Schimmel, im Feuerschein auf. Der Bauer war zurückgekehrt mit Stroh und Proviant.
„Ist hier jemand, der etwas vom Kochen versteht?“ fragte Lehmann.
Ein dünnbeiniger hagerer Mann, mit mächtiger Hakennase, trat vor. Ein Kellner, der früher, wie er behauptete, auf den großen Ostasiendampfern Dienst gemacht habe.
„Nun gut, nehmen Sie die Sache in die Hand.“
Der Kellner zog den Rock aus und fing augenblicklich an mit großer Gewandtheit zu wirtschaften. Kartoffeln, Erbsen, geräucherte Wurst. Schon dampfte der Kessel, und es dauerte nicht lange, so war die Mahlzeit fertig. Die Blechgeschirre in der Hand, hockte die Arbeitskolonne um das Feuer. Wie das schmeckte! Gierig schlangen sie die Mahlzeit hinunter, manche verbrannten sich Lippen und Mund.
Ohne Gnade enthüllte der grelle Schein des Feuers die Abgezehrtheit und Blässe der Gesichter, die fahlen Wangen mit den Hungerfurchen, die Lumpen, die den Körper bedeckten. Fast alle starrten ins Feuer, die Gedanken weit von hier, während sie die Mahlzeit aus den Blechgeschirren löffelten. Fiebernde Augen, andere stumpf verkrochen in die Höhlen, ohne Blick, als scheuten sie sich, noch mehr zu sehen von dieser Welt. Augen, entzündet von Entbehrungen, gerötet von ungeweinten Tränen, Augen, deren Blick unstet irrte, Augen, angefüllt mit Angst und Schrecken. Und alle starrten ins Feuer, und jedes Auge sah in der Flamme ein anderes furchtbares Bild: bettelnde Kinder, hungernde Frauen, frierende alte Leute, Kranke, die auf Lumpen lagen. Gesprochen wurde nicht, kaum daß dann und wann eine Bemerkung fiel. Man war müde, verstimmt, argwöhnisch und ohne Hoffnung.
Georg, vor Erschöpfung fiebernd, sah sich die Gefährten genauer an. Da war zuerst Moritz, der Schlächter, dessen stahlblaue Augen lebenslustig sprühten, breit, mit Muskeln bepackt, ein untersetzter Boxer. Er lächelte vor sich hin und strich zuweilen sein kleines helles Schnurrbärtchen, das zu knistern schien. Er war der einzige, der ohne Sorge war. Da war der dünnbeinige Kellner, dessen große Hakennase einen mächtigen Schatten über das bläulich-weiße hohlwangige Gesicht warf. Unaufhörlich nagte er an der Lippe, als quäle ihn ein und derselbe Gedanke. Seine pechschwarzen Rattenaugen flackerten unruhig. Da war der bleiche große Zimmermann mit den groben Händen und den glühenden Fieberaugen. Er berührte kaum das Essen. Da war der kleine krummbeinige Schlosser mit dem großen Schnauzbart. Er hieß Heinrich. Er konnte nicht eine Minute auf einem Platz stillsitzen. Immer erhob er sich wieder, um Zweige zu brechen und sie ins Feuer zu werfen. Neben ihm kauerte der alte Maurer, ein kleiner Mann, mit fahlem Greisengesicht. Seine Augen tränten. Er hatte über den Schädel einen alten breitkrempigen Hut gestülpt, der offenbar einmal auf einem Maskenball mitgewirkt hatte. Rings um die Krempe waren noch Spuren einer Pleureuse zu sehen, die einstmals herumgenäht war und schlecht abgetrennt wurde.
Da war noch ein älterer Mann, in einen langen geflickten alten Soldatenmantel gewickelt. Der Schlächter titulierte ihn „Herr General“. Er hatte mächtige Brauen, wie Vogelfedern. Sein eckiger Schädel war völlig kahl, aber sein Bart, wenn auch dünn, reichte bis auf die Brust. Irgendein gestrandeter Krämer oder Handwerker. Er war nahezu eingeschlafen und schwankte in seinem grauen Soldatenmantel hin und her. Da war ein junger Mann mit einem Diebsgesicht und abstehenden großen Ohren, die im Feuerschein lackrot glühten. Er trug eine Hose und ein zerfetztes Hemd und sah grüngefroren aus, trotzdem er sich so dicht ans Feuer gesetzt hatte, daß seine zerrissenen Stiefel dampften. Da waren noch ein paar nichtssagende Gesichter, ein Kriegskrüppel mit einem Glotzauge.
Das also waren die Gefährten, die ihm das Geschick zugewiesen hatte. Jeder dieser Männer war vom Schicksal getroffen, sonst säße er nicht hier in der Finsternis des Waldes. Die einen waren verbraucht, und die Wirtschaft hatte keinen Platz mehr für sie, andere waren nicht mitgekommen und gestrandet, andere ein Opfer der wirtschaftlichen Krisis. So saßen sie also und starrten ins Feuer und wälzten ihr Schicksal in ihrem Kopf hin und her, ohne es fassen zu können.
„Wenn man nur wüßte, was hier gebaut werden soll?“ fragte der kleine alte Maurer mit dem breitkrempigen Hut.
Niemand antwortete, sie waren zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Endlich sagte der Schlosser: „Du siehst doch, daß der Wald umgeschlagen werden soll.“
„Aber wenn er umgeschlagen ist, so muß doch etwas hier gebaut werden.“
„Es wird eine Kirche gebaut werden, damit du es weißt!“ warf Moritz dazwischen.
Der Alte kicherte kindisch. „Eine Kirche!“ rief er aus. „Wer wird hier mitten im Walde eine Kirche bauen? Du bist ja ein ganz Kluger! Mitten im Walde!“
Damit war das Gespräch zu Ende, und alle schwiegen wieder. Nur der alte Maurer kicherte noch zuweilen: „Eine Kirche! Eine Kirche!“ Und er erzählte, daß er vor dreißig Jahren eine Kirche gebaut habe, in Hamburg. Aber niemand hörte zu.
Die Wärme, die sie röstete, die Luft und die Arbeit hatten sie alle müde gemacht. Einer nach dem andern kroch ins Stroh. Auch Georg. Aber er schlief nicht. Er blickte in die Glut des erlöschenden Feuers draußen, in die grenzenlose grimmige Finsternis des Waldes. Ein wunderbares und herrliches Sausen ging in der Ferne durch den Wald. Stark, wie Gewürz, hauchte die Luft aus den nassen Wipfeln. Tannen, frisches Holz und faulende Rinde. Man roch den Schnee, obschon er fast vollständig wieder geschmolzen war. Das gänzlich Unbegreifliche aber, das war diese wunderbare große Stille da draußen.
Plötzlich war es Georg, als sinke er in die Tiefe, und schon war er eingeschlafen. Er erwachte einige Male in der Nacht, um immer sofort wieder in tiefen Schlaf zu versinken. Als er das erstemal erwachte, sah er plötzlich den Einarmigen neben dem niedergebrannten Feuer auf einem Baumstamm sitzen, die Pfeife im Munde. Wieder erwachte er. Es regnete, und durch das provisorische Dach fielen einzelne Tropfen auf sein Gesicht. Das Feuer glimmte noch ein wenig. Lehmann war verschwunden. Die Gefährten lagen mit verzerrten Gesichtern, den Mund offen, schnarchten und röchelten. Nur der große, bleiche Zimmermann saß schlaflos mit offenen Augen, die glänzten, wie die Augen einer Eule.